Part 16
Auf einzelnes -- Vorzüge wie Schwächen des Werks -- einzugehen, ist hier nicht der Ort. Und ebensowenig ist es möglich, die Gesamterscheinung des Symbolismus an dieser Stelle bis in ihre Einzelverzweigungen zu verfolgen. Der Symbolismus hat ja sein eigentlichstes Wirkungsgebiet auch keineswegs in der Prosaerzählung gesucht; sein gefeiertster Vertreter Richard Dehmel steht diesem Gebiet fern. Die lyrische und dramatische Dichtung, erstere noch viel stärker als letztere, wissen ganz anders von seinem Einflusse zu zeugen. Auch die Einflüsse, welche diese ganze Richtung mitgeschaffen haben, stehen außerhalb des Gebiets der erzählenden Dichtung; muß man doch Nietzsche besonders in seinem »Also sprach Zarathustra« und neben ihm Ibsen in seinen Dramen als diejenigen bezeichnen, von welchen die Symbolisten am meisten gelernt haben. Es fragt sich, ob man das Urteil, welches gefällt worden ist, voll unterschreiben muß, -- daß nämlich der Symbolismus auf dem Gebiet der erzählenden Literatur durchweg nur ungünstig wirken ~konnte~. Aber das steht doch ganz fest, daß die scharfe Wirklichkeitserfassung, wie sie dem Roman eigen sein muß, die Aufgabe, ein Weltbild zu zeichnen, eine Verwendung des Symbolismus im Roman auf ein sehr bescheidenes Maß zurückführen muß. Und ohne die rein symbolistischen erzählenden Stücke, von welchen das gilt, hier näher aufzählen zu wollen, darf man auch das andere hinzufügen: viele von ihnen machen einen unklaren, völlig undeutlichen Eindruck und fallen aus der Aufgabe des Romans stärker heraus, als es die Schöpfungen von Novalis und Eichendorff taten.
Die Überwindung des Naturalismus wurde schon Anfang der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts als vollzogen verkündigt. Für unser Gebiet ist er vom Symbolismus ~nicht~ überwunden. Er blüht nach wie vor, freilich vorwiegend in jenem feiner nüancierten, stimmungsmäßig psychologischen, eigentlich impressionistischen Naturalismus seiner späteren Vertreter. Und viel stärker als der Symbolismus ist die vorhin knapp skizzierte Richtung geworden, jene kurz als Dekadence zu bezeichnende Liebhaberei für heikle Themata, für sinnliche Situationen, für das moderne Leben der Kreise, welche von solider Arbeit wie gesunder Lebensführung gleich weit entfernt sind.
So ist die Lage überhaupt nicht aufzufassen, als ob nun ~eine~ Richtung jederzeit für die vorhergehende geradezu die Ablösung bedeutete. Naturalismus, Dekadence, Symbolismus bestehen nebeneinander, miteinander, ineinander. Und außerdem zählen wir zahlreiche neuere Werke, die ganz andere Typen vertreten. Nicht eine spezifisch neue Erscheinung, aber doch auch in der Neuzeit reichlich angebaut ist der sensationelle ~Tendenzroman~. Wir haben aus jüngster Zeit -- freilich schon aus dem zwanzigsten Jahrhundert -- zwei charakteristische Stücke dieser Gattung erhalten. Den Tendenzroman auf der niedrigsten Stufe stellt ~Bilses~ »~Aus einer kleinen Garnison~« dar. Man mag sagen, was man will, über ideale Absichten des Verfassers; ich will es alles glauben. Man kann getrost annehmen, daß ihm der Beweis völlig geglückt ist, daß in einer kleinen Garnison die Verhältnisse genau so gelegen haben, wie sein Roman sie zeichnet. Dennoch bleibt der Unterschied zwischen einem Roman, der allerhand anfechtbare Persönlichkeiten so zeichnet, daß jeder mit Fingern auf sie weist, und zwischen einem ausgeführten Pamphlet verzweifelt gering. Die Mittel der Zeichnung, welche Bilse gewählt hat, beweisen entweder, daß er unmittelbar bestimmte Menschen hat angreifen wollen, oder daß ihm die Kunst zu einer im höheren Sinne typischen Darstellung völlig gefehlt hat.
Höher steht ~Beyerleins~ »~Jena oder Sedan?~«. Allerdings hat auch dies Buch, als ein Stück Weltbild betrachtet, ganz erhebliche Schwächen. Die Hauptschwäche besteht darin, daß es sensationelle Ereignisse in einer Weise häuft, welche von der Wirklichkeit weit abliegt. Es ist für den Leser geradezu beängstigend, daß fast keine der vorkommenden Personen, für welche sein Interesse wachgerufen wird, heil und ganz aus der Militärzeit herauskommt. Die Vorliebe, mit welcher Beyerlein die traurige Wendung im letzten Augenblick, kurz vor der endgültigen Rückkehr in den Zivilstand oder kurz vor Eintreten eines wünschenswerten Ereignisses, herbeiführt, ist beinahe stereotypiert. Der eine stirbt, der andere kommt auf Festung und wird beim Fluchtversuch erschossen, der dritte vergißt sich, entflieht aber, der vierte wird eingesperrt und durchlebt eine furchtbare Haftzeit -- und so geht es weiter. Auch von diesem Ungeschick ganz abgesehen, ist der Roman keine Glanzleistung. Die eine Grundidee, um derer willen er geschrieben ist, die zu starke Betonung überflüssigen Drills in der Armee ist fast lediglich gesprächsweise ausgeführt. Die hierher gehörigen Partien bilden eine Art militärtechnischen Aufsatz in Gesprächsform; für die Handlung selbst sind sie Ballast, nichts als Ballast. Aber anderseits verfügt der Verfasser über eine nicht unbeträchtliche realistische Begabung, die anzuerkennen ist, wennschon seine Zeichnung manchmal über das Ziel hinausschießt.
Die hier eben genannten Romane repräsentieren einen Typus, der für unsere Zeit sicher charakteristisch ist. Ein Fortschritt für die erzählende Literatur ist von hier aus freilich nicht zu erwarten. Und so muß es für uns ein Gegenstand aufrichtiger Freude sein, daß wir heutzutage nicht allein auf diese Schöpfungen angewiesen sind. Denn auch alle die früherhin angeführten Richtungen haben in der letzten Zeit ihre Geltungskraft behalten. Der historische Roman ist allerdings zurückgetreten, immerhin darf z. B. ~Sperls~ »~Die Söhne des Herrn Budiwoi~« mit Ehren genannt werden. Die Schöpfungen der Heimatskunst wurden schon erwähnt; aber es muß hier ausdrücklich erwähnt werden, daß diese Richtung, die den Realismus, ja den Naturalismus in gesunden Grenzen sich zu nutze macht, dabei jede Übertreibung meidet und dem Leser das Gefühl kernig frischen Volkstums vermittelt, keineswegs zu den überholten gehört. Sie ist das eigentliche Gegenbild zur verlebten Art eines ~Tovote~, ~Bierbaum~, ~Schlaf~. Sie hat Mark in den Knochen, festen Boden unter den Füßen, sie saugt Nahrung aus der Scholle. Gerade von dieser Richtung her können wir noch manches Gute erhoffen. Auch ~Frenssen~, der augenblicklich noch nicht durch eine andere Größe abgelöst ist, hat hier die Wurzeln seiner Kraft. Ihm aber danken wir, wie früher gezeigt, zugleich, daß auch die gesunde Psychologie und die ruhig wägende Lebensweisheit sich wieder einen Platz im Roman errungen haben. Frenssen zeichnet die Landnatur derb und ungekünstelt. Damit repräsentiert er gegenüber den verlebten Gestalten der Berliner Dirnenromane oder den impressionistischen Skizzen aus der Bohême geradezu die Gesundheit gegenüber der Krankheit. Er ist aber auch nicht Bloß-Naturalist; er weist dem suchenden Geschlecht den richtigen Weg. Die Stellung auch zu diesem Roman ist recht verschieden je nach der Stellung zu Frenssens Weltanschauung. Aber so gewiß diejenigen, welche Gottfried ~Kellers~ oder Paul ~Heyses~ Weltanschauung gar nicht teilen, diesen ein gerechtes Urteil widmen müssen, so gewiß kann auch Frenssen verlangen, daß die Gegner seiner Weltanschauung doch den literarischen Wert seiner Romane unbefangen beurteilen. In dieser Hinsicht ist auf zwei Seiten gesündigt worden. Den einen ist er zu christlich; und weil das Christentum ihnen das rote Tuch ist, bei dessen Anblick sie die ruhige Fassung verlieren, so vermögen sie der feinen Kunst des Dichters nicht mehr gerecht zu werden. Den anderen aber -- und leider gehörten dazu manche frühere Berufsgenossen des Dichters -- war er nicht christlich genug, weil sie von ihm, dem Pastor, meinten eine ausgeführte Dogmatik verlangen zu müssen. Die Urteile über »Jörn Uhl« von diesen beiden extremen Seiten her sind ja aber glücklicherweise völlig aufgewogen worden durch die Aufnahme des Buchs im großen Publikum. Gewiß ist es keineswegs hundertundfünfzig Mal so viel wert als manch anderes Buch, das nicht hundertundfünfzig, sondern nur eine Auflage erlebt hat. Aber es bleibt eins der erfreulichsten Unterpfänder dafür, daß frische, kraftvoll gesunde Dichtung mit nüchtern realistischer Grundlage, aber mit tief idealistischem Sinn auch heut noch bei den deutschen Dichtern nicht ausgestorben ist und beim deutschen Volk nicht in Mißkredit gekommen ist.
Auf die Gefahr hin, ungerecht gegen andere Romane zu werden, die ich nicht nennen kann, möchte ich doch noch einen aus der Zahl der modernsten nennen: Thomas ~Manns~ »~Buddenbrooks~«. Und zwar geschieht das aus einem ganz bestimmten Grund. Der Roman ist der schlagende Beweis dafür, daß der Naturalismus sich nicht entfernt überwunden fühlt, daß wir im Gegenteil vielleicht noch viel von ihm zu erwarten haben. »Buddenbrooks« bedeuten eine detaillierte, bis ins Einzelne peinlich genaue Schilderung des Lebens einer großen lübeckischen Kaufmannsfamilie durch mehrere Generationen im neunzehnten Jahrhundert hindurch. Mit diesem Hauptgegenstande sind minder ausführliche, aber immer noch sehr gründliche Beschreibungen angrenzender Verhältnisse verbunden. Neben der einen Großkaufmannsfamilie stehen andere, -- und jede von besonderem Schlag. Neben den Kaufmannsfamilien stehen die anderen Honoratiorenfamilien, -- allerdings fast nur solche. Nicht die Handlung ist es, die dem Roman Bedeutung gibt; immerhin ist sie im ganzen wirksam aufgebaut, wennschon man wegen des Schlusses mit dem Dichter rechten kann und wennschon manche übermäßige Breite etwas mühsam überwunden werden muß. Aber, wie gesagt, nicht die Handlung ist das Bedeutsame, sondern die Art der Milieuschilderung. Die »Buddenbrooks« sind vielleicht ~dasjenige deutsche Romanwerk, welches am nachhaltigsten durch Emil Zola beeinflußt ist~. Thomas Mann läßt nichts außer Ansatz: keine Geste, keine noch so kleine Gewohnheit, keine der kleinen charakteristischen Redewendungen, wie sie jeder Mensch sich angewöhnt, -- desgleichen nicht die scheinbar äußerlichen Umstände, die doch so wesentlich sind: die Art, sich zu kleiden, sich Haus und Zimmer einzurichten, sich mit dem Geldpunkt abzufinden, und tausend andere Dinge mehr. Die Beschreibung ist viel genauer, viel detaillierter als z. B. bei Kretzer. Sie kann ebenso unerbittlich sein wie die Zolas in der Zeichnung auch abschreckender Bilder: erinnert sei nur an die Sterbeszene der alten Konsulin Buddenbrook und an den Abschnitt, welcher den Typhus behandelt. Doch wühlt Thomas Mann längst nicht so emsig in den dunkelsten Gebieten des Menschenlebens wie Zola; jene abschreckenden Bilder sind im Verhältnis zum Ganzen selten. Dafür fehlt ihm aber auch jene absolut nüchterne Wahrheitsruhe, die Zola hat; er neigt viel mehr zur Karikatur, zur beißenden Satire. Endlich -- um noch einen Unterschied hervorzuheben -- ist Thomas Mann ein minder pathetischer, weniger deklamatorischer Beschreiber, als Zola besonders in manchen seiner letzten Werke gewesen ist. Wie man aber auch im einzelnen das Verhältnis dieses Romans zu Zola beurteile, -- in jedem Fall ist die Methode der Kleinmalerei in ~dieser~ Art für den deutschen Roman trotz Kretzer und Fontane noch nicht endgültig ausgebeutet. Kretzer geht trotz allem mehr ins Große; und Fontanes Plauderton sticht von dem naturalistischen Ernst dieses Buches erheblich ab. Man kann dreist vermuten, daß die Anwendung der gleichen Methode auf andere Lebensverhältnisse nicht auf sich warten lassen wird. Nun ist solcher Roman gewiß nicht das volle Ideal eines Romans; aber den Wert eines treffend gemalten Weltbilds besitzt er gewiß. Er steht darum auch seinerseits hoch über den nervösen und verlebten Skizzen der sogenannten »Moderne«.
Rückblick.
Aber es ist an der Zeit, daß wir den Überblick über die mannigfach gestaltete Gegenwartssituation auf dem Gebiet des Romans abbrechen. Nur Einiges, nur Bedeutenderes ist erwähnt worden. Nur das, was für die Skizzierung der Gesamtentwicklung von Bedeutung zu sein schien.
Von Goethe sind wir ausgegangen. Er muß uns als der Schöpfer des modernen deutschen Romans gelten. Ich erinnere kurz an die drei Gesichtspunkte, nach denen diese Bedeutung Goethes skizziert wurde: die psychologische Tiefe, die Art, wie seine Romane zum Zeitbild werden, und die engste Verbindung von Handlung und Gedanke, in alledem aber die unbestrittene Kraft der Wirklichkeitserfassung. Wie hat Goethe mit dieser seiner Kunst gewirkt?
Wenn man von der Romantik absieht, so darf man das Urteil wagen, daß die gesamte Geschichte des deutschen Romans im 19. Jahrhundert eine Geschichte der Verarbeitung der von Goethe herstammenden Anregungen gewesen ist. Über dieser gesamten Geschichte steht das Wort »Wirklichkeit« geschrieben. Wie war noch bei Wieland der beste Roman nichts als eine äußerliche Verkleidung moralischer Gedanken! Das ist nun anders geworden, fast mit einem Schlage anders. Vorüber die sentimentale Schwärmerei, vorüber die Zeit der moralischen Erzählung ohne eigenen Wert des Erzählten! Der Roman sieht die Welt, wie sie ist, und zeichnet die Welt, wie sie ist. Anfänglich ist ihm freilich die Wirklichkeitszeichnung noch nicht das letzte Ziel. Vielmehr gliedert man sie ein in die Darlegung der eigenen Tendenzen. Man will die Ursprünglichkeit der ländlichen Natur gegenüber städtischer Verbildung schildern -- so Immermann, so Auerbach; man will am Bestehenden Kritik üben, es zu bessern, -- so im politisch-religiös-moralischen Gebiet die Zeitromane der Jungdeutschen, so vom Standpunkt des Volkserziehers ein Jeremias Gotthelf, -- so in der Weise des erfahrenen und klugen Mannes, der anderen des eigenen Irrens Früchte auf allen Gebieten menschlichen Lebens vermitteln will, Gottfried Keller; -- so mit der Absicht, an der Darstellung der Wirklichkeit die eigenen politischen und religiös-sittlichen Anschauungen zur Geltung zu bringen, Friedrich Spielhagen.
Diese erste große Epoche kann man also kurz als die ~Zeit der Darstellung der Wirklichkeit im Dienste bestimmter Absichten~ bezeichnen. Ihr folgte eine zweite große Periode, in welcher ~die Darstellung der Wirklichkeit selbst, ohne Einmischung von Nebenzwecken, als letztes Ziel~ galt. Man darf diese Periode gewiß mit dem Aufblühen des historischen Romans eröffnen. Leichter war es ja, in der Vergangenheit untendenziös zu bleiben als wenn man mitten aus der Gegenwart heraus seinen Stoff nahm. Der kulturgeschichtliche Roman beansprucht in diesem Zusammenhang eine gewichtige Stelle. Aber nicht der geschichtliche Roman allein suchte die Wirklichkeit als Wirklichkeit zu schildern. Schon bei Freytags »Soll und Haben« tritt in der Gegenwartszeichnung die Tendenz in den Hintergrund. Und dann beginnt diejenige Strömung, welche nichts geben will als Photographien, die lediglich schildernde Erzählung. Zu ihr kann man manches von den Werken des sog. Naturalismus rechnen -- wenngleich auch hier die Kunst, das Wirkliche zu sehen, noch keineswegs zur Vollkommenheit ausgebildet ist --, zu ihr aber auch vieles, was weniger naturalistisch als realistisch ist, so z. B. manche Sachen von Fontane. Diese Strömung ist, wenn schon ihre Überwindung bereits ziemlich energisch verkündet worden ist, noch keineswegs überwunden.
~Zu dritt~ stelle ich neben diese beiden großen Entwicklungsgänge, die einander übrigens auch nicht geradezu abgelöst haben, zu einer Gruppe gesellt, eine Reihe von anderen Erscheinungen. Ihre gemeinsamen Charakteristika sind: erstens: die Darstellung der Wirklichkeit ist ihnen nicht Selbstzweck. Darin harmonieren sie mit Gruppe +I+. Aber anderseits, zweitens, haben sie nicht in dem Grad wie Gruppe +I+ ein enges Verhältnis zu der Zeit, in der sie stehen. Ihnen ist die Hauptsache Stimmung oder Gedanke; die Wirklichkeit, welche sie darum doch wahr genug erfassen, ist ihnen lediglich der Stoff zur Entwicklung von beidem. Wenn nicht das lyrische Moment vorwiegt, so ist es das Problem, welches sie durchzuführen suchen.
Endlich könnten wir eine ~vierte~ Gruppe bilden aus denjenigen Erzählungen, welchen gleichfalls (wie der Gruppe +I+) die Tendenz fehlt, welchen ebenso wie der Gruppe +II+ die Wirklichkeitsschilderung nicht der oberste Zweck ist, welche aber auch nicht wie Gruppe +III+ Stimmung oder Problem an dem Stoff der Wirklichkeit sich entfalten lassen, sondern einfach durch die äußere Verknüpfung von Ereignissen mit mehr oder minder energischer Benützung des Psychologischen zu wirken suchen. Hierher gehört auch der normale Unterhaltungsroman.
Gemessen an der großen Aufgabe des Romans, ein Weltbild zu geben, haben die Erscheinungen dieser Gruppen nicht alle gleichen Wert. Die ~letzte~ hat jedenfalls den geringsten; denn je mehr sie sich auf das äußere Geschehen konzentriert, um so mehr verzichtet sie auf Tiefe des Gedankens, ja Tiefe des Blicks. Sie kann einzelne feine Bemerkungen ermöglichen; sie kann das Gemüt ein wenig affizieren; sie kann die Nerven spannen. Aber diese Gruppe mit ihren zahlreichen Schöpfungen entbehrt des tieferen Gehalts. Was könnte daran zum Nachdenken anregen? Was unseren Blick für die Zustände der Welt schärfen? Was unseren Gesichtskreis erweitern? Eins nur kann diese Art Romane: unterhalten. Im besten Fall ist diese Unterhaltung anregend, im schlimmsten aufregend. Wer hat nicht einmal eine Stunde, in welcher er nichts will als eben nur unterhalten werden? Aber es scheint Menschen zu geben, welche den Roman zu nichts anderem als zum Unterhaltungsmittel gebrauchen. Ja, ich gestehe, daß in mir schon oft der furchtbare Verdacht aufgestiegen ist, daß weitaus die meisten Romanleser ihn so und nicht anders benützen. Da kann es dann kommen, daß Herr Soundso in die Leihbibliothek schickt und um irgend ein Buch bitten läßt; -- ~welches~ Buch ihm geschickt wird, ist ihm ganz gleich. Diese Art Romane sind Schiffen mit ganz geringem Tiefgang zu vergleichen, Schiffen, die eben darum an jeder Küste anlegen können, -- aber für die Fahrt aufs hohe Meer sind sie völlig unbrauchbar. Wer sich selber zum flachen, sandigen Strand machen will, der lasse diese Schiffe ohne Tiefgang kommen! Der meide die Gedankenanstrengung bei tieferer Lektüre! Der erkläre nur, daß er Romane nicht liest, um denken zu müssen! Der genieße die Zeitungsromane von Fortsetzung zu Fortsetzung! (Übrigens bieten manche Zeitungen, wie besonders die »Tägliche Rundschau«, meist ~nicht~ derartigen, sondern besseren Stoff.)
Wie steht es nun aber um die drei anderen Gruppen und um ihr Verhältnis zur Aufgabe des Romans? Unfraglich entspricht ihr am klarsten die ~zweite~ Gruppe: Wirklichkeitsbild ohne Nebenabsichten. Wir freuen uns, daß diese Gruppe im deutschen Roman des neunzehnten Jahrhunderts so stark vertreten ist. Allerdings ist gleichzeitig zu bemerken, daß gerade in dieser Gruppe sich die starke Neigung zu Übertreibungen herausgebildet hat. Wir müssen verlangen, daß man uns als Wirklichkeit nicht bloß die Welt der Lebemänner, nicht bloß das Leben mit überreizten Nerven schildert. Wir müssen erwarten, daß man nicht bloß das Abstoßende und Ungesunde hervorzieht. Die Welt zu abscheulich zu malen, ist ein genau so großer Fehler wie der, sie zu licht zu malen. Das neunzehnte Jahrhundert hat hier die Aufgabe richtig erkannt, auch vielfach richtig angefaßt, aber es hat hier nicht die Extreme zu vermeiden gewußt. Die Losung »Naturalismus« mag getrost bleiben! Aber man vergesse nicht, daß »Naturalismus« von »Natur« herkommt!
Es bleiben die ~erste~ und die ~dritte~ Gruppe. Die erste kommt der eigentlichen Aufgabe des Romans vielfach ganz nahe. Es ist, von dieser Aufgabe aus betrachtet, durchaus ~nichts~ gegen die Geltendmachung einer bestimmten ~Tendenz~ gegenüber der geschilderten Zeit einzuwenden. Warum soll der Dichter nicht gleichzeitig zeichnen und das Gezeichnete beurteilen? Er verändert damit seine Aufgabe nicht; er fügt nur noch hinzu, was gleichfalls wertvoll sein kann: sein Urteil, seine Kritik. Erst dann beginnen die Schöpfungen dieser Romangruppe minder wertvoll zu werden, wenn unter der Tendenz die klare Erfassung der Wirklichkeit gelitten hat. Das ~kann~ auch den Dichtern passieren, die nichts wollen als die Welt zeichnen, wie sie ist. Ist doch jeder in der Gefahr, die Dinge allzusehr durch die eigene Brille zu sehen. Aber noch mehr in dieser Gefahr ist derjenige, welcher nur zeichnet, um seine Ansichten und Absichten klarzulegen. Solange im Tendenzroman die Zeit, die Wirklichkeit stärker ist als die Tendenz, so lange steht er auf der Höhe seiner Aufgabe. Er irrt erst dann ab, wenn die Tendenz stärker wird als die Wirklichkeit.
Weniger als Gruppe +I+ und +II+ scheint Gruppe +III+ der von uns festgestellten Aufgabe des Romans zu entsprechen. Wo die lyrische Stimmung das beherrschende Element ist, kann ein Weltbild in scharfen Umrissen viel schwerer erwachsen. Dennoch ist es auch hier möglich; das zeigt besonders die wunderbare Vereinigung klarster Realistik mit feinster dichterischer Stimmung, welche Rosegger z. B. in den »Schriften des Waldschulmeisters« bietet. Das zeigt aber auch ein Werk wie Raabes »Hungerpastor«. Hat man doch dies Buch geradezu unter die Zahl der Zeitromane einreihen können! Weniger eng ist die Beziehung zur wirklichen Welt natürlich da, wo die lyrische Stimmung noch stärker herrschend wird, wie bei Storm oder in Raabes »Chronik der Sperlingsgasse«. Aber wer wäre so engherzig, diesen Dichtungen darum, weil sie vom eigentlichen Romancharakter abweichen, das Existenzrecht abzusprechen? Auch sie geben Wirklichkeit; auch sie zeichnen Menschen, wie sie sind. Vielleicht nur mit wenigen Strichen, vielleicht mehr mit Licht und Schatten als in scharfem Umriß, vielleicht nur in einzelnen Situationen. Aber sie zeichnen sie: die Stimmungswelt ist auch wirkliche Welt! Wenn der Stimmungsdichter nur Realist bleibt, dann hat er sein heiliges Recht. Ja, dann ist er eine notwendige Ergänzung der nüchternen und kühlen Realisten mit ihrer Genauigkeit und Gründlichkeit. Kann denn nicht manches Mal ein einziger Strich, der dem Bilde die rechte Stimmung gibt, viel wirksamer sein, als die Ansammlung von hundert Einzelheiten?
Noch weniger ist zu leugnen, daß der ~Problem~roman innerhalb der Aufgabe des Romans bleibt. Er will ja Fragen des wirklichen Lebens aufwerfen und beantworten! Er geht weniger in die Breite als in die Tiefe, -- in die Tiefe der seelischen Rätsel, in die Tiefe der gesellschaftlichen Fragen. Gewiß, ihm ist der Stoff nur Mittel zum Zweck; die Hauptsache ist ihm der Gedanke. Aber so wenig im Tendenzroman die Tendenz notwendig die Wirklichkeitserfassung hindern muß, so wenig im Problemroman das Problem. Im Gegenteil: erst das ist der rechte Problemroman, der seine Fragen ganz aus der Wirklichkeit herauswachsen läßt. Es gibt manchen Problemroman mit recht oberflächlichen Problemen; aber das soll uns nicht hindern, anzuerkennen, daß gerade der Problemroman eine außerordentlich wertvolle Methode bedeutet, die Weltvorgänge in ihren tiefsten Gründen anzusehen und darzustellen.
~Das Gesetz der Wirklichkeit regiert also tatsächlich überall im deutschen Roman des 19. Jahrhunderts, in allen seinen wichtigeren Erscheinungen.~ Verschiedene Methoden seiner Befolgung sind eingeschlagen worden; aber das Gesetz selbst ist in Geltung geblieben. Und gegenüber denjenigen Richtungen, welche dieses Gesetz wissentlich oder unwissentlich ignorieren, haben wir einfach sein geheiligtes und anerkanntes Recht geltend zu machen.
Schwieriger ists für unsere Zeit, die Grenzen in der Befolgung dieses Gesetzes festzulegen und festzuhalten. Die Auswüchse des Naturalismus wie die Dekadencedichtung übertreiben. Sie bevorzugen einseitig einige wenige Gebiete der Wirklichkeit; und sie wählen gerade diejenigen, wo die gesunde Natur sich vergebens suchen läßt. Ihnen gegenüber fordern wir, daß die Totalität der Wirklichkeit zur Geltung komme. Wir fordern auch, daß, ohne daß das Vorhandensein von Krankheitszuständen ignoriert werde, der Standpunkt, von dem aus geschildert wird, derjenige der Gesundheit sei. Wir erwarten nichts von dem differenzierten, nervös gewordenen Naturalismus. Aber wir erwarten alles von einem im gesunden Volksempfinden, in der echten Natur wurzelnden Realismus.
Ich brauche nicht mehr auszuführen, daß das 19. Jahrhundert auch in der ~Form~ des Romans uns kräftig vorwärts gebracht hat. Was Goethes »Wahlverwandtschaften« zuerst versuchten, die Ineinandersetzung von Gedanke und Handlung -- das ist zwar längst nicht überall zur Durchführung gekommen, aber es ist leitendes Motiv geblieben. Man verabscheut mehr und mehr die Darlegung von Gedanken ohne Handlung, wie noch Gutzkow sie liebte, man empfindet jene spannenden Handlungsromane ohne Gedanken, so sehr sie noch heute wuchern, als minderwertig. Man hat in vielen Romanen Spielhagens, dazu in solchen von Kretzer, in »Frau Sorge« und in anderen Vorbilder in der formellen Gestaltung. Und ob immer wieder das Erworbene in Frage gestellt wird, das Ziel ist gesteckt und darf nicht vergessen werden.
Eins aber muß zum Schluß nochmals gesagt werden: es wird alles darauf ankommen, daß in der deutschen Lesewelt der Sinn für den wertvollen Roman geweckt und, wo er lebendig ist, gepflegt werde. Jedes Volk hat schließlich den Roman, den es verdient. Seien wir anspruchsvoll! Lehnen wir alles ab, was uns nicht fördert, ohne Rücksicht auf Person und Tendenz! Dann wird des Seichten weniger werden und ~die~ Dichter werden mehr Raum und mehr Mut gewinnen, die in sich die Kraft fühlen, dem deutschen Volk wirklich etwas zu sagen. Verlangen wir viel vom Roman, so wird er uns viel geben!
[Illustration]
Register.
(Die ~ausführlich~ besprochenen Werke sind unter dem Autornamen bei den entsprechenden Seitenzahlen in Klammern besonders aufgeführt.)
Alexis, Wilibald 123 ff. (Roland von Berlin). 126. 127. 129. 134.
Anzengruber, Ludwig 171. 172 ff. (Sternsteinhof). 179.
Arnim, Achim von 51. 121 ff. (Kronenwächter).
Auerbach, Berthold 55. 62 ff. (Schwarzwälder Dorfgeschichten). 76. 225.
Beyerlein, Franz Adam 219 f.
Bierbaum, Otto Julius 213. 220.
Bilse 219.
Björnson 190.
Bölsche, Wilhelm 216 f. (Mittagsgöttin).
Börne, Ludwig 34.
Brentano 35.
Cantz, Elisabeth 78.
Dahn, Felix 139 ff. (Kampf um Rom).
Dehmel, Richard 218.
Ebers, Georg 139. 141. 142.
Ebner-Eschenbach, Marie v. 195 (Gemeindekind). 196 f. (Unsühnbar).
Eckstein, Ernst 142.
Eichendorff, Joseph Frhr. v. 35. 39 ff. (Leben eines Taugenichts). 45. 46. 165. 218.
Eilhart von Oberge 11.
Fischart, Johann 12.
Floris und Blancheflur 6. 11.
Fontane, Theodor 115 ff. 117 ff. (Stechlin). 135. 138. 188. 201. 202 ff. (Effi Briest). 223. 225.
Freiligrath, Ferdinand 75.
Frenssen, Gustav 208 ff. (Jörn Uhl). 210. 221.
Frenzel, Karl 138.
Freytag, Gustav 108 ff. (Soll und Haben). 114. 127. 131 ff. (Die Ahnen). 144. 155. 189. 225.
Goethe 15. 16 ff. (Werther). 19 ff. (Wilhelm Meister). 24 ff. (Wahlverwandtschaften). 27 ff. 32. 45. 52. 75. 143. 189. 224. 230.
Gottfried von Straßburg 11.
Gotthelf, Jeremias 55. 58 ff. (Bauernspiegel). 65. 66. 69. 71. 168. 169. 225.
Grimmelshausen 12.
Gutzkow, Karl 76. 77. 78. 79 ff. (Ritter vom Geist). 86. 87. 98. 112. 138. 144. 230.
Hamerling, Robert 142.
Hauenschild, Spiller von 78.
Hauff, Wilhelm 51. 122.
Herwegh 75.
Heyse, Paul 78. 92 ff. (Kinder der Welt). 154. 155. 190. 197 ff. (Novellen). 221.
Hoffmann, Th. Amadeus 45. 46 ff. (Elixiere des Teufels). 143. 165.
Holz, Arno 183.
Ibsen 190.
Jean Paul 32 ff. 143. 144.