VI.
(Iwan Petrowitsch an Pjotr Iwanowitsch.)
14. November.
Sehr geehrter Herr!
Drei Tage habe ich gewartet; habe mich bemüht, sie nützlich zu verbringen – indem ich, eingedenk der Regel, daß Höflichkeit und Anstand die erste Zierde eines jeden Menschen sind, Sie nach meinem letzten Schreiben vom Zehnten dieses Monats weder mit einem Wort noch einer Tat an mich erinnerte, einesteils um Ihnen Zeit zu geben, ungestört Ihrer Christenpflicht der Tante gegenüber nachzukommen, anderenteils auch deshalb, weil ich zu gewissen Erwägungen und Ermittelungen in der bewußten Angelegenheit selbst der Zeit bedurfte. Jetzt jedoch will ich nicht mehr zögern, mich endgültig und entschieden mit Ihnen auszusprechen.
Ich gestehe Ihnen offen, daß ich beim Lesen Ihrer zwei ersten Briefe allen Ernstes der Meinung war, Sie hätten wirklich nicht begriffen, was ich wollte; es war dies denn auch hauptsächlich der Grund, weshalb ich Sie unbedingt zu treffen und unter vier Augen zu sprechen wünschte, weshalb ich die Angelegenheit nicht dem Papier anzuvertrauen wagte und mir selbst die Möglichkeit einer Unklarheit in meiner schriftlichen Ausdrucksweise vorhielt. Wie Sie wissen, habe ich keine besondere Erziehung genossen und habe mir auch keine feinen Manieren aneignen können; hohles Geckentum aber ist mir fremd, denn die bittere Erfahrung hat mich gelehrt, wie trügerisch oft das Äußere sein kann, sowie, daß unter Blumen sich nicht selten Schlangen verbergen. Doch Sie haben mich verstanden; geantwortet aber hatten Sie mir nur deshalb nicht so, wie es sich gehörte, weil Sie in der Falschheit Ihrer Seele schon von Anfang an bei sich beschlossen, Ihr Ehrenwort zu brechen und damit auch das zwischen uns bestehende Freundschaftsverhältnis zu lösen. Der Beweis hierfür ist Ihr schändliches Benehmen mir gegenüber, ein Benehmen, das mir und meinen Interessen geradezu verderblich ist – was ich von Ihnen nie erwartet hätte und woran ich bis zu diesem Augenblick nicht habe glauben wollen, denn bestrickt, wie ich von Anfang unserer Bekanntschaft an durch Ihre guten Manieren war, durch Ihre feinen Umgangsformen, durch Ihre Sachkenntnis und nicht zuletzt auch durch die Vorteile, die mir aus Ihrer Bekanntschaft erwachsen konnten, nahm ich an, daß ich in Ihnen einen aufrichtigen Freund, einen echten Kameraden gefunden hatte, der mir wirkliches Wohlwollen entgegenbrachte. Jetzt jedoch habe ich erkennen müssen, daß es Menschen gibt, die unter einem trügerischen, glänzenden Äußeren in ihrem Herzen Gift verbergen, die ihren Verstand zu nichts anderem benutzen, als zum Ränkeschmieden wider ihren Nächsten und zu häßlichem, hinterlistigem Betruge, und die es deshalb stets umgehen, ihre Worte schwarz auf weiß zu geben und dabei ihre Stilgewandtheit nicht zu Nutz und Frommen ihrer Freunde und ihres Vaterlandes gebrauchen, sondern einzig zur Einschläferung und Umgarnung der Vernunft derjenigen, die sich auf Unternehmungen und Vereinbarungen mit Ihnen eingelassen haben. Ihre Falschheit mir gegenüber geht nur zu deutlich aus folgendem hervor.
Erstens: als ich in meinem Brief klar und unmißverständlich Ihnen, mein sehr verehrter Herr, die Lage schilderte, in der ich mich befand, und gleichzeitig – in meinem ersten Brief – die Frage an Sie stellte, was Sie mit einzelnen Ausdrücken und angedeuteten Absichten, vornehmlich in bezug auf Jewgenij Nikolajewitsch, gesagt haben wollten, da verstanden Sie es, das Wesentliche mit Stillschweigen zu übergehen und sich, nachdem Sie in mir Zweifel und Argwohn geweckt, ruhig wieder aus der Affäre zu ziehen. Darauf, d. h. nachdem Sie so etwas mit mir in Szene gesetzt hatten, was sich nicht einmal mit einem anständigen Wort bezeichnen läßt, schrieben Sie an mich und beklagten sich in wehleidigem Tone über mich bei mir selbst! Wie wünschen Sie wohl, daß man das nennen soll, mein Herr? Sodann, als mir jeder Augenblick teuer war und Sie mich im ganzen Weichbilde der Haupt- und Residenzstadt auf der Suche nach Ihnen umherlaufen ließen, schrieben Sie mir unter der Maske der Freundschaft Briefe, in denen Sie absichtlich mit keiner Silbe die Hauptsache berührten, sondern sich statt dessen ausschließlich in Nebensächlichkeiten ergingen: Sie schrieben mir von Ihrer, von mir allerdings unter allen Umständen sehr geachteten Gemahlin und teilten mir mit, daß der Arzt Ihrem Kleinen ein Abführmittelchen verordnet habe und daß bei ihm das erste Zähnchen durchgebrochen sei. Von allen diesen Dingen schrieben Sie in jedem Ihrer Briefe mit einer Regelmäßigkeit, die für mich geradezu kränkend war. Natürlich, ich will gern zugeben, daß die Qualen des eigenen Kindes jedes Vaterherz bedrücken können, doch wozu davon gerade dann reden, wenn es sich um ganz Anderes, Wichtigeres, Notwendigeres handelt? Ich schwieg und geduldete mich – so schwer es mir auch fiel. Jetzt aber, wo die Zeit Ihrer Inanspruchnahme durch den Todesfall Ihrer Tante verstrichen ist, glaube ich, es mir selbst schuldig zu sein, die Auseinandersetzung nun endlich und zwar unverzüglich herbeizuführen. Ferner haben Sie mir durch trügerische Angaben von Orten, an denen ich Sie sollte treffen können, und an denen ich Sie doch niemals traf, offenbar die Rolle Ihres Narren oder Spaßmachers aufzwingen wollen, der zu sein ich nicht die geringste Lust verspüre. Darauf, nachdem Sie mich noch vorher zu sich eingeladen und selbstverständlich vergeblich auf sich hatten warten lassen, teilten Sie mir mit, daß Sie zu Ihrer leidenden Tante abberufen worden seien, die um Punkt fünf Uhr nachmittags einen Schlaganfall gehabt habe, womit Sie anscheinend peinlich gewissenhaft den wahren Sachverhalt klarlegten. Zum Glück jedoch habe ich, sehr geehrter Herr, im Laufe dieser drei Tage Zeit gehabt, Erkundigungen einzuziehen, wodurch ich erfahren habe, daß Ihre Tante bereits am Abend des Siebenten, kurz vor Mitternacht, von einem Schlagfluß betroffen worden ist. Daraus ersehe ich, daß Sie sogar die Heiligkeit Ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen gemißbraucht haben, um andere Menschen zu betrügen. Endlich schreiben Sie in Ihrem letzten Brief vom Tode dieser Ihrer Tante, die nach Ihrer Angabe gerade zu der Stunde entschlafen sein soll, in der ich mich zwecks bewußter Unterredung auf Ihre eigene Aufforderung hin bei Ihnen einfinden sollte und mich in der Tat auch einfand. Doch hier übersteigt die Schändlichkeit Ihrer Berechnungen und Erfindungen jede Glaubwürdigkeit, denn, wie es mir, dank einem glücklichen Zufall, aus der sichersten Quelle zu erfahren gelungen ist, ist Ihre Frau Tante erst runde vierundzwanzig Stunden _nach_ der von Ihnen so gottlos angegebenen Sterbestunde um elf Uhr nachts entschlafen, nämlich den _elften_ November, und nicht den _zehnten_!
Ich käme schwerlich zu einem Ende, wenn ich noch alle anderen Beweise aufzählen wollte, die mir Ihre Falschheit offenbart haben. Doch für jeden unparteiischen Beurteiler dürfte allein schon dieser eine Zug genügen, daß Sie mich in jedem Ihrer Briefe ihren „aufrichtigen Freund“ nennen und mir alle möglichen Liebenswürdigkeiten sagen, was Sie meines Erachtens zu keinem anderen Zweck getan haben, als um mein Gewissen wie meine Vorsicht einzuschläfern.
Ich komme jetzt zu Ihrem Hauptbetrug und Treubruch, der in folgenden Punkten besteht: in Ihrem, in letzter Zeit unausgesetzt beobachteten Stillschweigen über alles das, was unsere gemeinsamen Interessen betrifft; ferner in der sträflichen Entwendung jenes Briefes, in dem Sie – allerdings nur andeutungsweise und mir nicht ganz verständlich – unseren beiderseitigen Vertrag nebst allen einzelnen Bedingungen auseinandergesetzt hatten; drittens in der Tatsache, daß Sie mich in einer nahezu barbarisch vergewaltigenden Weise um 350 Rubel anpumpten, ohne jede Quittung oder sonstige Bestätigung, also nur auf Grund meiner Eigenschaft als Ihr Kompagnon, sozusagen; und schließlich in Ihrer schändlichen Verleumdung unseres gemeinsamen Bekannten Jewgenij Nikolajewitsch.
Es ist mir jetzt auch vollkommen klar, was Sie mit der letztgenannten Verleumdung eigentlich bezweckten: nämlich mir zu beweisen, daß von dem Betreffenden, wie von einem – mit Verlaub zu sagen – Ziegenbock weder Milch noch Wolle zu gewinnen sei; d. h. daß man von ihm gar keinen Nutzen habe und daß er selber weder dies noch das, weder Fisch noch Fleisch sei, was Sie ihm in Ihrem Brief vom Sechsten dieses Monats deutlich als ein Gebrechen anrechnen. Ich aber kenne Jewgenij Nikolajewitsch als bescheidenen und gesitteten jungen Mann: und gerade das ist es, womit er einen für sich einnehmen, sich in der Gesellschaft Achtung gewinnen und es in seiner Laufbahn noch einmal zu etwas bringen kann. Auch ist es mir nicht unbekannt geblieben, daß Sie im Verlaufe von ganzen zwei Wochen jeden Abend beim Hasardspiel mit ihm mindestens mehrere Zehnrubelscheine, wenn nicht gar Hunderter, in Ihre Tasche geschoben und somit auf diese Weise Jewgenij Nikolajewitsch mörderlich gerupft haben. Jetzt aber scheint das alles von Ihnen vergessen zu sein und anstatt mir für das, was ich durch Sie ausgestanden habe, zu danken, eignen Sie sich auf Nimmerwiedersehen auch noch mein Geld an, indem Sie mich vorher durch den Antrag, Ihr Kompagnon zu werden, und durch die Aussicht auf verschiedene Vorteile, die mir dadurch erwachsen würden, zur Hergabe einer beträchtlichen Summe verlocken. Jawohl: nachdem Sie sich in so gesetzwidriger Weise von mir und Jewgenij Nikolajewitsch Geld angeeignet haben, vergessen Sie jeden Dank, den Sie mir schuldig sind, und gehen bis zur Verleumdung desjenigen, den ich allein durch meine Empfehlungen in Ihrem Hause eingeführt habe. Sie selbst dagegen fahren, nach den Aussagen Ihrer Freunde, bis auf den heutigen Tag fort, mit Jewgenij Nikolajewitsch ein Herz und eine Seele zu sein, ja, im Überschwang der Gefühle küssen Sie ihn womöglich und stellen ihn aller Welt als Ihren besten Freund vor, obschon es, wie ich hinzusetzen möchte, so leicht keinen einzigen Dummen geben wird, der nicht sofort und ganz genau erriete, auf was alle Ihre Absichten eigentlich hinauslaufen und was Ihre Freundschaftsbeteuerungen in Wirklichkeit wert sind. Ich wenigstens sage es offen, daß sie nichts als Lug und Trug bedeuten, Falschheit und Hohn auf alle Anstandsbegriffe und Menschenrechte, daß sie eine Schmähung Gottes sind und der Inbegriff aller Lasterhaftigkeit. Als Beispiel und Beleg hierfür nenne ich mich selbst! d. h. ich wollte sagen, die Erfahrungen, die ich mit Ihnen gemacht habe. – Wann habe ich Sie je beleidigt oder Ihnen sonst ein Unrecht angetan, daß Sie mich auf eine so tückische Art zu behandeln wagen?
Ich schließe meinen Brief. Was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt. Jetzt füge ich nur noch einen Satz hinzu: wenn Sie, mein Herr, nicht in der kürzesten Frist nach Empfang dieses Briefes mir, erstens, ungeschmälert den ganzen Ihnen von mir geliehenen Betrag, in Summa 350 Rubel, zurückerstatten, und zweitens alle mir Ihrem Versprechen gemäß zustehenden Beträge auszahlen, so werde ich Mittel und Wege zu finden wissen, Sie dazu zu zwingen, wenn es sein muß, sogar durch öffentliche Anklage; denn ausdrücklich nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß mir der Schutz der Gesetze zu Gebote steht; und zum Schluß möchte ich Ihnen noch mitteilen, daß ich gewisse Papiere und damit Beweise in Händen habe, die, sobald sie nicht mehr im Besitz Ihres ergebensten Dieners verbleiben, Sie und Ihren Namen in den Augen der ganzen Welt doch recht tief in den Schmutz herabziehen könnten.
Gestatten Sie usw.