Part 7
Der Sultan, als Oheim der Prinzessin, der sich schon längst vorgenommen hatte, sie, wenn sie mannbar geworden sein würde, zu verheiraten und durch ihre Vermählung ein Verwandtschaftsbündnis mit irgendeinem benachbarten Fürsten anzuknüpfen, dachte jetzt um so ernsthafter daran, da er bemerkte, daß seine drei Prinzen dieselbe leidenschaftlich liebten. Er betrübte sich darüber außerordentlich, nicht sowohl deswegen, weil ihre Zuneigung ihn hinderte, die beabsichtigte Verbindung zu schließen, als vielmehr wegen der Schwierigkeit, sie alle drei über diesen Punkt zu einigen und die beiden jüngeren wenigstens zu veranlassen, die Prinzessin dem ältesten zu überlassen. Er sprach mit jedem von ihnen besonders, und machte ihnen die Unmöglichkeit klar, daß eine einzige Prinzessin drei Männer auf einmal heiraten könne, und zugleich, welche Uneinigkeit daraus entstehen würde, wenn sie alle drei bei ihrer Leidenschaft beharrten. Er bot alles auf, um sie zu bewegen, daß sie entweder der Prinzessin die entscheidende Wahl unter ihnen dreien überlassen oder selber von ihren Ansprüchen abstehen, an eine andere Wahl denken und sie mit einem auswärtigen Prinzen vermählen lassen sollten. Doch als er bei ihnen auf eine unüberwindliche Hartnäckigkeit stieß, ließ er sich alle drei kommen und richtete die folgenden Worte an sie:
»Meine Kinder, da es mir nicht gelungen ist, euch zu eurem Glück und zu eurer Ruhe dahin zu vermögen, daß ihr euch nicht weiter um die Hand meiner Nichte bewerben möchtet, und ich von meinem väterlichen Ansehen nicht Gebrauch machen und sie einem von euch geben will, so glaube ich ein Mittel gefunden zu haben, um euch alle zufrieden zu stellen und die Einigkeit unter euch zu erhalten, sofern ihr anders auf mich hören und das, was ich euch sagen werde, tun wollt. Ich finde es nämlich am passendsten, daß ihr alle drei, doch jeder anderswohin, eine Reise macht, so daß ihr euch durchaus nicht treffen oder begegnen könnt, und da ihr wißt, wie neugierig ich auf alles bin, was in seiner Art selten und einzig ist, so verspreche ich die Prinzessin demjenigen zur Gemahlin zu geben, der mir die außerordentlichste Seltenheit mitbringen wird. Ihr sollt dann selber über die Vorzüglichkeit der von euch mitgebrachten Sachen entscheiden und euch selbst euer Urteil sprechen, indem ihr den Vorzug demjenigen unter euch gebet, der ihn verdient. Zu den Reisekosten und zu dem Ankauf von Seltenheiten, die ihr euch zu verschaffen suchen werdet, will ich jedem von euch eine eurem Stand angemessene Summe mitgeben. Indes, ihr dürft sie nicht auf Reisegefolge oder Reisegepäck verwenden, weil ihr dadurch verraten würdet, wer ihr seid und dadurch jede Freiheit einbüßen würdet, deren ihr nicht bloß zur Ausführung dieses Planes, sondern auch sonst noch bedürft, um alles das, was eurer Aufmerksamkeit wert ist, beobachten zu können.«
[Illustration: Piruza, die Schönste und Ehrenhafteste von allen.]
Da die Prinzen sich stets den Wünschen des Vaters willig gefügt hatten, und da überhaupt ein jeder von ihnen hoffte, das Glück werde ihm günstig sein und ihm den Besitz der Prinzessin Nurunnihar verschaffen, so antworteten sie ihm, daß sie ihm zu gehorchen bereit wären. Ohne Verzug ließ ihnen nun der Sultan die versprochene Summe auszahlen, und noch denselben Tag gaben sie ihre Befehle zu den Vorbereitungen zur Reise, ja sie nahmen sogar von ihrem Vater, dem Sultan, Abschied, um den folgenden Tag ganz früh schon abreisen zu können. Sie zogen alle drei, mit allem Nötigen wohl versehen und ausgerüstet und als Kaufleute verkleidet, zu einem und demselben Tore der Stadt hinaus, jeder bloß von einem einzigen vertrauten Diener in Sklavenkleidern begleitet. So gelangten sie miteinander bis zur ersten Nachtherberge, wo der Weg sich in dreifacher Richtung teilt und wo sich jeder einen Weg zur Fortsetzung seiner Reise wählen konnte. Als sie hier miteinander die Abendmahlzeit verzehrten, verabredeten sie sich untereinander, daß ihre Reise gerade ein Jahr dauern sollte, und sie bestellten sich nach Ablauf dieser Frist wieder in dieselbe Herberge, mit der Bedingung, daß, wer zuerst da einträfe, auf den andern, und beide dann auf den dritten warten sollten, so daß sie alle drei, so wie sie miteinander zugleich von ihrem Vater Abschied genommen, auch bei ihrer Rückkehr sich ihm alle zusammen wieder vorstellen könnten. Den folgenden Morgen stiegen sie bei Tagesanbruch zu Pferde, und nachdem sie sich umarmt und einander glückliche Reise gewünscht hatten, schlug jeder von ihnen einen von den drei Wegen ein.
Der Prinz Hussain, der älteste von den drei Brüdern, welcher viel von der Größe, der Macht, dem Reichtum und dem Glanze des Königreichs Bisnagar hatte erzählen hören, nahm seine Richtung nach dem indischen Meere. Nach einer Reise von etwa drei Monaten, auf der er sich an verschiedene Karawanen anschloß und bald öde Wüsten und Gebirge, bald sehr bevölkerte, angebaute und fruchtbare Länder durchzog, gelangte er endlich nach Bisnagar, welches die Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs und zugleich der Sitz der Könige dieses Landes ist. Er kehrte in einen Chan ein, in welchem die fremden Kaufleute abzusteigen pflegten, und da er hörte, daß es hauptsächlich vier Orte in der Stadt gäbe, wo die Kaufleute und Verkäufer aller Arten von Handelswaren ihre Läden hatten, begab er sich gleich am folgenden Tage nach einem dieser Plätze. In der Mitte desselben lag das Schloß oder vielmehr der königliche Palast, welcher einen großen Raum einnahm und gleichsam den Mittelpunkt der Stadt bildete, die drei Ringmauern hatte und deren Tore zwei volle Stunden Weges weit voneinander entfernt waren.
Der Prinz Hussain konnte das Stadtviertel, in dem er sich befand, nicht ohne Verwunderung betrachten. Es war sehr geräumig, und von mehreren Straßen durchschnitten, welche gegen die Sonnenglut oben überwölbt und doch alle sehr hell waren. Die Kaufläden waren alle gleich groß und von ein und derselben Form, und die Läden derjenigen Kaufleute, welche dieselben Waren verkauften, waren nicht zerstreut, sondern in ein und derselben Straße beisammen, und ebenso war es mit den Buden der Handwerker.
Die Menge der Läden, welche mit derselben Gattung von Waren angefüllt waren, wie z. B. mit den feinsten indischen Schleiertüchern, mit buntgemalten Linnentüchern, welche in den lebhaftesten Farben ganze Landschaften, Menschen, Bäume und Blumen darstellten, mit Brokat und Seidenstoffen aus Persien, China und andern Orten, ferner mit japanischem Porzellan oder Fußteppichen von allen Gattungen und von jeder Größe, überraschte ihn so sehr, daß er nicht wußte, ob er seinen eignen Augen trauen dürfte. Doch als er zu den Läden der Goldschmiede und Juweliere kam — beide Gewerbe wurden nämlich von einer und derselben Klasse von Kaufleuten betrieben —, war er beim Anblick der ungeheuren Menge trefflicher Gold- und Silberarbeiten ganz außer sich und wie geblendet von dem Glanze der Perlen, der Diamanten, Smaragde, Rubine, Saphire und anderer Edelsteine, die hier in Fülle zum Verkauf ausgeboten wurden. Wenn er nun schon über so viele, an einem einzigen Orte aufgehäufte Reichtümer verwundert war, so mußte er sich noch mehr über den Reichtum des Königreichs im allgemeinen wundern, als er bemerkte, daß — mit Ausnahme der Brahmanen und der Tempeldiener, die es zu ihrem Berufe machten, fern von den Eitelkeiten der Welt zurückgezogen zu leben — es im ganzen Reiche nicht leicht einen Inder oder eine Inderin gab, die nicht Hals- und Armbänder, Schmuck an den Schenkeln und Füßen von Perlen und Edelsteinen gehabt hätten, die um so glänzender erschienen, als die Hautfarbe der sämtlichen Einwohner so schwarz war, daß sie den Glanz derselben bedeutend hob.
Nachdem Prinz Hussain das ganze Stadtviertel von Straße zu Straße durchkreuzt und den Kopf ganz voll von den Reichtümern hatte, die sich seinen Augen darboten, empfand er endlich das Bedürfnis, etwas auszuruhen. Er sagte dies einem Kaufmann und dieser lud ihn sehr höflich ein, in seinen Laden einzutreten und sich zu setzen, was er denn auch annahm. Er hatte noch nicht lange dagesessen, als er einen Ausrufer vorübergehen sah, mit einem Teppich von etwa sechs Fuß ins Geviert, den er zu einem Preise von dreißig Beuteln ausbot. Er rief den Ausrufer heran und wünschte den Teppich zu sehen, der ihm nicht bloß wegen seiner Kleinheit, sondern auch in Hinsicht auf die Güte viel zu teuer ausgeboten zu werden schien. Als er den Teppich genug besichtigt hatte, sagte er zu dem Ausrufer, daß er nicht begreife, wie ein so kleiner und so unscheinbarer Fußteppich zu einem so hohen Preise feilgeboten werden könne.
Der Ausrufer, welcher den Prinzen für einen Kaufmann hielt, antwortete ihm:
»Gnädiger Herr, wenn Euch dieser Preis schon so übermäßig hoch vorkommt, wie werdet Ihr Euch erst wundern, wenn ich Euch sage, daß ich Befehl habe, ihn bis zu vierzig Beuteln zu steigern und ihn bloß für diesen Preis, und zwar in barem Gelde abzulassen.«
»So muß er,« erwiderte der Prinz, »diesen Preis um irgend einer Eigenschaft willen wert sein, die mir unbekannt ist.«
»Ihr habt es erraten, edler Herr,« antwortete der Ausrufer, »und Ihr werdet mir gewiß zugeben, daß der Preis nicht zu hoch ist, wenn Ihr erst wißt, daß, wenn man sich auf diesen Teppich setzt, man sich auf ihm überall hin versetzen kann, wohin man sich wünscht, und daß man augenblicklich da ist, ohne daß einem irgendein Hindernis unterwegs zustoßen kann.«
Diese Äußerungen des Ausrufers bewirkten, daß der Prinz von Indien, mit Rücksicht darauf, daß der Hauptzweck seiner Reise ja doch nur der sei, seinem Vater, dem Sultan, irgendeine Seltenheit mitzubringen, der Meinung wurde, er könne nicht leicht einer Sache habhaft werden, die dem Sultan mehr Freude zu machen imstande wäre.
»Wenn der Teppich,« sagte er zu dem Ausrufer, »wirklich die Eigenschaft hätte, die du ihm beilegst, so würde ich den dafür verlangten Preis von vierzig Beuteln nicht zu hoch finden, ja, ich könnte mich wohl selbst entschließen, auf diesen Preis einzugehen und außerdem dir noch ein Geschenk zu machen, womit du gewiß zufrieden sein würdest.«
»Gnädiger Herr,« erwiderte der Ausrufer, »ich habe Euch die Wahrheit gesagt, und es wird mir leicht sein, Euch davon zu überzeugen, wenn Ihr erst den Handel für vierzig Beutel eingegangen seid, mit der Bedingung, daß ich Euch zuvor einen Versuch der Art machen lasse. Da Ihr nun die vierzig Beutel nicht hier habt, und ich Euch doch, um sie in Empfang zu nehmen, erst nach dem Chan begleiten müßte, wo Ihr als Fremder eingekehrt seid, so wollen wir mit Erlaubnis des Besitzers in diesen Laden treten. Dort werde ich den Teppich ausbreiten, und wenn wir uns beide darauf gesetzt haben und Ihr den Wunsch geäußert haben werdet, mit mir nach Eurem Zimmer in dem Chan versetzt zu sein und es nicht auf der Stelle in Erfüllung geht, so soll der Handel ungültig und Ihr zu nichts verpflichtet sein. Was das Geschenk betrifft, so werde ich es — da meine Mühe mir ja von dem Verkäufer bezahlt werden muß — als eine Gnade betrachten, die ihr mir erzeigt, und für die ich Euch stets verpflichtet sein werde.«
Der Prinz ging im Vertrauen auf die Redlichkeit des Ausrufers auf diesen Vorschlag ein. Er schloß den Kauf unter der erwähnten Bedingung ab und trat mit Erlaubnis des Kaufmanns in den Laden ein. Der Ausrufer breitete den Teppich aus, beide setzten sich darauf, und kaum hatte der Prinz den Wunsch, in das Zimmer seines Chans versetzt zu werden, geäußert, so befanden sie sich auch schon dort, und zwar in derselben Lage. Da er weiter keine Versicherung für die Kraft des Teppichs mehr bedurfte, zahlte er dem Ausrufer die Summe von vierzig Beuteln in Gold aus und fügte noch für ihn besonders ein Geschenk von zwanzig Goldstücken hinzu.
So war denn nun der Prinz Hussain Besitzer des Teppichs und hatte die Freude, gleich bei seiner Ankunft in Bisnagar ein so seltnes Stück an sich gebracht zu haben, das, wie er nicht zweifelte, ihm den Besitz der Prinzessin Nurunnihar verschaffen mußte. In der Tat hielt er es für unmöglich, daß seine beiden jüngeren Brüder etwas von ihrer Reise mitbringen könnten, daß mit demjenigen verglichen werden könnte, was er so glücklich gewesen war, zu finden. Er hätte sich jetzt nicht länger in Bisnagar aufzuhalten brauchen, denn der Teppich ermöglichte es ihm, sich in einem Augenblick nach dem verabredeten Zusammenkunftsort zu versetzen. Allein da er dann so lange hätte warten müssen, bechloß er, da er neugierig war, noch einige Monate zu bleiben, um den König von Bisnagar und seinem Hofe, sowie seine Streitkräfte, Gesetze, Sitten, die Religion und die Verfassung des Reichs kennen zu lernen.
Das tat er denn auch und er sah so viele merkwürdige Dinge, daß er sich wohl bis zum Ablauf des Jahres hätte angenehm zerstreuen können, nach welchem er sich, der Verabredung gemäß, wieder mit seinen Brüdern zusammenfinden wollte; allein, da er auch durch das, was er gesehen, völlig befriedigt und beständig mit dem Gegenstand seiner Liebe beschäftigt war, dünkte ihm, sein Gemüt werde ruhiger und er selber zugleich seinem Glücke näher sein, wenn er durch eine geringere Ferne von ihr getrennt wäre. Nachdem er daher dem Wirte des Chans den Mietzins für das Zimmer, welches er innegehabt, bezahlt und ihm die Stunde bezeichnet hatte, wo er sich den Schlüssel seines Zimmers abholen könne, ging er, ohne ihm weiter zu sagen, wie er abreisen würde, in sein Gemach, machte die Tür hinter sich zu, ließ aber den Schlüssel darin stecken. Hier breitete er den Teppich aus und setzte sich mit seinem vertrauten Diener darauf. Sodann sammelte er seine Gedanken, und kaum hatte er recht ernstlich gewünscht, daß er doch in der Herberge sein möchte, wo seine Brüder mit ihm zusammentreffen sollten, als er auch schon da war. Er kehrte dort ein, indem er sich für einen reisenden Kaufmann ausgab, und erwartete die andern.
Der jüngere Bruder Hussains, Prinz Aly, welcher sich eine Reise nach Persien vorgenommen hatte, war mit einer Karawane, an die er sich schon am dritten Tage nach der Trennung von seinen beiden Brüdern angeschlossen, dahin abgegangen. Nach einer Reise von beinahe vier Monaten kam er endlich nach Schiras, welches damals die Hauptstadt des persischen Reiches war. Da er unterwegs mit einer kleinen Anzahl von Kaufleuten Bekanntschaft und Freundschaft geschlossen hatte, doch ohne sich ihnen weiter zu erkennen zu geben, nahm er seine Wohnung in demselben Chan mit ihnen.
Den folgenden Tag, während die anderen Kaufleute ihre Warenballen öffneten, zog der Prinz Aly andere Kleider an und ließ sich nach dem Orte führen, wo Edelsteine, Gold- und Silberarbeiten, Brokat, Seidenstoffe, feine Schleiertücher und andere seltene und kostbare Waren zu verkaufen waren. Dieser Ort, der sehr geräumig und sehr dauerhaft angelegt war, war oben überwölbt, und das Gewölbe wurde von dicken Pfeilern getragen; die Buden aber waren teils um diese herum, teils an den Mauern entlang, sowohl von innen, als von außen angelegt. Der Ort selbst war in Schiras allgemein unter dem Namen Besastan bekannt. Gleich anfangs durchstreifte der Prinz Aly den Besastan in die Länge und die Breite und nach allen Seiten und schloß voll Verwunderung aus der erstaunlichen Menge kostbarer Waren, die er ausgelegt sah, auf die Reichtümer, die da beisammen sein möchten. Unter allen Ausrufern, welche da kamen und gingen und die verschiedensten Sachen zum Kauf ausboten, sah er zu seinem Erstaunen auch einen, der ein elfenbeinernes Rohr in der Hand hielt, das etwa einen Fuß lang und von der Dicke eines Daumens war, welches er um einen Preis von dreißig Beuteln ausrief. Anfangs glaubte der Prinz, der Ausrufer sei nicht recht bei Verstande. Um sich darüber Auskunft zu verschaffen, trat er in den Laden eines Kaufmanns und sagte zu diesem, indem er auf den Ausrufer hindeutete:
»Herr, sagt mir doch, ich bitte Euch, ob ich mich täusche. Ist jener Mann, der ein kleines elfenbeinernes Rohr zu einem Preise von dreißig Beuteln ausbietet, wohl bei völligem Verstande?«
»Herr,« erwiderte der Kaufmann, »wenn er nicht etwa seit gestern seinen Verstand verloren hat, so kann ich Euch nur sagen, daß er der klügste unter allen unseren hiesigen Ausrufern ist und zugleich am meisten gesucht ist, wenn man Sachen verkaufen will, weil man zu ihm am meisten Zutrauen hat. Was indes jenes Rohr betrifft, das er zu einem Preise von dreißig Beuteln ausruft, so muß es wohl aus irgendeinem Grunde, den wir nicht wissen, soviel und vielleicht noch mehr wert sein. Er wird augenblicklich wieder hier vorbeikommen, wir wollen ihn dann anrufen, und Ihr mögt Euch selber über die Sache unterrichten. Unterdes könnt Ihr Euch ja auf mein Sofa hier setzen und etwas ausruhen.«
Prinz Aly lehnte das höfliche Anerbieten des Kaufmanns nicht ab, und kaum hatte er eine Weile dagesessen, als der Ausrufer schon wieder vorbeiging. Der Kaufmann rief ihn beim Namen, und jener trat herein. Hierauf sagte er zu ihm, indem er auf den Prinzen hinwies:
»Gebt einmal diesem Herrn da Antwort, der mich fragt, ob Ihr wohl bei Verstande wärt, daß Ihr ein elfenbeinernes Rohr, daß so wenig Wert zu haben scheint, für dreißig Beutel ausbietet. Ich würde mich selbst wundern, wenn ich nicht wüßte, daß Ihr ein verständiger Mann seid.«
Der Ausrufer wandte sich jetzt zu dem Prinzen und sagte zu ihm: »Herr, Ihr seid nicht der einzige, der mich wegen dieses Rohres für einen Toren ansieht; doch Ihr mögt selber urteilen, ob ich einer bin, wenn ich Euch die Eigenschaft desselben gesagt haben werde. Ich hoffe, daß Ihr dann ein ebenso hohes Gebot darauf tun werdet, wie diejenigen, denen ich es bisher gezeigt und die eine ebenso üble Meinung von mir hatten als Ihr.«
»Zuerst,« fuhr der Ausrufer fort, indem er dem Prinzen das Rohr überreichte, »müßt Ihr wissen, daß dieses Rohr an jedem Ende ein Glas hat, und daß, wenn man durch eines dieser Gläser sieht, man sogleich alles erblickt, was man irgend zu sehen wünscht.«
»Ich bin bereit, Euch eine feierliche Genugtuung zu geben,« erwiderte der Prinz Aly, »wenn Ihr mir die Wahrheit dessen, was Ihr behauptet, beweisen könnt.« Und da er das Rohr in der Hand hatte, besah er sich die beiden Gläser und fuhr dann fort: »Zeigt mir doch, wo ich hineinsehen muß, um mir darüber Aufklärung zu verschaffen.«
Der Ausrufer zeigte es ihm. Der Prinz sah hinein, und als er seinen Vater und Nurunnihar zu sehen wünschte, sah er die beiden augenblicklich in der vollkommensten Gesundheit auf dem Dache des Schlosses sitzen.
Es bedurfte keiner Probe weiter, um den Prinzen zu überzeugen, daß dieses Rohr die kostbarste Sache wäre, die in der Stadt Schiras, ja in der ganzen Welt damals existierte, und er glaubte, daß wenn er diese zu kaufen unterließe, so würde er nie mehr, weder zu Schiras, wenn er auch zehn Jahre dabliebe, noch auch anderswo eine Seltenheit der Art antreffen, die er von seiner Reise mitbringen könnte. Er sagte daher zu dem Ausrufer:
»Ich nehme meine unvernünftige Ansicht, die ich von Eurem Verstande gehabt habe, gern zurück. Da es mir leid tun würde, wenn ein anderer als ich das Rohr kaufte, so sagt mir aufs genaueste den Preis, den der Verkäufer dafür haben will. Ohne Euch mit Hin- und Hergehen zu ermüden, dürft Ihr dann nur mit mir kommen, und ich werde Euch die Summe bar auszahlen.«
Der Ausrufer versicherte ihm mit einem Schwur, ihm sei befohlen, es durchaus für vierzig Beutel zu verkaufen, und wenn er daran zweifele, so wolle er ihn zu dem Verkäufer selber führen. Der Prinz glaubte seinem Wort, nahm ihn mit sich nach Hause, und als sie in seiner Wohnung in dem Chan angelangt waren, zahlte er ihm die vierzig Beutel in den schönsten Goldstücken aus und wurde so Besitzer des elfenbeinernen Rohres.
Als der Prinz Aly diesen Kauf gemacht hatte, freute er sich um so mehr darüber, als er glaubte, daß seine zwei anderen Brüder gewiß nichts so Seltnes und Bewunderungswürdiges angetroffen haben würden, und daß folglich die Prinzessin Nurunnihar der Lohn für die Beschwerden seiner Reise sein werde. Er dachte jetzt bloß noch daran, unerkannt den Hof von Persien und die Merkwürdigkeiten der Stadt Schiras und ihrer Umgegend kennen zu lernen, bis die Karawane, mit welcher er gekommen war, wieder ihren Rückweg nach Indien antreten würde. Er hatte seine Neugierde vollkommen befriedigt, als die Karawane Anstalten zur Abreise machte. Der Prinz schloß sich an sie an und machte sich mit ihr auf den Weg. Kein Unfall störte oder unterbrach die Reise, und ohne weitere Unbequemlichkeit, außer den gewöhnlichen Beschwerden des Weges, kam er glücklich an dem bestimmten Ort an, wo der Prinz Hussain bereits eingetroffen war. Prinz Aly fand ihn schon vor und wartete mit ihm daselbst auf den Prinzen Achmed.
Prinz Achmed hatte unterdessen seinen Weg nach Samarkand genommen, und gleich am folgenden Tage nach seiner Ankunft hatte er es wie seine beiden Brüder gemacht und war nach dem Besastan gegangen. Kaum war er eingetreten, als ein Ausrufer zu ihm trat, mit einem künstlichen Apfel in der Hand, den er zum Preise von fünfunddreißig Beuteln ausrief. Er hielt den Ausrufer an und sagte zu ihm:
»Zeigt mir diesen Apfel und sagt mir, welche außerordentliche Kraft oder Eigenschaft er wohl hat, daß Ihr ihn zu einem so hohen Preise ausbietet?«
Der Ausrufer gab ihm den Apfel in die Hand, damit er ihn in Augenschein nehmen möchte, und sagte dann zu ihm:
»Herr, dieser Apfel, wenn man ihn bloß äußerlich betrachtet, ist wirklich etwas sehr Unbedeutendes, doch wenn man die Eigenschaften und Kräfte desselben in Erwägung zieht, so muß man sagen, daß er eigentlich unschätzbar ist. Es gibt keinen Kranken, er mag mit einer tödlichen Krankheit behaftet sein, mit welcher er nur immer will, mit anhaltendem Fieber, mit rotem Friesel, Seitenstechen, Pest und anderen Krankheiten der Art, der nicht, und läge er auch schon im Sterben, durch den Apfel geheilt würde. Er erhält seine Gesundheit so vollständig wieder, als wäre er niemals krank gewesen, und das auf die leichteste Art von der Welt, nämlich durch das bloße Riechen daran.«
»Wenn man Euch glauben darf,« erwiderte der Prinz Achmed, »so ist das freilich ein Apfel von wunderbarer Kraft, ja man kann sagen, er ist unschätzbar; allein, wodurch kann denn ein rechtlicher Mann wie ich, der ihn gern kaufen möchte, sich überzeugen, daß bei Eurer Lobpreisung des Apfels keine Verstellung oder Übertreibung stattfindet?«
»Herr,« erwiderte der Ausrufer, »die Sache ist in der ganzen Stadt Samarkand bekannt und bewährt, und ohne erst weit zu gehen, könnt Ihr ja alle hier versammelten Kaufleute befragen und zusehen, was sie Euch sagen werden. Ihr werdet darunter mehrere finden, die, wie sie es Euch selber versichern werden, heute nicht mehr am Leben sein würden, wenn sie nicht dieses treffliche Mittel gebraucht hätten. Es ist die Frucht der Studien und Nachtwachen eines sehr berühmten Philosophen dieser Stadt, der sich sein ganzes Leben hindurch auf die Erforschung der Kräfte der Pflanzen und Mineralien gelegt hatte und endlich auf den Punkt gelangt war, daraus diese zusammengesetzte Masse zu bereiten, die Ihr hier seht, und mit der er in dieser Stadt so erstaunliche Kuren bewirkt hat daß sein Andenken hier nie in Vergessenheit kommen wird. Vor kurzem raffte ihn der Tod so plötzlich hin, daß er selber nicht mehr so viel Zeit hatte, um von seinem Universalmittel Gebrauch zu machen, und seine Witwe, welcher er nur ein sehr geringes Vermögen und eine große Anzahl unerzogener Kinder hinterlassen, hat sich endlich entschlossen, diesen Apfel verkaufen zu lassen, um sich und ihre Familie etwas bequemer einrichten zu können.«
Während der Ausrufer ihn von den Eigenschaften des künstlichen Apfels unterrichtete, blieben mehrere Personen stehen und umringten sie. Die meisten bestätigten das Gute, das er von demselben erzählte, und einer derselben sagte, er habe einen Freund, der so gefährlich krank sei, daß man an seinem Aufkommen zweifle. Dies bot eine sehr bequeme Gelegenheit, um einen Versuch damit zu machen, und Prinz Achmed nahm das Wort und sagte zu dem Ausrufer, er wolle ihm vierzig Beutel dafür geben, wenn der Kranke durch das bloße Riechen daran geheilt würde.
Der Ausrufer, welcher Befehl hatte, ihn um diesen Preis zu verkaufen, sagte zu dem Prinzen:
»Herr, wir wollen diesen Versuch machen, und der Apfel ist somit Euer, denn es ist gar kein Zweifel, daß er nicht diesmal ebensogut seine Wirkung tun sollte, als die früheren Male, wo man so oft Kranke, die schon aufgegeben waren, durch ihn wieder von den Pforten des Todes zurückrief.«