Chapter 6 of 14 · 3848 words · ~19 min read

Part 6

Der Prinz aber durchflog mit seiner Geliebten die Luft, bis er zur Hauptstadt seines Vaters gelangte. Er stieg jedoch nicht wieder an dem Lusthause ab, denn er war durch Schaden klug geworden, sondern ließ sich im Schloßgarten seines Vaters nieder. Der König war hochbeglückt über die Ankunft der reizenden Prinzessin und verheiratete sie sogleich mit seinem Sohne. Das ganze Volk freute sich mit ihnen und jubelte, die Häuser waren geschmückt, und alle Großen des Reiches kamen in den Palast und begrüßten die Neuvermählten. König Sabur schickte Boten zu dem Vater der Prinzessin, gab ihnen die prächtigsten Geschenke mit und bat um seine Einwilligung zu der Verbindung. Sieben Tage und sieben Nächte lang dauerten die Lustbarkeiten. Das Zauberpferd aber wurde in der Schatzkammer aufgestellt und sorglich behütet. — Kamr al Akmar folgte seinem Vater in der Herrschaft und regierte noch lange und segensvoll über sein Land, bis ihn der Tod hinwegnahm, der auch die festesten Bande zu lösen vermag.

DIE GESCHICHTE VON CHODADAD UND SEINEN BRÜDERN

In der Stadt Harran herrschte einst ein sehr reicher und mächtiger König, der seine Untertanen ebenso liebte, wie er von ihnen geliebt wurde. Er war sehr weise und tugendsam, und nichts fehlte ihm zu seinem vollkommenen Glücke, als ein Erbe. Er hatte die schönsten und lieblichsten Frauen in seinem Serail, aber er konnte keine Kinder von ihnen erhalten. Täglich bat er den Himmel um seine Gnade, denn er sehnte sich sehr nach einem Sohne. Eines Nachts, als er in sanftem Schlummer lag, erschien ihm ein Mann, der blickte ihn sanft und gütig an, wie ein Heiliger, und sprach zu ihm: »Deine Bitte wird erfüllt; dir ist gewährt, wonach du verlangst. Sobald du erwachst, erhebe dich, sprich dein Gebet und beuge zweimal die Knie; dann gehe hinaus in den Garten deines Schlosses, und laß dir vom Gärtner einen Granatapfel pflücken; iß davon so viele Kerne, als dir beliebt, und deine Wünsche werden erfüllt werden.« — Als der König die Augen aufschlug, erinnerte er sich des verheißungsvollen Traumes, stand auf, verrichtete sein Gebet und dankte dem Himmel inbrünstig für seine Huld. Dann machte er zwei Kniebeugungen, ging in den Garten, nahm fünfzig Körner des Granatapfels und aß sie. Er hatte einen Harem von fünfzig Beischläferinnen, die wurden nun alle guter Hoffnung; eine aber von ihnen, die Piruza hieß, wurde nicht schwanger. Deshalb verabscheute der König sie so, daß er sie umzubringen beschloß. »Gewiß ist sie dem Himmel verhaßt, weil er sie nicht würdig findet, Mutter eines Knaben zu werden,« sprach er bei sich. Er hatte schon den Befehl gegeben, sie zu töten, als sein Wesir ihm sagte, Piruza könne wohl in gesegneten Umständen sein, auch wenn man es nicht deutlich an ihr bemerkte. »So soll sie am Leben bleiben,« entgegnete der König unwirsch. »Aber ich mag sie nicht mehr sehen; ich will, daß sie sogleich mein Schloß verlasse.« Er befolgte den weisen Rat seines Wesirs und schickte Piruza zu seinem Vetter, dem Prinzen Samer von Samarien, mit einem Briefe, in welchem er ihn bat, sie wohl zu empfangen und ihm Nachricht zu geben, falls sie eines Knaben genesen sei.

Piruza war aber noch nicht lange fort, da erhielt der König von seinem Vetter, dem Prinzen Samer, ein Schreiben, das ihm die Geburt eines Sohnes meldete. Der König freute sich sehr darüber und antwortete folgendermaßen: »Lieber Vetter, da alle meine anderen Frauen hier ebenfalls einen Prinzen geboren haben, so haben wir jetzt hier eine so große Menge Kinder, daß ich Dich bitten muß, den Sohn der Piruza aufzuziehen. Nenne ihn Chodadad, und schicke ihn mir zurück, wenn ich Dich darum ersuche.«

Der Fürst Samer sparte nichts, um seinem Neffen eine gute Erziehung angedeihen zu lassen. Er unterwies ihn im Bogenschießen, gab ihm Unterricht im Reiten und lehrte ihn alle Künste, die einem Königssohne zukommen, so daß Chodadad, als er achtzehn Jahre geworden war, mehr als alle seine Altersgenossen galt. Seine Kraft und sein Mut waren außerordentlich, dazu war er herrlich von Angesicht und von würdiger Gestalt. Da der Prinz einen männlichen Mut in sich fühlte, sprach er eines Tages zu seiner Mutter: »Liebe Mutter, ich beginne mich in Samarien zu langweilen; darum beurlaube mich und laß mich hinausziehen auf das Schlachtfeld, wo ich meine Tapferkeit erproben kann, denn ich weiß, daß ich hier niemals Ruhm ernten werde. Der König von Harran, mein Vater, hat viele Feinde, die es danach gelüstet, seinen Frieden zu stören und ihn mit Krieg zu überziehen. Ich wundere mich sehr, daß er mich nicht zu Hilfe ruft. Denn ich bin kein Kind mehr, und es frommt mir nicht, meine Kraft und Tapferkeit zu Hause erlahmen zu lassen. Warum hat er mich nicht schon längst an seinen Hof gezogen? Alle meine Brüder dürfen an seiner Seite kämpfen und dem Feinde entgegenreiten; warum soll ich hier mein Leben müßig versitzen?« Piruza antwortete: »Mein Sohn, die Trennung von dir schmerzt mich sehr; dennoch wünsche auch ich, daß dein Name überall mit Preis und Ruhm genannt werde. Es geziemt dir wohl, dich gegen die Feinde deines Vaters auszuzeichnen, aber du solltest warten, bis er um deine Hilfe ruft.« — »Wahrlich, liebe Mutter,« sprach Chodadad, »schon zu lange habe ich diese Verzögerung ertragen! Ich muß meinen Vater von Angesicht sehen, denn ich brenne vor Verlangen, ihm meine Dienste anzubieten; ich glaube, daß ich sterben werde, wenn ich nicht zu ihm eile und ihm die Füße küsse. Als ein Fremdling und ein Unbekannter will ich in sein Heer eintreten, und er wird ohne Zweifel mein Anerbieten nicht verschmähen. Mit Kraft und Ausdauer will ich ihm auf allen Feldzügen folgen, damit ich seine Achtung verdienen und ihm beweisen kann, daß ich wirklich sein Sohn und seiner würdig bin.« Der Fürst Samer aber verweigerte seine Einwilligung und wollte nicht dulden, daß Chodadad ohne Befehl des Königs aufbräche; der aber machte sich eines Tages auf den Weg unter dem Vorwande, er wolle auf die Jagd reiten. Er schwang sich auf ein weißes Roß, dessen Zügel und Hufbeschläge von Golde blinkten. Decke und Sattel waren aus blauem Atlas, mit Edelsteinen geziert und mit köstlichen Perlen. Er trug einen Säbel mit einem Griffe, der aus einem einzigen Diamanten bestand, und die Scheide aus Sandelholz war mit Rubinen und Smaragden eingelegt und haftete an einem edelsteinblitzenden Gürtel. Über seiner Schulter hing ein Bogen und ein Köcher, der ganz in Silber getrieben war. In dieser herrlichen Ausrüstung, geleitet von seinen Freunden, traf er in der Stadt Harran glücklich ein. Es gelang ihm auch bald, sich dem Könige vorzustellen. Der Sultan war entzückt von der Schönheit und dem stattlichen Wuchse des jungen Unbekannten und erwiderte gar gnädig seinen Gruß; vielleicht auch war es die Macht des Blutes, die sein Herz für diesen Jüngling wärmer schlagen ließ, — jedenfalls rief er ihn voll Huld an seine Seite und fragte ihn nach Stand und Namen. Chodadad neigte sich tief zur Erde und sprach: »Hoher Herr, ich bin der Sohn eines Emirs in Kairo; Reiselust und die Sehnsucht nach fremden Ländern trieben mich aus meinem Vaterlande; lange bin ich umhergezogen, bis mir neulich die Kunde wurde, daß deine Nachbarn dich mit Krieg überziehen wollen; sofort eilte ich an deinen Hof, denn es gelüstet mich sehr, dir meine Dienste anzubieten und meinen Mut zu beweisen.« Der König freute sich über diese mutigen und heldenhaften Worte und ernannte ihn sogleich zu einem Befehlshaber in seinem Heere.

Der junge Prinz überwachte die Truppen des Königs aufs sorgfältigste und erwarb sich schnell die Achtung der Hauptleute und die Bewunderung und Zuneigung der Soldaten, denn er war milde und gütig zu ihnen und hielt sie alle in Gehorsam und strenger Zucht. Der König war entzückt, als er sein Heer in so trefflichem Zustand erblickte, und machte Chodadad zu seinem besondern Günstling; alle Emire und Wesire und die übrigen Höflinge bewarben sich um sein Wohlwollen und zeigten ihm, welch hohe Achtung sie ihm, dem Fremdling, entgegenbrachten. Die anderen Prinzen aber sahen dies nur mit Neid, und ihr Herz entbrannte in Ärger und Haß, weil sie vor dem Unbekannten an Bedeutung und Ansehen verloren. Der König dagegen freute sich von Tag zu Tag mehr über die kluge und einsichtige Rede und den Verstand und Geist seines Günstlings, so daß er ihn immer um sich haben wollte und ihm schließlich sogar die Erziehung und Aufsicht über die andern neunundvierzig Prinzen anvertraute, trotzdem Chodadad im gleichen Alter wie seine Brüder war. Ihr Haß wuchs durch diese Maßnahme des Vaters nur um so heftiger, und eines Tages traten sie zusammen und berieten sich: »Wie ist es möglich, daß unser Vater diesen Fremdling mehr liebt, als uns, und ihn sogar zu unserm Erzieher einsetzt? Wir müssen uns seinen Befehlen unterwerfen und dürfen nichts ohne seine Erlaubnis tun. Wahrlich, dieser Zwang ist unerträglich; wir müssen trachten, uns von ihm frei zu machen! Laßt uns darüber nachdenken, wie wir uns dieses unbequemen Hofmeisters auf die beste Art entledigen können.« Einer von ihnen meinte: »Wollen wir uns nicht vereinigen und ihn alle zusammen an einem einsamen Orte totschlagen?« Ein anderer wandte dagegen ein: »Nein! wenn wir ihn erschlügen, würden wir uns selbst zu Fall bringen, denn wir könnten unser Tun vor dem Könige nicht geheimhalten; er würde uns mit seinem Haß verfolgen und uns gewiß alle des Thrones für verlustig erklären. Ich habe einen andern Rat. Laßt uns zu einer List greifen. Wir wollen darum bitten, auf die Jagd reiten zu dürfen; wenn wir weit genug vom Palaste entfernt sind, dann wollen wir in irgendeiner Stadt bleiben und uns dort eine geraume Zeit aufhalten. Sicherlich wird dann der König über unsre Abwesenheit verwundert sein und sich grämen; und wenn wir nicht mehr zurückkehren, wird er Argwohn hegen und die Geduld verlieren und dann unsern Peiniger gewiß fortjagen oder töten lassen. Dies scheint mir der sicherste Weg zu sein, um den Verhaßten aus dem Wege zu räumen.«

Dieser Vorschlag wurde allgemein anerkannt und fand ungeteilten Beifall. Die Brüder gingen nun zu Chodadad und ersuchten ihn darum, auf die Jagd ziehen zu dürfen, zugleich versprachen sie, mit Sonnenuntergang desselben Tages zurückzukommen. Er ging auch in die Schlinge und gewährte ihnen ihre Bitte. Sie ritten fort, kehrten aber weder an diesem, noch am nächsten Tage ins Schloß zurück. Drei Tage waren vergangen, da wurde der König unruhig und fragte Chodadad: »Ich vermisse die Prinzen sehr; warum zeigt sich keiner vor meinem Throne?« — »Erhabener Herr,« erwiderte dieser, »sie baten mich darum, auf die Jagd reiten zu dürfen; aber sie versprachen mir, bald heimzukehren, und ich bin selbst in Sorge, weil sie ihr Wort nicht gehalten haben.« Der König war ratlos, und seine Unruhe wuchs. Als auch der folgende Tag verstrich und die Prinzen nicht erschienen, konnte er seine Wut kaum zurückhalten und sprach zu Chodadad in hellem Zorne: »Nachlässiger Fremdling, wie konntest du so verwegen sein und meine Söhne allein zur Jagd reiten lassen, ohne sie zu begleiten? Wahrlich, du verwaltest das Ehrenamt schlecht, das ich dir anvertraut habe! Mache dich sogleich auf und suche sie; wenn du sie aber nicht zurückbringst, so werde ich dich des schrecklichsten Todes erbleichen lassen!« Bei diesen Worten erschauderte Chodadad und erschrak sehr; auf der Stelle schwang er sich auf sein Roß und ritt zur Stadt hinaus, um nach den Verlorenen zu forschen. Gleich einem Hirten, dessen Herde sich verirrt hat, zog er von Land zu Land, durchstreifte alle Gefilde und fragte in allen Dörfern; aber weder in der Wüste, noch in den Städten konnte er eine Spur von den Prinzen finden. Da wurde er sehr traurig und rief in heftiger Bekümmernis: »O meine Brüder, wohin seid ihr verschlagen? Hat euch ein grimmiger Feind erbeutet, oder ist euch ein anderes Unglück widerfahren? Niemals kann ich an den Hof von Harran zurückkehren, denn der König wird vor Herzeleid und Verdruß mir seine Gnade gewiß nie wieder zuwenden.« Er fand keinen Trost darüber und bereute bitterlich, daß er die Prinzen ohne seine Begleitung hatte auf die Jagd ziehen lassen.

Schon lange war er von Feld zu Feld und Wald zu Wald gezogen, als er an eine sehr große und weite Ebene gelangte, in deren Mitte ein riesiger Palast aus schwarzem Marmor stand. Langsam und vorsichtig ritt er darauf zu und erblickte an einem Fenster ein Fräulein von wunderbarer Schönheit, das mit keinen anderen Reizen, als mit ihrer eigenen Lieblichkeit geschmückt war; denn ihre Kleider waren zerrissen, ihre Haare hingen gelöst und verwirrt, und auf ihrem Gesicht lagen die Züge tiefster Kümmernis und nagender Trauer. Als Chodadad so nahe herangekommen war, daß er ihre Worte hören konnte, vernahm er folgende Warnung: »Fliehe vor diesem verhängnisvollen Palaste, Jüngling, sonst wirst du in die Hände des Ungeheuers fallen, das hier wohnt! Ein schwarzer Menschenfresser haust in diesen Räumen; er ergreift alle Leute, welche das Unglück in diese Ebene geschickt hat, und sperrt sie in finstere, enge Kerker ein und befreit sie nur, wenn er sie auffressen will.« Chodadad verwunderte sich über diese Rede und rief: »Sage mir, Herrin, wer du bist und woher du stammst! Wegen mir sei unbesorgt.« Sie erwiderte: »Ich stamme aus einem edlen Hause und bin aus Kairo gebürtig; neulich, als ich auf einer Reise nach Bagdad in diese Ebene kam und an dem Schlosse vorbeizog, begegnete mir der Abessinier, erschlug alle meine Leute und schleppte mich in diesen Palast, wo er mich jetzt in Gewahrsam hält. Ich fürchte den Tod nicht, aber ein gräßliches Unglück steht mir noch bevor; denn dieses Scheusal verlangt von mir, daß ich mich seinen unreinen Liebkosungen ergeben soll! Wenn ich mich ihm morgen nicht willfährig zeige und mich seinen rohen Lüsten nicht ausliefere, wird er mich schänden und mir Gewalt antun. Eile von hinnen und rette dich, ehe der Schwarze zurückkommt! Er ist vorhin ausgegangen, um einige Wanderer zu verfolgen und wird bald heimkehren. Du darfst keine Zeit verlieren, denn das Ungeheuer sieht weit und breit, wer durch die Ebene zieht, und wird dich gewiß fangen und in eine dunkle Zelle werfen.«

Kaum hatte die Jungfrau diese Worte gesprochen, als der Abessinier erschien; er war riesengroß und hatte furchtbare Züge, ritt auf einem mächtigen tatarischen Pferde und trug ein breites, langes Schwert, das niemand schwingen konnte, außer ihm. Der Prinz Chodadad entsetzte sich gewaltig über diese Erscheinung, und sein Herz krampfte sich zusammen; er betete leise und empfahl sich dem Schutze Gottes. Dann zog er sein Schwert und erwartete mutig und unerschrocken den Abessinier, welcher seinen Gegner für so schwach hielt, daß er ihm zurief, er möge sich ohne Widerrede ergeben, denn er wolle ihn lebendig fangen. Chodadad aber war entschlossen, um sein Leben zu kämpfen, sprengte auf ihn zu, packte seine Klinge und versetzte dem Schwarzen einen so kraftvollen Hieb in das Knie, daß er ein lautes Geschrei erhob und vor Wut schäumte, so daß die ganze Ebene von seinem Geheul erscholl. Rasend vor Schmerz, erhob sich der Schwarze in seinen Steigbügeln und ließ sein Schwert herabsausen, um Chodadad mit einem einzigen Streiche zu Boden zu schlagen.

Der Prinz wäre wie Gurke gespalten worden, wenn er nicht seine Geschicklichkeit gezeigt hätte; aber mit einer gewandten Schwenkung seines Rosses wich er dem Hiebe aus und versetzte selbst dem Mohren einen zweiten Streich von solcher Gewalt, daß er ihm die rechte Hand abhieb, die den Schwertgriff gepackt hielt. Die Klinge fiel zugleich mit der Faust zu Boden, und der Schwarze war von der Heftigkeit des Schlages so erschüttert, daß er das Gleichgewicht verlor und aus dem Sattel sank, so daß die Erde weithin von dem Anprall erdröhnte. Behende schwang sich der Prinz von seinem Pferde, trennte den Kopf des Feindes vom Rumpfe und warf ihn in großem Bogen über das Feld. Das Fräulein hatte aus dem Fenster dem furchtbaren Kampfe zugeschaut und fortwährend innige Gebete für den tapfern Jüngling zum Himmel emporgeschickt; als sie den Fall des Ungetüms erblickte, schrie sie laut auf vor Überraschung und Entzücken und rief dem Prinzen zu: »Preis und Ehre sei dem allmächtigen Gott, der dir die Kraft und den Mut verliehen hat, dieses Ungeheuer zu vernichten: Wahrlich, nur bei Allah ist Schutz und Hilfe! Nun aber gehe hin zu dem Abessinier, und nimm die Schlüssel zum Palaste, die er bei sich trägt; öffne das Tor und befreie mich aus meinem Kerker!« Chodadad folgte ihren Worten und fand die Schlüssel am Gürtel des Erschlagenen, dann öffnete er die Pforte und trat in einen großen Saal, wo er das Fräulein antraf, daß ihm voll Jubel entgegeneilte. Sie wollte sich ihm aus Dankbarkeit zu Füßen werfen, doch er hinderte sie daran. Sie pries ihn wegen seines Mutes und erhob ihn über alle Helden der Erde; er aber erwiderte ihren Gruß und ihre Höflichkeit, denn er sah, daß sie in der Nähe noch reizender und liebenswürdiger war, als von ferne. Darum freute sich der Prinz ebensosehr über ihre Befreiung, als darüber, daß er sich dem schönen Mädchen hatte gefällig erweisen können; er setzte sich zu ihr, rastete und plauderte mit ihr.

Plötzlich vernahm Chodadad Schreien und Jammern und Stöhnen und fragte das Mädchen erstaunt und erschrocken: »Woher kommen diese kläglichen Töne, die an mein Ohr dringen?« Sie deutete mit dem Finger auf eine niedrige Pforte in der Ecke des Hofes und sagte: »Mein Prinz, von dorther klingt das Geschrei. Dort härmen sich viele Elende in ihrem Kerker, die das Unglück in die Klauen dieses Ungeheuers fallen ließ; der Schwarze fesselte sie und warf sie ins Gefängnis, damit er jeden Tag einen von ihnen braten und fressen könnte.« Der Prinz freute sich über diese Kunde, und seine Augen leuchteten. »Wie glücklich bin ich,« rief er aus, »daß ich diesen Unglücklichen das Leben wiedergeben kann! Komm, Herrin, und zeige mir den Weg zu ihren Zellen; du wirst gewiß meine Freude teilen, da du selbst dem Unheil entronnen bist, das dir täglich drohte.« Sie näherten sich zusammen den Kerkertüren, und immer lauter wurde das Kreischen und Weinen der Gefangenen, so daß Chodadad erschauderte. Eilends stieß er einen der Schlüssel in das Schloß, aber er hatte nicht den rechten gefaßt und mußte einen andern nehmen; mit dem öffnete er hastig das Tor. Da die Unglücklichen das Rasseln der Schlüssel vernahmen, glaubten sie, daß der Mohr zu ihnen herabsteige, um ihnen wie gewöhnlich Speise zu bringen und sich einen von ihnen zur Nachtmahlzeit auszusuchen; jeder fürchtete, daß die Reihe an ihn käme, und so wuchs das Gestöhn und Geschrei, daß es klang, als ob aus dem Mittelpunkte der Erde unaufhörlich Seufzer und Klagelaute herauftönten.

Als der Prinz die Türe geöffnet hatte, fand er eine sehr steile und tiefe Treppe, auf welcher er in eine finstere und feuchte Höhle hinabklomm; darin waren mehr als hundert Menschen mit gefesselten Gliedern an Pfähle festgebunden; durch ein kleines rundes Loch schien das spärliche Licht des Tages herein. Er rief ihnen zu: »Ihr armen Unglücklichen, fürchtet euch nicht mehr, denn ich habe das Ungeheuer erschlagen; preiset mit mir den erhabenen Allah, der euch durch meinen Arm erlöst hat! Ich komme, um euch die Fesseln abzunehmen und euch die Freiheit wiederzugeben.« Als die Gefangenen diese frohe Kunde hörten, erhoben sie vor Seligkeit und Entzücken ein lautes Geschrei. Chodadad und das Mädchen begannen nun, die Eingesperrten loszubinden, so daß sie bald alle ihrer Fesseln ledig waren. Sie küßten Chodadad die Füße, dankten ihm und stiegen mit ihm aus der tiefen Grube ans Licht herauf. Wie verwunderte sich Chodadad, als sie in den besonnten Hof traten und er unter den Gefangenen auch seine Brüder erkannte, die zu finden er so lange umhergeirrt war! Rief Chodadad: »Ruhm und Preis sei dem Herrn, daß ihr mir wiedergegeben seid! Täuschen mich meine Augen nicht? Seid ihr es, liebe Prinzen? Der König, euer Vater, trauert sehr und härmt sich über euer Ausbleiben; wie froh bin ich, daß ich euch meinem edlen Herrn zurückführen kann!« Die neunundvierzig Prinzen umarmten ihren Erretter und dankten ihm im Übermaße des Glückes; dann erzählten sie ihm, auf welche Weise sie in die Gewalt des grausamen Abessiniers gefallen waren. Chodadad bereitete allen Gefangenen ein Gastmahl, dann durchforschte er mit ihnen den Palast und entdeckte untermeßliche Schätze: chinesische Seidenstoffe, Atlas, Brokat, Gold und Silber und unzählige Warenstücke, welche der Mohr den Karawanen nach und nach geraubt hatte. Der Prinz forderte nun einen jeden auf, sein Eigentum zu suchen und wieder an sich zu nehmen, und was noch übrigblieb, das verteilte er zu gleichen Teilen unter sie alle. Dann sagte er zu ihnen: »Wie aber wollt ihr eure Ballen fortbringen, da wir hier in der Wüste sind und keine Lasttiere finden?« Sie antworteten: »Herr, der Abessinier hat uns mitsamt unseren Waren auch unsere Kamele geraubt; sicherlich stehen sie noch in den Ställen dieses Schlosses.« Sie begaben sich in die Stallungen und fanden nicht nur die Kamele der Kaufleute, sondern auch die neunundvierzig Pferde der Prinzen, die dort angebunden waren. In den Ställen hockten aber auch viele abessinische Sklaven; als sie sahen, daß die Gefangenen alle befreit waren, wußten sie, daß ihr Herr tot war und flohen vor Schrecken auf geheimen Wegen hinaus in den Wald; und keiner dachte daran, sie zu verfolgen. Die Kaufleute packten ihre Waren voll Freude auf die Rücken der Kamele, dankten dem Prinzen nochmals, wünschten ihm Glück und Segen und machten sich alsbald auf den Heimweg. Lange blickte ihnen Chodadad in Gedanken versunken nach, bis sie fern in der flimmernden Wüste verschwunden waren; dann wandte er sich an das Fräulein und sprach zu ihr: »Edle und schöne Dame, sag mir, woher du kamst, als der Abessinier dich überfiel, und wohin du jetzt zu reisen gedenkst. Ich will dich wieder in deine Heimat führen, und ohne Zweifel werden alle diese Prinzen dir gern das Geleit geben.«

»Mein Retter,« entgegnete das Fräulein, »ich stamme aus einem fernen Lande, ich lebe in Ägypten, und der Weg ist so weit, daß ich dein Anerbieten abweisen muß, um deine Großmut nicht länger zu mißbrauchen. Vorhin sagte ich dir, ich sei ein Mädchen aus Kairo; aber da du mir das Leben gerettet und mir so viel Edles erwiesen hast, wäre es undankbar und stünde es mir übel an, wenn ich dir meine Geschichte länger verhehlen wollte. Ich bin die Tochter eines weitbekannten Königs, der über Said regiert; ein Räuber bemächtigte sich seines Thrones und nahm ihm das Leben; da entfloh ich, um meine Ehre zu retten.« Nach diesen Worten baten Chodadad und seine Brüder die Prinzessin, ihnen ihre Geschichte zu erzählen und was ihr widerfahren sei, und sprachen zu ihr: »Wir werden alles aufbieten, damit du hinfort in Glück und Wohlstand leben kannst, denn wir wollen dich schützen und dir dein Reich wieder gewinnen helfen.« Als sie sah, daß sie die Neugierde der Brüder befriedigen mußte, begann sie mit folgenden Worten:

GESCHICHTE DES PRINZEN ACHMED UND DER FEE PARI BANU

Es war einmal ein Sultan, welcher nach einer vieljährigen friedlichen Regierung im Alter die Freude hatte, zu sehen, daß seine drei Prinzen, als würdige Nachahmer seiner Tugenden, nebst einer Prinzessin, die seine Nichte war, die Zierde seines Hofes ausmachten. Der älteste von diesen Prinzen hieß Hussain, der zweite Aly, der jüngste Achmed und seine Nichte Nurunnihar.

Die Prinzessin Nurunnihar war die Tochter des jüngsten Bruders des Sultans, der schon wenige Jahre nach seiner Vermählung gestorben war und sie als zarte Waise zurückgelassen hatte. Mit einer unvergleichlichen Schönheit und mit allen Vollkommenheiten des Körpers verband die Prinzessin einen ebenso außerordentlichen Verstand, und ihre fleckenlose Tugend zeichnete sie unter allen Prinzessinnen ihrer Zeit aus.