Chapter 1 of 14 · 3792 words · ~19 min read

Part 1

ARABISCHE NÄCHTE

ERZÄHLUNGEN AUS TAUSEND UND EINE NACHT

MIT 20 FARBIGEN BILDERN VON EDMUND DULAC

[Illustration: Druckerlogo]

MÜLLER & I. KIEPENHEUER VERLAG · POTSDAM G. M. B. H.

[Illustration: Schehersad]

Gedruckt in der Offizin Haag-Drugulin AG. in Leipzig

INHALT

Seite Eingang 3

Geschichte vom Fischer und dem Geiste 14

Geschichte vom versteinerten Prinzen 36

Geschichte vom Zauberpferde 51

Geschichte vom Prinzen Chodadad 84

Geschichte des Prinzen Achmed und der Fee Pari Banu 100

Geschichte von Ali Baba und den vierzig Räubern 181

Ausgang 234

BILDERVERZEICHNIS

Geschichte vom Fischer und dem Geiste. Bild auf Seite: 1, 20, 28, 32

Geschichte vom versteinerten Prinzen. Bild auf Seite: 40

Geschichte vom Zauberpferde. Bild auf Seite: 52, 60, 64, 72, 74, 82

Geschichte vom Prinzen Chodadad. Bild auf Seite: 102, 132

Geschichte des Prinzen Achmed und der Fee Pari Banu. Bild auf Seite: 160

Geschichte von Ali Baba und den vierzig Räubern. Bild auf Seite: 188, 196, 204, 208, 220, 224

EINGANG

Im Namen Gottes, des Gütigen und Gnädigen, Friede sei mit unserm Herrn Mohammed, dem höchsten Gesandten Gottes, und über seiner Familie und seinen Freunden; Friede sei mit ihnen bis zum jüngsten Tage! Die Geschicke der Früheren seien eine Lehre den Kommenden, damit sie daraus lernen und in der Vergangenheit fleißig lesen mögen. In diesen Erzählungen, die »Tausend und eine Nacht« genannt sind, soll euch Belehrung und Weisung gegeben sein. So nämlich wird von dem berichtet, was sich ehemals bei den Völkern zugetragen hat:

Vor langen Zeiten regierte ein König auf den Inseln Indiens und Chinas, der war reich und hatte viele Diener und Truppen. Seine zwei Söhne hießen Scheherban und Schahseman. Scheherban war der ältere; Schahseman herrschte über Samarkand in Persien und regierte zwanzig glückliche Jahre. Einst nun erfaßte den älteren König innige Sehnsucht nach seinem jüngeren Bruder; er rief seinen Wesir und befahl ihm, zu Schahseman zu reisen und ihn mitzubringen. Der jüngere Bruder gehorchte alsbald der Aufforderung, ließ Kamele und Maultiere rüsten und begab sich mit stattlichem Gefolge auf den Weg. Seinem Wesir aber übertrug er die Regierung, solange er abwesend sei. Da geschah es, daß er sich erinnerte, etwas in seinem Schlosse vergessen zu haben; rasch eilte er dorthin zurück und überraschte seine Frau in verbotener Liebe zu einem schwarzen Sklaven. Heiße Wut stieg in ihm empor, er zückte sein Schwert und erstach beide; darauf reiste er weiter bis vor die Hauptstadt seines Bruders. Er ließ durch einen Boten seine Ankunft melden, und Scheherban zog ihm mit Gepränge entgegen, umarmte und begrüßte ihn voller Freude. Aber die Erinnerung an die Untreue seiner Gemahlin nagte an der Seele des Königs Schahseman, so daß die Farbe seines Gesichtes verblich und die Kraft seines Körpers abnahm. Kein Fest vermochte seinen umdüsterten Sinn zu erheitern. Scheherban meinte, daß die Sehnsucht nach der Heimat an ihm zehrte und fragte ihn eines Tages voll Sorge: »Lieber Bruder, ich sehe, daß deine Wangen blaß werden, und daß ein heimlicher Kummer in deiner Seele wohnt.« Jener entgegnete: »Mich quält eine innere Krankheit,« und verheimlichte, was bei seiner Abreise geschehen war. Er ließ seinen Bruder allein zur Jagd reiten und blieb daheim voll Sorge und Verdruß.

Es waren aber in dem Schlosse, das Schahseman bewohnte, einige Fenster, durch die er in den Garten seines Bruders blicken konnte. Da sah er, wie aus der Türe des Palastes zwanzig Sklaven und Sklavinnen heraustraten, und in ihrer Mitte schritt die Frau seines Bruders, die war von wunderbarer Schönheit und herrlichem Wuchse. Sie gingen zu einem Teiche, dort entkleideten sich die Sklavinnen und setzten sich zu den Sklaven. Die Königin rief Masud, einen schwarzen Sklaven, umarmte ihn und koste mit ihm. Und die anderen Sklaven und Sklavinnen taten desgleichen und verbrachten den Tag mit Küssen und in Liebe. Als Schahseman das erblickte, sprach er zu sich: »Wahrlich, meinem Bruder ist Härteres widerfahren als mir.« Sorge und Kümmernis wichen von ihm, und er aß und trank.

Als der König Scheherban von der Jagd zurückkehrte und sah, daß sein Bruder die frühere Kraft und Farbe wiedererlangt hatte und mit Freuden aß und trank, sprach er zu ihm: »Lieber Bruder, gestern noch warst du schwach und bleich, und heute sehe ich dich in voller Gesundheit; wie ist das zugegangen?« Da entgegnete ihm jener: »Wisse, mein Bruder, als ich mit meinem Gefolge zu dir reisen wollte und schon meine Hauptstadt verlassen hatte, fiel mir ein, daß ich in meinem Schlosse etwas vergessen hatte; ich fand meine Frau in vertrautem Umgange bei einem Sklaven und erschlug sie beide voll Zorn. Weil ich immer dieses Vorfalles gedenken mußte, wurde ich blaß und schwach; warum ich aber mein früheres Aussehen wiedergewann, das möchte ich dir verschweigen.« Als jedoch Scheherban in seinen Bruder drang und mit Bitten nicht abließ, erzählte ihm jener, was er im Garten gewahrt hatte. Der Sultan rief voll Zorn und Ingrimm: »Ich will mit meinen eigenen Augen ihre Sünde sehen!« Schahseman gab ihm folgenden Rat: »Sag ihr, du wolltest zur Jagd reiten, und verbirg dich dann bei mir, damit du sie heimlich beobachten kannst.«

So ließ Scheherban bekannt machen, daß er eine große Reise unternehmen wolle, und zog mit seinen Truppen zur Stadt hinaus. Im Lager sprach er zu seinem Pagen: »Laß niemanden zu mir herein«; dann verkleidete er sich und kehrte heimlich zu seines Bruders Schloß zurück. Dort setzte er sich ans Fenster und blickte erwartungsvoll in den blühenden Garten hinaus. Nach einer Weile öffnete sich das Tor, und seine Frau trat mit den Sklavinnen und Sklaven heraus, und sie taten so, wie ihm Schahseman erzählte hatte, bis das Nachmittagsgebet gerufen wurde. Als Scheherban dieses sah, war er fassungslos vor Schmerz und rief: »Mein Bruder, laß uns gehen; ich mag nichts mehr mit der Regierung zu schaffen haben! Wir wollen wandern, bis wir jemanden finden, dem es ebenso wie uns ergeht; wenn wir aber niemanden sehen, so möge uns der Tod von unserer Qual erlösen!«

Sie machten sich auf und gingen aus einer versteckten Türe des Palastes hinaus und reisten viele Tage und Nächte. Eines Tages fanden sie eine friedliche Ebene; dort rauschten dichtbelaubte Bäume, und eine süße Quelle rieselte neben dem Meere durchs Gebüsch. Da tranken sie und ruhten. Plötzlich aber erhob sich ein Toben, und das Meer rauschte, und eine schwarze Säule wand sich zum Himmel empor, durchfurchte die Wellen und näherte sich der Ebene. Als die beiden Brüder das sahen, fürchteten sie sich sehr und erstiegen einen hohen Baum.

Es kam aber ein Geist unseres Herrn Salomo (Friede sei mit ihm!), der war sehr lang und hatte einen großen Kopf und eine breite Brust. Auf seinem Haupte trug er einen Kasten aus Glas, der war mit vier Schlössern aus Stahl verschlossen. Der Geist setzte sich unter den Baum, auf den die beiden Brüder geklettert waren, nahm den Kasten vom Kopfe und öffnete die Schlösser mit vier Schlüsseln. Er zog aber ein wunderbares Mädchen heraus mit süßem Munde, schönem Busen und einem Gesichte, das dem Vollmond glich. Der Geist betrachtete sie liebevoll und sagte: »O Geliebte meiner Seele! Du schönste und vollkommenste aller Frauen, die ich entführt habe, ehe ein anderer dich kannte! Laß mich in deinem Schoße schlafen.« Er legte den Kopf auf ihre Kniee, streckte sich aus und schnarchte alsbald, daß es klang wie fernes Donnerrollen. Da hob das Mädchen von ungefähr ihr Haupt empor und erblickte Scheherban mit seinem Bruder auf dem Baume. Langsam legte sie den Kopf des Geistes auf die Erde und gab den beiden durch ein Zeichen zu verstehen, sie möchten doch zu ihr herabsteigen. Jene aber antworteten: »Herrin, entschuldige, wenn wir nicht kommen.« Da entgegnete sie: »Wenn ihr nicht herabkommt, so wecke ich den Geist, meinen Gemahl; er soll euch auffressen.« Als sie ihnen abermals freundlich winkte, kletterten die Brüder zu ihr herunter. Dann verlangte sie, daß ihr beide zu Willen sein möchten. Die Brüder aber sagten: »Beim Allmächtigen, verlange das nicht von uns, denn wir fürchten uns vor dem Geiste.« Sie sprach: »Wenn ihr mir nicht zur Seite liegt, so schwöre ich, daß ich den Geist aufwecke, damit er euch töte!« Da taten die Brüder, was sie von ihnen forderte. Sie aber zog einen Beutel aus ihrem Gewande hervor und entnahm ihm achtundneunzig Silberringe und sagte: »Wißt ihr, was diese Ringe bedeuten? Sie stammen von achtundneunzig Männern, die mir willfährig waren. Nun gebt mir auch eure Ringe, damit ich weiß, daß es hundert Männer waren, mit denen ich diesen schrecklichen, häßlichen Geist hintergangen habe. Denn er hat mich in diesen Kasten gesetzt und läßt mich im tiefen Meere wohnen, damit ich nur ihm gehöre und tugendhaft bleibe. Dieses Scheusal weiß nicht, daß der Wille der Frauen sich von niemandem bestimmen läßt!«

Als die beiden Brüder dieses hörten, waren sie sehr verwundert und riefen: »Es gibt keinen Schutz, außer bei dem erhabenen Gotte! Deshalb wollen wir bei ihm gegen die List der Frauen Hilfe suchen; denn wahrlich! nichts kommt ihr gleich!« Das Mädchen aber sprach zu ihnen: »Gehet eures Weges!«

Als sie nun weiterschritten, sagte Scheherban: »Sieh, lieber Bruder, dieses Abenteuer ist noch seltsamer als unseres, denn hier ist ein Geist, der ein Mädchen in der Hochzeitsnacht raubte und es in einen gläsernen Kasten eingesperrt hat. Er hat sie mit vier Schlössern eingeschlossen und in das tobende Meer versenkt, damit er sie dem Schicksal entreißen könnte, aber sie hat doch hundertmal Verrat geübt. Wahrhaftig, es gibt keine treuen Frauen! Wir wollen getrost in unser Königreich zurückgehen und den festen Entschluß fassen, nie mehr zu heiraten.« Also kehrten sie wieder um und gingen, bis die Nacht hereindämmerte; am dritten Tage aber trafen sie wieder in ihrer Heimat ein, traten unter die Zelte, setzten sich auf den königlichen Thron, und alle Fürsten und Großen des Landes versammelten sich um sie. Der König befahl nun, daß man in die Stadt zurückziehen möge; er aber begab sich in sein Schloß, ließ seinen Wesir kommen und befahl ihm, seine Gemahlin zu töten. Und alsbald brachte der Wesir sie um. Darauf ging der König zu den Sklavinnen und erschlug sie alle mit seinem Schwerte; dann ließ er sich andere kommen und schwur, daß er sich jede Nacht eine andere erwählen wolle und sie am folgenden Morgen hinrichten lassen würde, denn auf Erden gäbe es kein tugendhaftes Weib mehr. Sein Bruder Schahseman reiste sogleich ab und kehrte in sein Königreich zurück. — Sultan Scheherban gebot indessen seinem Wesir, ihm eine Sklavin für die Nacht zuzuführen; dieser brachte ihm eine der Fürstentöchter. Der König tat, wie er verheißen, und befahl dem Wesir, ihr am Morgen den Kopf abzuschlagen. Er gehorchte den Worten seines Herrn und brachte das Mädchen um. Darauf führte er ihm eine andere Tochter der Großen des Landes zu, und auch ihr wurde wieder am Morgen der Kopf vom Rumpfe getrennt. So ging es lange fort, bis es zuletzt keine Mädchen mehr gab; die Mütter und Väter klagten und weinten, verwünschten den König und erflehten vom Himmel Rache und Hilfe. Nun hatte der oberste Wesir, der auf Geheiß des Sultans die Frauen ermorden mußte, zwei Töchter. Die ältere hieß Schehersad und die jüngere Dinarsad. Schehersad kannte viele Bücher und besaß ein erstaunliches Gedächtnis; sie hatte Gedichte auswendig gelernt und wußte Geschichten und Reden der Könige und Weisen. Eines Tages sagte sie zu ihrem Vater: »Lieber Vater, ich will dir ein Geheimnis anvertrauen: ich verlange, daß du mich mit dem Sultan Scheherban verheiratest, denn ich möchte die Welt von seinen Greueltaten erlösen oder selber sterben, wie die andern Mädchen.« Als ihr Vater diese Rede hörte, erschrak er sehr und rief: »Weißt du denn nicht, was der König geschworen hat, du Törin? Wenn ich dich zu ihm bringe, so wird er dich töten lassen!« Schehersad entgegnete: »Führe mich zu ihm; mag er mich auch ermorden lassen.« Da wurde der Vater zornig und rief: »Warum willst du dich so trotzig in die Gefahr stürzen? Hast du den Verstand verloren? Wer nicht Klugheit in seinem Handeln walten läßt, der bringt sich ins Unglück, und wer nicht das Ende seiner Taten bedenkt, hat auf Erden keinen Freund. Das Sprichwort sagt: ich saß im Wohlbehagen, da hat mir der Übermut nicht Ruhe gelassen.« Schehersad aber antwortete: »Ich werde meinen Entschluß nicht ändern; wenn du mich nicht zum Könige führst, werde ich allein zu ihm gehen und Klage gegen dich erheben, weil du mich einem so großen Manne verweigerst und ein Mädchen, wie mich, ihm entziehen willst.«

Der Erzähler berichtet nun, daß der Wesir, nachdem er vergeblich gedroht und gebeten hatte, sich entschloß und zum Sultan Scheherban ging, die Erde küßte und zu ihm sagte: »Mein Gebieter, ich werde dir in der nächsten Nacht meine Tochter zuführen.« Der Sultan erstaunte sehr und fragte: »Was bedeutet dies? Habe ich nicht bei Dem geschworen, der den Himmel droben gewölbt hat, daß ich sie morgen umbringen lassen werde? Und wenn du nicht gehorsam bist, so werde ich dich selbst ermorden lassen.« Der Wesir antwortete: »O mein König, ich habe ihr dies alles selbst gesagt und sie inständig beschworen, aber sie hat mich nicht hören wollen und wünscht nur, diese Nacht bei dir zu schlafen.« Der Sultan sprach: »So gehe denn, bereite ihre Ankunft vor und führe sie in dieser Nacht zu mir.« Der Wesir ging in sein Haus zurück, überbrachte seiner Tochter den Befehl des Herrn und sagte: »Gott gebe, daß ich keine Sehnsucht nach dir fühle!« Schehersad war hocherfreut, machte ihre Sachen zurecht und sprach zu ihrer jüngeren Schwester Dinarsad: »Liebe Schwester, höre meinen Rat. Wenn ich bei dem Sultan weile, werde ich nach dir schicken; wenn du dann kommst und siehst, daß sich der Sultan nicht mehr mit mir abgibt, sage zu mir: liebe Schwester, wenn du nicht schläfst, so erzähle uns doch einige deiner schönen Geschichten, damit wir dabei die Nacht durchwachen. Das allein kann meine und der Welt Rettung sein, nur so wird der König von seinem unseligen Beginnen lassen.« Dinarsad versprach das. — Als die Nacht hereindunkelte, ging Schehersad zu dem Sultan. Er empfing sie zärtlich und scherzte mit ihr, sie aber begann zu weinen. Scheherban fragte: »Warum weinst du?« Sie antwortete: »O König der Zeit, zu Hause habe ich eine Schwester; laß mich von ihr in dieser Nacht noch Abschied nehmen.« Da befahl der Sultan, daß man nach Dinarsad schicke. Sie kam und wartete, bis der Sultan mit ihrer Schwester gekost und ein wenig geruht hatte, dann stieß sie einen Seufzer aus und sprach: »Wenn du nicht schläfst, liebe Schwester, so erzähle uns einige von deinen schönen Geschichten, damit wir dabei die Nacht durchwachen. Wenn der Tag dämmert, will ich dir dann Lebewohl sagen, denn ich weiß ja nicht, ob ich dich morgen wiedersehen werde.« Schehersad erbat nun vom Sultan die Erlaubnis, und als er sie erteilt hatte, freute sie sich gar sehr und begann:

DIE GESCHICHTE VOM FISCHER UND DEM GEISTE

Man hat mir erzählt, daß vor Zeiten ein Fischer gewesen sei, der schon hoch bei Jahren war. Er besaß eine Frau und drei Töchter und war so arm, daß er nicht einmal seine tägliche Nahrung hatte. Viermal am Tage warf er gewöhnlich seine Netze aus. Einst, als der Mond leuchtete, ging er zum Dorfe hinaus bis an das Ufer des Flusses, streifte sein Hemd auf und watete bis zur Hälfte des Körpers in die Flut; dort warf er sein Netz aus und wartete, bis es untersank. Dann zog er es zu sich heran und wollte es langsam zusammenfalten, als er bemerkte, daß es durch etwas gehemmt wurde. Er zog also mit größerer Kraft, aber es gelang ihm nicht, es näherzubringen; er ging zurück ans Land, kleidete sich aus und tauchte in den Fluß hinab und bemühte sich so lange, bis er das Netz endlich ans Ufer brachte. Da fand er zu seinem großen Erstaunen einen toten Esel darin, der die Maschen des Netzes entzweigerissen hatte. Der Fischer war sehr traurig, seufzte und sprach: »Es gibt nur Hilfe und Macht beim allmächtigen Gott! Es geht doch mit dem Lebensunterhalt recht wunderlich zu.« Und darauf sprach er folgende Verse: »O du, der in das Düster der Nacht und der Gefahren hinabtaucht, mühe dich nicht zu sehr, denn der Lebensunterhalt wird nicht durch Anstrengung gewonnen. Sieh das Meer und den Fischer darin, der seinen Lebensunterhalt sucht, während die Sterne sich im Dunkel verstecken! Bis zur Hälfte des Körpers steigt er hinab in die Wellen, und sein wachsames Auge wendet er nicht ab von seinem Netze. Und wenn sich ein Fisch in den feindlichen Maschen gefangen, dann ist er zufrieden mit seiner Nacht. Denn seinen Fisch kauft ihm einer ab, der die Nacht in Behagen und Wohlleben, nicht in der Kälte verbracht hat. Gepriesen sei der Herr; er gibt dem einen und versagt dem andern; der eine fängt die Fische, und der andere ißt sie auf.«

Als der Fischer diese Worte gesprochen hatte, löste er den Esel aus seinem Netze, ließ sich auf der Erde nieder und besserte die Maschen aus. Dann rang er es gehörig aus, watete wieder in den Strom, warf es aus und wartete, bis es niedersank. Doch als er es wieder an sich ziehen wollte, spürte er abermals einen starken Widerstand. Er freute sich sehr, denn er meinte, ein Fisch habe sich gefangen, entkleidete sich rasch und tauchte unter, um das Netz freizumachen. Mühsam brachte er es ans Ufer, aber er fand darin nur einen großen Topf mit Schlamm und Sand. Da weinte er heftig und rief betrübt: »Das ist wahrlich ein seltsamer Tag; aber ich vertraue auf Gott, der den Himmel erschaffen hat!« Dann sprach er diese Verse: »Du quälendes Schicksal, laß ab, sei mitleidig und verschone mich mit deiner Verfolgung! Ich warf mein Netz, um mir Lebensunterhalt zu suchen; aber jetzt weiß ich, daß er für mich verloren ist. Das Glück hat sich von mir gewandt, und die Arbeit meiner Hände ist fruchtlos. So mancher Törichte weilt bei den Gestirnen, und mancher Weise liegt unten im Staube!«

Er schleuderte den Topf weit fort, rang das Netz wieder aus, rief den Namen Gottes, warf es zum dritten Male in die Wogen und wartete geduldig, bis es untersank. Als er es wieder heraufzog, fand er darin nur Kiesel, Muscheln und mancherlei Unrat. Da verzweifelte der Fischer, denn er war müde von der Arbeit und vom Unglück; er dachte daran, daß seine Frau und seine drei Töchter daheim ohne Nahrung blieben, verbarg den Kopf in den Händen und sprach folgende Verse: »Du kannst deinen Lebensunterhalt nicht lösen noch binden; Kunst und Bildung können dir ihn nicht verschaffen. Wahrlich, Glück und Lebensunterhalt sind nur Bestimmung; in dem einen Lande waltet Üppigkeit, und Mangel in dem andern. Das Schicksal wechselt; es wirft einen edlen Menschen nieder und erhöht einen, der wertlos ist. Nimm mich denn hin, o Tod; denn ist das Leben nicht abscheulich, wenn die Falken erniedrigt und die Gänse erhöht werden? Es ist nicht wunderbar, wenn du Armut beim Tugendsamen und Reichtum bei dem Lasterhaften siehst! Im Buche des Schicksals gleichen wir alle den Vögeln, die umherflattern und bald hier, bald dort ein Körnchen auflesen. Mancher Vogel fliegt um die Erde nach Westen und Osten, und ein anderer findet seine Nahrung, ohne den Flügel zu rühren.«

Der Fischer wandte seine Augen zum Himmel empor; die Röte des Morgens zog schon herauf, der Tag begann zu glänzen. Da rief er: »Du weißt, o Herr, daß ich nur viermal am Tage meine Netze werfe; schon dreimal tat ich es, nun will ich es zum letzten Male versuchen. Erweise mir ein Wunder, großer Gott, wie du es Moses im Meere erwiesen hast!« Darauf flickte er wieder die Maschen seines Netzes, warf es in den Strom und wartete, bis es untersank. Als es hängen blieb und er es herausziehen wollte, vermochte er es nicht, denn es hatte sich am Grunde festgehakt und war ganz verwirrt. »Nur beim allmächtigen Gott ist Hilfe und Schutz!« rief der Fischer, zog die Kleider aus und tauchte hinab. Viel Arbeit kostete es ihm, bis er das Netz freimachen konnte. Als er wieder damit ans Ufer kam, entdeckte er darin etwas Schweres; mit großer Mühe löste er es aus dem Gewirr der Maschen und fand, daß es eine Messingflasche war, die mit dem Siegel unseres Herrn Salomo verschlossen war. Der Fischer freute sich des Fundes, denn er dachte bei sich: ich werde sie beim Kupferschmied verkaufen, sie ist gewiß zwei Malter Weizen wert. Er schüttelte die Flasche und bemerkte, daß sie gefüllt war. »Ich will doch sehen, was darin ist,« dachte er, »ich will sie öffnen und dann erst verkaufen.« Er durchstach darauf das Blei mit seinem Taschenmesser und mühte sich so lange ab, bis die Flasche geöffnet war; dann führte er sie an den Mund und schüttelte abermals, doch es kam nichts heraus, worüber der Fischer sehr erstaunte. Mit einem Male aber stieg aus der Flasche ein Rauch empor, schwebte und breitete sich über die Erde und nahm zu, bis er die Fläche des Meeres bedeckte und an die Wolken des Himmels hinaufstieg. Der Fischer war in großer Verwunderung, als er dies seltsame Schauspiel erblickte. Kaum war der letzte Rauch der Flasche entquollen, so verdichtete und sammelte er sich und wurde zu einem Geiste, dessen Füße auf der Erde standen, und dessen Haupt hoch bis in die Wolken hineinragte. Sein Kopf glich einem Brunnenloche, seine Vorderzähne waren wie eiserne Haken, sein Mund wie eine Höhle, seine Nasenlöcher wie Trompeten, sein Schlund wie eine Gasse, und seine Augen glichen Laternen. Er war ein ganz abscheulicher Geist; der Himmel bewahre uns davor! Der Fischer bebte an allen Gliedern, als er ihn erblickte, und seine Zähne schlugen aufeinander. Da sprach der Geist: »Salomo, du Prophet Gottes! Verzeihe mir! Nie mehr will ich dir ungehorsam sein, nie mehr deinen Befehlen entgegen handeln!«

[Illustration: Der Geist erscheint]

Der Fischer begriff diese Worte nicht und stammelte: »O Geist, was sagst du da von Salomo, unserm Herrn, dem großen Propheten Gottes? Ist er doch schon vor achtzehnhundert Jahren gestorben, und wir leben in viel späteren Tagen. Künde mir, was dir widerfahren ist. Auf welche Weise bist du in die Flasche hineingeraten?« Als der Geist diese Worte vernahm, rief er mit lauter Stimme: »Ich bringe dir gute Nachricht!« Der Fischer freute sich im stillen und dachte: o glückseliger Tag! Aber der Geist fuhr fort: »Ich bringe dir die Kunde, daß du sogleich umgebracht werden mußt.« Da erschrak der Fischer und sprach: »Möge dir Gottes Gnade und Huld ewiglich ferne bleiben, da du so abscheuliche Botschaft bringst! Warum willst du mich morden; habe ich dich nicht errettet und aus den Tiefen des Meeres an das warme Licht des Tages heraufgezogen?« Der Geist aber entgegnete ihm: »Ich will dir eine Bitte gewähren,« und der Fischer fragte voll Freuden: »Sag mir, um was ich dich bitten soll.« Und der Geist sprach: »Du kannst dir eine Todesart wählen, damit du sterben mögest, wie du es dir selbst bestimmt hast.« Der Fischer zitterte vor Furcht und fragte: »Was habe ich verbrochen, daß du meine gute Tat so schmählich belohnen willst?« — »Höre meine Geschichte,« sagte der Geist und erzählte: