Chapter 3 of 15 · 4322 words · ~22 min read

III.

Die ganze Nacht verbrachten sie in Aufregung bei dem Kranken. Am anderen Tage ging Ordynoff trotz der eigenen noch nicht überstandenen Krankheit schon frühmorgens hinaus. Auf dem Hofe traf er wieder den Hausknecht. Diesmal grüßte der Tatar schon von weitem und blickte ihn neugierig an, schien sich aber plötzlich zu besinnen und machte sich an seinem Besen etwas zu schaffen – schielte aber doch heimlich nach Ordynoff hinüber, der sich langsam näherte.

„Nun, hast du in der Nacht nichts gehört?“ fragte ihn Ordynoff.

„Hab’ wohl gehört.“

„Was ist das für ein Mensch? Wer ist er überhaupt?“

„Hast selber gemietet, mußt selber wissen. Nicht meine Sache.“

„Zum Teufel, Bursche, sprich, wenn ich dich frage!“ rief Ordynoff wütend in einer krankhaften Gereiztheit, die ihm an sich selbst ganz neu war.

„Was denn? Ist doch nicht meine Schuld. Deine eigene Schuld – hast Menschen erschreckt. Unten wohnt der Sargmacher, der hört sonstig nichts, aber heut hat er doch gehört, und seine Alte ist sonstig taub auf beiden Ohren, hat’s aber auch gehört, und auf dem anderen Hof, was schon weit genug ist, hat man’s auch gehört – da siehst du! Ich werde auf die Polizei gehen.“

„Nicht nötig, ich gehe bereits,“ sagte Ordynoff und wandte sich zur Pforte.

„Meinetwegen – hast selber gemietet ... Herr, Herr, wart!“ Ordynoff sah sich um; der Hausknecht berührte höflich die Mütze.

„Nun?“

„Wenn du gehst, geh ich zum Hauswirt.“

„Und?“

„Zieh lieber aus.“

„Du bist dumm,“ versetzte Ordynoff und wandte sich von neuem zum Gehen.

„Herr, Herr, wart doch!“ Der Hausknecht berührte wieder die Mütze und grinste halb verlegen: „Herr, ich möchte was raten: halt lieber dein Herz fest. Wozu armen Mensch verfolgen? Weißt doch – das ist Sünde. Gott sagt auch, das soll man nicht – weißt doch selber!“

„Nun höre mal – hier, nimm dies. Und nun sage mir: wer ist er?“

„Wer er ist?“

„Ja.“

„Ich sag’ auch ohne Geld.“

Hier griff er wieder nach dem Besen, fegte ein-, zweimal, sah dann wieder auf und blickte Ordynoff mit wichtiger Miene musternd an.

„Du bist ein guter Herr. Willst du nicht mit guten Menschen leben, dann nicht, ganz nach deinem Belieben. Da hast du gehört, was ich meine.“

Hieran blickte ihn der Tatar noch ausdrucksvoller an, schien aber, als er Ordynoffs Gleichgültigkeit bemerkte, gekränkt zu sein und machte sich wieder mit seinem Besen zu schaffen. Endlich tat er, als habe er die Arbeit beendet, näherte sich mit geheimnisvoller Miene Ordynoff, machte eine eigentümliche Geste, deren Bedeutung Ordynoff jedoch gleichfalls unverständlich blieb, und flüsterte:

„Er ist – verstehst du!“

„Was?“

„Verstand ist fort.“

„Wieso?“

„Wenn ich dir sage! Ich weiß, was ich weiß!“ fuhr er in noch geheimnisvollerem Tone fort. „Er ist krank. Er hatte eine Barke, solche große, weißt du, und noch eine und noch eine dritte und vierte, die fuhren alle auf der Wolga, ich bin selber von der Wolga, und dann hatte er noch eine Fabrik und die brannte nieder und so kam denn das!“

„Er ist also verrückt?“

„Nein doch, nein! Gar nichts von verrückt! Er ist ein kluger Kopf. Alles weiß er, viele Bücher hat er gelesen und dann anderen die Wahrheit gesagt! So – kam jemand: zwei Rubel, drei Rubel, vierzig Rubel, wie gerade ein jeder gibt – er schlägt das Buch auf und sagt dir alles, so und so, die ganze Wahrheit! Aber zuerst Geld auf den Tisch, ohne Geld – kein Wort!“

Und der Tatar lachte vor lauter Gefallen an der Taktik Murins.

„Er hat geweissagt, die Zukunft prophezeit?“

„M–hm!“ Der Hausknecht nickte zur Bestätigung wichtig mit dem Kopf. „Immer was wahr ist! Er betet zu Gott, betet viel. Aber das – versteh! – kommt so zuweilen über ihn,“ fügte der Tatar wieder mit seiner rätselhaften Geste hinzu.

In dem Augenblick rief jemand vom anderen Hof nach dem Hausknecht und gleich darauf erschien ein kleiner gebeugter alter Mann in einem Pelz. Er ging hüstelnd und, wie es schien, irgend etwas in seinen grauen spärlichen Bart murmelnd, mit schleppenden Schritten vorsichtig und langsam über den Hof, als fürchte er, jeden Augenblick auszugleiten. Man konnte glauben, es sei ein vor Altersschwäche kindisch gewordener Greis.

„Der Hauswirt! Der Hauswirt!“ flüsterte hastig der Tatar, nickte Ordynoff flüchtig zu und lief, die Mütze vom Kopf reißend, diensteifrig zu dem Alten, dessen Gesicht Ordynoff bekannt schien, wenigstens mußte er ihm unlängst irgendwo schon begegnet sein. Er überlegte noch, daß das schließlich nicht weiter erstaunlich war, und verließ den Hof. Der Hausknecht aber schien ihm jetzt ein geriebener Betrüger zu sein.

„Der Kerl hat mich ja einfach dumm machen wollen!“ dachte er. „Gott weiß, was noch dahintersteckt.“

Damit trat er auf die Straße. Doch neue Eindrücke lenkten ihn bald von den unangenehmen Gedanken ab. Übrigens waren diese Eindrücke auch nicht angenehmer Art: Der Tag war grau und kalt und es schneite ein wenig. Er fühlte, wie ihn wieder Kälteschauer durchrieselten. Es war ihm, als beginne die Erde unter ihm zu schaukeln. Da vernahm er plötzlich eine bekannte Stimme, die ihm in übertrieben freundlichem Tone einen guten Morgen wünschte.

„Jaroslaw Iljitsch!“ sagte Ordynoff.

Vor ihm stand ein gesund aussehender rotwangiger Herr von etwa – dem Aussehen nach – dreißig Jahren, nicht groß, mit grauen, blanken Äuglein, das ganze Gesicht ein einziges Lächeln, und gekleidet – nun, wie ein Jaroslaw Iljitsch immer gekleidet ist. Und mit diesem Lächeln streckte er ihm verbindlich die Hand entgegen. Ordynoff hatte vor genau einem Jahre seine Bekanntschaft gemacht, und zwar ganz zufällig, fast auf der Straße. Was zu dieser Bekanntschaft, abgesehen vom Zufall, in erster Linie beigetragen, war die besondere Vorliebe Jaroslaw Iljitschs, mit berühmten und angesehenen Leuten, namentlich mit literarisch gebildeten, mit bekannten Schriftstellern oder doch wenigstens vielversprechenden Talenten bekannt zu sein. Obschon dieser Jaroslaw Iljitsch nur eine sehr süßliche Stimme besaß, so wußte er ihr doch in der Unterhaltung, selbst mit den aufrichtigsten Freunden, einen ungewöhnlich selbstsicheren, jovialen und sonoren Ton zu verleihen, der etwas förmlich Imponierendes hatte – ganz als sei er nun einmal auf Grund einer gewissen Überlegenheit von vornherein zu disponieren gewohnt, und zwar gleich in einer Weise, als dulde er überhaupt keinen Widerspruch.

„Wie kommen Sie denn hierher? in diese Gegend?“ rief Jaroslaw Iljitsch mit dem lebhaftesten Ausdruck herzlicher Freude über das unverhoffte Wiedersehen.

„Ich wohne hier.“

„Seit wann denn?“ Die Stimme Jaroslaw Iljitschs klang sogleich um einen Ton oder ein paar Töne höher, denn er war wirklich überrascht und vergaß daher sozusagen seinen anderen Ton. „Und ich hab’s nicht mal gewußt! Dann bin ich ja so gut wie Ihr Nachbar! Ich wohne nämlich auch hier, sogar in nächster Nähe. Schon über einen Monat bin ich aus dem Rjäsanschen Gouvernement zurückgekehrt. Na, es freut mich, daß ich Sie doch mal eingefangen habe, bester Freund!“ Und Jaroslaw Iljitsch lachte sein gutmütiges Lachen. „Ssergejeff!“ rief er, plötzlich sich zurückwendend, in aufgeräumtester Stimmung. „Erwarte mich bei Tarassoff, aber daß sie dort ohne mich keinen Sack anrühren! Und dem Olssufjeffschen Hausknecht gib einen Rüffel und sag ihm, daß er sich sofort nach dem Geschäft begeben soll. In einer Stunde bin ich da ...“

Und nachdem er diesen Auftrag einem anderen zugerufen, faßte er gut gelaunt Ordynoff unter den Arm und führte ihn zum nächsten Gasthaus.

„So, das wäre erledigt. Aber jetzt lassen Sie uns nach der langen Trennung gemütlich ein paar Worte miteinander reden. Nun, sagen Sie zunächst, wie steht es mit Ihrer Arbeit?“ erkundigte er sich fast ehrfürchtig und mit gesenkter Stimme, wie eben ein teilnehmender eingeweihter Freund es tut.

„Ja ... was soll ich Ihnen sagen ... nicht anders, als früher,“ antwortete Ordynoff etwas zerstreut, da er gerade einem ganz anderen Gedanken nachhing.

„Das ist edel von Ihnen, Wassilij Michailowitsch, sehen Sie, so etwas erkenne ich an! Das nenne ich, sein Leben einer höheren Idee weihen!“ Hier drückte Jaroslaw Iljitsch Ordynoff kräftig die Hand. „Gott gebe Ihnen Erfolg auf Ihrem Gebiet ... Himmel! bin ich froh, daß ich Sie getroffen habe! Doch mal ein andrer Mensch, als so der tagtägliche Durchschnitt! Wie oft hab’ ich dort an Sie gedacht und mich im stillen gefragt, wo er wohl jetzt sein mag, unser genialer, geistreicher Wassilij Michailowitsch!“

Jaroslaw Iljitsch verlangte ein besonderes Zimmer für sich und seinen Gast, bestellte einen Imbiß, Schnäpse, und was so dazu gehört.

„Ich habe inzwischen recht viel gelesen,“ fuhr er mit einschmeichelndem Blick und in bescheidenem Tone fort. „Zunächst einmal den ganzen Puschkin ...“

Ordynoff sah ihn zerstreut an.

„Ja, in der Tat, das muß man ihm lassen: die Schilderung der menschlichen Leidenschaft ist allerdings ganz bewundernswert bei ihm. Doch zunächst erlauben Sie mir, Ihnen meinen Dank auszudrücken. Sie haben so viel für mich getan, eben durch die Klarlegung einer richtigen Denkart, Ihrer eigenen Weltanschauung, sozusagen ...“

„Aber ich bitte Sie! ...“

„Nein! – erlauben Sie: keine Widerrede! Ich liebe es nun einmal, jedem Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und ich bin stolz darauf, daß wenigstens dieses Gefühl – eben das für die Gerechtigkeit – in mir nicht eingeschlummert ist.“

„Ich bitte Sie, dann sind Sie gegen sich selbst ungerecht, und ich wüßte wirklich nicht ...“

„Nein, im Gegenteil, durchaus gerecht,“ widersprach Jaroslaw Iljitsch mit ungewöhnlichem Eifer. „Was bin ich denn im Vergleich mit Ihnen? Nicht wahr?“

„Ach, Gott ...“

„O ja ...“

Kurzes Schweigen folgte.

„Als ich aber Ihrem Rat nachkam, habe ich zugleich eine Menge schlechter Beziehungen aufgegeben, und damit auch, versteht sich, viele schlechte Gewohnheiten,“ hub nach einem Weilchen Jaroslaw Iljitsch wieder in demselben Tone an. „In meiner freien Zeit nach dem Dienst sitze ich jetzt größtenteils zu Hause, lese abends irgendein nützliches Buch und ... ich habe wirklich nur den einen Wunsch, Wassilij Michailowitsch, meinem Vaterlande zu dienen, d. h. soviel eben in meinen Kräften steht ...“

„Das würde bei Ihren Möglichkeiten nicht wenig sein.“

„Meinen Sie? ... Weiß Gott, Sie legen einem immer Balsam auf die Wunden, mein edler junger Freund!“

Jaroslaw Iljitsch reichte Ordynoff ungestüm die Hand und dankte mit einem kräftigen Druck.

„Sie trinken nicht?“ fragte er dann, nachdem sich seine Erregung etwas gelegt.

„Ich kann nicht, ich bin krank.“

„Krank? Was Sie sagen? Nein, wirklich – in der Tat? Schon lange? – und wie, wo haben Sie sich denn das zugezogen? Wollen Sie, ich werde sofort – – welcher Arzt behandelt Sie? Ich werde sogleich meinen Arzt benachrichtigen, ich eile selbst zu ihm hin. Er ist überaus geschickt, glauben Sie mir!“

Und Jaroslaw Iljitsch wollte bereits nach seinem Hut greifen.

„Nein, danke, nicht nötig! Ich lasse mich überhaupt nicht behandeln und liebe Ärzte nicht ...“

„Was Sie sagen? Aber das geht doch nicht so! Wirklich: er ist überaus geschickt!“ beteuerte Jaroslaw Iljitsch überzeugt. „Vor kurzem noch – nein, das muß ich Ihnen doch erzählen! – Vor kurzem, ich war gerade bei ihm, kam ein armer Schlosser zu ihm. ‚Ich habe mir hier,‘ sagt er, ‚die Hand mit meinem Werkzeug beschädigt. Bitte, Herr Doktor, machen Sie mir meine Hand wieder gesund ...‘ Nun, Ssemjon Pafnutjitsch sah, daß dem Armen der Brand drohte und traf sofort seine Vorbereitungen zur Amputation. Er amputierte in meiner Gegenwart. Aber das tat er so, sage ich Ihnen, mit solch einer Eleg... das heißt in einer so entzückenden Weise, daß es, ich muß gestehen – wenn nicht das Mitleid mit dem leidenden Menschen es verhindert hätte – einfach ein Vergnügen gewesen wäre, zuzusehen! – ich meine so der Wissenschaft halber. Aber, wie gesagt, wann und wo haben Sie sich denn Ihre Krankheit geholt?“

„Beim Umzug in meine neue Wohnung ... Ich bin soeben erst aufgestanden.“

„Ja, Sie sehen auch noch recht angegriffen aus. Sie hätten eigentlich nicht gleich so hinausgehen sollen. Also dann leben Sie nicht mehr dort, wo Sie früher wohnten? Aber was hat Sie denn zum Umziehen veranlaßt?“

„Meine alte Wirtin verließ Petersburg.“

„Domna Ssawischna? Ist’s möglich? ... Solch eine gute alte Frau! Sie wissen doch? – ich empfand für sie wirklich fast so etwas wie – Sohnesgefühle. Es war so etwas ... etwas wie aus Urgroßväterzeiten in ihrem halb schon begrabenen Leben. Und wenn man sie so ansah, schien es einem fast, als habe man die guten alten Zeiten selber noch leibhaftig vor sich ... Das heißt, ich meine so jene gewisse ... eben so eine gewisse Poesie – Sie verstehen schon, was ich sagen will! ...“ schloß Jaroslaw Iljitsch etwas konfus und errötete vor Verlegenheit allmählich bis über die Ohren.

„Ja, sie war eine gute alte Frau.“

„Aber erlauben Sie, zu fragen, wo haben Sie sich denn jetzt eingemietet?“

„Nicht weit von hier, im Hause eines Koschmaroff.“

„Ah! den kenne ich. Ein prächtiger Alter! Wir sind sogar sehr gut miteinander bekannt, kann ich sagen, – wirklich, ein netter alter Mann!“

Jaroslaw Iljitsch war es sichtlich sehr angenehm, von diesem netten alten Mann reden und von sich sagen zu können, daß er mit ihm gut bekannt sei. Er bestellte noch ein Schnäpschen und begann zu rauchen.

„Haben Sie Ihre eigene Wohnung?“

„Nein, ich lebe wieder bei einem Vermieter.“

„Bei wem denn? Vielleicht kenne ich ihn gleichfalls.“

„Bei Murin, einem Kleinbürger. Ein alter Mann, groß von Wuchs ...“

„Murin ... Murin ... warten Sie mal: auf dem hinteren Hof, über dem Sargmacher?“

„Ja.“

„Hm ... und haben Sie es dort ruhig?“

„Ich bin erst vor kurzem eingezogen.“

„Hm ... ich meinte nur, hm ... übrigens, ist Ihnen noch nichts Besonderes aufgefallen?“

„In welchem Sinne? Wie meinen Sie das?“

„Ich will ja nichts gesagt haben ... ich bin ja überzeugt, daß Sie es bei ihm gut haben werden, wenn Sie mit Ihrem Zimmer zufrieden sind ... Ich meinte es durchaus nicht in diesem Sinne. Das will ich vorausgeschickt haben. Aber – da ich eben Ihren Charakter kenne ... Ja, wie finden Sie denn eigentlich den Alten?“

„Er ist, glaube ich, ein sehr kranker Mensch.“

„Ja, er ist sehr leidend ... Aber haben Sie sonst nichts ...? so was, hm ... Besonderes an ihm bemerkt? Haben Sie mit ihm gesprochen?“

„Nur sehr wenig. Er scheint menschenscheu und wohl auch boshaft zu sein.“

„Hm ...“ Jaroslaw Iljitsch sann nach.

„Ein unglücklicher Mensch!“ sagte er schließlich nach längerem Schweigen.

„Er?“

„Ja ... Ein unglücklicher und dabei unglaublich seltsamer und ungewöhnlicher Mensch. Übrigens, wenn er Sie sonst nicht belästigt ... Verzeihen Sie, daß ich überhaupt Ihre Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt habe, aber es interessiert mich gewissermaßen selbst ...“

„Ja, da haben Sie nun auch mein Interesse erweckt ... Ich würde jetzt sehr gern Näheres über ihn erfahren, da ich nun einmal bei ihm wohne –“

„Tja, sehen Sie mal, ich weiß nur so ... dies und das. Man sagt, der Mensch sei früher sehr reich gewesen. Er war Kaufmann, wie Sie wahrscheinlich bereits gehört haben. Dann aber traf ihn mancherlei Unglück und er verarmte. Bei einem Sturm waren mehrere seiner großen Wolgabarken zerschellt und mit der ganzen Fracht untergegangen. Ferner hat er eine große Fabrik besessen, deren Leitung, wenn ich nicht irre, einem Verwandten anvertraut war, und diese Fabrik brannte nieder, wobei der Verwandte in den Flammen umgekommen sein soll. Das war natürlich ein schrecklicher Verlust, wie Sie sich denken können. So soll denn auch Murin, wie man erzählt, nach der Katastrophe in einer solchen Stimmung gewesen sein, daß man schon für seinen Verstand zu fürchten begann. Und in der Tat hat er sich auch im Streit mit einem anderen Kaufmann, einem gleichfalls reichen Barkenbesitzer, so sonderbar benommen, daß man sich den Vorfall schließlich nicht anders hat erklären können, als eben mit einer gewissen Geistesstörung, was ich denn auch gelten lassen will. Ich habe noch manches andere gehört, was für diese Auffassung gleichfalls sprechen könnte. Dann ist da noch etwas vorgefallen, – etwas, wofür es eigentlich keine Erklärung mehr gibt, es sei denn, daß man es einfach als Schicksal auffaßt.“

„Und das war?“ forschte Ordynoff.

„Man sagt, daß er, vermutlich in einem Augenblick des Wahnsinns, einen jungen Kaufmann, den er bis dahin sogar liebgehabt, umgebracht habe. Nach begangener Tat aber, als er wieder zur Besinnung gekommen, sei er darüber so verzweifelt gewesen, daß er sich das Leben habe nehmen wollen. Wenigstens erzählt man so. Wie dann die Sache verlaufen ist, das weiß ich nicht genau, eines aber steht fest: daß er nämlich während der ganzen folgenden Jahre Buße getan hat ... Aber was ist mit Ihnen, Wassilij Michailowitsch? – strengt meine Erzählung Sie an?“

„Oh, nein, bitte, fahren Sie nur fort ... Sie sagen, er habe Buße getan, aber vielleicht nicht er allein?“

„Das weiß ich nicht. Wenigstens ist außer ihm niemand in diese Angelegenheit verwickelt gewesen. Übrigens habe ich nichts Näheres darüber gehört. Ich weiß nur ...“

„Nun?“

„Ich weiß nur – das heißt, ich habe eigentlich nichts Besonderes hinzuzufügen ... ich will nur sagen, wenn Ihnen mal etwas Außergewöhnliches auffallen sollte, dann müssen Sie sich eben sagen, daß das einfach die Folgen der verschiedenen Schicksalsschläge sind, die ihn einer nach dem anderen betroffen haben.“

„Er scheint recht gottesfürchtig zu sein. Vielleicht ist er nur scheinheilig?“

„Das glaube ich nicht, Wassilij Michailowitsch. Er hat so viel gelitten. Mir scheint er vielmehr ein Mensch mit reinem Herzen zu sein.“

„Aber jetzt ist er doch nicht mehr wahnsinnig? Den Eindruck macht er wenigstens nicht.“

„O nein, nein! Dessen kann ich Sie versichern. Er ist jetzt zweifellos wieder im vollen Besitz aller seiner Verstandeskräfte. Nur daß er, wie Sie ganz richtig bemerkten, sehr gottesfürchtig und wohl auch ziemlich wortkarg ist. Aber im allgemeinen, wie gesagt, ist er sogar ein sehr kluger Mensch. Spricht gewandt, sicher ... und ist, wissen Sie, überhaupt ein findiger Kopf. Seinem Gesicht sieht man übrigens auch jetzt noch sein stürmisches Leben an. Das pflegt ja gewöhnlich seine Spuren zu hinterlassen. Wie gesagt, ein seltsamer Mensch, und ungeheuer belesen!“

„Er liest aber, wie mir scheint, nur religiöse Bücher?“

„Ja, er ist Mystiker.“

„Was?“

„Ein Mystiker. Aber das ganz unter uns gesagt. Ich will Ihnen auch noch verraten – aber als Geheimnis, das zwischen uns bleiben muß –, daß er eine Zeitlang unter strengster Aufsicht stand. Dieser Mensch hatte nämlich einen großen Einfluß auf alle, die zu ihm kamen.“

„Inwiefern das?“

„Es klingt zwar kaum glaublich, aber ... Sehen Sie, damals lebte er noch nicht in diesem Stadtviertel. Er hatte schon einen gewissen Ruf, und eines Tages fuhr Alexander Ignatjewitsch – erblicher Ehrenbürger, ein angesehener, allgemein geachteter Mann – fuhr also eines Tages mit einem Leutnant zu ihm, natürlich nur aus Neugier. Sie kommen zu ihm, werden empfangen, und der sonderbare Mensch sieht sie an. Er begann wie gewöhnlich damit, daß er sich die Gesichter der Leute genau und prüfend ansah, ehe er dareinwilligte, sich mit den Betreffenden überhaupt einzulassen. Gefielen sie ihm nicht, so schickte er sie hinaus, und zwar, wie man sagt, oft in einer sehr unhöflichen Weise. Er fragte also auch diese, was sie wünschten? Alexander Ignatjewitsch antwortete ihm darauf, das könne ihm ja seine Gabe und Menschenkenntnis von selbst sagen. ‚Dann bitte, ins andere Zimmer,‘ antwortete er, indem er sich an denjenigen wandte, der von beiden allein ein Anliegen an ihn hatte. Alexander Ignatjewitsch erzählt nun zwar nicht, was er dort im anderen Zimmer gehört oder erlebt hat – als er aber wieder herausgekommen ist, da soll er weiß wie Kreide gewesen sein. Dasselbe weiß man auch von einer Dame der Petersburger Gesellschaft zu berichten: auch sie soll ihn kreideweiß und in Tränen aufgelöst verlassen haben.“

„Sonderbar. Aber jetzt beschäftigt er sich doch nicht mehr damit?“

„Es ist ihm strengstens untersagt. Übrigens gibt es noch andere Vorfälle. Ein junger Fähnrich zum Beispiel, der Sproß und die Hoffnung einer vornehmen Familie, hat es sich einmal erlaubt, über ihn zu lächeln. ‚Was lachst du?‘ – Mit diesen Worten soll sich der Alte geärgert zu ihm gewandt haben. ‚In drei Tagen wirst du das sein!‘ Und dabei kreuzte er seine Arme so über der Brust, wie man sie den Leichen im Sarge über der Brust zu kreuzen pflegt.“

„Nun, und?“

„Tja, ich wage nicht, daran zu glauben, aber man sagt, die Prophezeiung sei tatsächlich eingetroffen. Er hat die Gabe, Wassilij Michailowitsch ... Sie beliebten zu lächeln während meiner treuherzigen Erzählung. Ich weiß, Sie sind mir, was Aufklärung betrifft, weit voraus. Aber ich glaube nun einmal an ihn. Er ist kein Scharlatan. Übrigens erwähnt auch Puschkin etwas Ähnliches in seinen Werken.“

„Hm! Ich will Ihnen nicht widersprechen. Aber, Sie sagten, glaube ich, daß er nicht allein lebe?“

„Das weiß ich nicht ... Ach so, ja, ich glaube, seine Tochter lebt bei ihm.“

„Seine Tochter?“

„Ja, – oder nein: seine Frau, glaube ich. Ich weiß nur, daß es irgendein Frauenzimmer ist. Hab’ sie nur flüchtig vom Rücken gesehen und nicht weiter beachtet.“

„Hm! Sonderbar ...“

Der junge Mann verfiel in Nachdenken. Jaroslaw Iljitsch dagegen in angenehme Beschaulichkeit. Das Wiedersehen mit Ordynoff hatte ihn erfreut und fast gerührt, überdies war er sehr mit sich selbst zufrieden, da er eine so anregende Geschichte hatte erzählen können. Er saß, betrachtete Ordynoff und rauchte dazu. Plötzlich sprang er erschrocken auf.

„Mein Gott, da ist schon eine ganze Stunde vergangen und ich denke nicht mal daran! Bester, teuerster Wassilij Michailowitsch, ich danke dem Schicksal, daß es uns zusammengeführt hat, aber jetzt – jetzt muß ich eilen! Ist es erlaubt, Sie einmal in Ihrem Gelehrtenheim aufzusuchen?“

„Warum nicht, bitte, es wird mich sehr freuen. Vielleicht spreche ich auch einmal bei Ihnen vor, wenn ich Zeit finde ... ich weiß noch nicht ...“

„Was Sie sagen? – Wollen Sie wirklich? Damit würden Sie mich unendlich erfreuen! Sie glauben nicht, wie sehr es mich ehren würde!“

Sie verließen das Gasthaus. Als sie auf die Straße hinaustraten, stürzte ihnen Ssergejeff entgegen und meldete, daß William Jemeljanowitsch sogleich vorüberfahren werde – und sie erblickten auch tatsächlich ein Paar hellgelber Pferde und ein elegantes Wägelchen im Hintergrunde der Straße. Jaroslaw Iljitsch drückte die Hand seines „besten“ Freundes, ganz als gelte es, sie zu zerdrücken, griff an den Hut und eilte dem Gefährt des Würdenträgers entgegen, wobei er sich unterwegs noch zweimal nach Ordynoff umsah und ihm zum Abschied wiederholt zunickte.

Ordynoff empfand eine solche Müdigkeit in allen Gliedern, daß er kaum die Füße zu bewegen vermochte. Mit Mühe schleppte er sich nach Hause. An der Pforte traf er wieder den Hausknecht, der aus der Ferne aufmerksam seinen Abschied von Jaroslaw Iljitsch beobachtet hatte und nun sehr zuvorkommend tat. Doch Ordynoff ging ohne ein Wort an ihm vorüber. In der Tür stieß er mit einer kleinen grauen Gestalt zusammen, die gesenkten Blickes gerade aus Murins Wohnung trat.

„Herrgott, vergib mir meine Sünden!“ flüsterte das Kerlchen, indem es entsetzt zur Seite sprang.

„Verzeihen Sie, habe ich Sie verletzt?“

„N–nein, danke untertänigst für die Aufmerksamkeit ... O Herrgott, Herrgott!“

Und das kleine Männlein stieg murmelnd, sich räuspernd und fromme Sprüche flüsternd, mit äußerster Vorsicht die Treppe hinunter. Es war das der Hauswirt: derselbe, dem gegenüber der Tatar sich so überaus dienstfertig gezeigt hatte. Und jetzt erinnerte sich Ordynoff, daß er dieses gebrechliche Männlein bei Murin bereits an dem Tage gesehen hatte, als er einzog.

Er fühlte, daß die letzten Erlebnisse seine Nerven erschüttert und überreizt hatten; wußte auch, daß seine Phantasie und Empfindsamkeit aufs äußerste erregt waren, und er nahm sich daher vor, sich vor allem selbst nicht zu trauen. Allmählich verfiel er wieder in einen Zustand völliger Regungslosigkeit, der ihn wie ein Gefühl bleierner Schwere gefangen hielt und seine Brust wie mit einer Zentnerlast bedrückte, unter der sich sein Herz in dumpfer Sehnsucht quälte. Seine ganze Seele war voll von lautlosen, unversiegbaren Tränen ...

Er sank wieder auf das Bett, das sie für ihn zurechtgemacht hatte, und begann von neuem zu lauschen. Deutlich unterschied er das Atmen zweier Menschen im Nebenzimmer, das eine war schwer, krankhaft, ungleichmäßig, das andere sanft, oft gar nicht vernehmbar, auch unregelmäßig, doch wie von innerer Erregung beherrscht: als schlage dort ein Herz in dem gleichen Verlangen, in der gleichen Leidenschaft. Hin und wieder hörte er ihre leisen, weichen Schritte und das Geräusch ihrer Kleider, und jede Bewegung ihrer Füße erweckte in seiner Brust einen dumpfen, qualvollen und doch süßen Schmerz. Endlich schien es ihm, als höre er ein leises Schluchzen und dann ein inbrünstiges Gebet. Da wußte er, daß sie vor dem Heiligenbilde auf den Knien lag und in Verzweiflung die Hände rang ... Wer war sie? Für wen betete sie? Welch eine verzweiflungsvolle Leidenschaft marterte ihr Herz? Weshalb quälte es sich und grämte es sich und ergoß es sich in so heißen und hoffnungslosen Tränen?

Er begann, alles, was sie zu ihm gesprochen, sich ins Gedächtnis zurückzurufen, jedes Wort, das noch wie Musik in seinen Ohren klang, und auf jede Erinnerung, auf jeden Ausdruck, den er in Gedanken andächtig wiederholte, antwortete sein Herz mit einem dumpfen schweren Schlage ... Einen Augenblick schien es ihm, als sehe er das alles nur im Traum. Doch in demselben Augenblick erbebte auch schon sein ganzes Wesen bis ins Mark, daß er zu vergehen glaubte vor Schmerz und Sehnsucht, als er in der Erinnerung nun wieder ihren heißen Atem, ihre weiche Wange und ihren glühenden Kuß zu spüren meinte. Er schloß die Augen und verlor sich in seligen Gefühlen. Irgendwo schlug eine Uhr. Es wurde spät. Die Dämmerung sank.

Plötzlich war ihm, als neige sie sich wieder über ihn und sehe ihn an mit ihren wundersamen, klaren Augen, die feucht schimmerten von glänzenden Tränen und einem hellen Glück, so still und rein, wie der hohe unendliche Himmel an einem heißen Sommertage. Und aus ihrem Antlitz sprach eine so feierliche Stille und ihr Lächeln war eine solche Verheißung von unendlicher Seligkeit, war so voll Mitleid und Barmherzigkeit, und so voll kindlicher, vertrauensseliger Hingebung schmiegte sie sich an seine Schulter, daß ein Stöhnen sich seiner entkräfteten Brust entrang vor lauter Glück. Es war, als wolle sie ihm etwas sagen, etwas ihm anvertrauen. Wieder glaubte er, den Klang einer Stimme zu vernehmen, der sein Herz durchbohrte. Gierig atmete er die Luft ein, die ihr naher Atem erwärmte und gleichsam mit einer elektrischen Spannung für ihn erfüllte. In Sehnsucht streckte er die Arme aus, schöpfte tief Atem und schlug die Augen auf ... Sie stand vor ihm, über ihn gebeugt, bleich wie nach einem großen Schreck, am ganzen Körper vor Aufregung zitternd. Sie sprach etwas zu ihm, sie flehte und rang die Hände. Er umschlang sie mit seinen Armen, sie sank zitternd an seine Brust ...