Chapter 9 of 11 · 3888 words · ~19 min read

Part 9

+31. März.+ +Ambato+, 8 Leguas. Schon gestern fiel mir der merkwürdig grelle Unterschied zwischen der Ost- und Westseite der Cordilleren auf. Auf der Westseite ist das gebirgige Element vorherrschend, mit Klüften und Pässen und meistens schmalen Thälern, die wie zwischen die Berge eingeschoben erscheinen; dabei die üppigste Vegetation, Ebenen und Höhen mit den schönsten Waldungen, und die Berge selbst in bedeutender Höhe mit üppigen Feldern bedeckt. -- Ganz anders ist es auf der Ostseite; Berge und Hügel werden von großen Hochebenen zurückgedrängt, die wegen ihrer geringen Vegetation das Auge durch ihre Einförmigkeit ermüden. Die schönen Wälder verschwinden, die Blumen sind seltener, und Haidegras, das jedes Thier verschmäht, bedeckt große Strecken. Drei Leguas von dem Uebergangspunkte entfernt, sah ich wohl schon wieder in den Tiefen hie und da kleine Viehheerden weiden; den ersten Anbau fand ich aber erst sieben Leguas hinter dem Uebergangspunkte. Eine Strecke von neun bis zehn Leguas ist daher unangebautes Land, von welchem jedoch gewiß ein großer Theil urbar gemacht werden könnte, wäre die Bevölkerung nicht so geringe.

Wir ritten heute viel zwischen Alleen von Kaktus und Aloe. Die Kaktus wachsen hier zu einer Höhe von acht bis zehn Fuß; die Aloes glichen jenen, die ich um Neapel gesehen habe; der Blüthenstamm schoß aus der Mitte der Blätter zu einer Höhe von einigen zwanzig Fuß.

Die Hochebene von Ambato gehört zu den schönen; sie ist von dem Chimborazo, dem +Tungaragua+ und andern majestätischen Bergen eingefaßt. Die Temperatur ist hier schon wieder so mild, daß die Banane und andere südliche Früchte vorkommen.

Das Städtchen Ambato liegt in einem Kessel dieser Hochebene und gewährt, von der Höhe gesehen, mit seinen Gärten und Fruchtbäumen, die es von allen Seiten umsäumen und durchschneiden, einen wahrhaft überraschenden Anblick. Ich hielt mein Thier mehrmals an und betrachtete mit Vergnügen das liebliche Bild. Das Städtchen ist ungemein ausgedehnt, die Häuser sind jedoch über alle Beschreibung erbärmlich und klein, da die meisten gar keine Fenster und nur eine Thür haben; erst gegen den Platz zu gestaltet sich das Ganze ein wenig besser.

Ich stieg hier ebenfalls bei einem Hazienda-Besitzer ab. Die guten Leute verstehen noch nicht, daß man einem Reisenden, besonders wenn er von Regen triefend ankommt, wie es mit mir der Fall war, ein Fleckchen anweist, wo er sich waschen und umkleiden kann. Hier bietet man ihm nicht einmal eine Erfrischung an, wenn man auch weiß, daß er vielleicht ein Dutzend Leguas mit leerem Magen gemacht hat. Er muß unter der Familie in seinen nassen, beschmutzten Kleidern oft zwei bis drei Stunden sitzen bleiben und mit Geduld die Mahlzeitstunde erwarten. Die Familie, die sich den ganzen Tag in den Hängematten schaukelt und die Zeit mit Schwatzen verbringt, ist froh, wenigstens ein neues Gesicht angaffen zu können. Bei mir, die ich der Spanischen Sprache nicht mächtig war, hatten sie wahrhaftig kein anderes Vergnügen.

+1. April.+ +Latacunga+, 8 Leguas. Aus der Tiefe des Kessels steigend, gelangten wir an einen schönen Gebirgsfluß, der sich in eine natürliche Grotte verlor und nach einigen hundert Schritten wieder zum Vorschein kam. Einige tiefe Schluchten oder Erdspalten hatten wir auf lebensgefährlichen Brückchen zu überschreiten, andere zu durchziehen. In solchen Schluchten ist ein Zusammentreffen, selbst mit einzelnen Reitern, sehr unangenehm, da die Wege so schmal sind, daß gerade nur ein Thier Platz hat. Der Arriero schreit, pfeift und lärmt auch beständig, wenn er an einen solchen natürlichen Hohlweg gelangt, um sein Dasein so weit als möglich zu verkünden. Diese Stellen abgerechnet, war der Weg gut, und zum ersten Male trübte kein Regen unsere Tagereise.

Ein großer Theil der Hochebene von Ambato war kultivirt; Dörfer oder Hütten gab es jedoch nur sehr wenige. Der Tungaragua, der sich aus den Wolken immer mehr und mehr heraus arbeitete, stieg ohne Verbindung mit den andern Bergen als kolossaler Kegel majestätisch vor uns auf.

Von der Hochebene Ambato kamen wir in die noch weit bedeutendere und schönere von +Latacunga+, an deren Eingange das Städtchen gleichen Namens liegt. Den Chimborazo verliert man nun schon aus dem Gesichte, dagegen tauchen andere hohe Berge auf, unter welchen besonders der +Cotopaxi+ und der +Iliniza+.

In Latacunga, einem gleich Ambato sehr ausgedehnten Neste, stieg ich ebenfalls wieder bei einem Hazienda-Besitzer ab. Ich wurde zwar überall freundlich aufgenommen, allein Morgens ließ man mich stets fortziehen, ohne mir auch nur eine Tasse Thee oder Chocolade zu reichen, obgleich die Morgen kalt, nebelig oder gar regnerisch waren, und man wohl wußte, daß ich oft bis Abend keinen Ort finden würde, wo ich einige Erfrischungen erhalten konnte.

Ich war nun schon viel mit Hazienda-Besitzern in Berührung gekommen, brachte ganze Tage unter ihnen zu und hatte daher Gelegenheit, ihre Lebensweise zu beobachten. Die Mehrzahl lebt in einer Unordnung, in einer Dürftigkeit und Unsauberkeit, die jede Beschreibung übertrifft. Ich ziehe das Haus eines nur einigermaßen bemittelten Deutschen Bauers den meisten dieser Hazienda’s vor. In ersterem findet man doch so viel Reinlichkeit, daß man sich mit Lust an den Tisch setzt, um das einfache, aber gut gekochte Mahl zu verzehren. Nicht so in den letzteren. Da wird der Tisch mit einem zerrissenen Tuche gedeckt, das vor Schmutzflecken kaum eine weiße Stelle mehr aufzuweisen hat. Auch an den anderen Tischgeräthschaften ist selten das Nöthigste vorhanden. So fand ich z. B. in einer Hazienda elf Personen an der Tafel, und ich glaube nicht, daß es drei ganze Bestecke der gemeinsten Art gab. Eine Person besaß einen Löffel, die andere eine Gabel, die dritte ein Messer. Hatte der Löffelbesitzer seine Suppe gegessen, so gab er den Löffel seinem Nachbar, eben so ging es mit Messer und Gabel; die Kinder aßen zum Theil mit den Fingern. Eine zerbrochene Waschkanne enthielt das Trinkwasser, ein Glas diente der ganzen Gesellschaft. Die Kinder kamen in zerlumpten Kleidern zu Tische, mit bloßen Füßen oder mit abgenützten Schuhen, mit beschmutzten Händen und Gesichtern; dabei hatten sie aber ein so hübsches, blühendes Aussehen, so feurige, schöne Augen, daß ich mit wahrem Vergnügen diesen bausbackigen Engelsköpfen zusah, wie sie einen Bissen nach dem andern mit wahrer Herzenslust verschlangen. Eine in Lumpen gehüllte Negerin oder ein paar kleine, halbnackte Negerkinder besorgten die Aufwartung bei Tische.

In demselben Hause wurde mir ein Zimmer zum Schlafen angewiesen, das Gott weiß wie lange nicht gereinigt worden war, und außer dem Bett nichts als zwei zerbrochene Stühle nebst dem Fragmente eines Tischchens enthielt. Alles, was ich benöthigte, mußte ich begehren; ich fand nicht einmal Wasser, und als man es mir brachte, mußte ich vor die Thür gehen, mich zu waschen, denn ein Waschbecken war nicht vorhanden.

In einem andern Hause lag ich kaum ein halbes Stündchen im Bette, so sprang ich wieder heraus -- ich war im vollsten Sinne des Wortes von Ungeziefer bedeckt. Die ganze Nacht brachte ich auf einem Stuhle zu, und Morgens war ich so voll rother Flecke, als hätte ich einen Ausschlag bekommen. Und beinahe in jedem Hause traf ich eine, auch mehrere erwachsene Töchter, die ohne große Mühe das Hauswesen in guter Ordnung hätten halten können. Allein das ist nicht ihre Sache. Das große Tuch um Kopf, Schultern und Arm geworfen, sitzen sie den ganzen Tag umher, und stehlen, wie wir Deutsche sagen, unserem lieben Gott die Zeit. Bei der grenzenlosen Bettelhaftigkeit einerseits findet man andererseits mitunter einigen Luxus zur Schau gestellt. In einem Hause war der Empfangssaal mit Teppichen, Spiegeln u. s. w. geschmückt, in einem andern fand ich ein ziemlich gutes Klavier, eine sehr schöne Englische Reiseschatulle -- alles Gegenstände, die hier sehr hoch kommen, da man sie mühsam über die Gebirge schleppen muß. Die Frauen, die Töchter zeigten mir kostbare Kleider, Chinesische Shawls u. s. w. Mich wunderte dieß um so mehr, als die Hazienda-Besitzer hier zu Land durchschnittlich nicht sehr wohlhabend sind. Sie besitzen wohl viel Grund; aber es fehlt an Märkten und an Straßen. Große Städte gibt es nicht, und die Wege sind so schlecht, daß es kaum die Mühe lohnt, Lebensmittel drei bis vier Tagereisen weit zu senden.

+2. April.+ +Machacha+, 11 Leguas. Heute ging es fortgesetzt auf der Hochebene von Latacunga. Die Wege waren sehr gut und führten größtentheils zwischen Hecken von Kaktus und Aloe, reich untermischt mit schönen Blumen, hindurch. Umfaßt von dem Kranze der herrlichsten Gebirge, von welchen, wie bemerkt, der Cotopaxi und Iliniza die hervorragendsten, würde diese Hochebene entzückend schön sein, hätte die eigensinnige Natur nicht zwei Hauptsachen vergessen: Waldparthien und Wasser. Kultivirt ist wenig; es mag wohl an Händen fehlen. Der Boden scheint auch nicht aus so fetter Erde zu bestehen, wie auf der Westseite der Cordilleren. Der größere Theil des Thales zeigt wohl ein frisches, saftiges Grün; doch gibt es auch viel Staub und Sand und genug Strecken voll großer Steine und Felsstücke, die gewiß einst der Cotopaxi in seiner Wuth rings umher geschleudert hat. Dieser Riesen-Vulkan hielt den ganzen Tag meine Aufmerksamkeit gefesselt. Die mächtigsten Rauchsäulen entwirbelten seinem Krater, umfangreichen Baumstämmen mit reichen Kronen, oder Aehren vergleichbar, oder in wild sich auf einander folgenden Wolken aufsteigend. Leider zerstoben die pittoresken Gebilde eben so schnell, als sie entstanden.

Der Cotopaxi war bis an den Krater mit einer leichten Schneedecke bekleidet; der ihm gegenüber stehende Iliniza aber prangte in einer so dichten, weißen Hülle, daß man sah, wie die Strahlen der Sonne keine Macht über ihn ausübten.

Die Nacht brachte ich sehr schlecht in einem Tambo zu.

+3. April.+ +Quito+, 8 Leguas. Morgens, bevor ich das Maulthier bestieg, blickte ich noch einmal nach dem Vulkan zurück, um ihm Lebewohl zu sagen, denn der Weg leitete uns nun in die Hochebene von Quito. Der Feuerspeier schien meine Aufmerksamkeit dankbar anzuerkennen und lohnte mir mit einem prachtvollen Ausbruche. Dichte Rauchwolken wirbelten auf, das Feuer schlängelte sich gleich blitzenden Flammen hindurch, überstieg die Rauchwolken und senkte sich in einem dichten Regen zur Erde. Wie herrlich müßte dieses Schauspiel bei Nacht gewesen sein! Doch auch so war ich reichlich befriedigt, und dankte Gott, daß er mir gestattete, von vielen Wundern der Natur auch dieses zu erblicken.

Wenn man anstatt über Ambato über Riobamba nach Quito geht, kommt man dem Cotopaxi um vieles näher, und sieht bei dieser Gelegenheit die Ruinen dreier kleiner Gebäude, die noch aus den Zeiten der Inkas stammen. Der Zeichnung nach, die ich später zu Gesicht bekam, würde sich jedoch der Umweg nicht lohnen, am wenigsten in der Regenzeit.

Das Wetter war heute herrlich, die Wege trefflich, drei Leguas ausgenommen, welche wieder zu den sehr schlechten gehörten. Es gab Schluchten, steile Hügel, große Steine mitten auf dem Wege. Nicht einmal so nahe der Stadt sorgt die Regierung für einige Abhilfe. Für Wege und Brücken wird in diesem Lande gar nichts gethan. Findet man hie und da eine feste, gemauerte Brücke, einen etwas besseren Weg, so kann man versichert sein, daß sie noch aus den Zeiten der Spanischen Regierung rühren.

[16] Ein Thaler hat hier acht Realen, auf eine Unze gehen zwanzig bis einundzwanzig Thaler, je nach dem Kurse. Ein hiesiger Thaler ist um ein Fünftheil weniger werth, als ein Spanischer Thaler.

[17] In Quito gab man mir, im Umtausche gegen einen andern, einen halben Thaler dafür.

[18] Der Klee erreicht hier eine Höhe von 2½ Fuß.

[19] Auf einen Thaler gehen sechzehn Medios.

[20] Gut war es, daß ich es dießmal that, wo der Regen sehr stark und ich um Wasser nicht verlegen war; auf der Rückreise hätte ich ungleich größere Mühe gehabt, denn die Quellen, die hier die Wasserscheide bilden, liegen weit auseinander.

Siebzehntes Kapitel.

Quito. -- Rohheit des Volkes. -- Sehenswürdigkeiten. -- Kirchliche Feste. -- Die Geistlichkeit und die Regierung. -- Die Indianer. -- Theater. -- Rückreise nach Guayaquil. -- Der Chimborazo. -- Ein Stiergefecht. -- Todesgefahr. -- Panama. -- Reise über den Isthmus. -- Aspinwall.

Quito liegt ebenfalls in einer Hochebene, die zwar auch groß und schön, aber bei weitem nicht so ausgedehnt und von keinen solchen Riesenbergen eingesäumt ist, wie jene von Latacunga. Die Stadt selbst sieht man erst zwei Leguas, bevor man sie erreicht. Ihr Anblick hat nichts überraschendes. Die Häuser sind niedrig und mit leicht aufsteigenden Ziegeldächern gedeckt. Ein Paar Thürme oder Kuppeln unterbrechen diesen Steinhaufen. Die beiden Berge +Panicillo+ und +Pinchincha+, an welche sich die Stadt lehnt, sind weder mit Bäumen noch mit Untergebüsch bewachsen; eben so ist das ganze Gebirge beschaffen, das die Hochebene einfaßt. Die einzige Schönheit dieser Gegend besteht in dem Kreise der angehäuften Berge, von welchen einer über den andern blickt. Es breiten sich wohl überall in dem Thale schöne Wiesenteppiche aus, und viele kultivirte Felder liegen dazwischen; doch erwartet man unter diesem himmlischen Klima eine ungleich mehr in’s Auge fallende Vegetation, herrliche Waldungen, Hecken, Gebüsche, Blumen u. s. w. Die Berge sind nur mit ganz kurzem Grase bewachsen; die Kultur bemerkt man natürlich erst bei genauerer Betrachtung, und so kommt es, daß der Reisende, der von dieser Stadt und deren Lage die übertriebensten Beschreibungen gelesen hat, durch den Anblick sehr enttäuscht wird.

So ging es auch mir, je näher ich kam, desto mehr fiel meine Begeisterung. Die nächste Umgebung hat außer Feldern und Wiesen wenig Gärten oder Fruchtbäume. Die Häuschen in der Vorstadt sind klein, halb zerfallen und über alle Beschreibung unrein gehalten, die Straßen so voll Pfützen und Unrath, daß man sich die Nase hätte verhalten mögen, das Volk in die ekelhaftesten Lumpen gekleidet. Letzteres gaffte mich an, lachte mich aus, wies mit den Fingern nach mir, lief mir nach -- Fremdlinge kommen selten in dieß vergessene Land, und sind sie nicht ganz so gekleidet, wie der Eingeborne (ich trug wohl den Poncho, allein der kleine Strohhut fehlte mir), so treibt das Volk sein Gespött mit ihnen.

Näher dem Platze werden die Häuser etwas stattlicher: sie zeigen ein Stockwerk und statt der Fenster Glasthüren mit Balkonen. Der Platz weist einige hübsche Gebäude auf, darunter die Kathedrale, der Palast des Bischofs und jener des Präsidenten. Beide Gebäude haben eine Säulenkolonnade. Der Palast des Präsidenten würde sich nicht übel ausnehmen, wäre er nicht schon halb in Ruinen zerfallen, was besonders von der Treppe an der Façade gilt. Er ist jedoch wenigstens nicht wie jener in Lima durch die angehängten kleinen Kaufmannsbuden verunziert. Den Platz schmückt ferner ein Kunstbrunnen, welchem jedoch eine Kleinigkeit fehlt -- das Wasser.

In der Stadt Quito, die gegen 50,000 Einwohner zählen soll, gibt es keinen Gasthof. Ich war wohl mit vielen Empfehlungsbriefen versehen; allein ich hatte nur einen, an Herrn +Algierre+ lautend, bei der Hand; die übrigen lagen im Koffer, der in Wachstuch eingenäht war.

Wir hielten vor dem Hause des Herrn Algierre an, fanden es aber verlassen. Herr Algierre war vor einigen Tagen mit seiner Familie nach seiner Hazienda gegangen. Für den ersten Augenblick wußte ich nun nicht, wohin mich wenden. Mein Schlingel von Diener kümmerte sich nicht im geringsten um mich, das Volk fing an, sich um mich zu versammeln, bestürmte mich mit neugierigen Fragen, schrie und lachte -- ich war eine Frau, allein, ohne männlichen Schutz, es ließ daher ohne Rückhalt seiner Ausgelassenheit die Zügel schießen. Die Unannehmlichkeit meiner Lage stieg von Minute zu Minute, da trat endlich ein Herr herbei, reichte mir schnell einen kleinen Strohhut, wie ihn die Leute hier zu Lande tragen, und sagte meinem Diener, mich in sein Haus zu bringen. Daselbst angekommen, packte ich meinen Koffer schnell aus, zog mich ein wenig an, nahm unter den Briefen jenen an den Amerikanischen ~Chargé d’affaires~, Herrn +White+, heraus, und eilte, von einem Indianerjungen begleitet, nach dessen Wohnung. Mein Diener war bereits verschwunden.

Noch war nicht alles Unangenehme überstanden. Mein Anzug gab diesem civilisirten Volke abermals Anlaß zu Gespött. Ich trug nämlich eine Mantille und einen seidenen Hut, nicht das landesübliche große Tuch, und ging ohne Begleitung, denn den Indianerjungen beachtete man nicht. Glücklicher Weise lag Herrn White’s Wohnung nicht sehr entfernt, und nach einigen Minuten war ich in Sicherheit.

Herr White und seine Frau boten mir sogleich ihr Haus an. Auch Herr +de Paz+, der Spanische Minister, und seine Gemahlin erwiesen mir in der Folge sehr viele Aufmerksamkeiten.

Ich kam in Quito häufig in Häuser der Alt-Spanier. Bei den Reichen sieht man, wenigstens in den Empfangssälen, viel Luxus. Die Wohnungen bestehen aus großen Gemächern, was man, der Außenseite der Häuser nach zu urtheilen, nicht vermuthen würde; aber auch hier, wie in Peru, geht die eigentliche Façade nach dem Inneren zu, auf hübsche Höfe, die mit Blumen, Springbrunnen u. dgl. geschmückt sind.

Die Frauen fand ich liebenswürdig, nur sehr wenig gebildet, woran wohl zum Theil die Abgelegenheit ihrer Stadt Schuld sein mag. Es verliert sich dahin nicht so leicht ein guter Lehrer, viel weniger ein Künstler oder Gelehrter; daher hören und sehen die Leute wenig oder nichts von Künsten und Wissenschaften, um so weniger, als sie der Literatur nicht hold sind. Ich glaube, daß die ganze Damenwelt Quitos kein anderes, als ein Gebetbuch zur Hand nimmt. Was geistige Auffassungskraft und Talente betrifft, sollen sie, gleich den Peruanischen Frauen, das männliche Geschlecht übertreffen. Sie mengen sich auch in alles, und ganz besonders in die Staatsangelegenheiten, für welche sie oft mehr Interesse zeigen, als die Männer. Dafür werden hier aber auch Mädchen und Frauen für politische Vergehen eben so gut gestraft, wie die Männer, und nicht selten auf Monate und Jahre in Klöster gesperrt. Ich lernte eine junge, sehr interessante Frau kennen (Schwiegertochter des Generals +Algierre+), die auf ein ganzes Jahr in ein Kloster gesperrt werden sollte; sie hielt sich jedoch lange Zeit verborgen, bis die Geschichte halb in Vergessenheit gerieth, und entging glücklich der Strafe. Gegen die Verbannung der Jesuiten, die vor ungefähr zwei Jahren statt hatte, kämpften die Frauen mit aller Macht; doch blieben die Männer Sieger, und die geistlichen Herren mußten den Wanderstab ergreifen und dem schönen Lande Lebewohl sagen.

Die einzigen Sehenswürdigkeiten Quitos sind die Kirchen. Die Jesuiten-, Franziskaner-, St. Domingo-Kirche und die Kathedrale zeichnen sich besonders aus. Sie sind ganz im Geschmacke der Augustinerkirche zu Lima, im Innern reich und fein vergoldet von der Decke bis zum Grunde, mit schönem Holzschnitzwerk bedeckt, die Statuen abgerechnet, die hier wie in Lima wahren Fratzengestalten gleichen. Zu meinem größten Erstaunen hörte ich dessen ungeachtet stets von den vielen guten Bildhauern und Bilderschnitzern sprechen, die Quito besitzen soll[21]. Die Hauptaltäre, desgleichen die Säulen rings um den Tabernakel, sind mit Silberplatten belegt. Außer diesen vier Kirchen gibt es noch mehrere andere, die reich an Vergoldung und innerer Ausstattung und nur etwas klein sind. An den Festtagen erscheinen die Heiligen in kostbaren Kleidern, mit echtem Schmucke. Der Schmuck, den die heilige Maria am Grün-Donnerstage trägt, soll über 200,000 Thaler werth sein. Das ausgezeichnetste Stück daran ist ein Rosenkranz von sehr großen, schönen Perlen.

Die Spitäler für Kranke, Irrsinnige und Aussätzige fand ich unter aller Kritik. Es wäre gewiß Gott viel wohlgefälliger, wenn die Leute etwas weniger auf die Ausschmückung seiner Tempel verwendeten und dagegen jene Anstalten etwas besser bedächten. Ich bediene mich nie wohlriechender Wässer; aber bei dem Besuche der Spitäler hätte ich gern ein Fläschchen Kölner Wasser herzaubern mögen. Die verpestete Luft, die in den Gemächern herrschte, wäre allein hinreichend, Gesunde krank zu machen. Die sogenannten Säle bestehen aus langen Gängen mit Nischen, in welchen die armen Kranken auf hölzernen, mit Ochsenhäuten überspannten Schragen liegen, ohne Polster und Decke. Die Unreinigkeit war grenzenlos, die Luft dick von Gestank. Jeder der Gänge hatte blos zwei winzige Fensterchen, das eine am oberen, das andere am unteren Ende, und selbst diese waren fest verschlossen.

Eben so beschaffen ist das Irrenhospital, in welchem sich auch die Leprekranken, jedoch in einer besonderen Abtheilung, befinden. Die Irrsinnigen liefen im Hofe, der gegen die Straße zu nicht einmal geschlossen war, frei herum; die Leprekranken sind eingesperrt. Wenn sich ein Paar Leprekranke verheirathen wollen, wird es ihnen gestattet, und so finden sogar an diesem Orte des größten Elendes manchmal Hochzeiten statt. Zum Glück für die Nachkommenschaft erfreut sich ein solches Ehepaar nie eines Kindes.

Weder in diesem noch in dem andern Hospitale sah ich eine Arznei an der Seite eines Kranken stehen. Es ist wohl eine Apotheke vorhanden; aber Gott mag dem beistehen, der etwas von den Heiltränken nimmt, die da zusammen gemischt werden. Die Unordnung ist so groß, daß die Leute gar nicht finden, was man verlangt. Ich benöthigte Terpentingeist für meine Insekten und Senfmehl für mich. Ich fühlte mich nämlich, vielleicht in Folge der feinen Luft oder der beschwerlichen Reise, während der ersten vierzehn Tage sehr unwohl, konnte nur sehr langsam gehen, der Athem fehlte mir; auch hatte ich Stechen auf der Brust und Husten. Nichtsdestoweniger ging ich jeden Tag aus und schleppte mich überall hin, wo es etwas zu sehen gab. Doch wieder auf die Apotheke zurück zu kommen -- beim Suchen nach dem Terpentingeist wurde von ein Paar Dutzend Flaschen jede geöffnet und dazu gerochen, denn sie waren nicht einmal mit Etiketten versehen; das Senfmehl wollte gar nicht zum Vorschein kommen. Nachdem ich eine Viertelstunde gewartet hatte und eben fortgehen wollte, fand man es in einem Winkel. Die Preise sind ungefähr zehnfach so hoch als bei uns in Deutschland, so daß die Armen keine Arznei kaufen können und (vielleicht zu ihrem Glücke) zu Hausmitteln ihre Zuflucht nehmen müssen.

Das Kollegium ist nicht groß, aber für die Zahl der Schüler hinreichend. Schon in Guayaquil erzählte man mir von einem Museum, das sich in dem Kollegium Quito’s befinden solle; in Quito selbst bestätigte man mir sein Vorhandensein. Als ich in das Kollegium ging, um es zu besehen, führte man mich in -- +einen ganz leeren Saal+, der vielleicht einst zu einem Museum bestimmt und schon in vorhinein mit diesem Namen getauft worden ist.

Auch eine Münze wird den Besuchern gezeigt, die aber den größten Theil des Jahres friedlich ruht.

Um einen gesammten Ueberblick der Stadt und Umgebung zu haben, muß man den nicht sehr hohen Berg +Panicillo+ ersteigen. Man übersieht die ganze Hochebene mit den sie begrenzenden, übereinander gehäuften Gebirgszügen und vielen einzelnen Gebirgsstöcken. Die Gebirge haben keine auffallenden oder pittoresken Formen. Die ganze Gegend scheint wasserarm zu sein: nirgends zeigt sich ein Fluß; ein winziges, kleines Bächlein stürzt sich von dem Pinchincha in eine Schlucht und versieht ganz Quito mit Trink- und Waschwasser. Morgens und Abends wird es in offene Kanäle geleitet, welche die Straßen der Stadt durchlaufen, und säubert sie so wenigstens einigermaßen vom Unrathe.

Auf dem Panicillo sind noch Mauerreste einer Festung zu sehen, die unter der Spanischen Regierung erbaut worden war.

Neben dem Panicillo erhebt sich der bedeutend höhere Pinchincha, ein einstiger Vulkan, der aber seit mehreren hundert Jahren erloschen schien. Zwei Tage, bevor ich Quito verließ, öffnete sich an einer Seite des Berges, und zwar gerade an jener der Stadt zugewandten, eine kleine Spalte, welcher Rauch entstieg. Man kann sich denken, in welche Unruhe diese Erscheinung die Stadtbewohner versetzte. Ich habe in der Folge nicht vernommen, ob die gefahrdrohenden unterirdischen Kräfte eine fernere Thätigkeit entwickelten.

Das Leben in Quito ist sehr billig; dennoch gibt es hier, wie in Peru, Chili, Neu-Granada u. s. w., keine Kupfermünzen. Als die kleinste Münze kann man den Medio betrachten. Es existiren zwar Quartillos (zwei auf einen Medio); sie sind aber so selten, daß man sie kaum zu sehen bekommt. Man pflegt statt der Scheidemünze Brot oder Eier heraus zu geben, welche Gegenstände auch der Verkäufer an Geldesstatt annimmt.

Man findet in Quito ganz eingerichtete Miethhäuser, mit Spiegeln, Teppichen, Möbeln, Lampen u. s. w. Für ein sehr wohleingerichtetes Haus mit acht bis zehn Zimmern zahlt man per Monat höchstens 50 Thaler -- ein sehr billiger Preis, wenn man bedenkt, wie hoch Möbel, Teppiche, Spiegel u. dgl. durch den Transport über die Cordilleren zu stehen kommen, denn obgleich es in Quito der Sculpteurs in Menge gibt, ist doch niemand im Stande, einen ordentlichen Stuhl oder Tisch zu verfertigen.