Part 15
Einen scharfen Gegensatz zu Fontane bildet ~Ernst von Wildenbruch~. Fontane ist kühl bis ans Herz hinan. Wildenbruch ist leidenschaftlich durch und durch. Fontane ist Epiker; auch die Erzählung zeigt bei ihm epische Breite. Wildenbruch ist Dramatiker, seine Schöpfungen auch auf dem Gebiet der erzählenden Dichtung sind fast alle auf den dramatischen Effekt hin gearbeitet. Fontane leitet den Blick des Lesers zu ruhiger Betrachtung: er liebt die Kleinigkeiten. Wildenbruch bleibt für gewöhnlich bei den großen Linien, darin der Ebner-Eschenbach viel ähnlicher. Aber während diese ihre Sprache gelegentlich von der legeren Art der wienerischen Umgangssprache stark beeinflussen läßt, hat Wildenbruch Erzählungen geschaffen, in denen die Menschen mit dichterischer Schönheit, mit wählerischer Feinheit, mit glühender Kraft sprechen. Im übrigen hat auch er ~tiefere~ Probleme sich nicht gestellt; entweder er gibt packende Einzelszenen voll Glut und Feuer, oder er greift ins gesellschaftliche Leben hinein. Jene Szenen hat er gern der Vergangenheit entnommen; und was für wirksame Bilder schuf sein »~Claudias Garten~«, sein »~Zauberer Cyprianus~«! Daneben hat er die gleiche Kunst auch in einem Einzelbild aus dem Kadettenleben entwickelt: »~Das edle Blut~«. Eine Art gesellschaftlich-psychologisches Problem aber ist z. B. in dem Roman »~Eifernde Liebe~« angerührt. Die stolze, unnahbare, vornehme Hamburger Patriziertochter, die weiße Dorothea, -- die trotz allem ihr Herz dem einfachen Maler Heinrich Verheißer schenken muß, -- die unnahbare, die schließlich doch im Liebesrausch sich selbst, Heimat, Sitte und Herkommen vergißt, die aber dann, als sie zum Erwachen kommt, nicht anders kann als sich selber den Tod geben, -- sie bietet die Möglichkeit einer kraftvoll einsetzenden psychologischen Entwicklung, sie ist eine Art Problem für sich. Freilich, -- das Problem ist weder neu noch mit besonderer Vertiefung durchgeführt; im Grunde ists ja nur der alte Satz von der Liebe, die keine Schranken kennt, der wieder vorgetragen wird; und nur der Schluß zeigt den Konflikt zwischen Verstand und Liebe. Nein, es sind keine tiefen Fragen, die Wildenbruch aufwirft; was seine Prosawerke über das gewöhnliche Durchschnittsniveau erhebt, ist lediglich der große Reiz der formschönen und wirksam geschürzten Darstellung, die übrigens auf ein paar naturalistische Zutaten nicht immer verzichtet.
Was soll ich viel von andern »Problemdichtern« sagen? Probleme sind wohlfeil wie Brombeeren, zahlreich wie der Sand am Meer, -- wenn man das Wort »Problem« nicht zu ernst nimmt! Wenn man gesellschaftliche Verwicklungen alltäglicher Art eben als »Probleme« betrachten will! Wenn man nicht viel Neues verlangt, sondern mit neuen oder wenigstens neuaufgeputzten Nuancen der alten Themata: Verlieben, Verloben, Verheiraten, Verheiratetbleiben zufrieden ist. Wer wollte leugnen, daß auch hier manches durch feinere Charakteristik anspricht, durch geistvolle Behandlung anregt? Wenn ich keine Namen nenne, so geschieht es, um nicht ungerecht gegen andere zu werden. Wer aber könnte anderseits bestreiten, daß sich eine Art von Romanen unendlich breit macht, die weder tief sind noch geistreich, sondern ganz einfach platt und flach? Die ihre »Spannung« lediglich ein paar aufregenden Situationen verdanken? Hierher gehört ein großer Teil der Salonromane. Ihre Sprache: Konversationssprache, ihr Niveau: Dinerunterhaltung beim fünften Gang, ihre Handlung komponiert aus Liebe oder Nichtliebe, Treue oder Untreue, dazwischen eingestreut ein bißchen Krankheit und Genesung, Duell und Tränen oder ähnliche Zugmittel.
Kein Wort mehr davon! Nein, nicht mit diesem Bild soll dieser Vortrag schließen. Vielmehr denken wir zuletzt an hoffnungsvolle Anzeichen von guten Zukunftsentwicklungen. Zwei der Neueren gilts hier zu erwähnen. Es sind ~Sudermann~ und ~Frenssen~.
Soll man ~Hermann Sudermann~ zu den Naturalisten zählen? Den Dramatiker -- ja. Auch als Erzähler gibt er manche Szene, die ein bißchen stark »natürlich« ist; wenigstens »~Es war~« greift ordentlich auch in die Gebiete des Lebens hinein, die man sonst nicht gern bespricht. Aber zum Naturalisten vom Fach fehlt ihm doch wieder die Vertiefung ins Einzelne, die Ruhe fürs Geringe und Einzelne. Er hat einen Zug ins Konventionelle hinein, der ihn älteren Erzählern mit realistischer Tendenz, aber ohne neugrabende Tiefe an die Seite stellt. Er hat entschieden Ähnlichkeit nicht bloß mit dem Franzosen Dumas, sondern auch mit dem Deutschen Spielhagen. Nur hat er die Salonmanieren mancher späteren Spielhagenschen Werke nicht angenommen; und der Tendenzcharakter der früheren ist bei ihm stark verblaßt. Ob man ihn zu den Problemdichtern gesellen kann? »Es war« behandelt ein gesellschaftliches Problem: eine Schuld ragt aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein. Leo von Sellenthin hat im Duell einen Freund erschossen, mit dessen Frau er sich vergangen. Während er nun in der Ferne weilt, um über die Geschichte Gras wachsen zu lassen, hat sein nächster und treuster Freund die Witwe geheiratet. Als Leo zurückkommt, fallen von jener Schuld her schwere Schatten auf das Verhältnis der Freunde. Der Roman schildert die Konflikte, welche sich ergeben, mit packender Kraft, mit psychologischer Wahrheit. Ob alles weitere, auch die Lösung, ebenso wahr gezeichnet ist, ist eine andere Frage. »Es war« ist wirksam erzählt, schürzt die Knoten geschickt, ist reich an Sensationen, gibt ein paar ganz gute Gestalten; aber das Problem, das es anfaßt, ist allzu individuell und zugleich allzu gesellschaftlich-herkömmlich. Die ganze Art des Romans geht zu wenig in die Tiefe, als daß man ihn für einen ernsteren Problemroman ansprechen dürfte. Aber eine andere Würdigung verdient sein Erstlingswerk »~Frau Sorge~«. Seinetwegen allein gehört Sudermann an diese Stelle.
Die »Frau Sorge« hebt sich zunächst dadurch aus Sudermanns übrigen Schöpfungen wie aus vielen ähnlichen heraus, daß ihr ~Stimmung~ innewohnt. Stimmung, lyrische Stimmung! Seinen Eltern widmet er das Buch:
»Frau Sorge, die graue verschleierte Frau, Herzliebe Eltern, Ihr kennt sie genau, Sie ist ja heute vor dreißig Jahren Mit Euch in die Fremde hinausgefahren, Da der triefende Novembertag Schweratmend auf neblicher Heide lag Und der Wind in den Weidenzweigen Euch pfiff den Hochzeitsreigen.«
Und die gleiche Stimmung lebt in den Erinnerungen der Kindheit. Wenn die Mutter erzählte, so -- »war darin von einer grauen Frau die Rede, welche in allen trüben Stunden die Mutter besucht hatte, eine Frau mit bleichem, hagerem Gesichte und dunklen verweinten Augen. Sie war wie ein Schatten gekommen und wie ein Schatten gegangen, hatte die Hände über der Mutter Haupt gebreitet, ungewiß, ob zum Segen oder zum Fluche ....«
Diese Stimmung, ja sie durchzieht das ganze Buch bis hin zu dem abschließenden »Märchen von der Frau Sorge.«
Mit ihr aber eint sich in dem Buch ein Realismus von glücklicherer Art als in »Es war.« Glücklicher, weil er enger die Verbindung mit dem Boden wahrt, auf dem Paul Meyhöfer aufwächst, weil er ein bißchen gründlicher wird in der Lebensschilderung, weil das Herrenhaus des Reichen wie das klägliche Besitztum des Bankerotten draußen im Moor zu ihrem Recht kommen, weil in der Erzählung von Pauls und Elsbeths Konfirmandenunterricht, von der Liebschaft der leichtsinnigen Schwestern Pauls, von manchem Zusammentreffen der Nachbarskinder heimische Sitte und heimische Natur mitsprechen dürfen. Auch das Häßliche bleibt nicht ungeschildert; aber es tritt nicht aufdringlich hervor. Ein gesunder Realismus beherrscht das Ganze. Wichtiger freilich noch ist mir die Stellung des Problems selbst. Es ist keine weltbewegende Frage, die ihre Antwort sucht; aber es ist auch kein bloßes, gesellschaftliches Dilemma, kein abgegriffener Konfliktsvorwurf aus dem Liebesleben, der den Grundton gibt. Es handelt sich um die innere Entwicklung eines jungen Menschen, bei dem Frau Sorge Pate gestanden hat. Die lastende Sorge macht ihn scheu und gedrückt; er meint, er könne keinem ins Auge sehen, obwohl er doch nichts zu verbergen hat. Würde fehlt ihm und Selbstbewußtsein; er vergab sich den Menschen gegenüber zu viel und zu viel auch gegenüber sich selber. Es lastet zu viel auf ihm, als daß er jemals hätte frei aufatmen können, wie der Mensch es muß, wenn er nicht stumpf werden und verkümmern soll. Bis er dann durch eine Tat, eine wirkliche Tat, sich freimacht. Für ihn war Frau Sorge reichlich gebeten worden:
»Liebe Frau Sorge, laß ihn doch frei!«
Aber die Sorge lächelte -- und wer sie lächeln sah, der mußte weinen -- und sie sagte: »Er muß sich selbst befreien.«
Und er befreite sich selbst -- durch jene Tat.
Diese seelische Entwicklung ist ein Problem, das den eigentlich gesellschaftlichen Fragen gegenüber neu ist, das nicht bloß episodischen Wert hat, sondern auf dem breiten Grund eines ganzen Menschenlebens ruht, -- das nicht rein individuell ist, nicht auf Zufall und nicht auf Schuld beruht, das sogar geradezu als typisch gelten kann. Das gibt der »Frau Sorge« ihren Wert. Sie hat auch Schwächen: Unwahrscheinlichkeiten, auch abgebrauchte Situationen finden sich. Vielleicht ist die Entwicklung des Helden selbst nicht einwandfrei geschildert. Aber das mag beiseit bleiben. Das Buch gehört zu den wertvolleren Erzeugnissen der an psychologischen Problemen sich versuchenden Gesellschaftsdichtung.
Aber, von Sudermann abgesehen, dessen »~Katzensteg~« als eine sehr geschickte und wirkungsvolle Erzählung ohne tieferen Wert hier nur eben erwähnt sein mag, bietet auch die Dichtung der Modernen nicht viel Hervorragendes auf dem Gebiet des Problemromans. Um so nachdrücklicher muß hier noch eines Romans gedacht werden, der zwar nicht mehr dem 19. Jahrhundert angehört, der aber ganz in diesen Zusammenhang gehört: ich meine den vielgelesenen »~Jörn Uhl~« von ~Frenssen~. Es ist nicht ohne Interesse, gerade dies Buch mit Sudermanns »Frau Sorge« zu vergleichen. »Frau Sorge« zeigt Stimmung, »Jörn Uhl« desgleichen, aber in viel höherem Grad. Bei Sudermann bleiben die wirklich stimmungsvollen Abschnitte episodenhaft, »Jörn Uhl« ist ganz Stimmung, wundervolle Stimmung. Jene Nüchternheit, die bei Sudermann zuweilen durchbricht, liegt Frenssen völlig fern. -- »Frau Sorge« ist realistisch durchgearbeitet; »Jörn Uhl« nicht minder. Aber was jenes Werk vermissen ließ, findet sich hier; die realistische Zeichnung hebt sich auf breitem, tief erfaßtem Hintergrund ab. Frenssen ist in ganz anderem Sinn ein Meister der Heimatskunst als Sudermann selbst in der »Frau Sorge.« Wie lebendig werden Land und Leute in der friesischen Marsch durch »Jörn Uhl«! Hier ist Milieuschilderung im besten Sinn. Sudermann gibt dazu nur eben Ansätze. In der Kunst der äußeren Zusammenfassung, der geschlossenen Entwicklung der Handlung ist Sudermann stärker; hier liegt die schwächste Seite des »Jörn Uhl«. Aber auf der anderen Seite macht Frenssen das wett durch jene prächtigen Einzelgaben, jene eingestreuten Szenen von märchenhafter Schönheit oder von dramatisch packender Gewalt: dem hat Sudermann nichts an die Seite zu setzen. Endlich gilt es eine Vergleichung des leitenden Problems. Beide geben eine Charakterentwicklung von Kindheit auf; beide führen den Helden durch schweres Geschick zu innerer Reife. Familienerlebnisse und heiße Arbeit, dazu die Bewegung des Herzens durch die Liebe bilden die Hauptstücke der Erziehung bei beiden. Von der bei Frenssen viel plastischeren Art der Schilderung sehe ich ab; die äußere Handlung ist bei Sudermann etwas organischer in die Charakterentwicklung verwoben. Der Brand der Uhl befreit den Jörn, -- durch eigene Tat, die das väterliche Besitztum in Feuer aufgehen läßt, befreit sich Paul Meyhöfer. Dennoch läßt sich sehr streiten, ob dieser Vorzug von Sudermann nicht auf Gefahr der schlichten Natürlichkeit erkauft wird. Mit dieser Tat begibt er sich aufs sensationelle Gebiet; der Brand der Uhl aber ist ein Erlebnis, wie es alle Tage passieren kann und wirklich passiert. Aber wenn wir das ganz dahingestellt sein lassen: auch in der eindringenden Tiefe und naturwahren Kraft der inneren Entwicklung des Helden bleibt Jörn Uhl tiefer. Er verarbeitet viel reichere Einflüsse auf den Knaben, er berücksichtigt nicht ~eine~ Seite seines Wesens, sondern sein ganzes Wesen. Und er verschmäht es nicht, auch die höchsten Fragen, die das Herz bewegen, in diese Entwicklung hineinzuarbeiten.
Diese Tiefe der Problembehandlung, die diejenige von »Frau Sorge« noch übertrifft, hebt den »Jörn Uhl« zugleich hoch empor über Frenssens Erstlingswerk »~Die Sandgräfin~«, die ganz im äußerlich Gesellschaftlichen hängen bleibt, aber auch über »~Die drei Getreuen~«, die bei sonstiger großer Schönheit zwar Ansätze zu vertiefender Problemstellung zeigen -- die Entwicklung der drei Getreuen selbst, -- aber die Ansätze verhältnismäßig dürftig herausarbeiten. Sie läßt uns in »Jörn Uhl« einen Roman schätzen, der ein gewichtiges Problem in ernster Realistik, aber auch mit dichterischer Stimmung angreift, -- als ein Werk, das die besten Traditionen der älteren Schule in neuer Form wieder aufnimmt und zugleich damit neue Wege weist.
Probleme! Wieviele birgt das Leben! Man muß sie nur ~sehen~! Der Romandichter stößt auf Probleme, sobald er in die Tiefe gräbt. Die Heimatskunst, die naturalistische Betrachtungsweise vertiefen sich, wenn sie an den Problemen nicht vorübergehen. Freilich -- dazu gehören Gedanken. Wir wünschen und fordern vom Gros der deutschen Romanschreiber vor allem dies: Mehr Gedanken! Mehr große Gedanken hinein in den deutschen Roman!
Dekadence. Symbolismus. Tendenzroman.
Die Hauptlinien in der Entwicklung des modernen deutschen Romans sind durchmustert. Nur die Hauptlinien; obschon es leicht gewesen wäre, mit größerer Bequemlichkeit und strengerer Präzision viel zahlreichere kleine Ordnungen zu bilden. Aber es schien für eine gedrängte Darstellung wichtiger, bestimmte entscheidende Linien zu verfolgen, als alles Einzelne zu nüancieren.
Aber wenn unsere Skizzen wirklich bis an die Gegenwart heranreichen wollen, so müssen einige Richtungen der modernsten Erzählerkunst noch kurz besprochen werden, die etwa im letzten Jahrzehnt viel Redens von sich gemacht haben.
Es gibt seit langem eine Strömung in der deutschen Prosaliteratur, welche ihren Schöpfungen vor allem, sogar mit einer gewissen Ausschließlichkeit Gegenstände von dekadentem Charakter gibt. Mit dem Naturalismus selbst hat diese Strömung keineswegs notwendige Verbindung; ja der Naturalismus, der das Interesse auf Umgebung, soziale Verhältnisse, Abhängigkeit des Individuums von äußeren Einflüssen lenkte, hat zum Teil geradezu gegen diese Strömung angekämpft. Das hindert freilich nicht, daß zwischen dem outrierten, auf die Spitze getriebenen Naturalismus, den wir schon bei Johannes ~Schlaf~ fanden, und der neuesten Phase dieser Verfallsdichtung mancherlei Beziehungen bestehen. Man läßt das Milieu beiseit; die ~Seele~ soll ihr Recht haben. Aber nicht die Seele im alten, guten Sinne des Wortes, -- sagen wir: die gesunde Seele, sondern die überreizte, übernervöse, auf die feinsten Einflüsse reagierende Seele, die Seele, in der alles Empfindung ist, alles Individualität, -- sagen wir: die kranke Seele. Es hat gewiß manchen dieser Dichter ein ernstes und großes Streben beseelt; geißeln wollte er, was er sah und was er schilderte. Freilich, nicht von allen gilt das. Es scheint manch einer sehr gern in dem Sumpfe zu plätschern, in den er seine Leser hineinschauen läßt. Denn schließlich bildet der Sumpf den Inhalt dieser Romane und Novellen. Das Abnorme, das Verkommene, das ungesund Erotische wird geschildert. Und selbst die Form entspricht dem Verfallscharakter des Inhalts: keine Ruhe mehr und keine Tiefe; es geht von Skizze zu Skizze. Pointen müssen sich jagen. Vieles muß der Leser erraten. Ein paar Striche machen ein Bild. Nur nicht breit, nur nicht langweilig; am besten überhaupt nur Skizzen mit recht kurzen Sätzen -- mit grellen Lichtern -- mit Witz und Satire. Viel Geist, viel Witz, viel Satire. Aber alles Kaviar, gar keine nahrhafte, gesunde Kost!
Fürchten Sie nicht, daß ich zu tief in dieses Gebiet des Verfalls hinabsteige! Aber ein wenig genauer muß ich es charakterisieren, um mein Urteil zu begründen. Ich wähle zunächst eine Sammlung von Heinz ~Tovote~, welche den Titel führt: »Ich. Nervöse Novellen«. Sie erschien 1892 und erlebte 1900 die 12. Auflage. Es sind durchgehends Geschichten äußerst nervös beanlagter Naturen, alle ganz kurz, allerhöchstes einmal eine dreißig Seiten lang. Was für Sujets in diesem Band! Da erzählt einer die phantastischen Gedanken einer schlaflosen Nacht, in der er beständig auf die draußen fallenden Regentropfen hören muß. Wir müssen sie mithören und mitzählen: Tipp .. 1 .. 2 .. 3 .. 4 .. 5 .. tipp 1 .... und so weiter. Und wir müssen alle seine unklaren Gedanken mitdenken (denn er erzählt selbst, daß er zu keinem klaren Gedanken kam!), bis er endlich, endlich einschläft. -- Da ist ein andrer, der leidet an dem immer wieder plötzlich auftauchenden unsinnigen Gedanken, daß er unter lauter Toten weile. Im Manöver packt ihn die Vorstellung, auf Wache des Nachts, -- und sonst in allen möglichen Situationen. Bis er endlich davon geheilt wird -- dadurch, daß eine in momentaner unsinniger Angst totgeglaubte Person -- zu schnarchen anfängt. Und dazu dann allerhand Situationen aus dem Liebesleben, alles sonderbare, abnorme Situationen. Nichts Frisches! nichts Gesundes! Nervöse Novellen! --
Oder ein Buch wie ~Bierbaums~ »~Stilpe~«. Ein frühreifer, witziger und begabter Mensch verkommt durch völlige Zügellosigkeit. Er wird endlich Komiker in einem Café chantant und führt dort eine Szene auf, mit der er das Publikum begeistert: er imitiert den Selbstmord. Den Kopf in der Schlinge, nickt er immer wieder zum Dank für den brausenden Beifall. Der Schluß besteht darin, daß er den Scherz zum Ernst werden läßt. Abscheulich! Ganz abscheulich! Was diesem Schlusse vorangeht, ist aber nicht viel besser: -- wüste Szenen, tollgewordener Humor, Lumperei und Laster, vermischt mit Satire und Komik. Verfall! Sumpf! Bierbaum gibt sich zuweilen bei dieser Schilderung das Ansehen des Moralisten. Und wahrlich -- das Ende dieses Lebens ~muß~ moralisch wirken. Aber trotzdem ist das Ganze zu toll, um ernst genommen werden zu können.
Weiteres sei hier nicht genannt. Es ist ~nicht~ die Pflicht eines jeden, sich durch diese Wüste durchzuarbeiten. Die Dichtkunst liegt in Nervenzuckungen. Wer sieht das gern mit an? Nur daß man leider wissen muß, daß diese Zuckungen ansteckend gewirkt haben .... Ganze Zeitschriften pflegen das Genre dieser Art Skizze. Sie tragen den Ruhm, modern zu sein, ja zu den modernsten zu gehören. Aber man kann mit seiner Zeit mitgehen, ohne ihre Unarten und Frechheiten mitzumachen!
Neben diese nervöse Verfallsliteratur tritt nun noch diejenige des gleichfalls modernen ~Symbolismus~. Eigentlich nicht ~neben~ sie; großenteils wirkt der Symbolismus auf dem Hintergrund dieser modern-nervösen Skizzenliteratur. Sein Wesen bedingt das allerdings nicht. Was ist Symbolismus? Die Kunst, Symbole zu schaffen und durch Symbole zu wirken. Es ist eine Art Gleichniskunst; nur daß das Gleichnis hier -- je nach den Umständen -- bis zum Umfang einer ganzen, völlig ausgeführten Handlung anwachsen kann. Solcher Symbolismus findet sich, wie bereits erwähnt, schon in Roseggers »Gottsucher«. Die Vorgänge im Trawieser Tal, die dort beschrieben sind, bleiben zwar aufs engste mit der Wirklichkeit verwoben; alle jene Ereignisse, welche schließlich zur Ermordung des Pfarrers führen, sind realistisch gedacht und gezeichnet; sie sind auch durchaus möglich und wahr. Auch im zweiten Teil wird die Verbindung mit dem Geschichtlich-Denkbaren durchaus aufrechterhalten. Dennoch zeigt sich hier deutlicher der überwiegend symbolische Charakter der Handlung, der in der durch den Schreiner Wahnfred eingeführten Feueranbetung und in der Sühne des Frevels durch Vernichtung alles Lebendigen seinen Gipfel erreicht. -- In der Verbindung mit ausgeprägtem Naturalismus tritt der Symbolismus auf in dem gleichfalls schon besprochenen Werk Kretzers »~Das Gesicht Christi~«. Christus erscheint! »In der Dämmerung des Abends, die geheimnisvoll die Fäden des Nachtschleiers zu spinnen begann, wand sich die Erscheinung unhörbar durch die Menge, sichtbar nur denen, die in dieser Welt des absterbenden Glaubens den Hunger der Seele über den des Leibes stellten.« So sehen ihn die Kinder des Arbeiters Andorf, scheu und ängstlich, in den großen weitaufgerissenen Augen jenes starrselige Entsetzen, das der Anblick eines süßen Wunders hervorzaubert. So sieht ihn Andorf selbst, mitten in seiner Not, in der Not, die so groß ist, daß er nicht einmal seinen Kindern satt zu essen geben kann. Mitten auf der Straße sieht er ihn: »Siehst du ihn nicht, wie er durch die Menge schreitet? Sein Gesicht und sein Haar leuchten, er trägt ein schneeweißes Gewand und alle weichen ihm aus.« Er sieht ihn im Rahmen der Tür der vollgepreßten, dunsterfüllten Kneipe: -- »er durchleuchtet die Luft mit seinem Haupte. Seine großen Augen sind fest auf dich gerichtet«. Er sieht die Erscheinung, wie er im ärmlichen Zimmer am Totenlager seines Kindes gewacht hat. Die Leute auf der Straße sehen sie, wie er seines Kindes Sarg zum Friedhof fährt .... Es sehen sie auch der Konsistorialrat und sein Küster, wie sie mit Andorf über die Kosten der Beerdigung verhandeln. Es sieht sie der Fabrikbesitzer, wie er eine seiner Arbeiterinnen brutal zur Sünde verführen will ... Was soll diese Christuserscheinung, die dem Armen wie dem Reichen begegnet? Soll sie nicht die Wirksamkeit symbolisieren, welche die Religion trotz allem und allem übt? Übt in der ärmsten, elendesten Arbeiterseele als Mittel des Trostes und der Hoffnung? Übt in dem Herzen des Harten und Grausamen, übt in dem Bewußtsein des frechsten Frevlers in der Stunde, da er den größten Frevel begehen will? Das soll sie darstellen, wie Christus die Welt begleitet als das Gewissen der Gesellschaft, die sein Wort im Munde führt, ohne es zu üben.
Man kann sehr darüber streiten, inwieweit die Verschmelzung von Naturalismus und Symbolismus in diesem Werk geglückt ist. Ich finde nicht nur den Naturalismus in der Verführungsszene allzu kraß, sondern auch den Symbolismus der Christusvision allzu stark aufgetragen, allzu theatralisch. Aber das Eine ist gewiß: ~diese~ Art von Symbolismus, am rechten Objekt in rechtem Maß angewandt, gehört durchaus zu den wirksamen Darstellungsmitteln.
Zur symbolistischen Richtung wird von manchen auch ein Werk wie ~Wilhelm Bölsches~ »~Die Mittagsgöttin~, Roman aus dem Geisteskampfe der Gegenwart«, gerechnet (1891 erschienen). Es handelt sich in ihm vornehmlich um den Spiritismus. Ein von der Naturwissenschaft gänzlich erfüllter junger Journalist wird in spiritistische Kreise hineingezogen. Erst wirkt er bei der Entlarvung eines betrügerischen Mediums mit; dann wird er durch eine Erscheinung des »zweiten Gesichts« selbst bekehrt und weilt im Spreewald im Schlosse eines spiritistischen Grafen, wie dieser von der prädominierenden Kraft des Mediums Lilly Jackson, mit dem sie ihre Sitzungen abhalten, fest überzeugt. Endlich stellt sich allerdings heraus, daß auch dies Medium betrogen hat. Der zum Spiritismus Bekehrte ist wieder geheilt. -- Der Gang der Erzählung ist keineswegs besonders kunstvoll; Reiz geben ihr eigentlich nur die spiritistischen Sitzungen -- und das ist Nervenreiz. Aber die Form der Darstellung wie insbesondere der Schilderungen des Spreewalds ragen weit über das Durchschnittliche hinaus. Trotzdem gibt die Handlung selbst dem Buche den tieferen Wert, wennschon nicht durch die Widerlegung des Spiritismus. »Die Helden dieser wunderlichen Geschichte« -- so schreibt der Verfasser selbst im Vorwort zur zweiten Auflage 1901 -- »suchen mit einem ungeheuren Aufwand ein Geheimnisvolles ~hinter~ den Dingen. Aber sie erfahren dabei etwas von dem Los des alten Bibelhelden, der auf der Suche nach Eselinnen eine Königskrone fand. Sie stoßen auf die viel wunderbareren, viel geheimnisreicheren Imponderabilien in den Dingen, -- auf die Wunder sinkender, steigender, sich entwickelnder Menschenseelen, auf die unergründlich tiefen Geheimnisse, die in jedem Schicksal eines Menschen überhaupt liegen.« So ist das Buch ein Feldzug in solche schlichten Seelenprobleme hinein, die immer wieder das größte aller Wunder enthalten. So ist jede Einzelgestalt desselben ein Symbol für menschliches Ringen nach Durchdringung all der Dunkelheiten; so ist die Geschichte im ganzen ein Zeugnis dafür, daß dieses Ringen und Sehnen in unserer Zeit lebendig ist, daß der Geist des Philistertums, das nur banale Alltäglichkeit sieht, wo das ewig neu Rätselschwangere herrscht, auch den tieferen Geistern des jungen Deutschlands von heute verhaßt ist. Es geht wie in der wendischen Sage von Pschipolniza, der Mittagsgöttin. Wenn um die Mittagsstunde die glühend heiße Sonne brennt, naht sich dem habgierigen Bauern eine weiße Gestalt, ein wundersames Weib mit tiefblauem Kornblumenkranz, eine goldene Sichel in der Hand: Pschipolniza, die Göttin der Mittagsstille. Sie legt ihm Fragen über sein Werk vor, und wenn er nicht antworten kann, haucht sie ihn an, daß er krank wird, oder würgt ihn zu Tode. Wir mühen uns alle, mit der sengenden Zenithsonne auf dem Scheitel, im wahren Mittag der Menschheit. Da naht uns die Wissenschaft als verschleiertes Bild und stellt die Frage nach Leben und Tod. Freilich -- wie dann weiter? Ist sie in Wahrheit ein grausames Gespenst, das dem Ermattenden, Lechzenden den Hals umdreht, statt ihn zu erquicken? Oder wird sie, wenn man die rechte Antwort gibt, zur schönen, sanften Flurgöttin, die unsere Arbeit segnet? Die Meinung ist jedenfalls die: wer sich abmüht im Ringen nach falscher Erkenntnis, um die Gespenster verborgener Überwelt, dem bringt sein Mühen lastendes Leid. Wer aber die lebendig wandelnden Gespenster ergründen will, die Gespenster der Not, der Unterdrückung, der moralischen Finsternis, der ist auf dem rechten Weg.