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Part 1

[Illustration: ~Holzschnitt und Druck von Eduard Kretzschmar in Leipzig.~

Eine Dame aus Lima.]

Meine

Zweite Weltreise.

Von

Ida Pfeiffer,

Verfasserin der „Reise in das heilige Land“, der „Reise nach Island“ und der „Frauenfahrt um die Welt.“

Dritter Theil. Kalifornien. Peru. Ecuador.

Wien. Carl Gerold’s Sohn. 1856.

Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die Verfasserin vor.

Druck von Carl Gerold’s Sohn.

Inhalt des dritten Bandes.

Dreizehntes Kapitel. Seite

Reise von Batavia nach Kalifornien. -- Ankunft in San Francisco. -- Die Stadt der Wunder. -- Hohe Preise. -- Die Spielhäuser -- Amerikanisches Gerichtsverfahren. -- Die Plaza. -- Sacramento. -- Amerikanische Reisegesellschaft. -- Besuch bei General Sutter. -- Mary’s Ville. -- Brown’s Valley. -- Die Goldwäschereien am Yuba-Flusse. -- Die Indianer 1

Vierzehntes Kapitel.

Crescent-City. -- Ausflug zu den Rogue-river-Indianern. -- Ein Nachtlager im Wig-wam. -- Gefährliche Lage meines Reisegefährten. -- Rachsucht der Indianer. -- San José. -- Acapulco. -- Panama 44

Fünfzehntes Kapitel.

Reise nach Lima. -- Die Englischen Dampfer. -- Guayaquil. -- Callao. -- Die Deutschen Auswanderer. -- Lima. -- Kirchen und öffentliche Gebäude. -- Die Peruanischen Damen. -- Erdbeben. -- Unsicherheit. -- Der Badeort Chorillos. -- Die Ruinen des Sonnentempels Pachacamac. -- Die Hazienda St. Pedro 91

Sechzehntes Kapitel.

Ecuador. -- Reise nach Quito. -- Fahrt auf dem Guaya. -- Savanetta. -- Die Tambos. -- Der Camino real. -- Guaranda. -- Uebergang über die Cordilleren nächst dem Chimborazo-Gipfel. -- Die Hochebenen von Ambato und Latacunga. -- Ausbruch des Cotopaxi. -- Haziendas-Besitzer 133

Siebzehntes Kapitel.

Quito. -- Rohheit des Volkes. -- Sehenswürdigkeiten. -- Kirchliche Feste. -- Die Geistlichkeit und die Regierung. -- Die Indianer. -- Theater. -- Rückreise nach Guayaquil. -- Der Chimborazo. -- Ein Stiergefecht. -- Todesgefahr. -- Panama. -- Reise über den Isthmus. -- Aspinwall 173

Dreizehntes Kapitel.

Reise von Batavia nach Kalifornien. -- Ankunft in San Francisco. -- Stadt der Wunder. -- Hohe Preise. -- Die Spielhäuser. -- Amerikanisches Gerichtsverfahren. -- Die Plaza. -- Sacramento. -- Amerikanische Reisegesellschaft. -- Besuch bei General Sutter. -- Mary’s Ville. -- Brown’s Valley. -- Die Goldwäschereien am Yuba-Flusse. -- Die Indianer.

Die Reise von +Batavia+ nach +San Francisco+ geht beinahe um die Hälfte des Erdkreises: 150 Meilen durch die Java-See, 2000 durch die Chinesische und bei 8000 durch den stillen Ocean, im ganzen 10,150 Meilen.

Am 6. +Juli+ Nachmittags begleiteten mich meine Freunde, Herr und Frau +Steuerwald+, bis an das Boot, das mich an Bord des Dreimasters +Seneca Baltimore+, Kapitän +Feenhagen+, brachte.

Es ging nun nach einem neuen Lande, zu einem neuen Volke. Bisher hatte sich das Glück mir treu bewährt, es begleitete mich auf allen meinen großen und langen Wanderungen. Ich hoffte, es werde mich gleich gute Aufnahme auch bei den Amerikanern finden lassen und mich ohne Unfall nach der weit entfernten Heimath in die Arme meiner Theueren zurückführen! --

Am 7. +Juli+ früh Morgens wurden die Anker gelichtet, am 9. und 10. schifften wir an den Banda-Inseln vorüber und lenkten in die +Gaspar-Straße+, welche von den Inseln +Leat+ und +Lepa+ gebildet wird und in die Chinesische See leitet. Alle Waffen wurden in Stand gesetzt, da diese See nicht immer frei von Piraten ist.

Am 12. +Juli+ passirten wir den Aequator. Die See war so ruhig, daß der Kapitän eines Schiffes, welches an unserer Seite segelte, zu uns an Bord kam. Kaum hatte er uns wieder verlassen, so erhob sich so plötzlich eine Bö, daß wir in Angst waren, er könne sein Schiff nicht mehr erreichen; nur mit Mühe gelang es ihm.

Am 22. +Juli+ begann Nachmittags ein heftiger Sturm; wir zogen alle Segel ein und befürchteten einen +Tifoon+ (Orkan).

Am folgenden Tage gelangten wir unter fortgesetztem Sturme zwischen +Luzon+ und der Höhe von +Formosa+ in den stillen Ocean. Von nun an sahen wir durch zwei ewig lange Monate nichts als Himmel und Wasser; die einzigen lebenden Geschöpfe, die wir von Zeit zu Zeit zu Gesicht bekamen, waren einige Möven, welche unsere Segel umflatterten.

Ich ward auf dieser Reise abermals vom Wechselfieber heimgesucht, obgleich weder die Kost noch sonst etwas mir Bekanntes Anlaß gab. Jene war so trefflich, daß ich auf der ganzen Reise nicht nöthig hatte, ein Stückchen Salzfleisch zu essen. Meine Schlafkabine war geräumig wie ein Kämmerchen, und für alle meine Bedürfnisse ward von dem guten und gefälligen Kapitän mit liebenswürdiger Aufmerksamkeit gesorgt. Welcher Unterschied zwischen dieser Reise und jener von London nach dem Kap der guten Hoffnung (Kapitän +Brodie+)! Mit Grausen denke ich der letzteren noch heut zu Tage.

26. +September.+ Endlich erscholl der längst ersehnte Ruf „Land, Land!“ Abends lag die Küste Kaliforniens vor unsern Augen. Und dennoch, obwohl ich beinahe drei Monate in dem hölzernen Gefängnisse zugebracht, mehr als zwei Monate kein Land gesehen hatte, machte diese Küste durchaus keinen angenehmen, im Gegentheile einen recht traurigen Eindruck auf mich. Sie war über alle Maßen öde und todt. Nackte Sandhügel stiegen von allen Seiten schroff auf, kein Baum, kein Strauch, nicht der ärmlichste Grashalm unterbrach die einförmige Farbe dieser unheimlichen Wüste. Hieher, dachte ich, verbannen sich die Menschen freiwillig -- warum? -- um ein Klümpchen Gold zu finden! Wie müßte wohl eine Gegend aussehen, die den golddürstigen Weißen fern hielte, wenn er den geliebten Mammon daselbst zu finden wüßte?

27. +September.+ Morgens kam der Pilot an Bord und geleitete uns durch das „goldene Thor“ (so wird die Einfahrt genannt) in die Bay von +San Francisco+. Diese, obwohl so ziemlich denselben Charakter tragend, wie die Küste, der wir zuerst ansichtig wurden, ist doch im ganzen schön zu nennen. Sie ist von einer Fülle von Bergen, Hügeln und Felsparthieen umgeben, die in den mannigfaltigsten Gruppen bald vortreten, bald zurückweichen, ferner besitzt sie viele kleine Eilande und bildet Buchten, Becken und Straßen, so daß der Blick fortwährend gefesselt bleibt. Ihre Länge beträgt 45 Meilen, ihre größte Breite 12. Wir glitten an den Ziegen- und Vogel-Eiländchen vorüber und warfen endlich Anker vor der Stadt selbst, die zwölf Meilen von der Einfahrt liegt und sich in bedeutendem Umfange auf vielen Sandhügeln ausbreitet.

Den zerstreut umher liegenden Häuschen gönnt man zwar noch nicht das Recht, zur eigentlichen Stadt gezählt zu werden; allein da die Stadt in so raschem Aufblühen ist und sich gewiß mehrere Meilen nach allen Richtungen ausbreiten wird, so werden sie wohl bald dazu gehören. Die eigentliche Stadt besteht blos aus den Theilen, welche knapp am Strande liegen, wo sich die hölzernen Quais und die Magazine befinden. Die Bevölkerung des Ganzen (der Stadt und der sogenannten Vorstädte) wird auf einige sechzigtausend Seelen gerechnet.

Die Häuser in den Vorstädten und in der Umgebung sind sehr klein und von Holz; sie liegen ohne die geringste Regelmäßigkeit und Ordnung, das eine in der Tiefe, das andere auf steilen, spitzen Sandhügeln, was einen höchst erbärmlichen Anblick gewährt. Die Stadt dagegen besitzt schon viele große, zwei bis drei Stock hohe, gemauerte Häuser, die zum Theil auf Plätzen stehen, wo noch vor kurzem die See war, und zwar mit einer Tiefe, daß die größten Schiffe vor Anker gehen konnten. Da nämlich die Sandhügel auf allen Seiten beinahe senkrecht aus dem Meere stiegen, war man gezwungen, sie theilweise abzutragen, mit dem hinunter geworfenen Sande die See zurück zu drängen und so eine künstliche Fläche für die Geschäftsstadt zu bilden. Diese Arbeiten, so wie auch die hölzernen Quais und Werfte überraschten mich mehr noch, als die großen Häuser. Man kann nicht umhin, beide Unternehmungen als Riesenwerke zu betrachten, wenn man bedenkt, wie kurze Zeit das Land von Amerikanern[1] und Europäern in Besitz genommen ist, wie weit man das Holz für die Quais und Werfte zu führen hatte, und wie über alle Maßen theuer die Handwerker und gemeinen Arbeiter waren und noch heut zu Tage sind. Die ausgedehnten Quais und Werfte, in eine Linie neben einander gestellt, würden gewiß eine Länge von vielen Meilen betragen. Die See ist an der Küste so tief, daß Schiffe von zwei- bis dreitausend Tonnen an den Quais anlegen können.

Kalifornien oder Neu-Mexiko gehörte zu dem Staate Mexiko, wurde im Jahre 1846 von den Amerikanern nach einjährigem Kriege erobert und im selben Jahre am 7. Juli zu +Monterey+ den Nordamerikanischen Staaten feierlich einverleibt. Die Bevölkerung dieses neuen Staates mochte damals an 150,000 Seelen betragen, von welchen der größte Theil Indianer waren; heut zu Tage wird sie auf 300,000 geschätzt.

Das erste Goldlager wurde bei +Coloma+ im Distrikte +Eldorado+ durch General +Sutter+ bei Ziehung eines Mühlgrabens im Juli 1848 entdeckt. Man stieß mit der Schaufel auf einen harten Gegenstand, den man im ersten Augenblicke beinahe ununtersucht bei Seite geworfen hätte. Doch die besondere Schwere erregte Aufmerksamkeit, und bei genauerer Untersuchung ergab sich, daß es ein reiner Goldklumpen war. Die Goldausfuhr betrug bis Ende 1849 ungefähr zwanzig Millionen Dollars, im Jahre 1850 vierzig Millionen. Seitdem rechnet man sie durchschnittlich per Monat auf fünf Millionen, welche Schätze alle nach den Vereinigten Staaten und Europa gehen.

Doch wieder zurück zu meiner Ankunft in San Francisco.

Ich hatte gar keinen Empfehlungsbrief, konnte mich daher an niemanden wenden und wußte nur zu gut, daß dieser Platz ganz außergewöhnlich theuer und wohl für Geschäftsleute, aber nicht für Reisende geschaffen sei, deren Kasse stets ab- und nie zunimmt. Ich wanderte den ersten Tag von früh Morgens bis spät Abends umher, um eine nur einigermaßen billige Unterkunft zu finden. Ermüdet und ohne Erfolg kehrte ich auf das Schiff zurück, wo mir der gute Kapitän +Feenhagen+ so lange zu bleiben angeboten hatte, als er den Hafen nicht verließe. Aber noch denselben Abend erhielt ich eine äußerst liebenswürdige schriftliche Einladung, für die ganze Zeit meines Aufenthaltes in dieser Stadt von dem mir vollkommen unbekannten Englischen Hause +Colquhonn Smith+ und +Morton+. Man kannte mich auch hier schon durch meine früheren Reisen, und kaum las man meinen Namen unter den Angekommenen, so sandte man die Einladung an Bord. Es bedarf wohl keiner Worte, um zu sagen, in welcher Art ich aufgenommen wurde, und wie man bemüht war, mir mit allem an die Hand zu gehen. Wahrlich, von wenig Familien trennte ich mich so schwer als von dieser! Auch der Oesterreichische Konsul, Herr +Eduard Vischer+, erwies mir viele und große Gefälligkeiten. Dieser Herr machte eine erfreuliche Ausnahme von den meisten Oesterreichischen Konsuln, welchen ich bisher auf meiner Reise begegnete; ich möchte von Herzen wünschen, daß es deren mehrere ähnliche gäbe. Herr Vischer hat aber auch allgemein den Ruf eines sehr guten und gefälligen Mannes.

Einen äußerst drückenden und beängstigenden Eindruck machten anfänglich auf mich die engen, niedrigen Wohnungen, in welchen die Leute hier leben. Die größten Gemächer sind so winzig, daß man in den meisten Wohnungen gewiß in Verlegenheit käme, wenn zehn bis zwölf Personen zur Tafel eingeladen wären. Von den Kämmerchen und Nebengemächern will ich schon gar nicht reden, die sind alle wie für Liliputaner. Mir fiel dieß natürlich um so mehr auf, da ich gerade aus Batavia kam, wo jeder Empfangssaal so groß ist, daß man ganze hiesige Häuser hineinstellen könnte. Solche Grillenhäuser, aus welchen jetzt noch die Hälfte der Stadt besteht, besitzen gewöhnlich fünf bis sechs Behältnisse, die man mit großem Unrecht „Zimmer“ nennt. Die Einrichtung ist reich, meistens überreich, so daß die vielen schönen Möbel dem armen Bewohner beinahe den ganzen Raum stehlen. Die Fußböden sind mit kostbaren Teppichen belegt, die Wände mit Tapeten und Spiegeln bedeckt.

Auch in den neugebauten großen Ziegelhäusern sind die meisten Gemächer sehr klein, besonders die Schlafkammern; man sagte mir, dieß sei Amerikanische Sitte.

Ausgezeichnet groß und schön fand ich dagegen die Verkaufs-Lokale: viele können mit jenen der größten Europäischen Städte in die Schranken treten, so reich an Waaren, so zierlich arrangirt und so prachtvoll sind sie. Die größten und schönsten Waarenlager findet man in der Sacramento-Kle-Montgomery-Straße und auf der Plaza. An Spiel-, Kaffee-, Wein- und Tanzhäusern ist die Stadt überfüllt. Theater gibt es bereits sechs, in welchen Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch gespielt wird. Zeitungen erscheinen dreizehn, große Buchdruckereien bestehen achtzehn, außerdem noch viele kleine, die heute entstehen und morgen wieder verlöschen. Kirchen von allen denkbaren Sekten sind sechsundzwanzig erbaut, die meisten davon ganz unbedeutend.

Das gesellschaftliche Leben ist sehr großartig. Wer sich darin gefällt, findet gewiß jeden Abend in häuslichen und öffentlichen Zirkeln mehr Unterhaltung, als er wünschen kann. Bei Einladungen wird in Hülle und Fülle aufgetischt. Was mir bei den Diners auffiel, war, daß es nirgends Servietten gab, oder so kleine, wie für Puppen. Dieß kommt von dem hohen Preise, der für das Waschen verlangt wird: man zahlt per Dutzend Stücke, groß oder klein, 3 Dollars (1 Dollar ~à~ 4 Schilling Englisch oder 2 fl. Oesterreichisch Geld); man gibt daher in den meisten Familien nur die größeren Stücke außer Haus und sucht allen überflüssigen Aufwand an Wäsche so viel wie möglich zu vermeiden. Ueberhaupt findet man hier, in Folge der übertrieben hohen Preise vieler Gegenstände, die höchste Oekonomie an der Seite der größten Verschwendung. Manche Familien mit vier bis sechs Kindern halten nur eine Magd, während es an prächtiger Hauseinrichtung, Garderobe, Gesellschaften und Unterhaltungen nicht fehlt.

Ich füge hier die Preise verschiedener Gegenstände bei, die manche meiner Leser kaum für wahrscheinlich halten dürften.

Eine Wohnung von fünf bis sechs Kämmerchen per Monat auf den besten Plätzen 250 Dollars, etwas abgelegener 150 bis 200; die größten Modemagazine per Monat 700 bis 1000 Dollars. In letzteren werden oft wieder kleine Eckchen von sechs bis sieben Fuß im Geviert per Monat für 100 Dollars abgelassen. Ein Diener, eine Magd 50 und 60 Dollars per Monat nebst Kost und Wohnung, ein Handlanger 4 Dollars, ein Zimmermann, Maurer 8 Dollars per Tag. Eine Kleidermacherin 4 Dollars per Tag nebst Kost. -- Ein Huhn kostete 2, ein Kalkuttischer Hahn 10 Dollars, ein Dutzend Eier 2 Dollars. Ein Pfund Rindfleisch ¼ Dollar. Ein Pfund Hammel- oder Schweinefleisch 60 Cents (ein Dollar hat 100 Cents), eine Flasche Milch 25 Cents, ein Pfund gesalzene Butter 75 Cents u. s. w. In den Hotels bezahlt eine Person per Monat für Kost und Wohnung 100 Dollars. Der Preis eines Lohnwagens per Stunde 6 Dollars, eines Reitpferdes, ob auf eine Stunde oder einen halben Tag, 5 Dollars, Sonntags für Wagen oder Reitpferd das Doppelte. Nach einem Dampfboote zu fahren 10 Dollars, nach einem Balle hin und zurück 20 Dollars. Für Reitpferde, die von den Eignern gewöhnlich in Miethställe zur Verpflegung gegeben werden, per Monat 50 Dollars. Ein Lohndiener erhält für jeden Gang 1 Dollar. Zwei bis drei Jahre früher waren die Preise noch ungemein höher. Verhältnißmäßig billig werden dagegen viele Fabrik- und Manufaktur-Gegenstände verkauft, und zwar in Folge der übergroßen Einfuhr, mit der die Bevölkerung in keinem Verhältnisse steht[2]. Viele Europäische und Amerikanische Handelshäuser sollen dabei großen Schaden erlitten haben. Die Einfuhrzölle sind sehr bedeutend; gewöhnliche Bedürfnisse zahlen zwanzig bis dreißig Prozent und so fort bis zu hundert; letzteres jedoch nur für geistige Getränke.

Die Gründe der Stadt, wie die der nahen Umgebung, waren von der Regierung in Lots ~à~ 150 Fuß im Geviert getheilt worden. Wer das Glück hatte, solche Plätze im ersten Entstehen der Stadt zu kaufen, konnte mit einigen guten Lots reich werden. Man kaufte die besten zu 5- bis 8000 Dollars, die jetzt 150,000 kosten. Ein dreistöckiges Backsteinhaus auf ein ganzes Lot gebaut, das eine Ecke formt, kommt auf 200,000 Dollars zu stehen, trägt aber einen jährlichen Zins von 130,000 Dollars, so daß Haus und Grund in längstens drei Jahren gezahlt sind.

San Francisco wurde sechsmal von Feuersbrünsten zerstört, von welchen die meisten angelegt waren. Die zwei größten hatten im Jahre 1852 statt. Am 4. Mai des letztgenannten Jahres brannte jener Theil der Stadt ab, in welchem die größten Reichthümer in den Magazinen aufgespeichert lagen, nämlich von der Ecke der Montgomery-Straße bis an die Kerney-Straße. Das zweite Feuer im Juli legte den westlich gelegenen Theil der Stadt in Asche. Während das Feuer noch wüthete, kamen zu den Grundbesitzern schon Leute, um den Grund auf drei oder vier Jahre zu pachten. Sie bauten auf den beinahe noch glimmenden Boden hölzerne Häuschen, die sie vermieteten, und wenn der Kontrakt zu Ende war, hatten sie hinlänglich gewonnen, um den Grundbesitzern das Haus für nichts zu überlassen.

Einstimmig wird San Francisco die Stadt der Wunder genannt. Die Amerikaner behaupten, daß ihre schnelle Entstehung, ihr oftmaliges Wiederaufbauen nach den Feuersbrünsten das Wunderbarste sei, was die Welt je gesehen habe. Dieß ist allerdings wahr. Es gibt auch nur zwei Kräfte, welche solche Wunder bewirken können -- Despotie und Gold. Hier war letzteres der Hebel. Der Durst nach Gold, dieser größte der Despoten, zog die Leute aus allen Weltgegenden herbei, und hölzerne oder gemauerte Obdächer entstanden überall wie durch Zauber. Was sind aber diese einfachen Werke gegen jene antiken Städte Hindostans, deren Ruinen noch heut zu Tage die vergangene Größe verkünden, und von welchen, wie uns die Geschichte lehrt, manche ebenfalls in unglaublich kurzer Zeit entstanden, wie z. B. +Fatipoor Sikri+, eine Stadt voll der schönsten Paläste mit Skulpturen ganz überdeckt, mit prachtvollen Tempeln und Minarets, mit hoch gewölbten Stadtthoren u. s. w., deren Umfang sechs Meilen betrug, die mit vierzig Fuß hohen massiven Steinwällen umgeben und in weniger als zehn Jahren erbaut wurde. Dergleichen Städte kann man Wunderwerke nennen, denn zu ihrer Ausführung muß eine ganze Bevölkerung von Künstlern und Architekten gehören.

Die Wunderwerke San Francisco’s bestehen in ganz gewöhnlichen Wohn- und Zinshäusern, zu deren Erbauung die Goldminen Kaliforniens hinlänglich Mittel geschafft haben und täglich schaffen. Was mich in dieser reichen und luxuriösen Wunderstadt am meisten wunderte, ist, daß man auf zwei sehr große Bedürfnisse gar keine Rücksicht genommen hat, auf reinliche, geebnete Wege und auf Beleuchtung.

Von den Löchern, Hügeln und Unebenheiten in den Straßen der Stadt kann man sich gar keine Vorstellung machen. Hier geht es Stufen hinauf, dort einige hinunter, hier ist der Fußweg erhöht, dort wieder nicht, hier werden Stellen abgegraben, dort liegen ganze Berge von Ziegeln, Bauholz, Kalk und Sand, und keine Lichter werden zur Warnung hingestellt. Dieß macht die Straßen bei Nacht nicht nur für Fahrende und Reiter, sondern auch für Fußgänger wahrhaft gefährlich, was ganz besonders von den hölzernen Quais gilt. Die See darunter ist nicht ausgefüllt, die Bretter sind so abgenützt, daß sie einbrechen. Selbst bei Tage muß man der vielen Löcher wegen mit größter Vorsicht fahren. Nachts ereignet es sich nicht selten, daß Fußgänger in die Tiefe stürzen und nie wieder zum Vorschein kommen.

In den schönsten und befahrensten Straßen liegen alte Kleider, Wäsche, Stiefel, Flaschen, Geschirre, Kisten, todte Hunde, Katzen und ungeheuere Ratten, an welchen die Stadt überreich ist; aller Unrath wird vor die Thüre geworfen -- man könnte wirklich Konstantinopel im Vergleiche zu San Francisco die Stadt der Reinlichkeit nennen. Dort gibt es wenigstens Leute und Hunde genug, welche die Straßen säubern, erstere lesen die Kleider, Wäsche u. dgl. auf, letztere verzehren den Unrath.

Zu allem diesem kommt noch die Ungebundenheit der Leute, jeder Mensch kann thun und machen, was er will; die Karren halten nicht selten an den schmalen, ausgetretenen Wegen, die über die bei Regenwetter grundlosen Straßen führen, Reiter befestigen ihre Pferde an den Häusern auf den Gehwegen, so daß der arme Fußgänger tief in den Koth treten muß, um sie zu umgehen. Derlei Willkürlichkeiten arten oft so aus, daß sie mitunter gefährlich werden. So ging ich eines Morgens durch die Stadt, als mir ein Fußgänger zurief. „Ein Bär, ein Bär!“ -- Ich wußte gar nicht, was das bedeuten sollte, und konnte mir nicht denken, in den Straßen einer so belebten Stadt einem Bären zu begegnen. Ich sah mich nach allen Seiten um -- wirklich kam ein Bär hinter mir her gelaufen und war nicht mehr als zwei Schritte von mir, so daß ich kaum Zeit hatte, auf die Seite zu flüchten. Das Thier war wohl an einem Stricke, der Strick an einem Karren befestigt; der Strick war aber so lang, daß der Bär rechts und links auf die Fußwege unter die Vorübergehenden gelangen konnte. Der Fuhrmann nahm sich nicht einmal die Mühe, die Leute anzurufen.

Ein Geschäfts- oder Spaziergang in San Francisco ist meiner Meinung nach eine wahre Bußaufgabe. In der sogenannten Geschäftsstadt kann man sich kaum durch das Gewirre von Menschen, Reitern, Karren und Wagen winden; in jenen Theilen der Stadt oder Gegenden[3], wo die Straßen nicht mit Brettern belegt sind, muß man fußtief im Sande waten; dabei die ewig einförmige Ansicht der nackten Sandhügel -- wahrlich nur derjenige, der sein Glück im Golde findet, mag sich über alle diese Unannehmlichkeiten hinaus setzen und am Ende wohl gar vergessen, daß es Bäume und Wiesenteppiche gibt, die doch wohl schöner sind, als die Teppiche der goldbelasteten Spieltische.

Im Frühling soll die Umgebung freilich einen anderen Anblick gewähren und der dürre Sandboden mit einer wunderbar schönen, üppigen Flora bekleidet sein; aber die Könige des Pflanzenreichs, die majestätischen Bäume, die zierlichen Gebüsche schafft doch keine Jahreszeit.

Außerordentlich schön fand ich in San Francisco die Pferde und Maulthiere. Sie werden, wie die Ochsen und Kühe, alle zu Lande über die Plains (Ebenen) von Nordamerika herüber gebracht. Pferde und Maulthiere sind sehr hoch und kräftig. Es gibt Pferde, mit welchen man sechzig Meilen in einem Tage reiten kann, Maulthiere, die drei Centner tragen. Die Pferde in den Lohnkutschen und Omnibussen sind ungleich schöner als in London. Von einer besonderen Pracht sind die Lohnkutschen. Man kann nicht leicht etwas schöneres in dieser Art sehen; es soll aber auch ein solcher Wagen mit dem Gespann bis 4000 Dollars kosten.

Der Verkehr ist schon sehr leicht und schnell. Dampfschiffe durchkreuzen die Bay, befahren die Flüsse; Stage-coaches, die gleich Postgelegenheiten die Pferde wechseln, gehen nach allen Richtungen des Landes. Auch eine Telegraphen-Linie ist bereits eröffnet und erstreckt sich über +St. José+ bis +Sacramento+, eine Länge von ungefähr 130 Meilen.

Eines Abends besuchte ich die öffentlichen Unterhaltungsorte, von welchen mich die Spielhäuser am meisten interessirten, da ich bisher noch keine öffentlichen gesehen hatte. Was mir in diesen vor allem in das Auge fiel, war die höchst gemischte Gesellschaft. Neben dem zierlichsten Dandy saß ein Matrose, ein Minenarbeiter im rothwollenen Hemde ohne Jacke, die Hände kaum vom Theer oder Schmutz gereinigt, die Stiefel bis hinauf voll Koth. Der Reiche wie der schmutzig Gekleidete hatten nur Gold und harte Thaler vor sich liegen. Noch vor zwei Jahren soll man blos Gold gesehen haben. In keiner Miene, selbst bei dem sanguinischen Franzosen, dem lebhaften Mexikaner las man Aufregung oder Leidenschaft, obwohl ich das Gegentheil häufig behaupten hörte. Aus den Gesichtern hätte ich nicht beurtheilen können, wer von der Glücksgöttin begünstigt oder vernachlässigt war. Was die Einrichtung dieser Spielhäuser anbelangt, so ist sie darauf angelegt, nicht nur die Leidenschaft des Spielers, sondern auch seine Sinne zu berauschen und zu betäuben. Abscheulich verführerische Oelgemälde hängen an den Wänden, lärmende Musik durchrauscht die geräumigen Säle, schöne Mädchen sitzen hie und da als Lockvögel an den Tischen.

Ich bin weit und breit in der Welt herum gekommen, unter Völker, die in Folge des Klimas und aus Mangel an Erziehung und Religion zu den sinnlichsten gehören; aber solche öffentliche, schamlose Verführungsanstalten sah ich nirgends -- man findet sie nur unter christlichen Völkern, unter civilisirten Regierungen. Ich will damit nicht behaupten, daß die Unsittlichkeit unter nicht christlichen Völkern geringer sei; allein sie so öffentlich zur Schau zu legen, so weit geht ihre Schamlosigkeit nicht.

Von den andern öffentlichen Unterhaltungsplätzen, den Tanzhäusern, den Chinesischen Spiel- und Erfrischungshäusern will ich schweigen; nur muß ich bemerken, daß es in den Chinesischen Spielhäusern anständiger zuging, als in den Amerikanischen. Da gab es weder Gemälde, noch Musik, noch Mädchen; letztere wenigstens nicht in den Spielzimmern.