Part 8
Der Versuch glückte, und der Prinz erwartete nun, nachdem er die vierzig Beutel dem Ausrufer, der ihm den künstlichen Apfel überließ, bar ausgezahlt hatte, mit Ungeduld den Abgang der ersten besten Karawane, um nach Indien zurückzukehren. Er benutzte die Zwischenzeit unterdes, um in Samarkand und dessen Umgebung alles zu besehen, was irgend seine Neugierde reizte, besonders das Tal Sogd, welches von dem gleichnamigen Flusse seinen Namen hat, und das die Araber wegen der Schönheit seiner Gefilde und seiner Gärten und Paläste, sowie auch wegen seines Überflusses an Früchten aller Art und wegen der Annehmlichkeiten, welche man da während der schönen Jahreszeit genießt, für eines der vier Paradiese der Welt halten. Dann reiste er ab, und ungeachtet der Unbequemlichkeiten, die bei einer langen Reise unvermeidlich sind, gelangte er dennoch bei vollkommener Gesundheit in der Herberge an, wo die Prinzen Hussain und Aly ihn erwarteten.
Prinz Aly, welcher etwas früher als Prinz Achmed dort eingetroffen war, hatte den Prinzen Hussain, welcher zuerst angekommen war, gefragt, wie lange er schon da sei. Und als er erfuhr, daß es fast schon drei Monate her wäre, hatte er zu ihm gesagt: »Du mußt also wohl nicht weit gewesen sein.«
»Ich will jetzt,« erwiderte Prinz Hussain, »von dem Orte, wo ich gewesen bin, weiter nichts sagen; allein ich kann dir versichern, daß ich mehr als drei Monate gebraucht habe, um hinzukommen.«
»Wenn das der Fall ist,« sagte darauf der Prinz Aly, »so mußt du dich sehr kurze Zeit da aufgehalten haben.«
»Mein Bruder,« antwortete ihm der Prinz Hussain, »du täuschest dich. Mein Aufenthalt daselbst währte länger als vier bis fünf Monate, und es hing bloß von mir ab, ihn noch zu verlängern.«
»Wofern du nicht etwa zurückgeflogen bist,« erwiderte darauf Prinz Aly, »begreife ich nicht, wie es schon drei Monate her sein kann, daß du hier bist, wie du mich überreden willst.«
»Ich habe dir die Wahrheit gesagt,« fuhr der Prinz Hussain fort, »und das Rätsel werde ich dir erst bei Ankunft unseres Bruders Achmed lösen, wo ich dir sogleich sagen werde, welche Seltenheit ich von meiner Reise mitgebracht habe. Was dich betrifft, so weiß ich nicht, was du mitgebracht hast, aber es mag wohl eben nichts Bedeutendes sein; ich sehe nicht, daß dein Reisegepäck ansehnlicher und größer geworden wäre.«
»Und was dich betrifft,« erwiderte der Prinz Aly, »so kommt es mir vor, daß, wenn ich den unscheinbaren Teppich ausnehme, womit dein Sofa überdeckt ist, ich deinen Spott durch einen gleichen erwidern könnte. Indes, da du, wie es scheint, aus der mitgebrachten Seltenheit ein Geheimnis machen willst, so wirst du es mir nicht übelnehmen, wenn ich es ebenso in Hinsicht auf die meinige mache.«
Der Prinz antwortete: »Ich setze die Seltenheit, welche ich mitgebracht, so weit über jede andere, von welcher Art sie auch sein mag, daß ich sie dir ohne Schwierigkeiten zeigen und dich durch eine nähere Angabe ihres Wertes leicht dahin bringen würde, mit mir übereinzustimmen, ohne zu fürchten, daß die, welche du vielleicht mitgebracht, ihr vorgezogen werden könnte. Doch es ist am passendsten, daß wir erst die Ankunft unseres Bruders Achmed abwarten; dann können wir mit mehr Rücksicht und Anstand uns einander das Glück mitteilen, das uns zuteil geworden ist.«
Prinz Aly wollte sich mit dem Prinzen Hussain nicht weiter wegen des Vorzugs der von ihm mitgebrachten Seltenheit in Streit einlassen, und so verabredete er mit ihm, mit dem Vorzeigen bis zur Ankunft des Prinzen Achmed zu warten.
Als der Prinz Achmed bei seinen beiden Brüdern wieder eingetroffen war und sie sich einander zärtlich umarmt und sich zu dem glücklichen Wiedersehen an diesem Orte Glück gewünscht hatten, nahm Prinz Hussain als der älteste das Wort und sagte:
»Meine Brüder, wir werden noch Zeit genug übrig haben, um uns von den einzelnen Umständen unserer gegenseitigen Reisen zu unterhalten. Für jetzt wollen wir davon reden, was uns zu wissen am wichtigsten ist, und wollen uns nicht verhehlen, was wir mitgebracht. Und indem wir es uns gegenseitig vorzeigen, wollen wir im voraus jedem sein Recht widerfahren lassen und zusehen, welchem von uns wohl der Sultan, unser Vater, den Vorzug erteilen könnte.«
»Um euch mit gutem Beispiel voranzugehen,« fuhr Prinz Hussain fort, »will ich euch nur sagen, daß die Seltenheit, die ich von meiner Reise in das Königreich Bisnagar mitgebracht, in dem Teppich besteht, worauf ich sitze. Es ist freilich ein sehr gewöhnlicher und unscheinbarer, wie ihr seht; doch wenn ich euch seine Eigenschaft auseinandergesetzt habe, werdet ihr euch um so mehr wundern, da ihr wohl nie von etwas Ähnlichem der Art gehört habt, wie ihr selbst eingestehen werdet. Wenn man sich, wie wir jetzt, darauf setzt und an irgendeinen Ort hin versetzt zu werden wünscht, wie entfernt er auch sein mag, so ist man fast in einem Augenblicke da. Ich habe es selber versucht, ehe ich die vierzig Beutel, die er mich kostet, bezahlte, und habe es nicht bereut. Als ich meine Neugierde am Hofe und im ganzen Königreiche Bisnagar befriedigt hatte und heimkehren wollte, bediente ich mich keines Fahrzeugs weiter als dieses Wunderteppichs, um sowohl mich hierher zurückzubringen, als auch meinen Reisegefährten, der euch sagen wird, wieviel Zeit ich gebraucht habe, um hierher zu gelangen. Ich werde euch beiden, sobald ihr es nur haben wollt, eine Probe davon zeigen. Ich erwarte nun, daß ihr mir sagt, ob das, was ihr mitgebracht habt, mit meinem Teppich irgendwie verglichen werden kann.«
Prinz Hussain hörte mit diesen Worten auf, seinen Teppich anzupreisen, und Prinz Aly nahm das Wort und sprach:
»Mein Bruder, man muß gestehen, daß dein Teppich eines der wunderbarsten Dinge ist, die man sich nur denken kann, wenn er wirklich, wie ich nicht zweifle, die Eigenschaft besitzt, die du von ihm ausgesagt hast. Indes, du wirst zugeben, daß es noch andere Dinge geben kann, die, wenn auch nicht noch mehr, doch wenigstens ebenso wunderbar in ihrer Art sind, und um dich zu dieser Ansicht zu bekehren, — fuhr er fort, — so ist zum Beispiel dies elfenbeinerne Rohr hier, so gut wie dein Teppich, eine Seltenheit, die alle Aufmerksamkeit verdient. Ich habe sie minder teuer gekauft, als du deinen Teppich, und ich bin mit meinem Kauf nicht minder zufrieden, als du mit dem deinigen. Wenn man nämlich in das eine Ende hineinsieht, so erblickt man alles, was man nur irgend wünscht. Du darfst mir nicht auf mein bloßes Wort glauben,« fügte der Prinz Aly hinzu, indem er ihm das Rohr überreichte, »hier ist es, siehe zu, ob ich dir bloß etwas vorspiegele oder nicht.«
Der Prinz Hussain nahm das elfenbeinerne Rohr aus der Hand des Prinzen Aly, hielt es mit dem von ihm bezeichneten Ende ans Auge und wünschte die Prinzessin Nurunnihar zu sehen und zu erfahren, wie sie sich befinde. Der Prinz Aly und der Prinz Achmed, welche die Augen auf ihn geheftet hatten, gerieten in das äußerste Erstaunen, als sie ihn plötzlich die Farbe verändern sahen, und zwar auf eine Weise, die die höchste Bestürzung und eine große Betrübnis verriet. Der Prinz Hussain ließ ihnen nicht erst Zeit, um ihn nach der Ursache dieser Erscheinung zu fragen, sondern rief aus:
»Brüder, es ist umsonst, daß wir alle drei eine so beschwerliche Reise unternommen haben, in der Hoffnung, durch den Besitz der reizenden Nurunnihar dafür belohnt zu werden; sie wird binnen wenigen Augenblicken nicht mehr am Leben sein. Ich sah sie eben in ihrem Bette, umgeben von ihren Frauen und Verschnittenen, die alle in Tränen schwammen und jeden Augenblick zu erwarten schienen, daß sie den Geist aufgeben würde. Da nehmt und seht sie selber in diesem traurigen Zustande und vereinigt eure Tränen mit den meinigen.«
Der Prinz Aly nahm das elfenbeinerne Rohr aus der Hand des Prinzen Hussain, sah hinein und gab es, nachdem er zu seinem tiefen Schmerz dasselbe erblickt hatte, an den Prinzen Achmed weiter, damit dieser ebenfalls ein so trauriges und betrübendes Schauspiel, das sie alle drei gleich nahe anging, betrachten möchte.
Als der Prinz Achmed das elfenbeinerne Rohr aus den Händen des Prinzen Aly empfangen und beim Hineinsehen ebenfalls die Prinzessin Nurunnihar dem Tode nahe erblickt hatte, nahm er das Wort und sagte zu den beiden anderen Prinzen:
»Brüder, die Prinzessin Nurunnihar, welche der gemeinsame Gegenstand unserer Wünsche ist, befindet sich wirklich in einem höchst beunruhigenden Zustande, indes, wie es mir scheint, ist es wohl noch möglich, wenn wir nur keine Zeit verlieren, den Tod von ihr fernzuhalten.«
Zugleich zog der Prinz Achmed aus seinem Busen den künstlichen Apfel, den er sich gekauft hatte, zeigte ihn seinen Brüdern und sagte:
»Der Apfel, den ihr hier seht, hat mich nicht weniger gekostet als der Teppich und das elfenbeinerne Rohr, das ein jeder von euch von seiner Reise mitgebracht hat. Um euch nicht länger in gespannter Erwartung zu halten, sage ich euch hiermit, er hat die Kraft, daß jeder Kranke, und läge er auch schon in den letzten Zügen, durch das bloße Daranriechen seine Gesundheit auf der Stelle wiedererlangt. Der Versuch, den ich selber damit angestellt, läßt mich nicht daran zweifeln, und ich kann euch selber die Wirkung desselben an der Prinzessin Nurunnihar zeigen, wenn wir die nötige Eile anwenden, um ihr zu helfen.«
»Wenn dies der Fall ist,« sagte hierauf Prinz Hussain, »können wir nicht schneller dahin kommen, als wenn wir uns vermittelst meines Teppichs augenblicklich in das Zimmer der Prinzessin hinversetzen. Laßt uns keine Zeit verlieren, kommt und setzt euch mit mir hierher, er ist groß genug, um uns alle drei ohne Unbequemlichkeit aufzunehmen; doch vor allen Dingen muß jeder von uns seinem Diener anempfehlen, daß er mit den andern sogleich abreise und uns dort im Palaste aufsuche.«
Als dieser Befehl gegeben worden war, setzten sich die Prinzen Aly und Achmed nebst dem Prinzen Hussain auf den Teppich, und da sie alle drei dasselbe Interesse hatten, wünschten sie sich alle drei, in das Zimmer der Prinzessin Nurunnihar versetzt zu werden. Ihr Wunsch ward erfüllt, und sie wurden so schnell dahingebracht, daß sie es nicht eher merkten, als bis sie an dem erwünschten Ort angelangt waren.
Die unerwartete Erscheinung der drei Prinzen erschreckte die drei Frauen und die Verschnittenen der Prinzessin, welche nicht begreifen konnten, durch welche Zauberei auf einmal drei Männer in ihrer Mitte erschienen. Sie erkannten sie sogar anfangs nicht einmal, und die Verschnittenen waren schon im Begriff, auf sie loszustürzen, als auf Leute, die sich an einen Ort eingedrängt hatten, wohin sie nicht gehörten; allein sie kamen sehr bald von ihrem Irrtum zurück und erkannten die Prinzen.
Kaum sah sich Prinz Achmed in dem Zimmer der sterbenden Nurunnihar, als er nebst seinen Brüdern von dem Teppich aufstand, sich ihrem Bette näherte und ihr den Wunderapfel vor die Nase hielt. Einige Augenblicke später schlug die Prinzessin die Augen auf, wandte den Kopf nach beiden Seiten, sah die Umstehenden an, setzte sich dann aufrecht und verlangte angekleidet zu werden, und zwar mit derselben Unbefangenheit, als ob sie bloß von einem langen Schlaf erwache.
Während sich die Prinzessin ankleidete, gingen die Prinzen von ihr aus zu ihrem Vater, um sich ihm zu Füßen zu werfen und ihm ihre Ehrerbietung zu bezeigen. Als sie vor ihm erschienen, fanden sie, daß der Oberaufseher der Verschnittenen der Prinzessin ihnen bereits zuvorgekommen war und ihm ihre unvermutete Ankunft und die durch sie erfolgte vollständige Heilung der Prinzessin gemeldet hatte. Der Sultan umarmte sie um so freudiger, da er in dem Augenblick, wo er sie wiedersah, auch zugleich erfuhr, daß seine Nichte, die er wie seine eigne Tochter liebte, nachdem sie von den Ärzten bereits aufgegeben worden, auf eine so wunderbare Weise ihre Gesundheit wiedererhalten habe. Nach den Begrüßungen zeigte ihm jeder der Prinzen die mitgebrachte Seltenheit vor: der Prinz Hussain seinen Teppich, der Prinz Aly das elfenbeinerne Rohr und der Prinz Achmed den künstlichen Apfel. Nachdem jeder das Seinige gepriesen, händigten sie ihm der Reihe nach alle drei Stücke ein und baten ihn, zu entscheiden, welchem von den drei Stücken er den Vorzug erteile und welchem von ihnen er, seinem Versprechen gemäß, die Prinzessin Nurunnihar zur Gemahlin gebe.
Nachdem der Sultan von Indien wohlwollend alles, was ihm jeder der Prinzen zum Lobe der von ihm mitgebrachten Seltenheit gesagt hatte, angehört und sich nach allem, was bei der Heilung der Prinzessin Nurunnihar vorgegangen, erkundigt hatte, schwieg er eine Weile still, als überlegte er, was er ihnen antworten solle. Endlich unterbrach er dieses Schweigen und hielt folgende sehr weise Rede an sie:
»Meine Kinder, ich würde sehr gern einen unter euch nennen, wenn ich es mit voller Gerechtigkeit tun könnte; allein überlegt selber, ob ich es kann. Dir, o Achmed, und deinem künstlichen Apfel verdankt freilich meine Nichte ihre Heilung; aber ich frage dich selber, würdest du sie haben bewirken können, wenn nicht zuvor das elfenbeinerne Rohr Alys dir Gelegenheit gegeben hätte, die Gefahr kennen zu lernen, in der sie schwebte, und wenn nicht der Teppich Hussains dir seine Dienste geleistet hätte, um ihr schnell zu Hilfe eilen zu können? Dein elfenbeinernes Rohr, o Aly, hat wiederum dazu gedient, dir und deinen Brüdern zu zeigen, daß ihr auf dem Punkte standet, die Prinzessin zu verlieren. Doch mußt du auch gestehen, daß dir deine Kenntnis für die Erreichung deines Zwecks nichts genützt hätte, wenn nicht der Teppich und der künstliche Apfel gewesen wären. Und was dich, Hussain, betrifft, würde die Prinzessin sehr undankbar sein, wenn sie dir nicht wegen des Teppichs, der zur Bewirkung ihrer Wiederherstellung so nötig gewesen, vielen Dank wissen sollte; allein bedenke selbst, daß er dir hierzu von gar keinem Nutzen gewesen sein würde, wenn du nicht durch das elfenbeinerne Rohr Alys ihre Krankheit erfahren und Achmed nicht seinen Wunderapfel zu ihrer Heilung angewendet hätte. Da nun also weder der Teppich, noch das elfenbeinerne Rohr, noch der künstliche Apfel irgend einem von euch einen Vorzug vor dem andern geben, sondern vielmehr euch alle einander gleichstellen, und da ich die Prinzessin Nurunnihar doch nur einem einzigen geben kann, so seht ihr selber, daß die einzige Frucht, die ihr von euren Reisen geerntet habt, in dem Ruhm besteht, daß ihr alle auf gleiche Weise zur Herstellung ihrer Gesundheit beigetragen habt.«
»Wenn dies nun so ist,« fuhr der Sultan fort, »so seht ihr zugleich ein, daß ich zu einem andern Mittel meine Zuflucht nehmen muß, um mich über die Wahl, die ich unter euch treffen soll, bestimmt zu entscheiden. Geht und nehmt ein jeder einen Bogen und einen Pfeil, und begebt euch aus der Stadt hinaus auf die große Ebene, wo die Pferde zugeritten werden; ich werde mich auch dahin begeben, und ich erkläre, daß ich die Prinzessin Nurunnihar demjenigen zur Gemahlin geben werde, welcher am weitesten schießen wird.«
Die drei Prinzen wußten gegen diese Entscheidung des Sultans nichts einzuwenden. Als sie sich von ihm entfernt hatten, verschaffte man jedem von ihnen einen Bogen und einen Pfeil, und dann gingen sie, von einer unzähligen Menge Volk begleitet, auf die Ebene hinaus, wo die Pferde zugeritten wurden.
Der Sultan ließ nicht lange auf sich warten. Sobald er angekommen war, nahm Prinz Hussain, als der älteste, Pfeil und Bogen und schoß zuerst. Darauf schoß Prinz Aly, und man sah seinen Pfeil viel weiter fliegen und niederfallen als den des Prinzen Hussain. Der Prinz Achmed schoß zuletzt. Aber man verlor seinen Pfeil aus dem Gesicht, und niemand sah ihn niederfallen. Man eilte hin, man suchte, allein wieviel Sorgfalt alle und auch der Prinz Achmed selber anwandten, es war nicht möglich, den Pfeil weder in der Nähe, noch in der Ferne aufzufinden. Obwohl man glauben mußte, daß er am weitesten geschossen und folglich verdient habe, daß ihm die Hand der Prinzessin Nurunnihar zugesprochen würde, so war dennoch, um die Sache augenscheinlich und gewiß zu machen, die Auffindung des Pfeiles erforderlich, und der Sultan unterließ daher nicht, ungeachtet aller Gegenvorstellungen Achmeds, sich zugunsten seines Bruders Aly zu entscheiden. Er gab nun sogleich Befehl, daß zu der Hochzeitsfeier die nötigen Anstalten getroffen würden, und wenige Tage darauf ward die Hochzeit mit vielem Glanze gefeiert.
Der Prinz Hussain beehrte das Fest nicht mit seiner Gegenwart. Er empfand im Gegenteil ein so tiefes Mißfallen darüber, daß er den Hof verließ und auf sein Recht der Thronfolge Verzicht leistend, hinging und Derwisch wurde und sich zu einem sehr berühmten Scheich in die Lehre gab, der wegen seines musterhaften Lebenswandels in hohem Ansehen stand und in einer anmutigen Einöde seine und seiner Schüler Wohnungen aufgeschlagen hatte.
Der Prinz Achmed war aus denselben Gründen wie Hussain ebenfalls bei der Hochzeit des Prinzen und der Prinzessin Nurunnihar nicht zugegen; doch er entsagte deshalb nicht der Welt wie jener. Da er gar nicht begreifen konnte, wie der von ihm abgeschossene Pfeil sozusagen unsichtbar geworden sei, entfernte er sich von seinen Leuten, und mit dem Entschlüsse, ihn so eifrig zu suchen, daß er sich nichts vorzuwerfen habe, begab er sich an den Ort, wo die Pfeile der Prinzen Hussain und Aly von der Erde aufgehoben worden waren. Von da ging er in gerader Richtung vorwärts, immer rechts und links blickend. Und ohne zu finden, was er suchte, war er endlich so weit gekommen, daß er seine Mühe für ganz vergeblich hielt. Indes, gleichsam wider seinen Willen weiter fortgezogen, verfolgte er dennoch seinen Weg immer weiter, bis er zu sehr hohen Felsen kam, bei denen er offenbar seitwärts ablenken mußte, wenn er noch weitergehen wollte. Diese Felsen waren außerordentlich steil und lagen in einer öden und unfruchtbaren Gegend, etwa vier Stunden von da entfernt, wo er ausgegangen war.
Als der Prinz Achmed sich diesen Felsen näherte, bemerkte er einen Pfeil, hob ihn auf, betrachtete ihn und sah zu seiner großen Verwunderung, daß es der von ihm abgeschossene war.
»Er ist es wirklich,« sprach er bei sich selbst, »aber weder ich, noch ein Sterblicher auf der ganzen Welt kann die Kraft haben, einen Pfeil so weit zu schießen.«
Da er ihn auf der Erde liegend und nicht mit der Spitze darin fest steckend gefunden hatte, schloß er, daß er an den Felsen geflogen und von da zurückgeprallt sei.
»Es steckt hinter dieser seltsamen Sache,« dachte er bei sich selbst, »irgend ein Geheimnis.«
Da die äußere Form der Felsen vorspringende Spitzen und auch tief sich hineinziehende Schluchten hatte, trat der Prinz unter solchen Gedanken in eine der Vertiefungen hinein, und während er dort seine Augen von einem Winkel zum andern gehen ließ, zeigte sich ihm eine eiserne Tür, an welcher aber kein Schloß zu sehen war. Er fürchtete, sie würde wohl verschlossen sein, doch als er daran stieß, öffnete sie sich nach innen zu, und er erblickte einen sanft abschüssigen Weg ohne Stufen, den er sofort mit dem Pfeile in der Hand hinabstieg. Er glaubte hier in tiefe Finsternis zu geraten; allein an die Stelle des entschwindenden Tageslichtes trat ein anderes ganz verschiedenes Licht. Nach fünfzig bis sechzig Schritten gelangte er auf einen geräumigen Platz, auf welchem er einen prachtvollen Palast erblickte, dessen Wunderbau zu bewundern er aber nicht Zeit hatte. Denn in demselben Augenblick trat eine Frau von majestätischem Anstand und Wesen und von einer Schönheit, die durch den reichen Anzug und durch den Edelsteinschmuck, den sie trug, nicht noch mehr gehoben zu werden vermochte, unter die Vorhalle, begleitet von einer Anzahl von Frauen, unter denen aber die Gebieterin leicht zu unterscheiden war.
[Illustration: Die Dame kam ihm entgegen.]
Sobald der Prinz Achmed die schöne Frau bemerkt hatte, beschleunigte er seine Schritte, um ihr seine Ehrerbietung zu bezeigen; doch die schöne Frau, welche ihn kommen sah, kam ihm ihrerseits durch die Anrede entgegen: »Prinz Achmed, tretet näher, Ihr seid hier willkommen.«
Die Überraschung des Prinzen war nicht gering. Er warf sich zu den Füßen der schönen Frau und redete sie auf folgende Weise an:
»Gnädige Frau, darf ich wohl so dreist sein, Euch zu fragen, welch seltsamem Zufall ich es verdanke, daß ich Euch nicht unbekannt bin, Euch, die Ihr zwar in unserer Nachbarschaft wohnt, doch ohne daß ich jemals bis zu diesem Augenblick etwas davon erfahren hätte?«
»Prinz,« erwiderte die schöne Frau, »laßt uns in den Saal treten, dort werde ich mit größerer Bequemlichkeit für mich und Euch Eure Frage beantworten können.«
Mit diesen Worten führte die Dame den Prinzen in den Saal hinein. Der wundervolle Bau desselben, das Gold und das Himmelblau, womit das kuppelförmige Gewölbe geschmückt war, und der unschätzbare Reichtum des Geräts erschienen ihm als etwas so ganz Neues, daß er seine Verwunderung darüber an den Tag legte und ausrief: er habe noch nie etwas der Art gesehen, und er glaube nicht, daß man in der Welt irgend etwas sehen könne, was diesem hier gleichkäme.
»Gleichwohl versichere ich Euch,« erwiderte die schöne Frau, »daß dies das unbedeutendste Zimmer meines Palastes ist, und Ihr werdet meiner Ansicht beistimmen, wenn ich Euch erst die übrigen alle gezeigt haben werde.«
Sie stieg einige Stufen empor und setzte sich auf ein Sofa, und als der Prinz auf ihre Bitten neben ihr Platz genommen hatte, sagte sie zu ihm:
»Prinz, Ihr seid, wie Ihr sagt, darüber erstaunt, daß ich Euch kenne, ohne daß Ihr mich kennt; doch Eure Verwunderung wird nachlassen, wenn Ihr erst wissen werdet, wer ich bin. Euch wird ohne Zweifel nicht unbekannt sein, daß die Welt ebensowohl von Geistern, als von Menschen bewohnt wird. Ich bin die Tochter eines dieser Geister, und zwar eines der mächtigsten und ausgezeichnetsten, und mein Name ist Pari Banu. So wirst du dich denn also nicht mehr wundern, daß ich dich, deinen Vater, den Sultan, und deine beiden Brüder kenne. Ich weiß sogar von deiner Liebe und von deiner Reise, deren einzelne Umstände ich dir alle hier wiedererzählen könnte, weil ich es eben war, die zu Samarkand den künstlichen Apfel, den du gekauft hast, zum Verkauf ausbieten ließ, so wie zu Bisnagar den Teppich, den der Prinz Hussain bekommen hat, und endlich zu Schiras das elfenbeinerne Rohr, welches der Prinz Aly von da mitgebracht hat. Dies mag hinreichend sein, um dir begreiflich zu machen, daß nichts von alledem, was dich betrifft, mir unbekannt ist. Ich will nur dies eine hinzufügen, daß du mir ein glücklicheres Los zu verdienen schienest, als das war, die Prinzessin Nurunnihar zu besitzen, und da ich zugegen war, als du den Pfeil, den du da in der Hand hast, abschossest, und voraussah, daß er nicht einmal so weit als der des Prinzen Hussain fliegen würde, faßte ich ihn in der Luft und gab ihm den erforderlichen Schwung, so daß er an die Felsen anprallen mußte, neben denen du ihn gefunden hast. Es wird nun bloß von dir abhängen, die Gelegenheit, die sich dir jetzt bietet, zu benutzen, um noch glücklicher zu werden.«
Prinz Achmed erriet sehr leicht, welches Glück hier gemeint sei. Er überlegte, daß die Prinzessin Nurunnihar nicht mehr die Seine werden könne und daß die Fee Pari Banu an Schönheit, Anmut und Reiz, sowie durch einen überwiegenden Verstand und durch ihre unermeßlichen Reichtümer, soweit er nämlich aus der Pracht des Palastes auf diese schließen konnte, jene unendlich weit überträfe. Er segnete den Augenblick, wo ihm der Gedanke eingekommen war, noch einmal den abgeschossenen Pfeil zu suchen, indem er sich ganz der Neigung hingab, die ihn nach dem neuen Gegenstände seines Herzens hinzog.
Er näherte sich ihr, um ihr den Saum ihres Gewandes zu küssen. Sie ließ ihm indes nicht Zeit, dies zu tun, sondern reichte ihm ihre Hand, die er küßte, und indem sie die seinige festhielt und sie drückte, sagte sie zu ihm:
»Prinz Achmed, gebt Ihr mir nicht Euer Wort, wie ich Euch das meinige gebe?«
»Ach, gnädige Frau,« erwiderte der Prinz voll freudigem Entzücken, »was könnte ich wohl Besseres und Freudigeres tun? Ja, meine Sultanin, meine Königin, ich gebe es Euch nebst meinem Herzen, ohne Rückhalt!«
»Wenn das ist,« antwortete die Fee, »so seid Ihr mein Gemahl und ich bin Eure Gemahlin. Die Ehen werden bei uns Feen ohne weitere Zeremonien geschlossen, sind aber weit fester und unauflöslicher, als die der Menschen, ungeachtet letztere mehr Förmlichkeiten dabei anwenden. Jetzt — fuhr sie fort — während man für heute abend die Anstalten zu unserem Hochzeitsmahle trifft, wird man Euch, da Ihr offenbar heute noch nichts zu Euch genommen habt, vorerst einen leichten Imbiß vorsetzen, dann werde ich Euch die Zimmer meines Palastes zeigen, und Ihr mögt dann selbst entscheiden, ob es nicht wahr ist, was ich Euch sagte, daß nämlich dieser Saal gerade das schlechteste Zimmer darunter ist.«