Chapter 11 of 15 · 479 words · ~2 min read

V.

(Pjotr Iwanowitsch an Iwan Petrowitsch.)

11. November.

Mein bester, verehrtester Freund Iwan Petrowitsch!

Ihr Brief hat mich in tiefster Seele betrübt. Und Sie, der Sie mein bester, doch leider nur zu leicht ungerechter Freund sind, Sie schämen sich nicht, mir, der ich Ihnen doch von allen am meisten zugetan bin, so etwas zu schreiben – so übereilt zu urteilen, das Ganze nicht einmal zu erklären und mich dann mit so beleidigendem Argwohn zu kränken?

Doch ich beeile mich, Ihnen Rede zu stehen und Ihre Anschuldigungen von mir zu weisen.

Sie, Iwan Petrowitsch, haben mich gestern nur deshalb nicht dort angetroffen, weil ich ganz plötzlich und unvorhergesehenermaßen an ein Sterbelager gerufen wurde. Meine Tante Jewfimija Nikolajewna ist nämlich gestern um elf Uhr nachts sanft entschlafen. Zum Anordner der sämtlichen traurigen Obliegenheiten wurde ich durch einstimmigen Beschluß meiner Verwandten gewählt. Da gab es denn für mich so viel zu tun, daß ich Sie heute unmöglich treffen, ja nicht einmal ein paar Zeilen an Sie schreiben konnte. So tut mir das Mißverständnis, zu dem es zwischen uns gekommen ist, in der Seele leid. Meine Bemerkung über Jewgenij Nikolajewitsch, die von mir scherzhaft und mehr so nebenbei geäußert war, haben Sie ganz falsch verstanden und der Geschichte einen mich tief kränkenden Sinn untergeschoben. Sie kommen auch auf das Geld zu sprechen und verbergen nicht Ihre Befürchtungen. Was diese letzteren betrifft, so bin ich bereit, allen Ihren Wünschen und Forderungen nachzukommen, doch möchte ich Sie heute nur kurz daran erinnern, daß das Geld, die 350 Rubel, von mir in der vorigen Woche ausdrücklich nur unter gewissen Bedingungen von Ihnen genommen worden sind, und zwar nicht als Darlehn! In diesem Falle hätten Sie von mir unbedingt einen Wechsel oder eine Quittung erhalten. Zu einer Erörterung der weiteren von Ihnen angeführten Punkte will ich mich nicht herablassen. Ich sehe, daß alles nur auf einem Mißverständnis Ihrerseits beruht, erkenne darin Ihre gewohnte Übereiltheit in der Beurteilung menschlicher Verhältnisse, Ihre Hitzigkeit und rücksichtslose Offenheit. Ich weiß jedoch, daß Ihr Gerechtigkeitssinn und Ihr ehrlicher Charakter nicht lange bei solchem Mißtrauen verbleiben und Sie mir noch einmal als erster die Hand zur Versöhnung reichen werden. Sie sind in einem Irrtum befangen, Iwan Petrowitsch, in einem sehr großen Irrtum!

Doch ungeachtet dessen, daß Ihr Brief mich tief verletzt hat, wäre ich als erster bereit, heute noch mit meiner Entschuldigung zu Ihnen zu kommen, nur habe ich leider so viel zu tun – heute sogar noch mehr als gestern – daß ich schon halbtot bin und mich kaum noch auf den Füßen zu halten vermag. Zur Vollendung meines Unglücks hat sich nun auch noch meine Frau zu Bett legen müssen: ich befürchte eine ernste Krankheit. Was den Kleinen betrifft, so geht es ihm jetzt Gott sei Dank etwas besser. Doch ich schließe ... Die Geschäfte wollen erledigt sein und ich habe ihrer mehr als einen ganzen Berg!

Verbleibe, teuerster Freund,

Ihr usw.