Chapter 5 of 14 · 3887 words · ~19 min read

Part 5

Bei diesen Worten weitete sich das Herz des Prinzen vor Schmerz und Sehnsucht; Trauer und Wehmut schlichen in seine Seele, und er verließ seinen Vater heimlich, schwang sich auf das Roß aus Ebenholz, stieg mit ihm empor und flog, bis er zum Schlosse der Prinzessin gelangte. Er ließ sich auf der Terrasse herab, stieg dieselbe Treppe hinunter, wie vormals, und fand den Sklaven, der, wie das erste Mal, schlafend lag und schnarchte. Vorsichtig schlich er an ihm vorbei und trat hinter den Vorhang, der die Türe zum Schlafgemach der Prinzessin bedeckte; hier blieb er stehen und lauschte, denn er hörte, daß sie laut jammerte. Die Sklavinnen erwachten durch die Klagen ihrer Gebieterin und sprachen zu ihr: »Warum trauerst du, geliebte Herrin, über einen, der doch deinen Gram nicht mit dir teilt?« Die Prinzessin antwortete: »Wie seid ihr unverständig, ihr Mädchen! Wer könnte diesen Mann jemals vergessen?« Sie brach von neuem in Schluchzen aus und weinte, bis sie darüber entschlummerte. Der Prinz, der hinter dem Vorhange stand und alles mit anhörte, war sehr erregt, und sein Herz pochte heftig. Er trat hastig in das Gemach und ging zu dem Throne, auf welchem die Prinzessin ausgestreckt lag. Er nahm sie leise bei der Hand und rief ganz heimlich ihren Namen. Sogleich erwachte sie und schlug die großen Augen auf. Ein leiser Schrei entfuhr ihr, als sie den ersehnten Prinzen vor sich stehen sah. Freudig sprang sie empor, warf sich ihm an die Brust, küßte ihn und rief: »Geliebter, wie glücklich bin ich, daß ich dich wieder habe!« Der Prinz fragte: »Sage mir, warum weinst du und bist du so betrübt?« Sie antwortete ihm: »Muß ich nicht klagen und Tränen vergießen, da ich so lange von dir getrennt war?« Der Prinz sprach: »Was geschehen mußte, das laß geschehen sein. Freue dich mit mir, daß ich dich wiedergefunden habe! Jetzt aber befiehl, daß mir Speisen und Getränke gebracht werden, denn ich bin sehr hungrig und durstig.« Als er seinen Hunger gestillt hatte, setzte er sich zu ihr, umarmte sie und plauderte mit ihr bis tief in die Nacht. Der Morgen dämmerte, und die erste zarte Röte schien durch die Fenster, da erhob er sich, um Abschied von ihr zu nehmen, ehe der Sklave vor der Tür erwachte. Die Prinzessin (sie hieß aber Schems ulnahar) fragte ihn verwundert: »Warum willst du mich schon verlassen? Wohin gehst du?« Der Prinz entgegnete: »Ich reite mit meinem Pferde zu meinem Vater zurück; aber ich verspreche dir, daß ich jede Woche einmal zu dir kommen werde, denn ich habe große Sehnsucht nach dir.« Da umschlang ihn die Prinzessin und rief: »Warum willst du allein von hinnen reiten? Ich beschwöre dich beim höchsten Gott, der den Himmel über uns gewölbt hat, nimm mich mit dir! Laß mich nicht allein zurück, Geliebter, denn die Trennung nagt an mir, und mein Herz verzehrt sich in Sehnsucht.« Als der Prinz diese tapferen Worte vernahm, war er hocherfreut und rief: »Ist es dein fester Wille, daß du mit mir ziehen willst?« Schems ulnahar blickte ihn vertrauend an und erwiderte: »Überall, wo du bist, da will auch ich sein, mein Geliebter.« Sie erhob sich eilends und ging zu einer großen Truhe, welche in einer Nische des Zimmers stand, und entnahm ihr viel köstliche Gewänder und gleißende Perlen und Edelsteine. Darauf schlichen die beiden leise hinaus, ohne daß die Sklavinnen erwachten, und gingen auf die Terrasse, wo schon die ersten Strahlen des Morgens schimmerten. Sie bestiegen das Pferd aus Ebenholz, und als der Prinz den Wirbel drehte, erhob es sich sogleich in die Lüfte und flog wie ein Vogel dahin. Es währte nur kurze Zeit, da sahen sie von fern die Hauptstadt des Perserkönigs im Sonnenlichte funkeln; der Prinz ritt darauf zu und ließ das Roß in einem Garten außerhalb der Stadt langsam nieder, hob die Prinzessin sorglich aus dem Sattel und geleitete sie in ein Lusthaus. »Warte hier auf mich,« sprach er, »ich will zu meinem Vater gehen und ihm dein Nahen melden. Denn du sollst mit Jubel und Ehren empfangen werden, und die Großen des Reiches sollen dir mit allem Volke entgegeneilen.« Er machte sich eilends auf den Weg, ging in das väterliche Schloß und erzählte seinen Eltern, was ihm in der Nacht begegnet war. Der König und die Königin schlossen ihn in ihre Arme, waren hochbeglückt und befahlen, ein Fest zu rüsten. Da erschollen Pauken und Trompeten in der Stadt, von allen Häusern wehten bunte Teppiche und Tücher, und das Volk sang und zog jubelnd hinaus in den Garten, wo die Prinzessin ihres Geliebten harrte.

Es begab sich aber, daß der persische Gelehrte, der vom Könige nach der Rückkehr des Prinzen wieder in Freiheit gesetzt worden war, oft in jenem Garten spazieren ging, denn er war ein Freund des Gärtners. Er hatte von weitem mit angesehen, wie Kamr al Akmar mit einer fremden Jungfrau angekommen war, und näherte sich alsbald dem Lusthause. Dort fand er ein schönes Mädchen, das war so lieblich wie der Mond, und neben ihr stand das Pferd aus Ebenholz, welches er dem Könige zum Geschenk gemacht hatte. Er zürnte aber dem Prinzen noch wegen seiner heftigen Worte und sprach in seinem Herzen: »Dieser junge Mann hat ungehörig zu mir geredet und mich ergrimmt; wahrlich, ich will ihm Gleiches mit Gleichem vergelten und dieses reizende Mädchen sogleich mit meinem Pferde entführen.« Er näherte sich der Türe und klopfte bescheiden mit dem Finger an. Die Prinzessin fragte von drinnen: »Bist du es, mein Geliebter?« Der Perser erwiderte: »Ich bin der Diener und Sklave deines Herrn; er schickt mich zu dir und läßt dich bitten, mir zu folgen. Die Herrin, meine Königin, ist schon alt und kann nicht einen so weiten Weg zurücklegen; darum soll ich dich auf dem Pferde in die Stadt bringen, denn sie sehnt sich danach, dich in ihre Arme zu schließen und zu begrüßen.« Die Prinzessin, welche nicht an den Worten des Persers zweifelte und schon Sehnsucht nach dem Prinzen fühlte, öffnete die Türe und trat heraus. Als sie aber sah, daß der Bote sehr alt war und so welke Züge und gelbe Haut hatte, wurde ihr bange, und sie rief: »Hat die Königin keine angenehmeren Diener als dich? Warum wählte sie dich alten Weißbart und runzeligen Greis, um mich zu ihr zu geleiten?« Der Perser ärgerte sich über diese Worte und sagte: »Alle Sklaven meiner Herrin sind schöner als ich. Ich aber bin ihr ältester Diener, und sie hat mich aus Eifersucht zum Boten gewählt, denn du bist jung und sehr schön und gleichst der strahlenden Sonne.« Die Prinzessin glaubte der List des Alten und schwang sich mit ihm auf das Pferd. Der Perser, der hinter ihr saß, rieb an dem rechten Wirbel, und sogleich erhob sich das Tier pfeilgeschwind und schwang sich empor in der Richtung nach China.

Indessen ordnete sich vor dem Palaste des Königs der festliche Zug, welcher die Prinzessin aus dem Lusthause abholen sollte. Der Prinz ritt in glänzender Rüstung an der Spitze seiner Truppen, und ihm folgten seine Eltern mit den Wesiren und den Großen des Reiches. Überall erschollen Jubelgesänge und der Klang der Trompeten und Trommeln. Als sie nun an dem Garten angekommen waren, stieg der Jüngling vom Pferde und trat zuerst in das Lusthaus, um seine Geliebte zu holen. Wie erschrak er, als er das Zimmer leer fand! Er rief, aber niemand antwortete. Da schlug er sich Gesicht und Brust, stieß tausend Verwünschungen aus und raufte sich verzweiflungsvoll die Haare. Zufällig kam der alte Gärtner vorbei und fragte, was hier geschehen wäre. Der Prinz schrie ihn an: »Du Schuft! Du Elender! Wo ist die Prinzessin? Sage mir, was du mit ihr begonnen hast, oder ich ziehe mein Schwert und schlage dir den Kopf vom Rumpfe!« Der Gärtner war sehr in Angst über den Zorn seines Herrn, und seine Knie wankten. »Mein Gebieter, ich weiß nicht, von was du redest,« sagte er demütig. »Beim Barte deines Vaters schwöre ich dir, daß ich nichts gesehen habe. Ich bin unschuldig: hab Erbarmen mit mir!« — »Wer ist heute in deinen Garten gekommen?« fragte der Prinz, denn er zweifelte nicht mehr an der Ehrlichkeit des Gärtners. Dieser antwortete: »Ich habe niemanden gesehen; nur der persische Weise ging heute unter den Bäumen auf und nieder.« Da erschrak der Prinz sehr und wußte sofort, daß der Perser Rache an ihm genommen hatte. Er bebte vor Wut, denn er schämte sich vor dem Volke. Nach einer Weile ging er zu seinem Vater zurück und sprach zu ihm: »Ziehe mit deinen Truppen wieder in die Stadt. Wahrlich, Gott hat ein großes Unglück über mich verhängt, und alles Unrecht findet seine Strafe! Ich bleibe hier, denn ich will ergründen, was sich zugetragen hat.« Der König seufzte und sagte: »Fasse Mut, mein Sohn, und vergiß dein Ungemach. Tröste dich über das, was dir widerfahren ist! Wähle dir eine andere Prinzessin zur Gemahlin, denn ich will, daß du glücklich werdest.« Dann zog er mit seinen Truppen wieder in die Stadt, und alle Freude verwandelte sich in Trauer und Wehklagen. Der Prinz aber blieb einsam zurück und sann auf Rat und Hilfe.

Der persische Weise ritt unterdessen mit der geraubten Prinzessin durch die Lüfte, bis er in China war. Als er eine blühende Ebene unter sich entdeckte, lenkte er sein Zauberpferd in dieser Richtung und ließ sich an einer sprudelnden Quelle herab. Er hob die Prinzessin aus dem Sattel und setzte sich mit ihr zur Rast unter einen schattigen Baum. Die Prinzessin, welche meinte, daß sie nun bald bei ihrem Geliebten wäre, fragte erstaunt: »Sage mir, wo ist dein Herr, der Prinz, und wo sind seine Eltern?« Der persische Weise lachte höhnisch, daß sein gelbes Gesicht noch häßlicher wurde, und sagte: »Verdammt mögen sie alle sein, die Betrüger! Jetzt bin ich dein Gebieter. Denn dieses Pferd habe ich gemacht, und mir gehört es an. Niemals wirst du den Prinzen wiedersehen; vertraue dich mir an, denn ich werde alle deine Wünsche erfüllen und werde dir prächtige Gewänder schenken und Gold und Edelsteine, soviel du verlangst. Ich besitze große Schätze und reiche Güter; mir dienen hundert Sklaven und hundert Sklavinnen, und ich werde dir ebenso viele schenken.« Er wollte sie lüstern umarmen, doch sie stieß ihn entrüstet von sich, barg ihr Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. Der Weise aber streckte sich auf den Boden und schlief rasch und unbekümmert ein. (Der Himmel möge ihn nie wieder erwecken!)

[Illustration: Sie saßen am See und trösteten sich mit süßer Liebe.]

Nun traf es sich aber, daß der Kaiser von China gerade in jener Gegend eine große Jagd abhielt. Da der Tag sehr heiß war und ihn der Durst plagte, kam er zu dieser Quelle unter dem Baume, um seinen Gaumen zu letzen und zu ruhen. Wie erstaunte er, als er ein sanftes, zartes Mädchen erblickte, und neben ihm ein schwarzes Pferd! Lange stand er und bewunderte ihre Schönheit und konnte sich nicht satt an ihr sehen. Da entdeckte er auch den Weisen, der nicht weit davon im Grase lag und schnarchte. Er stieß ihn mit dem Fuße an, bis der Alte erwachte und sich gähnend die Augen rieb. »Wer ist dieses liebliche Mädchen, und warum führst du es mit dir?« fragte der Kaiser. Jener gab mißgelaunt und kurz zur Antwort: »Es ist meine Frau.« Bei diesen Worten erhob sich die Prinzessin, und als sie den Fremden erblickte, trat sie auf ihn zu, küßte die Erde vor ihm und sprach: »Befreie mich von diesem argen Zauberer! Hab Erbarmen, Herr, und bestrafe ihn, denn er hat mich überlistet und gestohlen.« Der Kaiser rief seine Diener und befahl ihnen: »Gebt diesem Alten hundert Streiche, dann bindet ihn und werft den Schändlichen ins tiefste Gefängnis!« Der Perser winselte und heulte, aber die Diener taten, wie ihnen gesagt war, und züchtigten ihn, bis ihm das rote Blut vom Rücken rieselte.

Der Kaiser von China hob das fremde Mädchen vor sich auf sein Roß und kehrte mit ihr in seine Hauptstadt zurück. Er fragte sie aber, was das für ein Pferd sei, das er bei ihr gefunden habe. Sie antwortete ihm: »Ich weiß es nicht, hoher Herr; es scheint ein wunderbares Tier zu sein, denn der Alte machte allerlei Kunststücke darauf und flog mit mir durch die Luft.« Als der König diese seltsame Kunde vernahm, befahl er seinen Dienern, das Pferd wohl zu hüten und in seine Schatzkammer zu bringen. »Lasset uns heimreiten!« rief er vergnügt, »denn wir sind ausgezogen, um wilde Tiere zu erlegen, und haben dafür eine menschliche Gazelle erjagt.« Sie kehrten im Trabe zu dem Palast des Kaisers zurück, und der Prinzessin wurden reiche und prächtige Gemächer zum Aufenthalte angewiesen. Der Kaiser hatte Wohlgefallen an dem Mädchen gefunden und begab sich noch an demselben Tage zu ihr, um ihr seine Hand anzutragen. Als die Prinzessin seine Worte hörte, erschrak sie sehr und stellte sich irrsinnig. Sie schrie allerlei unverständliche Worte, zerriß ihre Kleider, schwang die Fäuste in der Luft und stampfte die Erde mit ihren Füßen. Der Sultan entsetzte sich gewaltig bei ihrem Toben und sandte sogleich zu allen Ärzten und Sterndeutern. Er gab der Kranken viele Sklavinnen zur Bedienung und ließ sie sorgfältig hüten und bewachen.

[Illustration: Viele Monate lang reiste er ahnungslos.]

Soviel weiß ich jetzt von der Prinzessin zu erzählen. Was aber den Prinzen Kamr al Akmar betrifft, so irrte er trostlos von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, und fragte und forschte nach der Verlorenen. Die Macht des allmächtigen Gottes führte ihn auch nach China. Nachdem er lange gegangen war, kam er in die Hauptstadt und wanderte suchend und traurig durch die Straßen. Er ging in alle öffentlichen Läden und besuchte alle Basare in der Hoffnung, daß er dort die Vermißte entdecken würde. Vor einem Laden standen einige Leute, die unterhielten sich eifrig und achteten nicht darauf, als sich der Fremde zu ihnen gesellte. Der Prinz erlauschte, daß sie von dem Kaiser sprachen und von einem Mädchen, das man allgemein in der Stadt bemitleidete. Da mischte sich der Prinz in das Gespräch und fragte, worüber sie sich so eifrig erregten. Ein alter Mann, der sehr geschwätzig war, begann sogleich zu erzählen: »Gewiß bist du ein Fremder, daß du noch nichts von dem gehört hast, was unserm Kaiser neulich auf der Jagd begegnet ist. An einer Quelle fand er ein schönes Mädchen mit einem alten Manne und neben ihnen ein hölzernes Pferd. Der Kaiser fragte den Alten, wer das Mädchen sei, der aber sagte, es wäre seine Frau. Doch die Jungfrau rief, der böse Zauberer hätte sie entführt, und bat den Kaiser um Hilfe. Da ließ er den Alten schlagen und ins Gefängnis sperren und nahm das Mädchen zu sich in das Schloß und wollte es zu seiner Frau machen. Die Jungfrau aber raste plötzlich und schrie und zerriß ihre Kleider, denn sie war wahnsinnig geworden. Alle Ärzte und Sterndeuter sind im Schlosse gewesen, aber keiner wußte Rat und konnte die Besessene heilen. Der Kaiser trauert, denn er liebt die Fremde aus tiefer Seele.« — Als der Prinz diese Erzählung vernommen hatte, jubelte er und rief: »Gepriesen sei der allmächtige Gott, denn er hat mich den rechten Weg geleitet und mich unerwartet finden lassen, was ich suchte!«

Alsbald ging er in einen Laden und kaufte sich Kleider, denn er hatte beschlossen, nichts unversucht zu lassen, um in das Schloß zu gelangen. Er färbte seine Augenbrauen und seinen Bart weiß, setzte sich einen großen Turban auf und hing sich ein weites Gewand mit lang herabfallenden Ärmeln um. Dann nahm er ein dickes altes Pergamentbuch unter den Arm und steckte eine Schachtel mit Sand zu sich; in der einen Hand trug er seinen großen Stock und in der andern einen Rosenkranz. So durchwanderte er alle Straßen und zählte die Perlen des Rosenkranzes ab, wie die Astrologen zu tun pflegen. Dabei blickte er zu allen Fenstern empor und rief beständig: »Friede sei mit euch und mit eurem Hause!« Als er an das Tor des Palastes kam, meldete er sich bei dem Pförtner und sagte: »Gehe zu dem Kaiser und künde ihm, daß ein weiser Sterndeuter aus Persien angekommen sei. Ich habe die Geschichte von der Sklavin vernommen; zwar erscheint es keck von mir, daß ich noch einmal den Versuch wage, bei ihr eine Heilung zu bewirken, nachdem so viele gelehrten Ärzte es mit ihr versucht haben. Aber ich kenne sehr wirksame und eigentümliche Mittel, die, wie ich hoffe, von Erfolg sein werden.« Der Pförtner eilte sofort zu dem Kaiser und berichtete, was ihm der Fremde aufgetragen hatte. Der Prinz wurde vor den Thron des Herrschers geführt, verneigte sich tief und murmelte allerlei dunkle und unklare Worte, die keiner der Hofleute verstehen konnte. Der Kaiser begrüßte ihn und sprach: »Weiser Mann, in meinem Palaste habe ich ein Mädchen, das rauft sich die Haare und zerreißt die Kleider, denn es ist von Sinnen. Wenn du es heilen kannst, so darfst du jede Belohnung erwarten, die du von mir forderst.« Der verkleidete Prinz wurde in die Gemächer der Prinzessin geleitet und hörte schon von weitem, wie sie klagte und wehmütige Verse sprach. Er trat schnell in das Zimmer und sah sie auf dem Boden liegen, ganz entstellt, mit eingefallenen Wangen und geröteten Augen. Kaum erblickte sie den Fremden, da sprang sie wie eine Wütende empor, überhäufte ihn mit Schmähungen und suchte ihn aus dem Zimmer zu drängen. Er aber wehrte ihr und sagte halblaut: »Schems ulnahar, deine Erlösung ist nahe, denn der allmächtige Gott hat dein Flehen erhört. Vor dir steht Kamr al Akmar.« Als sie seine Worte vernahm, blickte sie ihn prüfend an und erkannte unter der Entstellung die Züge ihres Geliebten. Sie warf sich ihm an die Brust, küßte ihn und fragte: »Wie bist du zu mir gelangt? Denn ich bin weit entfernt von der Heimat und von dem Hause deiner Eltern.« Er entgegnete mit leiser Stimme: »Frage mich jetzt nicht darum; vor der Türe steht der Oberkämmerer und kann uns hören. Ich will versuchen, dich durch List zu erretten; wenn aber mein Vorhaben mißglückt, so kehre ich in meine Heimat zurück und werde Truppen sammeln, um dich mit Gewalt aus dem Palaste des Kaisers zu entführen.« Er wies ihr an, wie sie sich zu verhalten habe, eilte zu dem Kaiser und bat ihn, mit ihm zu der Prinzessin zu gehen. Als Schems ulnahar die Eintretenden gewahrte, schrie sie, schlug mit den Händen um sich und verdrehte die Augen. Da ging der Prinz mit würdigen Schritten auf sie zu, murmelte einige Beschwörungsformeln, blies ihr in die Augen und biß sie in das linke Ohr. Dann sagte er mit ernster und feierlicher Stimme: »Erhebe dich, du Unglückliche, gehe zum Kaiser und küsse ihm die Hand!« Das Mädchen tat, wie ihr der Geliebte geheißen hatte, heuchelte eine Ohnmacht und warf sich zu Boden. Darauf erhob sie sich, starr wie eine Schlafwandelnde, ging mit steifen Schritten auf den Kaiser zu, neigte sich vor ihm und küßte ihm die Hand. »Sei gegrüßt, erhabener Herr,« sagte sie zu ihm mit leiser Stimme, »welche Ehre widerfährt mir, daß du deine Sklavin besuchst?« Bei diesen Worten schlug der Kaiser vor Glück und Überraschung die Hände zusammen, hob die Kniende empor und strich ihr liebkosend über die wallenden Locken. Dann wandte er sich an den Sterndeuter und sagte: »Wahrlich, du hast ein Wunder vollbracht, denn dir ist gelungen, was kein anderer vor dir vermochte! Nun wünsche dir, was du willst, deine Bitte sei schon im voraus erhört.« Der Prinz überlegte eine kleine Weile und entgegnete darauf: »Noch weiß ich nicht, ob das Mädchen endgültig geheilt ist, denn die Möglichkeit besteht, daß ihre Krankheit von neuem ausbricht. Laß sie von zwölf Sklavinnen in das Bad tragen, und schmücke sie mit glänzenden Edelsteinen und blinkendem Geschmeide, damit sie ihren Kummer vergißt und wieder freudigen Herzens werde. Dann aber soll sie wieder an den Ort zurückgebracht werden, wo du sie gefunden hast, denn dort ist der böse Geist in sie gefahren.«

Der König konnte sich nicht genug über die Worte des vermeintlichen Sterndeuters verwundern und rief: »O du weiser Mann! Du Gelehrter und Philosoph! Nie gab es einen geschicktern Arzt, als dich! Denn du weißt, daß ich das Mädchen außerhalb der Stadt gefunden habe.« Der Prinz runzelte die Stirn gewichtig und sagte mit bedeutsamer Stimme: »Mir ist noch mehr bekannt: der Ort, an dem du sie entdeckt hast, liegt in einer Ebene, wo eine silberkühle Quelle rieselt. Dorthin laß die Prinzessin führen, damit sie gesunde.« Der Kaiser tat sogleich, wie ihm der weise Mann befohlen hatte, schmückte die Prinzessin mit den herrlichsten Kleinodien und befahl, sie unter den Baum zu tragen, wo er sie mit dem alten Zauberer überrascht hatte. Dann begab er sich mit Kamr al Akmar und seinen Wesiren an diese Stelle. Der verkleidete Prinz ließ Räucherwerk bringen, entzündete die Pfannen, denen ein süßer, dichter Rauch entquoll, wandte die Augen zum Himmel und rief unverständliche Worte aus. Dann wandte er sich an den Kaiser und sagte: »Ich weiß jetzt, daß sich der böse Geist, von dem dieses Mädchen besessen war, im Leibe eines Pferdes verborgen hält, das aus schwarzem Ebenholz geschnitzt ist. Wir müssen nun das Tier auffinden, damit ich den bösen Geist vertreiben kann, denn sonst wird er das arme Mädchen immer wieder peinigen und irreführen.« Da rief der Kaiser voll Begeisterung: »O du göttlicher Meistert Du Weisester aller Weisen! Dir ist gegeben, auch das Verborgene zu erkennen. Denn ich sah neben dem Mädchen und dem alten Zauberer ein Pferd aus Ebenholz stehen; gewiß ist es das Tier, das du meinst.« Der Kaiser befahl sogleich, das Pferd herbeizuführen, und der Prinz prüfte es genau, um zu sehen, ob es noch unbeschädigt sei. Darauf entzündete er wieder die Räucherpfanne, warf ein Pulver hinein und beschrieb seltsame Zeichen mit den Händen. Dann gab er dem Kaiser die Büchse mit Sand, die er mitgenommen hatte, und sagte: »Streuet diesen Sand in die Flammen, sobald ich auf dem Pferde sitze, denn diesen Geruch liebt es sehr; aber der böse Geist wird dadurch bezaubert und muß von hinnen fahren.« — Flugs setzte sich Kamr al Akmar auf das Roß und hob auch die Prinzessin in den Sattel; er rieb an dem Wirbel, und das Pferd erhob sich und flog in die Lüfte wie ein Vogel. Der Kaiser traute seinen Augen nicht und rief seinen Dienern zu: »Haltet ihn fest!« Die aber sagten: »Der Himmel behüte uns, das ist ein Teufel oder selbst ein böser Geist!« Der Kaiser starrte den Entfliehenden unverwandt nach, bis das Pferd in weiter Ferne entschwunden war. Dann tobte er und rief: »Es gibt keine Hilfe und keine Macht, außer beim allmächtigen Gott! Hat jemals ein Auge erblickt, daß ein Mensch in den Lüften reiten kann? Wahrlich, ich bin hintergangen und von einem Zauberer geblendet worden!« Er kehrte mit seinen Truppen in die Stadt zurück, ließ den alten Perser aus dem Verließ heraufholen und schrie: »Du Erbärmlicher! Du hast mich betrogen, denn du verhehltest mir, daß dein hölzernes Pferd eine wundersame Kraft besaß. Nun hat ein hergelaufener Schwindler mir das Mädchen geraubt und all die kostbaren Perlen und Edelsteine, mit denen ich sie geschmückt hatte.« Der Perser warf sich zu Boden, weinte und rief: »Ich bin es selbst, der dieses kunstvolle Tier erbaut hat! Der die Jungfrau entführte, heißt Kamr al Akmar und ist der Sohn des Königs Sabur von Persien; kein anderer kannte das Geheimnis.« Als der Kaiser diese Worte vernahm, wurde er rot vor Wut, schloß sich in seine Gemächer und trauerte lange über den Verlust des schönen Mädchens.

[Illustration: Sie gab den Befehl, ein reichhaltiges Bankett vorzubereiten.]