Chapter 6 of 15 · 23027 words · ~115 min read

VI.

Als Ordynoff am nächsten Morgen, noch blaß und erregt von dem Erlebnis der Nacht, gegen acht Uhr bei Jaroslaw Iljitsch eintrat – zu dem er übrigens aus einem ihm selbst völlig unklaren Grunde gegangen war – blieb er starr vor Überraschung auf der Schwelle stehen: denn im Zimmer erblickte er – Murin. Der Alte war noch bleicher als Ordynoff und schien sich vor Krankheit kaum auf den Füßen halten zu können, weigerte sich jedoch, trotz aller Aufforderungen Jaroslaw Iljitschs, der über den Besuch offenbar sehr erfreut war, auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Als Jaroslaw Iljitsch Ordynoff erblickte, entfuhr ihm ein Ausruf freudiger Überraschung, doch schon im nächsten Augenblick wich seine Freude einer recht merkbaren Verwirrung, die ihn ganz plötzlich überkam, so daß er mitten auf dem Wege zum nächsten Stuhl, den er wohl Ordynoff hatte anbieten wollen, ratlos stehen blieb. Man sah es ihm an, daß er nicht wußte, was er sagen oder tun sollte und daß er es zugleich als unpassend empfand, in dieser schwierigen Lage seine türkische Pfeife weiter zu rauchen. Trotzdem aber – so groß war seine Verwirrung – zog er in vollen Zügen den Rauch aus seinem Pfeifenrohr und zwar noch viel häufiger und heftiger, als es sonst seine Art war. Inzwischen trat Ordynoff ins Zimmer. Er warf einen flüchtigen Blick auf Murin und bemerkte in dessen Gesicht etwas Ähnliches wie das boshafte Lächeln vom letzten Abend, das Ordynoff auch jetzt wieder erbeben machte vor Wut und Empörung. Übrigens verschwand alles Feindliche sofort aus Murins Zügen und sein Gesicht nahm den Ausdruck vollständiger Verschlossenheit und Gelassenheit an. Langsam machte er eine sehr tiefe Verbeugung vor seinem Mieter ... Diese kurze Szene hatte indes das Gute, daß sie Ordynoff vollends zur Besinnung brachte. Er sah Jaroslaw Iljitsch mit scharfem Blick aufmerksam an, wie um aus dessen Antlitz sich Aufschluß über den Sachverhalt zu verschaffen. Jaroslaw Iljitsch freilich schien dieser forschende Blick äußerst peinlich zu sein.

„Aber ich bitte Sie, treten Sie doch näher, teuerster Wassilij Michailowitsch,“ brachte er endlich verwirrt hervor, „ich bitte Sie dringend, beehren Sie mich mit Ihrem Besuch ... Geben Sie diesen meinen einfachen Sachen hier ... die Weihe, indem Sie ihnen, wie gesagt, die Ehre antun ... wie gesagt ...“

Jaroslaw Iljitsch geriet mit seinen Gedanken und Worten in einige Unordnung, verlor den Faden, wurde bis über die Ohren rot vor Verwirrung und auch vor Ärger darüber, daß die schöne Phrase mißlungen war und daß er sie somit umsonst ausgespielt, sie für immer verdorben hatte. Mit Gepolter rückte er deshalb einen Stuhl bis mitten ins Zimmer.

„Ich werde Sie nicht lange aufhalten, Jaroslaw Iljitsch, ich wollte nur ...“

„Aber ich bitte Sie! Sie und mich aufhalten – Wassilij Michailowitsch! ... Doch – nicht wahr – ein Glas Tee? He! Bedienung! ... Und Sie, versteht sich, werden doch auch nicht ein Glas ablehnen!“

Murin nickte nur mit dem Kopf, wodurch er wohl zu verstehen gab, daß er das Angebot ganz selbstverständlich fand.

Jaroslaw Iljitsch schnauzte zunächst den eingetretenen Diener wegen seiner angeblichen Saumseligkeit an und bestellte dann in strengem Tone noch drei Glas Tee, worauf er sich auf den nächsten Stuhl neben Ordynoff niederließ. Nachdem er sich gesetzt, drehte er den Kopf wie eine Pappkatze bald nach rechts, bald nach links, sah von Murin zu Ordynoff und von Ordynoff zu Murin. Seine Lage war keineswegs angenehm. Offenbar wollte er etwas sagen, etwas vielleicht äußerst Kitzliges, wenigstens für den einen Teil; doch ungeachtet aller seiner Gedankenanstrengungen brachte er nichts über die Lippen ... Ordynoff schien auch nicht recht zu wissen, was er sagen, und noch viel weniger, was er denken sollte. Es gab einen Augenblick, wo sie plötzlich beide zugleich anfangen wollten. ... Währenddessen hatte der schweigsame Murin Zeit, sie aufmerksam zu beobachten und in sein Gesicht wieder den Ausdruck der Ruhe zu bringen ...

„Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen,“ begann plötzlich Ordynoff, „daß ich mich infolge eines unangenehmen Zwischenfalls gezwungen sehe, meine Wohnung zu verlassen, und ...“

„Ja denken Sie sich!“ unterbrach ihn Jaroslaw Iljitsch. „Ich war, offen gestanden, baff, als mir dieser ehrenwerte Mann hier von Ihrem Entschluß Mitteilung machte. Aber ...“

„Wie, _er_ hat es Ihnen bereits mitgeteilt?“ fragte Ordynoff verwundert, und blickte auf Murin.

Dieser strich sich über den Bart und lächelte vor sich hin.

„Ja, was sagen Sie dazu!“ fuhr Jaroslaw Iljitsch fort. „Übrigens – oder habe ich da vielleicht was mißverstanden? Jedenfalls muß ich sagen, daß – ich versichere Sie bei meiner Ehre! – daß in seinen Worten auch nicht der Schatten einer Sie kränkenden Äußerung enthalten gewesen ist ...“

Und Jaroslaw Iljitsch errötete hierbei und vermochte nur mit Mühe seine Erregung niederzuhalten. Murin, der sich an der Verwirrung Jaroslaw Iljitschs und seines Gastes inzwischen genugsam ergötzt zu haben schien, hielt es nun wohl für angemessen, auch mit der Sprache herauszurücken, und trat einen Schritt vor.

„Ich habe dieserhalb, Euer Wohlgeboren,“ begann er langsam, sich nach Bauernart vor Ordynoff verneigend, „Eure Wohlgeboren zu belästigen gewagt. Es ist nun mal so, Herr, es kommt schon so heraus – Sie wissen doch selber: wir – wollte sagen ich und meine Hausfrau – wir wären ja mehr als froh und würden auch kein Wort dawider reden ... Aber – was soll man da viel sagen – was hab’ ich denn für eine Wohnung, das wissen und sehen Sie doch selbst, Herr! Und was haben wir denn überhaupt – grad nur so viel, daß man satt wird, wofür wir denn auch genugsam dem Schöpfer danken und zu ihm beten, und ihn bitten, er möge uns seine Gnade auch fernerhin in diesem Maße zuteil werden lassen. Aber sonst, Herr, Sie sehen doch selbst, wie’s ist, was soll man da viel reden?“ Und Murin wischte sich nach echter Bauernart mit dem Ärmel ruhig den Bart.

Ordynoff fühlte nur, wie ihn Ekel erfaßte.

„Ja, es ist wahr, ich habe Ihnen auch schon von ihm erzählt: er ist krank, tatsächlich, ^ce malheur^ ... das heißt, Verzeihung, ich wollte ... ich beherrsche die französische Sprache nicht vollkommen, aber wie gesagt ...“

„Ja, wie ...“

„Ja eben, wie gesagt ... das heißt ...“

Ordynoff und Jaroslaw Iljitsch machten sich gegenseitig so etwas wie eine halbe Verbeugung, natürlich ohne sich deshalb von den Stühlen zu erheben, und Jaroslaw Iljitsch suchte das entstandene kleine Mißverständnis mit einem entschuldigenden Lachen zu verwischen, fuhr jedoch sogleich wieder fort:

„Übrigens habe ich mich soeben ausführlich bei ihm erkundigt, und wie er mir erklärte – und ich glaube ihm, da ich ihn als Ehrenmann kenne, aufs Wort! – daß die Krankheit jenes ... jungen Weibes ...“

Hier sah der gewissenhafte Jaroslaw Iljitsch – vermutlich um einen kleinen Zweifel zu beseitigen, der sich wieder auf Murins Gesicht gezeigt hatte, mit fragendem Blick zu ihm auf.

„Nun ja, unserer Hausfrau ...“

Der zartfühlende Jaroslaw Iljitsch begnügte sich sogleich mit der ihm zuteil gewordenen Erklärung und fuhr schnell fort:

„... Ihrer Hausfrau – das heißt, jetzt ist sie es ja nicht mehr, aber sie war es – also Ihrer ... das heißt, pardon, ich weiß nicht ... nun ja! Sehen Sie, sie ist eben krank und dem müssen Sie Rechnung tragen. Sie sagt, sie störe Sie ... in Ihrer Beschäftigung, und auch er ... Sie haben mir nämlich einen wichtigen Zwischenfall verschwiegen, Wassilij Michailowitsch!“

„Welch einen?“

„Ja – das mit der Flinte,“ sagte in der schonendsten Weise flüsternd Jaroslaw Iljitsch, wobei nur ein verschwindender Bruchteil, höchstens ein Milliontel eines Vorwurfs aus dem zart-freundschaftlichen Tonfall seiner Tenorstimme herauszuhören war.

„Aber,“ fügte er schnell hinzu, „jetzt, wo ich alles weiß – er hat mir nämlich den ganzen Vorgang erzählt – kann ich Ihnen nur sagen, daß es von Ihnen höchst anständig und anerkennenswert war, ihm seine unbedachte Tat zu verzeihen. Ich schwöre Ihnen, ich sah Tränen in seinen Augen, als er davon sprach! ...“

Jaroslaw Iljitsch errötete wieder ein wenig; seine Augen glänzten und er rückte zufrieden seinen Stuhl und sich selbst etwas von der alten Stelle.

„Ich, wollte sagen, wir, Herr, Euer Wohlgeboren, will sagen ich und meine Hausfrau, wie beten wir für Euch zu Gott,“ begann wieder Murin, sich an Ordynoff wendend – während Jaroslaw Iljitsch noch wie gewöhnlich seine Erregung niederkämpfte – und er sah ihn dabei unverwandt an, „aber Ihr wißt doch selbst, Herr, sie ist ein krankes, dummes Weib; und mich wollen die Füße auch nicht so recht mehr tragen ...“

„Aber ich bitte Sie,“ unterbrach ihn Ordynoff ungeduldig, „ich bin ja bereit, meinetwegen sofort! ...“

„Nein, Herr, will sagen, wir wären ja mit Verlaub, mit Euer Wohlgeboren mehr als zufrieden.“ (Murin verbeugte sich wieder äußerst tief.) „Ich, Herr, ich rede nicht davon; ich wollte nur ein Wort noch sagen – sie ist doch, Herr, fast verwandt mit mir, wenn auch nicht nah, sondern nur so wie man beispielsweise zu sagen pflegt, etwa durch sieben Scheffel Erbsen, will sagen, Euer Wohlgeboren mögen uns unsere einfache Ausdrucksweise zugute halten, wir sind niedrige Leute – aber sie ist ja schon von Kindheit an so! Eigenwillig, im Walde aufgewachsen, nur unter den Barkenknechten und Fabrikarbeitern. Und da brannte dann noch das Haus nieder; und ihre Mutter, Herr, verbrannte; und auch der Vater verbrannte – aber sie selbst, Herr, erzählt das doch Gott weiß wie ... Ich will ihr nur nicht widersprechen, aber in Moskau haben die größten Ärzte sie untersucht, ein ganzes Kon... Konsilium, wie sie sagen ... doch nichts war zu machen, Herr, sie ist ganz unheilbar, das ist es! Ich allein bin ihr noch geblieben, und so lebt sie denn bei mir ... will sagen, so leben wir denn beide, beten zu Gott und hoffen auf seine Allmacht; sonst aber – mag sie reden, was sie will, ich widerspreche ihr schon gar nicht mehr ...“

Ordynoff erbleichte. Jaroslaw Iljitsch sah wieder bald den einen, bald den anderen an.

„Aber ich wollte nicht davon reden, Herr ... nein!“ fuhr Murin fort und schüttelte ernst das Haupt. „Sie ist nun einmal so, will sagen, von so heißblütigem Schlage, das Köpfchen stürmisch, liebevoll und liebebedürftig, ist wie’n Wirbelwind, hat alleweil Verlangen nach einem lieben Freunde, will immer – wenn ich mit Verlaub Euer Gnaden so sagen darf –, daß man ihrem Herzen einen Geliebten gebe; das ist eben ihre Verrücktheit. So erzähle ich ihr denn Märchen, um sie abzulenken und zu zerstreuen. Das ist nun mal so. Aber ich hab’ ja doch, Herr, gesehen, wie sie – verzeiht schon, Herr, mein dummes Wort,“ entschuldigte Murin sich mit einer Verbeugung und indem er wieder mit dem Ärmel den Bart vom Munde nach links und rechts wischte, „wie sie beispielsweise mit Euer Gnaden näher bekannt geworden ist, will sagen, um beispielsweise zu reden, daß Sie, halten zu Gnaden, beispielsweise bezüglich der Liebe sich ihr zu nähern wünschten ...“

Jaroslaw Iljitsch wurde feuerrot und blickte vorwurfsvoll auf Murin. Ordynoff bezwang sich so weit, daß er äußerlich ruhig auf seinem Stuhl sitzen blieb.

„Nein ... will sagen, ich, Herr, ich wollte nicht davon reden ... ich bin, halten zu Gnaden, nur ein einfacher Bauer, Herr ... wir sind niedrige Leute, sind unwissend und ungebildet, Herr, sind Eure Diener.“ Er machte wieder eine tiefe Verbeugung. „Und wie werden wir, ich und mein Weib, für Euer Gnaden beten! ... Worüber hätten wir auch zu klagen? – wenn man nur immer satt wird und gesund bleibt, dann ist man schon zufrieden. Aber was soll ich denn, Herr, tun? – soll ich freiwillig den Kopf in die Schlinge stecken! Ihr wißt doch, Herr, das ist eine Lebensfrage, habt Mitleid mit uns, das würde ja sein wie mit einem Liebhaber! ... Halten zu Gnaden, Herr, mein grobes Wort ... bin ein Bauer und Ihr seid ein Herr ... Aber Euer Gnaden sind eben ein junger, stolzer, heißer Mensch, sie aber, Herr, Ihr wißt doch selbst, ist noch ein Kind, jung und unvernünftig – wie weit ist es denn da mit ihr bis zur Sünde! Sie ist ja gewiß ein frisches, rosiges, liebes Weib, und mich Alten plagt immer die Krankheit. Nun was? Wie man sieht, muß der Teufel Euer Gnaden schon arg umgarnt haben! Ich zerstreue sie schon immer mit Märchen und ähnlichen Geschichten, zerstreue sie wirklich! ... Und wie wir für Euer Gnaden beten würden! will sagen, wirklich von Herzensgrunde! ... Und was finden denn Euer Gnaden an ihr? Wenn sie auch schön ist, sie bleibt doch eine Bäuerin, ein einfaches Weib, das zu mir, dem einfachen Bauern paßt! Euch aber, Herr, steht es doch nicht an, sich mit Bäuerinnen abzugeben! Und wie wir doch für Euer Gnaden beten werden, wirklich von Herzensgrunde! ...“

Und Murin neigte sich von neuem tief, tief und blieb lange in dieser untertänigst ergebenen Stellung, während er zugleich unausgesetzt mit dem Ärmel den Bart vom Munde zu den Seiten strich. Jaroslaw Iljitsch wußte kaum noch, wo er sich lassen sollte.

„Ja ... tja, der gute Mann,“ begann er, nur so, um etwas zu sagen, „erzählte mir da auch so einiges ... wie gesagt, es scheint eben doch nicht so weiter zu gehen. Nur, bitte, denken Sie deshalb nicht, bester Wassilij Michailowitsch, daß ich mir da ... vielleicht irgendwelche Gedanken zu machen erlaube! ... Wie gesagt,“ unterbrach er sich schnell, „ich hörte, Sie seien noch immer krank?“ fragte er teilnehmend und sah Ordynoff vor lauter Verlegenheit mit förmlich bittendem Blick an.

„Wie viel bin ich Ihnen schuldig?“ fragte Ordynoff schnell, sich an Murin wendend.

„Wie denn, Herr! Wir sind doch keine Räuber! Euer Gnaden werden uns doch nicht beleidigen wollen! Nein, Herr, Euer Wohlgeboren sollten sich schämen, – wodurch haben wir denn Euer Gnaden gekränkt? Ich bitte!“

„Aber ... einstweilen – erlauben Sie mal, mein Freund: so geht das doch auch nicht! Er war immerhin Ihr Mieter – ja, fühlen Sie denn nicht, daß umgekehrt Sie ihn durch Ihre Weigerung, eine Entschädigung dafür anzunehmen, empfindlich kränken, ja gewissermaßen sogar beleidigen?“ legte sich Jaroslaw Iljitsch ins Mittel, da er es für seine Pflicht hielt, Murin die peinliche Seite seiner Handlungsweise zu Bewußtsein zu bringen.

„Aber ich bitte, Herr! Wie kommen Euer Wohlgeboren nur darauf? Erbarmen Sie sich! Inwiefern sind wir denn Eurer Ehre zu nahe getreten? Haben uns doch redlich und weidlich bemüht, alles zu tun, was in unseren Kräften steht! Laßt es gut sein, Herr, Gott verzeihe Euch! Sind wir denn Heiden oder Wegelagerer? Wir hätten ja nichts dawider, mag er bei uns leben, unser einfaches Essen mit uns teilen und es zur Gesundheit verzehren, – mag er, mag er – wir würden ja nichts dawider sagen und ... kein Wort reden; aber da hat nun der Teufel seine Hand im Spiel, ich bin ein kranker Mensch und auch sie ist ein krankes Weib – was soll man da tun! Es ist niemand zum Bedienen da, sonst aber wären wir ja von Herzen froh. Und wie wir doch für Euer Gnaden, Herr, beten werden, will sagen, wie inbrünstig beten!“

Murin neigte sich wieder tief vor Ordynoff. Jaroslaw Iljitsch war vor lauter Anteilnahme geradezu gerührt und wandte seinen Blick fast stolz Ordynoff zu.

„Was sagen Sie dazu, ist das nicht ein edler Zug!“ rief er begeistert aus. „Ist es nicht ein heiliges Gefühl der Gastfreundschaft, das in unserem russischen Volke schlummert!“

Ordynoff sah ihn wild an und maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen mit einem Blick, in dem fast Entsetzen sich ausdrückte.

„Ja, so ist es wirklich, Herr, Gastfreundschaft ist uns heilig, und wie!“ bestätigte Murin, und wieder wischte der Ärmel den Bart vom Munde nach links und rechts, „und da kommt mir soeben ein Gedanke: der Herr war bei uns eben nur zu Gast, bei Gott, nur zu Gaste,“ fuhr er fort, indem er sich Ordynoff näherte, „und es wäre ja alles gut, Herr, – nun, beispielsweise einen Tag, sagen wir, noch einen – ich würde ja wirklich nichts dawider haben. Aber die Sünde verführt, und meine Hausfrau ist nun einmal nicht ganz gesund. Ja, wenn sie nicht wäre! – will sagen, wenn ich beispielsweise allein leben würde! – oh, wie würde ich da Euer Gnaden dienen und alles zu Gefallen tun! – will sagen, das steht ja ganz außer Frage! Wen sollten wir denn achten, wenn nicht Euer Gnaden? Und ich würde Euch schon gesund machen, Herr, wirklich, ich kenne ein Mittel ... Nur zu Gaste seid Ihr bei uns gewesen, Herr, bei Gott, da habt Ihr mein Wort darauf, wirklich nur zu Gaste! ...“

„Nein in der Tat, gibt es nicht ein solches Mittel?“ bemerkte Jaroslaw Iljitsch ... brach aber kurz ab und wandte sich schleunigst zur Seite.

Ordynoff hatte ihm entschieden unrecht getan, als er ihn mit so wilder Verwunderung maß.

Jaroslaw Iljitsch war natürlich einer der ehrlichsten und anständigsten Menschen, doch jetzt, wo er endlich alles begriffen hatte, war seine Lage allerdings eine äußerst schwierige. Er wollte, wie man so sagt, einfach bersten vor Lachen! Wäre er mit Ordynoff allein gewesen, so hätte er sich selbstverständlich (zwei so gute Freunde unter sich!) nicht bezwungen und sich rückhaltlos dem Ausbruch seiner Heiterkeit hingegeben. Jedenfalls hätte er, eben wie ein im Grunde anständiger Kerl, voll Mitempfinden Ordynoff die Hand gedrückt, hätte ihm aufrichtig und wahrheitsgemäß versichert, daß er ihn nun noch doppelt achte und es unter allen Umständen verzeihlich finde, daß usw. ... Jugend bliebe eben Jugend. Doch in Murins Gegenwart war das natürlich ausgeschlossen: und so befand er sich denn in einer so peinlichen Lage, daß er nicht wußte, wohin er mit sich sollte ...

„Ein Mittel, will sagen, ein Heilmittel,“ versetzte Murin, dessen ganzes Gesicht nach dem ungeschickten Zwischenruf Jaroslaw Iljitschs ins Zucken geriet.

„Ich, Herr, ich würde in meiner Dummheit, das heißt, bei meinem bäuerischen Unverstand, nur das sagen,“ fuhr er fort, wieder einen Schritt näher tretend: „Bücher, Herr, habt Ihr arg viel gelesen; ich sage auch: klug seid Ihr sehr, seid sogar arg klug geworden und Euer Verstand ist arg gewachsen; aber nun, wie man bei uns Bauern zu sagen pflegt, nun ist der Verstand da angelangt, wo er stille steht ...“

„Genug! hören Sie auf!“ unterbrach ihn Jaroslaw Iljitsch in strengem Ton.

„Ich gehe,“ sagte Ordynoff. „Ich danke Ihnen, Jaroslaw Iljitsch. Gewiß, gewiß, ich werde Sie besuchen, nächstens,“ versprach er noch schnell, der Aufforderung zuvorkommend, da sie schon in der Gebärde lag, mit der ihn Jaroslaw Iljitsch zurückzuhalten suchte. „Leben Sie wohl ...“

Ordynoff hörte nichts mehr. Halb wahnsinnig verließ er das Zimmer.

Er war wie zerschlagen und alles Denken war in ihm erstarrt. Er hatte eigentlich nur die dumpfe Empfindung seiner Krankheit, doch zugleich erfaßte ihn eine kalte Verzweiflung, die ihn den einen, kaum bewußt gefühlten Schmerz in der Brust vergessen ließ. Er dachte an den Tod, dachte, daß es das beste wäre, jetzt schnell zu sterben. Seine Füße versagten ihm den Dienst und er setzte sich auf eine Bank an einem Zaun, ohne den Vorübergehenden irgendwelche Beachtung zu schenken: allen den Leuten, die sich nach und nach um ihn zu versammeln begannen, ihn teils neugierig und mitleidig betrachteten, teils Fragen an ihn stellten und sich besorgt ereiferten. Da vernahm er plötzlich durch das Stimmengewirr Murins Stimme, die ihn wie aus einem Traum schreckte, und er sah auf. Der Alte stand neben ihm: sein bleiches Gesicht war ernst und nachdenklich. Das war ein ganz anderer Mensch, als der, der sich bei Jaroslaw Iljitsch in so frecher Weise über ihn lustig gemacht hatte. Ordynoff erhob sich und Murin faßte ihn am Arm und führte ihn aus der Menge.

„Du mußt noch deine Habseligkeiten mitnehmen,“ sagte er, indem er Ordynoff flüchtig von der Seite ansah und seinen Arm wieder freigab. „Sei nicht traurig, Herr!“ versuchte er ihn zu ermuntern. „Du bist jung, wozu da trauern! ...“

Ordynoff schwieg.

„Bist gekränkt, Herr? Ärgerst dich also ... aber worüber denn? Jeder verteidigt sein Gut!“

„Ich kenne Sie nicht,“ stieß Ordynoff hervor, „und Ihre Geheimnisse gehen mich nichts an. Aber sie, sie!“ rief er, und Tränen entströmten seinen Augen und rollten über seine Wangen, doch der Wind trocknete sie schnell ... Ordynoff hob die Hand, wie um sie fortzuwischen. – Aber seine Geste, sein Blick, die unwillkürliche Bewegung seiner bebenden bläulichen Lippen – alles schien darauf hinzudeuten, daß sein Geist nicht lange mehr widerstandsfähig war und er dem Wahnsinn verfallen sein mochte.

„Ich habe dir doch schon erklärt,“ sagte Murin, die Brauen zusammenziehend, „sie ist eine Halbirrsinnige! Wodurch und wie sie irrsinnig wurde ... wozu brauchst du das zu wissen? Mir ist sie auch so – das, was sie mir ist! Ich habe sie liebgewonnen mehr als mein Leben und werde sie niemand abtreten. Begreifst du jetzt!“

In Ordynoffs Augen flammte es auf.

„Aber warum,“ stieß er hervor, „warum ist mir denn nun, als hätte ich mein Leben verloren? Warum schmerzt denn _mein_ Herz? Warum mußte ich Katherina kennen lernen?“

„Warum?“ wiederholte Murin mit kurzem Auflachen, ward aber sogleich ernst und nachdenklich. „Ja, warum – das weiß ich auch nicht,“ murmelte er endlich. „Weibersinn ist schließlich kein Meeresgrund, erforschen kann man ihn schon, aber! ... Was sie wollen, das muß man ihnen geben – ob sie’s mit List, Beharrlichkeit oder Zähheit verlangen – aber geben muß man’s ihnen, als hätte man es nur aus der Tasche zu nehmen und hinzulegen. Da ist es denn wohl wahr, Herr, daß sie mit Ihnen von mir weggehen wollte,“ fuhr er nachdenklich fort. „Sie verschmähte den Alten, nachdem sie mit ihm alles erlebt, was man erleben kann! Da müssen Sie ihr anfangs arg in die Augen gestochen haben! Oder war’s nur so – ob Sie, ob ein anderer ... Ich verbiete ihr ja nichts, lasse ihr in allem ihren Willen. Und sollte sie Vogelmilch verlangen – ich verschaffe ihr auch Vogelmilch, werde selbst den Vogel erschaffen, wenn es einen solchen noch nicht gibt! Eitel ist sie! Nach Freiheit strebt sie und dabei weiß sie selbst nicht, was das Herz will. Und da hat es sich denn jetzt herausgestellt, daß es am besten doch wieder beim alten bleibt! Ach, Herr! Jung bist du, noch arg jung! Dein Herz ist heiß wie das Herz eines jungen Mädchens, das sich noch mit dem Ärmel die Tränen trocknet, wenn es sich vom Liebsten verlassen sieht. Höre, Herr, was ich dir sage: ein schwacher Mensch kann sich allein nicht halten! Gib ihm alles, was du willst – er wird dir freiwillig alles wieder zurückgeben, und wenn du ihm auch das halbe Erdreich schenkst und sagst: ‚Nimm und herrsche!‘ – was meinst du, was er tut? – in den Stiebel kriecht er und versteckt sich, so klein macht er sich! Und so ist es auch mit dem freien Willen: gibst du ihn ihm, dem schwachen Menschen, so wird er ihn selbst binden und ihn dir zurückgeben. Dummen Herzen nützt Freiheit nichts. Sie wissen damit nichts anzufangen. Ich sage dir das nur so – bist noch arg jung! Sonst aber – was gehst du mich an? Gekommen, gegangen – ob du oder ein anderer: bleibt sich gleich. Ich hab’s ja schon von Anfang an gewußt, wie es kommen würde. Sich widersetzen, das hilft da nichts. Kein Wort darf man dawider sprechen, wenn man sein Glück bewahren will. Es ist doch, Herr,“ fuhr Murin fort, in seiner Art zu philosophieren, „gewöhnlich alles nur so ... gesagt: bis zum Ausführen hat’s noch eine gute Weile. Aber schließlich – was kann nicht vorkommen? Im Zorn ist auch das Messer zur Hand, oder wenn nicht, dann geht es auch unbewaffnet mit den Zähnen dem Feinde an die Gurgel! Wird dir aber offen das Messer angeboten und dein Feind entblößt vor dir seine breite Brust – da wirst du wohl zurücktreten!“

Sie traten auf den Hof. Der Tatar, der sie schon von weitem hatte kommen sehen, nahm vor ihnen die Mütze ab und betrachtete Ordynoff mit listiger Neugier.

„Wo ist deine Mutter? Zu Haus?“ wandte sich Murin barsch an ihn.

„Zu Haus.“

„Sag ihr, daß sie seine Sachen herunterschleppen soll. Und auch du, marsch! rühr dich!“

Sie stiegen die Treppe hinauf. Die Alte, die bei Murin diente und die, was Ordynoff noch nicht gewußt hatte, die Mutter des Hausknechtes war, trug seine Habseligkeiten brummend zusammen und band sie in ein großes Bündel.

„Warte; ich bringe dir noch etwas, was dir gehört ...“

Murin ging in sein Zimmer, kam aber sogleich wieder zurück und händigte Ordynoff ein mit Seide und Perlen reich gesticktes Kissen ein, dasselbe, das Katherina ihm unter den Kopf gelegt hatte, als er krank wurde.

„Das schickt sie dir,“ sagte er. „Jetzt gehe mit Gott, aber sieh zu, daß du auf dich acht gibst,“ fügte er halblaut in väterlichem Tone hinzu, „sonst kann es schlimm werden.“

Augenscheinlich wollte er ihm beim Abschied nicht weh tun. Als aber Ordynoff bereits aus der Tür trat und er den letzten Blick auf ihn warf, da war es doch wie ein Aufflammen unendlicher Bosheit, das sich in seinem Blick verriet. Fast wie mit Ekel schloß Murin hinter ihm die Tür.

Zwei Stunden darauf zog Ordynoff zu Spieß, dem Deutschen. Tinchen schlug die Hände zusammen und rief „Mein Gott und Vater!“ als sie ihn erkannte. Das erste war, daß sie sich nach seiner Gesundheit erkundigte, und als sie erfuhr, daß er krank war, schickte sie sich sogleich an, ihn zu kurieren.

Der alte Spieß erzählte ihm darauf mit Selbstzufriedenheit, daß er gerade im Begriff gewesen sei, den Mietszettel wieder unten am Haustor auszuhängen, da dies genau der letzte Tag sei, an dem seine Anzahlung der Miete ablaufe. Natürlich konnte der Alte nicht umhin, bei der Gelegenheit ein Wörtchen über den deutschen Ordnungssinn im allgemeinen wie im besonderen einzuflechten und desgleichen auch die bekannte deutsche Ehrlichkeit rühmend hervorzuheben. Am selben Tage erkrankte Ordynoff ernstlich und erst nach vollen drei Monaten konnte er das Bett verlassen.

Seine Genesung machte nur sehr langsame Fortschritte. Das Leben bei den Deutschen verging einförmig, ruhig, still. Der Alte schien im Grunde ein Gemütsmensch zu sein, ohne besondere Eigenheiten, und das nette Tinchen war, natürlich innerhalb der Gebote der Sittsamkeit, alles, was man nur wünschen konnte. Und doch erschien das Leben Ordynoff so öde und farblos, als hätte es für ihn auf ewig alles Licht und alle Farben verloren. Er versank in grübelndes Sinnen und wurde reizbar; er war gleichsam preisgegeben den Eindrücken, die er empfing und er empfand sie mit krankhafter Nachdrücklichkeit. So kam es, daß er in einen Zustand verfiel, der an Hypochondrie gemahnte und schließlich sein Empfinden gegen äußere Eindrücke völlig abstumpfte. Oft rührte er wochenlang kein Buch an. Die Zukunft war für ihn aussichtslos, sein Geld ging auf die Neige und er ließ schon im voraus die Arme sinken; ja er dachte nicht einmal an die Zukunft. Manchmal kam wohl seine frühere Liebe zur Wissenschaft über ihn, das frühere Fieber, das ihn zum Schaffen gedrängt hatte, und die Gedanken und Gestalten, die einst in seinem Geist entstanden waren, erstanden jetzt wieder aus der Vergangenheit und stellten sich förmlich greifbar vor ihm auf ... doch sie bedrückten ihn jetzt nur und lähmten seine Energie. Seine Gedanken wurden nicht zu Taten. Die Kraft zur Schöpfung war ausgeschaltet und so schien das Schaffen wie stehen geblieben. Es war, als erständen alle diese Ideen jetzt nur noch deshalb wie Giganten in seinem Geiste, um über seine, ihres Schöpfers, Kraftlosigkeit zu spotten. Unwillkürlich kam es ihm in einer traurigen Stunde in den Sinn, sich mit jenem vorwitzigen Zauberlehrling zu vergleichen, der, nachdem er von seinem Meister den Zauberspruch erlauscht, dem Besen befiehlt, das Wasser herbeizutragen, und der dann schließlich in diesem Wasser ertrinkt, weil er vergessen hat, wie man ihm Einhalt gebietet. Vielleicht, wer weiß, wäre von ihm eine große, selbständige, neue Idee in die Welt gesetzt worden. Vielleicht war es ihm bestimmt gewesen, ein Großer in seiner Wissenschaft zu werden. Wenigstens hatte er früher selbst so etwas geglaubt. Ein aufrichtiger Glaube aber ist schon eine Bürgschaft für die Zukunft. Jetzt jedoch lachte er über diesen seinen blinden Glauben und – kam keinen Schritt vorwärts. Ein halbes Jahr vorher war das anders gewesen: da hatte er in klaren Zügen eine Skizze zu einem Werk entworfen, in dem er seine Anschauungen festlegen wollte, und auf dieses Werk hatte er, jung wie er war, die größten, auch die größten materiellen Hoffnungen aufgebaut. Das Werk war ein Buch über Kirchengeschichte und Worte tiefster glühendster Überzeugung entströmten, während er an ihm schrieb, seiner Feder. Jetzt nahm er diesen Plan wieder vor, las ihn durch, änderte, dachte über ihn nach, las und suchte in den verschiedensten Büchern, und schließlich verwarf er seine Idee – verwarf sie, ohne sie durch eine andere zu ersetzen. Dafür begann so etwas wie Mystik, ja sogar so etwas wie ein Glaube an Prädestination und ein Ahnen der letzten Geheimnisse dieser Welt sich mehr und mehr in seine Seele einzudrängen. Der Unglückliche litt unter seinen unendlichen Qualen und wandte sich schließlich Gott zu, um bei ihm Erlösung zu finden. Die Aufwärterin der Deutschen, eine alte gottesfürchtige Russin, erzählte mit Wohlgefallen, wie ihr stiller Mieter in der Kirche bete und wie er zuweilen stundenlang regungslos auf den Knien liege, die Stirn auf die Fliesen gebeugt ...

Er hatte zu keinem Menschen ein Wort von seinem Erlebnis gesagt. Zuweilen aber, namentlich in der Dämmerung, wenn die Kirchenglocken läuteten und zur Abendandacht riefen und ihr Klang in ihm wieder die Erinnerung an jenen Augenblick erweckte ... als zum erstenmal jenes Gefühl über ihn kam, das er noch nie empfunden und das ihn erzittern ließ, während er, neben ihr kniend, alles andere um sich her vergaß und nur ihr Herz pochen hörte ... und wie da plötzlich diese lichte Hoffnung mit einemmal sein einsames Leben durchstrahlt hatte und er vor lauter Freude und Entzücken in Tränen ausgebrochen war – wenn er das alles jetzt nochmals durchlebte, dann war es ihm, als risse ihn ein Sturm mit sich fort, ein Sturm, der sich aus seiner eigenen, für immer verwundeten Seele erhob; dann erzitterte er und die Qual der Liebe brannte wieder wie sengendes Feuer in seiner Brust; dann tat ihm das Herz vor Leid und Leidenschaft zum Zerspringen weh und mit der Trauer wuchs seine Liebe, wurde noch immer größer und tiefer. Oft saß er so, stundenlang, vergaß sich selbst und sein ganzes alltägliches Leben, vergaß alles in der Welt und saß stundenlang auf einem Fleck, einsam, traurig – stützte dann wohl die Ellbogen auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen, bis ihm die Tränen durch die Finger rannen und er hoffnungslos müde den Kopf schüttelte, während seine Lippen leise flüsterten: „Katherina! Du Süße! Meine Taube du! Mein Schwesterchen! ...“

Nach und nach jedoch begann eine häßliche Überzeugung sich immer mehr in ihm festzusetzen, ja sie verfolgte ihn geradezu und peinigte ihn und stand doch mit jedem Tage unabweisbarer vor ihm, bis sie aus einem bloßen Verdacht zur Wahrscheinlichkeit und zu guter Letzt zur Gewißheit und Überzeugung für ihn wurde. Es schien ihm – und wie gesagt, zuletzt glaubte er selbst fest daran – es schien ihm, daß Katherinas Geist und Vernunft keineswegs gelitten hatten, daß aber Murin seinerseits auch nicht so unrecht hatte, wenn er sie ein „schwaches Herz“ nannte. Es schien ihm, daß irgendein verbrecherisches Geheimnis sie mit dem Alten verband, daß aber das Verbrechen selbst Katherina gar nicht recht zu Bewußtsein gekommen, eben wegen ihres reinen Herzens, und daß sie so in seine Gewalt geraten war. Wer waren sie? – er wußte es nicht. Aber ihn verfolgte die Vorstellung einer erbarmungslosen, eifersüchtigen Tyrannei, die der Alte mit der Beherrschung des armen schutzlosen Geschöpfs ausübte, und sein Herz erbebte in ohnmächtiger Empörung. Es schien ihm, daß der Alte, als ihr vielleicht einmal so etwas wie eine Ahnung des ganzen Zusammenhangs aufgegangen war, ihr dann arglistig das „Verbrechen“ vorgehalten hatte, ihre Schuld und ihren Fall, um dann listig das arme „_schwache_“ Herz zu quälen und den Tatbestand in schlauer Weise zu verdrehen, wobei er mit Absicht ihre Blindheit da, wo es ihm ratsam erschien, noch verstärkt und andererseits die Neigungen ihres heißen, verwirrten, unerfahrenen Herzens begünstigt haben mochte, bis er ihr auf diese Weise allmählich die Flügel gestutzt und die einst freie unabhängige Seele so weit gebracht, daß sie schließlich weder zu einer Selbstbefreiung durch eine Rettung ins wirkliche Leben, noch zu überhaupt einer Auflehnung gegen seine schlaue Gewaltherrschaft fähig war ...

Mit der Zeit wurde Ordynoff noch menschenscheuer, als früher, seine Deutschen hinderten ihn daran nicht im geringsten, was um der Gerechtigkeit willen nicht verschwiegen sei. Ab und zu aber machte er sich doch auf und ging hinaus, um dann lange ziellos durch die Straßen zu wandern. Es geschah das vornehmlich in der Dämmerstunde und dazu suchte er sich dann öde und entlegene Stadtteile auf, wo selten ein Mensch zu sehen war. An einem regnerischen Vorfrühlingsabend begegnete er in einer dieser Gassen Jaroslaw Iljitsch.

Der war inzwischen merklich magerer geworden, seine freundlichen Augen hatten ihren Glanz verloren und der ganze Mensch machte den Eindruck, als habe das Leben ihn enttäuscht. Er hatte es gerade sehr eilig und eine Angelegenheit vor, die angeblich keinen Aufschub duldete – war dabei durchnäßt und angeschmutzt, und an seiner sonst sehr anständigen, jetzt jedoch von der Witterung etwas blau angelaufenen Nase hing in beinahe phantastischer Weise ein Regentropfen. Außerdem trug er einen Backenbart, während er früher nur einen Schnurrbart gehabt hatte.

Dieser Backenbart und der Umstand, daß Jaroslaw Iljitsch im ersten Augenblick fast tat, als wolle er seinem alten Bekannten ausweichen, frappierten Ordynoff ... Und sonderbar! gewissermaßen schmerzte ihn das sogar und kränkte sein Herz, das doch bis dahin noch niemals des Mitleids anderer Menschen bedurft hatte. Der frühere Jaroslaw Iljitsch war ihm lieber gewesen, dieser gutmütige, dieser naive und – entschließen wir uns, es endlich offen auszusprechen – dieser etwas dumme Jaroslaw Iljitsch, der so gar keine Ansprüche machte auf Enttäuschungen oder Bereicherungen. Es ist doch unangenehm, entschieden unangenehm, wenn ein _dummer_ Mensch, den man einst vielleicht gerade wegen seiner Dummheit gern gehabt hat, _plötzlich klüger wird_! Übrigens verschwand das Mißtrauen, mit dem er im ersten Augenblick Ordynoff ansah, fast noch schneller, als dieser es wahrnehmen konnte.

Doch ungeachtet dieser Veränderung hatte er seine alten Gewohnheiten keineswegs aufgegeben, wie ja bekanntlich fast jeder Mensch seine Gewohnheiten ins Grab mitzunehmen pflegt: und so begann er denn auch jetzt wieder ganz im Tone des besten Freundes die Unterhaltung. Zunächst bemerkte er, daß er viel zu tun habe, dann, daß sie sich lange nicht gesehen. Darauf nahm aber seine Rede plötzlich eine ganz andere und jedenfalls ganz neue Wendung. Er begann von der Verlogenheit der Menschen im allgemeinen zu sprechen, von der Vergänglichkeit der irdischen Güter sowie von der irdischen Nichtigkeit überhaupt, die nur eine einzige Sorge kenne ... versäumte auch nicht, so ganz beiläufig Puschkin zu erwähnen, jedoch in fast herablassendem Tone, und sprach ferner von seinen guten Bekannten sogar mit einem gewissen Zynismus, worauf er zum Schluß sich noch ein paar Andeutungen über die Falschheit derjenigen erlaubte, die sich öffentlich Freunde nennen, während es in Wirklichkeit, solange die Welt stehe, überhaupt noch keine echte Freundschaft gegeben habe. Mit einem Wort, Jaroslaw Iljitsch war _doch_ klüger geworden!

Ordynoff widersprach ihm nicht, aber eine unsagbare, qualvolle Traurigkeit bemächtigte sich seiner: es war ihm, als habe er soeben seinen besten Freund begraben!

„Ach! Stellen Sie sich vor, da hätte ich es beinahe zu erzählen vergessen!“ unterbrach sich plötzlich Jaroslaw Iljitsch, als fiele ihm etwas ungeheuer Wichtiges ein. „Ich habe eine Neuigkeit! Erinnern Sie sich noch jenes Hauses, wo Sie mal kurze Zeit wohnten?“

Ordynoff zuckte zusammen und erbleichte.

„Können Sie sich denken, in diesem Hause hat man vor kurzem eine ganze Räuberbande entdeckt! – das heißt, verstehen Sie: eine ganze Bande! Schmuggler, Diebe, Spitzbuben der schlimmsten Art und weiß der Teufel was noch alles! Mehrere sind schon hinter Schloß und Riegel, den andern ist man erst noch auf der Spur. Die strengsten Weisungen sind erlassen! Und denken Sie sich weiter: – Sie erinnern sich doch wohl noch des Hausbesitzers? – so’n kleines Männchen, gottesfürchtig, dem Anscheine nach ein ehrwürdiger, durch und durch anständiger, alter Mann ...“

„Nun?“

„Tja – da urteilen Sie jetzt über die Menschheit! Gerade der ist das Haupt der Bande gewesen, der Anführer! Was sagen Sie dazu? Ist das nicht haarsträubend!“

Jaroslaw Iljitsch sprach mit Leidenschaft und verurteilte mit dem einen Sünder sogleich die ganze Welt, denn so ein Jaroslaw Iljitsch kann eben nicht anders, als nach einem Ding alle Dinge beurteilen, das liegt nun mal in seinem Charakter.

„Und jene? ... Und Murin?“ stieß Ordynoff atemlos hervor.

„Murin? Ach so – der! Nein, Murin war ein ehrwürdiger Alter ... Aber ... erlauben Sie mal! ... erlauben Sie mal! ... Sie werfen da ein neues Licht auf die Affäre ...“

„Wie denn? Gehörte er nicht auch zur Bande?“

Ordynoffs Herz schlug laut gegen seine Brust – er verging vor Spannung.

„Übrigens ... nein, wie denn das ... wie kommen Sie darauf?“ Jaroslaw Iljitsch richtete seine bleiernen Augen mit unbeweglichem Blick auf Ordynoff – ein Zeichen, daß er überlegte.

„Murin kann nicht darunter gewesen sein. Er hat schon drei Wochen vorher mit der Frau Petersburg verlassen – ist in seine Heimat zurückgekehrt ... Ich erfuhr es vom Hausknecht ... jenem Tatarenfrechling, erinnern Sie sich?“

Ein schwaches Herz

In ihrer Wohnung im vierten Stock unter dem Dach lebten zwei junge Beamte, Arkadij Iwanowitsch Nefedewitsch und Wassjä Schumkoff.

Ich müßte nun eigentlich den Leser darüber aufklären, warum ich den einen Helden meiner Erzählung bei vollem Namen, den anderen dagegen nur bei seinem Rufnamen genannt habe, sonst könnte man dieses Verfahren leicht für unangebracht oder für allzu vertraulich halten. Das aber setzte wieder voraus, daß ich das Alter, den Rang und Beruf der handelnden Personen genau feststellte. Doch weil die meisten Schriftsteller mit einer derartigen Einleitung beginnen, so habe ich mir vorgenommen, die Erzählung sofort mit der Handlung anfangen zu lassen – nur, um nicht in die abgeschmackte Art der anderen zu verfallen oder wie einige behaupten werden, aus Eigendünkel und Einbildung.

So schließe ich denn meine Einleitung und beginne.

Um sechs Uhr am Vorabend des neuen Jahres kehrte Schumkoff nach Hause zurück. Arkadij Iwanowitsch, der auf seinem Bett lag, erwachte und blinzelte verstohlen den Freund an. Er bemerkte, daß dieser seinen besten Anzug trug und ein blitzblankes Vorhemd anhatte. Das setzte ihn natürlich in Erstaunen. Was beabsichtigte er wohl damit? Woher kam er? Obendrein hatte er heute nicht zu Hause gespeist!

Schumkoff zündete unterdessen Licht an und Arkadij Iwanowitsch erriet sofort, daß sein Freund ihn durch ein scheinbar unbeabsichtigtes Geräusch wecken wollte. Und so geschah es denn auch: Wassjä hustete zweimal, ging mehrmals im Zimmer auf und ab, und ließ ganz zufällig seine Pfeife aus der Hand fallen, als er sie in der Ecke am Ofen ausklopfte. Arkadij Iwanowitsch mußte lachen.

„Nun ist’s aber genug, du Schlauberger!“ sagte er.

„Arkascha, du schläfst nicht?“

„Ja, weißt du: Genau kann ich’s dir nicht sagen; doch scheint es mir, daß ich nicht schlafe.“

„Ach, Arkascha! Guten Tag, mein Lieber! nun Bruderherz ... Du weißt nicht, was ich dir zu sagen habe!“

„Natürlich weiß ich’s nicht! Doch komm mal ein bißchen her zu mir!“

Wassjä kam sofort herbei, ganz als hätte er nur darauf gewartet, und ohne von den Absichten Arkadij Iwanowitschs auch nur etwas zu ahnen. Dieser ergriff ihn bei der Hand, drehte ihn geschickt um, drückte ihn rückwärts aufs Bett und begann ihn, wie man sagt, „zu würgen“, was ihm, dem immer fröhlichen Arkadij Iwanowitsch, ein ungeheueres Vergnügen zu machen schien.

„Hereingefallen!“ rief er, „hereingefallen!“

„Arkascha, Arkascha, was tust du mit mir? Laß los, um Gottes willen, laß los, ich verderbe mir meinen Anzug!“

„Das tut nichts: warum hast du auch deinen guten Anzug an? Sei ein andermal nicht so unvorsichtig und gib dich nicht selbst in meine Hände! Sprich, wo warst du, wo hast du gespeist?“

„Arkascha, um Gottes willen, laß mich los!“

„Wo hast du gespeist?“

„Ja, das wollte ich dir doch gerade erzählen!“

„Also erzähle!“

„Schön, aber laß mich erst los!“

„Nein, ich lass’ dich nicht los, bevor du nicht erzählt hast!“

„Arkascha, Arkascha! Ja, verstehst du denn nicht, daß es so unmöglich ist, ganz unmöglich!“ stöhnte der schwache Wassjä und versuchte vergeblich sich aus den kräftigen Armen seines Freundes zu befreien, „es gibt doch gewisse Angelegenheiten, die ...“

„Was für Angelegenheiten?“

„Nun ja, Angelegenheiten, die, wenn man in solcher Lage von ihnen zu reden beginnt, allen Ernst verlieren. Es ist mir ganz unmöglich ... es würde nur lächerlich wirken und – die Sache ist doch durchaus nicht lächerlich, sondern sogar sehr ernst!“

„Auch noch ernst! Was du dir nicht ausgedacht hast! Du, erzähle mir lieber etwas, worüber ich lachen kann ... Etwas Ernstes, nein etwas Ernstes will ich jetzt nicht hören. Was bist du mir für ein Freund? Bitte, sage mir doch, was bist du für ein Freund!?“

„Arkascha, bei Gott, ich kann nicht!“

„Und ich will nichts davon wissen ...“

„Höre, Arkascha!“ begann Wassjä, der quer über dem Bett lag und sich mit aller Gewalt mühte, seinen Worten Nachdruck zu geben. „Arkascha, meinetwegen sag’ ich’s – nur ...“

„Nun, was denn ...“

„Ich habe – mich verlobt!“

Arkadij Iwanowitsch nahm schweigend und ohne ein Wort zu verlieren, Wassjä wie ein kleines Kind auf seine Arme, ungeachtet dessen, daß Wassjä durchaus nicht so klein war, sondern recht lang, wenn auch sehr mager, und trug ihn von einer Ecke des Zimmers in die andere, ganz als wiege er ein Kind.

„Und ich werde dich Bräutigam einwickeln wie einen Säugling,“ gab er zur Antwort. Doch als er bemerkte, daß Wassjä regungslos und ohne ein Wort zu sagen in seinen Armen lag, besann er sich und begriff, daß er in seinem Scherz offenbar zu weit gegangen war: er stellte ihn daher mitten ins Zimmer hin und streichelte ihm auf die freundschaftlichste Weise die Backe.

„Wassjä, du bist doch nicht böse?“

„Arkascha, höre ...“

„Wohl zum neuen Jahr?“

„Bös bin ich nicht – doch, warum bist du so ein Kraftrüpel, so ein Unmensch? Wie oft habe ich dir nicht gesagt: Arkascha, bei Gott, das ist nicht sehr witzig, durchaus nicht sehr witzig!“

„Nun sei nur nicht gleich böse!“

„Böse? ... Auf wen bin ich denn jemals böse! Aber gekränkt hast du mich doch, verstehst du das!“

„Wodurch denn gekränkt, auf welche Weise?“

„Ich bin zu dir gekommen, wie zu einem Freunde, mit voller Seele und um dir mein Herz auszuschütten, um dir mein Glück mitzuteilen ...“

„Ja, was für ein Glück denn? Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?“

„Nun, ich heirate doch!“ antwortete geärgert Wassjä, denn er war wirklich gekränkt.

„Du! Du heiratest! Ist das wahr?“ brüllte aus voller Kehle Arkascha. „Nein, nein ... was soll denn das? Und dabei vergießt er Tränen! ... Wassjä, du mein Wassjuk, mein Söhnchen, höre auf! Es ist also wirklich wahr?“ Und Arkadij Iwanowitsch umarmte ihn immer wieder von neuem.

„Nun, also verstehst du jetzt, was soeben in mir vorging?“ sagte Wassjä. „Du bist doch sonst gut zu mir, du bist doch mein Freund, ich weiß es. Ich kam zu dir voll Freude und Begeisterung und plötzlich mußte ich nun diese ganze Freude und diese ganze Begeisterung quer über dem Bette liegend, würdelos ... Du begreifst doch, Arkascha,“ fuhr Wassjä halblachend fort, „in einer so komischen Lage, in der ich in gewisser Hinsicht und in diesem Augenblick nicht einmal mir selbst angehörte ... Ich wollte doch diese Herzensangelegenheit nicht so erniedrigen ... Es fehlt nur noch, daß du mich gefragt hättest, wie sie heißt? Ich schwöre dir, ich hätte mir eher das Leben genommen, als dir in diesem Augenblick ihren Namen gesagt!“

„Aber, Wassjä, warum hast du mir denn das nicht gleich gesagt! Ich hätte ja sofort aufgehört mit dem Ulk!“ rief Arkadij Iwanowitsch in aufrichtiger Verzweiflung.

„Schon gut, schon gut! Ich sage ja nur so ... Du weißt doch ... nur – weil ich ein so gutes Herz habe. Es ärgert mich ja bloß, daß ich es dir nicht so sagen konnte, wie ich’s wollte! Ich wollte dir doch eine Freude bereiten, dir alles schön und feierlich mitteilen, dich in alles einweihen ... Wirklich, Arkascha, ich liebe dich doch so sehr, daß ich, wenn du nicht wärest, so scheint es mir, überhaupt nicht heiraten würde, ja, vielleicht gar nicht auf der Welt sein möchte!“

Arkadij Iwanowitsch, der äußerst gefühlvoll war, weinte und lachte zugleich, als er das hörte. Wassjä gleichfalls. Beide umarmten sich immer wieder von neuem und vergaßen alles Gegenwärtige.

„Wie ist denn das nur, ja, wie ist denn das nur gekommen? Erzähle mir doch alles, Wassjä! Ich bin, mein Lieber, entschuldige, ich bin erschüttert, ganz und gar erschüttert, als hätte der Blitz mich getroffen, bei Gott! Doch nein, mein Lieber, nein, du hast dir ganz einfach was ausgedacht. Bei Gott, du lügst!“ brüllte Arkadij Iwanowitsch und blickte wirklich ganz mißtrauisch Wassjä an, aber als er auf dessen Gesicht nun wirklich die leuchtende Bestätigung seiner unumstößlichen Absicht, so schnell als möglich zu heiraten, bemerkte, warf er sich aufs Bett und begann sich vor lauter Entzücken so in ihm herumzuwälzen, daß die Wände zitterten.

„Wassjä, setz dich hierher zu mir!“ rief er, endlich sich im Bett aufrichtend.

„Ich, Bruderherz, ich weiß wirklich nicht – wie und womit beginnen!“

Beide sahen in freudiger Erregung einander an.

„Wer ist sie, Wassjä?“

„Eine Artemjewa! ...“ stieß Wassjä mit vor Glück zitternder und noch ganz schwacher Stimme hervor.

„Nein, wirklich?“

„Nun, ich habe dir doch schon über sie die Ohren vollgeredet! Du bemerktest nur von alledem nichts! Und so schwieg ich denn ganz! Ach, Arkascha, was es mich kostete, dir gegenüber das alles zu verbergen! – doch ich fürchtete mich, fürchtete mich zu reden! Ich dachte, es könnte am Ende alles auseinandergehen, und ich war doch so verliebt, Arkascha! Mein Gott, mein Gott! Weißt du, was das für Geschichten waren,“ begann er, und brach sogleich wieder vor Erregung ab, „sie war doch vor einem Jahr bereits einmal verlobt, er aber wurde plötzlich irgendwohin wegversetzt, ich kannte ihn auch – so einer, nun, Gott mit ihm! Er hat dann nichts mehr von sich hören lassen und war schließlich für sie verschollen. Sie wartete und wartete und wußte nicht, was das bedeuten sollte? ... Plötzlich, vor vier Wochen, kehrte er zurück – bereits verheiratet, und ohne sich bei ihnen auch nur sehen zu lassen. War das nicht roh? Gemein? Niemand war da, der für sie eintrat. Sie weinte und weinte, die Arme, und so verliebte ich mich denn in sie ... ja, ich war eigentlich schon lange, eigentlich schon immer in sie verliebt! Ich tröstete sie und ging wieder und wieder zu ihr. Nun, und da weiß ich denn selbst nicht, wie alles gekommen ist! Auch sie hatte mich recht liebgewonnen: und in der vorigen Woche, da hielt ich es nicht mehr aus, da mußte ich weinen, ich schluchzte und sagte ihr alles, sagte ihr, daß ich sie liebe – kurz, alles! ... ‚Ich würde Sie wohl auch lieben, Wassilij Petrowitsch,‘ sagte sie, ‚ich bin aber ein armes Mädchen, darum spotten Sie meiner nicht – ich wage es überhaupt nicht mehr, jemanden zu lieben.‘ Nun, mein Freund, verstehst du, verstehst du mich?! ... Da haben wir uns denn gegenseitig das Wort gegeben. Und ich habe überlegt, wie ich es der Mutter mitteilen wollte? Lisenka sagte, es sei sehr schwierig, ich möchte noch ein wenig warten: sie fürchtete sich, es selbst zu tun; ‚Mutter wird mich Ihnen jetzt noch nicht geben wollen,‘ meinte sie und weinte dazu. Ich sagte ihr weiter nichts. Heute habe ich es nun der Alten gestanden. Lisa kniete vor ihr nieder und ich auch ... Nun, und sie – segnete uns. Arkascha, Arkascha! mein Lieber! Wir wollen alle zusammen leben! Nein! Ich werde mich von dir um nichts in der Welt trennen!“

„Wassjä, wenn ich dich so ansehe, so kann ich es nicht glauben, bei Gott, ich schwöre es dir, ich kann es nicht glauben. Wirklich, es scheint mir immer ... Höre, wie kannst du dich denn verheiraten? und wie habe ich die ganze Zeit über von nichts wissen können, sag! Jetzt, mein Wassjä, kann ich dir auch gestehen, daß ich selbst zu heiraten gedachte: da du es aber bereits für mich tust, so ist das ja ganz gleich! ... Werde also glücklich, mein Lieber! ...“

„Ach, du, wie mir jetzt leicht und wohl zumut ist ...“ sagte Wassjä und ging vor Erregung im Zimmer auf und ab. „Nicht wahr, nicht wahr, du fühlst es doch auch? Wir werden arm sein, freilich, aber glücklich – und das ist kein Hirngespinst. Unser Glück wird kein papierenes sein, wie es in den Büchern steht, sondern wir werden in Wirklichkeit glücklich sein! ...“

„Wassjä, aber Wassjä, höre!“

„Was denn?“ sagte Wassjä und blieb vor Arkadij Iwanowitsch stehen.

„Mir kam nur der Gedanke – wirklich, ich fürchte mich eigentlich, ihn auszusprechen ... Verzeih mir und nimm mir meine Bedenken! Wovon wirst du leben? Ich bin ja, weißt du, außer mir vor Freude, daß du heiratest, kann mich vor Freude kaum lassen, doch – die Frage bleibt: wovon wirst du leben?“

„Ach, mein Gott, wie du auch bist, Arkascha!“ sagte Wassjä und sah mit tiefer Verwunderung Nefedewitsch an. „Was fällt dir denn ein? Sogar die Alte dachte kaum zwei Minuten lang nach, als ich ihr alles das klar machte. Frage sie doch, wovon _sie_ gelebt haben? Fünfhundert Rubel im Jahr! für drei! so viel beträgt die ganze Pension, mit der sie auskommen müssen! Davon lebt sie, die Alte und ein kleiner Bruder, für den noch die Schule bezahlt werden muß – siehst du, so lebt man eben! Wir beide aber, du und ich, wir sind wahre Kapitalisten, denn ich habe manches Jahr, wenn es gut ging, ganze siebenhundert verdient!“

„Höre, Wassjä, verzeih mir: ich denke, bei Gott, nur daran, wie das alles zu machen geht – aber welche siebenhundert sollen das gewesen sein? Nur dreihundert ...“

„Dreihundert! ... Und Juljan Mastakowitsch? Den hast du ganz vergessen!“

„Juljan Mastakowitsch! Das ist eine Sache, die nicht ganz stimmt, mein Lieber: das sind nicht dreihundert Rubel feststehenden Gehaltes, von denen einem ein jeder einzelne Rubel sicher ist. Juljan Mastakowitsch ist freilich ein großmütiger und großzügiger Mensch, ich verehre ihn und verstehe es, daß er so hoch gestiegen ist, und, bei Gott, ich liebe ihn, weil er dir zugetan ist und dir eine Arbeit bezahlt, für die er sonst nichts zu bezahlen, sondern einfach nur einen Beamten zu beauftragen brauchte – aber sage doch selbst, Wassjä! ... Höre mich an, Wassjä, ich rede doch keinen Unsinn; ich weiß auch, daß es in ganz Petersburg eine solche Handschrift wie die deine nicht wieder gibt, und ich bin gern bereit, das Beste anzunehmen,“ schloß, nicht ohne Wärme, Nefedewitsch, „aber wie, wenn du ihm plötzlich – Gott bewahre dich davor! doch nicht mehr so gefallen und ihn zufriedenstellen solltest und wenn er mit einem Male die Verbindung mit dir abbräche und einen anderen nähme! ... wer weiß, was im Leben nicht alles kommen kann. Dann ist Juljan Mastakowitsch für dich nichts mehr, dann ist er bloß – gewesen, Wassjä ...“

„Höre, Arkascha, ebenso kann sofort über uns die Decke einbrechen ...“

„Nun, freilich, freilich ... Ich will ja auch nichts ...“

„Nein, höre mich an: warum soll er mich denn verabschieden ... Nein, wirklich, höre mich doch nur an! Ich erledige ja alles pünktlich und peinlich: und er ist so gut zu mir, er hat mir doch, Arkascha, er hat mir doch heute noch fünfzig Rubel gegeben!“

„Ist’s möglich, Wassjä? eine Zulage?“

„Was, Zulage? Nein, so: einfach aus seiner Tasche. Er sagte: wie, mein Lieber, du hast bereits den fünften Monat kein Geld mehr erhalten. Wenn du welches brauchst, nimm es: denn ich bin, sagte er, mit dir sehr zufrieden ... bei Gott! Du arbeitest doch nicht umsonst für mich, sagte er, wirklich! Das hat er gesagt. Mir rollten die Tränen über die Backen, Arkascha. Großer Gott!“

„Höre, Wassjä, hast du denn die neue Abschrift fertiggestellt? ...“

„Nein ... noch nicht.“

„Wassinjka! Mein Lieber! Was hast du denn getan?“

„Höre, Arkadij, das tut doch nichts, ich habe noch zwei volle Tage Zeit bis zum Termin ...“

„Wie, hast du denn noch gar nicht angefangen?“

„Na ja, na ja! Du siehst mich ja mit einem Ausdruck an, daß sich mein ganzes Innere umdreht! Nun, was ist denn dabei? Du kannst einem so den Mut nehmen und schreist immer gleich: a–a–a!!! Überleg es dir doch: was ist denn dabei? Ich werde damit schon fertig werden, bei Gott, das werde ich ...“

„Aber wenn du es nun nicht wirst!“ rief Arkadij und sprang auf. „Gerade jetzt, da er dir heute eine Belohnung gegeben hat! Und obendrein willst du heiraten ... Oh, oh, oh! ...“

„Das hat nichts zu sagen, gar nichts,“ schrie fast verzweifelt Schumkoff, „ich werde mich sofort hinsetzen, noch in dieser Minute werde ich mich hinsetzen – das tut gar nichts!“

„Wie hast du es denn nur so vernachlässigen können, Wassjutka!“

„Ach, Arkascha! Konnte ich denn hier so ruhig still sitzen! Mein Zustand war doch so, daß ich kaum in der Kanzlei arbeiten konnte ... Ach! Ach! Heute werde ich die Nacht durcharbeiten, morgen wieder die Nacht durcharbeiten und übermorgen auch noch und dann – wird’s fertig sein! ...“

„Ist noch viel übriggeblieben?“

„Störe mich nicht, um Gottes willen, störe mich nicht! schweige mir davon!“

Arkadij Iwanowitsch ging leise auf den Fußspitzen zu seinem Bett, und setzte sich hin, darauf wollte er plötzlich wieder aufstehen, sagte sich aber sofort, daß er seinen Freund nicht stören dürfe und blieb sitzen: offenbar hatte ihn die Mitteilung so aufgeregt, daß er noch nicht mit sich zur Ruhe kommen konnte. Er blickte auf Schumkoff, der sah ihn an, lächelte und drohte ihm mit dem Finger. Darauf runzelte Schumkoff ganz furchtbar die Brauen, als läge darin die eigentliche Kraft und der gewünschte Erfolg seiner Arbeit, und richtete seine Augen dann wieder aufs Papier.

Es schien, daß auch er seine Erregung noch nicht überwunden hatte, er wechselte beständig seine Feder, rückte auf dem Stuhle hin und her, nahm sich zusammen, um wieder von neuem zu beginnen, doch seine Hand zitterte und versagte offenbar den Dienst.

„Arkascha! Ich habe ihnen auch von dir erzählt!“ rief er plötzlich, als wäre es ihm soeben eingefallen.

„Ja?“ rief Arkascha, „und ich wollte dich vorhin schon darüber fragen, nun?“

„Nun! Ach, ich werde dir später alles erzählen. Sieh, bei Gott, jetzt habe ich selbst zu sprechen angefangen und ich wollte es doch nicht tun, bevor ich nicht wenigstens vier Blätter fertig gemacht. Mir fiel es aber plötzlich ein, das von dir und von ihnen! Ich kann auch, mein Lieber – ich kann gar nicht ordentlich schreiben: immer muß ich an euch denken ...“ Und Wassjä lächelte.

Es trat Schweigen ein.

„Pfui! Was für eine schlechte Feder!“ rief Schumkoff, schlug im Ärger auf den Tisch und nahm wieder eine andere.

„Wassjä! Höre! Nur ein Wort ...“

„Nun, aber schnell, zum letztenmal.“

„Hast du noch viel zu schreiben?“

„Ach, mein Lieber! ...“ Wassjä runzelte die Stirn, als gebe es keine schrecklichere und tötendere Frage auf der Welt, als diese. „Viel, furchtbar viel!“ antwortete er dann.

„Weißt du, ich habe eine Idee ...“

„Was für eine?“

„Nein, nein, schreibe nur.“

„Nun, was für eine? Sag doch!“

„Es ist bereits sieben Uhr, Wassjä!“

Dabei lächelte Nefedewitsch schelmisch und blinzelte Wassjä zu, wenn auch nur ganz schüchtern, da er nicht wußte, wie dieser es aufnehmen würde.

„Nun, was denn?“ sagte Wassjä und schien wirklich mit dem Schreiben aufhören zu wollen. Er sah ihm gerade in die Augen und war ganz bleich vor Erwartung.

„Weißt du, was?“

„Um Gottes willen, was denn?“

„Weißt du, du bist so erregt und wirst doch nicht viel arbeiten können ... Warte, warte, warte, ich sehe, ich sehe – so höre doch!“ beeilte sich Nefedewitsch und sprang, von seinem Gedanken gefaßt, vom Bett auf, um mit allen Kräften einer Erwiderung Wassjäs zuvorzukommen, „es ist vor allem nötig, daß du dich beruhigst und wieder von neuem Kräfte sammelst, ist’s nicht so?“

„Arkascha! Arkascha!“ rief Wassjä aus und sprang vom Stuhl, „ich werde die ganze Nacht aufbleiben und schreiben, bei Gott, das tu’ ich!“

„Nun ja, jawohl! doch gegen Morgen wirst du einschlafen ...“

„Ich werde nicht einschlafen, um nichts in der Welt ...“

„Nein, das geht, das geht nicht! Natürlich wirst du um fünf Uhr einschlafen! Und um acht Uhr werde ich dich wieder wecken. Morgen ist ein Feiertag, da kannst du dich hinsetzen und den ganzen Tag über schreiben ... Dann noch eine Nacht und – ist denn noch so viel übriggeblieben?“

„Da! sieh!“

Wassjä zeigte ihm zitternd vor Erwartung und Erregung das Heft: „Da! sieh!“

„Höre, Bruder, das ist nicht viel ...“

„Ja, mein Lieber, aber – es ist noch etwas,“ sagte Wassjä und sah dabei schüchtern, fragend Nefedewitsch an, als würde von dessen Entschluß alles abhängen: ob sie gingen oder nicht gingen?

„Wieviel?“

„– Zwei Bogen ...“

„Nun, ich glaube, damit wirst du auch fertig, bei Gott, du wirst fertig!“

„Arkascha!“

„Höre, Wassjä! Jetzt zum neuen Jahr sind doch alle in der Familie versammelt und nur wir beide sollten – so ohne Häuslichkeit und ganz verwaist ... Ach! Wassinjka!“

Nefedewitsch umarmte Wassjä und drückte ihn an seine Brust.

„Abgemacht, Arkadij!“

„Wassjuk, ich wollte dir nur noch eines sagen. Siehst du, Wassjuk, mein Junge! Höre! Höre mich an!“

Arkadij hielt den Mund weit aufgesperrt, als könne er vor Begeisterung nicht mehr sprechen. Wassjä, der sich noch immer mit den Händen an Arkadijs mächtigen Schultern hielt, sah ihm gespannt in die Augen und bewegte seine Lippen, ganz als wollte er für ihn sprechen ...

„Nun!“ sagte er endlich.

„Stelle mich ihnen heute vor!“

„Arkadij! Ja: gehen wir hin! Trinken wir Tee bei ihnen! Aber weißt du was? Das neue Jahr freilich wollen wir nicht abwarten, wir wollen früher nach Haus kommen,“ rief Wassjä noch immer in aufrichtiger Begeisterung.

„Das heißt also: zwei Stunden, nicht mehr und nicht weniger! ...“

„Und dann – Trennung, bis ich meine Sache fertig habe! ...“

„Wassjuk! ...“

„Arkadij! ...“

In drei Minuten war Arkadij im Galaanzug. Wassjä brauchte sich nur etwas abzubürsten, da er sich mit solchem Eifer an die Arbeit gemacht hatte, daß er nicht einmal seinen Rock ausgezogen.

Sie beeilten sich, auf die Straße zu kommen, der eine noch freudiger als der andere. Der Weg ging auf die Petersburger Seite[3] nach Kolomna[4]. Arkadij Iwanowitsch schritt weit und kräftig aus, schon an seinem Gang konnte man seine Freude über das Glück Wassjäs erkennen. Wassjäs Gang war trippelnder, doch verlor er deshalb nichts von seiner Würde. Im Gegenteil, Arkadij Iwanowitsch hatte noch nie einen so vorteilhaften Eindruck von ihm gehabt. Er empfand, wie sie so gingen, fast eine gewisse Hochachtung vor ihm, und ein körperlicher Fehler Wassjäs, von dem der Leser bis jetzt noch nichts erfahren (Wassjä war nämlich ein wenig schief gewachsen) und der im Herzen Arkadij Iwanowitschs immer ein tiefes Mitgefühl für ihn erweckt hatte, trug zu einem nur noch größeren, nur noch innigeren Gefühl für seinen Freund bei. Arkadij Iwanowitsch hatte vor Freude weinen können, doch er beherrschte sich.

„Wohin, wohin, Wassjä? Hier ist es doch näher!“ rief er, als er sah, daß Wassjä in den Wosnessenskij-Prospekt abbiegen wollte.

„Komm nur, Arkascha, komm ...“

„Wirklich, es ist näher, Wassjä.“

„Arkascha, weißt du?“ begann Wassjä geheimnisvoll und mit vor Seligkeit flüsternder Stimme, „weißt du? Ich möchte nämlich Lisenka ein Geschenk mitbringen ...“

„Was für eines?“

„Hier, mein Lieber – an der Ecke – wohnt Mme. Leroux ... ein wundervoller Laden!“

„Was denn –“

„Ein Hütchen, mein Lieber, ein Hütchen. Heute morgen habe ich ein reizendes Hütchen gesehen: ich fragte nach der Fasson, und man sagte mir, Manon Lescaut heiße das Wunder! Die Bänder sind kirschfarben, und wenn das Hütchen nicht zu teuer ist ... Arkascha, und schließlich, wenn es auch teuer ist! ...“

„Du übertriffst wahrhaftig noch alle Poeten, Wassjä! Gehen wir also! ...“

Sie gingen und waren in zwei Minuten im Laden. Hier wurden sie von einer schwarzäugigen und lockenhaarigen älteren Französin empfangen, die sofort, beim ersten Blick auf ihre Käufer, ebenso lustig und glücklich zu werden schien, wie diese selbst waren, sogar noch lustiger und noch glücklicher, wenn das möglich gewesen wäre. Wassjä war bereit, Madame Leroux vor Entzücken sofort abzuküssen ...

„Arkascha!“ flüsterte er diesem zu, als er mit seinem Blick all das Schöne und Hohe überflog, das an Holzständern auf dem großen Tisch des Geschäfts ausgestellt war. „Welche Wunder! Wie ist denn das? Dies hier zum Beispiel, dieses Bonbon hier, siehst du?“ Wassjä wies auf ein kleines, reizendes Hütchen, doch nicht auf dasjenige, welches er kaufen wollte, denn schon von weitem hatte dieses andere, am entgegengesetzten Ende, seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er starrte es so an, als wäre zu befürchten, daß es von jemandem gestohlen werden könnte oder als ob das Hütchen selbst, nur damit Wassjä es nicht bekommen sollte, in die Luft fliegen könnte.

„Dieses hier,“ sagte Arkadij Iwanowitsch und wies auf ein anderes Hütchen, „dieses hier ist meiner Meinung nach noch schöner.“

„Nun, Arkascha! Das legt dir Ehre ein: ich muß dir sagen, daß ich vor deinem Geschmack Achtung bekomme,“ bemerkte Wassjä, der scheinbar aus Liebe zu Arkascha auf dessen Geschmack einging. „Dein Hütchen ist wirklich reizend, aber sieh einmal her!“

„Welches ist schöner?“

„Sieh mal her!“

„Dieses?“ sagte etwas zögernd Arkadij.

Doch als Wassjä, der nicht fähig war, länger an sich zu halten, das Hütchen vom Holzgestell herunterholte, von dem es scheinbar selbst herunterfliegen wollte, als freute es sich – nach so langer Erwartung, in der seine Bänderchen, Rüschchen und Spitzen steif hatten dastehen müssen – über den guten Käufer: da entriß sich der mächtigen Brust Arkadij Iwanowitschs ein Schrei des Entzückens. Sogar Madame Leroux, die die ganze Zeit über ihre Würde gewahrt und während ihrer Auswahl zu allen Fragen des Geschmacks herablassend geschwiegen hatte, belohnte jetzt Wassjä mit einem begütigenden Lächeln und dieses Lächeln schien zu sagen: ja! Sie haben es getroffen, Sie sind des Glückes würdig, das Sie erwartet.

„So hat es in seiner Einsamkeit kokettiert und kokettiert!“ rief Wassjä aus, der seine ganze Zärtlichkeit auf das reizende Hütchen übertrug, „hat sich mit Absicht versteckt, der Schelm!“ Und er küßte es, das heißt, er küßte die Luft, die es umgab, denn er fürchtete sich, an seine Kostbarkeit auch nur zu rühren.

„So versteckt sich das wahre Verdienst,“ fügte Arkadij in seinem Entzücken hinzu, um mit dieser Phrase, die er am Morgen in einer Zeitung gelesen hatte, Humor in die Sache zu bringen. „Nun, Wassjä, wie steht es denn?“

„Vivat, Arkascha! Du spielst wohl heute den Geistreichen, um Furore zu machen, wie sich die Damen ausdrücken – nicht wahr, Madame Leroux, nicht wahr!“

„Was wünschen Sie?“

„Nicht wahr, meine liebe Madame Leroux!“

Madame Leroux blickte gütig lächelnd Arkadij Iwanowitsch an.

„Sie glauben nicht, wie ich Sie in diesem Augenblick vergöttere ... Erlauben Sie, daß ich Sie umarme ...“ Und Wassjä küßte wirklich die Ladenmadame.

Es gehörte Würde dazu, um sich in diesem Augenblick solch einem Heißsporn gegenüber nichts zu vergeben. Und vor allem: eine angeborene Liebenswürdigkeit und diese natürliche Grazie, mit der Madame Leroux die Begeisterung Wassjäs aufnahm, entschuldigte ihn, und sie verstand es, sich mit liebenswürdigem Geschick in die Situation zu finden! Es war ja auch überhaupt unmöglich, Wassjä im Ernste böse zu sein!

„Madame Leroux, welches ist der Preis?“

„Fünf Rubel,“ antwortete sie und rechtfertigte ihre Forderung mit einem neuen Lächeln.

„Und dieser Hut hier, Madame Leroux,“ fragte Arkadij Iwanowitsch und wies auf den von ihm gewählten.

„Dieser: acht Rubel.“

„Aber erlauben Sie, erlauben Sie! Nun müssen Sie selbst entscheiden, Madame Leroux, welcher ist schöner, welcher niedlicher, welcher von den beiden würde Sie kleiden?“

„Dieser hier ist reicher, doch der, den Sie gewählt haben – ^il est plus coquet^.“

„Also, nehmen wir ihn!“

Madame Leroux legte ihn in einen Bogen feinen, dünnen Seidenpapiers und steckte es mit kleinen Stecknadeln fest. Das Papier aber, mit dem Hut, schien jetzt beinahe noch leichter zu sein als früher, ohne Hut. Wassjä nahm das Paket und wagte kaum zu atmen, er verabschiedete sich von Madame Leroux, sagte ihr noch etwas Liebenswürdiges und verließ den Laden.

„Ich bin ein Lebemann, Arkascha, ein geborener Lebemann!“ rief Wassjä draußen lachend aus. Das Lachen ging aber gleich darauf in einen kaum hörbaren nervösen feinen Ton über, den ein Lächeln begleitete – und Wassjä selbst wich allen Vorübergehenden ängstlich aus, als ob er sie mit einem Male im Verdacht hätte, der Versuchung, sein kostbares Hütchen zu zerknüllen, nicht widerstehen zu können.

„Höre, Arkadij, höre!“ begann er einen Augenblick später und etwas Feierliches, etwas unendlich Seliges lag in seiner Stimme. „Arkadij, ich bin so glücklich, ich bin so glücklich!“

„Wassinjka! Und wie ich glücklich bin, mein Liebling!“

„Nein, Arkascha, nein, deine Liebe zu mir ist grenzenlos, ich weiß es. Doch du kannst nicht den zehnten Teil von dem empfinden, was ich in diesem Augenblick fühle. Mein Herz ist so voll, so übervoll!! Arkascha! Ich bin ja meines Glückes gar nicht würdig! Ich weiß es, ich fühle es selbst. Womit habe ich es verdient,“ rief er mit einer Stimme aus, die voll war von verhaltenem Schluchzen, „was habe ich denn je Gutes getan, sage nur. Sieh doch, wieviel Menschen es gibt, wieviel Tränen, wieviel Kummer, wieviel Alltag ohne Feiertag! Und ich! Mich liebt ein solches Mädchen, mich ... Du wirst sie ja selbst sehen, wirst selbst ihr edles Herz erkennen. Ich komme aus niedrigem Stande, doch habe ich eine Stellung und ein festes Gehalt. Ich bin mit einem Gebrechen auf die Welt gekommen, bin schief gewachsen. Sie aber liebt mich, so wie ich bin. Juljan Mastakowitsch war heute so zärtlich, so aufmerksam, so höflich zu mir. Er spricht sonst selten mit mir – doch: ‚Nun, Wassjä,‘ sagte er heute (bei Gott, Wassjä nannte er mich) ‚wirst du in den Feiertagen auch durchgehen, wie?‘ Dabei lachte er. ‚Nein,‘ sagte ich zuerst, ‚Euer Exzellenz, ich habe zu tun.‘ Doch dann nahm ich mich zusammen und sagte: ‚Vielleicht werde ich mich auch mal amüsieren, Exzellenz!‘ – bei Gott, das sagte ich. Da gab er mir denn das Geld und sprach noch ein paar Worte mit mir. – Ich, Bruder, ich weinte beinah, die Tränen stürzten mir aus den Augen und er, er schien auch gerührt zu sein, klopfte mir auf die Schulter und sagte: ‚Fühle immer so, Wassjä, wie du jetzt fühlst‘ ...“

Wassjä verstummte auf einen Augenblick.

„Und nicht genug,“ fuhr Wassjä fort. „Ich habe es dir gegenüber noch nie ausgesprochen, Arkadij ... Arkadij! Du hast mir deine Freundschaft geschenkt, ohne dich wäre ich nicht auf der Welt, – nein, nein, sage nichts, Arkascha! Laß mich dir deine Hand drücken, gib, ich will dir danken!“ ... Wassjä konnte seinen Satz wieder nicht beenden.

Arkadij Iwanowitsch wollte schon Wassjä um den Hals fallen, doch überschritten sie gerade die Straße, und so hörten sie denn plötzlich, dicht hinter ihren Ohren den einschneidenden Ruf eines Kutschers: ‚Heda! Achtung!‘ und beide, erregt und erschrocken wie sie waren, liefen so schnell als nur möglich aufs Trottoir. Arkadij Iwanowitsch war eigentlich froh über diesen Zwischenfall. Den Überschuß an Dankbarkeit bei Wassjä erklärte er sich als einen Ausfluß des Augenblicks. Ihm war er peinlich, weil er meinte, daß er Wassjä bis jetzt noch gar nichts Gutes getan! Er schämte sich sogar vor sich selbst, weil Wassjä ihm für das Wenige so dankte! Doch, ein ganzes Leben stand ihm noch bevor – und Arkadij Iwanowitsch atmete frei mit einem großen Vorsatze auf ...

Man hatte es schon aufgegeben, sie zu erwarten! Ein Beweis: daß sie bereits beim Tee saßen! Und wirklich, manchmal ist ein älterer Mensch ahnungsvoller als die liebe Jugend. Lisenka hatte in allem Ernst behauptet, daß er nicht kommen werde, nicht kommen werde. „Mamenka! mein Herz fühlt es, daß er nicht kommen wird!“ aber Mamenka hatte im Gegenteil behauptet, ihr Herz fühle ganz genau, daß Wassjä keine Ruhe finden und deshalb ganz sicher gelaufen kommen würde, zumal er am Vorabend des neuen Jahres doch keinen Dienst mehr hatte! Als nun Lisenka die Tür öffnete, traute sie ihren Augen nicht: sie errötete über und über und ihr Herz schlug so heftig, wie bei einem gefangenen Vögelchen. Ja, sie war rot wie eine Kirsche, der sie überhaupt ähnlich sah.

„Mein Gott, welche Überraschung!“ Ein freudiges „Ach!“ kam über ihre Lippen. „Du Schelm, du Betrüger, du mein Lieber du!“ rief sie aus und fiel Wassjä um den Hals. Doch man stelle sich ihre Verwunderung vor, ihre plötzliche Verlegenheit: denn genau hinter Wassjä, als wollte er sich hinter ihm verstecken, stand, verwirrt wie er war, Arkadij Iwanowitsch. Aber Arkadij Iwanowitsch verstand es nicht, mit Frauen umzugehen: er war sogar sehr ungeschickt ... Einmal passierte es ihm, daß ... Doch davon ein andermal. Indessen, man versetze sich in seine Lage! Es ist nichts Lächerliches dabei: er stand im Vorzimmer, in Gummischuhen, im Mantel und in einer Mütze mit Ohrenklappen, um den Hals einen schrecklichen gelben Schal, der zum Überfluß hinten im Nacken dick geknotet und gebunden war, – dieser Knoten mußte nun gelöst und der Schal abgenommen werden, damit er selbst einen vorteilhaften Eindruck machen konnte ... denn es gibt nun einmal keinen Menschen, der nicht wünschte, einen vorteilhaften Eindruck zu machen! Und dieser Wassjä, dieser unerträgliche, unausstehliche, obgleich sonst so liebe, gute Wassjä, war jetzt ein ganz erbarmungsloser Wassjä! Schreien mußte er:

„Lisenka, hier stelle ich dir Arkadij vor! Wer das ist? Mein bester Freund, umarme ihn, küsse ihn, Lisenka, küsse ihn im voraus, wenn du ihn einmal kennst, wirst du ihn immer küssen ...“ Nun, was blieb da wohl dem armen Arkadij Iwanowitsch übrig? Er stand noch immer und versuchte seinen Schal aufzuknoten! Nein: diese Begeisterung Wassjäs war doch manchmal wirklich unangebracht und ganz gewissenlos! Freilich, freilich, sie bewies sein gutes Herz, aber ... immerhin – es war doch zu peinlich!

Endlich traten sie beide ins Zimmer ... Die Alte war unsagbar glücklich, die Bekanntschaft Arkadij Iwanowitschs zu machen: sie hätte so viel von ihm gehört, sie ... Doch sie beendete ihre Phrase nicht. Ein freudiges „Ach!“ durchtönte das Zimmer und unterbrach sie. Mein Gott! Lisenka stand vor dem enthüllten Hütchen, hielt naiv beide Hände gefaltet, und lächelte, lächelte ... Mein Gott, warum gab es bei Madame Leroux nicht noch ein viel, viel schöneres Hütchen!

Ach, aber wo konnte man wohl ein noch schöneres finden?! Ich spreche im Ernst! Mich bringt schließlich diese Undankbarkeit Verliebter wirklich zur Verzweiflung. Möchten die beiden doch endlich einsehen, daß es gar nichts Schöneres geben kann, als dieses Bonbon von Hütchen! Möchten sie einsehen – doch meine Verzweiflung war umsonst: sie sind bereits wieder alle mit mir einverstanden, es war ein Irrtum und weiter nichts! Ich bin bereit, ihnen zu vergeben. Meine Leser aber werden entschuldigen, wenn ich immer noch von dem Hütchen spreche: Ganz leicht und durchsichtig aus Tüll war es, mit breiten kirschroten Bändern und mit Spitzen bedeckt. Unter dem Tüll und den Rüschen hervor hingen hinten auf den Hals zwei Bänder herab ... Man mußte es ein wenig in den Nacken setzen. Und nun, nach alledem sehen Sie hin, ich bitte Sie! Sie aber scheinen nicht sehen zu wollen! ... Sie sehen zur Seite. Sehen, wie zwei Tränen gleich Perlen in den langen schwarzen Augenwimpern hängen und dort einen Augenblick erzittern und auf diesen Tüll niederfallen, der dünn wie Luft ist, auf diesen Tüll, aus dem das Kunstwerk Madame Lerouxs bestand ... Ich aber ärgere mich: denn nicht dem Hütchen galten diese beiden Tränen! ... Nein! eine solche Sache muß man ganz kaltblütig aufnehmen, nur dann kann man sie wirklich schätzen!

Man setzte sich. Wassjä setzte sich mit Lisenka zusammen und die Alte mit Arkadij Iwanowitsch. Man begann ein Gespräch und Arkadij Iwanowitsch behauptete sich durchaus. Mit Freuden lasse ich ihm Gerechtigkeit widerfahren. Es war das eigentlich von ihm nicht zu erwarten. Nach ein paar Worten über Wassjä verstand er es vorzüglich, von Juljan Mastakowitsch, Wassjäs Wohltäter, zu erzählen. Und so klug, so verständig sprach er, daß das Gespräch eine ganze Stunde lang nicht ins Stocken geriet. Man müßte es gehört haben, mit welchem Takt Arkadij Iwanowitsch einige Sonderheiten Juljan Mastakowitschs berührte, die eine mittelbare oder unmittelbare Beziehung zu Wassjä hatten. Dafür war die Alte auch ganz entzückt, aufrichtig entzückt von ihm: sie selbst gestand es Wassjä. Ausdrücklich rief sie ihn zu sich, um ihm zu sagen, daß sein Freund ein prächtiger, liebenswürdiger junger Mensch sei, und was die Hauptsache, so ein ernster, gesetzter junger Mann. Wassjä hätte am liebsten laut aufgelacht vor Vergnügen. Er dachte daran, wie der gesetzte Arkascha ihn noch vor einer Viertelstunde aufs Bett geworfen hatte! Darauf machte die Alte Wassjä ein Zeichen, leise und unbemerkt ins andere Zimmer zu kommen. Und dort handelte sie nun allerdings Lisenka gegenüber nicht richtig: sie zeigte nämlich Wassjä das Geschenk, das Lisenka ihm zum neuen Jahr machen wollte. Es war eine Brieftasche mit einer goldgestickten, wundervollen Zeichnung: auf der einen Seite war ein rennender Hirsch dargestellt, so natürlich, so ähnlich, so vorzüglich erfaßt. Auf der anderen Seite befand sich das Bild eines berühmten Generals, ebenso vorzüglich, ebenso ähnlich und naturgetreu. Ich kann es gar nicht schildern, dieses helle Entzücken Wassjäs.

Unterdessen war in dem anderen Zimmer die Zeit nicht ungenutzt verstrichen. Lisenka war zu Arkadij Iwanowitsch getreten, hatte ihm die Hand gereicht und ihm gedankt – und Arkadij Iwanowitsch hatte sofort begriffen, daß es sich um den teuren Wassjä handelte. Lisenka war tief bewegt: sie habe erfahren, sagte sie, daß Arkadij ein so treuer Freund ihres Verlobten sei, daß er ihn liebe und über ihn wache und ihn auf jeden Schritt mit seinen Ratschlägen unterstütze, so daß sie, Lisenka, es nicht unterlassen könne, ihm zu danken, und daß sie hoffe, Arkadij Iwanowitsch würde auch sie lieb haben, und wär’s auch nur halb so wie den Wassjä. Darauf fragte sie ihn, ob Wassjä auch seine Gesundheit in acht nehme, sprach von der Heftigkeit seines Charakters und über sein Unvermögen dem praktischen Leben gegenüber, sowie über seinen Mangel an Menschenkenntnis. Sie sagte weiter, daß sie auf ihn aufpassen und ihn vor allem bewahren würde, und daß sie hoffe, auch Arkadij Iwanowitsch werde sie nicht verlassen und bei ihnen bleiben.

„Wir werden alle drei zusammenbleiben und wie ein einziger Mensch sein!“ rief sie in naiver Begeisterung aus.

Doch die Zeit rückte vor und man mußte aufbrechen. Selbstverständlich versuchte man, die Gäste zurückzuhalten, doch Wassjä erklärte kurz und bündig, daß es nicht möglich sei, zu bleiben, und Arkadij Iwanowitsch bestätigte es. Man fragte natürlich: warum? und so erfuhren sie denn, daß es sich um eine Arbeit für Juljan Mastakowitsch handelte, eine sehr eilige, notwendige, unangenehme, die bis übermorgen früh fertiggestellt werden mußte, und daß sie noch sehr im Rückstande wäre. Das Mamachen seufzte, als sie das hörte, Lisenka aber erschrak sehr und trieb sogar selbst Wassjä zur Eile an. Der letzte Kuß verlor dabei nicht an Wert, er war kürzer, eiliger, aber um so heißer und heftiger. Endlich trennte man sich und die beiden Freunde gingen zusammen nach Haus.

Sofort, kaum daß sie auf der Straße waren, tauschten sie untereinander ihre Eindrücke aus. Ja, und es mußte wohl so sein, daß Arkadij Iwanowitsch sich sterblich in Lisenka verliebt hatte! Wem aber war das leichter verständlich, als dem glücklichen Wassjä? Arkadij Iwanowitsch gestand Wassjä sofort alles ein. Wassjä lachte und freute sich sehr darüber, und bemerkte, daß sie jetzt noch innigere Freunde sein würden, als ehedem. „Du hast mich sofort verstanden, Wassjä,“ sagte Arkadij Iwanowitsch, „so ist’s! Ich liebe sie, wie ich dich liebe, sie wird mein Schutzengel sein, ganz wie sie für dich einer ist und euer Glück wird auch auf mich übergehen und auch mich erwärmen. Sie wird auch meine Hausfrau sein, in ihre Hände lege auch ich mein Glück: möge sie für mich sorgen, wie sie es für dich tut. Ja, Freundschaft zu dir – Freundschaft auch zu ihr. Ihr beide werdet für mich ganz unzertrennlich sein, nur daß ihr eben statt ein Wesen, das du früher für mich warst, zwei Wesen sein werdet ...“

Arkadij verstummte im Übermaß seiner Gefühle. Wassjä war durch seine Worte bis in die Tiefe seiner Seele erschüttert. Niemals hatte er solche Worte von Arkadij erwartet! Arkadij Iwanowitsch verstand es sonst nicht, sich auszudrücken, auch liebte er durchaus nicht zu schwärmen, und doch hatte er soeben die allerüberschwenglichsten Gedanken geäußert. „Wie werde ich für euch beide sorgen, wie euch verwöhnen,“ begann er jetzt von neuem. „Erstens, Wassjä, werde ich der Taufpate aller deiner Kinder sein, aller, ohne Ausnahme, und zweitens, Wassjä, muß man auch an die Zukunft denken. Man muß eine Wohnung mieten, Möbel kaufen, so viel, daß jeder von uns sein Zimmer hat. Weißt du, Wassjä, ich werde bereits morgen ausgehen und die Wohnungszettel studieren. Drei ... nein, zwei Zimmer, mehr haben wir nicht nötig. Ich glaube jetzt selbst, Wassjä, daß ich da heute Unsinn gesprochen habe, das Geld wird gewiß reichen. Warum denn auch nicht? Als ich ihr heute in die Augen sah, wußte ich sofort, daß es reicht! Alles für sie! Oh, wie werden wir arbeiten! Jetzt, Wassjä, kann man es wagen und fünfundzwanzig Rubel für die Wohnung zahlen. Gute Zimmer, mein Lieber, müssen es sein ... in guten Zimmern ist der Mensch fröhlich und hat heitere Gedanken! Und zweitens, Lisenka wird unser gemeinsamer Kassierer sein: nicht eine Kopeke wird unnütz verausgabt! Ich sollte künftig noch einmal in eine Kneipe gehen? Ja, für wen hältst du mich denn eigentlich?! Um nichts in der Welt! Man wird uns Zulage geben, uns Geschenke machen, wenn wir fleißig arbeiten! Und wie werden wir arbeiten, wie Büffel werden wir die Akten pflügen! ... Stelle dir nur vor ... (und die Stimme Arkadij Iwanowitschs wurde ganz schwach vor Seligkeit) – wenn plötzlich so fünfundzwanzig bis dreißig Rubel ins Haus kämen ... Nun, dann werden wir ihr Hütchen kaufen, einen Schal, neue Strümpfchen! Mir aber muß sie dafür durchaus ein Halstuch häkeln: sieh nur, wie schlecht das meine ist: gelb und abgetragen – hatte es zu meinem Unglück heute umgelegt! Ja, und du, Wassjä, bist auch gut: stellst mich gerade in dem Augenblick vor, wie ich noch mit dem Halstuch dastehe ... Doch, nicht darum handelt es sich! Ich, siehst du: ich werde für das Silber sorgen! Ich bin doch verpflichtet, euch ein Geschenk zu machen – meine Ehre verlangt es, und auch meine Eigenliebe! ... Meine Jahreszulage wird doch dazu reichen: hoffentlich wird man sie mir bald geben? Fürchte nichts, mein Lieber, ich werde euch echte silberne Löffel kaufen und gute Messer – die nicht aus Silber zu sein brauchen, doch ausgezeichnete Messer sein werden, und eine Weste werde ich kaufen, das heißt, eine Weste für mich: denn ich werde doch Trauzeuge sein! Du aber nimm dich mal jetzt zusammen, ich werde schon auf dich aufpassen, Bruder; heute und morgen, die ganze Nacht werde ich mit dem Stock hinter deinem Stuhl stehen, beende die Arbeit, Bruder beende sie schnell! Nun, und dann gehen wir beide zum Abend wieder hin, und wir werden glücklich sein ... werden Lotto spielen! ... Werden die Abende zusammen verbringen – hei, wird das schön werden! Pfui, Teufel! Wie ärgerlich, daß ich dir nicht helfen kann. Ich würde am liebsten alles, alles für dich abschreiben ... Warum haben wir nicht dieselbe Handschrift?“

„Ja!“ antwortete Wassjä. „Ja! Ich muß mich beeilen. Ich glaube, es wird jetzt elf Uhr sein – wir müssen uns beeilen ... An die Arbeit!“ Und Wassjä, der die ganze Zeit lächelnd zugehört und bin und wieder versucht hatte, durch irgendeine Bemerkung seine freundschaftlichen Gefühle zu Arkadij auszudrücken, kurz, der bis dahin mit Leib und Seele dabei gewesen war, verstummte plötzlich, wurde unruhig und schweigsam und fing beinah an zu laufen. Offenbar hatte irgendein schwerer Gedanke plötzlich seinen allzu heißen Kopf abgekühlt!

Auch Arkadij Iwanowitsch wurde unruhig: auf seine dringlichen Fragen erhielt er kaum eine Antwort von Wassjä, dessen Ausrufe anderseits gar nicht mehr zur Sache gehörten.

„Ja, was fehlt dir denn, Wassjä?“ rief Arkadij endlich aus, als jener seine Schritte so beschleunigte, daß er ihm kaum zu folgen vermochte. „Bist du wirklich so in Sorge? ...“

„Ach, mein Lieber, wir haben genug geredet!“ antwortete ihm Wassjä ärgerlich.

„Verzweifle doch nicht, Wassjä,“ unterbrach ihn Arkadij, „ich habe es doch schon erlebt, daß du in einer kürzeren Frist noch viel mehr abgeschrieben hast ... Was willst du denn! Du bist doch so geschickt! Im äußersten Falle kannst du einfach etwas flüssiger schreiben: deine Abschrift braucht doch nicht wie gestochen zu sein. Du wirst’s schon schaffen! ... Wenn du dich jetzt aufregst, so wirst du nur zerstreut sein und die Arbeit wird dir schwer fallen ...“

Wassjä antwortete nichts oder murmelte nur etwas vor sich hin, und beide liefen voll Unruhe nach Haus.

Wassjä setzte sich sofort an die Arbeit. Arkadij Iwanowitsch verhielt sich ganz ruhig, er entkleidete sich vorsichtig und legte sich aufs Bett, ohne Wassjä aus den Augen zu lassen ... Angst überkam ihn ... „Was ist das nur mit ihm?“ dachte er bei sich, als er Wassjäs bleiches Gesicht mit den glänzenden Augen darin erblickte – diese Unruhe in all seinen Bewegungen – dies Zittern seiner Hand ... Verdammt, wirklich verdammt! Sollte ich ihm nicht raten, sich lieber zwei Stunden hinzulegen: vielleicht kann er seine Aufregung ausschlafen.“

Wassjä hatte gerade eine Seite beendet, er sah auf und sein Blick traf zufällig Arkadij. Doch sofort schlug er die Augen nieder und griff wieder zur Feder.

„Höre, Wassjä,“ begann plötzlich Arkadij Iwanowitsch, „wäre es nicht wirklich besser, wenn du dich ein wenig schlafen legtest! Sieh, du bist wie im Fieber ...“

Wassjä sah geärgert, sogar wütend zu Arkadij hinüber und antwortete nichts.

„Höre, Wassjä, was machst du mit dir? ...“ Wassjä schien sich zu besinnen.

„Sollte ich nicht Tee trinken, Arkascha?“ sagte er plötzlich.

„Wie das? Warum?“

„Tee gibt Kraft. Schlafen will ich nicht und werde ich auch nicht! Ich werde schreiben. Beim Teetrinken würde ich mich aber erholen, und ein Augenblick der Ermüdung wäre leichter zu überwinden.“

„Famos, Bruder Wassjä, famos! So gefällst du mir: ich selbst wollte dir schon den Vorschlag machen. Ich wundere mich nur, daß ich nicht früher darauf verfiel. Und – weißt du was? Mawra wird nicht aufstehen, um nichts in der Welt wird sie aufstehen ...“

„Ja! Das stimmt!“

„Ach, Unsinn, das tut auch nichts!“ rief Arkadij Iwanowitsch und sprang barfuß aus dem Bett. „Ich selbst werde den Ssamowar aufstellen ...“

Arkadij Iwanowitsch lief in die Küche und mühte sich um den Ssamowar; Wassjä schrieb unterdessen weiter. Dann kleidete sich Arkadij Iwanowitsch an, um in eine Bäckerei zu gehen, damit Wassjä sich zur Nacht stärken könnte. In einer Viertelstunde stand der Ssamowar auf dem Tisch. Sie tranken den Tee, aber zu einem Gespräch kam es nicht mehr. Wassjä war immer noch sehr zerstreut.

„Ja, was ich sagen wollte,“ sagte er endlich, sich besinnend, „morgen muß man gehen und gratulieren.“

„Das hast du doch nicht nötig.“

„Nein, mein Lieber, das muß sein,“ sagte Wassjä ...

„Ich werde dich bei allen einschreiben. Wozu willst du gehen? Du, arbeite morgen! Heute arbeite noch bis fünf Uhr, wie ich’s dir gesagt habe, und dann lege dich schlafen. Denn sonst, wie wirst du morgen sonst aussehen? Ich würde dich um Punkt acht Uhr wecken ...“

„Ja, geht es denn an, daß du statt meiner mich überall einschreibst?“ fragte Wassjä halb und halb mit dem Vorschlage einverstanden.

„Ja, warum denn nicht? So machen es doch alle!“

„Ich fürchte eigentlich ...“

„Was denn, was?“

„Bei den andern, weißt du, tut es nichts, aber bei Juljan Mastakowitsch – er ist doch mein Wohltäter, Arkascha, und wenn er bemerkt, daß eine fremde Hand ...“

„Bemerkt! Wie töricht du bist, Wassjuk! Wie kann er denn das bemerken? ... Ich kann doch deinen Namen so gut kopieren und dieselbe Schleife dranmachen, bei Gott, du weißt doch. Wirklich, was soll er denn da bemerken?“

Wassjä antwortete nichts und beeilte sich, sein Glas zu leeren ... Darauf schüttelte er zweifelnd den Kopf.

„Wassjä, mein Junge! Ach, wenn es uns doch nur gelingen würde! Wassjä, was fehlt dir denn? Du machst mir Angst! Weißt du, ich werde mich nicht hinlegen, Wassjä, ich werde nicht einschlafen. Zeige mir doch, ob du noch viel zu schreiben hast?“

Wassjä blickte Arkadij Iwanowitsch so an, daß diesem das Herz weh tat und er kein Wort mehr herausbrachte.

„Wassjä! Was ist mit dir? Was hast du? Warum siehst du mich so an?“

„Arkadij, ich, weißt du, ich werde morgen doch selbst gehen und Juljan Mastakowitsch gratulieren.“

„Nun, so gehe doch!“ sagte Arkadij und sah ihn mit großen Augen in qualvoller Erwartung an.

„Höre, Wassjä, schreibe doch schneller, ich werde dir doch nichts Schlechtes raten, bei Gott, das tue ich nicht. Wie oft hat dir nicht Juljan Mastakowitsch selbst schon gesagt, daß ihm an deiner Handschrift am meisten die Leichtigkeit gefällt! Nur Skoroplechin liebt es, wenn die Schrift wie gemalt ist und wie eine Schönschreibevorlage aussieht, um sich das Papier dann unrechtmäßigerweise anzueignen und seinen Kindern mit nach Hause zu bringen – denn eine Vorlage für sie kann sich der Schafskopf wohl nicht kaufen! Aber Juljan Mastakowitsch verlangt immer nur: flüssig, flüssig, flüssig! Doch was hast du nur, Wassjä, ich weiß wirklich nicht, was ich dir noch sagen soll ... Ich fürchte mich fast ... Mit deiner Verzweiflung bringst du mich noch um!“

„Nichts, nichts!“ sagte Wassjä und fiel erschöpft auf seinen Stuhl zurück. Arkadij erschrak.

„Willst du Wasser, Wassjä? – Wassjä!“

„Laß nur, laß,“ sagte Wassjä, und drückte ihm die Hand. „Mir fehlt nichts, mir ist nur etwas traurig zumut, Arkadij. Ich kann es eigentlich selbst nicht sagen, warum. Höre, rede lieber von etwas anderem, erinnere mich nicht daran ...“

„Beruhige dich, um Gottes willen, beruhige dich doch, Wassjä. Du wirst’s schon beenden, bei Gott, wirst’s schon beenden! Und wenn nicht, – nun, was wäre denn dabei für ein Unglück? Tust ja, als wäre das ein wahres Verbrechen!“

„Arkadij,“ sagte Wassjä, seinen Freund so bedeutungsvoll ansehend, daß dieser wieder erschrak, denn noch nie hatte er Wassjä so tief innerlich aufgeregt gesehen. „Wenn ich allein gewesen wäre, wie früher ... Nein! Nicht das meine ich! Ich möchte es dir immer sagen, dir anvertrauen, wie einem Freunde ... Übrigens, wozu dich beunruhigen? ... Siehst du, Arkadij, den einen ist viel gegeben, andere verrichten nur Kleines, wie ich. Nun, wenn man von dir zum Beispiel Dankbarkeit und Anerkennung verlangte – und dir wäre es nicht möglich ...?“

„Wassjä! Ich kann dich wahrhaftig nicht verstehen!“

„Ich bin niemals undankbar gewesen,“ fuhr Wassjä fort, als spräche er zu sich selbst. „Wenn ich nun aber nicht imstande bin, alles auszudrücken, was ich fühle, so ist es, als ob ... so hat es doch den Anschein, Arkadij, als wäre ich tatsächlich undankbar, und das bringt mich einfach um!“

„Was sagst du da, was! Besteht denn wirklich darin deine ganze Dankbarkeit, daß du genau zum Termin fertig geworden bist? Denke doch nach, Wassjä, was du da sagst! Wäre das wirklich die ganze Dankbarkeit?“

Wassjä verstummte und sah seinen Freund mit großen Augen an, als hätte dieser unerwartete Einwand alle Bedenken genommen. Er lächelte sogar, nahm aber sofort wieder eine nachdenkliche Miene an. Arkadij faßte dieses Lächeln als das Ende aller Schrecken auf, die Lebhaftigkeit aber, die wieder über Wassjä kam, als einen Entschluß zu etwas Besserem, und freute sich bereits sehr.

„Nun, Arkascha, du legst dich jetzt schlafen,“ sagte Wassjä. „Sieh nur, daß ich nicht einschlafe, das wäre ein Unglück. Ich mache mich also jetzt an die Arbeit ... Arkascha!“

„Was?“

„Nein, nichts, ich wollte nur ...“

Wassjä setzte sich hin, schwieg und schrieb. Arkadij legte sich schlafen. Weder der eine noch der andere hatte ihren Besuch vom Nachmittag erwähnt. Vielleicht fühlten sich alle beide ein wenig schuldig, die Zeit vergeudet zu haben. Arkadij Iwanowitsch war bald eingeschlafen – in Sorgen über Wassjä. Zu seiner Verwunderung erwachte er genau um acht Uhr morgens. Wassjä war auf seinem Stuhl gleichfalls eingeschlafen, die Feder in der Hand, bleich und übermüdet. Das Licht war niedergebrannt. In der Küche machte sich Mawra am Ssamowar zu schaffen.

„Wassjä, Wassjä!“ rief Arkadij erschrocken aus. „Wann bist du eingeschlafen?“

Wassjä riß die Augen auf und sprang vom Stuhl.

„Ach!“ sagte er, „ich bin nur so eingeschlafen! ...“

Er sah sofort nach seinen Papieren, nichts war ihnen geschehen, alles war in Ordnung; kein Tintenfleck, kein Talgfleck, vom Licht war nichts heruntergetröpfelt.

„Ich glaube, ich schlief um sechs Uhr ein,“ sagte Wassjä. „Wie kalt es in der Nacht ist! Trinken wir einen Tee und dann werde ich wieder ...“

„Bist du ruhig geworden?“

„Ja, ja, mir fehlt nichts!“

„Prost Neujahr, Wassjä.“

„Prost Neujahr, mein Lieber, prost Neujahr, wünsche dir gleichfalls alles Gute, mein Lieber.“

Sie umarmten sich. Wassjäs Lippen zitterten und seine Augen schwammen in Tränen. Arkadij Iwanowitsch schwieg: ihm war bitter zumut. Beide tranken sie eilig den Tee ...

„Arkadij! Ich habe beschlossen, selbst zu Juljan Mastakowitsch zu gehen ...“

„Aber er wird es ja doch nicht bemerken ...“

„Mich quält sonst das Gewissen, mein Lieber.“

„Du sitzt doch hier seinetwegen, seinetwegen quälst du dich ... Genug, Wassjä! ... Und ich, weißt du, mein Lieber, werde auch dahin gehen ...“

„Wohin?“ fragte Wassjä.

„Zu Artemjeffs, um auch ihnen zu gratulieren, auch für dich mit!“

„Schön, mein Lieber, schön! Nun! So werde ich also hier bleiben: ja, ich sehe, das hast du dir trefflich ausgedacht. Ich werde also hier bleiben und arbeiten und nicht feiertagsmäßig die Zeit verbringen! Warte nur noch ein wenig, ich werde gleich einen Brief schreiben.“

„Schreibe nur, schreibe, es hat ja noch Zeit. Ich werde mich erst waschen, rasieren und den Rock reinbürsten.“

„Wassjä, mein Bruder, weißt du, wir werden beide glücklich und zufrieden sein! Umarme mich, Wassjä!“

„Ach, wenn du das meinst, Bruder! ...“

„Wohnt hier der Herr Beamte Schumkoff?“ ertönte in diesem Augenblick ein Kinderstimmchen auf der Treppe.

„Hier, mein Kleiner, hier,“ antwortete Mawra und ließ den kleinen Gast eintreten.

„Wer ist da? Wer, wer?“ rief Wassjä, sprang vom Stuhl auf und stürzte ins Vorzimmer. „Petinka, du? ...“

„Guten Tag, habe die Ehre Ihnen zum neuen Jahre zu gratulieren, Wassilij Petrowitsch,“ sagte ein reizender schwarzlockiger Bengel von etwa zehn Jahren, „die Schwester läßt Sie schön grüßen, Mama auch, und die Schwester hat mir befohlen, Sie von ihr zu küssen ...“

Wassjä hob den kleinen Gesandten mit beiden Armen in die Luft und drückte einen langen leidenschaftlichen Kuß auf seine Lippen, die ganz Lisenkas Lippen ähnlich waren.

„Küsse ihn auch, Arkadij!“ wandte er sich an diesen und übergab ihm Petjä – und Petjä ging, ohne die Erde zu berühren, in die mächtige und heftige Umarmung Arkadij Iwanowitschs über.

„Mein Kleiner, willst du Tee?“

„Danke bestens. Wir haben bereits Tee getrunken! Heute sind wir früh aufgestanden. Die Unsrigen gingen zur Frühmesse. Die Schwester hat mich zwei Stunden lang angezogen, mich gewaschen und gekämmt und mir die Hosen genäht, die ich gestern abend, als ich mit Ssascha auf der Straße spielte, zerrissen hatte: wir spielten nämlich Schneeball zusammen, und da ...“

„Nu – nu – nu – nu!“

„Jawohl, die ganze Zeit hat sie mich aufgeputzt, mich zurechtgestutzt und dann mich abgeküßt: ‚gehe zu Wassjä, gratuliere ihm und frage ihn, ob er ruhig die Nacht verbracht hat, und noch ...‘ und ich sollte noch etwas fragen, ja! Ob die Sache schon beendet wäre, von der Sie gestern gesprochen ... gestern ... Ach, ich habe ja alles aufgeschrieben,“ sagte der Kleine, zog ein Blättchen aus der Tasche, – „ja, und ob Sie aufgeregt wären?“

„Ich werde fertig! Ich werde! Sag’s ihr, daß ich fertig werde, mein Ehrenwort drauf!“

„Ja und noch etwas ... Ach! Ich hab’s vergessen: die Schwester hat auch einen Brief und ein Geschenk geschickt, ja, und ich hätte es fast vergessen! ...“

„Mein Gott! ... Wo denn, mein Kind, wo? Da ist’s!? – ah! Sieh doch, mein Lieber, sieh, was sie mir schreibt, die Liebe, Gute! Weißt du, gestern habe ich bei ihr eine Brieftasche für mich gesehen: leider ist sie nicht fertig geworden, so schickt sie mir heute eine ihrer schwarzen Locken, die Brieftasche wird mir deshalb jedoch nicht verloren gehen. Sieh, Bruder, sieh nur!“

Und der aufgeregte Wassjä zeigte Arkadij Iwanowitsch eine schwarze Locke, küßte sie leidenschaftlich und legte sie dann in die Seitentasche, nahe dem Herzen.

„Wassjä! Ich werde dir für diese Locke ein Medaillon kaufen!“ sagte schließlich Arkadij Iwanowitsch.

„Und heute haben wir einen Kalbsbraten und morgen Kalbshirn. Mama will auch noch Kuchen backen ... Und wir werden nicht wieder Haferbrei essen,“ sagte der Knabe, und schloß seine Erzählung.

„Nein, was das für ein netter Kerl ist!“ meinte Arkadij Iwanowitsch. „Wassjä, du bist der glücklichste Sterbliche!“

Der Kleine trank seinen Tee, erhielt ein Briefchen, tausend Küsse und machte sich dann, frisch und fröhlich wie er gekommen war, auf den Heimweg.

„Nun, mein Lieber,“ meinte hocherfreut Arkadij Iwanowitsch, „siehst du, wie gut alles ist, siehst du! Alles wendet sich zum besseren, verzage nicht und klage nicht! Immer voran, Wassjä, mache Schluß mit dem Trübsinn! In zwei Stunden bin ich wieder zu Haus: zuerst fahre ich zu ihnen, dann zu Juljan Mastakowitsch.“

„Nun, lebe wohl, Lieber, lebe wohl ... Ach, wenn es so ist! ... Nun gut, gut, mache, daß du wegkommst,“ sagte Wassjä, „ich, mein Lieber, werde dann also bestimmt _nicht_ zu Juljan Mastakowitsch gehen.“

„Lebe wohl!“

„Wart, mein Lieber, wart: sage ihr ... Nun, alles was du willst – küsse sie von mir ... Du erzählst mir dann alles später, mein Lieber, alles ...“

„Nun, natürlich: jetzt wirst du ja wieder der alte! Seit gestern abend warst du noch gar nicht recht zu dir gekommen, hattest dich von all den Eindrücken noch gar nicht erholt. Nun aber Schluß! Kopf hoch, mein lieber Wassjä! Lebe wohl, lebe wohl!“

Endlich trennten sich die Freunde. Den ganzen Morgen über war Arkadij Iwanowitsch zerstreut und dachte nur an Wassjä. Er kannte dessen schwache und leicht erregbare Natur. Das Glück hatte ihn offenbar so erschüttert: jawohl, das war es, das Glück! Ich habe mich nicht getäuscht! sagte Arkadij zu sich selbst. Mein Gott! Er hat mir aber einen Schrecken eingejagt! Und woraus er nicht eine Tragödie macht! Was für ein Hitzkopf er ist! Wirklich, man muß ihm helfen! Jawohl: helfen!

Bei Juljan Mastakowitsch erschien Arkadij erst um elf Uhr, um in der Portiersloge seinen bescheidenen Namen der endlosen Reihe hoher Persönlichkeiten hinzuzufügen, die auf einem bereits vollgekritzelten weißen Bogen ihre Namen eingetragen hatten. Doch wie groß war seine Verwunderung, als unmittelbar vor seinem Namen die Unterschrift Wassjä Schumkoffs auftauchte! Nun – was ist denn mit ihm geschehen? dachte er erschrocken. Und Arkadij Iwanowitsch, der gerade vorher soviel Hoffnung geschöpft hatte, ging ganz bestürzt von dannen. Bereitete sich in der Tat ein Unglück vor? Was hieß das? Was sollte daraus werden!?

In Kolomna erschien er mit düsteren Gedanken und war anfangs sehr zerstreut. Erst als er mit Lisenka gesprochen hatte, kam er zur Besinnung und ging dann mit Tränen in den Augen fort: er war Wassjäs wegen wirklich in heller Angst. Er lief so schnell wie möglich nach Haus. Gerade an der Newa stieß er mit Schumkoff zusammen. Der lief gleichfalls mehr als er ging.

„Wohin?“ rief Arkadij Iwanowitsch.

Wassjä stutzte wie ein ertappter Verbrecher.

„Ich, mein Lieber, ich gehe nur so ... ich wollte nur ein wenig spazieren ...“

„Du hast es nicht ausgehalten, du willst nach Kolomna gehen? Ach, Wassjä, Wassjä! Warum bist du nur zu Juljan Mastakowitsch gegangen?“

Wassjä antwortete ihm nichts darauf, er winkte nur mit der Hand und sagte dann:

„Arkadij! Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht! Ich ...“

„Schon gut, Wassjä, schon gut! Ich weiß doch, wie das ist. Beruhige dich doch nur! Du bist seit gestern unruhig und aufgeregt! Es ist ja auch kein Wunder! Alle lieben dich, alle leben für dich, mit deiner Arbeit geht’s vorwärts, bald wirst du sie beendet haben, das wirst du bestimmt, ich weiß es: du bildest dir da nur so etwas ein, hast da irgendeine Angst ...“

„Nein, durchaus nicht, durchaus nicht ...“

„Erinnere dich doch, Wassjä, erinnere dich doch, wie es mit dir war, weißt du noch, als du befördert wurdest, du wußtest dich auch nicht vor Glück und vor Dankbarkeit zu lassen, verdoppeltest deinen Eifer und eine Woche lang verdarbst du doch nur die Arbeit! Dasselbe geschieht jetzt wieder mit dir ...“

„Ja, ja, Arkadij – doch ist das jetzt etwas ganz anderes, durchaus etwas anderes ...“

„Wieso denn, etwas anderes: ich bitte dich! Die Sache ist ganz sicher nicht so eilig, du aber quälst dich dermaßen ...“

„Nein, nein, ich bin nur so ... Nun, gehen wir!“

„Wie, so willst du nach Haus und nicht zu ihnen?“

„Nein, mein Lieber, mit diesem Gesicht kann ich dort nicht erscheinen ... Ich habe mich bedacht. Ich konnte es nur ohne dich so allein zu Hause nicht aushalten. Jetzt, da du wieder bei mir bist, werde ich mich hinsetzen und weiter schreiben. Gehen wir!“

Sie gingen und schwiegen eine Zeitlang. Wassjä hatte es jetzt wieder sehr eilig.

„Warum erkundigst du dich gar nicht nach ihnen?“ fragte Arkadij Iwanowitsch.

„Ach, ja! Nun, Arkaschenka, wie steht’s?“

„Wassjä, man erkennt dich gar nicht wieder!“

„Nun, tut nichts, tut nichts. Erzähle mir nur alles, Arkascha!“ bat Wassjä mit flehender Stimme, als wolle er jeder weiteren Erklärung ausweichen. Arkadij Iwanowitsch seufzte tief auf: er wußte mit Wassjä gar nichts mehr anzufangen.

Die Nachrichten von den Kolomnaschen belebten jedoch Wassjä wieder. Er sprach sogar sehr lebhaft von ihnen. Sie speisten beide zu Mittag. Die Alte hatte die Taschen Arkadij Iwanowitschs mit Kuchen vollgestopft und die Freunde waren lustig und guter Dinge, während sie sie aßen. Nach Tisch wollte Wassjä sich hinlegen, um dann die Nacht durcharbeiten zu können. Und so geschah es denn auch. Am Morgen hatte jemand Arkadij Iwanowitsch zum Tee aufgefordert, eine Einladung, die abzuschlagen nicht gut anging. Die Freunde trennten sich infolgedessen. Arkadij versprach, so früh als es eben nur anging, zurückzukommen, wenn möglich schon um acht Uhr. Diese drei Stunden Trennung kamen ihm selbst wie drei Jahre vor. Endlich machte er sich auf, um zu Wassjä zurückzukehren. Als er ins Zimmer trat, sah er, daß es dunkel war. Wassjä war nicht zu Haus. Er fragte Mawra. Mawra sagte, daß Wassjä die ganze Zeit geschrieben habe, darauf im Zimmer auf und ab gegangen sei, und schließlich vor einer Stunde ungefähr hinausgelaufen wäre – mit der Bemerkung, er käme in einer halben Stunde wieder: ‚wenn aber Arkadij Iwanowitsch inzwischen kommt, so sage du ihm,‘ schloß Mawra die Erzählung, ‚daß ich nur ein wenig spazierengegangen bin,‘ das aber habe er ihr drei- bis viermal ausdrücklich anbefohlen.

„Er ist sicher bei Artemjeffs!“ dachte Arkadij Iwanowitsch und schüttelte den Kopf.

Im nächsten Augenblick sprang er auf: er hatte eine neue Hoffnung. „Er ist wohl gar fertig geworden,“ dachte er, „ja: das wird es sein; und er hat es nicht länger ausgehalten und ist zu ihnen gelaufen. Übrigens, nein! Dann hätte er doch auf mich gewartet ... Sehen wir, wie es mit seiner Arbeit steht –“.

Er zündete das Licht an und begab sich an Wassjäs Schreibtisch: die Arbeit ging offenbar gut vonstatten und schien sich ihrem Ende zu nähern. Arkadij Iwanowitsch wollte sich noch näher davon überzeugen, als plötzlich Wassjä eintrat ...

„Ah! Du hier?“ rief er aus und schrak zusammen.

Arkadij Iwanowitsch schwieg. Er fürchtete sich, an Wassjä irgendeine Frage zu stellen. Der schlug die Augen nieder und begann schweigend seine Papiere zu ordnen. Schließlich begegneten sich beider Augen. Wassjäs Blick war flehend und gebrochen. Arkadij schrak zurück, als er ihn traf.

„Wassjä, mein Lieber, was ist das mit dir? Was hast du?“ rief er aus, stürzte sich auf Wassjä und nahm ihn in seine Arme, „erkläre mir doch, ich verstehe nichts von deiner Traurigkeit, was hast du, mein armer Märtyrer? Sage mir doch alles, ohne Umschweife. Es kann doch nicht sein, daß dieses eine ...“

Wassjä preßte sich ungestüm an ihn. Sprechen konnte er nicht. Der Atem ging ihm aus.

„Schon gut, Wassjä, schon gut! Wenn du nicht fertig wirst, was ist denn dabei? Ich verstehe dich gar nicht, sag doch, was quält dich so? Siehst du, ich bin doch bereit, für dich alles ... Ach, mein Gott, mein Gott!“ sagte er, im Zimmer auf und ab gehend, während er nach allem griff, was ihm in die Hände kam, als suchte er ein Mittel, eine Hilfe für Wassjä. „Ich selbst werde morgen anstatt deiner zu Juljan Mastakowitsch gehen, werde ihn bitten, ihn anflehn, daß er dir noch einen Tag Frist gebe. Ich werde ihm alles auseinandersetzen, alles, alles, wenn es dich so quält ...“

„Gott bewahre mich davor!“ rief Wassjä aus und wurde weiß wie die Wand. Er konnte sich kaum auf den Füßen halten.

„Wassjä, Wassjä!“

Wassjä kam wieder zu sich. Seine Lippen zitterten; er wollte etwas sagen, konnte aber nur schweigend Arkadij die Hand drücken. Seine Hand war kalt. Arkadij stand vor ihm in quälender Erwartung. Wassjä sah ihn wieder an.

„Wassjä! Gott mir dir, Wassjä! Du zerreißt mir das Herz, mein Freund, mein Lieber.“

Ströme von Tränen stürzten aus Wassjäs Augen: er warf sich an die Brust seines Freundes.

„Ich habe dich betrogen, Arkadij!“ schluchzte er laut auf, „ich habe dich betrogen: vergib mir, vergib! Ich habe dich hintergangen ...“

„Wieso, Wassjä! Was heißt das?“ fragte Arkadij, außer sich vor Angst und Schrecken.

„Da! ...“

Und Wassjä warf mit einer verzweifelten Geste aus einem Kasten sechs dicke Hefte auf den Tisch, die genau so aussahen wie jenes, das er abschrieb.

„Was soll das?“

„Da, das Ganze müßte ich bis übermorgen fertigstellen. Ich habe nicht einmal ein Viertel davon!“

„Frage nicht, frage nicht, wie das kommen konnte!“ fuhr Wassjä fort, um selbst alles zu erzählen, was ihn so gequält hatte. „Arkadij, lieber Freund! Ich weiß selbst nicht, was mit mir geschehen war. Ich bin erst jetzt wie aus einem Traum erwacht. Ich habe drei ganze Wochen verloren. Ich bin ... immer ... zu ihr gegangen ... Mein Herz sehnte sich ... ich quälte mich ... mit der Ungewißheit ... und ich konnte, ich konnte nicht arbeiten. Ich dachte auch nicht einmal daran. Jetzt erst, wo das Glück wirklich für mich begonnen hat, – da bin ich aufgewacht.“

„Wassjä!“ begann Arkadij Iwanowitsch entschlossen, „Wassjä, ich werde dich retten! Ich begreife alles. Diese Sache ist kein Spaß. Ich muß dir helfen! Höre, höre mich an: ich gehe morgen zu Juljan Mastakowitsch ... Schüttle nicht den Kopf, nein, höre nur! Ich werde ihm alles erzählen, wie es gewesen ist, erlaube mir, daß ich es tue ... Ich werde ihm erklären ... ich werde alles wagen! Ich werde ihm deine Lage schildern, werde ihm erzählen, wie du dich quälst.“

„Wenn du dir nur sagen wolltest, daß du mich damit einfach vernichtest?“ erwiderte Wassjä, ganz starr vor Schreck.

Arkadij Iwanowitsch wurde blaß, doch er beherrschte sich und fing an zu lachen.

„Aber was denn, Wassjä! Was denn! So höre doch! Ich sehe ja, daß ich dich damit nur aufrege. Aber ich verstehe dich doch, ich weiß doch, was in dir vorgeht. Wir leben doch schon fünf Jahre miteinander, und schwach bist du, unverzeihlich schwach. Auch Lisaweta Michailowna hat es bereits bemerkt. Außerdem bist du ein Schwärmer, und das ist auch nicht gut: man kann da plötzlich ins Bodenlose fallen, mein Bruder! Höre mich an, ich weiß doch, was du möchtest! Du möchtest, daß Juljan Mastakowitsch außer sich vor Freude wäre: darüber, daß du heiratest – und womöglich sollte er einen Ball für dich geben ... Halt, halt! Du runzelst die Brauen. Siehst du, schon wegen dieser kleinen Bemerkung von mir bist du beleidigt, für Juljan Mastakowitsch beleidigt! Lassen wir ihn also beiseite. Ich verehre ihn nicht weniger als du. Du wirst mir aber doch nicht abstreiten und mir nicht zu denken verbieten, daß du nicht wünschtest – nun sagen wir: es gäbe keinen einzigen Unglücklichen auf der Erde, bloß weil du heiratest ... Gib es doch zu, mein Lieber, daß du nichts dagegen hättest, wenn ich, dein bester Freund, plötzlich in den Besitz von hunderttausend Rubel Kapital käme: und daß alle Feinde der Welt sich versöhnten, sich mitten auf der Straße vor Freude in die Arme fielen und, wenn möglich, hierher zu dir zu Gaste kämen! Lieber Freund, ich scherze nicht, es ist so! Ich habe dich schon längst erkannt. Weil du dich glücklich fühlst, willst du, daß sich alle glücklich fühlen sollen. Es fällt dir schwer, allein glücklich zu sein! Darum möchtest du mit aller Gewalt dich deines Glückes würdig erweisen und zur Beruhigung deines Gewissens sofort eine große Tat vollbringen! Nun, ich verstehe, wie du dich quälen mußt, daß gerade dort, wo du dein Können zeigen möchtest ... nun, sagen wir, daß dort deine Dankbarkeit, wie du dich ausdrückst, plötzlich versagt! Der Gedanke ist dir sehr peinlich, daß Juljan Mastakowitsch sich ärgern wird, wenn er erfährt, daß du in diesem Falle die Hoffnungen getäuscht hast, die er auf dich gesetzt. Dir ist es schmerzlich, daran zu denken, daß du Vorwürfe von dem hören wirst, den du für deinen Wohltäter hältst – und das gerade jetzt! Jetzt, da dein Herz voll Freude ist und da du nicht weißt, an wem du deine Dankbarkeit auslassen sollst! ... Ist es nicht so? nicht wahr, es ist so!“

Mit zitternder Stimme schloß Arkadij Iwanowitsch seine Rede, er schwieg und schöpfte tief Atem.

Wassjä blickte voll Liebe auf seinen Freund. Auf seinen Lippen lag ein Lächeln.

In Erwartung einer Hoffnung belebte sich sogar sein Gesicht.

„Also, höre mich an,“ begann von neuem Arkadij, auch seinerseits wieder von Hoffnung belebt, „so ist es denn nicht nötig, daß Juljan Mastakowitsch seine Zuneigung zu dir einbüßt. Ist es nicht so, mein Lieber? Hier liegt doch die Frage? Wenn dem aber so ist, dann werde ich,“ sagte Arkadij vom Stuhl aufspringend, „dann werde ich mich für dich opfern. Ich werde morgen zu Juljan Mastakowitsch gehen ... Widersprich mir nicht! Du, Wassjä, machst ja dein Versäumnis zu einem Verbrechen! Er aber, Juljan Mastakowitsch, ist großmütig und mildtätig, und denkt nicht so wie du! Er, Bruder Wassjä, wird uns anhören und aus dem Unglück helfen. Jawohl. Nun! Hast du dich beruhigt?“

Wassjä drückte mit Tränen in den Augen Arkadijs Hand.

„Schon gut, Arkadij, schon gut,“ sagte er, „die Sache ist bereits beschlossen. Ich habe meine Sache nicht gemacht: gut! Nicht gemacht ist – nicht gemacht. Du aber brauchst deshalb nicht hinzugehen: ich selbst werde hingehen und ihm alles erzählen. Ich habe mich jetzt beruhigt, ich bin vollständig gefaßt. Doch du, nein, du sollst nicht gehen ... So höre doch ...“

„Wassjä, mein Lieber!“ rief Arkadij Iwanowitsch freudig aus, „meine Worte haben auf dich gewirkt: wie freue ich mich, daß du dich besonnen hast und dich zusammennehmen willst. Wie es mit deiner Sache auch stehen mag, was auch geschehen wird – ich bin bei dir, vergiß das nicht! Ich sehe, du willst nicht, daß ich mit Juljan Mastakowitsch darüber spreche – gut: ich werde nichts sagen, nichts, du selbst wirst es tun. Siehst du: du gehst morgen hin ... Oder nein, du wirst nicht hingehen, du wirst hier bleiben und schreiben, verstehst du? Ich werde aber doch herumhören, wie es mit der Sache steht, ob sie sehr eilig ist oder nicht, ob sie zum Termin fertig sein muß oder nicht, und wenn du den Termin versäumst, was daraus entspringen kann? Dann werde ich zu dir kommen und dir berichten. Siehst du, siehst du! Da haben wir schon eine Hoffnung; nun, stelle dir vor, daß die Sache keine Eile hat! Wie viel ist dann gewonnen! Juljan Mastakowitsch kann sie vielleicht überhaupt vergessen haben – und dann ist ja sowieso alles gerettet!“

Wassjä schüttelte bedenklich mit dem Kopf. Doch wandte er seinen dankbaren Blick nicht von dem Gesicht seines Freundes.

„Schon gut, schon gut! Ich fühle mich so schwach und bin so müde,“ sagte er dann seufzend, „ich möchte selbst nicht mehr daran denken. Sprechen wir von etwas anderem! Ich, siehst du, ich werde auch jetzt nicht mehr schreiben, ich werde nur noch die Seite beenden – bis zum Absatz. Höre ... Ich wollte dich schon längst fragen: wie kommt’s, daß du mich so gut kennst?“

Tränen tropften aus seinen Augen auf die Hand Arkadijs.

„Wenn du wüßtest, Wassjä, wie sehr ich dich liebhabe, so würdest du nicht danach fragen!“

„Ja, ja, Arkadij, ich weiß es nicht ... denn ich kann nicht verstehen, für was du mich so liebhast! Ja, Arkadij, du mußt wissen, daß deine Liebe mich geradezu erdrückt. Wie oft, wenn ich mich schlafen legte, habe ich an dich gedacht (denn ich denke immer an dich, bevor ich einschlafe) und mein Herz zitterte so heftig, so sehr ... so sehr ... Weil du mich so gern hast, und ich mein Herz nicht erleichtern und dir mit nichts danken konnte ...“

„Siehst du, Wassjä, siehst du, so bist du! ... Wie du dich wieder aufregst,“ sagte Arkadij, dem das Herz weh tat, wenn er an die gestrige Szene auf der Straße dachte.

„Schon gut. Du willst, daß ich mich beruhige und doch war ich noch niemals so ruhig und glücklich wie eben! Weißt du was? ... Höre, ich möchte dir gern etwas sagen, aber ich fürchte, dich zu kränken ... du bist immer gleich so gekränkt und schreist dann auf mich ein: ich aber bin dann so erschrocken ... Sieh, wie ich jetzt zittere, ich weiß gar nicht warum ... Höre, was ich dir sagen will. Ich glaube, ich habe mich früher selbst nicht gekannt – ja! Und die anderen habe ich erst gestern kennen gelernt. Ich, Bruder, ich verstand nicht, alles richtig zu schätzen. Das Herz in mir war verhärtet. Höre, wie ist das nur möglich, daß ich niemandem, niemandem auf der Welt etwas Gutes getan habe, weil ich es eben nicht tun konnte – sogar mein Äußeres ist unglücklich ... Alle aber haben mir Gutes erwiesen! Du als der erste: sehe ich’s denn nicht?! Ich habe nur immer geschwiegen, geschwiegen!“

„Wassjä, höre auf!“

„Nun, was denn, was denn, Arkascha! ... Ich habe doch nichts ...“ unterbrach sich Wassjä, der vor Tränen kaum sprechen konnte. „Ich habe dir gestern von Juljan Mastakowitsch erzählt. Du weißt doch selbst, wie streng er sonst ist, und wie rauh. Du selbst hast manche Bemerkung von ihm einstecken müssen, mit mir aber hat er gestern gescherzt und mir sein gutes Herz gezeigt, das er allen anderen gegenüber verbirgt ...“

„Nun, Wassjä? Das zeigt doch nur, daß du dessen würdig bist.“

„Ach, Arkascha! Wie gern, wie gern würde ich dies Ganze erledigt haben! ... Ich vernichte ja mein Glück damit! Ich habe so ein Vorgefühl! Nein, nicht dadurch,“ unterbrach sich Wassjä, als er bemerkte, daß Arkadij nach dem dicken Papierstoß auf dem Tisch schielte, „das hat nichts zu sagen, das ist beschriebenes Papier, Unsinn! Diese Sache ist erledigt ... Ich, Arkascha, ich war heute bei ihnen ... Ich bin nicht hineingegangen. – Es war mir zu schwer zumut! Ich stand nur an der Tür. Sie spielte auf dem Klaviers, ich hörte es draußen. Siehst du, Arkadij,“ sagte er mit leiser Stimme, „ich wagte nicht einzutreten ...“

„Höre, Wassjä, was fehlt dir? Du siehst mich so seltsam an?“

„Nein, nichts! Mir ist nicht ganz wohl, meine Kniee zittern, das kommt daher, weil ich die Nacht über auf war! Ein Schleier liegt mir vor den Augen. Und hier, hier ...“

Er wies auf sein Herz und zugleich sank er auch schon ohnmächtig zusammen.

Als er wieder zu sich kam, wollte Arkadij strenge Maßregeln ergreifen. Er wollte ihn mit Gewalt ins Bett legen. Wassjä willigte aber nicht ein, Arkadij konnte reden, was er wollte. Er weinte, rang die Hände, wollte mit aller Gewalt weiterschreiben und seine Seite beenden. Um ihn nicht unnötig aufzuregen, ließ ihn Arkadij schließlich zu seinen Papieren.

„Siehst du,“ sagte Wassjä, sich auf seinen Platz setzend, „ich habe eine Idee, eine Hoffnung. Siehst du: ich werde ihm übermorgen nicht alles bringen. Von dem Rest sage ich ihm, daß es verbrannt ist oder verloren gegangen ... kurz ... – Nein, ich kann nicht lügen. Ich werde ihm lieber alles erklären, werde sagen, wie es gekommen ist, daß ich einfach nicht konnte. Ich werde ihm von meiner Liebe erzählen: er hat ja selbst erst vor kurzem geheiratet, er wird mich verstehen! Ich werde alles das, versteht sich, ihm bescheiden und demütig mitteilen, er wird meine Tränen sehen, sie werden ihn rühren ...“

„Ja, das ist klug von dir, gehe, gehe zu ihm, erkläre dich ihm ... Tränen sind dazu nicht nötig! Warum denn Tränen? Aber weißt du, Wassjä, du hast mir einen tüchtigen Schrecken eingejagt.“

„Schön, ich werde also gehen, ich werde also gehen. Jetzt aber laß mich schreiben, laß mich, Arkascha. Ich störe niemanden, laß auch du mich ruhig schreiben!“

Arkadij warf sich aufs Bett. Er traute Wassjä nicht, er traute ihm wirklich nicht. Wassjä war zu allem fähig. Doch um Entschuldigung bitten, warum!? Die Sache lag ja gar nicht so. Die Sache war doch die, daß Wassjä tatsächlich seine Pflicht nicht erfüllt hatte, daß er vor sich selbst schuldig war und seinem Schicksal gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte, daß Wassjä sich niedergedrückt und seines Glückes nicht würdig fühlte und daß er schließlich sich einen Vorwand suchte und seit dem gestrigen Tage, erschüttert durch die Plötzlichkeit aller Geschehnisse, wie er war, noch nicht recht zu sich kommen konnte: ja: so war es! sagte sich Arkadij Iwanowitsch. Deshalb muß man ihn retten, muß ihn mit sich selbst aussöhnen! Und Arkadij dachte noch lange nach und beschloß, unverzüglich zu Juljan Mastakowitsch zu gehen, wenn möglich schon morgen, und ihm alles zu erzählen.

Wassjä saß und schrieb. Der gequälte Arkadij Iwanowitsch legte sich von neuem auf sein Bett, um noch weiter über die Sache nachzudenken, schlief ein und erwachte erst beim Morgengrauen.

„Ach, Teufel! Wieder!“ rief er aus, als er Wassjä erblickte; der saß und schrieb.

Arkadij stürzte zu ihm, umarmte ihn und brachte ihn mit aller Gewalt auf sein Bett. Wassjä lächelte nur: seine Augen fielen ihm vor Müdigkeit zu. Er konnte kaum sprechen.

„Ich wollte mich selbst hinlegen,“ sagte er. „Weißt du, Arkadij, ich habe die Idee, daß ich’s doch noch beenden werde. Ich habe schneller, immer schneller geschrieben. Doch noch länger zu sitzen – dazu bin ich unfähig ... wecke mich um acht Uhr ...“

Er konnte nicht mehr weiter und schlief wie ein Toter ein.

„Mawra!“ wandte sich flüsternd Arkadij Iwanowitsch an die Magd, die gerade den Tee hereinbrachte, „er bat mich, ihn nach einer Stunde zu wecken. Das darf aber unter keiner Bedingung geschehen! Er soll womöglich zehn Stunden hintereinander schlafen, verstehst du?“

„Verstehe, Herr, verstehe.“

„Das Mittagessen brauchst du nicht zu bereiten, nicht das Holz hereinzuschleppen, überhaupt darfst du nicht lärmen, sieh dich vor! Wenn er nach mir fragen sollte, so sage ihm, ich sei in den Dienst gegangen, verstehst du?“

„Ich verstehe, Herr, verstehe, möge er sich ausruhen nach Belieben, was geht’s mich an! Ich freue mich über den Schlaf meines Herrn und bemühe mich, über ihn zu wachen. Was aber die zerschlagene Tasse anbelangt, wegen der Sie mir Vorwürfe machten – das war gar nicht ich, das war die Katze, die sie zerschlagen hat, ich werde es ihr noch zeigen!“

„Tss, sei still!“

Arkadij Iwanowitsch führte Mawra in die Küche, verlangte von ihr den Schlüssel und schloß sie dort ein. Darauf begab er sich in den Dienst. Auf dem Wege überlegte er sich’s, wie er sich bei Juljan Mastakowitsch melden lassen sollte und ob es nicht vielleicht anmaßend sei, es zu tun? Im Büro erschien er sehr schüchtern, fast zaghaft erkundigte er sich, ob Seine Exzellenz da sei; man antwortete ihm, nein, und Exzellenz würden heute wohl überhaupt nicht kommen. Arkadij Iwanowitsch wollte im ersten Augenblick zu ihm in die Wohnung gehen, doch fiel es ihm noch zur rechten Zeit ein, daß ja Juljan Mastakowitsch, wenn er hier nicht erschienen war, dann ganz bestimmt zu Hause dringend beschäftigt sein mußte. Er blieb also im Büro. Die Stunden schienen ihm unendlich lang zu sein. Unterderhand erkundigte er sich nach der Abschrift, mit der Schumkoff beauftragt worden war. Doch niemand wußte etwas von der Angelegenheit. Man wußte nur, daß Juljan Mastakowitsch ihn mit besonderen Aufträgen beschäftigte, mit was für welchen aber – das wußte niemand zu sagen. Schließlich schlug es drei Uhr und Arkadij Iwanowitsch stürzte nach Haus. Auf der Treppe des Dienstgebäudes redete ihn ein Schreiber an und sagte, daß Wassilij Petrowitsch Schumkoff um ein Uhr dagewesen sei und gefragt habe, ob er, Arkadij, da sei, und ferner, ob Juljan Mastakowitsch dagewesen wäre. Als Arkadij Iwanowitsch das hörte, nahm er eine Droschke und fuhr außer sich vor Angst und Schrecken nach Hause.

Schumkoff war zu Hause. Er ging erregt im Zimmer auf und ab. Als er Arkadij Iwanowitsch erblickte, nahm er sich sofort zusammen und beeilte sich sichtlich, seine Erregung zu verbergen. Er setzte sich schweigend an die Arbeit. Offenbar wollte er den Fragen seines Freundes ausweichen. Fast schien er sich durch ihn belästigt zu fühlen und die Absicht zu haben, von seinen Entschlüssen jetzt nichts mehr verlauten zu lassen, da er sich, wie er wohl denken mochte, auf die Freundschaft des anderen ja doch nicht verlassen konnte. Arkadij fühlte das wohl und sein Herz krampfte sich zusammen. Er setzte sich aufs Bett und schlug ein Buch auf, das einzige, welches in seinem Besitz war – wandte aber keinen Blick von dem armen Wassjä. Wassjä schwieg hartnäckig, schrieb und blickte nicht auf. So vergingen einige Stunden und Arkadijs Qualen stiegen aufs höchste. Schließlich, gegen elf Uhr abends, erhob Wassjä seinen Kopf und sah mit stumpfem, unbeweglichem Blick Arkadij an. Arkadij wartete schweigend. Es vergingen zwei bis drei Minuten! Wassjä schwieg immer noch. „Wassjä!“ rief Arkadij endlich. Doch Wassjä gab keine Antwort. „Wassjä!“ wiederholte er und sprang vom Bett auf. „Wassjä, was fehlt dir? Was hast du?“ rief er aus und lief zu ihm hin. Wassjä hob den Kopf und sah ihn mit demselben stumpfen und unbeweglichen Ausdruck an. „Er hat einen Krampf!“ dachte Arkadij, und dabei überlief ihn ein Schauer. Er griff nach der Karaffe mit Wasser und goß Wassjä das Wasser über den Kopf, befeuchtete seine Schläfen, rieb ihm die Hände, und richtig, Wassjä kam wieder zu sich. „Wassjä, Wassjä!“ Arkadij brach in Tränen aus: er konnte sich nicht mehr beherrschen. „Wassjä, richte dich doch nicht zugrunde, besinne dich doch, Wassjä! ...“ Er verstummte und nahm Wassjä in seine Arme. Ein sonderbarer Ausdruck lag auf Wassjäs Gesicht: er rieb sich die Stirn und griff nach seinem Kopf, als fürchte er, daß er ihm zerspränge ...

„Ich weiß nicht, was mit mir ist!“ sagte er endlich, „ich glaube ... Aber beunruhige dich nicht, Arkadij, beunruhige dich nicht, es ist alles gut!“ fügte er, ihn mit traurigen Augen ansehend, hinzu. „Laß gut sein, laß gut sein!“

„Du – du beruhigst noch mich!“ rief Arkadij, dessen Herz in Stücke zerriß. „Wassjä,“ sagte er dann, „lege dich endlich zu Bett, schlaf ein wenig, was meinst du? Quäle dich doch nicht umsonst! Besser, du setzt dich nachher wieder an die Arbeit!“

„Schon gut, schon gut!“ wiederholte Wassjä, „ja: Ich werde mich hinlegen: schon gut; ja! Siehst du, ich wollte es nämlich beenden, aber jetzt habe ich mich doch bedacht ... ja ...“

Und Arkadij schleppte ihn zu Bett.

„Höre, Wassjä,“ sagte er entschlossen, „mit dieser Sache muß ein Ende gemacht werden! Sage mir, was hast du dir gedacht?“

„Ach!“ sagte Wassjä, winkte mit der Hand schwach ab und wandte seinen Kopf auf die andere Seite.

„Schön, Wassjä, schön! Entschließe dich, ich will nicht zu deinem Mörder werden, ich kann nicht länger schweigen! Du wirst nicht eher einschlafen, bis du dich nicht zu etwas Bestimmtem entschlossen haben wirst, ich weiß es.“

„Wie du willst, wie du willst,“ wiederholte rätselhaft Wassjä.

„Er ergibt sich,“ dachte Arkadij Iwanowitsch.

„Folge mir doch, Wassjä,“ sagte er, „denke daran, was ich dir gesagt habe: ich kann dich ja retten; morgen – morgen werde ich dein Schicksal entscheiden! Was sage ich: Schicksal!? Du hast mich so bange gemacht, Wassjä, daß ich schon anfange, deine Worte zu wiederholen. Was für ein Schicksal! Das ist ja Unsinn! Du willst nicht die Liebe und Zuneigung Juljan Mastakowitschs verlieren, ja! Und du wirst sie auch nicht verlieren, du wirst sehen ... Ich ...“

Arkadij Iwanowitsch hätte noch weiter gesprochen, aber Wassjä unterbrach ihn. Er richtete sich auf, umschlang schweigend mit beiden Händen Arkadij Iwanowitsch und küßte ihn.

„Schon gut!“ sagte er mit schwacher Stimme, „schon gut! Genug davon!“

Und wieder kehrte er seinen Kopf weg zur Wand.

„Mein Gott!“ dachte Arkadij. „Mein Gott! Was ist mit ihm? Er ist ganz und gar von Sinnen: was mag er vorhaben? Er wird sich ja zugrunde richten!“

Arkadij sah voll Verzweiflung auf ihn.

„Wenn er doch wirklich krank werden würde,“ dachte Arkadij, „das wäre vielleicht noch das Beste. Durch die Krankheit würde er dann aller Sorgen enthoben sein und man würde die Sache auf eine ganz ausgezeichnete Weise beilegen können. Doch was sage ich? Ach, du mein großer Gott ...“

Inzwischen schien Wassjä eingeschlafen zu sein. Arkadij Iwanowitsch freute sich über das gute Zeichen, wie er es auslegte, und beschloß bei sich, die ganze Nacht an Wassjäs Bett zu bleiben. Doch Wassjä schien nicht zur Ruhe zu kommen, er bewegte sich alle Augenblick, warf sich im Bett herum und öffnete von Zeit zu Zeit die Augen. Schließlich aber nahm die Müdigkeit doch überhand und er schlief ein wie ein Toter. Es war gegen zwei Uhr morgens, als Arkadij Iwanowitsch, mit den Ellenbogen auf den Tisch gestützt, auf seinem Stuhl ebenfalls einschlief.

Er hatte einen sehr unruhigen und sonderbaren Traum. Ihm war es, als wache er, während Wassjä noch immer auf dem Bett lag. Doch sonderbarerweise war das nur eine Verstellung von Wassjä, er hinterging Arkadij, stand vom Bett auf und setzte sich an den Schreibtisch. Schmerz ergriff Arkadij, er war tief traurig und konnte es kaum ertragen, als er so sehen mußte, wie Wassjä ihn hinterging. Er wollte nach ihm greifen, ihn rufen und aufs Bett zurücktragen. Wassjä schrie aber laut auf und als Arkadij zusah, hielt er nur seine Leiche im Arm. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, sein Herz klopfte heftig. Er erwachte und öffnete die Augen. Wassjä saß vor ihm am Tisch und – schrieb.

Arkadij wollte seinen Augen nicht trauen und blickte aufs Bett: aber nein, da war Wassjä nicht! Arkadij sprang auf, noch ganz unter dem Eindruck seines Traumes. Wassjä aber rührte sich nicht. Er schrieb immer weiter. Voll Entsetzen bemerkte plötzlich Arkadij, daß Wassjä immer nur mit der trockenen Feder übers Papier fuhr, die weißen Seiten umblätterte und sich eilte und eilte, ganz, als wäre er emsig an seiner Arbeit! „Nein, das da ist kein Krampf!“ dachte Arkadij Iwanowitsch und erzitterte am ganzen Körper. „Wassjä, Wassjä! Antworte mir doch!“ rief er und packte ihn an der Schulter. Doch Wassjä schwieg und fuhr fort, mit trockener Feder auf dem Papier weiter zu schreiben.

„Endlich, endlich schreibt meine Feder so schnell, wie ich will,“ sagte er und blickte Arkadij an.

Arkadij ergriff seine Hand und entriß ihm die Feder.

Ein Stöhnen kam aus Wassjäs Brust. Er ließ die Arme sinken und sah Arkadij an, dann griff er sich mit einem quälenden, traurigen Ausdruck an die Stirn, als wollte er einen schweren eisernen Ring entfernen, der dort lag und ließ dann leise, wie in Nachdenken versunken, seinen Kopf auf die Brust fallen.

„Wassjä, Wassjä!“ rief Arkadij Iwanowitsch verzweifelt. „Wassjä!“

Nach einiger Zeit sah Wassjä ihn an. Tränen standen in seinen großen blauen Augen und das bleiche Gesicht drückte eine unendliche Qual aus ... Er flüsterte etwas.

„Was, was sagst du?“ rief Arkadij und beugte sich zu ihm.

„Warum nur ich, warum nur ich?“ flüsterte Wassjä, „warum? Was habe ich denn getan?“

„Wassjä! Was ist dir! wen fürchtest du, Wassjä? Sprich!“ rief Arkadij und rang die Hände in Verzweiflung.

„Warum will man denn mich zu den Soldaten geben?“ flüsterte Wassjä weiter und sah fragend in die Augen seines Freundes, „warum mich? Was habe ich denn getan!“

Arkadij schauderte vor Entsetzen: er wollte, er konnte es nicht glauben. Wie gebrochen stand er da.

Im nächsten Augenblick faßte er sich wieder: „Das ist nur so, das ist vorübergehend!“ sagte er zu sich, bleich mit blauen, zitternden Lippen und kleidete sich an. Er wollte sofort zu einem Doktor laufen. Plötzlich rief ihn Wassjä. Arkadij stürzte zu ihm und umarmte ihn besorgt, wie eine Mutter ihr Kind ...

„Arkadij, Arkadij, sage es niemandem! Hörst du! Mein Unglück will ich allein tragen ...“

„Was hast du? Was hast du? besinne dich doch, Wassjä, besinne dich doch!“

Wassjä seufzte und leise Tränen liefen über seine Wangen.

„Warum sie vernichten? Was hat sie denn für eine Schuld daran? ...“ murmelte er gequält und herzzerreißend. „Meine Sünde ist es, meine Sünde! ...“

Er schwieg einen Augenblick.

„Lebe wohl, meine Geliebte! Lebe wohl, meine Geliebte!“ flüsterte er und wiegte seinen armen Kopf. Arkadij zuckte zusammen, raffte sich dann auf und wollte zum Doktor ... „Gehen wir! Es ist Zeit!“ rief Wassjä, der die Bewegung Arkadijs bemerkt hatte. „Gehen wir, Bruder, gehen wir! ich bin bereit! Du wirst mich begleiten.“ Er verstummte und sah Arkadij vernichtet und zugleich mißtrauisch an.

„Wassjä, komme mir nicht nach, um Gottes willen! Erwarte mich hier. Ich werde sofort, sofort zu dir zurückkehren,“ sagte Arkadij Iwanowitsch, der selbst den Kopf verloren hatte. Und er griff nach seiner Mütze, um nach dem Doktor zu laufen. Wassjä setzte sich wieder hin, er war still und gehorsam, nur in seinen Augen blitzte eine verzweifelte Entschlossenheit. Arkadij kehrte noch einmal zurück, ergriff vom Tisch das Federmesser, sah noch zum letztenmal nach dem Armen und lief zur Wohnung hinaus.

Es war acht Uhr morgens. Das Licht hatte bereits die Dämmerung im Zimmer verdrängt.

Er fand niemanden. Er lief eine ganze Stunde umher. Alle Ärzte, deren Adressen er von den Hausverwaltern erfuhr, bei denen er sich erkundigte, ob nicht ein Doktor im Hause wohne, waren bereits ausgefahren: in ihre Praxis oder in ihren privaten Angelegenheiten. Nur einen traf er schließlich zu Hause. Dieser fragte lange und umständlich seinen Diener, der Arkadij anmeldete: wer und woher der Herr sei, aus welchem Grunde er käme und aus welchen Verhältnissen der frühe Besucher zu sein scheine – bis er dann schließlich doch zu dem Entschluß kam, daß es ihm nicht möglich sei, ihn zu empfangen, da er viel zu tun habe und nicht ausfahren könne, und daher Arkadij sagen ließ, diese Art von Kranken müsse man in ein Krankenhaus bringen.

Da ließ der verzweifelte und erschütterte Arkadij, der ein solches Ergebnis denn doch nicht erwartet hatte, alles stehen und liegen, wie es war, alle Ärzte, die es auf der Welt gab, und begab sich nach Haus, in höchster Angst um Wassjä. Er lief in die Wohnung. Mawra wischte gerade den Fußboden auf, ganz, als wäre nichts geschehen und brach kleine Hölzchen entzwei, um den Ofen anzuzünden. Er stürzte ins Zimmer: aber Wassjä war nicht da!

„Wohin? Wohin nur? Wohin mag der Unglückliche gelaufen sein?“ fragte sich Arkadij im höchsten Schreck. Und er fing an, Mawra auszufragen. Die aber wußte nichts, hatte Wassjä weder gehört noch gesehen. „Gott sei ihm gnädig!“ sagte Arkadij und lief zu den Kolomnaschen.

Jawohl: dort, nur dort konnte er sein!

Es war bereits zehn Uhr, als er bei ihnen ankam. Aber auch Lisenka und ihre Mutter hatten nichts gehört, nichts gesehen. Arkadij stand ganz verstört vor ihnen und fragte immer nur, wo Wassjä sei. Die Alte trugen ihre Füße nicht mehr, und sie fiel auf den Diwan hin. Lisenka, die am ganzen Körper zitterte, begann ihn über das Geschehene auszufragen. Doch – was sollte er ihr sagen? Arkadij Iwanowitsch versuchte, sich so schnell als möglich von ihnen loszumachen, er dachte sich irgendeine Ausrede aus, die ihm natürlich nicht geglaubt wurde, lief davon und ließ sie erschüttert und in Sorgen um Wassjä zurück. Er begab sich in sein Büro, um die Nachricht zu überbringen und darauf hinzuwirken, daß man so schnell als möglich Maßregeln ergriff. Unterwegs kam ihm der Gedanke, daß Wassjä ja zu Juljan Mastakowitsch gegangen sein könne. Das war wohl auch am ehesten anzunehmen! Arkadij hatte bereits vorher, noch bevor er zu den Kolomnaschen gegangen war, an diese Möglichkeit gedacht. Als er am Hause der Exzellenz vorübergefahren war, hatte er schon anhalten lassen wollen, aber er hatte dann doch wieder dem Kutscher befohlen, weiterzufahren. Er wollte lieber erst im Büro nach Wassjä fragen und erst dann, wenn er dort nicht sein sollte, sich zu Seiner Exzellenz begeben, und wär’s auch nur, um Bericht zu erstatten. Irgend jemand mußte es doch tun!

Kaum war er in den Vorraum eingetreten, als ihn auch schon einige jüngere Kollegen umringten, die alle im gleichen Rang mit ihm standen, und ihn fragten, was mit Wassjä geschehen sei? Und alle sprachen sie davon, daß Wassjä den Verstand verloren habe und sich einbilde, er müsse zu den Soldaten, weil er sich ein Versäumnis im Dienst habe zuschulden kommen lassen. Arkadij Iwanowitsch antwortete auf die Fragen, die auf ihn einstürmten, oder besser gesagt, er antwortete niemandem etwas Rechtes, und beeilte sich nur so schnell wie möglich in die inneren Gemächer zu kommen. Auf dem Wege dorthin erfuhr er, daß Wassjä im Kabinett Juljan Mastakowitschs sei, und daß sich die meisten der Vorgesetzten gleichfalls dorthin begeben hatten. Vor der Tür wurde er zurückgehalten. Einer von den höheren Beamten fragte ihn, was er wünsche? Doch ohne den Herrn recht zu erkennen, sagte er irgend etwas über Wassjä und ging geradeaus auf das Kabinett zu. Er war noch draußen, als er schon die Stimme Juljan Mastakowitschs hörte.

„Wohin wollen Sie?“ fragte ihn wieder jemand.

Arkadij Iwanowitsch verlor fast den Mut und wäre beinahe schon umgekehrt – als er gerade durch die geöffnete Tür seinen armen Freund Wassjä erblickte. Und nun zwängte er sich durch die Tür in das Zimmer hinein. Dort herrschte große Aufregung und Verwirrung. Juljan Mastakowitsch schien sehr aufgeregt zu sein. Um ihn herum standen alle die höheren Beamten, sprachen hin und her und wußten nicht, wozu sie sich entschließen sollten. Weiter abseits stand Wassjä. In der Brust Arkadijs erstarb alles, wie er ihn so stehen sah. Wassjä stand da: bleich, mit erhobenem Kopfe, die Hände stramm an der Hosennaht, ganz als wäre er wirklich ein Rekrut und stände vor seinen Vorgesetzten. Er blickte starr Juljan Mastakowitsch in die Augen. Arkadij wurde natürlich sofort bemerkt, und da einige wußten, daß er Wassjäs Freund und Stubengenosse war, so meldete man dies sofort Seiner Exzellenz. Man führte Arkadij vor. Er wollte die ihm gestellten Fragen beantworten, aber als er auf Juljan Mastakowitsch sah und auf dessen Gesicht Trauer und Mitleiden erblickte, da schluchzte er laut auf wie ein Kind. Er tat noch mehr: er ergriff die Hand Seiner Exzellenz und drückte sie an seine Augen und benetzte sie mit seinen Tränen, so daß Seine Exzellenz genötigt war, sie ihm zu entziehen. Er winkte mit der Hand ab und sagte nur: „Schon gut, lieber Mensch, ich sehe, daß du ein gutes Herz hast.“ Arkadij schluchzte und warf den Umstehenden flehende Blicke zu. Ihm kam es so vor, als wären sie alle Brüder seines armen Wassjä, die ebenso um ihn trauerten, wie er selbst. „Wie – ja wie ist denn das mit ihm geschehen?“ fragte Juljan Mastakowitsch. „Weshalb hat er seinen Verstand verloren?“

„Aus Dan–Dan–Dankbarkeit!“ konnte Arkadij Iwanowitsch kaum antworten.

Diese Antwort setzte alle in Verwunderung: allen schien sie sonderbar und unverständlich: wie konnte wohl ein Mensch aus Dankbarkeit den Verstand verlieren? Arkadij versuchte es zu erklären, so gut er’s konnte.

„Gott, wie traurig!“ rief Juljan Mastakowitsch aus, „und dabei hatte die Arbeit, mit der ich ihn beauftragt, durchaus keine Eile. Wegen nichts hat sich der Mensch zugrunde gerichtet! ...“ Juljan Mastakowitsch wandte sich dann von neuem an Arkadij Iwanowitsch und fragte ihn noch weiter aus: „er bittet,“ sagte er und wies auf Wassjä, „daß man es nicht ‚Ihr‘, wohl irgendeinem jungen Mädchen, sagen möge – ist es seine Braut?“

Arkadij erzählte. In der Zwischenzeit bemühte sich Wassjä ersichtlich, über irgend etwas nachzudenken: mit der größten Anstrengung versuchte er, sich irgendeiner sehr wichtigen und nötigen Sache zu erinnern, von der er wohl glaubte, daß sie ihm im Augenblicke sehr zustatten käme. Mit fragenden und zugleich gequälten Blicken sah er seine Umgebung an, als hoffte er, andere würden sich vielleicht der Sache erinnern, die er vergessen hatte. Er richtete seine Augen auf Arkadij – und plötzlich flammte in seinen Augen eine Hoffnung auf. Er trat mit dem einen Fuß einen Schritt vor, ging dann noch drei Schritte weiter und schlug schließlich so stramm, wie es ihm möglich war, mit dem rechten Bein ans linke: so, wie es die Soldaten tun, wenn sie von einem Offizier gerufen und angesprochen werden. Alle warteten gespannt, was nun geschehen würde.

„Ich habe einen körperlichen Fehler, Eure Exzellenz, ich bin schwach und klein von Wuchs, und tauge nicht zum Dienst,“ stieß er endlich abgebrochen hervor.

Alle, die im Zimmer waren, fühlten wohl, wie sich ihnen in diesem Augenblick das Herz zusammenzog. Juljan Mastakowitsch war erschüttert, obgleich er sonst keinen allzu weichen Charakter hatte. „Führt ihn fort,“ sagte er und winkte mit der Hand ab.

„Meine Stirn!“ sagte Wassjä halblaut vor sich hin, drehte sich linksum und ging aus dem Zimmer. Alle, die an seinem Schicksal Anteil nahmen, stürzten ihm nach. Auch Arkadij drängte sich mit ihnen hinaus. Man mußte noch auf den Wagen warten, der Wassjä ins Krankenhaus bringen sollte. Man führte ihn deshalb so lange in den Vorraum. Hier saß er schweigend da, offenbar in großen Sorgen. Wen er wiedererkannte, dem nickte er mit dem Kopfe zu, als wollte er sich von ihm verabschieden. Jeden Augenblick sah er nach der Tür und schien sich darauf vorzubereiten, daß man „jetzt“ sagte. Um ihn herum hatte sich ein enger Kreis gebildet: alle redeten sie und schüttelten mit den Köpfen. Viele wunderten sich über die Geschichte, die nun bekannt geworden war; die einen redeten voll Eifer darüber; andere wiederum bemitleideten Wassjä und lobten ihn, weil er ein so bescheidener, stiller junger Mann gewesen sei, und so viel versprochen hätte: man erzählte sich, wie strebsam er gewesen, wie wissensdurstig und lernbegierig. „Mit eigenen Kräften hat er sich aus niederem Stande emporgearbeitet!“ bemerkte irgend jemand. Mit Rührung sprach man auch von seiner Anhänglichkeit an die Exzellenz. Einige konnten sich nicht erklären, wie Wassjä sich nur in den Kopf gesetzt und darüber den Verstand verloren hatte, daß man ihn zu den Soldaten geben würde, wenn er seine Arbeit nicht beendete. Man erzählte sich, daß der Arme vor nicht langer Zeit noch ein Leibeigener gewesen sei und es nur Juljan Mastakowitsch, der in ihm Talent, Gehorsam und eine seltene Bescheidenheit entdeckt, zu verdanken hatte, daß er eine Anstellung erhielt. Kurz, es gab viele solcher Meinungen und Gespräche. Besonders bemerkbar durch seine Aufregung machte sich ein Kollege von Wassjä, ein Männchen von sehr kleinem Wuchs in den Dreißigern. Er war weiß wie ein Tuch, zitterte am ganzen Körper und lächelte so sonderbar, vielleicht, weil eine jede Skandalszene und ein jedes schreckliche Erlebnis die Zuschauer erschreckt und doch zugleich auch unterhält, fast erfreut. Dieser hier lief um den kleinen Kreis herum, der sich um Schumkoff gebildet hatte, und da er, wie gesagt, klein von Wuchs war, so stellte er sich auf die Zehenspitzen und faßte jeden am Rockknopf, dem gegenüber er sich das erlauben konnte, und versicherte allen, daß er wisse, woher das alles gekommen und daß es ein klarer, aber schwerer Fall sei, den man nicht so einfach behandeln könne: er erhob sich dann wieder auf die Fußspitzen und flüsterte seinem Zuhörer etwas ins Ohr, nickte mehrmals heftig mit dem Kopfe und lief wieder weiter. Schließlich nahm die Szene ein Ende. Ein Wärter und ein Arzt aus der Irrenanstalt erschienen. Sie gingen auf Wassjä zu und sagten ihm, daß er mit ihnen fahren müsse. Wassjä sprang sofort auf, sah sich eifrig und doch gleichzeitig fragend im Kreise um und folgte ihnen. Plötzlich schien er jemanden mit den Augen zu suchen! „Wassjä, Wassjä!“ rief schluchzend Arkadij Iwanowitsch. Wassjä blieb stehen und Arkadij näherte sich ihm. Sie umarmten sich beide zum letztenmal, und wollten von einander nicht lassen. Es war schrecklich anzusehen. Welch ein Schicksal preßte ihnen die Tränen aus den Augen! Worüber weinten sie beide? Wo lag das Unglück? Warum verstanden sie einander nicht mehr?

„Da, da, nimm! Verwahre es!“ sagte Schumkoff und drückte Arkadij ein Stückchen Papier in die Hand. „Sie würden es mir fortnehmen. Bringe es mir später; bring es mir! hörst du; verwahre es gut“ ... Wassjä durfte nicht weiter sprechen. Man rief ihn. Er lief eilig die Treppe hinab und nickte allen mit dem Kopfe zum Abschied zu. Verzweiflung lag auf seinem Gesicht. Man setzte ihn in einen geschlossenen Wagen. Die Pferde zogen an und fort ging es. Arkadij öffnete das Stück Papier: Lisas schwarze Locke lag darin. Was mochte in Wassjä vorgegangen sein, als er sich von ihr trennte. Heiße Tränen stiegen Arkadij in die Augen: „Ach, arme Lisa!“

Nach Schluß des Büros ging er zu den Kolomnaschen. Ich kann nicht erzählen, was dort geschah! Sogar Petjä, der kleine Petjä, der doch noch nicht begreifen konnte, was mit dem guten Wassjä geschehen war, ging in die Ecke, bedeckte sein Gesicht mit den kleinen Händchen und schluchzte, als ob ihm sein Kinderherz brechen wollte. Es wurde Abend, als Arkadij nach Hause zurückkehrte. Als er über die Newa ging, blieb er einen Augenblick stehen und sah mit durchdringendem Blick über den Fluß in die rauchige, kaltneblige Ferne, die gerötet war von der letzten, blutig purpurnen Abendsonne.

Die Nacht senkte sich über die Stadt und die ganze unübersehbare tote Schneefläche der Newa glänzte, vom letzten Strahl der Sonne beschienen, in unendlichen Myriaden von diamantenen Funken. Es war eine Kälte von zwanzig Grad. Steifer Dunst ballte sich um die vielen jagenden Pferde und laufenden Menschen. Die Luft erzitterte beim geringsten Laut, und wie Riesen erhoben sich zu beiden Seiten der Ufer in den kalten Himmel die Rauchsäulen der Häuser, schoben sich und schichteten sich übereinander, während sie aufstiegen, und es war, als ob neue Gebilde und Gebäude über der alten eine neue Stadt in den Wolken bildeten ... als ob sich diese ganze Welt, mit all ihren Bewohnern, den starken und den schwachen, mit ihren Behausungen der Armen und den Palästen der Reichen und Mächtigen der Erde in dieser Dämmerstunde in einen phantastischen Traum verwandelte, der aus dem Dunst zu dem dunkelblauen Himmel aufstieg, um sich in ihm aufzulösen und im Wesenlosen zu vergehen ... Ein sonderbares Gefühl überkam den verwaisten Freund des armen Wassjä. Er schrak zusammen, und plötzlich strömte, durch ein mächtiges, ihm bis jetzt ganz ungeahntes Gefühl, eine heiße Blutwelle in sein Herz. Er begriff mit einem Male den Sinn des ganzen Geschehnisses, begriff, warum Wassjä sein Glück nicht tragen konnte und seinen Verstand verloren hatte. Seine Lippen zitterten, seine Augen glänzten, er erbleichte vor dem Neuen, das in ihm erstand ...

Seit der Zeit war Arkadij finster und verschlossen und hatte ganz seine frühere Fröhlichkeit verloren. Seine Wohnung wurde ihm unerträglich – er nahm sich eine andere. Nach zwei Jahren begegnete er ganz zufällig Lisenka in der Kirche. Sie war verheiratet: ihr folgte eine Amme mit einem Kinde auf dem Arm. Sie begrüßten einander und vermieden es lange Zeit, von der Vergangenheit auch nur zu sprechen. Lisa erzählte, daß sie glücklich und auch nicht mehr so arm sei wie früher, daß ihr Mann ein guter Mensch wäre und sie liebhabe ... Doch plötzlich, mitten in ihrer Rede, stockte sie, ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie wandte sich ab und senkte ihren Kopf über ein Betpult, um vor den Menschen ihre Trauer zu verbergen.

Ein Roman in neun Briefen