Chapter 7 of 11 · 3976 words · ~20 min read

Part 7

Die Temperatur ist, obwohl Lima nur zwölf Grad südlich vom Aequator liegt, nie drückend heiß. Ich war in der Mitte des Sommers hier[15], und fand den Thermometer im Zimmer nie über 20 Grad Réaumur. Man schreibt diese gemäßigte Temperatur den Luftströmungen von den nur achtundzwanzig Leguas von der Stadt entfernten, mit ewigem Schnee bedeckten Cordilleren zu. Dagegen gibt es häufig Erdbeben. Ich erlebte in den fünf Wochen meines Aufenthaltes drei. Das erste war sehr bedeutend, richtete aber doch keinen Schaden an; bei dem zweiten ließ sich ein starkes, donnerähnliches, unterirdisches Geräusch vernehmen, welches gegen vierzig Sekunden anhielt; das dritte bestand aus ein paar ganz leichten Stößen. Bei jedem Erdbeben stürzt das Volk auf die Straßen, wirft sich auf die Knie und schreit, während es sich beständig an die Brust schlägt: „~Misericordia!~“ Die Glocken läutet man in allen Kirchen.

Eine große Unannehmlichkeit Lima’s ist die Unsicherheit (das Räuberunwesen). Gegen 6 Uhr Nachmittags, wo es kaum dunkelt, darf man sich weder vor ein Stadtthor, noch auf die Alameda oder sonst einen einsamen Ort allein wagen; sogar zu Pferde wird man angefallen und beraubt. Bei Hausberaubungen, die jedoch seltener vorfallen, brechen die Diebe nicht immer durch Fenster und Thüren ein, sondern sie ersteigen die Terrassen (meistens aus einer leichten Rohrdecke bestehend), machen eine kleine Oeffnung und lassen sich in das Zimmer hinab.

Vor noch wenig Jahren ging das Raubsystem viel großartiger vor sich. Berittene oder unberittene Banden von dreißig bis vierzig Mann kamen Abends zu irgend einem Hause (gerade nicht in den belebtesten Straßen); die Hälfte der Leute stellte sich vor demselben auf, die übrigen gingen hinein, schlossen schnell die Thüre und ersuchten die erschrockenen Bewohner ganz höflich, sich nicht stören zu lassen, ihnen nur alle Schlüssel zu geben, da sie schon selbst finden würden, was sie benöthigten. Bis die Nachbarn oder Vorübergehenden, durch die aufgestellte Wache aufmerksam gemacht, bewaffnete Hülfe bringen konnten, waren die Vögel mit ihrer Beute schon längst davon geflogen.

Auf dem sehr besuchten Wege von Lima nach +Chorillos+ (zwei Leguas) sind beständig berittene Patrouillen im Gange; dessen ungeachtet ist es für einen einzelnen Reiter gefährlich, sich nach 6 Uhr auf der Straße blicken zu lassen.

Die Peruanische Kavallerie, größtentheils aus Negern bestehend, soll von geringem Werthe sein. Besser als diese ist, wie man mir sagte, die Infanterie, zu welcher meistens Gebirgs-Indianer genommen werden. Man schildert sie als tapfer und ausharrend, Hunger und Beschwerden lange und leicht ertragend, und zählt sie zu den besten Truppen der Welt. Im gewöhnlichen Dienste sehen die Truppen nicht sehr glänzend und kriegerisch aus; hätten sie nicht ein Schwert umgegürtet, so würde man sie kaum von den Tagelöhnern unterscheiden. Bei Paraden dagegen nimmt sich das Militär, besonders die Kavallerie, recht gut aus: es ist mit weißem Linnenzeug uniformirt, die Pferde sind hübsch und gut gezäumt.

Herr Konsul Rodewald war außerdem, daß er mir den angenehmsten Aufenthalt in seinem Hause bot, auch noch so gefällig, einen kleinen Ausflug zu veranstalten, um mir den Badeort Chorillos und die Ruinen eines Peruanischen Sonnentempels zu zeigen, welche vier Leguas von Chorillos bei dem Oertchen +Lurin+ stehen und unter die interessantesten gezählt werden, von jenen, die noch längs der Küste vorhanden sind.

Nach Chorillos (zwei Leguas) geht täglich ein Omnibus. Ich fuhr in demselben, die Herren waren zu Pferde. Der Weg zieht sich durch eine sandige Ebene, auf welcher man nur hie und da kleine grüne Fleckchen gleich Oasen gewahrt. Auch die über einander geschichteten Gebirgsmassen zur Seite sind ohne alle Vegetation. Der Badeort selbst macht einen ungefälligen, traurigen Eindruck: erbärmliche Lehmhäuschen stehen in schmutzigen, staubigen Straßen zusammen gedrängt. Ich würde Chorillos eher für einen Verbannungs- als Belustigungs-Ort gehalten haben. Man sollte glauben, daß wohl nur wirklich Kranke, welchen die Seebäder verordnet sind, hierher kommen. Dem ist aber nicht so: das zarte Geschlecht sucht, ohne krank zu sein, Vergnügen in diesem traurigen Badeorte, Erholung in dem Luftwechsel, und die Herren zieht nicht nur die Damenwelt, sondern auch der grüne Tisch an, auf dem sie oft bedeutende Summen zurücklassen. So sucht der Mensch Wechsel in das Leben zu bringen und vertauscht oft das Bessere gegen das Schlechtere. Aber Licht und Schatten schaffen ein schönes Bild; eines wie das andere allein ist eintönig und wird mit der Zeit unerträglich.

Am folgenden Morgen ging es zu Pferde nach Lurin. Wir wählten den Weg über die +Pampas+, das heißt: „Sandsteppen,“ in welchen nichtsdestoweniger einige hübsche Zuckerrohr-Pflanzungen (Haziendas) liegen.

Eine Legua hinter Chorillos zeigt noch eine kleine Reihe gemauerter Bogengänge, daß hier einst eine Wasserleitung existirte.

Kurz vor dem Oertchen Lurin lenkten wir unsere Rosse etwas rechts nach dem 555 Fuß hohen Hügel +Pachacamac+, auf welchem die Ruinen des umfangreichen Sonnentempels stehen.

Pachacamac (Schöpfer der Erde) war der mächtigste Gott der +Yunkas+. Als die Yunkas von den +Inkas+ überwunden wurden, warfen diese die Götzenbilder aus dem Tempel, weihten ihn der Sonne und bestimmten königliche Jungfrauen (Sonnen-Jungfrauen) ein ewiges Feuer darin zu unterhalten. So wie die Inkas die Yunkas vertrieben, ihre Götzenbilder zerstört, sie gezwungen hatten, die Sonne anzubeten, eben so erging es den Inkas später durch die Christen, als Pizarro das Land eroberte. Die christlichen Horden verfuhren jedoch mit dem Volke noch grausamer, als die Inkas mit den Yunkas. Die Sonnen-Jungfrauen wurden den rohen Kriegern übergeben und das Volk durch Feuer und Schwert zur Annahme einer neuen Religion gezwungen, die es hassen und verabscheuen mußte, da es die Anhänger derselben die schändlichsten Gräuelthaten verüben sah! --

Von dem Tempel, den wir von allen Seiten untersuchten, bestehen nur mehr einfache Mauerreste, die gleichwohl von seiner ehemaligen Größe zeugen. Die wenigen erkennbaren Kämmerchen gleichen kleinen Zellen ohne Fenster und erhielten das Licht wahrscheinlich von oben. Auch zwei kleine Feuerstellen waren noch zu erkennen. Die Mauern, Wände und Wälle sind aus ungebrannten Ziegeln aufgeführt: hie und da besteht die unterste Lage aus behauenen Steinen. An einer einzigen Wand fanden wir noch ein kleines Stückchen sehr feines und hartes Plaster von ziegelrother Farbe, ganz ähnlich wie ich es in den ausgegrabenen Häusern zu +Pompeji+ bei Neapel gesehen hatte.

Die schönen Monumente der Peruanischen Bauart stehen bei +Cusco+ im Innern des Landes, zweihundert Leguas von Lima. Die Hauptkunst der Peruanischen Baumeister bestand darin, die größten Steine ohne Mörtel so ineinander zu fügen, daß sie eine Festigkeit bekamen, als wäre das Ganze aus einem Stücke gehauen. Noch heut zu Tage liegen die Steine so fest auf einander, daß man mit keiner Messerklinge dazwischen dringen kann.

Erheiternd ist der Blick von den Ruinen über das zu Füßen liegende Thal. Die Umgebung von Lurin ist lieblich; blühende Felder, zartes Gebüsch bedecken den ursprünglich sandigen Boden. Als die Spanier Peru eroberten, war das Thal von Pachacamac das fruchtbarste an der Küste und reich bevölkert. Die Wasserleitung in der Nähe von Chorillos spricht noch von jenen schönen Zeiten.

Von den interessanten Denkmälern einer zerstörten Vergangenheit hinweg begaben wir uns nach der prosaischen Hazienda +St. Pedro+, die zu dem Kloster St. Pedro gehört, große Zuckerpflanzungen und viele Sklaven besitzt.

Dergleichen Haziendas werden auf eine bedeutende Anzahl von Jahren verpachtet. Jede Verbesserung, die der Pächter anbringt, erhält er zu gut gerechnet. Oft belaufen sich zu Ende des Pachtes die Forderungen so hoch, daß der Besitzer froh ist, wenn der Pächter um einen geringen Preis den Pacht fortbehält. In dieser Hazienda hat der Pächter eine Dampfmaschine zum Zuckerpressen (die erste im Lande) errichtet.

Es war Sonntag, und als wir ankamen, endete so eben der Gottesdienst. Der ganze Haufen der Sklaven wurde von der Kirche in eine Abtheilung des Hofes getrieben und diese geschlossen. Sie gingen singend, lachend und lärmend nach ihrem Gefängnisse, aber gerade dadurch kamen sie mir wie eine Heerde Vieh vor. Nie ergriff mich eine Scene so sehr, wie diese, denn an keinem Orte sah ich die Menschheit so erniedrigt, so ganz dem Thiere gleich gestellt. Jede Freude war nun für mich dahin: ich konnte dieß Bild nicht aus dem Gedächtnisse streichen.

Die Armen sandten nach Branntwein, den ihnen ihr Herr verkauft; sie wollten den Tag mit Trunk, Tanz und Gesang verbringen.

Ich war in Brasilien und in andern Ländern auf vielen Plantagen, die mit Sklaven bearbeitet wurden; allein überall sah ich diese besser gekleidet, als hier, und nirgends wurden sie eingesperrt.

Die Sklaverei ist in Peru bei der Unabhängigkeits-Erklärung nicht aufgehoben, sondern dahin bestimmt worden, daß die von Sklaven erzeugten Kinder nach fünfundzwanzig Jahren frei sein sollen. Später wurden jedoch statt der fünfundzwanzig Jahre fünfzig festgesetzt. Eingeführt darf kein Sklave mehr werden. Betritt ein Sklave Peruanischen Boden, so ist er frei; dieß gilt auch von jenem, der z. B. von seinem Herrn in ein fremdes Land oder über See mitgenommen und wieder zurückgebracht wird. Im allgemeinen sollen die Sklaven gut behandelt werden, besonders die Haussklaven, und von den Gesetzen sehr in Schutz genommen sein. Der Sklave kann sich, wenn er hart behandelt wird, selbst an einen andern Herrn verkaufen; auch läßt man ihnen Zeit und Gelegenheit, sich Geld zu verdienen, damit sie sich selbst loskaufen können. Die meisten aber ziehen es vor, das Verdiente in Branntwein zu vertrinken und den Brodherrn für ihre Bedürfnisse sorgen zu lassen.

Herr Rodewald hatte einen Sklaven, dem er die Freiheit schenken wollte; dieser wies das Geschenk zurück, mit der Bemerkung, daß er sorgenloser lebe, wenn ihn sein Herr behalte.

Den Rückweg nach Chorillos nahmen wir durch die +Playas+, d. h. an der Meeresküste.

Die Nacht blieb ich in dem Badeorte und am folgenden Morgen fuhr ich nach +Miraflores+, einem Dörfchen, auf halbem Wege zwischen Chorillos und Lima gelegen. Auch hieher ziehen viele Familien aus der Stadt, um in den Sommermonaten eine bessere, frischere Luft zu genießen. Niedliche Ranchos (Sommerhäuschen) mit Gärten und ein hübscher Platz zieren das freundliche Oertchen; im Vergleich zu Chorillos könnte man Miraflores ein kleines Eden nennen.

Ich verlebte hier zwei sehr angenehme Tage in Gesellschaft der beiden geistreichen, höchst gebildeten Frauen +Smiths+ und +Dardnell+. Erstere Dame ist eine ausgezeichnete Malerin, Madame Dardnell mit einer schönen Stimme begabt, und beide sind höchst achtungswerthe, liebenswürdige Hausfrauen.

Nach Lima zurückgekehrt, dachte ich an die Fortsetzung meiner Wanderungen.

Ich war mit der Absicht nach Lima gekommen, von hier aus die Cordilleren zu überschreiten, nach +Loretto+ an den Amazonenstrom, und von dort mit den Brasilianischen Dampfern nach +Para+ (an der Ostküste Amerika’s) zu reisen. Allein die Revolution hinderte die Ausführung dieses Planes. Sie hatte sich gerade nach den Gegenden gezogen, durch die ich sollte. Ich hätte weder Führer noch Maulthiere bekommen, denn bei Revolutionen oder Kriegen nimmt hier Freund wie Feind Leute und Thiere in Beschlag; erstere werden den Soldaten eingereiht, letztere für die Kavallerie oder Artillerie benützt.

Vergebens wartete ich bis gegen Ende Februar, die Lage der Dinge änderte sich nicht, man rieth mir daher, mein Glück über +Quito+ zu versuchen. Ich war dazu um so mehr geneigt, als mir Herr +Muncajo+, ~Chargé d’affaires~ der Republik Ecuador, sehr viel von Seite seines Gouvernements versprach. Er sagte mir, daß der Präsident sein besonderer Freund sei, daß er mir Briefe an ihn, wie auch an andere hochgestellte, wichtige Personen geben, daß sich der Präsident sicher selbst sehr für meine Reise interessiren und sie auf alle Art unterstützen werde.

Im Vertrauen auf diese Versicherungen und wohl ausgerüstet mit einem Dutzend, wie ich meinte, sehr gewichtiger Briefe, begab ich mich fröhlichen Muthes auf die Reise, und ging auf dem Dampfer +Santiago+, Kapitän +Joy+, wieder zurück nach Guayaquil.

[9] Den Antritt des neuen Jahres feierte ich in Panama bei Dr. Autenrieth.

[10] Aber nicht so süß und aromatisch, wie im Ostindischen Archipel.

[11] Man hat berechnet, daß auf den Chincha-Inseln allein noch ein Vorrath von mehr als zwölf Millionen Tonnen Guano vorhanden sei. Die Regierung verkauft den Guano auf eigene Rechnung in Europa und Nordamerika und gewinnt per Tonne fünfzehn bis fünfundzwanzig Dollars.

[12] Wie ich später in Zeitungen las, endete die Revolution mit dem Sturze des Präsidenten.

[13] Alle, deren Hautfarbe der weißen nur etwas nahe kommt, nennen sich „Alt-Spanier,“ sie wünschen sehr, zu dieser Race gezählt zu werden. Kreolen heißen jene, die von echt Europäischen Eltern geboren sind.

[14] Ein Esel trägt für gewöhnlich zweihundert, ein Maulthier dreihundert Pfund.

[15] Die Jahreszeiten, bekanntlich jene der nördlichen Hemisphäre, sind entgegengesetzt.

Sechzehntes Kapitel.

Ecuador. -- Reise nach Quito. -- Fahrt auf dem Guaya. -- Savanetta. -- Die Tambos. -- Der Camino real. -- Guaranda. -- Uebergang über die Cordilleren nächst dem Chimborazo-Gipfel. -- Die Hochebenen von Ambato und Latacungo. -- Ausbruch des Cotopari. -- Haziendas-Besitzer.

Auf dem Dampfer Santiago fand ich die Kabinen besetzt und bekam einen Platz in der bereits beschriebenen Kajüte auf dem Vorderdecke angewiesen. Ich kam Abends an Bord und mußte den Weg dahin im Finstern suchen -- der Zugang war nicht einmal mit einem Lämpchen erleuchtet. Ich tappte über die Achsen der Wasserräder durch Kohlenschmutz und Nässe, gerieth zu weit links, und stieß -- an die Hörner von Ochsen, die, wie ich am folgenden Morgen sah, kaum zwei Schritte von dem Eingange der Kajüte standen. Mich rechts wendend, fiel ich über einen Kohlenhaufen, der noch nicht eingeräumt war und gerade vor unserer Thüre lag -- eine höchst comfortable Einrichtung, die der Reisende aber auch mit schwerem Gelde bezahlen muß.

Am +1. März+ erreichten wir Guayaquil.

In dieser, der wichtigsten Hafenstadt des Reiches Ecuador, gibt es keinen Gasthof. Jeder Reisende muß sich mit Briefen an Familien versehen, um irgend wo aufgenommen zu werden. Ich wagte es, ohne Brief zu dem Hamburger Konsul Herrn +Garbe+ zu gehen, der mir sein Haus auch gastfreundlich öffnete.

Ecuador hat sich im Jahre 1830 von dem Spanischen Mutterlande losgesagt und als Republik erklärt. Die Bevölkerung des Landes besteht aus 400,000 Seelen, die Staatseinkünfte betragen 900,000 Dollars, die Ausgaben bedeutend mehr; dessen ungeachtet hat der Staat keine Schulden. Die Regierung macht einen kurzen Prozeß und zahlt die Gehalte meistens nur zur Hälfte. Die Regierungsform ist dieselbe wie in Peru.

Die Hauptausfuhr des Landes besteht in Cacao (jährlich fünfzehn, sogar bis fünfundzwanzig Millionen Pfund), Kaffee noch wenig, aber von vorzüglicher Güte, vielen heilsamen Kräutern und Pflanzen, schön geflochtenen und sehr dauerhaften Strohhüten (dreißig bis vierzigtausend Stück per Jahr), die in ganz Südamerika von Männern und Frauen getragen werden.

Ich kam unglücklicher Weise nach Guayaquil zur Regenzeit, die im Monat December beginnt, bis halben April währt, und natürlich zur Reise in das Innere die ungünstigste ist. Man sagte mir, die Wege seien so schlecht, daß jeder Verkehr mit der Hauptstadt des Landes (Quito), die Post ausgenommen, für diese Zeit unterbrochen werde. Der Postbote selbst habe die größte Mühe durchzukommen und müsse oft auf Bäume klettern und sich von einem zum andern an den Aesten fortschwingen, um derart über die grundlosen Sümpfe zu gelangen. Ich dachte aber, daß manches von der Beschreibung übertrieben sein möge; auch traute ich mir noch so viel Kraft und Ausdauer zu, eben so gut fortkommen zu können, wie der Postbote, und traf meine Anstalten zur Reise.

Wider meinen Willen war ich gezwungen, meine Reise drei Wochen zu verzögern, da ich abermals einige Anfälle des abscheulichen Sumatra-Fiebers hatte.

Während meines Aufenthalts zu Guayaquil wurde der Unabhängigkeits-Tag (+6. März+) gefeiert. Vormittags fand in der Kirche ein Hochamt statt, Abends eine Beleuchtung. Letztere war über alle Maßen erbärmlich, kaum, daß hie und da ein Paar Kerzen an einem Fenster prangten. Am folgenden Abend ward dasselbe Kinderspiel wiederholt. Zugleich mit diesem Feste wurde die Sklaverei gänzlich aufgehoben, welche, vermöge eines Vertrages bei der Unabhängigkeits-Erklärung, noch zehn Jahre länger, nämlich bis 1864, hätte dauern sollen.

Am +22. März+ ging ich Abends 5 Uhr mit dem Postboten in einem kleinen Boote nach dem Städtchen +Bodegas+ ab.

Man hatte mich zu überreden gesucht, einen Diener mitzunehmen, besonders weil ich der Spanischen Sprache nicht mächtig sei, und weil in den Gebirgen während der Regenzeit, wo jeder Verkehr unterbrochen ist, die Tambos (Schenken) unbewohnt wären; die Leute gingen für diese Zeit in die Niederungen, ich könnte daher weder einen Trunk Wasser, noch Feuer oder sonst etwas bekommen. Trotz meinem Abscheu gegen solche Diener ließ ich mich leider dazu bewegen -- die Folge zeigte, daß ich auch dießmal Unrecht hatte, nachzugeben.

Bodegas liegt 15 Leguas stromaufwärts an dem Flusse Guaya. Wir hatten eine häßliche Nacht: es war stockfinster und der Regen strömte unausgesetzt auf uns herab.

+23. März.+ Nachmittags landeten wir an der Treppe des ersten Beamten von Bodegas. Das ganze Städtchen steht während der Regenzeit so tief unter Wasser, daß man in Booten von einem Hause zum andern fährt. Die Häuser sind auf Pfähle gebaut.

Als ich die wenigen Stufen hinan stieg, hob ein Neger mein kleines Gepäck aus dem Boote und trug es mir nach; ich hielt ihn für den Diener des Hauses. Kaum hatte er es jedoch abgelegt, so verlangte er zwei Realen[16] für diese unbedeutende Mühe. Der Beamte so wie mein Diener hörten dieß unverschämte Begehren; allein weder der eine noch der andere machten die geringste Einwendung: weil das Zahlen nur mich und nicht sie anging, waren sie zu träge, den Mund zu öffnen. Ich erzähle absichtlich dergleichen Prellereien und Betrügereien, um meinen Lesern einen Begriff von diesem abscheulichen Volke zu geben, und zugleich zu beweisen, daß ich Recht habe, wenn ich behaupte, mich als einzelne, schutzlose Frau unter den Wilden überall besser befunden zu haben, als unter Christen. Ueberall, wo ich hinkam, hieß es zwar in diesem Lande: „~Pobrezita Sennorita~;“ dabei war man aber schon bedacht, wie man dieser „armen Frau“ ihr bischen Geld abnehmen könnte.

So hatte ich z. B. einen Brief an einen Kaufmann in Bodegas, Herrn +Verdesotto+. Dieser Mann kam zu mir, und seine erste Frage war, ob ich einen Sattel habe. Als ich es verneinte, sagte er, ich müsse durchaus einen solchen haben, da man mir keinen mit den Maulthieren vermiethen werde; er besitze einen sehr guten, beinahe ganz neuen, den er mit einer Unze bezahlt habe; aus Rücksicht der Empfehlung wolle er ihn mir um die Hälfte überlassen. Als er sah, daß ich zu dem Handel nicht geneigt war, erklärte er, mich ohne Sattel nicht fortlassen zu können, und wollte mir denselben um acht Thaler geben. Ich bezahlte das Geld, und er sandte mir einen Sattel, der so schlecht, zerrissen und erbärmlich war, daß man ihn kaum mehr gebrauchen konnte[17]. Derselbe ehrliche Mann wollte mich auch noch um einen halben Thaler mehr betrügen. Er hatte für mich für den kommenden Tag ein Boot von hier nach +Savanetta+ bestellt, sagte der Preis sei 2½ Thaler und verlangte im voraus das Geld. Zufällig erfuhr ich von dem Beamten, bei welchem ich wohnte, daß man nur zwei Thaler zu bezahlen habe; der Betrüger mußte mir daher einen halben Thaler wiedergeben.

In dem Hause des Beamten aß ich zum ersten Male nach der Landessitte. Das Mahl fing mit der Sopa an, einer Art Wassersuppe mit Fett, Kartoffeln und vielem rothen Pfeffer, dann kamen kleine Stückchen geröstetes Fleisch, Reis, geröstete Pisangs, und zum Schlusse Locro, ein Mittelding zwischen Sauce und Suppe, aus kleinen Fleischstückchen, Brod, Käse, ein Paar hart gekochten Eiern und rothem Pfeffer bestehend. Als Nachtisch fungirte eine Süßigkeit unter dem allgemeinen Namen Dulce (Früchte, zu einer Sulze in Zucker gekocht), ohne welche der Reichste wie der Aermste (den Indianer ausgenommen) keine Mahlzeit schließen kann; der Arme begnügt sich mit Syrup (Molasses); aber süß muß die Mahlzeit enden.

Zum Schlafen wurde mir eine Hängematte angewiesen; glücklicher Weise gab es keine Mosquitos, weshalb ich auch ohne Netz schlafen konnte.

Die Hängematten sind hier wie in Peru so beliebt und so im Gebrauche, daß eher jedes Möbel, nur dieses nicht, fehlen darf. Den ganzen Tag über wiegt sich alles in Hängematten, jeder Besucher trachtet einer solchen habhaft zu werden. Mädchen und Frauen verrichten sogar die Handarbeiten in schaukelnder Bewegung.

+24. März.+ Savanetta, 5 Leguas. Von dem Postboten hatten wir uns schon gestern getrennt; dieser setzte seine Reise ohne Unterlaß fort.

Savanetta ist ein kleines, schmutziges Oertchen mit elend gebauten, strohgedeckten Bambushütten. Aus seinem Aeußeren würde man auf größte Armuth schließen; dessen ungeachtet soll sein Handel ziemlich bedeutend sein. Es ist der Hauptstapelplatz der Lebensmittel und Waaren, welche von und nach den Cordilleren gebracht werden. Die höher gelegenen Gegenden liefern hauptsächlich Kartoffeln, Butter, Käse, Schweinefett, Eier, Geflügel; auch die meisten Säcke zur Verpackung der Cacaobohnen werden in den Gebirgen verfertigt. Alles wird hier in kleine Boote oder auf Thiere geladen, erstere gehen auf dem Savanetta-Flusse nach dem Guaya, auf diesem nach Guayaquil, letztere mit Salz, Zucker, Kaffee und anderen Waaren nach Quito und anderen Gegenden.

Mädchen und Frauen sahen durch die Nachlässigkeit in der Kleidung ekelhaft aus. Sie tragen Kleider nach Französischem Schnitt, sind aber zu bequem, sich in die engen Leiber derselben zu pressen. Sie lassen sie lose herab fallen; eben so luftig hängt das Hemd über die Achseln. Die Leute kamen mir wie Megären vor. Die Negerinnen bedienen sich derselben Tracht, nie aber sah ich sie an einer Indianerin. Letztere tragen gefärbte wollene Röcke und ein drei Ellen langes, eine Elle breites Stück Wollenstoff, das sie gleich einem Shawl über den Obertheil des Körpers schlagen.

In der trockenen Jahreszeit macht man die Reise schon von Bodegas aus zu Lande; in der jetzigen aber ging es noch eine Legua über Savanetta hinaus zu Boot. Doch mußte ich hier Maulthiere miethen. Bei dieser Gelegenheit zeigte es sich, daß mich mein Diener betrogen hatte. Ich nahm ihn nach Quito, wohin er ohnedieß zu gehen hatte, unter der Bedingung mit, daß ich nur ein Maulthier für ihn, aber keins für sein Gepäck zu bezahlen habe. Als ich bei der Abreise von Guayaquil in dem Boote vieles Gepäck sah, sagte er, es gehöre nicht ihm; der Bootführer habe es da- oder dorthin zu bringen. Hier erwies es sich, daß es dem Schurken, meinem Diener gehörte, der nach Quito ging, um zu handeln. Er mußte für sein Gepäck ein Thier miethen, dessen Zahlung natürlich bei der meinigen eingerechnet wurde. Zum Glück kam die Reise doch nicht so hoch zu stehen, als ich dachte; der Preis per Maulthier bis Quito (62 Leguas) betrug nur zehn Thaler.

Die Nacht in Savanetta gehörte zu den schlechtesten, obwohl ich nicht ohne Empfehlungsbrief gekommen war. Ich fing schon früh an, einen geringen Begriff von der Gastfreundschaft dieses Landes zu bekommen. Sie steht bei weitem nicht auf dem Höhepunkt, auf welchem ich sie unter den Arabern, Beduinen oder den wilden Völkern Borneo’s und anderer Länder gefunden habe. In Bodegas betrog mich der eine, an den ich einen Brief hatte, mit dem Sattel, der andere, bei dem ich wohnte, wies mir eine Hängematte zum Schlafen an, während die Uebrigen vom Hause in Betten unter Mosquito-Netzen schliefen, und ließ mich Morgens, obwohl es schon gegen 9 Uhr war, ohne Imbiß aus seinem Hause ziehen. Hier mußte ich in eine Garküche gehen, um meinen Hunger zu stillen, und Nachts auf dem Boden schlafen, in einem Gemache mit vielen Leuten, die rund um mich ihre Mosquito-Netze aufzogen. Mir gab man keins, obwohl es hier ganze Schwärme dieser abscheulichen Thiere gab.

+25. März.+ +Playas+, 4 Leguas. Erst um 9 Uhr kamen wir fort. Die erste Legua machten wir in einem kleinen Kahne, der von den Leuten mehr fortgestoßen und gezogen, als gerudert wurde. Dann ward meine Geduld noch eine ganze Stunde auf die Probe gestellt, bis die Thiere erschienen. Die Umgebung glich einem Sumpfe, wir setzten uns auf abgehauene Baumstämme und erwarteten so die Maulesel. Die ferneren drei Leguas waren zwar sehr schlecht: es ging beständig durch Morast und Wasser, allein der Beschreibung nach hatte ich es mir noch ärger vorgestellt. Eine große Entschädigung für den schlechten Weg bot mir der Anblick der schönen Waldungen, durch die wir ritten. Obgleich die Bäume weder sehr hoch noch sehr umfangreich waren, fand ich hier doch eine so reiche, herrliche Vegetation, eine solche Fülle der schönsten, mannigfaltigsten Flora, wie sie mir auf allen meinen Reisen nur in Brasilien vorgekommen ist. Wenn die Sonne nur einigermaßen durch das Gewölk drang, schwärmte sogleich eine große Anzahl der verschiedenartigsten, buntgefärbtesten Schmetterlinge und Libellen umher, sich scherzend verfolgend oder auf den Blumen wiegend. Einige dieser holden Schwärmer fielen mir zur Beute; wie ein tüchtiger Jäger nie ohne Gewehr, war ich nie ohne Schmetterlingsnetz, und da das Reiten sehr langsam ging, konnte ich, auf dem Maulthiere sitzend, gar manchen Gefangenen machen.