Chapter 10 of 14 · 3986 words · ~20 min read

Part 10

Die Zauberin, die nicht darum gekommen war, um hier lange die Kranke zu spielen, sondern bloß um den Aufenthalt des Prinzen Achmed auszuspähen, hätte jetzt gern erklärt, daß der Trank seine Wirkung getan habe, so groß war ihr Verlangen, zurückzukehren und den Sultan von dem glücklichen Gelingen des Auftrags, den er ihr gegeben, zu benachrichtigen; indes, da man ihr nicht gesagt hatte, daß der Trank auf der Stelle wirke, mußte sie wider ihren Willen die Rückkehr der Frauen abwarten.

Die beiden Frauen kamen nach Verlauf der angegebenen Zeit wieder und fanden die Zauberin aufgestanden und angekleidet auf dem Sofa. Bei ihrem Eintritt stand sie sogleich auf und rief:

»O der bewunderungswürdige Trank! Er hat weit schneller gewirkt, als ihr mir sagtet, und ich erwarte euch schon seit einer Weile voll Ungeduld, um euch zu bitten, mich doch zu eurer mildtätigen Gebieterin zu führen, damit ich ihr für ihre Güte meinen Dank abstatte.«

Die beiden Frauen, welche ebenfalls Feen waren, freuten sich mit ihr über die Wiederherstellung ihrer Gesundheit und führten sie durch mehrere Zimmer, die alle weit prächtiger waren als das, woraus sie eben kam, in den prachtvollsten und reichgeschmücktesten Saal des ganzen Palastes.

Pari Banu saß in diesem Saal auf einem Thron von gediegenem Golde, der mit Diamanten, Rubinen und Perlen von ungewöhnlicher Größe reich verziert war und neben dem rechts und links eine große Anzahl von Feen stand, die alle reich gekleidet waren und einen entzückenden Anblick boten. Durch solchen Glanz und solche Majestät ward die Zauberin nicht nur ganz geblendet, sondern sie ward auch so verwirrt, daß sie, nachdem sie sich vor dem Throne niedergeworfen, nicht einmal den Mund zu öffnen vermochte, um der Fee ihren Dank abzustatten. Pari Banu ersparte ihr diese Mühe und sagte zu ihr:

»Gute Frau, ich will Euch nicht länger zurückhalten; doch es wird Euch nicht unlieb sein, zuvor meinen Palast zu besehen. Gehet mit meinen Frauen, sie werden Euch begleiten und Euch denselben zeigen.«

Die Zauberin, welche noch immer ganz verwirrt war, verneigte sich nochmals mit der Stirn bis auf den Teppich herab, welcher die Stufen des Thrones bedeckte, und nahm Abschied. Sie vermochte kein einziges Wort vorzubringen, und ließ sich von den beiden Feen, die sie begleiteten, herumführen. Sie sah nun zu ihrem Erstaunen und unter beständigen Ausrufen der Verwunderung dieselben Reichtümer und dieselbe Pracht, welche die Fee Pari Banu dem Prinzen Achmed, als er das erstemal vor ihr erschien, hatte zeigen lassen. Was ihr aber die größte Bewunderung einflößte, war, daß die Feen, nachdem sie das ganze Innere des Palastes in Augenschein genommen, ihr sagten, daß alles das, was sie soeben bewundert habe, nur eine Probe von der Größe und Macht ihrer Gebieterin sei, und daß sie in ihrem Bereich noch andere unzählige Paläste habe, die alle von verschiedener Form und Bauart, doch nicht minder stattlich und prächtig wären. Indem sie sich mit ihr unterhielten, führten sie sie bis zur eisernen Tür, durch welche der Prinz Achmed sie eingeführt hatte, öffneten dieselbe und wünschten ihr, nachdem sie von ihnen Abschied genommen und gedankt hatte, eine glückliche Reise.

Als die Zauberin einige Schritte weit gegangen war, drehte sie sich um, um sich die Tür zu merken, doch sie suchte dieselbe vergebens; sie war bereits wieder für sie unsichtbar geworden. Sie begab sich nun also ganz zufrieden zum Sultan zurück. Der Sultan ließ sie vor sich kommen, und da er sie mit einem sehr traurigen Gesicht erscheinen sah, mutmaßte er, die Sache sei ihr nicht gelungen, und sagte zu ihr:

»Deinem Aussehen nach schließe ich, daß deine Reise fruchtlos gewesen und daß du mir die Aufklärung nicht mitbringst, die ich von deinem Diensteifer erwartete.«

»Herr,« erwiderte die Zauberin »der traurige Zug, den Ihr vielleicht in meinem Gesichte bemerkt, rührt aus einer anderen Quelle als daher, daß mir meine Aufgabe nicht gelungen wäre. Welches die eigentliche Ursache ist, sage ich Euch nicht; der Bericht, den ich Euch abstatten werde, wird Euch alles erklären.«

Nun erzählte die Zauberin dem Sultan alles, was sie gesehen, und schilderte ihm besonders die Majestät der Fee, die auf einem von Edelsteinen blitzenden Throne gesessen, deren Wert leicht die Reichtümer ganz Indiens übersteige, und endlich die übrigen unermeßlichen und unschätzbaren Reichtümer, welche in dem großen Palast enthalten wären.

Hier beendete die Zauberin ihren Bericht und fuhr dann fort:

»Herr, was denkt nun Euer Majestät von diesen unerhörten Reichtümern der Fee? Vielleicht werdet Ihr sagen, Ihr freut Euch über das hohe Glück des Prinzen Achmed, der dieselben mit der Fee gemeinschaftlich genießt. Ich will gern glauben, daß der Prinz Achmed vermöge seiner guten Gemütsart nicht fähig ist, etwas gegen Euer Majestät zu unternehmen, allein wer kann dafür Zeuge sein, daß nicht die Fee durch ihre Reize, ihre Liebkosungen und durch die Gewalt, die sie bereits über ihren Gemahl erlangt hat, ihm den verderblichen Plan eingibt, Euer Majestät zu verdrängen und sich der Krone Indiens zu bemächtigen?«

Wie sehr auch der Sultan von dem guten Gemüt seines Sohnes überzeugt war, regten ihn dennoch die Äußerungen der Zauberin sehr auf.

Als man dem Sultan die Ankunft der Zauberin gemeldet hatte, unterhielt er sich gerade mit denselben Günstlingen, die ihm bereits früher Argwohn gegen den Prinzen Achmed eingeflößt hatten. Er gebot nun der Zauberin, ihm zu folgen, begab sich zu den beiden Günstlingen und teilte diesen mit, was er soeben vernommen.

Einer von den beiden Günstlingen nahm das Wort und antwortete:

»Herr, da Euer Majestät denjenigen kennt, welcher dies Unglück zustande bringen konnte, da er mitten an Eurem Hofe lebt und in Euren Händen ist, so solltet Ihr ihn ungesäumt verhaften und in einen engen Kerker werfen lassen.« Die übrigen Günstlinge gaben dieser Ansicht einstimmig ihren Beifall.

Die Zauberin fand indes diesen Ratschlag zu gewaltsam; sie bat den Sultan um Erlaubnis zu reden, und als sie dieselbe erhalten, sagte sie folgendes zu ihm:

»Herr, bei Verhaftung des Prinzen müßte man auch zugleich seine Begleiter mit verhaften, die aber nicht Menschen, sondern Geister sind. Wird es aber leicht sein, sich dieser zu bemächtigen? Würden sie sich nicht auf der Stelle unsichtbar machen und augenblicklich die Fee von der ihrem Gemahl angetanen Beleidigung unterrichten, die diese Schmach nicht ungerächt lassen würde? Wäre es daher nicht angebrachter, wenn der Sultan sich durch ein anderes Mittel gegen die bösen Anschläge, die der Prinz Achmed etwa haben mag, sicher stellen könnte? Da die Geister und die Feen Dinge vermögen, welche weit alle menschliche Kraft übersteigen, so könnte Seine Majestät den Prinzen Achmed ja bei seiner Ehre fassen und ihn verpflichten, ihm durch Vermittelung der Fee gewisse Vorteile zu verschaffen, unter dem Vorwande, daß er, der Sultan, davon großen Nutzen haben und ihm dafür stets dankbar sein würde. Zum Beispiel, so oft Euer Majestät zu Felde ziehen will, seid Ihr genötigt, einen ungeheuren Aufwand zu machen, nicht bloß an Pavillons und Zelten für Euch und Euer Heer, sondern auch an Kamelen, Mauleseln und andern Lasttieren, um dieses ganze Gerät fortzubringen. Könntet Ihr ihn nun nicht verpflichten, daß er Euch einen Pavillon verschaffte, der in der Hand Platz hätte, unter dem aber Euer ganzes Heer Obdach finden könnte? Wenn der Prinz diesen Pavillon herbeischaffen sollte, so bleiben Euch immer noch so viele andere Forderungen an ihn zu stellen übrig, daß er am Ende dennoch der Unmöglichkeit der Ausführung wird unterliegen müssen. So wird er sich dann aus Scham nicht mehr sehen lassen und gezwungen sein, sein Leben bei der Fee, fern vom Verkehr mit der Welt, hinzubringen, und so wird dann Euer Majestät nichts mehr von seinen Anschlägen zu befürchten haben.«

[Illustration: Sie rief: »O elender Mensch, was ist das für eine traurige Wache, die du da aufbewahrst.«]

Als die Zauberin ausgeredet hatte, frug der Sultan seine Günstlinge, ob sie ihm etwas Besseres vorzuschlagen wüßten, und da sie stillschwiegen, so beschloß er, den Rat der Zauberin zu befolgen.

Als der Prinz Achmed am folgenden Tag vor seinem Vater erschien und neben ihm Platz genommen hatte, ließ sich dieser durch seine Gegenwart nicht abhalten, sein Gespräch über allerlei gleichgültige Gegenstände noch eine Weile fortzusetzen. Dann erst wandte er sich zum Prinzen Achmed und sagte zu ihm:

»Mein Sohn, als du erschienst und mich von der tiefen Traurigkeit, in die mich deine lange Abwesenheit versenkt hatte, befreitest, machtest du mir ein Geheimnis aus dem Orte, den du dir zum Aufenthalt gewählt hattest, und in der ersten Freude, dich wiederzusehen, wollte ich nicht weiter in dein Geheimnis eindringen. Ich kenne jetzt dein Glück, freue mich dessen und billige deine Wahl, daß du eine Fee geheiratet, die so liebenswürdig, so reich und mächtig ist. Dem hohen Range eingedenk, zu welchem du jetzt erhoben bist, bitte ich dich, daß du deinen ganzen Einfluß, den du bei deiner Fee haben magst, aufbietest, um mir in Fällen der Not ihren Beistand zu verschaffen und du wirst mir erlauben, daß ich diesen deinen Einfluß noch heute auf die Probe stelle. Du weißt, mit welchen ungeheuren Kosten meine Heerführer, Offiziere und ich selber, so oft ich in Kriegszeiten ins Feld zu ziehen genötigt bin, Pavillons und Zelte, sowie auch Kamele und andere Lasttiere zum Fortbringen derselben, anschaffen müssen. Deshalb bitte ich dich, mir von deiner Fee einen Pavillon zu verschaffen, der gerade in einer Hand Platz hat, und unter welchem dennoch mein ganzes Heer Obdach finden kann.«

Der Prinz Achmed hatte sich dessen gar nicht versehen, daß sein Vater von ihm eine Sache verlangen würde, die ihm gleich von vornherein sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich schien. Er war daher wegen der Antwort, die er jetzt geben sollte, in nicht geringer Verlegenheit.

»Herr,« erwiderte er endlich, »ich bin Gemahl der Fee, von der man Euch gesagt hat, ich liebe sie, und bin überzeugt, daß sie mich ebenfalls liebt; doch was meinen Einfluß bei ihr anbetrifft, wie Euer Majestät anzunehmen scheint, so weiß ich davon nichts zu sagen. Ich habe diesen nicht nur niemals versucht, sondern noch nicht einmal daran gedacht, ihn zu versuchen. Indes der Wunsch eines Vaters ist Befehl für einen Sohn. Obwohl höchst ungern und nur mit unbeschreiblichem Widerwillen, werde ich dennoch nicht unterlassen, meiner Gemahlin die Bitte, die Euer Majestät hat, vorzutragen. Indes ich kann Euch nicht versprechen, daß sie mir wirklich erfüllt werden wird, und sollte ich daher aufhören, vor Euch zu erscheinen und Euch meine Ehrerbietung zu beweisen, so wird dies ein Zeichen sein, daß ich nichts ausgerichtet habe, und ich bitte daher im voraus, daß Ihr es mir verzeihen möget.«

Der Sultan von Indien antwortete dem Prinzen:

»Mein Sohn, ich sehe schon, daß du die Gewalt nicht kennst, die ein Mann über seine Frau hat. Die deinige würde beweisen, daß sie dich wenig liebt, wenn sie dir bei der Macht, die sie als Fee hat, eine so geringfügige Sache abschlagen wollte. Geh, bitte sie nur, und du wirst sehen, daß die Fee dich weit mehr liebt, als du es glaubst.«

Der Prinz reiste voll Verdruß zwei Tage früher ab, als er sonst zu tun pflegte. Sobald er zu Hause angekommen war, frug ihn die Fee, welche ihn bisher immer mit heiterem Angesicht hatte kommen sehen, nach der Ursache der Veränderung, die sie an ihm bemerkte. Der Prinz sträubte sich lange dagegen, indem er ihr versicherte, es sei weiter nichts; allein je mehr er sich sträubte, desto mehr drang sie in ihn. Endlich vermochte er nicht länger den inständigen Bitten der Fee zu widerstehen und sagte also zu ihr:

»Meine Gemahlin, Gott verlängere das Leben des Sultans, meines Vaters, und segne ihn bis an das Ende seiner Tage! Ich verließ ihn vollkommen frisch und gesund. Dies ist es also nicht, was mir die Bekümmernis veranlaßt, die Ihr an mir wahrgenommen habt, sondern der Sultan selber ist die Ursache davon. Erstlich, meine Gemahlin, wisset Ihr, wie sorgfältig ich ihm mein Glück zu verhehlen gesucht habe; gleichwohl hat er alles erfahren.«

Bei diesen Worten unterbrach die Fee Pari Banu den Prinzen Achmed und sagte zu ihm:

»Erinnert Euch an das, was ich Euch in betreff der Frau vorausgesagt habe, die sich krank stellte und mit welcher Ihr so großes Mitleid hattet; diese ist es, die dem Sultan, Eurem Vater, alles berichtet hat, was Ihr ihm verhehlt. Indes erzählt nur weiter.«

»Meine Gemahlin,« fuhr der Prinz Achmed fort, »Ihr werdet bemerkt haben, daß ich bis zu diesem Augenblick nie eine Gunstbezeigung von Euch verlangt habe. Was könnte ich auch bei dem Besitz einer so liebenswürdigen Gemahlin noch weiter wünschen? Es war mir keineswegs unbekannt, wie groß Eure Macht sei, allein ich hatte es mir zur Pflicht gemacht, dieselbe nie auf die Probe zu stellen. Bedenkt also, ich beschwöre Euch darum, daß nicht ich es bin, sondern mein Vater, der Sultan, der die unbescheidene Bitte an Euch tut, ihm einen Pavillon zu verschaffen, der ihn, seinen ganzen Hof, und sein ganzes Heer, so oft er im Felde ist, gegen das Ungemach der Witterung schützt, aber dabei in der Hand Platz hat.«

»Prinz,« erwiderte die Fee lächelnd, »es tut mir leid, daß eine solche Kleinigkeit Euch so viel Unruhe und Herzenspein verursacht hat.«

Nach diesen Worten befahl sie, ihre Schatzmeisterin zu rufen. Die Schatzmeisterin kam, und die Fee sagte zu ihr:

»Nurdschihan« — so hieß nämlich die Schatzmeisterin — »bringe mir den größten Pavillon, der in meinem Schatze ist.«

Nurdschihan kam binnen wenigen Augenblicken wieder und brachte einen Pavillon, der nicht bloß in der Hand Platz hatte, sondern den man sogar in der Handfest verschließen konnte; sie überreichte ihn ihrer Gebieterin, die ihn nahm und dem Prinzen Achmed einhändigte, damit er ihn besehen möchte.

Als der Prinz Achmed hörte, daß die Fee Pari Banu einen Pavillon holen ließ, und zwar den größten Pavillon aus ihrem Schatze, glaubte er, daß sie seiner spotten wolle, und die Spuren seines Befremdens verrieten sich in seinen Mienen und Gebärden. Pari Banu, die es bemerkte, lachte laut auf und rief:

»Wie, Prinz, Ihr glaubt also, daß ich Euch bloß verspotten wolle? Ihr werdet bald sehen, daß ich keine Spötterin bin. Nurdschihan,« sagte sie zu ihrer Schatzmeisterin, indem sie den Pavillon aus den Händen des Prinzen nahm und ihn ihr wiedergab, »geh und spanne ihn aus, damit der Prinz sehen kann, ob sein Vater, der Sultan, ihn so groß finden wird, als er ihn verlangt hat.«

Die Schatzmeisterin ging aus dem Palaste und entfernte sich so weit, daß beim Ausspannen das eine Ende desselben gerade bis an den Palast reichte. Als sie dies nun getan, fand ihn der Prinz Achmed so groß, daß zwei Heere, wenn sie auch ebenso zahlreich wären als das des Sultans von Indien, darunter Platz gehabt hätten.

»Meine Prinzessin,« sagte er jetzt zu Pari Banu, »ich bitte Euch tausendmal um Verzeihung wegen meines Unglaubens; nach dem, was ich jetzt gesehen, glaube ich, daß unter allem, was Ihr irgend unternehmen möget, nichts ist, was Euch unerreichbar wäre.«

»Ihr seht,« erwiderte die Fee, »daß der Pavillon größer als nötig ist; jedoch Ihr werdet bemerken, er hat die Eigenschaft, daß er größer oder kleiner wird, je nach dem Maße dessen, was darunter Platz finden soll, ohne daß man dabei irgendwie Hand anzulegen braucht.«

Die Schatzmeisterin legte den Pavillon wieder zusammen, brachte ihn in seine vorige Lage und gab ihn dann in die Hände des Prinzen. Der Prinz Achmed nahm ihn, und schon den folgenden Tag setzte er sich, ohne länger zu zögern, zu Pferde und eilte in Begleitung seines gewöhnlichen Gefolges von dannen, um ihn dem Sultan, seinem Vater, zu überreichen.

Der Sultan, welcher geglaubt hatte, ein Pavillon, wie er ihn verlangt hatte, könne gar nicht gefunden werden, war über die schnelle Wiederkehr seines Sohnes nicht wenig erstaunt. Er empfing den Pavillon, und nachdem er die Kleinheit desselben bewundert hatte, geriet er in Erstaunen, als er ihn in der Ebene errichten ließ und sah, daß zwei Heere, so groß als das seinige, darunter reichlich Platz hatten.

Dem äußern Scheine nach bezeigte der Sultan von Indien dem Prinzen seine Dankbarkeit, indem er ihn bat, der Fee Pari Banu in seinem Namen dafür herzlich zu danken. Und um ihm zu zeigen, wie hoch er es schätzte, befahl er, es in seiner Schatzkammer sorgfältig aufzuheben. Allein in seinem Herzen faßte er eine weit ärgere Eifersucht, als ihm seine Schmeichler und die Zauberin zuvor eingeflößt hatten, indem er überlegte, daß sein Sohn mit Hilfe der Fee Dinge ausführen könnte, die weit über die Grenzen seiner eigenen Macht und seines Vermögens hinausgingen. Dies veranlaßte ihn, alles zu versuchen, um ihn zugrunde zu richten. Er fragte deshalb die Zauberin um Rat, und diese riet ihm, den Prinzen aufzufordern, daß er ihm Wasser aus der Löwenquelle bringen solle.

Als der Sultan am Abend, wie gewöhnlich, seine Hofleute um sich versammelt hatte und der Prinz Achmed sich ebenfalls zugegen befand, redete er diesen mit folgenden Worten an:

»Mein Sohn, ich habe dir schon gesagt, zu welchem Dank ich mich dir wegen des Pavillons verpflichtet fühle; du mußt mir zuliebe noch etwas anderes tun, das mir nicht minder angenehm sein wird. Ich höre nämlich, daß deine Gemahlin, die Fee, sich eines gewissen Wassers aus der Löwenquelle bedient, welches alle Arten von Fieber heilt; da ich nun vollkommen überzeugt bin, daß meine Gesundheit dir sehr teuer ist, rechne ich mit Gewißheit darauf, daß du dir von ihr ein Gefäß voll solchen Wassers erbitten und es mir dann bringen wirst, als ein Universalmittel, das mir jeden Augenblick gute Dienste tun kann. Erzeige mir also auch noch diesen wichtigen Dienst und setze dadurch deiner kindlichen Liebe zu mir die Krone auf.«

Der Prinz Achmed, welcher geglaubt hatte, der Sultan, sein Vater, werde sich mit dem Besitz eines so einzigen und brauchbaren Pavillons begnügen und ihm nicht einen neuen Auftrag aufbürden, war bei dieser zweiten Aufforderung ganz verwirrt, ungeachtet ihm die Fee versichert hatte, sie werde ihm alles gewähren, was irgend in ihrer Macht stände. Nach einem Stillschweigen von einigen Augenblicken erwiderte er:

»Herr, ich bitte Euer Majestät versichert zu sein, daß ich alles zu tun bereit bin, um Euch alles zu verschaffen, was irgendwie zur Verlängerung Eures Lebens beitragen kann; indes ich wünschte bloß, daß es ohne die Vermittlung meiner Gemahlin geschehen könnte. Aus diesem Grunde wage ich denn auch nicht, Euer Majestät zu versprechen, daß ich dies Wasser bringen werde. Alles, was ich tun kann, ist, Euch zu versichern, daß ich darum bitten werde, obwohl mit demselben Widerwillen wie damals, als ich um den Pavillon bat.«

Als der Prinz Achmed den folgenden Tag zu der Fee Pari Banu zurückgekehrt war, stattete er ihr einen aufrichtigen und treuen Bericht von alledem ab, was am Hofe seines Vaters bei Überreichung des Pavillons vorgegangen war, den der Sultan mit vielem Dank für sie angenommen hatte. Er unterließ nicht, ihr die neue Bitte, die er in seinem Namen ihr zu machen beauftragt war, vorzutragen, und schloß mit den Worten:

»Meine Prinzessin, ich teile Euch dies bloß als einfachen Bericht über das mit, was zwischen meinem Vater und mir vorgefallen; im übrigen steht es ganz in Eurem Belieben, seinen Wunsch zu erfüllen oder nicht, ich werde mich gar nicht darein mischen, sondern will bloß das, was Ihr wollt.«

»Nein, nein,« erwiderte die Fee Pari Banu, »es ist mir sehr lieb, wenn der Sultan von Indien erfährt, daß Ihr mir nicht gleichgültig seid. Ich will seinen Wunsch befriedigen, und welche Ratschläge ihm auch immer die Zauberin eingeben mag — denn ich sehe wohl, daß er nur auf sie hört —, wir wollen ihm gegenüber stets auf der Hut sein. Es liegt in seiner diesmaligen Forderung etwas Boshaftes, wie Ihr aus meinem Bericht bald ersehen werdet. Die Löwenquelle befindet sich nämlich mitten in dem Hofe eines großen Schlosses, dessen Eingang von vier ungeheuren Löwen bewacht wird, von denen immer zwei schlafen, während die andern wachen. Indes, das darf Euch nicht in Schrecken setzen. Ich werde Euch ein Mittel an die Hand geben, vermöge dessen Ihr ohne Gefahr mitten durch sie hindurchgehen könnt.«

Die Fee Pari Banu war gerade mit Nähen beschäftigt, und da sie in ihrer Nähe mehrere Zwirnknäuel liegen hatte, nahm sie eines davon, überreichte es dem Prinzen Achmed und sagte:

»Zuerst nehmt dieses Knäuel; ich werde Euch bald den Gebrauch lehren, den Ihr davon machen könnt. Zweitens, laßt Euch zwei Pferde anschirren, eines, um selber darauf zu reiten, das andere, um es neben Euch her als Handpferd zu führen, beladen mit einem in vier Teile zerhackten Hammel, der heute noch geschlachtet werden muß. Drittens verseht Euch mit einem Gefäß, das ich Euch geben lasse, damit Ihr es morgen dort voll Wasser schöpfen könnt. Ganz früh setzt Euch dann zu Pferde und führt das andere Pferd am Zügel nebenher, und sobald Ihr aus der eisernen Tür hinaus seid, werft das Zwirnknäuel vor Euch her; dies wird dann anfangen zu rollen und so immer fort rollen bis an das Tor des Schlosses. Folgt demselben bis dahin nach, und wenn es stillsteht und das Tor sich öffnet, werdet Ihr die vier Löwen erblicken. Die beiden wachenden werden durch ihr Gebrüll die beiden andern schlafenden sogleich wecken. Fürchtet Euch indes nicht, sondern werft einem jeden ein Hammelviertel hin, ohne vom Pferde abzusteigen. Ist dies geschehen, so spornt ohne Zeitverlust Euer Pferd und reitet im gestreckten Galopp zur Quelle hin, füllt dann Euer Gefäß, ohne abzusteigen, und eilt dann mit derselben Schnelligkeit wieder zurück. Die Löwen werden noch mit Fressen beschäftigt sein und Euch einen freien Rückweg gestatten.«

Der Prinz Achmed reiste am folgenden Morgen um die Stunde, welche die Fee Pari Banu ihm bestimmt hatte, ab und vollzog pünktlich, was sie ihm vorgeschrieben hatte. Er kam an dem Tore des Schlosses an, verteilte die Hammelviertel unter die vier Löwen, und nachdem er unerschrocken durch sie hindurchgeritten war, drang er bis zu der Quelle vor und schöpfte das Wasser ein. Sowie er das Gefäß gefüllt hatte, wandte er um und gelangte wohlbehalten und gesund wieder aus dem Schlosse hinaus. Als er etwas davon entfernt war, sah er sich um und erblickte zwei Löwen, die gerade auf ihn losstürzten. Ohne zu erschrecken zog er seinen Säbel und setzte sich zur Wehr. Doch da er unterwegs bemerkte, daß der eine in einiger Entfernung seitwärts ablenkte und mit Kopf und Schweif zu verstehen gab, daß er nicht komme, um ihm etwas zuleide zu tun, sondern bloß, um vor ihm herzulaufen, und daß der andere ihm folgen würde, steckte er seinen Säbel wieder ein und setzte so seinen Weg bis nach der Hauptstadt von Indien fort, wo er in Begleitung der beiden Löwen ankam, die ihn nicht verließen, bis an die Tür des Palastes des Sultans. Dort ließen sie ihn hineingehen und kehrten sodann denselben Weg wieder zurück, den sie gekommen waren, zum großen Entsetzen des Volkes und aller derer, die sie erblickten.

Mehrere Palastbeamte, welche sogleich erschienen, um dem Prinzen Achmed vom Pferde herabzuhelfen, begleiteten ihn bis an das Zimmer des Sultans, wo dieser sich eben mit seinen Günstlingen unterhielt. Hier näherte er sich dem Throne, setzte das Gefäß zu den Füßen des Sultans, küßte den reichen Teppich, welcher die Stufen desselben bedeckte, stand dann wieder auf und sagte:

»Herr, hier ist das heilsame Wasser, welches Euer Majestät in der Sammlung von Kostbarkeiten und Seltenheiten zu besitzen wünschte, die eine Zierde Eurer Schatzkammer sind. Ich wünsche Euch übrigens eine vollkommene Gesundheit, daß Ihr niemals davon Gebrauch zu machen nötig habt.«

Als der Prinz seine Anrede beendet hatte, ließ der Sultan ihn zu seiner Rechten Platz nehmen und sagte dann zu ihm:

»Mein Sohn, ich bin dir für dein Geschenk großen Dank schuldig, da du dich mir zuliebe in so große Gefahr begeben hast. Tue mir jetzt den Gefallen, mir zu sagen, durch welche Geschicklichkeit oder durch welche unglaubliche Kraft du dich dagegen sichergestellt hast?«

Der Prinz erzählte ihm nun alles, und als er geendet hatte, stand der Sultan, der ihn mit den größten Freudenbezeigungen, doch innerlich mit derselben, ja mit noch größerer Eifersucht angehört hatte, von seinem Sitze auf und zog sich in das Innere seines Palastes zurück, wo die Zauberin, nach welcher er sogleich geschickt hatte, vor ihn geführt wurde.

Die Zauberin hatte bereits ein — wie sie meinte — unfehlbares Mittel ausgedacht. Sie teilte dies Mittel dem Sultan mit, und der Sultan zeigte es dem Prinzen Achmed mit folgenden Worten an: