Chapter 1 of 15 · 5725 words · ~29 min read

I.

Ordynoff mußte sich eine neue Wohnung suchen, so ungern er es auch tat. Die Frau, bei der er bis dahin als Zimmermieter gelebt, eine arme bejahrte Beamtenwitwe, hatte sich durch unvorhergesehene Verhältnisse gezwungen gesehen, Petersburg zu verlassen, um in eine öde Provinz zu ihren Verwandten zu reisen, und zwar ganz plötzlich, noch vor Ablauf ihres Mietskontraktes. Der junge Mann, der das Recht hatte, bis zum Ersten des nächsten Monats in der Wohnung zu bleiben, dachte mit Bedauern an sein stilles Leben in den gewohnten vier Wänden und empfand ein ausgesprochenes Unbehagen bei dem Gedanken, dieses ihm lieb gewordene Zimmer nun verlassen zu müssen. Er war arm, die Wohnung übrigens für seine Verhältnisse ziemlich teuer: so nahm er denn schon am Tage nach der Abreise der Witwe kurz entschlossen seine Mütze und ging, um die Petersburger Straßen zu durchwandern, und dabei Ausschau zu halten nach Mietszetteln, die an den Haustüren angeschlagen waren, namentlich nach solchen an älteren und schlechteren Häusern und Mietskasernen, in denen er am ehesten Aussicht hatte, bei irgendwelchen armen Leuten ein Zimmer für sich zu finden.

Er suchte schon lange und war mit seinen Gedanken anfangs auch gewissenhaft bei der Sache, doch nach und nach wurde seine Aufmerksamkeit von ganz anderen, ihm bis dahin völlig unbekannten Empfindungen abgelenkt. Er begann um sich zu blicken – zunächst nur flüchtig, wie aus Zerstreutheit, ohne sich etwas Bestimmtes dabei zu denken, bald jedoch aufmerksamer und schließlich mit ausgesprochener Neugier. Die vielen Menschen um ihn her, das ganze bewegte, rastlose, lärmende Straßenleben, all das Neue, das ihm dort begegnete, die ungewohnte Umgebung – dieses ganze kleinliche Leben und alltägliche Hasten nach Erwerb, das dem im tätigen Leben stehenden, stets beschäftigten Petersburger schon so zuwider ist, daß er bis an sein Lebensende stets nach Mitteln und Wegen sucht, um sich einmal irgendwo in ein warmes Nest zurückzuziehen, sich mit sich abzufinden und zufrieden geben zu können – diese ganze schale Prosa und Langeweile erweckte jetzt im Gegenteil in Ordynoff eine seltsam still-frohe, helle Empfindung. Seine bleichen Wangen röteten sich leicht, in seine Augen trat der Glanz einer neuen Hoffnung, und fast gierig begann er, die kalte, frische Luft einzuatmen. Es wurde ihm so wundervoll leicht zumute.

Er hatte von jeher ein stilles, vollkommen einsames Leben geführt. Vor etwa drei Jahren, nachdem er sein Examen bestanden und in gewissem Sinne ein freier Mensch geworden war, hatte er eines Tages einen alten kleinen Herrn aufgesucht, den er bis dahin nur vom Hörensagen gekannt, und hatte lange gewartet, bis der galonierte Kammerdiener ihm die Ehre antat, ihn zum zweitenmal bei seinem Herrn zu melden. Dann trat Ordynoff in einen hohen, dämmerigen, öden Saal, einen jener langweiligen großen Räume, wie sie sich noch in einzelnen herrschaftlichen Häusern aus früherer Zeit erhalten haben, und erblickte in ihm einen silberhaarigen, mit Orden über und über behängten Greis, der seines Vaters ehemaliger Freund und Kollege im Staatsdienst gewesen war und der für ihn, den Sohn, die Vormundschaft übernommen hatte. Der Alte händigte ihm ein, was ihm noch zukam. Die Summe war nicht groß: der Rest einer einst wegen Schulden unter den Hammer gekommenen und noch von den Ureltern stammenden Erbschaft. Ordynoff nahm das Päckchen gleichgültig in Empfang, verabschiedete sich für immer und trat wieder auf die Straße. Es war ein Herbstabend, kalt und düster; der junge Mann war nachdenklich und eine seltsame, eigentlich ihm selbst unbewußte Traurigkeit überkam ihn. Seine Augen brannten; er fühlte, daß ihn fieberte und daß er sich erkältet hatte. Unterwegs rechnete er nach, daß er mit seinen Mitteln etwa zwei bis drei Jahre auskommen konnte, und wenn er hungerte, vielleicht sogar vier. Es dunkelte bereits, ein feiner Regen sprühte nieder und erfüllte die Luft mit einer Feuchtigkeit, die bis ins Mark drang. Er mietete im ersten besten Hause ein kleines Zimmer – eben bei jener armen Beamtenwitwe, die ihn jetzt im Stich gelassen hatte – und in einer Stunde war er auch schon eingezogen. Dort lebte er dann wie ein Einsiedler, ganz, als hätte er sich von aller Welt losgesagt. So kam es, daß er in zwei Jahren vollkommen weltfremd geworden war.

Er wurde es, ohne es selbst zu merken; und vorläufig kam es ihm auch gar nicht zu Bewußtsein, daß es noch ein anderes Leben gab – ein rauschendes, lautes, wogendes, ewig wechselndes, ewig rufendes Leben, eines, das früher oder später doch nicht zu umgehen war. Natürlich wußte er, daß es ein solches Leben gab – wie hätte er das schließlich nicht wissen sollen! – aber er kannte es nicht und suchte es niemals auf. Schon von Kindheit an hatte er einsam gelebt; doch jetzt, nachdem er herangewachsen, hatte diese Einsamkeit ihre eigene, besondere Gestalt angenommen. Ihn verzehrte eine Leidenschaft, eine von jenen tiefen, unersättlichen Leidenschaften, die das ganze Leben eines Menschen erschöpfen, und die solchen Wesen, wie Ordynoff war, keinen auch noch so geringen Platz in der Sphäre des anderen Lebens gewähren. Diese seine Leidenschaft war – die Wissenschaft. Zunächst verzehrte sie seine Jugend, nahm ihm langsam mit ihrem berauschenden Gift den Schlaf und seine Seelenruhe, nahm ihm die gesunde Nahrung und die frische Luft, die niemals Gelegenheit hatte, in seine dumpfe Stube einzudringen: doch Ordynoff gewahrte alles das gar nicht in seinem Rausche, und wollte es auch nicht gewahren. Er war jung und vorläufig verlangte er nach nichts anderem. Die Leidenschaft machte ihn der äußeren Welt gegenüber völlig zum Kinde und für immer unfähig, gewisse gute Leute zum Platzmachen zu veranlassen, wenn das einmal erforderlich sein sollte, um für sich selbst ein Unterkommen zwischen ihnen zu verschaffen. Die Wissenschaft ist für manch einen ein Kapital, das er fest in Händen hat; die Leidenschaft Ordynoffs dagegen war wie eine gegen ihn selbst gerichtete Waffe.

Es lebte in ihm mehr ein unbewußter Trieb, zu lernen, zu ergründen und Wissen in sich aufzunehmen, als daß es ganz bestimmte Gründe und Schlußfolgerungen waren, die ihn dazu veranlaßten, – und so war es bei ihm mit allem, gleichviel womit er sich nun beschäftigte, selbst mit den kleinsten Dingen. Schon als Kind hielt man ihn für einen Sonderling, da er seinen Kameraden so durchaus unähnlich war. Seine Eltern hatte er früh verloren, er erinnerte sich ihrer überhaupt nicht mehr; von den Kameraden aber mußte er wegen seines seltsamen menschenscheuen Wesens gar manche kindlichen Angriffe und Roheiten ertragen, was ihn dann erst recht menschenscheu und verschlossen machte. Doch seinen einsamen Beschäftigungen lag niemals, auch jetzt nicht, ein Plan oder gar ein System zugrunde: statt dessen leitete ihn einzig und allein die Begeisterung für die Idee, der Drang, das Fieber des Künstlers. Er schuf sich eine eigene Anschauung der Dinge; sie entwickelte und formte sich in ihm im Laufe von Jahren und in seiner Seele erstand allmählich, vorläufig noch dunkel und unklar, aber dabei doch schon wundervoll beseligend, seine neue Idee, die in einer ebenso neuen, gleichsam erleuchtenden Form Gestalt gewinnen sollte; und indem sie in dieser Gestalt aus ihm hervordrängte, peinigte, quälte, zerriß sie seine Seele. Noch fühlte er bloß schüchtern ihre Originalität, ihre Selbständigkeit und Richtigkeit, die ihm wie eine Offenbarung der Wahrheit erschien: mit allen seinen Kräften spürte er, daß es ihn zu der Schöpfung hindrängte, die sich vorerst freilich noch in ihm bildete, denn der Zeitpunkt der Gestaltung selbst war ja noch weit, vielleicht sehr weit entfernt, und vielleicht war diese Gestaltung überhaupt ganz unmöglich!

Jetzt ging er also durch die Straßen wie ein weltfremder Einsiedler, der plötzlich aus seiner stummen Einöde in eine laut lärmende Stadt geraten ist. Alles erschien ihm neu und seltsam. Er war aber dieser Welt, die hier rings um ihn wogte und rauschte, so fremd geworden, daß er nicht einmal daran dachte, sich über seine sonderbaren Empfindungen zu wundern. Es war vielmehr, als bemerke er seine Weltfremdheit selbst gar nicht; im Gegenteil, es bemächtigte sich seiner sogar eine ganz eigenartig berauschende Empfindung der Freude, ähnlich dem Gefühl, wie es ein Hungriger empfindet, wenn man ihm nach langem Fasten wieder zu essen und zu trinken gibt – obschon es natürlich seltsam erscheinen muß, daß eine so geringfügige Änderung in der äußeren Lebenslage, wie ein Wohnungswechsel, einen Petersburger, und wäre er selbst ein Ordynoff, noch derart aus dem Geleise bringen konnte. Freilich ist zu berücksichtigen, daß er all diese Jahre hindurch fast nur in seinem Zimmer verbracht hatte, und jedenfalls niemals aus einem solchen oder ähnlichen Grunde wie heute, der unbedingte Aufmerksamkeit für die Umgebung erheischte, durch die Straßen der Stadt gegangen war.

Er fand aber mehr und mehr Gefallen daran, in dieser Weise durch die Straßen zu schlendern. Alles sah er an, auf alles horchte er hin.

Doch auch jetzt las er, seiner Art getreu, zwischen den Bildern, die sein Auge sah, wie in einem Buch zwischen den Zeilen. Alles machte seinen besonderen Eindruck auf ihn und kein Eindruck entging ihm; mit denkendem Blick sah er sich die Menschengesichter an, schaute er sich hinein in die Physiognomie der ganzen Umgebung, horchte er auf das Gesumm und Gerede und den Volkston, der bisweilen an sein Ohr schlug, – ganz als hätte er die Schlüsse, zu denen er in der Stille einsamer Nächte gekommen war, jetzt an allem, worauf er stieß, auf ihre Richtigkeit hin prüfen wollen. Und manche Kleinigkeit, die andere sonst wohl übersehen, fiel ihm auf und erweckte in ihm einen neuen Gedanken, und zum erstenmal im Leben ärgerte er sich darüber, daß er sich so lange in seiner Zelle lebendig begraben hatte. Hier geschah alles viel schneller: sein Pulsschlag war voll und belebt, sein Verstand, der bedrückenden Einsamkeit entrückt, in der seine Tätigkeit fast schon mehr ein bloßes Reagieren auf den angespannten und begeisterten Willen zur Arbeit geworden war, arbeitete jetzt ganz von selbst, schnell, und doch ruhig, sicher und kühn. Und überdies empfand er fast unbewußt das Verlangen, auch sich selbst hineinzuzwängen in dieses für ihn fremde Leben, das er bisher nicht gekannt, oder das er doch nur, richtiger gesagt, mit dem Instinkt des Künstlers geahnt hatte. Unwillkürlich begann sein Herz schneller zu schlagen, fast wie in einer Art Liebessehnsucht und glühenden Mitempfindens. Immer forschender sah er die Menschen an, die an ihm vorübergingen: sie waren ihm aber alle fremd und alle mit ihren eigenen Sorgen und Gedanken beschäftigt ... Da schwand allmählich auch Ordynoffs Sorglosigkeit: die Wirklichkeit trat näher an ihn heran, schon empfand er sie als lastenden Druck, und dann kam es über ihn wie das seltsam unwillkürliche Grauen einer großen Ehrfurcht.

Er wurde müde unter der auf ihn eindringenden Flut der neuen Eindrücke, wie ein Kranker, der freudig zum erstenmal aufgestanden ist, doch bald erschöpft vom Licht und Glanz, betäubt und schwindlig von den lauten bunten Bildern des rastlosen Lebens und den wechselnden Eindrücken die Augen schließt und niedersinkt. Bang und traurig ward ihm zumute. Er fing an, für sich zu fürchten, für seine ganze Tätigkeit und sogar für die Zukunft.

Ein neuer Gedanke raubte ihm die Ruhe: es kam ihm plötzlich in den Sinn, daß er ja doch sein ganzes Leben lang allein gewesen war, daß es keinen einzigen Menschen gab, der ihn liebhatte, und daß auch er niemals Gelegenheit gehabt, jemanden zu lieben. Einige der Vorübergehenden, mit denen er unter irgendeinen Vorwande ein Gespräch anzuknüpfen versuchte, sahen ihn verwundert und recht sonderbar an. Es schien ihm, daß sie ihn für einen Verrückten oder zum mindesten für irgendeinen Sonderling hielten – was er ja übrigens auch war. Er erinnerte sich, daß ihm eigentlich schon von Kindheit an alle ausgewichen waren und in seiner Gesellschaft sich unbehaglich gefühlt hatten, hauptsächlich wohl seines nachdenklichen und eigensinnigen Charakters wegen. Er wußte, daß das tiefe Mitempfinden, zu dem er wohl fähig war, doch niemals ein Gefühl der seelischen Gleichheit zwischen ihm und den anderen, oder auch dem einzelnen, dem sein Mitempfinden galt, aufkommen ließ, weshalb es von allen, eben von ihrem Gefühl aus, abgelehnt wurde: und das hatte ihn denn schon als Kind unter seinen Spielgefährten gequält. Jetzt fiel es ihm wieder ein und er sagte sich, daß ihn ja tatsächlich schon von jeher und zu jeder Zeit alle Menschen gemieden, und daß man sich niemals um seine Einsamkeit gekümmert hatte.

In Gedanken versunken war er weitergegangen, ohne auf den Weg zu achten, bis er schließlich merkte, daß er sich in einem vom Zentrum weit entfernten Stadtteil befand. In einem billigen und menschenleeren Speisehaus ließ er sich etwas zu essen geben und machte sich dann wieder auf den Weg. Von neuem streifte er umher, ging durch viele Straßen, über Plätze, an grauen und gelben Zäunen entlang. Dann kamen graue windschiefe Häuschen, dann wieder riesenhafte Gebäude großer Fabriken, rot, rauchgeschwärzt, unförmig mit ragenden Schloten. Dabei war die Umgebung rings doch wie ausgestorben, so verlassen, öde, düster und feindselig – wenigstens machte sie auf Ordynoff diesen Eindruck. Es wurde Abend. Aus einer langen Gasse kam er auf einen freien Platz, an dem eine Pfarrkirche lag.

In seiner Zerstreutheit ging er hinein. Der Gottesdienst war beendet und die Kirche schon ganz leer; nur zwei alte Weiber knieten noch nahe beim Eingang. Der Kirchendiener, ein altes Männlein mit silbergrauem Haar, löschte die Lichter. Die Strahlen der Abendsonne ergossen sich von oben durch ein schmales Fenster der Kuppel in einem Lichtstrom durch das Innere der Kirche bis zu einem der Nebenaltäre, den sie mit flimmerndem Glanz umwoben. Die Sonne sank und das Licht wurde immer schwächer, doch je mehr die tiefe Dämmerung unter den Gewölben dunkelte, um so leuchtender erglänzten an manchen Stellen die vergoldeten Heiligenbilder, vor denen die kleinen Flammen der Wachskerzen und Öllämpchen zuckend brannten. Ordynoff hatte sich in einer Anwandlung tiefer Schwermut, die wie ein bis dahin unterdrücktes Gefühl plötzlich aus der Vergessenheit hervorbrach und ihn nun überflutete, in der dunkelsten Ecke an die Mauer gelehnt und vergaß dort für einen Augenblick sich und alles um ihn her. Da vernahm er den dumpfen Schall von Schritten, die sich gemessen vom Eingang her näherten. Er sah auf und wandte den Kopf, kaum aber hatte er die beiden Eingetretenen erblickt, da bemächtigte sich seiner eine ganz unerklärliche Neugier. Es waren ein alter Mann und ein junges Weib. Der Alte war hoch von Wuchs, noch stramm und rüstig, aber hager und krankhaft bleich. Seinem Äußeren nach konnte man ihn für einen aus weiter Ferne angereisten Kaufmann halten. Er trug einen langen, schwarzen, mit Pelz gefütterten Mantel lose über die Schultern geworfen – offenbar ein Sonntagskleidungsstück – darunter einen gleichfalls langen, von oben bis unten zugeknöpften russischen Leibrock, wie er in alten Zeiten mit zur Nationaltracht gehörte. Um den Hals war nachlässig ein grellrotes Tuch geschlungen. In der Hand hatte er eine Pelzmütze. Ein langer schmaler, halb schon ergrauter Bart fiel auf seine Brust und unter den überhängenden buschigen Brauen glühte ein feuriger, fieberhaft erregter, dabei hochmütiger und scharfer Blick. Das junge Weib, das etwa zwanzig Jahre alt sein mochte, war bezaubernd schön. Sie trug einen hellblauen, mit kostbarem Fell verbrämten kleinen Pelz und um den Kopf ein weißes Atlastuch, das unter dem Kinn zu einem Knoten geschlungen war. Sie ging mit gesenktem Blick, und eine sinnende Hoheit, die seltsam ergreifend aus ihrer ganzen Erscheinung sprach, spiegelte sich in den zarten Linien ihrer kindlich reinen und frommen Züge wie in trauriger Verklärung wieder. Es war etwas Sonderbares an diesem unerwarteten Paar.

Unter der mittleren Kuppel blieb der Alte stehen und verneigte sich nach allen vier Seiten, obschon die Kirche ganz leer war; dasselbe tat auch seine Begleiterin. Dann nahm er sie bei der Hand und führte sie zum großen Heiligenbilde der Mutter Gottes, der die Kirche geweiht war, und dessen mit Edelsteinen besetzte goldene Bekleidung und reiche Einfassung durch den Flammenschein der vielen Wachskerzen in blendendem Glanz erstrahlte. Der Kirchendiener, der sich noch hier und da etwas zu schaffen machte, grüßte den Alten mit Ehrerbietung; dieser erwiderte den Gruß jedoch nur mit einem kurzen Kopfnicken. Vor dem Heiligenbilde warf sich das junge Weib auf die Knie nieder und berührte mit der Stirn den Fußboden. Der Alte nahm das Ende des Schleiers, der am Fußgestell des Bildes hing, und breitete ihn über ihren Kopf. Dann vernahm man dumpfes Schluchzen in der Kirche.

Ordynoff war betroffen durch die Feierlichkeit der Szene, die sich vor seinen Augen abspielte, und erwartete mit Ungeduld die Beendigung ihres Gebets. Nach einer Weile erhob sie den Kopf und wieder fiel heller Lichtschein auf ihr entzückendes Gesicht. Ordynoff zuckte zusammen und trat unwillkürlich einen Schritt vor. Sie hatte ihre Hand bereits dem Alten gereicht und beide verließen langsam die Kirche. Tränen standen in ihren dunkelblauen Augen und als sie die Lider mit den langen dunklen Wimpern senkte, rollten diese Tränen über ihre zarten, bleichen Wangen. Auf ihren Lippen erschien flüchtig ein Lächeln, aber es verwischte in ihrem Antlitz doch nicht die Spuren einer fast kindlichen Angst und eines gleichsam mystischen Grauens. Zaghaft schmiegte sie sich an den Alten, und man sah, daß sie vor Erregung zitterte.

Betroffen und im Grunde doch von einem ungeahnt süßen Gefühl, das wie ein Wille war, dazu getrieben, ging Ordynoff den beiden nach – und unter dem Rundbogen vor dem Portal überholte er sie. Der Alte sah ihn feindselig und streng an; auch sie sah nach ihm hin, jedoch so teilnahmslos und zerstreut, daß man ihr anmerkte, wie ein einziger und ganz anderer, fernliegender Gedanke sie beschäftigte. Ordynoff folgte ihnen in einiger Entfernung, ohne eigentlich selbst zu wissen, weshalb er es tat. Es war schon dunkel geworden.

Der Alte und das junge Weib gingen in eine lange, breite, schmutzige Straße, die geradeaus zur Stadtgrenze führte – eine Straße der Buden, billigen Herbergen und Einkehrhöfe, in der die verschiedensten Kleinhändler ihre Läden hatten; dann bogen sie in eine schmale lange Sackgasse ein, die zwischen langen Zäunen zu einer großen vierstöckigen Mietskaserne führte, durch deren Höfe man aber wieder auf eine andere, gleichfalls große und belebte Straße gelangen konnte. Sie näherten sich bereits dem Hause. Plötzlich wandte sich der Alte zurück und sein Blick maß unwillig den jungen Mann, der ihnen so beharrlich folgte. Ordynoff blieb wie gebannt stehen; sein Tun erschien ihm selbst plötzlich sehr sonderbar. Da sah sich der Alte noch einmal nach ihm um, als wolle er sich überzeugen, ob sein drohender Blick die Wirkung nicht verfehlt habe; dann traten sie beide, er und das junge Weib, durch die schmale Fußpforte in den Hof des Hauses. Ordynoff kehrte um.

Er befand sich in der unangenehmsten Stimmung und ärgerte sich über sich selbst: ganz umsonst hatte er einen Tag verloren, umsonst hatte er sich ermüdet und überdies noch diesen sowieso schon mißlungenen Tag mit einer großen Dummheit gekrönt, indem er eine ganz gewöhnliche Begegnung für eine Gott weiß wie besondere Begebenheit gehalten!

Am Vormittage hatte er sich noch darüber geärgert, daß er so weltfremd und menschenscheu geworden war. Und doch war es nur sein Instinkt gewesen, der ihn veranlaßt hatte, alles zu fliehen, was ihn in seinem äußeren und dadurch vielleicht auch in seinem inneren Leben, das nun einmal ganz seiner Idee gehörte, hätte zerstreuen, beeinflussen und erschüttern können. Jetzt wenigstens gedachte er mit Wehmut und einer gewissen Reue seines ungestörten Winkels; dann erfaßte ihn eine seltsame Traurigkeit und Sorge befiel ihn beim Gedanken an seinen künftigen Verbleib: wo er ein neues Unterkommen finden könne und wie lange er wohl noch ein solches werde suchen müssen. Dabei aber verstimmte es ihn wieder am meisten, daß ihn solche Nichtigkeiten überhaupt so beschäftigen konnten. Ermüdet und unfähig, zwei Gedanken aneinanderzureihen, langte er endlich – es war mittlerweile schon ziemlich spät geworden – wieder bei seiner alten Wohnung an, und erst als er ins Haus trat, kam es ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er fast daran vorübergegangen wäre, ohne es zu bemerken, noch zu erkennen. Verwundert über seine Zerstreutheit schüttelte er den Kopf, schrieb sie aber doch nur seiner Müdigkeit zu und trat, im letzten Stockwerk unter dem Dach angelangt, in sein kleines Zimmer. Er zündete ein Licht an, setzte sich und brütete gedankenverloren vor sich hin. Da stand plötzlich wieder das Bild des weinenden jungen Weibes greifbar deutlich vor seiner Seele. Und so glühend heiß, so tief und stark war der Eindruck, so voll Liebe hatte sein Geist diese sanften und frommen Züge in sich aufgenommen und gab seine Phantasie sie ihm jetzt wieder, diese Züge, aus denen mystische Rührung und Grauen, kindliche Demut und hingebender Glaube sprachen, daß seine Augen sich verdunkelten und gleichsam Feuer seine Glieder durchströmte. Doch die Erscheinung zerrann. Dem Rausch folgte dumpfes Grübeln, dann Ärger und schließlich eine gewisse ohnmächtige Wut. Ohne sich auszukleiden, wickelte er sich in die Decke und warf sich auf sein hartes Lager ...

Ordynoff erwachte am anderen Morgen ziemlich spät und in unruhiger und niedergedrückter Stimmung. Er mußte sich nahezu Gewalt antun, um nur an seine nächstliegenden Sorgen zu denken. Als er sich dann wieder auf den Weg machte, schlug er die entgegengesetzte Richtung ein, um nur ja nicht den Weg zu gehen, den er tags zuvor gegangen war. Endlich fand er bei einem armen Deutschen, Spieß mit Namen, der mit seiner Tochter Tinchen eine Giebelstube bewohnte, ein Stübchen für seine Ansprüche. Spieß entfernte sogleich, nachdem er das Handgeld erhalten, den Mietszettel, fand Ordynoffs Liebe zur Wissenschaft, um derentwillen er ganz ungestört zu leben wünschte, sehr, sehr lobenswert und versprach zum Schluß, sich seiner recht annehmen zu wollen. Ordynoff erklärte, daß er gegen Abend einziehen werde. Als das erledigt war, wollte er sich wieder nach Haus begeben, änderte aber unterwegs seine Absicht und schlug einen anderen Weg ein: im Augenblick wurde auch seine Stimmung besser, obschon er innerlich selbst über sich lächeln mußte. Der Weg erschien ihm diesmal in seiner Ungeduld ungeheuer weit, wenigstens bedeutend weiter, als er gedacht. Endlich erreichte er die Kirche, in der er am vergangenen Abend gewesen war. Es wurde gerade die Messe gelesen. Er suchte sich einen Platz, von dem aus er fast alle Betenden sehen konnte: doch die, die er suchte, waren nicht darunter. Mit gerötetem Antlitz verließ er nach langem vergeblichem Warten die Kirche. Hartnäckig bemühte er sich, ein gewisses ungewolltes Gefühl in sich zu ersticken und zwang sich mit aller Gewalt, seine Gedanken nach seinem Willen zu lenken. Er wollte an ganz gewöhnliche Dinge denken, und da fiel ihm denn ein, daß es ja Zeit zum Mittagessen sei – und da er Hunger verspürte, ging er in dasselbe Speisehaus, in dem er tags zuvor eine Kleinigkeit genossen hatte. Dann streifte er wieder umher, ging durch unbekannte, aber belebte Straßen und dann wieder durch menschenleere Gassen, bis er sich schließlich in einer Gegend jenseits der Stadtgrenze fand, wo sich weit das herbstlich fahl gewordene Feld hinzog. Er wäre unversehens noch weiter gegangen, wenn ihn nicht die Stelle ringsum mit einem neuen, lange nicht mehr empfundenen Eindruck aus seiner Gedankenversunkenheit geweckt hätte. Es war ein trockener kalter Tag, wie sie nicht selten sind im Petersburger Oktober. Nicht allzu fern war eine Hütte zu sehen, und neben ihr zwei Heuschober. Ein kleines verhungertes Bauernpferd, dessen Rippen man fast zählen konnte, stand mit gesenktem Kopf und hängenden Lefzen, als dachte es über irgend etwas nach, abgeschirrt neben einer zweiräderigen Tarataika. Ein gewöhnlicher Hofhund, der in der Nähe eines zerbrochenen Wagenrades einen Knochen benagte, begann zu knurren, und ein etwa dreijähriger Bengel, der mit nichts weiter als einem Hemdchen bekleidet war, kratzte sich seinen weißblonden Lockenkopf und starrte verwundert den einsamen Städter an. Hinter der Hütte dehnten sich Gemüseplätze und Felder aus. Am Horizont zogen sich Streifen dunkler Wälder hin und drüber war der Himmel klar und blau. Von der anderen Seite aber zogen langsam trübe Schneewolken auf, die vereinzelte Wölkchen vor sich herschoben, als trieben sie eine Schar schwebender Zugvögel lautlos, ohne einen Schrei, ohne einen Flügelschlag, hoch oben am Himmel vorüber. Es war so ruhig und gleichsam feierlich schwermütig, alles erfüllt von einer verborgenen, atembeklemmenden Erwartung ... Ordynoff ging weiter und weiter, doch die Öde bedrückte ihn nur noch mehr. Er kehrte wieder um und ging zurück nach der Stadt, von wo jetzt fernes Kirchengeläut, das zum Abendgottesdienst rief, zu ihm drang. Er beschleunigte seine Schritte, und nach kurzer Zeit betrat er wieder die Kirche, die ihm seit dem gestrigen Tage so vertraut war.

Die junge Unbekannte war schon da.

Sie kniete nicht weit vom Eingang unter vielen anderen Betenden. Ordynoff drängte sich durch das eng beieinander stehende Volk, durch die Schar von Bettlern, alten zerlumpten Weibern, Kranken und Krüppeln, die alle bei der Kirchentür auf Almosen warteten, und kniete dicht neben ihr nieder. Seine Kleider berührten die ihrigen, er hörte ihr erregtes Atmen und das inbrünstig betende Flüstern ihrer Lippen. Wieder war ihr Antlitz von einem Gefühl hingebenden Glaubens durchgeistigt und wieder rannen Tränen aus ihren Augen und versiegten auf ihren glühenden Wangen, als hätten sie ein furchtbares Verbrechen von ihrer Seele abzuwaschen. An der Stelle, wo sie beide knieten, war es so gut wie ganz dunkel, nur hin und wieder, wenn die Flamme im Lämpchen vor dem nächsten Heiligenbilde im Winde aufflackerte, der durch eine geöffnete Zugklappe des schmalen Fensters strich, huschte zitternder Lichtschein über ihr Gesicht und jeder Zug desselben schnitt sich in das Gedächtnis des jungen Mannes ein, umflorte seinen Blick und bohrte sich unter unerträglicher Pein in sein Herz. Nur lag in der Qual zugleich auch eine trunkene Wonne, eine rasende Lust. Doch zuletzt ging dieser Zustand über seine Kraft. Er vermochte es nicht länger auszuhalten. Seine Brust erbebte vor Schmerz, und es war ihm, als verginge etwas in ihm vor unsagbar süßem Sehnsuchtsweh – ein tiefes Schluchzen erschütterte ihn plötzlich und er beugte seine heiße Stirn auf die kalten Fliesen der Kirche. Er fühlte nichts als den Schmerz in seinem Herzen, das in süßer Qual vergehen zu wollen schien.

Es wäre schwer zu sagen, was diese seine aufs äußerste gesteigerte Eindrucksfähigkeit bewirkt hatte: ob sie unaufhaltsam, wie sie durchbrach, auf das qualvoll bedrückende, erlösungslose Schweigen der langen schlaflosen Nächte zurückzuführen war, als eine Folge des oft durchlebten Zustandes, in dem ein unbewußter Drang, eine unklare Sehnsucht und das herrisch ungeduldige, ringende Streben seines Geistes ihm das Herz mit einer unausgesprochenen Qual so überfüllt hatten, daß es nun an einem Punkt angelangt war, an dem es ihn unfehlbar zerrissen hätte, wenn es nicht eine Erlösung in ebendiesem Ausbruch gefunden. Oder war einfach nur die Zeit des Ausbruches gekommen, wie alles einmal kommt, was im natürlichen Verlauf der Dinge kommen muß – wie an einem drückend schwülen Sommertage der Himmel plötzlich dunkel wird und ein Gewitterregen unter Donner und Blitz zur Erde niederrauscht, um alles, was in der Sonnenglut zu vergehen droht, von Hitze und Durst zu erlösen, um in klaren Regentropfen an smaragdenen Zweigen hängen zu bleiben, das Gras niederzudrücken und die zarten Blumenkelche zur Erde zu biegen, auf daß dann bei den ersten Sonnenstrahlen alles sich wieder erhebe, um wie befreit von neuem zur Sonne zu streben und sieghaft seinen köstlichen frischen Duft zum Himmel emporzusenden in der Freude über das erneute Leben. Dieselbe berauschende Lebenswonne, die nach dem Gewitter die ganze Natur zu empfinden scheint, jedes Blatt, das noch feucht vom Regen glänzt, jeder Blütenkelch, der unter der Last der Tropfen sich geneigt hat und nun sich wieder zur Sonne aufrichtet – dasselbe Gefühl hatte auch Ordynoff ... Nur hätte er selbst nicht zu sagen vermocht, was mit ihm geschah: so wenig, so gar nicht war er sich seiner selbst bewußt.

Deshalb bemerkte er auch nicht, wie der Gottesdienst zu Ende ging, und kam erst zu sich, als er, seiner Unbekannten folgend, sich abermals durch die Volksmenge drängte. Sie wurden immer wieder durch das hinausströmende Volk aufgehalten: dabei aber hatte sie ihn dann, beim Stehenbleiben und Warten, zum erstenmal bemerkt, hatte sich mit merklich wachsender Verwunderung wieder und wieder nach ihm umgesehen, und plötzlich, als seine Augen ihrem erstaunten hellen Blick begegneten, war sie errötet – ganz plötzlich wie in einem jähen Begreifen, das ihr die Glut ins Gesicht trieb. In demselben Augenblick aber tauchte auch schon die hohe Gestalt des Alten im Gedränge vor ihnen auf: und er nahm sie wortlos bei der Hand. Und wieder traf der Blick des Alten Ordynoff mit einem so gehässigen, boshaft spöttischen Ausdruck, daß Ordynoffs Herz plötzlich von einer ganz seltsamen rasenden Wut erfaßt wurde. In der Dunkelheit verlor er sie bald aus den Augen: er drängte sich erschrocken weiter durch die Menge, machte sich rücksichtslos Platz und trat aus der Kirche. Die Abendluft berührte ihn kalt, aber sie erfrischte ihn nicht: sie benahm ihm den Atem, beengte seine Brust und sein Herz begann langsam und stark zu schlagen, mit einer Wucht, als wolle es seine Brust zersprengen. Er suchte sie lange, mußte es aber dann doch aufgeben, da er sie nirgends mehr finden konnte: sie waren weder auf der Straße noch in der Sackgasse zu sehen. Doch zugleich entstand in ihm bereits ein Gedanke, der sich alsbald zu einem jener Pläne entwickelte, die zwar in der Regel mehr oder weniger wahnwitzig zu sein pflegen, deren Ausführung aber in solchen Fällen fast immer glänzend gelingt – ganz abgesehen davon, daß gerade diese unsinnigen Pläne am ehesten in die Tat umgesetzt werden, vernünftigere dagegen sehr oft nur Pläne bleiben.

Ordynoff begab sich am nächsten Morgen gegen acht Uhr zu jenem Hause, trat von der Gasse aus durch das Tor und befand sich auf einem schmalen, schmutzigen Hinterhof. Der Hausknecht, der dort mit einem Spaten hantierte, sah von seiner Arbeit auf, stützte sich auf den Spatenstiel, musterte Ordynoff vom Kopf bis zu den Füßen und fragte schließlich, was er hier wünsche.

Dieser Hausknecht war ein noch junger Bursche von etwa fünfundzwanzig Jahren, dabei von eigentümlich altväterischem Aussehen, klein, mit runzligem Gesicht und von offenbar tatarischer Abstammung.

„Ich suche ein Zimmer,“ sagte Ordynoff ungeduldig.

„Was für eins denn?“ fragte der Kerl spöttisch und sah ihn mit einer Miene an, als wisse er bereits um sein ganzes Vorhaben.

„Ich will hier ein Zimmer mieten.“

„Im Vorderhaus gibt’s keins,“ versetzte der Tatar etwas rätselhaft.

„Aber hier?“

„Hier auch nicht.“ Und damit wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.

„Vielleicht gibt es doch einen Mieter, der mir eins abtreten würde?“ fragte Ordynoff und drückte dem Hausknecht ein Trinkgeld in die Hand.

Der Tatar sah ihn an, steckte das Geld in die Tasche und machte sich dann wieder etwas mit seinem Spaten zu schaffen – erst nach einigem Schweigen erklärte er nochmals: „Nein, hier gibt’s keins.“ Der junge Mann hörte ihn aber nicht mehr: er ging bereits auf den halbverfaulten schwankenden Brettern, die über eine Pfütze führten, zum einzigen Eingang des Hinterhauses, zu einer Treppe, die ebenso schmutzig war, wie das ganze Haus schmutzig aussah, und deren unterste Stufe in einer zweiten Pfütze halbwegs versank. Unten, neben dem Eingang, wohnte ein armer Sargmacher, an dessen Werkstätte Ordynoff ohne zu fragen vorüberging, um auf der halbzerbrochenen gewundenen Treppe hinaufzusteigen. Im oberen Stockwerk angelangt, fand er, mehr tastend als sehend, eine schwere Tür, die einst mit Bastmatten beschlagen gewesen war, von denen jetzt jedoch nur noch wenig mehr als einzelne Stücke an ihr hafteten. Er drückte auf die Klinke und öffnete die Tür. Er hatte sich nicht geirrt. Vor ihm stand der Alte, den er in der Kirche gesehen, und blickte ihn mit äußerster Verwunderung starr an.

„Was willst du?“ stieß er halblaut mit rauher Stimme hervor.

„Haben Sie ein Zimmer zu vermieten?“ fragte Ordynoff, ohne eigentlich selbst zu wissen, was er sagte oder sagen wollte. Hinter dem Alten hatte er seine Unbekannte erblickt.

Der Alte sagte nichts, er bemühte sich nur, die Tür zu schließen, um Ordynoff auf diese Weise hinauszudrängen.

„Ja doch! – wir haben ein Zimmer!“ sagte da plötzlich das junge Weib mit freundlicher Stimme.

Der Alte wandte sich nach ihr um.

„Ich brauche nicht viel mehr als einen Winkel,“ sagte Ordynoff, indem er schnell eintrat und sich an das junge Weib wandte.

Doch das Wort erstarb ihm auf den Lippen: etwas Seltsames spielte sich plötzlich vor seinen Augen ab, eine stumme und doch beredte Szene. Der Alte war so leichenblaß geworden, als würde er im Augenblick ohnmächtig zusammenbrechen, und sah mit einem bleischweren, unbeweglichen, durchdringenden Blick das junge Weib an. Auch sie erblaßte zunächst, dann aber stieg ihr mit einem Male jäh das Blut ins Gesicht und in ihren Augen blitzte etwas Seltsames auf. Ohne ein weiteres Wort führte sie Ordynoff in das Nebenzimmer.

Die ganze Wohnung bestand aus einem einzigen, allerdings recht großen Zimmer, das durch zwei Scheidewände in drei Räume geteilt war. Aus dem ziemlich dunklen und schmalen Vorzimmer, in das man vom Flur aus trat, führte geradeaus eine Tür offenbar in das Schlafzimmer. Rechts von dieser führte eine andere Tür nach dem Zimmer, das vermietet werden sollte. Es war das ein schmaler, enger Raum, der durch die Scheidewand gewissermaßen an die zwei niedrigen Fenster angedrückt erschien. Überdies war er noch vollgepackt mit den verschiedensten Sachen, die nun einmal zu einem Haushalt gehören. Es war ärmlich und eng, aber doch nach Möglichkeit sauber. Die Einrichtung bestand aus einem einfachen ungestrichenen Tisch, zwei ebenso einfachen Stühlen und zwei Bettladen, die eine an der Scheidewand, die andere an der der Tür gegenüberliegenden Wand. Ein großes altertümliches Heiligenbild mit einer vergoldeten Strahlenkrone stand in der Ecke auf einem Winkelbrett und vor ihm brannte das Öllämpchen. Ein mächtiger russischer Ofen, an den sich die Scheidewand anschloß, stand zur Hälfte in diesem Zimmer, zur Hälfte im Vorzimmer. Eigentlich bedurfte es keiner Versicherung, daß diese Wohnung für drei erwachsene Menschen zu eng war.

Sie begannen, das Notwendige zu besprechen, sprachen aber so verwirrt und zusammenhanglos, daß sie einander kaum verstanden. Ordynoff, der zwei Schritte von ihr entfernt stand, glaubte ihr Herz pochen zu hören: er sah, daß sie vor Erregung und anscheinend auch vor Angst zitterte. Schließlich verständigten sie sich doch irgendwie und die Sache ward abgeschlossen. Der junge Mann erklärte, daß er sogleich einziehen wolle, und blickte sich unwillkürlich nach dem Alten um. Der war zwar immer noch bleich, aber auf seinen Lippen lag bereits ein stilles, sogar nachdenkliches Lächeln, das jedoch schnell verschwand, als er Ordynoffs Blick begegnete: sofort runzelte er wieder finster die Stirn.

„Hast du einen Paß?“ fragte er plötzlich mit lauter, rascher Stimme, indem er gleichzeitig schon die Tür zum Flur öffnete.

Ordynoff bejahte die Frage, die ihn etwas stutzig machte.

„Wer bist du?“

„Wassilij Ordynoff. Habe keine Anstellung. Lebe ganz für mich,“ antwortete er, ebenso kurz angebunden, wie der Alte in seiner rauhen Art.

„Ich gleichfalls,“ versetzte der Alte. „Ich bin Ilja Murin, Kleinbürger. Genügt dir das? – Gut, dann geh!“ ...

Innerhalb zweier Stunden war Ordynoff eingezogen, eigentlich selbst nicht weniger darüber verwundert, als es Herr Spieß und seine Tochter Tinchen waren, die nach vergeblichem Warten zu der Überzeugung kamen, daß der verschwundene Mieter sie nur habe betrügen wollen. Ordynoff freilich begriff selbst nicht, wie das alles so gekommen war, aber im Grunde wollte er es auch gar nicht begreifen.