Part 9
Kein Erbbegräbnis mich stolz erfreut; Meine Gräber liegen weit zerstreut; Weit zerstreut über Stadt und Land, Aber alle im märkischen Sand!
Daß diese Heimatsliebe ihm die Feder geführt hat, wird niemandem zu bezweifeln einfallen. Und es bleibt ja auch richtig, daß Fontane ebenso wie Freytag bei allem Realismus doch immer dem eigentlichen Naturalismus ferngeblieben ist; manche Gebiete menschlicher Art und Sitte bleiben für beide außer Ansatz. Sie zeichnen mit Vollendung das Leben, wie es sich dem scharfen Beobachter gibt, aber einem Beobachter, der nicht ans Licht zieht, was in der Regel sich selber mit Finsternis bedeckt. Nur muß man gerade Fontane unbedingt zugeben, daß er alles getan hat, um in dem Leser das falsche Gefühl ~nicht~ aufkommen zu lassen, als bestünden solche Schattenseiten und solche dunkelen Einschläge nicht. Man merkt es wohl, daß er absichtlich an ihnen vorüberführt. Und es gibt manchen Leser, der ihm das danken wird. Naturtreu bleibt darum seine Dichtung doch.
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Und so glaube ich denn in der Tat, das Recht der Teilung des Zeitromans in einen tendenziösen und einen objektiven oder doch objektiveren praktisch erwiesen zu haben. Ich gestehe, daß gerade die Existenz dieser letzteren Gattung mir, wenn ich die lange Entwickelungsreihe des deutschen Romans durchmustere, eine ganz besondere Freude bereitet. Nicht als ob der Tendenzroman an sich minderwertig wäre: vor diesem Urteil bleiben wir hoffentlich so lange bewahrt, als wir dem freien Mann im Dichter seine freie Meinung gönnen. Aber je mehr die Tendenz ihm den freien, klaren Blick für das Wirkliche raubt, umsomehr leidet in der Tat die Kunst unter der Absicht. Da jubelt dann der mit Wirklichkeitssinn ausgestattete Leser, wenn er auf ein Gemälde trifft, das des Künstlers Herzensstellung wohl erkennen läßt, das aber in Farbe und Entwurf einfache, reine Natur atmet. Und wenn nun solches Gemälde, ohne gerade in Zeitstreitigkeiten tief hineinzugreifen, doch diese unsere Zeit mit ihren feinsten Regungen wiederzugeben weiß, dann fühlt man den hohen Wert desselben. Ein Spiegelbild ist's: Zeit, erkenne dich selbst! Ein Kritiker wirds: sieh zu, wo dein Fehler steckt! Ein Mahner bleibts: such dir die Menschen, die unserer Zeit vorwärts helfen!
Wie auf anderen Gebieten, so hat auch auf diesem der deutsche Roman kein völlig eigensprossendes Wachstum gehabt. Allerdings: hier ist vielleicht seine tiefste Sonderart, sein eigentliches deutsches Wesen am klarsten zu schauen: deutsche Gründlichkeit und Genauigkeit verbinden sich mit deutscher Gemütstiefe und Herzenswärme. So in »Soll und Haben«, so im »Stechlin«. Und auch deutsche Vorbilder haben eingewirkt: Wilhelm Meister, auch der Werther. Aber außerdem ist englischer Einfluß unverkennbar: Dickens hat sehr stark herübergewirkt. Und zwar Dickens mit seiner realistischen Kraft und mit seiner plastischen Einzelkunst. In »Soll und Haben« wird man hundertfach an Dickens erinnert, vielleicht nirgends deutlicher als in der Episode, in welcher Anton Wohlfart die energische Absicht zeigt, den Herrn von Fink auf Pistolen zu fordern. Und ist es Zufall, daß gerade dort auch Freytag sich ein paarmal des uns von Dickens her so vertraut klingenden Wortes »Gentleman« in ebendemselben gutmütig-humorvollen Sinne bedient, in dem jener es gebraucht hat? Bei alledem aber muß festgehalten werden: ~der Zeitroman mit seinem hellen Tageslicht, seiner unromantischen Wahrheitsliebe, seiner umfassenden, manchmal beinahe nüchternen Gründlichkeit ist und bleibt doch im Grund eine Schöpfung deutschen Geistes~.
Der historische Roman.
Wie die erzählende Dichtung die Wirklichkeit zu erfassen suchte, indem sie ~vergangenes Leben~ neu erweckte, -- das Thema ist unendlich reich, denn historische Romane besitzen wir in Fülle. Und ob auch hier mit unterläuft, was man getrost der Vergessenheit anheimfallen lassen kann, ohne sich groß zu versündigen, -- zwei Gründe zwingen doch, bei Betrachtung des Heerzuges des historischen Romans durch das 19. Jahrhundert verhältnismäßig häufig anzuhalten. Der eine Grund: die Zahl der bedeutenden Schöpfungen ist auf diesem Gebiet nicht gering. Der andere Grund: auch minder Bedeutendes hat durch die Gunst der Lesewelt Anspruch auf Beachtung, mindestens auf Kritik erworben.
Vielleicht könnte man darüber streiten, ob tatsächlich das Suchen nach Wirklichkeit das treibende Motiv des historischen Romans bilde. Denn auch die Romantik griff in die Tiefen der Geschichte. Und zwar nicht bloß mit jener Novelle »Michael Kohlhaas«, sondern auch mit Werken größeren Stils. ~Ludwig Achim von Arnim~ ließ 1817 den ersten Band des mittelalterlichen Romans »~Die Kronenwächter~« erscheinen (Band 2 ist Bruchstück geblieben). Und wer traut der Romantik Sinn für die Wirklichkeit zu? Auch haftet den »Kronenwächtern« sicher genug Unwirklich-Romantisches an. Aber so wunderbar ist die Macht der Geschichte auch über das Gemüt eines Romantikers, daß er doch die Wahrheit sich selbst zur Führerin erkor. Freilich: »Dichtungen sind ~nicht Wahrheit, wie wir sie von der Geschichte und dem Verkehr mit Zeitgenossen fordern~, sie wären nicht das, was wir suchen, was uns sucht, wenn sie der Erde in Wirklichkeit ganz gehören könnten, denn sie alle führen die irdisch entfremdete Welt zu ewiger Gemeinschaft zurück.« Aber dieselbe Vorrede des Dichters, die diese Worte enthält, fordert für die Dichtung die höchste Wahrheit: »Es gab zu allen Zeiten eine Heimlichkeit der Welt, mehr wert in Höhe und Tiefe der Weisheit und Lust als alles, was in der Geschichte laut geworden. Sie liegt der Eigenheit des Menschen zu nahe, als daß sie den Zeitgenossen deutlich würde, aber die Geschichte in ihrer höchsten Wahrheit gibt den Nachkommen ahnungsreiche Bilder ...«
Wir stimmen dem zu, daß der Roman nicht gleiche Wahrheitspflicht hat wie die Geschichte, daß es auf die höchste, die innere Wahrheit ankommt. Und wir konstatieren, daß »Die Kronenwächter« bei allem dichterischen Schwung, bei aller Romantik ihrer Handlung, bei aller Unwahrscheinlichkeit ihrer Konzeption doch auch unter dem Banne der höchsten Wahrheit gestanden haben. Nur ist es mehr die Wahrheit mittelalterlicher Stimmung und Farbe, dazu die Wahrheit manches realistischen Zugs, als die Wahrheit aller Einzelgestalten und des Zusammenhangs, in den Menschen und Begebenheiten gestellt werden.
Neben Achim von Arnim stehen noch andere Romantiker, die gleichfalls in vergangene Tage hineinzuführen gesucht haben. Da ist ~Wilhelm Hauff~ mit seinem noch keineswegs verschollenen »~Lichtenstein~« (1824), da ist ~Ludwig Tieck~ mit dem unvollendet gebliebenen »~Aufruhr in den Cevennen~«. Aber so hübsch der »Lichtenstein« zu lesen ist, -- als eigentlich geschichtlicher Roman kann er nicht gelten. Der geschichtliche Hintergrund bleibt in blasser Undeutlichkeit; was ist Sage? was Geschichte? Ähnliches gilt aber von allen jenen Werken: poetischer Zauber umhüllt uns, aber der feste Boden der Wirklichkeit entschwindet.
Wie viel näher steht der geschichtlichen Wirklichkeit der eigentliche Bahnbrecher des modernen historischen Romans, der 1798 zu Breslau geborene ~Willibald Alexis~, mit richtigem Namen W. Häring genannt! Es ist kein Zufall, daß in ihm sich neue Kräfte regten, die Geschichte fruchtbar zu machen. Der Geist Walter Scotts war in ihm lebendig geworden. Seine ersten Romane gehen ganz in den Bahnen des englischen Dichters. Aber etwa seit dem Erscheinen von »Cabanis« 1832 ward er dem Vorbild gegenüber selbständiger; und gerade die Vorliebe, mit welcher er in die Vergangenheit eines engeren Gebiets, der Mark Brandenburg, sich versenkte, hat diese Selbständigkeit gefördert. Ein Buch wie »~Die Hosen des Herrn von Bredow~« (1846) wird heut noch gern gelesen; derbe Natürlichkeit, massiver Humor und gemütvolle Erzählerkunst haben uns da ein ganz prächtiges Werk beschert. Trotzdem möchte ich eine kurze Charakteristik nicht an dies Buch anschließen, das immerhin das Allgemein-Menschliche dem Geschichtlichen gegenüber bevorzugt. Vielmehr verweile ich lieber einen Augenblick bei den großen historischen Romanen und aus deren Schar bei dem »~Roland von Berlin~« (1840). Mag »Der falsche Waldemar« sich die psychologische Aufgabe schwieriger stellen, gerade »Der Roland« ist für Alexis charakteristisch. ~Einmal~ in der Art, wie die Handlung geführt ist. Manche Szene packt, und auch wer das Ganze überschaut, findet fortschreitende Entwicklung, die das Ziel im Auge behält und bestimmtem Abschlusse zuführt. Die romantische Träumerei hat aufgehört, die Kraft wirklicher, notwendig fortschreitender Handlung ist vorhanden. Die beiden eng verbundenen Städte Berlin und Köln an der Spree liegen um die Mitte des 15. Jahrhunderts in bitterem Streit miteinander, sodaß das Band, das sie verbindet, schier zerreißen will. Zugleich tobt ein anderer Streit in den Mauern der Stadt: die Zünfte hadern mit den Geschlechtern, die Bürger mit dem Rat. Und das in der Zeit, in welcher die Gerechtsame der Stadt in heiliger Eintracht gehütet werden müßten. Kurfürst Friedrich +II.+ der Eiserne liegt auf der Lauer, eben diese Rechte unter die fürstliche Würde zu beugen. Wie ihm das gelingt, das wird in mannigfach verschlungenen Wegen berichtet. Wir wollen sie hier nicht nachgehen. Genug: der Bürgermeister von Berlin, Johannes Rathenow, dem der steinerne Roland zu Berlin das Zeichen der eigenen Gerichtsbarkeit der Stadt ist, muß es erleben, daß eben dieser steinerne Roland durch die Straßen der Stadt geschleppt und in der Spree versenkt wird.
Was hier mit wenigen Sätzen angedeutet ist, ist selbstverständlich nichts als der beherrschende Grundgedanke des dreibändigen Romans. Die Füllung des Rahmens gewinnt Alexis von zwei Seiten her: aus der minutiösen Schilderung vielfacher Einzelszenen und in ihnen der Sitten und Art jener Zeit, und sodann aus dem Bericht über die Schicksale einzelner Menschenkinder, insbesondere der Elsbeth Rathenow, der schönen Tochter des stolzen Bürgermeisters, und des Henning Mollner, der die Schöne zum Weibe begehrt. Einzelgeschick und Gesamtgeschick sind mit kunstreicher Feinheit in einander verwoben; keine Beschreibung führt vom Gange der Gesamthandlung ab oder tritt unvermittelt oder wie überflüssig auf. Vielmehr ist alles zu einem Ganzen geworden. Und doch ist der »Roland« nicht bloß ein Dokument der Vorzüge dieser Kunst, sondern auch manches Fehlers derselben. Wenige, die der Roman heute noch wirklich zu fesseln imstande wäre! Warum? Weil der Gang der Handlung durch die Breite der Einzelszenen doch ein schleppender geworden ist, -- weil es schwer wird, unter allen den scheinbar wirren Ranken die leitenden Äste zu erkennen, -- endlich wohl auch, weil der Fäden zu viel sind, die gleichzeitig gezogen werden, und weil in der Darstellung selbst dem Leser nicht immer genügend klare Wegweisungen für das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen an die Hand gegeben werden.
Aber noch in einer anderen Richtung ist der »Roland von Berlin« charakteristisch für die schriftstellerische Kunst seines Verfassers. Er läßt uns die peinliche Treue wie die meisterhafte Deutlichkeit seiner Detailschilderung merken. Hierin liegt in der Tat seine Stärke. Es ist nicht möglich, hier solche Kabinettstücke der Kleinkunst probeweise wiederzugeben: auch darin ist Alexis so breit, so minutiös, daß der Raum dafür nicht reicht. Aber wer den Roland gelesen, der lasse sich erinnern an das alte Rathaus zwischen Berlin und Köln mit seinem bunt verzierten Oberbau und den vielen zierlichen Türmchen. »Die Türmchen, nicht zur Verteidigung, es war nur Spielwerk, schauten nach allen Stadtteilen; der mächtige, aber vielfach ausgezackte Giebel aber war dem Spreeflusse zugewandt. Er durfte nach keiner der beiden Städte blicken. Wäre es doch zu Ungunsten der einen oder anderen gewesen. Das litt keine. Darauf gab man viel im Mittelalter und fürchtete und scheute das Spiel des Zufalls.« Es sei erinnert an die Beschreibung der stürmischen Ratssitzung, in welcher Niklas Perwenitz zu vermitteln sucht, an den Weg des Bürgermeisters durchs Straßenleben der Stadt nach dem Schummschen Hause in Köln, an das unübertrefflich drastisch gemalte Fest beim Ratsherrn Thomas Wyns und an anderes mehr. Viel zu breit ist manche der Szenen, aber lebendig, anschaulich und wahr sind sie alle.
Ja ~wahr~! Das ist das dritte, was im Roland den Meister erkennen lehrt. Hier ist realistische Treue, gepaart mit kräftigem Humor, auch wohl im Gewand satirischer Überlegenheit, aber eben Treue. Keine Treue, die ihre Aufgabe darin sieht, ~alles~ zu sagen. Aber doch eine Treue, die das, was sie sagt, dem Leben abgelauscht hat. Du liebes kleines Berlin-Köln aus der Zeit Friedrichs des Eisernen! Du mit deinem stolzen Eigenbewußtsein und dem starren Selbständigkeitsgefühl! Was sind deine Ratsherrn für mächtige Leute gewesen, und welcher Reichtum hat in deinen Mauern sich geborgen! Wie steif ist dein Nacken schon dazumal gewesen, wie kritisch dein Verstand gegen alles, was von oben kam! Wie haben deine Bürger bei aller Würde doch auch zu lachen gewußt; und was für lose Mäuler haben ihre Witze gerissen! Es ist das Berlin des Mittelalters, welches der Roland erstehen läßt; aber wir zweifeln nicht: es ist der richtige Vorfahr des Berlin von heute!
Wilibald Alexis hat dem historischen Roman endgültig die Bahn gebrochen. Wer seine Werke vor allem auf die Kraft der Spannung, auf gedrungene Zusammenfassung, kurz auf die Kunst der Gestaltung des Ganzen ansähe, würde oft enttäuscht sein. Wer aber das Einzelne ansieht, die Plastik der Kleinmalerei und die Schönheit des Gesamtbildes der Zeiten, die er beschreibt, der wird ihn immer mit Bewunderung nennen. Nun ist dem Durchschnittsromanleser freilich nichts schrecklicher, als wenn der Autor zu breit wird; und wer möchte nicht zugeben, daß der Fehler groß ist? Aber anderseits sollten ausdauernde Naturen von feinem historischem Geschmack doch immer wieder einmal auf ihn zurückgreifen. Denn in der Art, wie er die Geschichte für die Dichtung genützt hat, steht er, obwohl erst Bahnbrecher, doch bereits auf der Höhe.
Überschauen wir nun das weite Feld des historischen Romans nach W. Alexis, also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts! Als gemeinsames Charakteristikum stelle ich fest: der romantische Zauber ist abgestreift, manchmal auch der poetische Duft; jedenfalls droht von daher der nüchternen Erfassung der Wirklichkeit keine Gefahr mehr. Wer für jenen Zauber Sinn hat, mag wohl trauern, daß er dahin ist; er gibt doch tatsächlich einen eigenen Reiz. Wenn er nur überall zu gunsten der geschichtlichen Wirklichkeit sein Reich verloren hätte! Aber es haben längst nicht alle Dichter von W. Alexis ernstlich gelernt.
Lassen Sie mich Ihnen zuerst diejenige Linie in der Geschichte des historischen Romans weiterführen, welche eine wirkliche Entwicklung zur Vollendung hin am merkbarsten spüren läßt! Das ist die Linie, welche von W. Alexis her über ~Scheffel~ und ~Riehl~ auf ~Freytag~ hinführt, in ihm aber keineswegs ihr Ende erreicht. Was hier kurz zu skizzieren ist, das ist die Entwicklung des ~kulturhistorischen Romans~.
Wie unendlich verschieden kann die Methode sein, in welcher der Romanschriftsteller Geschichte und Dichtung vermählt! Das kann ja scheinbar geschehen, ohne daß von der Geschichte mehr entlehnt wird als der äußere oder gar äußerste Rahmen. Statt daß man die Jahreszahl 1800 und so und so viel an den Anfang setzt, greift man eben ein paar Jahrhunderte zurück. Irgend eine Größe der gewählten Zeit muß in ein paar Szenen auftreten, -- aber mit Vorsicht, damit man nicht in Konflikt mit der Geschichte komme. Der Stand und Beruf, die Kleidung und etwa noch die Sprache der handelnden Personen wird ein wenig in altmodisches Gewand gehüllt, wobei es weiter keine Rolle spielt, ob jemals Leute auf dem Erdenrund so gesprochen haben, wie die Figuren im sogenannten geschichtlichen Roman. Sodann wird eine Anzahl Zutaten hereingegeben -- ein bischen Heldenmut aus den Kreuzzügen, ein Quantum Glaubenstreue aus der Reformationszeit oder eine Portion Kriegsgreuel aus dem dreißigjährigen Krieg. Und wenn nun noch der nötige Pfeffer nicht fehlt, um die Sache zu würzen, und ein Stückchen Zwiebel dabei ist, das die Tränen lockt, dann stürzt sich die Leserschar auf den »herrlichen historischen Roman«. Aber die Maskerade kann den ernsten Beurteiler nicht täuschen. Wann wäre je einer dadurch ein Ritter geworden, daß er sich eine Rüstung übergeworfen und mächtig mit dem Harnisch geklirrt hat?
Aber warum entwerfe ich hier diese Karikatur eines historischen Romans? Lediglich, um durch den Gegensatz das Bild des kulturhistorischen Romans schärfer herauszustellen. Vom Februar 1855 ist das Vorwort datiert, welches ~Josef Viktor von Scheffel~ seinem »~Ekkehard~« mitgegeben hat. Dies Vorwort bestimmt es scharf und klar als die Aufgabe des historischen Romans, im gegebenen Raum eine Reihe Gestalten scharf gezeichnet und farbenhell vorüberzuführen, »~also daß im Leben und Ringen und Leiden der Einzelnen zugleich der Inhalt des Zeitraums sich wie zum Spiegelbild zusammenfaßt~.«
Scheffel verlangt für den Roman die Anerkennung als ebenbürtigen Bruder der Geschichte; aber dem Roman, dem diese Anerkennung gebühren soll, mutet er auch zu, daß er auf historischen Studien ruhen muß. Von seinem »Ekkehard« meint er: »Daß nicht viel darin gesagt ist, was sich nicht auf gewissenhafte kulturgeschichtliche Studien stützt, darf wohl behauptet werden, wenn auch Personen und Jahrzahlen, vielleicht Jahrzehnte mitunter ein weniges in einander verschoben werden.« Und in der Tat, -- indem er diese geschichtliche Sicherheit mit nicht weniger als 285 gelehrten Anmerkungen stützt, ist er der Geschichts~wissenschaft~ fast zu sehr entgegenkommen.
Das Beste ist nun freilich, daß uns Scheffel nicht bloß ein Programm gegeben, sondern daß er eben dies Programm auch trefflichst ausgeführt hat.
Wer jene Anmerkungen liest, dem kann bange werden, ob er nicht einem pedantischen Gelehrten in die Hände gefallen sei. Aber das Bangen ist unnütz. Im »Ekkehard« pulsiert so frisches, munteres Leben wie in wenigen anderen Büchern. Er selber erzählt, wie ihm dies Leben erwachsen ist. Die alten Quellen hat er studiert: da »hob und baute es sich empor wie Turm und Mauern des alten Gotteshauses St. Gallen, viel altersgraue ehrwürdige Häupter wandelten in den Kreuzgängen auf und ab, hinter den alten Handschriften saßen die, die sie einst geschrieben, die Klosterschüler tummelten sich im Hofe, Horasang ertönte aus dem Tor und des Wächters Hornruf vom Turme. Vor allen anderen aber trat leuchtend hervor jene hohe gestrenge Frau, die sich den jugendschönen Lehrer aus des heiligen Gallus Klosterfrieden entführte, um auf ihrem Basaltfelsen am Bodensee klassischen Dichtern eine Stätte sinniger Pflege zu bereiten ...«
Wir wissen aber, welche Fülle anderer Gestalten den »Ekkehard« belebt: fürstliche Burggenossen -- vom Kämmerer Spazzo und der Griechin Praxedis bis zur Gänsehirtin Hadumoth, daneben Weltpriester und Waldfrau, und nicht zuletzt der wimmelnden Hunnen Gewühl. Wir wissen alle, wie diese Gestalten Leben bekommen, wie die ganze Zeit des 10. Jahrhunderts, wie die ganze Gegend dort am Bodensee in ihnen Leben gewinnt. Und wer hätte sich nicht schon an der Form erfreut, in welcher Scheffel jenes dunkle Jahrhundert erweckt hat?
Die Schwerfälligkeit eines W. Alexis ist gründlich überwunden, die Handlung ist kräftig zusammengefaßt und fesselnd gestaltet, Brauch und Sitte sind selten besonders beschrieben, -- die Handlung selbst läßt sie erkennen. Das Ganze ist durchweht von goldenem Humor. Wir danken dem Dichter, daß er ein wirkliches, echtes Kulturbild gegeben, und verschmerzen es auch, daß er es für nötig befunden hat, diese Echtheit ein bischen aufdringlich zu bescheinigen; wir freuen uns über die Leichtigkeit der Behandlung, den Fluß der Darstellung, die Anmut der Schilderung. Denn von der Vorstellung sind wir doch hoffentlich los, als ob alles, was tüchtig ist, langweilig sein müßte! -- Der »Ekkehard« ist ein Buch des deutschen Volks geworden, mag man sonst über Scheffels Poesie denken, wie man will. Ein Arno Holz, der Scheffels Gedichte gar nicht leiden mag, singt an seine Adresse:
»-- Jahrzehnte lagen sie uns zur Last, Deine altdeutsch jodelnden Leute.«
Aber er fährt fort:
»~Doch daß Du den Ekkhart geschrieben hast, Das danken wir Dir noch heute!~« --
Nicht eben weit ab von Scheffels Programm ist dasjenige, welches ~Wilhelm Riehl~ 1856, ein Jahr später, bei der Herausgabe seiner ersten »~Kulturgeschichtlichen Novellen~« aufgestellt hat. Zu diesem Programm gehört, daß die handelnden Personen selbst nicht geschichtlicher Überlieferung entstammen, sondern freigeformte Charaktere sind. Gerade so glaubt Riehl am besten die Gesittungszustände, die Kultur eines bestimmten Zeitabschnitts darstellen zu können. Aus diesen Kulturzuständen heraus müssen die Menschen selbst mit ihrem Wesen, ihren Leidenschaften, ihren Konflikten geschaffen sein. In Wirklichkeit ist diese Forderung im wesentlichen schon im »Ekkehard« erfüllt, wenngleich Scheffel überlieferte geschichtliche Namen lebendig gemacht, nicht eigens neue Gestalten geschaffen hat. Ist das wirklich ein großer Unterschied? Wenn man Riehls Absicht recht versteht, so ist sein Programm doch als der schärfste Gegensatz zu jenem vorhin geschilderten äußerlich-historischen Roman zu verstehen, der sich an große Namen und große Zeiten anlehnt, aber damit der Geschichte genug getan zu haben glaubt. Er überspannt den Gegensatz: gar nichts, was in der sog. Geschichte eine Rolle spielt, sondern ~nur Kultur~! Sicher ist auch sein Programm berechtigt, aber nicht als das einzig richtige, sondern als eins, das neben sich das eng verwandte Scheffelsche Programm sehr gut verträgt. Ja, es dürfte so stehen, daß Riehls Programm kaum weiter reicht als für die kulturhistorische ~Novelle~. Der Roman, der weiter ausholt, der nicht bloß ein Bildchen, sondern ein großes, weites Bild geben will, kann nicht ~bloß~ bei jenen Gestalten stehen bleiben, welche die Phantasie frei als Träger bestimmter Zeitkultur erfunden hat. Er muß weiter greifen, und zwar ins geschichtlich Überlieferte hinein. Sonst würde er schließlich selber sein Programm der geschichtlichen Treue verleugnen.
Die Novellen, welche Riehl selbst in großer Zahl geschaffen hat, geben ganz im Sinn seiner Absicht treffliche, feine, kleine Einzelbilder aus der deutschen Vergangenheit. Sie sind nicht so graziös wie der »Ekkehard«; man merkt etwas deutlicher den Gelehrten. Aber sie sind überall fesselnd und graben bei aller Kleinheit überall in die Tiefe des geschichtlichen Lebens hinein. Sie verdienten mehr Beachtung, als ihnen gemeinhin zu teil wird.