Part 4
Der König Sabur feierte in jedem Jahre zwei Feste, die waren Niradj und Mihrdjan genannt. An diesen hohen Festtagen verteilte er Gaben, ließ seine Paläste und Gärten öffnen, so daß alle Untertanen freien Zutritt zu ihm hatten, ihm Geschenke bringen und ihre Anliegen vortragen konnten. Es geschah aber, daß an einem dieser Festtage drei sehr weise und gelehrte Männer in seiner Stadt erschienen, um ihm seltene und kostbare Geschenke zu bringen. Sie kamen aus drei verschiedenen Ländern und hatten alle verschiedene Sprachen. Der eine war ein Grieche, der zweite ein Perser und der dritte ein Indier. Dieser trat zuerst vor den König, beugte die Knie vor ihm, wünschte ihm Glück und Heil und übergab ihm eine goldene Bildsäule. Sie war ganz mit prachtvollen, funkelnden Edelsteinen geschmückt und trug in der Hand ein goldenes Horn. Der König Sabur freute sich sehr darüber, nahm sie in Augenschein und fragte sodann: »Sage mir, weiser Mann, wozu soll mir dein Geschenk dienen?« Der Indier erwiderte: »Großer König! Diese Bildsäule hat die Eigenschaft, daß sie sogleich in das goldene Horn stößt, wenn sich ein Spion in die Stadt einschleichen will. Alsbald beginnt er zu zittern und fällt tot zu Boden.« Der König verwunderte sich sehr über diese Rede und sprach: »Wahrlich, wenn deine Worte wahr sind, so werde ich dir alle Wünsche gewähren.« Dann kam der Grieche heran, küßte die Erde und übergab dem König ein Becken aus Silber; in der Mitte saß ein goldener Pfau, und um ihn herum waren vierundzwanzig Junge. Der König betrachtete das Geschenk mit Entzücken und fragte: »Sage mir, wozu mir dieses Kunstwerk dienen soll?« Der Grieche antwortete: »Mein König, wenn eine Stunde verflossen ist, wird dieser Pfau eines seiner Jungen aufpicken und dir so die Tageszeit anzeigen. Nach einem Monat aber wird er immer den Schnabel öffnen, und dann wird darin der Mond erscheinen.« Als der König dieses Wort vernahm, sagte er: »Wahrlich, wenn du wahr sprichst, so werde ich dir alle deine Wünsche erfüllen.« Dann nahte der persische Gelehrte, neigte sich tief und überreichte dem Könige ein Pferd aus Ebenholz; das war vollkommen ausgerüstet, hatte Zaum und Steigbügel und einen prächtigen Sattel und war ganz mit Gold und Edelsteinen geziert. Der König erstaunte sehr und fragte, welches der Zweck dieses kunstreichen, leblosen Tieres sei. »Mein König,« erwiderte der persische Weise, »es ist nicht das äußere Ansehen, warum ich dir dieses Pferd zum Geschenk bringe. Es birgt ein wunderbares Geheimnis; denn es legt mit seinem Reiter in einem Tage eine Strecke von einem Jahre zurück; es fliegt durch die Luft an jeden Ort der Erde, wohin du dich wünschest.« Der König war sehr verwundert über diese Worte und sprach zu dem Perser: »Beim allmächtigen Gott, der die Welt und die Menschen geschaffen hat, wenn du die Wahrheit gesprochen hast, so sei dir jede Bitte gewährt, die du an mich richten wirst.« Darauf nahm er die drei Weisen gastlich auf und prüfte ihre Gaben. Ein jeder von ihnen zeigte dem König, daß er wahr geredet hatte. Das Bildnis stieß in das goldene Horn, der Pfau pickte die Jungen auf, und das Zauberpferd schwang sich mit dem Perser hoch in die Lüfte und ließ sich darauf mit großer Leichtigkeit wieder zur Erde herab. Der König war in äußerster Freude über die seltenen Geschenke und sagte: »Da ihr die Wahrheit eurer Rede durch die Tat bewiesen und euer Versprechen erfüllt habt, so will ich euch jetzt gewähren, was ich vordem versprochen habe. Jeder von euch mag etwas fordern; ich werde es ihm sogleich gewähren.« Die Weisen aber hatten schon von den drei lieblichen Prinzessinnen vernommen und sagten daher: »Wenn du mit unseren Geschenken zufrieden bist, o Herr, und uns eine Bitte gewährst, so möchten wir, daß du uns deine Töchter zur Frau gibst und uns zu deinen Schwiegersöhnen machst.« — »Eure Bitte sei erfüllt,« sprach der König und ließ sogleich den Kadi rufen, damit er den Ehevertrag aufsetze.
[Illustration: Angesichts einer so arroganten Behauptung brachen alle Höflinge in lautes Gelächter aus.]
Hinter einem Vorhange hatten die drei Prinzessinnen gelauscht, denn sie waren neugierig, die unerhörten Schauspiele mit anzusehen; als die jüngste von ihnen den Perser erblickte, den sie heiraten sollte, erschrak sie sehr; denn er war ein hundertjähriger Greis und hatte viele Runzeln und Falten. Das Haupthaar starrte wie Borsten, aber die Augenbrauen und der Bart waren ihm ausgefallen. Seine Augen waren rot und triefend, seine Wangen ganz eingefallen und so gelb wie Leder, und die Backenknochen traten spitz und scharf hervor. Seine plumpe Nase sah einer Gurke ähnlich, die Zähne wackelten oder waren ausgefallen, seine Lippen waren blau und glichen den Kamelnieren, und seine Hände zitterten beständig. Wahrlich, er war der häßlichste aller Menschen und von Aussehen wie der Teufel, so daß selbst die Vögel des Himmels vor seinem Anblick flohen! Die Prinzessin aber war sehr schön und liebreizend, leichtfüßig wie eine Gazelle, mild wie der Zephir und sanft und leuchtend gleich dem Mondlichte. Sie tanzte zarter und wiegte sich leichter wie die Zweige der Büsche im Morgenwinde, und keine Gazelle glich ihr an Geschmeidigkeit und behendem Spiele der Glieder. Als das reizende Mädchen den ihr erwählten Bräutigam erspähte, war ihr Herz sehr bekümmert; sie eilte in ihr Zimmer, zerriß ihre Kleider, streute sich Asche aufs Haupt, schlug sich Brust und Gesicht und weinte bittere Tränen. Ihr Bruder aber, der sie vor allen seinen Schwestern liebte, kehrte soeben von einer Reise zurück. Als nun ihr Klagen bis in seine Gemächer klang, lief er zu ihr und fragte sie nach dem Grunde ihres Kummers. Sie aber warf sich ihm in die Arme und rief: »Was habe ich Schändliches getan, daß mein Vater so mit mir handelt? Ist ihm das Schloß zu eng geworden, so will ich mich gern von hier entfernen. Ach, mein Bruder, ich Unglückliche werde dich verlassen; aber es gibt ja einen allmächtigen Gott, der wird mich führen und mit mir sein!« Ihr Bruder schüttelte mißmutig den Kopf, denn er konnte die Worte der Schwester nicht begreifen, und bat sie, ihm deutlicher zu erklären, warum sie so verzweifelt und traurig sei. Da sagte sie: »Wisse, lieber Bruder, mein Vater hat mich mit einem alten, lahmen und runzeligen Zauberer verlobt, der ihm ein Pferd aus Ebenholz geschenkt hat. Wahrlich, er hat sich überlisten lassen! Ich aber verabscheue diesen jämmerlichen Alten, denn ich weiß, daß ich nicht seinetwegen zur Welt gekommen bin.« Ihr Bruder erschrak über das Vorhaben seines Vaters, sprach ihr Trost zu und eilte sofort zu dem Könige. »Wo ist der alte Zauberer, mit dem du meine liebe schöne Schwester verlobt hast? Ich will ihn strafen für seine unverschämte Forderung! Wo ist das Geschenk, um dessentwillen meine Schwester sich in Gram und Leid verzehren soll? Wie kannst du so grausam an deinem eigenen Kinde handeln!« Als der weise Perser diese Rede hörte, ergrimmte er in seiner Seele über die heftigen Worte des jungen Prinzen. Der König aber sagte: »Besichtige nur erst das Pferd; wenn du seine Kunst gesehen hast, wirst du gewiß verstummen und vor Verwunderung fast von Sinnen kommen.« Er ließ das Geschenk des Persers holen, und der Prinz ging um das Pferd herum und fand Gefallen daran. Er schwang sich sogleich auf seinen Rücken, denn er war ein guter Reiter, und stieß ihm den spitzen Sattel in den Leib. Das Tier aber rührte sich nicht und bewegte sich nicht von der Stelle. Da sprach der König zu dem Weisen: »Zeige ihm, wie man das Roß in Bewegung setzen muß, dann wird er sich dir gewiß nicht mehr widersetzen.« Der Perser, in dessen Seele grimmiger Haß gegen den Prinzen keimte, wies ihm nun einen Wirbel an der rechten Seite des Pferdes, dann verließ er ihn. Sofort rieb der junge Prinz den Wirbel, und alsbald erhob sich das Pferd mit rasender Geschwindigkeit und flog mit ihm davon, so daß er bald aller Augen entschwunden war. Der König ängstigte sich um seinen Sohn, und alle, die es sahen, erhoben ein lautes Geschrei der Verwunderung. Der König fragte den Alten: »Sage mir, wie der Prinz das Pferd wieder zur Erde lenken kann?« Der Weise aber entgegnete mit kalter Stimme: »Diese Kunst ist mir unbekannt, Herr; nicht meine und nicht seine Schuld ist es, wenn du ihn bis zum jüngsten Tage nicht wiedersiehst. Warum hat er auch aus unverständigem Hochmute verschmäht, mich um Rat darum zu fragen, auf welche Weise er wieder zur Erde zurückfliegen kann? Ich selbst war so bestürzt, als ich ihn plötzlich aufsteigen sah, daß ich den Gebrauch meiner Sprache verlor und nicht daran dachte, ihm das Geheimnis zu verraten.« Der König ergrimmte über diese Worte und sprach: »Ich kann dir nicht mehr trauen; darum soll dein Kopf mir für das Leben meines Sohnes haften,« und er ließ den Perser peitschen und in ein enges Gefängnis einschließen. Dann begab sich Sabur in sein Gemach, sorgte sich und seufzte und war in großer Betrübnis darüber, daß das Fest so schmachvoll zu Ende gegangen war. Alle Tore des Palastes wurden geschlossen, und in der ganzen Stadt herrschten Trauer und Klage. Der König, seine Gemahlin und seine Töchter weinten Tag und Nacht über den Verlust des geliebten Prinzen.
Der Prinz aber war unterdessen mit schwindelnder Eile zum Himmel emporgeführt worden, so daß er nahe der Sonne schwebte und auf der Erde nichts mehr zu erkennen vermochte. Als er zurückkehren wollte, drehte er den Wirbel an der rechten Seite nach der verkehrten Richtung, jedoch das Pferd trug ihn immer höher. Da erschrak er, denn er meinte, daß er nun seinem gewissen Tode entgegenritte. Er war aber ein entschlossener und kluger Jüngling; deshalb faßte er Mut, untersuchte aufmerksam Kopf und Hals des Rosses und entdeckte auf der linken Seite einen zweiten, kleineren Wirbel, den er sogleich zu drehen begann. Augenblicklich senkte sich das Tier, und bald konnte er wieder Berge, Städte und Ströme auf der Erde unterscheiden. Dann rieb er wieder an dem rechten Hebel und stieg in geringe Höhe hinauf. Als die rote Sonne hinter den Bergen sank und der Abend dunkelte, kam er in eine blühende Ebene; dort wiegten sich viel bunte, duftende Blumen, und ein klarer, silberner Bach murmelte durch das Gras, und Gazellen sprangen leicht und lustig durch die Wiesen. Bald sah er unter sich eine große Stadt mit vielen Häusern, festen Türmen und starken Mauern. Auf der andern Seite der Stadt erhob sich ein prächtiger, stolzer Palast, um den vierzig bewaffnete Sklaven mit Bogen und Lanzen aufmerksame Wache hielten. Der Prinz blickte sich um und dachte: »In welches Land bin ich hier verschlagen worden; werde ich hier Freunde oder Feinde finden?« Nach einigem Zögern entschloß er sich, die Nacht im Dunkel der Terrasse zuzubringen, und bemühte sich, sein Pferd nach dem fremden Schlosse hinzulenken. Es war schon Nacht geworden, als er abstieg, hungrig und durstig und von Müdigkeit überwältigt. Er tappte durch die Finsternis und entdeckte endlich eine Treppe an der Terrasse, welche in das Innere des Schlosses führte. Er stieg die Stufen hinunter und trat auf einen Platz, der mit weißem Marmor gepflastert und vom Monde schwach beleuchtet war. Vorsichtig spähte er umher und sah ein Licht, das aus dem Innern des Schlosses glänzte. Er schritt darauf zu und kam an eine Türe, vor welcher ein Sklave schnarchte. Der war so groß wie ein Baum und so breit wie eine steinerne Bank und glich einem Geiste Solimans. Neben ihm brannte eine kleine Lampe, und an seiner Seite lag ein Schwert, das funkelte und blitzte wie eine Flamme. Der Prinz zögerte einige Augenblicke, denn dieser ungewohnte Anblick erschreckte ihn; dann aber faßte er Mut und sprach: »Allmächtiger Gott, dich flehe ich um Rettung an! Verleihe mir Kraft, und verschone mich vor allem Ungemach!« Nach diesen Worten ergriff er ein Tischchen mit steinernen Pfeilern, das neben dem schlafenden Sklaven stand, schob es zur Seite und nahm die Decke weg. Da fand er köstliche, duftende Speisen und Getränke, und er aß und labte sich daran, bis er gesättigt war. Dann trug er das Tischchen wieder zurück, schlich auf den Zehen zu dem Schlafenden und zog ihm leise das Schwert aus der Scheide. Langsam und vorsichtig schritt er weiter und entdeckte abermals eine Tür, welche durch einen Vorhang verschlossen war. Er zog den leichten Seidenstoff zur Seite und trat in das Gemach. Darin stand ein Thron aus weißem Elfenbein, der war mit Rubinen und Smaragden und anderen Edelsteinen geschmückt; um ihn herum lagerten vier schlafende Sklavinnen. Er schlich sich näher und sah auf dem Throne ein schlummerndes Mädchen; in ihr mildes Gesicht fielen die langen, glänzenden Haare, ihre Stirn leuchtete wie das Mondlicht, und ihre Wangen glichen den Anemonen. Der Prinz bewunderte ihre Anmut und ihren stolzen Wuchs; zaghaft und zitternd näherte er sich ihr und küßte sie leise auf die rechte Wange. Alsbald erwachte das Mädchen, öffnete die hellen Augen und blickte den Prinzen fragend an. »Wer bist du, Jüngling, und wo kommst du her?« begann sie mit sanfter Stimme. Er antwortete: »Ich bin dein Geliebter und dein Sklave; der allmächtige Gott hat mich zu dir, du Schönste, geführt. Laß mich bei dir bleiben, und weise mich nicht ab!«
[Illustration: Er sah schwarze Eunuchen schlafend liegen.]
Die Prinzessin aber war kürzlich von ihrem Vater mit einem der vornehmsten Männer der Stadt verlobt worden und glaubte nicht anders, als daß der unbekannte Prinz ihr Bräutigam sei. Sie betrachtete ihn mit Wohlgefallen, und da er schön war wie der Glanz des Mondes, so entflammte er alsbald ihr Herz zu heißer Liebe. Sie plauderten traulich und scherzten miteinander. Plötzlich erwachten jedoch die vier Sklavinnen und riefen, als sie den fremden Mann neben ihrer Gebieterin erblickten: »Wer ist dieser Jüngling, der hier bei dir weilt, o Herrin?« Die Prinzessin erwiderte: »Ich weiß es nicht. Als ich erwachte, sah ich ihn neben mir stehen. Ohne Zweifel ist er mein Verlobter.« Die Sklavinnen aber sprachen: »Beim allmächtigen Gott! Wehe dir! Dein Verlobter kann nicht einmal der Diener dieses Mannes sein!« und sogleich liefen sie zu dem schnarchenden Sklaven, rüttelten ihn, daß er erwachte, und riefen: »Beschirmst du das Schloß so schlecht, daß du nicht siehst, wenn fremde Leute hier eindringen, während wir ruhen?« Bei diesen Worten sprang der Sklave erschrocken in die Höhe und griff nach seinem Schwerte; da er es aber nicht fand, stürzte er voll Angst und Entsetzen hinein zu seiner Herrin. Er sah den Prinzen bei ihr sitzen, lief auf ihn zu und schrie: »Du Dieb! Wie bist du hereingekommen, du Betrüger?« Bei diesen Schimpfworten reckte sich der Prinz empor, packte das Schwert und drang wie ein grimmiger Löwe auf den Sklaven ein; den aber trieb die Furcht, daß er floh und zitternd zu dem Könige eilte und ihm das Vorgefallene meldete. Der König erschrak und zückte in bebender Wut sein Schwert. »Du Hund!« rief er, »was bringst du mir für schlechte Kunde, du Nichtswürdiger!« Der Sklave wich zurück und erwiderte mit leiser Stimme: »Habe Mitleid, hoher Herr! Der Schlaf hatte uns überwältigt; als wir erwachten, erblickten wir einen vornehmen Mann neben meiner Gebieterin; wir wissen nicht, woher er kam, und wie er zu uns hereingedrungen ist.« Der König stürzte mit der Waffe in der Hand zu dem Zimmer seiner Tochter, und als er hereintrat, sah er den Prinzen in vertrautem Gespräch bei der Prinzessin sitzen. Da packte ihn sinnloser Zorn; er hob sein Schwert und wollte den Prinzen erschlagen. Der aber blickte ihm fest ins Auge, streckte ihm sein Schwert entgegen und sprach: »Weiche zurück! Bei Gott, dem Allmächtigen! wäre das Haus nicht heilig durch meinen Eintritt, so würde ich dich zu denen senden, die in der Gruft deiner Väter schlummern.« Der König rief: »Wer bist du, Elender? Wer ist dein Vater, du Niedriggeborener, daß du es wagst, meine Tochter heimtückisch zu überfallen? Ich bin der größte und mächtigste König der Erde, und du führst eine Sprache, als ob ich dein niedrigster Sklave wäre. Du Dieb, ich will dich zum Schrecken aller Welt auf die jammervollste Weise umbringen; das schwöre ich beim erhabenen Gott!« Der Prinz lächelte und sprach: »Herr, du zeigst eine grobe Art und einen recht schwachen Verstand! Denn was nützt es dir, wenn du mich töten läßt? Würde nicht ein Gerede bei allen Leuten umgehen, daß du einen Jüngling bei deiner Tochter gefunden und niedergeschlagen hast? Schmach und Spott würden dir folgen, und niemals wärest du vor Schande sicher. Aber auch wir sind Könige und Söhne von Königen und könnten dich leicht vom Throne stürzen. Doch Gott bewahre dich vor Unheil! Kannst du übrigens der Prinzessin einen bessern Mann wünschen? Wisse: Ich bin Kamr al Akmar, der Sohn des Königs von Persien.« Da fragte ihn der König etwas sanfter: »Warum bist du nicht zu mir gekommen und hast um sie angehalten, wie es die Sitte verlangt?« Der Prinz entgegnete mit ruhiger Stimme: »Was geschehen ist, das ist geschehen! Aber ich will dir einen günstigen Vorschlag machen. Gebiete allen deinen Truppen, sich zu versammeln, und ich will ganz allein gegen sie streiten; wenn ich besiegt werde, so bin ich schuldig, wenn ich sie aber in die Flucht schlage, so wirst du gewiß meine Würde erkennen und mir mit Achtung begegnen. Man kann die Menschen nicht wie Korn mähen und messen.« Der König freute sich im stillen über diese Wendung der Dinge, denn er war sehr in Verlegenheit gewesen, wie er den Fremden töten lassen sollte, ohne sich und seiner Tochter Schimpf und Spott zu bringen. »Dein Vorschlag ist mir angenehm,« antwortete er; und sobald der Tag begann, versammelte er seine Truppen und ließ sie in Schlachtordnung aufstellen. Der Prinz trat in glänzenden Waffen aus dem Schlosse und sprach: »Ich will mein eigenes Roß reiten, bringt es mir von der Terrasse, wo ich es in dieser Nacht angebunden habe!« Die Diener führten das Pferd herbei, und der König bewunderte seine Schönheit und sein künstliches Sattelzeug. Der Prinz stieg auf sein Roß, und sofort umringten ihn die Truppen und drangen auf ihn ein, um ihn zu erschlagen. Schnell rieb der Prinz den Wirbel an der rechten Seite des Pferdes, und augenblicklich stieg es mit ihm in die Luft und schwebte wie ein leichter Vogel. Der König rannte umher und schrie in einem fort: »Tötet ihn doch! Erschlagt ihn!« Aber die entsetzten Soldaten wichen und sagten: »Das ist ein Teufel, beim allmächtigen Gott! Wie sollen wir ihn ergreifen? Dank sei dem Erhabenen, daß er uns von diesem Zauberer befreit hat!« Betrübt und beschämt kehrte der König mit seinen Truppen in das Schloß zurück, er ging sogleich in die Zimmer der Prinzessin und erzählte ihr, was sich zugetragen hatte. Er schalt sehr auf den Prinzen und rief: »Dieser Elende! Daß ihn Gott verdammen möge, den Betrüger, den schändlichen Geist!« Der König wußte freilich nicht, daß seine Tochter in Liebe für den Prinzen entbrannt war. Als er ihre Tränen fließen sah, merkte er wohl, daß er sie schlecht getröstet hatte und verließ sie wieder. Die Prinzessin aber schloß sich ein, wehklagte und konnte nicht essen und trinken und schlafen.
[Illustration: Die ganze Zeit über hatte die Prinzessin den Kampf vom Dach des Palastes aus beobachtet.]
Indessen durchflog der Prinz Kamr al Akmar die Luft mit seinem Pferde, bis er wieder in das Land seines Vaters kam. Er ließ sich vor dem heimatlichen Schlosse nieder und stieg aus dem Sattel. Die Treppe lag mit grauer Asche bestreut, und überall war ein dumpfes Schweigen. Verwundert schritt der Prinz durch die Gemächer und fand dort seine Eltern und seine Schwestern in Trauerkleider gehüllt, bleich, mit tränengeröteten Augen. Sein Vater erblickte ihn zuerst und fiel mit einem lauten Schrei in Ohnmacht; als er wieder zur Besinnung kam, umarmte er seinen Sohn und weinte vor Freude. Die Königin und die Prinzessinnen eilten auf ihn zu, herzten und küßten ihn und fragten, wie es ihm ergangen sei. Er berichtete alles auf das genaueste und vergaß keine Einzelheit. Als er geendet hatte, rief sein Vater: »Es ist kein Heil und kein Schutz, außer bei dem allmächtigen Gotte! Gepriesen sei der Herr, der dich mir wiedergab, du Freude meines Herzens!« Überall in der Stadt war Jubel und Frohlocken; man blies die Trompeten und schlug die Pauken und legte Freudenkleider an; alle Häuser waren festlich geschmückt, und die Großen des Reiches kamen und brachten ihre Glückwünsche dar. Der König aber veranstaltete ein prunkvolles Fest, ließ alle Gefangenen frei und gab sieben Tage und sieben Nächte lang Mahlzeiten, bei denen jeder so viel essen konnte, wie er wollte. Als die Festlichkeiten zu Ende waren und der König mit seinem Sohne bei Tische saß, befahl er einer Sklavin, daß sie ein Lied zur Laute singen möchte. Sie griff in die Saiten und sang mit milder, wohltönender Stimme folgende Verse: »Ich habe dich nicht in der Ferne vergessen! Denn wie könnte ich noch denken, wenn ich dich vergäße? Die Zeit vergeht, aber meine Liebe zu dir ist ewig. Mit dir werde ich sterben, und mit dir werde ich auferstehen.«