Part 9
Einige von den Frauen der Fee, die sich bei ihr im Saale befanden, hatten kaum ihren Wunsch vernommen, als sie auch schon hinausgingen und bald darauf einige Speisen und trefflichen Wein hereinbrachten.
Als der Prinz Achmed zur Genüge gegessen und getrunken hatte, führte ihn die Fee Pari Banu aus einem Zimmer in das andere, und er sah darin Diamanten, Rubine, Smaragde und alle Arten der feinsten Edelsteine im Verein mit Perlen, Achat, Jaspis, Porphyr und dem kostbarsten Marmor von allen Gattungen angebracht, ganz von dem Zimmergerät zu schweigen, welches alles von einem unschätzbaren Reichtum war. Alles war in so erstaunlichem Überfluß angebracht, daß er, weit entfernt, je etwas gesehen zu haben, was dieser Pracht auch nur nahe gekommen wäre, vielmehr eingestand, daß es nichts der Art auf der ganzen Welt geben könne.
»Prinz,« sagte hierauf die Fee, »wenn Ihr schon meinen Palast so sehr bewundert, der wirklich sehr schön ist, was würdet Ihr erst zu den Palästen unserer Geisterfürsten sagen, die von ganz anderer Pracht und Schönheit sind? Ich könnte Euch auch noch meinen Garten bewundern lassen, allein — fuhr sie fort — das mag lieber ein andermal geschehen. Die Nacht kommt schon, und es ist Zeit, daß wir uns zur Tafel setzen.«
Der Saal, in den die Fee den Prinzen führte, wo die Tafel gedeckt war, war das letzte Zimmer des Palastes und zugleich das einzige, was der Prinz noch nicht gesehen hatte; es stand indes hinter keinem derjenigen zurück, die er bereits in Augenschein genommen hatte. Beim Hereintreten bewunderte er den Lichtglanz unzähliger, von Ambra duftender Wachskerzen, deren Menge, anstatt zu verwirren, vielmehr so symmetrisch aufgestellt war, daß man sie mit Vergnügen ansah. Ebenso bewunderte er einen großen Schenktisch, besetzt mit goldenen Gefäßen, welche durch ihre kunstreiche Arbeit einen noch weit höheren Wert hatten als durch ihren Stoff; ferner mehrere Chöre der schönsten und reichgekleidetsten Mädchen, welche ein Konzert, aus Gesang und harmonischen Instrumenten bestehend, begannen, so schön, als er es nur je in seinem Leben gehört. Sie setzten sich zu Tische. Da Pari Banu sich ganz besonders bemühte, dem Prinzen Achmed die wohlschmeckendsten Speisen vorzulegen, und sie ihm jedesmal wenn sie ihn zum Zulangen aufforderte, mit Namen nannte, da ferner der Prinz noch nie etwas von denselben gehört hatte und sie ganz ausgesucht wohlschmeckend fand, lobte er dieselben außerordentlich und rief aus, daß dies treffliche Mahl, womit sie ihn bewirte, alle Mahlzeiten der Menschen weit überträfe. Auch war er ganz entzückt über die Vortrefflichkeit des Weines, welcher aufgetragen wurde, und wovon er und die Fee erst beim Nachtisch, der aus Früchten, Kuchen und anderem dazu passendem Imbiß bestand, zu trinken anfingen.
Nach dem Nachtisch standen die Fee Pari Banu und der Prinz Achmed von der Tafel auf, die sogleich weggetragen wurde, und setzten sich bequem auf das Sofa, indem sie den Rücken an Polster von Seidenstoff lehnten, die mit großem, vielfarbigem Blumenwerk, alles von der feinsten Stickerei, bedeckt waren. Sogleich trat nun eine große Anzahl von Geistern und Feen in den Saal und begannen einen herrlichen Tanz, welcher so lange dauerte, bis die Fee und der Prinz Achmed aufstanden.
An das Hochzeitsfest schloß sich eine lange Reihe festlicher Tage, in die die Fee Pari Banu die größte Mannigfaltigkeit zu bringen wußte, durch neue Speisen und Gerichte bei den Mahlzeiten, durch neue Konzerte, neue Tänze, neue Schauspiele und neue Ergötzlichkeiten, die alle so außerordentlich waren, daß der Prinz Achmed während seines ganzen Lebens unter den Menschen, und hätte es auch tausend Jahre gedauert, sich dergleichen nicht hätte erdenken können.
Nach Verlauf von sechs Monaten fühlte endlich Prinz Achmed, welcher stets seinen Vater geliebt und verehrt hatte, ein heftiges Verlangen, ihn zu besuchen, und bat die Fee, ihm das zu erlauben. Pari Banu aber fürchtete, er wollte sie verlassen und antwortete:
»Mit was habe ich denn Euer Mißfallen erregt, daß Ihr Euch gedrungen fühlt, mich um diese Erlaubnis zu bitten? Sollte es möglich sein, daß Ihr Euer mir gegebenes Wort vergessen hättet und mich nicht mehr liebtet, die ich Euch doch so zärtlich liebe?«
»Meine Königin,« erwiderte der Prinz Achmed, »ich tat meine Bitte nicht, um Euch zu kränken, sondern bloß aus Ehrfurcht für meinen Vater, den Sultan, den ich gern von seiner Betrübnis zu befreien wünsche, in die ich ihn durch eine so lange Abwesenheit unfehlbar versetzt habe; denn ich habe Grund zu vermuten, daß er mich für tot hält. Da ihr indes nicht erlaubt, daß ich hingehe, so will ich tun, was Ihr wollt.«
Prinz Achmed, der sich nicht verstellte und sie wirklich liebte, drang nicht weiter in sie, und die Fee zeigte ihm, wie sehr sie über seine Nachgiebigkeit erfreut war.
Übrigens verhielt es sich wirklich so, wie Prinz Achmed vermutet hatte. Der Sultan von Indien war mitten unter den Lustbarkeiten bei der Hochzeit des Prinzen Aly und der Prinzessin Nurunnihar durch die Entfernung seiner beiden Söhne tief betrübt worden. Es dauerte nicht lange, so erfuhr er den Entschluß, den der Prinz Hussain gefaßt hatte, die Welt zu verlassen, und auch den Ort, den er sich zu seinem künftigen Aufenthalte gewählt hatte. Als ein guter Vater, der einen Teil seines Glückes darin sieht, seine Kinder um sich zu haben, hätte er es freilich lieber gesehen, wenn er bei ihm geblieben wäre. Indes aus Liebe zu seinen Kindern ertrug er seine Abwesenheit mit Geduld. Er wandte alle Sorgfalt an, um Nachricht von dem Prinzen Achmed zu erhalten; doch alle Mühe hatte nicht den gehofften Erfolg, und sein Kummer wurde, anstatt abzunehmen, nur noch größer. Oft besprach er sich darüber mit seinem Großwesir.
»Wesir,« sprach er einst zu ihm, »du weißt, daß Achmed derjenige unter meinen Söhnen ist, den ich immer am zärtlichsten geliebt habe, und du weißt, welche Mittel und Wege ich eingeschlagen habe, um ihn wiederzufinden, doch stets ohne Erfolg. Der Schmerz, den ich darüber empfinde, ist so lebhaft, daß ich ihm am Ende erliegen werde. Wenn dir nur irgend etwas an der Erhaltung meiner Gesundheit liegt, so beschwöre ich dich, daß du mich mit deinem Beistand und deinem Rat unterstützt.«
Der Großwesir sann auf Mittel, um ihm etwas Beruhigung zu verschaffen, und da fiel ihm eine Zauberin ein, von weicher man Wunderdinge erzählte.
Er schlug ihm vor, diese kommen zu lassen und zu befragen, und der Sultan erlaubte es. Der Großwesir ließ sie also aufsuchen und führte sie selbst bei ihm ein.
Der Sultan sagte zu der Zauberin: »Die Betrübnis, in der ich mich seit der Hochzeit meines Sohnes Aly mit der Prinzessin Nurunnihar wegen der Abwesenheit des Prinzen Achmed befinde, ist so allgemein bekannt, daß du ohne Zweifel darum wissen wirst. Kannst du mir nun nicht vermöge deiner Kunst und Geschicklichkeit sagen, was aus ihm geworden ist? Ist er noch am Leben? Was macht er? Darf ich hoffen, ihn noch einmal wiederzusehen?«
Die Zauberin antwortete: »Herr, welche Geschicklichkeit ich auch immer besitzen mag, so ist es mir doch nicht möglich, sofort der Anfrage Eurer Majestät zu genügen; doch wenn Ihr mir bis morgen Zeit lassen wollt, so werde ich Euch Bescheid geben können.«
Der Sultan gestattete ihr diesen Aufschub und entließ sie mit dem Versprechen, sie gut zu belohnen.
Die Zauberin kam den folgenden Tag wieder, und der Großwesir stellte sie wiederum vor. Sie sagte zu dem Sultan:
»Herr, ich habe nichts weiter ermitteln können, als daß der Prinz Achmed nicht tot ist. Dies ist ganz gewiß, und Ihr könnt Euch darauf verlassen. Wo er sein mag, habe ich jedoch nicht entdecken können.«
Der Sultan von Indien war genötigt, sich mit dieser Antwort zu begnügen, die ihn wegen des Schicksals des Prinzen fast in derselben Ungewißheit ließ, als er zuvor war.
Um wieder auf den Prinzen Achmed zurückzukommen, so unterhielt sich dieser oft mit der Fee Pari Banu über seinen Vater, den Sultan, doch äußerte er nie den Wunsch, diesen wiederzusehen, und aus dieser Absichtlichkeit erriet die Fee seine innere Gesinnung. Da sie nun seine Zurückhaltung und seine Furcht, nach jener abschlägigen Antwort noch einmal ihr Mißfallen zu erregen, bemerkte, wußte sie, daß seine Liebe zu ihr aufrichtig sei, und so beschloß sie, ihm das zu bewilligen, was er so sehnlich wünschte. Sie sagte daher eines Tages zu ihm:
»Prinz, die Erlaubnis, um die Ihr mich batet, daß Ihr nämlich Euren Vater besuchen wolltet, hatte mir die Besorgnis eingeflößt, daß dies bloß ein Vorwand sei, um mich zu verlassen; es war der einzige Beweggrund, warum ich Euch Eure Bitte abschlug. Doch heute bin ich anderer Ansicht geworden und gewähre Euch diese Erlaubnis, doch nur unter der Bedingung, daß Ihr mir zuvor schwört, daß Ihr sehr bald wieder zurückkehren werdet.«
Der Prinz Achmed wollte sich der Fee zu Füßen werfen, um ihr deutlicher an den Tag zu legen, wie sehr er von Dankbarkeit gegen sie durchdrungen sei, allein die Fee hinderte ihn daran.
»Prinz,« sagte sie zu ihm, »Ihr könnt abreisen, sobald es Euch beliebt; aber erwähnt gegen Euren Vater nichts von unserer Verbindung, von meinem Stande, oder von dem Orte, wo Ihr Euch niedergelassen habt. Bittet ihn, daß er sich mit der Nachricht begnüge, daß Ihr Euch nichts weiter wünscht, und daß der einzige Grund Eurer Reise zu ihm bloß der gewesen, daß Ihr ihm seine Besorgnis über Euer Schicksal nehmen wolltet.«
Dann gab sie ihm zu seiner Begleitung zwanzig wohlgerüstete und stattliche Reiter. Als alles bereit war, nahm der Prinz Achmed von der Fee Abschied, indem er sie umarmte. Man führte ihm das Pferd vor, welches sie für ihn hatte in Bereitschaft halten lassen: dies war nicht bloß reich angeschirrt, sondern auch sehr schön und von einem noch höheren Wert als irgendeines in dem Marstall des Sultans von Indien. Er bestieg es mit vielem Anstande, winkte ihr sein letztes Lebewohl zu, und sprengte von dannen.
Da der Weg nach der Hauptstadt nicht weit war, langte Prinz Achmed binnen kurzer Zeit dort an. Sobald er in die Stadt einritt, empfing ihn das Volk, voll Freude über sein Wiedererscheinen, mit lautem Beifallruf, und ein großer Teil begleitete ihn bis an die Zimmer des Sultans. Der Sultan empfing und umarmte ihn voll Freude, beklagte sich gleichwohl aber über die Betrübnis, in die ihn seine lange Abwesenheit versenkt habe.
»Herr,« erwiderte der Prinz Achmed, »es liegt hier ein Geheimnis vor, und ich bitte Euch, es nicht ungnädig aufzunehmen, wenn ich darüber stillschweige. Ich bin glücklich und mit meinem Glücke zufrieden. Da in meinem Glücke nichts war, was mich beunruhigen und dasselbe zu stören vermochte, als der Gedanke an den Kummer, den Eure Majestät über mein Verschwinden haben mußte, so hielt ich es für meine Pflicht, Euch denselben zu benehmen. Dies ist der einzige Grund, warum ich komme. Die einzige Gnade, die ich mir für die Zukunft von Eurer Majestät erbitte, besteht darin, daß Ihr mir erlaubt, von Zeit zu Zeit hierher zu kommen, um Euch meine Ehrerbietung zu bezeigen und mich nach Eurem Befinden zu erkundigen.«
»Mein Sohn,« antwortete der Sultan von Indien, »ich kann dir diese Erlaubnis nicht verweigern, doch würde ich es weit lieber gesehen haben, wenn du dich hättest entschließen können, hier in meiner Nähe zu bleiben. Indes sage mir wenigstens, wo ich von dir Nachricht erhalten kann, wenn du mir selber keine zukommen lässest, oder wenn deine Gegenwart einmal nötig sein sollte.«
»Herr,« erwiderte der Prinz Achmed, »das, wonach Eure Majestät mich fragt, gehört mit zu dem erwähnten Geheimnis, und ich bitte Euch daher, mir zu gestatten, daß ich über diesen Punkt schweige.«
Der Prinz Achmed blieb am Hofe seines Vaters nicht länger als drei Tage, und schon am vierten reiste er sehr früh wieder ab.
Einen Monat nach der Rückkehr des Prinzen bemerkte die Fee Pari Banu, daß, seitdem der Prinz ihr von seiner Reise Bericht erstattet, er nie mehr mit ihr über den Sultan gesprochen hatte, was er früher doch so oft getan hatte, gerade als ob er nicht mehr auf der Welt wäre. Sie mutmaßte, daß er bloß aus Achtung gegen sie dies vermiede, und nahm daher eines Tages Gelegenheit, folgendes zu ihm zu sagen:
»Prinz, sagt mir doch, habt Ihr Euren Vater, den Sultan, denn so ganz vergessen?«
»Verehrte Frau,« erwiderte der Prinz Achmed, »ich fühle mich einer solchen Vergeßlichkeit nicht fähig, indes ich wollte lieber diesen Euren Vorwurf unverdient ertragen, als mich einer abschlägigen Antwort aussetzen, wenn ich Euch gegenüber eine Sehnsucht nach etwas blicken ließe, was Euch irgendwie hätte in Unruhe versetzen können.«
»Prinz,« sagte die Fee zu ihm, »ich will nicht, daß Ihr länger diese Rücksicht gegen mich nehmt, und so dächte ich, da Ihr Euren Vater seit einem Monate nicht gesehen, Ihr ließet keine längere Frist verstreichen und stattet ihm den schuldigen Besuch ab. Fangt also morgen damit an, und fahrt so von Monat zu Monat fort, ohne daß Ihr mir deshalb jedesmal etwas sagt oder von mir eine Äußerung erwartet.«
Prinz Achmed reiste schon den folgenden Tag mit demselben Gefolge ab, das aber weit prächtiger ausgerüstet und gekleidet war, als das erstemal. Er wurde von dem Sultan wieder ebenso freudig empfangen. So setzte er denn seine Besuche mehrere Monate lang fort, und immer erschien er in einem reicheren und glänzenderen Aufzuge.
Endlich wußten einige Wesire die Freiheit, die ihnen gestattete mit dem Sultan zu reden, dazu zu mißbrauchen, daß sie in ihm Argwohn gegen den Prinzen weckten. Sie stellten ihm vor, die Klugheit erfordere es, zu wissen, wo der Prinz seinen eigentlichen Aufenthalt habe, und wovon er seinen großen Aufwand bestreite, dann fuhren sie fort und sagten: »Habt Ihr recht bemerkt, daß jedesmal, wenn er ankommt, er und seine Leute ganz frisch und munter und ihre Kleider, die Decken der Pferde und der übrige Schmuck so blank aussehen, als wären sie soeben erst neu gemacht? Sogar ihre Pferde sind nicht müder, als kämen sie nur von einem Spazierritt. Dies sind alles Beweise, daß sich der Aufenthaltsort des Prinzen in der Nähe befindet, und wir glauben unsere Pflicht zu verletzen, wenn wir Euch dies nicht untertänigst vorstellten, damit Ihr zu Eurer eigenen Erhaltung und zum Wohl Eures Reichs die erforderliche Rücksicht darauf nehmen könnt.«
Der Sultan geriet durch die Reden der Günstlinge in einige Unruhe und beschloß, die Schritte des Prinzen Achmed beobachten zu lassen, doch ohne seinem Großwesir das mindeste davon zu sagen. Er ließ die Zauberin zu sich kommen und sagte zu ihr:
»Du hast mir die Wahrheit gesagt, als du mir versichertest, daß mein Sohn Achmed nicht tot sei, und ich danke dir dafür; allein du mußt mir noch einen Gefallen tun. Seitdem ich ihn nämlich wiedergefunden habe und er wieder jeden Monat einmal an meinen Hof kommt, habe ich noch nicht von ihm erfahren können, an welchem Ort er seine Wohnung hat. Du weißt, daß er jetzt eben hier ist, und da er von hier immer wieder abzureisen pflegt, ohne von mir oder irgendeinem an meinem Hof Abschied zu nehmen, so verliere keine Zeit, begib dich noch heute auf den Weg und beobachte ihn so gut, daß du erfährst, wo er jedesmal hingeht, und mir darüber Antwort bringen kannst.«
Die Zauberin entfernte sich aus dem Palast des Sultans, und da sie erfahren hatte, an welchem Orte der Prinz Achmed seinen Pfeil gefunden hatte, begab sie sich augenblicklich dahin und versteckte sich bei den Felsen.
Den folgenden Tag reiste der Prinz Achmed mit Anbruch des Morgens ab, ohne daß er vom Sultan oder von einem anderen Manne des Hofes Abschied nahm, wie er dies gewöhnlich tat. Die Zauberin sah ihn kommen und begleitete ihn mit den Augen so weit, bis sie ihn und sein Gefolge aus dem Gesicht verlor.
Da die Felsen wegen ihrer Steilheit jedem Sterblichen unzugänglich waren, schloß die Zauberin, eines von beiden könne hier nur der Fall sein, nämlich daß der Prinz sich hier entweder in eine Höhle zurückzöge, oder an einen unterirdischen Ort, wo Feen und Geister wohnten. Sobald sie nun vermuten konnte, daß der Prinz und seine Leute verschwunden und in die Höhle oder in das unterirdische Gemach hineingegangen sein müßten, kam sie aus ihrem Versteck hervor und ging geraden Weges auf die Schlucht los, wo sie dieselben hatte hineintreten sehen. Sie ging in diese hinein, schritt bis dahin, wo dieselbe in allerlei Krümmungen endigte, sah sich nach allen Seiten um und ging mehrere Male auf und ab. Allein ungeachtet aller Sorgfalt bemerkte sie doch weder eine Höhlenöffnung, noch die eiserne Tür, welche früher den Nachforschungen des Prinzen Achmed nicht entgangen war — und zwar darum, weil diese Tür nur für Männer, und zwar nur für die, deren Gegenwart der Fee Pari Banu angenehm war, aber nicht für Frauen sichtbar war.
Die Zauberin ging also wieder zurück, um dem Sultan Antwort zu bringen, und nachdem sie diesem über alle ihre Schritte Bericht abgestattet hatte, fügte sie hinzu:
»Herr, ich will Euch gegenwärtig noch nicht sagen, was ich denke, sondern ich will Euch lieber eine so klare Kenntnis von der Sache verschaffen, daß Ihr nicht mehr zweifeln könnt. Um dies bewirken zu können, erbitte ich mir bloß Zeit und Geduld, nebst der Erlaubnis, daß Ihr mich handeln laßt, ohne nach den Mitteln zu fragen, deren ich mich hierzu bedienen muß.«
Der Sultan sagte zu ihr: »Ganz nach deinem Belieben! Geh und handle so, wie du es für angemessen findest, ich werde die Erfüllung deiner Versprechungen ruhig abwarten.«
Da der Prinz Achmed, seitdem er von der Fee Pari Banu die Erlaubnis erhalten hatte, dem Sultan von Indien seine Aufwartung zu machen, nicht unterlassen hatte, dies regelmäßig alle Monate einmal zu tun, wartete die Zauberin, bis der laufende Monat zu Ende ging. Ein oder zwei Tage vor dem Ende desselben begab sie sich an den Fuß der Felsen, und zwar an die Stelle, wo ihr der Prinz mit seinen Leuten aus dem Gesicht verschwunden war, und wartete da, um den Plan, den sie entworfen hatte, auszuführen.
Schon am folgenden Tage ritt Prinz Achmed, wie gewöhnlich, aus der eisernen Tür heraus, und zwar mit dem Gefolge, das ihn immer zu begleiten pflegte; er kam dicht an der Zauberin vorbei, die er nicht für das erkannte, was sie war. Da er bemerkte, daß sie den Kopf auf den Felsen gelegt hatte und wie eine schwer Leidende jammerte, bewog ihn das Mitleid, seitwärts abzulenken, um sich ihr zu nähern und sie zu fragen, was ihr denn fehle und was er zu ihrer Linderung tun könne.
Die arglistige Zauberin sah den Prinzen, ohne den Kopf emporzuheben, mit einer Miene an, die sein schon gewecktes Mitleid noch vermehrte. Sie antwortete ihm in abgebrochenen Worten, und als könnte sie kaum atmen, sie sei von Hause weggegangen, um nach der Stadt zu gehen. Unterwegs sei sie von einem heftigen Fieber befallen worden, die Kräfte seien ihr geschwunden, und sie sei genötigt gewesen, auszuruhen und in dieser unbewohnten Gegend, ohne Aussicht auf menschlichen Beistand, in der Lage zu bleiben, in der er sie gefunden.
»Gute Frau,« erwiderte der Prinz Achmed, »Ihr seid nicht so weit von aller menschlichen Hilfe entfernt, als Ihr denkt; ich bin bereit, Euch an einen Ort zu bringen, wo Ihr nicht bloß alle mögliche Pflege finden, sondern auch bald geheilt werden sollt. Ihr dürft bloß aufstehen und zugeben, daß einer von meinen Leuten Euch hinter sich aufs Pferd nimmt.«
Bei diesen Worten des Prinzen Achmed stellte sich die Zauberin, als suche sie sich mit vieler Mühe aufzurichten. In demselben Augenblick stiegen zwei von den Reitern ab, halfen ihr auf die Beine und setzten sie hinter einen anderen Reiter aufs Pferd. Während sie sich wieder aufsetzten, sprengte der Prinz an der Spitze seiner Reiterschar den Weg wieder zurück und kam bald an die eiserne Tür, welche ihm durch einen vorausgeeilten Reiter geöffnet worden war. Der Prinz ritt hinein, und als er in den Hof des Feenpalastes gelangt war, ließ er, ohne selber abzusteigen, durch einen seiner Reiter der Fee melden, daß er sie zu sprechen wünsche.
Die Fee Pari Banu eilte um so schneller herbei, als sie nicht begreifen konnte, was den Prinzen Achmed sobald wieder zur Umkehr veranlaßt haben könnte. Ohne ihr Zeit zu lassen, nach dem Grunde zu fragen, sagte der Prinz zu ihr, indem er auf die Zauberin wies, die zwei seiner Leute vom Pferde herabgehoben hatten und nun unter den Armen geführt brachten:
»Meine Prinzessin, ich bitte Euch, dieser Frau dasselbe Mitleid zu schenken, das ich ihr geschenkt habe. Ich habe sie in dem Zustande, in dem Ihr sie seht, unterwegs getroffen und habe ihr den Beistand versprochen, dessen sie bedarf.«
Die Fee Pari Banu, die während der Rede des Prinzen ihre Augen auf die angebliche Kranke geheftet hatte, befahl zweien ihrer Frauen, die ihr gefolgt waren, sie aus den Händen der Reiter zu übernehmen, sie in ein Zimmer des Palastes zu führen und für sie ganz ebenso zu sorgen, als ob sie es selber wäre.
Während die beiden Frauen den empfangenen Befehl vollzogen, näherte sich die Fee Pari Banu dem Prinzen Achmed und sagte mit niedergesenkten Augen zu ihm:
»Prinz, ich lobe Euer Mitleid; es ist Euer und Eures Standes würdig, und ich freue mich, Eurer guten Absicht entsprechen zu können: allein erlaubt mir, Euch zu sagen, daß ich sehr fürchte, diese gute Absicht werde uns übel belohnt werden. Es scheint mir nämlich nicht, daß diese Frau so krank ist, als sie vorgibt, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn sie nicht ausdrücklich dazu hergekommen ist, Euch großes Unheil zu bringen. Indes laßt Euch das nicht kümmern. Was man auch immer gegen Euch anzetteln mag, Ihr könnt versichert sein, daß ich Euch aus allen Schlingen, die man Euch irgend legen mag, befreien werde. Geht daher und setzt Eure Reise fort.«
Diese Äußerungen der Fee beunruhigten den Prinzen weiter nicht und er antwortete:
»Meine Prinzessin, da ich mich nicht erinnern kann, jemandem etwas zuleide getan zu haben, und da ich auch gegen niemanden etwas Böses vorhabe, so glaube ich nicht, daß irgend jemand dergleichen mir zuzufügen gedenkt. Wie dem aber auch sein mag, ich werde nicht aufhören, Gutes zu tun, so oft sich mir die Gelegenheit dazu bieten wird.«
Hierauf nahm er Abschied von der Fee und setzte seine Reise weiter fort. Nach wenigen Stunden langte er am Hofe des Sultans an, der ihn fast so wie sonst empfing, indem er sich soviel als möglich zwang, um weder seine Unruhe, noch den Argwohn merken zu lassen, den die Äußerungen der beiden Günstlinge in ihm geweckt hatten.
Unterdes hatten die beiden Frauen, denen die Fee Pari Banu die Sorge für die Zauberin aufgetragen, diese in ein sehr schönes und reichgeschmücktes Zimmer geführt. Zuerst betteten sie sie auf ein Sofa; dann machten sie ihr eine Lagerstatt zurecht, deren Kissen aus Atlas waren, die Stickereien aus Seide trugen; das Bettuch war von der feinsten Leinwand und die Oberdecke von Goldstoff. Als sie ihr nun ins Bett geholfen hatten — denn die Zauberin tat, als ob ihr Fieberanfall sie so quäle, daß sie sich selber nicht helfen könne —, ging eine von den Frauen hinaus und kam bald darauf mit einem sehr feinen Porzellangefäß in der Hand zurück, welches mit einer Flüssigkeit angefüllt war. Sie reichte es der Zauberin, während die andere Frau ihr half, sich im Bette aufzusetzen, und sagte zu ihr:
»Da, nehmt die Flüssigkeit, es ist Wasser aus der Löwenquelle, ein Universalmittel gegen jede Art von Fieber. Ihr werdet binnen einer Stunde die Wirkung davor, empfinden.«
Um noch kränker zu erscheinen, ließ sich die Zauberin lange bitten und tat, als hätte sie eine unüberwindliche Abneigung gegen diesen Trank. Endlich nahm sie das Porzellangefäß und schluckte die Flüssigkeit hinunter, während sie den Kopf schüttelte, als ob sie sich große Gewalt antäte. Als sie sich wieder gelegt hatte, deckten die beiden Frauen sie gut zu, und die, welche den Trank gebracht hatte, sagte zu ihr:
»Bleibt jetzt ganz ruhig und schlaft, wenn Ihr Lust habt. Wir wollen Euch jetzt verlassen und hoffen, Euch bei unserer Wiederkehr nach einer Stunde vollkommen genesen zu finden.«