Chapter 2 of 14 · 3836 words · ~19 min read

Part 2

»Vernimm! Ich bin einer der abtrünnigen und bösen Geister, denn ich war dem Propheten Gottes, dem großen Salomo, ungehorsam. Er sandte mir seinen Minister Asaf, den Sohn des Berachja, der zu mir eilte und das Urteil an mir vollziehen mußte. Er fesselte mich und warf mich in Ketten und brachte mich mit Gewalt zu Salomo, dem Propheten Gottes. Der aber erschrak sehr, als er mich erblickte, denn er fürchtete sich vor meiner Gestalt, und rief Gott um Hilfe an. Er befahl mir, daß ich ihm gehorchen solle, aber ich weigerte mich seinen Worten; da ließ er diese Messingflasche bringen und sperrte mich hinein; dann verschloß er sie mit einem Bleisiegel, darauf er den Namen des erhabenen Gottes drückte, und hieß einem Geiste, die Flasche tief hinab in das Meer zu versenken. Als ich zweihundert Jahre so in den Fluten gelegen hatte, beschloß ich, dem Reichtum zu verschaffen, der mich in den nächsten zweihundert Jahren aus meiner Gefangenschaft erlösen würde. Aber die Jahre gingen hin, und keiner kam und erlöste mich. Und abermals verflossen zweihundert Jahre, und ich beschloß nunmehr, daß ich meinem Befreier alle Schätze dieser Erde zur Verfügung stellen wollte; aber wieder verging die Zeit, und es nahte mir kein Erretter. Und abermals beschloß ich, daß ich den, der in den folgenden zweihundert Jahren mich erlösen würde, zum Sultan machen, daß ich selbst sein Diener werden und ihm täglich drei Wünsche erfüllen wollte. Aber auch dieses Mal befreite mich niemand. Da ergrimmte ich, tobte und wütete und faßte den Entschluß, denjenigen umzubringen, der von jetzt an mich erretten würde. Er sollte des gräßlichsten Todes sterben oder selbst wählen, wie er verscheiden wollte. Kurz darauf hast du mich in deinem Netze aufgefischt und ans Land gezogen. Künde mir jetzt, auf welche Weise du sterben willst.«

Als der Fischer diese Rede des Geistes vernommen hatte, rief er aus: »Nur Gott gehöre ich an, und nur zu ihm kehre ich zurück! Verflucht ist mein Schicksal, daß ich dich gerade jetzt erretten mußte! Doch sei gnädig und erbarme dich meiner, so wird auch Gott Erbarmen mit dir haben; laß mich am Leben, sonst wird Gott jemanden erwecken, der auch dich töten soll.« Der Geist aber antwortete: »Vergeblich flehst du um Gnade; sage mir, wie du sterben willst!« Da wurde der Fischer sehr traurig, brach in Tränen aus und schluchzte: »O mein Weib! O meine Kinder! Gott gebe, daß mein Herz stark bleibe um euch!« Und er bat abermals den Geist, daß er ihm verzeihen möge, weil er ihn aus dem Meere und aus der Messingflasche erlöst habe. Aber der Geist beharrte bei seinen Worten und ließ sich nicht durch Bitten erweichen. »Wahrlich!« rief der Fischer entrüstet, »du willst mir Böses tun, weil ich gut gegen dich gehandelt habe! Das Sprichwort lügt also nicht, welches sagt: Es sind ruchlose Menschen, die Gutes mit Bösem vergelten; wer Gutes tut an einem, der es nicht verdient, dem wird es wie dem ergehen, der einer Hyäne Obdach gewährt.« Der Geist aber rief: »Zaudere nicht, denn ich werde dich umbringen, wie ich es dir versprochen habe.« Der Fischer überlegte eine Weile im stillen und sagte zu sich selbst: »Ich bin ein Mensch, dieser aber ist nur ein Geist. Gott gab mir den Verstand, so will ich ihn auch mit meinem Verstande überlisten.« Und er wandte sich an den Geist und fragte: »Ist es dein fester Entschluß, daß ich sterben soll?« Und als der Geist nicht von seinem Willen wich, sagte der Fischer: »Im Namen des höchsten Gottes, der auf dem Siegel Salomos, des Sohnes Davids, eingedrückt war, willst du mir die Wahrheit künden, wenn ich dich jetzt um etwas befrage?« Der Geist erbebte, als er den Namen des gewaltigen Gottes hörte, und erwiderte: »Frage mich, aber sei kurz!«

Da fragte der Fischer: »So sage mir im Namen des erhabenen Gottes, ob du in dieser Flasche eingesperrt warst oder nicht.« Und der Geist antwortete: »Im Namen des erhabenen Gottes, ich war darin eingesperrt.« Aber der Fischer rief: »Das lügst du, denn diese Flasche ist so klein, daß ich sie mit meiner Hand umspannen kann! Wie kann diese Flasche dich fassen, da sie schon durch deine Füße zersprengt würde?« Der Geist sprach darauf: »Ich schwöre dir, daß ich darin war! Willst du es nicht glauben?« — »Nein!« entgegnete der Fischer. Da löste sich der Geist langsam auf, verflüchtigte sich und wurde wieder zu einem Rauche, der emporschwebte und sich über dem Meere und dem Lande niederließ. Er zog sich zusammen und verschwand nach und nach in der Messingflasche, bis nichts mehr von ihm zu sehen war. Da kam eine Stimme aus der Flasche heraus: »Glaubst du mir nun, du dummer Fischer, daß ich in der Flasche bin?« Aber der Fischer langte rasch nach dem Blei, mit dem die Flasche geschlossen war, und drückte es wieder fest auf die Öffnung. Dann rief er: »Wähle du jetzt, du dummer Geist, wie du sterben willst, und wie ich dich wieder ins Wasser schleudern soll! Dann werde ich mir hier eine Hütte bauen und alle Fischer warnen, die hier ihre Netze auswerfen wollen, und zu ihnen reden: Hier unten liegt ein schlimmer Geist, der alle umbringen will, die ihn befreien, und sie nur wählen läßt, auf welche Weise sie sterben möchten.« Als der Geist nun sah, daß er wieder eingeschlossen war und nicht mehr entweichen konnte, weil ihn Salomos Siegel daran hinderte, merkte er wohl, daß ihn der Fischer überlistet hatte. Da bat er inständig und sagte: »Tue das nicht, guter Fischer, denn ich habe ja nur Scherz mit dir getrieben.« — »Du erbärmlichster und schändlichster aller Geister,« rief der Fischer entrüstet, »du lügst!« Und sogleich rollte er die Flasche wieder an das Meer, während der Geist ihn anflehte: »Nicht doch, nicht doch!« Aber der Fischer sagte: »Ja doch! ja doch!« und lachte. Der Geist wurde sehr kleinlaut und traurig und bat ihn demütig: »Tue das nicht mit mir, guter Fischer.« Der aber antwortete: »Ich werde dich doch ins Meer werfen! Da magst du abermals achthundert Jahre darin liegen bleiben, und nie mehr werde ich dich daraus befreien. Denn ich habe dich heiß und inständig gebeten, mich leben zu lassen, du aber hast mich nicht erhört und bist treulos gegen mich gewesen; nun werde ich Gleiches mit Gleichem vergelten.« Der Geist jammerte und sagte: »Öffne mir, lieber Fischer, denn ich will dir Reichtümer schenken und dir viel Gutes erweisen. Befreie mich aus diesem Gefängnis! Die Handlungen der Menschen sollen immer edler sein, als die eines Geistes. Denn ein Sprichwort sagt: Du sollst Böses mit Gutem vergelten, und nicht so handeln wie Imama mit Ateka.« »Was ist es mit Imama und Ateka?« fragte der Fischer. »Jetzt mag ich es dir nicht erzählen, so lange ich in dieser engen Flasche sitze,« sagte der Geist, »ich will es dir erzählen, wenn du mich wieder freiläßt.« Der Fischer antwortete: »Niemals werde ich dich herauslassen; ich habe dich auch vorhin lange gebeten, und du wolltest mich dennoch umbringen. Nun werfe ich dich wieder in das Meer, denn du bist ein boshafter Geist und wolltest Gutes mit Bösem vergelten. Ich werde aber an der Stelle, wo ich die Flasche ins Wasser geschleudert habe, ein Haus erbauen und darauf schreiben: Hier unten liegt ein schlimmer Geist; wer ihn heraufzieht, der wird von ihm umgebracht. Da kannst du noch fünfmal zweihundert Jahre dort unten bleiben, du erbärmlichster aller Geister!« Da sagte der Geist: »Ich bitte dich, laß mich noch einmal aus dieser engen Flasche, denn ich verspreche dir, daß dir kein Leid geschehen soll. Ich werde dich reich machen und dir viel Gutes erweisen.« Der Fischer sprach: »Schwöre mir das beim erhabenen Gotte, damit ich dir glauben kann.« Nach diesen Worten leistete der Geist einen Eid bei dem Namen dessen, der auf Salomos Siegel stand, und der Fischer öffnete die Flasche wieder und befreite den Gefangenen. Abermals quoll ein Rauch empor, aus dem sich die Gestalt des Geistes sammelte; der aber zertrümmerte die Flasche mit seinen Füßen, schleuderte sie in die Wellen und flog sodann auf das Meer hinaus. Da befiel den Fischer große Angst, denn er glaubte, daß der Tod ihm gewiß sei, und er kniete nieder und rief: »Du hast einen Eid geschworen, darum darfst du nicht treulos sein, sonst wird dich Gott bestrafen.« Der Geist lachte und antwortete: »Folge mir, Fischer!« Mutlos erhob sich der Fischer und folgte ihm, denn er glaubte, daß er nicht mit dem Leben davon kommen werde. Die beiden wanderten durch die Wüste einen langen Weg bis zu einem Berge; dort lag, zwischen vier kleine Hügel geschmiegt, ein wundersamer See. Der Geist blieb stehen und befahl dem Fischer, daß er hier sein Netz auswerfen möge, denn in dem Wasser schwammen viele bunte Fische, blaue, weiße, gelbe und rote. Der Fischer machte große Augen über diesen ungewohnten Anblick und tat, wie der Geist ihm geheißen. Als er das Netz wieder herauszog, lagen vier Fische darin, ein weißer, ein blauer, ein roter und ein gelber; und er freute sich sehr. Der Geist aber sagte: »Nun gehe hin zu deinem Sultan, er wird dich reich machen; doch beachte meine Worte, und wirf hier dein Netz nie mehr als einmal am Tage aus. Jetzt aber entschuldige mich, denn ich muß dich verlassen. So lange lag ich in der Tiefe des Meeres, daß ich jetzt auf der Erde ganz hilflos bin. Allah sei mit dir!« Nach dieser Rede stampfte der Geist mit dem Fuße, und alsbald öffnete sich die Erde und verschlang ihn.

Der Fischer wanderte vergnügt und zufrieden in die Stadt zurück und verwunderte sich sehr über das, was er mit dem Geiste erlebt hatte. Er ging in den Palast des Sultans und brachte ihm die vier bunten Fische. Als der Sultan sie erblickte, sprach er mit heiterm Gesichte zu seinem Wesir: »Gehe hin und gib sie der geschickten Köchin, welche uns der König der Griechen geschenkt hat.« Der Wesir tat, wie ihm befohlen war, und sagte zu dem Mädchen: »Richte die Fische gut zu, denn sie sind soeben dem Sultan zum Geschenk gemacht worden.« Der Fischer erhielt vierhundert Dinare zum Geschenk; damit lief er nach Hause und war so glücklich, daß er oft auf dem Wege strauchelte und fiel, denn er meinte, es sei alles nur ein Traum. Es war aber kein Traum, sondern helle Wirklichkeit, denn er war nun reich und konnte seiner Frau und seinen drei Töchtern alles kaufen, was sie begehrten. — Soviel weiß ich bis jetzt von dem Fischer zu erzählen.

Was aber die Köchin betrifft, so geschah folgendes: Als sie die Fische wohl gespalten und gereinigt hatte, setzte sie die Pfanne aufs Feuer, goß Öl hinein und wartete, bis sie heiß war; darauf legte sie die vier bunten Fische hinein, buk sie, bis sie auf der rechten Seite gar waren und drehte sie dann um. Da tat sich plötzlich die Mauer auf, und aus dem Spalt trat ein schönes Mädchen heraus, das war edel von Wuchs und ohne Makel, hatte ovale Wangen und mit Kohle bemalte Augen. Sie trug ein Oberkleid von blauem Atlas, auf welchem ägyptische Blumen abgebildet waren, an ihrem Arme und an den Ohren blitzten große Perlen und wundervolle Ringe. In der Hand hielt sie ein indisches Rohr, das steckte sie in die Pfanne und sagte dazu mit sanfter Stimme: »O Fisch, gedenkst du deines Versprechens?« Als die Köchin das sah und hörte, fiel sie vor Entsetzen in Ohnmacht. Das fremde Mädchen aber wiederholte ihre Frage, und die vier Fische erhoben ihre Köpfe und antworteten mit heller Stimme: »Ja, ja; wenn du wiederkehrst, so kehren auch wir wieder; wenn du treu bist, so sind auch wir treu; wenn du fliehst, so siegen wir und sind zufrieden.« Da stürzte das Mädchen die Pfanne um und ging durch den Mauerspalt zurück, wie sie vorher genaht war, und die Wand schloß sich wieder hinter ihr. Als die Köchin aus ihrer Ohnmacht erwachte, fand sie die Fische ganz verbrannt und verkohlt; da war sie sehr traurig und jammerte und sprach: »O König, dir ist der Lanzenschaft bei deinem ersten Kriegszuge zerbrochen« (d. h.: dir ist gleich zu Anfang ein Mißgeschick begegnet). In diesem Augenblicke trat der Wesir herein und sagte: »Gib mir deine Fische, denn der Sultan wartet darauf.« Die Köchin begann zu weinen und erzählte, welches Unglück sich mit den Fischen zugetragen habe. Der Wesir war sehr verwundert, schickte heimlich zu dem Fischer und ließ ihn holen. »Du mußt uns sogleich neue Fische besorgen,« sprach er zu ihm, »aber sie müssen den ersten gleichen, denn sie gefallen uns sehr.« Da machte sich der Fischer auf und ging, trotz der Weisung des Geistes, an den See zwischen den vier Hügeln, warf sein Netz aus und fing vier bunte Fische von ähnlicher Gestalt; damit kehrte er zurück zu dem Wesir. Der brachte sie der Köchin und sprach: »Nun backe die Fische in meiner Gegenwart, denn ich will selbst sehen, was du mir erzählt hast.« Die Köchin spaltete und salzte die Fische und legte sie in die Pfanne. Aber als sie gebacken waren, tat sich die Wand wieder auf, und das Mädchen trat in derselben Kleidung in die Küche; sie trug wieder die indische Rute in der Hand, langte damit in die Pfanne und sagte mit sanfttönender Stimme: »O Fisch, gedenkst du deines Versprechens?« Die Fische reckten abermals die Köpfe empor und erwiderten: »Ja, ja, wenn du wiederkehrst, kehren wir auch wieder; wenn du treu bist, so sind auch wir treu; wenn du fliehst, so siegen wir und sind zufrieden.« Als die Fische das gesagt hatten, stieß das Mädchen die Pfanne um und verschwand durch den Riß in der Wand, die sich wieder hinter ihr schloß.

[Illustration: Die Pfanne kippt um und der Fisch fällt ins Feuer.]

Der Wesir blickte der Erscheinung fassungslos nach und sprach: »Das kann ich meinem Sultan unmöglich verbergen.« Er ging zum Könige und erzählte ihm, welche wunderbare Begebenheit sich mit den vier Fischen zugetragen hatte. Der Sultan erstaunte gleichfalls und rief: »Das will ich mit meinen eigenen Augen sehen!« Er sandte sogleich einen Boten zum Fischer und ließ ihm sagen, er solle noch einmal vier Fische besorgen, die so schön und bunt wie die ersten wären, aber er möge sich damit eilen. Der Fischer ging wieder an den See zwischen den vier Hügeln, warf sein Netz und fing abermals vier Fische, einen blauen, einen weißen, einen gelben und einen roten, und brachte sie zu dem Sultan. Der schenkte ihm wieder vierhundert Dinare und ließ ihn streng bewachen. Dann befahl der Sultan dem Wesir: »Backe du selbst diese Fische in meiner Gegenwart.« Als er die Fische gespalten und gesalzt hatte, goß er Öl in den Tiegel, stellte ihn aufs Feuer und warf dann die Fische hinein. Kaum aber waren sie gebacken, da öffnete sich die Wand der Küche, und ein schwarzer Sklave trat daraus hervor, als käme er aus einem Berge. Der König und der Wesir fürchteten sich sehr, denn er war sehr groß und breit und trug einen grünen Zweig in der Hand; damit rührte er an die Pfanne und sprach: »O Fisch, gedenkst du deines Versprechens?« Die Fische reckten abermals die Köpfe empor und erwiderten: »Ja, ja, wenn du wiederkehrst, kehren wir auch wieder; wenn du treu bist, so sind auch wir treu; wenn du fliehst, so siegen wir und sind zufrieden.« Nach diesen Worten stürzte der schwarze Sklave die Pfanne um und entfernte sich durch die Wand, die sich sogleich wieder hinter ihm schloß. Die Fische aber waren verbrannt und verkohlt. Den Sultan ergriff heimliches Grauen, er erschrak und sagte: »Unmöglich kann ich mich wieder niederlegen, bevor ich dieses Wunder ergründet habe; sicherlich hat es eine besondere Bewandtnis mit diesen Fischen.« Sogleich schickte er wieder zu dem Fischer, ließ ihn holen und sprach zu ihm: »Sage mir, wo du diese Fische gefangen hast!« Der Fischer antwortete: »Außerhalb der Stadt liegt ein See zwischen vier Hügeln, dort habe ich sie mit meinem Netze herausgezogen.« Der Sultan wandte sich an den Wesir und fragte: »Weißt du etwas von diesem See?« Der aber antwortete: »Schon dreißig Jahre lang gehe ich auf die Jagd, durchstreife Ebenen und Gebirge, doch diesen See habe ich noch nie entdeckt.« Der Sultan sagte zu dem Fischer: »Wie weit geht man nach diesem See?« — »Zwei Stunden,« erwiderte der Fischer.

Der Sultan befahl nun einigen Soldaten, ihn zu Pferde zu begleiten, und machte sich selbst mit dem Wesir auf die Wanderung. Der Fischer mußte sie führen; er ging gehorsam voran, im stillen aber fluchte er auf den Geist. Als sie an den vier Hügeln angelangt waren, erblickten sie den See und in dem durchsichtigen Gewässer die vielen buntfarbigen, glänzenden Fische. Der Sultan verwunderte sich sehr und sprach: »Dieser See liegt doch so nahe bei meiner Hauptstadt, und dennoch habe ich ihn noch niemals gesehen. Sagt mir, Soldaten, ob einer von euch jemals diesen Ort gekannt hat!« Aber alle Soldaten erwiderten, auch sie hätten ihn zum ersten Male erblickt. Da schwur der Sultan und rief: »Beim allmächtigen Gott, der den Himmel gewölbt hat, nicht eher kehre ich in die Stadt zurück, bis ich weiß, was dieser See und diese bunten Fische für ein außerordentliches Geheimnis bergen!« Er ließ die Soldaten absitzen und die Zelte aufschlagen, denn er wollte hier bis zur Nacht an dem See verweilen. Dann rief er seinen Wesir, der ein sehr kluger und erfahrener Mann war, und sprach zu ihm, ohne daß die Soldaten es hörten: »Vernimm, was ich zu tun beabsichtige! Ich will abseits von den anderen gehen, um zu erfahren, was dies für Fische sind. Lebe wohl. Sage aber morgen den Truppen und meinen Beamten, ich sei krank, es könnte niemand bei mir vorgelassen werden. Wohne so lange in meinem Zelte; ich aber bleibe drei Tage lang fort, nicht länger.« Der Wesir erwiderte: »Es soll geschehen, wie du befohlen hast.« Der Sultan umgürtete sich nun mit seinem Schwerte und machte sich ohne Begleitung auf den Weg. Er ging jenseits der Berge, bis der Morgen zu dämmern begann. Als die ersten Strahlen der Sonne aufblitzten, erblickte er in der Ferne etwas Schwarzes; da freute er sich, denn er dachte: vielleicht wohnt dort jemand, den ich um Auskunft befragen kann. Er schritt rüstig zu, und als er nahe kam, sah er, daß es ein Schloß war aus schwarzem, geschliffenem Marmor und mit eisernen Platten belegt; er erkannte, daß es unter einem glücklichen Sterne gebaut war. Das Schloß hatte ein Tor, von dem ein Flügel durch den andern geschlossen war. Der Sultan trat heran und klopfte leise, aber niemand öffnete ihm. Er klopfte noch einmal etwas stärker, aber wieder vernahm er keine Antwort und erblickte keinen Menschen. »Ohne Zweifel ist dieses Schloß ohne Bewohner,« dachte sich der König, ging furchtlos weiter und rief: »Hier steht ein hungriger Reisender, der weit gewandert ist. Bewohner dieses Schlosses, habt ihr etwas für ihn zu essen? Der Herr aller Sklaven wird euch reichlich dafür belohnen.« Er rief diese Worte zwei- und dreimal, aber wieder hörte er keine Antwort. Da faßte er Mut und schritt in das Innere des Schlosses hinein, wandte die Augen nach rechts und links, aber niemand war zu erblicken. Er sah, daß das Schloß mit seidenen Teppichen und Stoffen geschmückt war, er sah auch goldene Vorhänge und schöne Polster. Mitten im Saale war ein großer Raum, an den noch andere Zimmer mit Nischen und Polstern grenzten. Ein Springbrunnen plätscherte, der war aus vier goldenen Löwen gebildet, die aus ihren Rachen helles, kühles Wasser spien. In einem goldenen Netze sangen viele Vögel gar lieblich durch den Saal; sie waren in den zarten Maschen gefangen und konnten nicht entweichen. Der König stand und blickte staunend umher, denn niemand war zu finden, den er fragen konnte. Er setzte sich müde auf ein Polster an der Seite des Saales und sann auf Rat, als er plötzlich eine klagende Stimme vernahm, welche voll Wehmut diese Worte sang: »Unseliges Schicksal, warum kennst du kein Erbarmen und kein Mitleid? Mein Leben schwebt ja zwischen Gefahr und Qualen. Warum habt ihr kein Mitleid mit einem Großen seines Volkes, der im Bunde der Liebe erniedrigt wurde, warum erbarmt ihr euch nicht des Reichsten unter seinem Volke, der arm geworden ist? Ich war eifersüchtig auf die Luft, die um euch wehte; aber wo das Schicksal niederfällt, da verdüstert sich das Gesicht. Was frommt dem Schützen die Kunst, wenn er seinem Feinde entgegentritt, und die Sehne zerreißt, wenn er den Pfeil abschleudern will? Und wenn sich ganze Scharen um den Tapfern häufen, wie könnte er der Macht des Schicksals entweichen?«

[Illustration: Er kam in Sichtweite eines Palastes aus glänzendem Marmor an.]

Als der König den Gesang und das heftige Schluchzen vernahm, folgte er dem Klang der Stimme; er sah einen Vorhang an der Türe eines Zimmers hängen, raffte ihn zur Seite und erblickte einen Jüngling, der auf einem Throne saß. Er war sehr schön gewachsen, hatte eine leuchtende Stirn, frische Locken und rote Wangen, auf denen ein Fleckchen wie Ambra glänzte, gleich wie der Dichter sagt: »Er war von schönem Wuchse, durch seine Locken und seine Stirn wandelte die Welt in Licht und Dunkelheit. Verleugnet nicht das braune Fleckchen auf seiner Wange, denn auch der Anemone ist es verliehen.«

Der König trat heran und grüßte den Jüngling; der war in einen seidenen Mantel mit goldenen Stickereien gekleidet, und auf seinem Haupte glänzte eine ägyptische Krone. Er blickte traurig vor sich hin und hatte Tränen im Auge; er dankte für des Königs Gruß und sprach: »Wahrlich, es genügt nicht, daß ich nur vor dir aufstehe, denn du verdienst mehr; darum entschuldige mich.« Der Sultan entgegnete: »Ich komme als dein Gast zu dir, schöner Jüngling, und will dich über eine seltsame Angelegenheit um Rat fragen. Sage mir, welche Bewandtnis es mit dem See an den vier Hügeln und den bunten Fischen hat und mit diesem einsamen Schlosse, in welchem du allein hausest, ohne Diener und Gefährten, und mit deinem Kummer.« Als der Jüngling diese freundlichen Worte vernahm, rannen ihm die Tränen über Wangen und Brust, und er sprach folgende Verse:

»Wieviel Unglück hat das Schicksal schon bereitet! Das wissen alle, die von ihm mißhandelt wurden. Magst du auch schlafen — wann schläft das Auge Gottes? Wer genoß ohn' Unterlaß die Gunst der Zeiten? Wem hat die Welt ewig gewährt?«

Und wieder weinte der Jüngling und seufzte; der König aber fragte mitleidig: »Sage mir, warum vergießest du so heiße Tränen, Jüngling?« Sprach jener: »Wie sollte ich nicht weinen, da ich der Unglücklichste der Unglücklichen bin?« Er hob den Saum seines Kleides und ließ den Sultan sehen, daß er halb Mensch und halb ein schwarzer Marmor war. Da betrübte sich der König sehr über diesen schrecklichen Anblick. »Du hast meinen eigenen Kummer noch vermehrt,« sprach er zu dem Jüngling, »ich war gekommen, um über den See und die bunten Fische Kunde zu vernehmen, nun muß ich auch nach deiner Geschichte fragen, Unglücklicher. Es gibt kein Heil und keine Gnade außer bei dem höchsten Gott. Berichte mir, was du weißt.« Der Jüngling antwortete ihm: »Neige dein Ohr zu mir, und blicke mich an; denn wahrlich! eine wunderbare Geschichte hat sich mit mir und mit den Fischen zugetragen. Ich würde sie einem jeden willig erzählen, damit er daraus Mahnung und Belehrung schöpfen kann. Vernimm also:

DIE GESCHICHTE VON DEM VERSTEINERTEN PRINZEN