Chapter 2 of 15 · 4775 words · ~24 min read

II.

Sein Herz pochte so stark, daß er vor den Augen grüne Punkte tanzen sah, und hin und wieder erfaßte ihn ein Schwindel. Der Kopf tat ihm weh. Mechanisch machte er sich daran, sein geringes Hab und Gut auszupacken, entnahm einem Bündel, das seine Wäsche enthielt, das Notwendigste, schloß den Bücherkasten auf und begann die Bände und Schriften auf dem Tische zu ordnen. Bald aber entfiel auch diese Arbeit seinen Händen. Was er tun mochte – immer wieder erschien vor ihm das Bild des jungen Weibes, das vom ersten Augenblick an sein Herz mit so unlösbaren Banden gleichsam umkrampft hatte, – und so viel Glück war plötzlich in sein armes Leben geflutet, daß seine Gedanken wie in einem Rausch untergingen und sein Geist ganz wirr ward und er selbst nicht mehr wußte, was er wollte. Er nahm seinen Paß, um ihn dem Alten, dessen Mieter er nun geworden war, einzuhändigen – natürlich in der Hoffnung, bei der Gelegenheit sie zu sehen. Murin öffnete aber die Tür nur ein wenig, nahm den Paß in Empfang, nickte bloß und sagte „Gott mit dir!“, worauf er die Tür wieder schloß. Ein unangenehmes Gefühl überkam Ordynoff. Es wurde ihm, ohne daß er wußte warum, so schwer, diesen Alten anzusehen. In seinem Blick lag stets so etwas wie Verachtung und Bosheit. Doch der unangenehme Eindruck verwischte sich bald. Er lebte ja schon den dritten Tag wie in einem Wirbel, im Vergleich zu seinem früheren stillen Leben. Nur denken konnte er jetzt nicht, ja, er fürchtete sich förmlich davor. Alles hatte sich für ihn plötzlich verändert: er hatte die dunkle Empfindung, als sei sein Leben in zwei Hälften gebrochen und von seinen Gedanken galt kein einziger mehr der ersten Hälfte. Er empfand nur den einen Trieb, nur die eine Erwartung ...

Ohne zu wissen, wie er das Benehmen des Alten deuten sollte, kehrte er in sein Zimmer zurück. Beim Ofen, in dem das Essen kochte, machte sich ein kleines, vor Alter krummes Weib zu schaffen. Sie war so schmutzig und zerlumpt gekleidet, daß man sie nur mit Widerwillen ansehen mochte. Dabei schien sie eine unglaublich böse Person zu sein. Das war die Dienstmagd. Ordynoff, der sie etwas vor sich hinbrummen hörte und ihren zahnlosen Unterkiefer sich bewegen sah, redete sie an, erhielt aber keine Antwort: es war, als schwiege sie vor lauter Bosheit. Endlich kam die Mittagsstunde. Die Alte nahm das Essen aus dem Ofen – Kohlsuppe, Pasteten und Rindfleisch – und brachte es in das andere Zimmer. Dasselbe Essen brachte sie auch Ordynoff. Nach dem Mittagessen trat in der Wohnung Totenstille ein.

Ordynoff nahm ein Buch zur Hand, las Satz für Satz und ganze Seiten, wobei er sich bemühte, den Sinn des Gelesenen zu erfassen, der ihm aber selbst dann unklar blieb, wenn er das Gelesene nochmals las. Bald schon warf er das Buch beiseite und schickte sich an, seine Habseligkeiten noch weiter zu ordnen. Nur dauerte auch das nicht lange. Ungeduldig nahm er schließlich seine Mütze, seinen Mantel und ging auf die Straße. Ohne auf den Weg zu achten, ging er weiter und gab sich die größte Mühe, seine Gedanken zu sammeln und wenigstens etwas über seine neue Lage nachzudenken. Doch diese Willensanspannung wurde ihm förmlich zu einer Qual – als müsse er sich selbst foltern. Offenbar hatte er sich erkältet: bald erfaßte ihn ein Schüttelfrost, bald glühte er im Fieber und zuweilen begann sein Herz so stürmisch zu schlagen, daß er sich an eine Wand lehnen mußte. „Nein, lieber tot ... lieber tot sein,“ murmelten seine fieberheißen Lippen, ohne daß er es selbst recht wußte. So irrte er noch lange in den Straßen umher – bis er schließlich durch eine starke Empfindung von Kälte und Feuchtigkeit zum erstenmal bemerkte, daß es ja in Strömen regnete. Da besann er sich und kehrte zurück. Kurz bevor er das Haus erreichte, erblickte er den Hausknecht, der ihn, wie ihm schien, schon eine Weile stillstehend mit Neugier beobachtet hatte, seinen Weg nach Hause aber sogleich wieder fortsetzte, als er sich bemerkt sah.

Ordynoff erreichte ihn mit ein paar Schritten.

„Guten Tag. Übrigens, wie heißt du?“

„Hausknecht heiß’ ich,“ antwortete der Tatar grinsend.

„Bist du schon lange hier Hausknecht?“

„Das will ich meinen.“

„Mein Wirt, der Murin, bei dem ich zur Miete wohne, ist doch Kleinbürger?“

„Das wird er wohl sein, wenn er’s gesagt hat.“

„Was treibt er denn eigentlich?“

„Treibt? – Er lebt. Ist krank, betet. Weiter nichts.“

„Ist das seine Frau?“

„Welche Frau?“

„Die bei ihm lebt?“

„Das wird sie wohl sein, wenn er’s gesagt hat. Leb wohl, Herr.“

Der Tatar berührte den Mützenschirm und trat in seinen Schlupfwinkel unter dem Torbogen.

Ordynoff stieg die Treppe hinauf zu seinem Zimmer. Die Alte öffnete ihm zaudernd die Tür, wobei sie wieder etwas vor sich hinbrummte, klinkte die Tür hinter ihm ein und kroch langsam zurück auf den Ofen, auf dem sie den größten Teil ihres Lebens zuzubringen schien. Es dunkelte bereits. Ordynoff wollte sich von seinen Wirtsleuten Streichhölzer holen, doch die Tür zu ihrem Zimmer war verschlossen. Er rief die Alte an, die sich etwas aufgerichtet hatte und, auf den Ellbogen gestützt, vom Ofen herab ihn anglotzte, als dächte sie darüber nach, was er wohl dort an der verschlossenen Tür zu suchen habe. Schweigend warf sie ihm eine Streichholzschachtel zu. In sein Zimmer zurückgekehrt, nahm er wieder seine Bücher vor. Allmählich wurde ihm immer sonderbarer zumut und obschon er selbst nicht begriff, was in ihm vorging, setzte er sich auf die Bettlade, zu der er sich eigentümlich hingezogen fühlte. Und dann war ihm, als schliefe er ein. Mehrmals kam er wieder zu sich und erriet – es war ein Erraten und sich Merken in einem Zustande des Halbbewußtseins –, daß es gar kein Schlaf war, sondern nur eine krankhafte, qualvolle Benommenheit. Einmal hörte er, wie an die Tür gepocht und wie die Tür geöffnet wurde, und er sagte sich, daß es wohl die Wirtsleute waren, die von der Abendmesse zurückkehrten. Bei der Gelegenheit fiel ihm ein, daß er zu ihnen gehen mußte, um etwas zu holen. Er erhob sich denn auch und ging zu ihnen – d. h. es schien ihm, daß er sich erhob und ging – doch plötzlich stolperte er und fiel auf einen Haufen Holz, den die Alte mitten im Zimmer hingeworfen hatte. Von da an wußte er nichts mehr, und als er die Augen, wie ihm deuchte, nach langer, langer Zeit öffnete, gewahrte er mit Verwunderung, daß er noch auf derselben Lade lag, in den Kleidern, so wie er war, und daß ein berückend schönes junges Weib in zärtlicher Sorge sich über ihn beugte, mit einem stillen und mütterlichen Ausdruck im Blick. Er fühlte, wie ihm ein Kissen unter den Kopf geschoben wurde und wie man ihn mit etwas Warmem zudeckte, und wie eine zarte Hand sich auf seine heiße Stirn legte. Er wollte danken, wollte diese Hand fassen, sie an seine heißen trockenen Lippen führen, mit Tränen benetzen und küssen, eine ganze Ewigkeit lang küssen. Er wollte so vieles sagen, aber was – das wußte er selbst nicht! Oh, sterben hätte er mögen, vergehen in diesem Augenblick! Doch seine Arme waren schwer wie Blei und ließen sich nicht bewegen. Es war ihm, als sei er stumm geworden und könne deshalb nicht sprechen, und daher fühlte er nur, wie sein Blut so durch alle Adern jagte, daß er glaubte, emporgehoben zu werden. Jemand gab ihm Wasser zu trinken ... Dann sank er wieder in tiefe Bewußtlosigkeit.

Am anderen Morgen erwachte er gegen acht Uhr. Die Sonne schien in goldenen Strahlenbündeln durch das grünliche billige Glas der Fensterscheiben. Ein wundervolles Gefühl durchströmte alle Glieder des Kranken. Er war ruhig und still – war unsagbar glücklich. Er hatte die Empfindung, als sei jemand soeben an seinem Bette gewesen, ganz nah an seinem Kopfkissen. Und während er vollends zu sich kam, dachte er daran, sich nach diesem Menschen im Zimmer umzusehen, um seinen neuen Freund zu entdecken und zum erstenmal im Leben zu ihm zu sagen: „Guten Morgen, habe Dank, mein Guter!“

„Wie lange du schläfst?“ sagte da zärtlich eine Frauenstimme. Ordynoff sah sich um, jemand trat an sein Bett, und über ihn neigte sich mit einem freundlichen hellen Lächeln das Gesicht seiner schönen jungen Wirtin.

„Wie krank du warst,“ fuhr sie fort, „aber nun laß es genug sein; wozu beraubst du dich der Freiheit! Die ist süßer als Brot, schöner als die liebe Sonne. Steh auf, mein Täubchen, steh auf!“

Ordynoff ergriff ihre Hand und drückte sie krampfhaft. Er glaubte, noch zu träumen.

„Warte, ich habe dir Tee gemacht. Willst du Tee? Trink ihn, es wird dir davon besser werden. Ich bin selbst krank gewesen und weiß, wie das ist.“

„Ja, gib mir zu trinken,“ sagte Ordynoff mit noch matter Stimme und versuchte, aufzustehen, was ihm auch gelang. Er fühlte sich zwar noch recht schwach, wie zerschlagen, und ein Kältegefühl im Rücken ließ ihn erschauern. In seinem Herzen aber hatte er ein Gefühl, als werde er von den Sonnenstrahlen erwärmt und mit einer hellen, feiertäglichen Freude erfüllt. Er fühlte das Unsichtbare: daß für ihn ein neues, starkes Leben anbrach. Einen Augenblick war ihm, als erfasse ihn ein leichter Schwindel.

„Du heißt doch Wassilij?“ fragte sie. „Oder habe ich mich verhört? Hat dich mein Herr nicht gestern so genannt?“

„Ja, Wassilij. Und wie heißt du?“ fragte Ordynoff, indem er sich ihr näherte, obschon er sich kaum auf den Füßen hielt. Plötzlich wankte er. Sie ergriff seine Hände und lachte.

„Ich? – Katherina!“ Und sie sah ihn mit ihren strahlenden, blauen Augen an. Beide hielten sie sich an den Händen.

„Du willst mir etwas sagen?“ fragte sie endlich.

„Ich weiß nicht ...“ Ihm war, als trübe sich sein Blick.

„Wie sonderbar du bist! Laß gut sein, du, mein Lieber, gräme dich nicht, sei nicht traurig – komm, setze dich hierher, hier scheint die Sonne, die wird dich erwärmen. So, nun sei ganz ruhig! Komme mir nicht nach,“ fügte sie hinzu, als sie sah, daß der junge Mann eine Bewegung machte, als wolle er sie zurückhalten – „ich werde gleich wieder bei dir sein, da wirst du mich sehen können, soviel du nur willst!“

Sie kam denn auch sogleich wieder, brachte ihm den Tee, den sie auf den Tisch stellte, und setzte sich ihm gegenüber.

„Da, nun trinke! – Wie, schmerzt dir der Kopf noch?“

„Nein, jetzt schmerzt er nicht mehr,“ sagte Ordynoff, „oder ich weiß nicht, vielleicht schmerzt er auch ... ich will nicht ... schon gut, schon gut! ... Ich weiß nicht, was mit mir ist ...“ stieß er unter Herzklopfen hervor, und er suchte ihre Hand. „Bleibe hier, geh nicht fort von mir, gib ... gib mir wieder deine Hand ... Vor meinen Augen dunkelt es ... In dir sehe ich meine Sonne,“ sagte er, als risse er jedes Wort aus seinem Herzen, und es war doch, als empfinde er schon Seligkeit, wenn er zu ihr nur sprechen konnte. Heiß stieg es in ihm auf und schnürte ihm die Kehle zusammen – bis die Spannung sich plötzlich in einem dumpfen, erschütternden Schluchzen entlud.

„Du Armer! Du hast wohl noch nie mit guten Menschen gelebt? Bist ganz allein und einsam in der Welt? Hast du gar keine Verwandten?“

„Niemand, ich bin ganz allein ... laß, was tut das! Mir ist jetzt besser ... so ... wohl!“ Es war, als phantasiere er. Das Zimmer schien sich um ihn zu drehen.

„Auch ich habe jahrelang keine Menschen gesehn ... Du siehst mich so an ...“ sagte sie plötzlich nach minutenlangem Schweigen und stockte ...

„Was ... wie denn?“

„So, als wärmten dich meine Augen! Weißt du, wenn man jemand so liebt ... Ich habe dich doch schon bei deinen ersten Worten in mein Herz geschlossen. Wenn du krank werden solltest, werde ich dich pflegen. Aber du darfst nicht wieder krank werden, nein! Wenn du aber wieder ganz gesund bist, dann wollen wir wie Bruder und Schwester leben, ja? Willst du? Es ist doch schwer, eine Schwester zu finden, wenn Gott einem keine Geschwister gegeben hat.“

„Wer bist du? Woher kommst du?“ stammelte Ordynoff mit matter Stimme.

„Oh, nicht hier ist meine Heimat ... aber was geht dich das an? Weißt du, die Leute erzählen, wie zwölf Brüder in einem dunklen Walde lebten und wie in dem Walde ein schönes Mädchen sich verirrte. Und sie kam zu den zwölf Brüdern und machte Ordnung im Hause, und säuberte alles, und was sie tat, tat sie mit Liebe. Als nun die Brüder zurückkehrten, sahen sie, daß ein Schwesterchen den Tag über bei ihnen gewesen war, und sie riefen sie und baten sie, doch bei ihnen zu bleiben. Und da kam sie denn auch und blieb bei ihnen. Und die Brüder nannten sie ihr Schwesterchen und ließen ihr alle Freiheit und allen gehörte sie gleich an. Kennst du das Märchen?“

„Ich kenne es,“ sagte Ordynoff leise.

„Schön ist es doch zu leben. Sag, bist du froh, daß du lebst?“

„Ja – ja! eine Ewigkeit leben ... lange leben!“ phantasierte Ordynoff.

„Ich weiß nicht,“ meinte Katherina nachdenklich, „ich würde doch auch den Tod nicht missen wollen. Ob es gut ist, zu leben? – ja, zu lieben, und gute Menschen liebzuhaben, ja ... Sieh, da bist du aber wieder bleich geworden ...“

„Ja, mich schwindelt ...“

„Wart, ich bringe dir meine Kissen und Decken, und werde dir das Bett schön aufmachen. Dann wird dir von mir träumen und das Übel wird von dir weichen. Unsere Alte ist auch krank ...“

Und schon während sie sprach, machte sie das Bett zurecht, wobei sie ab und zu über die Schulter nach Ordynoff hinüberblickte.

„Wie viele Bücher du hast!“ sagte sie, als sie nach beendeter Arbeit den Koffer ein wenig abrückte.

Dann brachte sie die Decken und trat zu ihm, stützte ihn mit dem rechten Arm und führte ihn zum Bett, auf dem sie ihm die Kissen zurechtrückte, um ihn dann zuzudecken.

„Man sagt, Bücher verdürben die Menschen,“ fuhr sie fort und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Liest du gern in Büchern?“

„Ja,“ antwortete Ordynoff, selbst im Zweifel darüber, ob er schlief oder wachte. Und wie um sich zu versichern, daß es kein Traum war, suchte er Katherinas Hand und preßte sie in der seinen.

„Mein Herr hat viele Bücher: solche!“ – sie beschrieb mit der Linken ein großes Format – „er sagt, es seien heilige Bücher. Und er liest mir aus ihnen immer vor. Ich werde sie dir später zeigen. Soll ich dir erzählen, was er mir aus ihnen vorliest?“

„Erzähle,“ flüsterte Ordynoff, ohne den Blick von ihr losreißen zu können.

„Betest du gern?“ fragte sie wieder nach kurzem Schweigen. „Weißt du was? – ich fürchte, ich fürchte immer ...“

Sie sprach es nicht aus, und wie es schien, dachte sie über irgend etwas nach.

Ordynoff führte ihre Hand an seine Lippen.

„Was küßt du meine Hand?“ Ihre Wangen erröteten leicht. Und dann lachte sie: „Ach nun, da! – küsse sie nur!“ und sie hielt ihm beide Hände hin. Dann befreite sie die eine Hand und legte sie auf seine heiße Stirn, und plötzlich – streichelte sie ihn und dann glättete sie sein Haar, und dabei errötete sie immer mehr. Endlich kniete sie neben seinem Bett nieder und lehnte ihre Wange an seine Wange: er spürte den feuchtwarmen Hauch ihres Atems ... Plötzlich fühlte Ordynoff, daß heiße Tränen über seine Wange rollten – sie weinte. Er wollte etwas sagen, denken, wurde aber immer schwächer, immer schwächer ... er konnte kein Glied mehr rühren. Da stieß jemand an die Tür und die Klinke klapperte. Ordynoff hörte nur noch, wie der Alte, sein Wirt, eintrat. Und darauf fühlte er, wie Katherina sich erhob, übrigens ganz langsam, ohne jeden Schreck, fühlte, wie sie beim Weggehen das Zeichen des Kreuzes über ihm machte. Er lag mit geschlossenen Augen. Plötzlich brannte ein heißer langer Kuß auf seinen Lippen: der fuhr ihm wie ein Dolchstoß ins Herz. Er wollte aufschreien, verlor aber die Besinnung ...

Damit begann für ihn ein sonderbarer Zustand, ein Traumleben, wie es nur Krankheit und Fieber verursachen können. Es kamen Augenblicke, in denen es ihm in einer Art unklaren Bewußtseins schien, daß er verurteilt sei, in einem langen, endlosen Traum voll seltsamer Aufregungen, Kämpfe und Leiden zu leben. Empört und entsetzt suchte er sich aufzulehnen gegen dieses Fatum, das ihn knechten wollte, doch im Augenblick des heißesten, verzweiflungsvollsten Kampfes fühlte er, wie ihn plötzlich eine andere feindliche Kraft überfiel und niederrang, und dabei empfand er mit jeder Fiber, wie er von neuem die Besinnung verlor und wie wieder undurchdringliches, bodenloses Dunkel sich vor ihm auftat, und er glaubte sogar selbst den Schrei der Qual und Verzweiflung zu hören, mit dem er in diesen offenen Schlund versank. Dann aber kamen wieder andere Augenblicke eines kaum zu ertragenden, überwältigenden Glücks, wie man es nur selten empfindet: Augenblicke, in denen die Lebenskraft im ganzen Menschen sich krankhaft steigert und der Mensch sich wie in einer höheren Sphäre befindet, wo alles Vergangene sich klärt und in allem Zusammenhang offenbart, wo die kurze Gegenwart mit ihrem Licht ein klingendes, tönendes Triumph- und Freudengefühl auslöst und die unbekannte Zukunft wie ein Traum im Wachen vor einem liegt, und man nicht weiß, woher sich unsagbare Hoffnung wie erquickender Tau auf die Seele legt, und aufschreien möchte vor lauter Seligkeit, während man doch fühlt, wie schwach und hilflos das Fleisch vor dieser Wucht der Eindrücke ist, und der Lebensfaden, der ins Vergangene zurückreicht, zerreißt und das neue Leben wie ein Leben nach einer Auferstehung vor uns erscheint ... Dann schwand ihm wieder das Bewußtsein und eine Art Halbschlaf umfing ihn, in dem er alles, was er in den letzten Tagen erlebt hatte, nochmals durchlebte und das Gesehene, verschwommenen Nebelbildern gleich, in wirrer, hastend drängender Folge an seinem geistigen Auge vorüberzog. Es erschien ihm dabei in diesen Visionen alles ganz anders, seltsam und rätselhaft. Dann wieder vergaß er alles jüngst Geschehene und wunderte sich, daß er nicht mehr in seiner früheren Wohnung bei seiner alten Wirtin war. Er konnte es sich nicht erklären, warum die alte gute Frau zu seinem Ofen kam, in dem noch die letzten Kohlen glühten – er glaubte noch den schwachen, zitternden Widerschein der verlöschenden Glut an der Wand zu sehen – und warum sie nicht, bevor sie die Ofentür schloß, ihre hageren alten Hände am Feuerschein wärmte, wie sie es sonst immer getan, stets nach alter Leute Art vor sich hinmurmelnd, ab und zu mit einem Blick nach ihrem sonderbaren Pensionär, den sie für mindestens „nicht ganz richtig“ hielt: von diesem ewigen Sitzen „hinter den Büchern“, wie sie meinte. Dann wieder fiel es ihm ein, daß er ja umgezogen war, aus welchem Grunde konnte er sich freilich nicht mehr entsinnen, obschon sein ganzer Geist ausströmen wollte in einen ewigen, ununterbrochen empfundenen, unbezähmbaren Drang ... Doch wohin, wozu es ihn drängte, was die Ursache solcher Qual war, und wer diesen unerträglichen Feuerbrand, der sein Blut zu verzehren schien, in seine Adern geschleudert – das wußte er wieder nicht und konnte sich auch nicht darauf besinnen. Oft griff er gierig nach einem Schatten, oft glaubte er, leichte Schritte in seinem Zimmer zu vernehmen, Schritte, die sich seinem Lager näherten, und eine süße, weiche Stimme zärtliche Worte flüstern zu hören; ihm war, als spüre er feuchtwarmen Atem wie einen Hauch über sein Gesicht gleiten, und ein herrliches Gefühl der Liebe erschütterte ihn tief im Innersten, daß seine Seele erbebte. Und heiße Tränen fielen auf seine glühenden Wangen und plötzlich drückte sich weich und verlangend ein Kuß auf seine Lippen: da war es, als verginge sein Leben vor brennender unauslöschlicher Pein: es schien ihm, als stehe das ganze Sein, die ganze Welt still, als stürbe sie für Jahrhunderte rings um ihn, und über alles sinke lange, tausendjährige Nacht ...

Dann war es ihm wieder, als erlebe er nochmals die sorglosen Jahre seiner ersten Kindheit, ja er glaubte sogar, das Landhaus zu sehen, in dem er geboren war, und die saftigen Wiesen und Auen, auf denen er als kleiner Junge umhergelaufen und vielleicht Blumen gepflückt hatte. Wenigstens glaubte er, alles dies zu sehen, – bis er plötzlich eine Gestalt auftauchen sah, deren Anblick ihn mit einem mehr als kindlichen Entsetzen erfüllte und das erste schleichende Gift von Leid und Qual und Tränen in sein Leben brachte. Es war ihm, als habe der fremde Alte sein ganzes zukünftiges Leben in seiner Macht, doch vermochte er trotz seines Entsetzens nicht, den Blick von ihm abzuwenden, und der Alte folgte ihm überall hin: er lauerte hinter jedem Baum und Strauch hervor, nickte ihm grinsend zu und spottete seiner und neckte ihn und verwandelte sich in jedes Spielzeug und saß plötzlich wie ein Gnomenkopf auf dem Halse seines Steckenpferdchens und wandte sich grinsend und Gesichter schneidend immer wieder nach ihm um. Und in der Schule saß er zwischen den Schülern, oder versteckte sich unter der Bank. Oder der Deckel eines seiner Bücher hob sich um Fingerbreite und aus dem Dunkel unter dem Deckel sahen ihn die boshaften Augen heimtückisch an. Schlief er, so setzte sich der scheußliche Geist an sein Bett und verscheuchte die süßen Kinderträume und erzählte flüsternd nächtelang ein wundersames Märchen, von dem er zwar nichts verstand, so angestrengt er auch lauschen mochte, das aber nichtsdestoweniger sein Kinderherz mit Grauen und einer nicht mehr kindlichen Leidenschaft peinigte. Und der böse Alte erzählte flüsternd weiter, bis eine dumpfe Betäubung seine Sinne lähmte und er schließlich wieder ohnmächtig wurde. Und dann, mit einem Male, war es ihm, als erwache er, und wieder begann ein seltsames Zusammenspiel von halbem Bewußtsein und halbem Traum: er erwachte als erwachsener Mensch, und Bilder des jüngst Erlebten umgaukelten ihn. Er wußte, wo er sich im Augenblick befand, wußte, daß er einsam und weltfremd war, einsam unter fremden, verdächtigen Leuten, die – hier begann wieder ein Traum – in sein Zimmer schlichen und in den dunklen Winkeln flüsterten und der alten Frau zunickten, die wieder am Ofen hockte und ihre hageren alten Hände am Feuer wärmte und ihnen gleichfalls zunickend auf das Bett wies, in dem er lag. Er fühlte sich verwirrt, erregt: er wollte wissen, wer diese Leute waren, was sie hier wollten und warum er sich selbst in diesem Zimmer befand, und da kam es denn wie ein Begreifen über ihn, daß er in so etwas wie eine Räuberhöhle geraten sei, verlockt durch irgendeine ihm bis dahin unbekannte, zwingende Macht, ohne sich vorher die Hausbewohner und namentlich seine Wirtsleute näher anzusehen. Die Ungewißheit peinigte ihn und sein Argwohn wuchs – und da begann wieder in der nächtlichen Dunkelheit das flüsternd erzählte Märchen, doch nicht der heimtückische Alte erzählte es jetzt, sondern eine kleine fremde Greisin, die es, vor dem Ofen hockend, im zitternden Feuerschein der erlöschenden Glut leise, leise vor sich hinflüsterte, während ihr alter Kopf mit dem Silberhaar dazu nickte. Aber schon stiegen neue Schreckbilder vor ihm auf: das geflüsterte Märchen, das er kaum hörte und noch weniger verstand, wurde zu Gestalten und Gesichtern, und er gewahrte mit Schrecken, daß alles, was er je in seinem Leben erlebt hatte, selbst alle seine Gedanken und Träume und was er in Büchern gelesen und vieles, was er schon längst vergessen hatte – daß alles wieder lebendig wurde, in riesenhaften Gebilden sich vor ihm erhob, durcheinanderschob, ihn umringte, umtanzte: vor seinen Augen taten sich Zaubergärten auf, er sah ganze Städte erstehen und wieder einstürzen, er sah unübersehbare Friedhöfe, deren Gräber sich auftaten und ihre Leichen zu ihm entsandten, und die Leichen lebten – er sah ganze Rassen und Völker kommen, wachsen und vor seinen Augen aussterben, und er sah schließlich jeden seiner Gedanken, kaum daß er ihn zu denken begann, schon in leibhaftig greifbarer Form vor seinen Augen sich verwirklichen – sein Denken war nicht mehr rein geistige Vorstellung und Verbindung von Begriffen, sondern Schöpfung, Schöpfung ganzer Welten, Schöpfung ganzer Scharen von Wesen – und er sah sich selbst gleich einem Stäubchen getragen in diesem unendlichen unbegrenzten Weltall, aus dem es kein Entrinnen gab, keine Flucht an irgendeiner Grenze. Und er überschaute alles und sah, wie dieses ganze Leben durch seine empörende Tyrannei ihn bedrückte und knechtete und mit ewiger, unendlicher Ironie verfolgte. Er fühlte, wie er starb und in Staub und Asche zerfiel, ohne Auferstehung, auf ewig starb; er wollte fliehen – aber es gab keinen Winkel im ganzen All, wo er sich hätte verbergen können. Da packte ihn die Wut der Verzweiflung, er riß alle seine Kräfte zusammen, mit einem wahnsinnigen Schrei, wie ihm schien, und – erwachte.

Sein ganzer Körper war mit kaltem Schweiß bedeckt. Im Zimmer herrschte Totenstille: es war tiefe Nacht. Und doch war ihm, als vernehme er immer noch irgendwoher die Erzählung des ihm unverständlichen wundersamen Märchens, als erzähle eine heisere Stimme etwas ihm scheinbar Bekanntes: von dunklen Wäldern und tollkühnen Räubern, von dem verwegenen Häuptling einer Bande, ganz als wäre von Stenka Rasin selbst, dem Kosakenhelden, die Rede, und dann von heiteren Kumpanen und sorglosen Vagabunden, und von einer jungen Schönheit und von dem Mütterchen Wolga. War das nicht ein Märchen? Hörte er es nicht im Wachen? Wohl eine ganze Stunde lag er mit offenen Augen in peinvoller Erstarrung, ohne ein Glied zu rühren. Endlich versuchte er, sich vorsichtig aufzurichten, und mit Freude merkte er, daß die grausame Folter seine Kraft nicht ganz gebrochen hatte. Das Fieber mit seinen Visionen war gewichen, jetzt begann für ihn wieder die Wirklichkeit. Er gewahrte, daß er noch so angekleidet war, wie während seines Gesprächs mit Katherina: es konnte folglich noch nicht gar so lange her sein, daß sie ihn verlassen hatte. Eine jähe Entschlossenheit durchströmte ihn und stählte seine Kraft. Wie er die dünne Scheidewand betastete, stieß seine Hand an einen großen Nagel, den man dort zu irgendeinem Zweck eingeschlagen hatte. Er erfaßte ihn und richtete sich auf, wobei er eine feine Spalte zwischen den dünnen Brettern der Scheidewand entdeckte, durch die ein kaum bemerkbarer Lichtschein in sein Zimmer drang. Er legte das Auge an die Öffnung und hielt den Atem an.

In der einen Ecke des anderen Zimmers stand ein Bett, davor ein Tisch, über den ein bucharischer Teppich gebreitet lag und der mit großen alten Büchern in Einbänden, die an alte Kirchenbücher oder sonst welche heiligen Schriften erinnerten, beladen war. In der Ecke hing ein ebenso altertümliches Heiligenbild wie dasjenige in Ordynoffs Zimmer, und vor dem Bilde brannte gleichfalls ein Lämpchen. Auf dem Bett lag Murin, mit einer Pelzdecke bedeckt, sichtlich entkräftet und krank und bleich wie ein Leintuch. Auf seinen Knien lag ein aufgeschlagenes Buch. Dicht am Bett saß auf einer kleinen Bank Katherina; mit den Armen umschlang sie den Alten und schmiegte sich an seine Brust. Sie sah ihn mit aufmerksamen, kindlich verwunderten Augen an und schien mit unersättlicher Neugier fast bebend vor Erwartung seiner Erzählung zu lauschen. Hin und wieder hob sich die Stimme des Erzählers und dann trat Leben in sein blasses Gesicht: in seinen Augen blitzte es auf, er zog die Brauen zusammen, sein Mund zuckte und Katherina schien zu erbleichen vor Angst und Aufregung. Dann wieder glitt es wie ein Lächeln über das Antlitz des Alten, und Katherina begann leise zu lachen. Plötzlich standen Tränen in ihren Augen: und da streichelte der Alte zärtlich über ihr Köpfchen, wie man ein kleines Kind streichelt, und sie umschlang ihn fester mit ihren weißen Armen und schmiegte sich noch liebender an seine Brust.

Anfangs dachte Ordynoff, es sei noch ein Traum, ja, er war sogar überzeugt davon. Dennoch stieg ihm das Blut zu Kopf und in den Schläfen hämmerte es schmerzhaft, als wolle es die Adern sprengen. Er ließ den Nagel los, erhob sich vom Bett und ging leise, wankend und tastend, wie ein Schlafwandelnder durch sein Zimmer, ohne selbst zu wissen, was er tat, getrieben von dem Feuerbrand in seinem Blut – und so näherte er sich der Tür zu dem Zimmer der anderen und stieß sie mit aller Kraft auf: der verrostete Riegel brach, die Tür flog auf und unter Lärm und Gepolter trat er einen Schritt über die Schwelle in das Schlafzimmer seiner Wirtsleute. Er sah, wie Katherina entsetzt emporschnellte und wie die Augen des Alten unter den zornig zusammengezogenen Brauen funkelten und wie furchtbarer Jähzorn sein ganzes Gesicht entstellte. Er sah, wie der Alte, ohne die Augen von ihm abzuwenden, mit irrender Hand nach der Flinte tastete, die an der Wand hing, wie es in der Mündung aufblitzte, die die unsichere Hand des Ergrimmten gerade auf seine Brust richtete – ein Schuß tönte, und gleich darauf ein wilder, fast unmenschlicher Schrei ...

Als der Rauch sich verflüchtigt hatte, bot sich Ordynoff ein entsetzlicher Anblick. Zitternd beugte er sich über den Alten. Murin lag in Krämpfen auf der Diele, Schaum vor dem Munde, das zuckende Gesicht, in dem von den Augen nur das Weiße zu sehen war, völlig entstellt. Ordynoff erriet, daß den Unglücklichen ein schwerer Anfall betroffen hatte. Zusammen mit Katherina kniete er bei ihm nieder, um ihm zu helfen ...