Chapter 5 of 11 · 3903 words · ~20 min read

Part 5

Ich sah in Acapulco auch sehr schöne, aus ganz kleinen Muscheln verfertigte Blumen, so wie auch graziöse, höchst richtig geformte Wachsfigürchen, die Mexikaner in ihren Trachten und Handthierungen vorstellend. Die Wachsfigürchen kommen aus der Stadt Mexiko.

Die Einwohner von Acapulco kann man gar keiner Race zuzählen; sie haben sich aus der Verzweigung der Stammbewohner, der Neger und der Spanier, welche vor etwas mehr als dreihundert Jahren das Land eroberten, gebildet. Je nach der näheren oder ferneren Vermischung mit der einen oder andern Nation ist ihre Hautfarbe braun, schwarz oder weiß, eben so verhält es sich mit den Gesichtsbildungen.

Nach sechsstündigem Aufenthalte am Lande gingen wir wieder an Bord, wo wir uns viel mit den jugendlichen Tauchern unterhielten, die das Schiff von allen Seiten umschwärmten und uns Reisenden zuriefen, Geld in die See zu werfen, in dessen Auffangen sie große Geschicklichkeit bewiesen. Die Jungen machen sich schon frühzeitig mit dem Meere vertraut, um für die Perlenfischerei tüchtig zu werden.

Von Acapulco an hielten wir uns stets auf hoher See und wurden des Landes erst kurz vor +Panama+ wieder ansichtig.

Den heiligen Abend brachten wir ruhig wie jeden andern zu; am Christtage gab es bei Tische viele Hurrah’s mit Champagner und andern Weinen.

+28. December.+ Heute erschien wieder Land; es zeigte sich anfänglich in hohen Gebirgen, welche später großen Ebenen wichen. Auch hier gehörte die Vegetation nicht zu den üppigsten; die Flächen sahen sogar mitunter etwas nackt aus. Abends 9 Uhr lagen wir vor Panama. Wir hatten die 3300 Meilen von San Francisco hierher (den Aufenthalt abgerechnet) in elf Tagen und neunzehn Stunden zurückgelegt.

+29. December.+ Schon um 4 Uhr Morgens begann das rege Leben auf unserm Wasserpalaste. Alles wollte eilig an’s Land, um die besten Maulthiere zu dem Uebergange über den Isthmus zu bekommen. Auch ich that dieß frühzeitig, obwohl ich nicht im Sinne hatte, den Isthmus zu passiren; aber Land bleibt Land: man zieht festen Grund und Boden dem besten Schiffe vor.

Ich war so glücklich, bei Dr. +Autenrieth+ eine herzliche Aufnahme zu finden.

Mein erster Gang war nach dem Platze, wo ich die ganze Schiffsgesellschaft versammelt fand, sich zur Reise anschickend. Da ging es munter her, alles drängte durch einander, der Platz war voll von Menschen, Maulthieren, Pferden, Trägern und Gepäck. Die Bemittelten ritten, die kleinen Kinder wurden getragen, die Armen folgten zu Fuße nach, das Gepäck ward auf Maulthiere geladen.

Die Breite des Isthmus beträgt etwas über hundert Meilen, von welchen man 23 zu Maulthier, einige vierzig in Booten und den Rest auf der erst kürzlich begonnenen Eisenbahn zurücklegt. Diese kleine Reise, so wie alles in dieser Gegend, kommt sehr hoch zu stehen, da des starken Zudrangs wegen alles sehr theuer ist. So kostete z. B. die kleine Fahrt von dem Dampfer an das Land (drei Meilen) per Kopf zwei Dollars; für das Tragen durch das Wasser von dem Boote, welches bei Ebbezeit nicht ganz an das Ufer gelangen kann, hatte man einen halben Dollar zu bezahlen, eben so viel für das an’s Land Schaffen des Koffers. Noch ärger ist es, wenn jemand an Bord eines Schiffes zu gehen hat, da begehren die Leute oft das Zwei- und Dreifache. Es ist ein großer Fehler, daß die Gesellschaft der Dampfschiffe nicht Anstalt trifft, die Reisenden vor diesen Plünderungen zu bewahren.

Die Miethe eines Maulthieres für die dreiundzwanzig Meilen betrug, weil es nicht sehr viele Reisende gab, achtzehn Thaler; sind der Reisenden viele, dann steigt sie auf zwanzig und mehr. Ein Platz in dem Boot auf dem Flusse kostet fünf, die Eisenbahn acht Thaler, das Gepäck zwanzig Cents per Pfund, so daß diese kleine Reise ohne Kost und Nachtlager auf nicht viel weniger als vierzig Thaler kommt.

Die Lage Panama’s[8] ist schön, das Land rings umher blühend. Kleine Eilande und Felsen, darunter +Taboga+, +Taboguilla+, steigen von allen Seiten aus dem Meere; eine Hügelkette, deren höchster Punkt der +Aneon+ (500 Fuß), zieht sich bis nahe an das Seegestade. Die Gebirgskette von Mexiko und Neu-Granada ist hier schon sehr abgeflacht; man sieht sie in der Ferne.

Die Stadt zählt mit den Vorstädten und der nächsten Umgebung gegen 10,000 Seelen. Sie hat bedeutende Festungswerke, welche auf der Seeseite mit einem halben Dutzend Kanonen und einigen Bombenkesseln versehen sind. Von den drei Plätzen zeichnet sich der Hauptplatz durch Größe, Reinlichkeit und die Kathedrale mit einer hübschen Façade aus. Einen angenehmen Eindruck machte es auf mich, die Straßen gesäubert zu sehen von alten Kleidungsstücken, Wäsche, Schuhwerk, todten Hunden, Katzen und Ratten und anderem Plunder, über welchen man in San Francisco bei jedem Schritte zu klettern hatte. Auch über die Wohnungen war ich entzückt, obwohl sie weder mit schönen Einrichtungen noch mit Teppichen u. dgl. prangten; die Zimmer waren hoch und groß, man konnte doch wieder frei athmen und sich bewegen.

An Kirchen und Kapellen ist die Stadt überreich; man zählt mehr als ein Dutzend, die im Gebrauche sind, und eine ganze Menge, die in Ruinen liegen. Wenn Kirchen allein die Menschen gut machten, so müßte dieß hier der Fall sein.

Die größte Kirche ist die Kathedrale, die am meisten ausgeschmückte die sogenannte „Negerkirche.“ An dieser ist sehr viel Silber angebracht, aber geschmacklos und ohne Wirkung. Die hölzernen Statuen der Heiligen sind gräßlich geschnitzt und bemalt, mit Menschenhaaren verziert und in Seide, Sammet, Spitzen u. dgl. so barock gekleidet, daß man mit Erstaunen nach ihnen sieht.

Am Sonntage wurde bei der großen Messe viel musicirt und gesungen, aber so ohrenzerreißend, daß nach dieser musikalischen Ausführung mir die Malaische Musik sicher gefallen hätte und ich mein über letztere gefälltes strenges Urtheil zurücknehmen muß. Die Melodien während der Wandlung klangen so munter, daß ich mich im Theater und nicht in einer Kirche zu befinden wähnte.

Schon auf meinen früheren Reisen in +Chili+ und +Brasilien+ habe ich bemerkt, daß viele der dortigen Priester so tief an Bildung und nur zu häufig auch an Charakter stehen, daß man ihnen eher alles, als den Gottesdienst und den Volksunterricht anvertrauen sollte. Nicht einmal bei den Eingebornen, weder dort noch hier, stehen sie in Achtung oder Ansehen. Da gehe man nach Batavia oder Padang, dort gibt es Männer, die ihr Amt auf wahrhaft würdige Weise vertreten, dagegen auch bei Hohen und Niederen in unbestrittener Achtung stehen. -- Wäre in den Spanisch- oder Portugiesisch-Amerikanischen Ländern die Zahl der wackeren Priester nicht gar so gering, so würde es mit der Volks-Erziehung und Modalität nicht so schlecht stehen, wie es leider der Fall ist.

Unter den Ruinen sind die schönsten: das ehemalige Kollegium sammt Kirche und die St. Domingo-Kirche. Beide würden herrliche Skizzen zu Bildern geben. Sie sind noch nicht so sehr zerstört, daß man nicht theilweise ihre schönen Formen, kühne Kuppel-Wölbungen, hohe Portici sehen könnte. Zierliche Schlingpflanzen ranken sich an halb eingestürzten Wänden auf, Bananen, Strauchwerk, Blüthen und Blumen decken den Boden und blicken aus den verfallenen Thüren und Fenstern. In der Ruine der St. Domingo-Kirche zeichnet sich einer der gewölbten Bogen durch seine besondere Bauart aus und zieht die Aufmerksamkeit aller Sachverständigen in hohem Grade an. Seine Wölbung ist so gering, daß sie auf dreißig Fuß Länge kaum drei Fuß Höhe beträgt.

Das Volk in Panama besteht aus demselben Gemische von Alt-Spaniern, Indianern, Negern u. s. w., wie in Acapulco. Unter den Mischlingen gibt es viele hübsche Leute mit schönen Augen, Haaren und Zähnen. Man rühmt auch ihre kleinen Hände und Füße. Dieselben sind wohl klein, aber selten schön; man sieht, wie bei den Malaien, zu viel Knochen, die runde Form fehlt, auch sind die Finger etwas zu lang.

Seit solche Massen von Reisenden den Isthmus hier durchziehen, gibt es so viel Verdienst, daß das Volk nicht den geringsten Mangel zu leiden hätte, wenn es arbeiten wollte; aber es ist träge, wie in allen heißen Ländern. Es zieht die Armuth, die Unreinlichkeit der Arbeit vor. Seine Hauptnahrung besteht aus Reis und Früchten. Sehr gern essen die Leute frisches Schweine- und getrocknetes Ochsenfleisch. Letzteres wird meistens von +Buenos-Aires+ eingeführt. Es ist in lange, schmale Stücke geschnitten und wird nach der Elle verkauft.

Die Tracht des Volkes ist Europäisch. Der Mann hat das Europäische Beinkleid, die Jacke an, das Weib ein die Straße fegendes, langes Kleid, welches sehr weit ausgeschnitten und mit einer oder zwei so breiten Falben versehen ist, daß solche bis tief unter die Brust fallen. Wäre dieser Anzug rein und nett gehalten, so stände er ziemlich gut; allein das Kleid hängt so lose, daß es von der einen Schulter gewöhnlich hinab gleitet und Brust und Schulter entblößt, während es auf der andern beinahe bis an den Hals reicht. Sie wischen mit den breiten Falben den Schweiß vom Gesichte, bedienen sich derselben statt der Taschentücher und putzen den Staub u. dgl. überall damit ab. Beide Geschlechter tragen runde, kleine Strohhüte, die sie sehr schön zu flechten verstehen. Dem weiblichen Geschlechte passen sie nicht gut, da sie zu klein sind und kaum auf dem dickgeflochtenen Haare sitzen. Weiber und Mädchen tragen sehr gern Blumen im Haar; in Ermangelung frischer ersetzen sie selbe durch künstliche. Das Rauchen von Cigarren ist eine Hauptleidenschaft beider Geschlechter: man sieht schon zehnjährige Kinder mit der Cigarre im Munde. Eigenthümlich ist es, daß die Leute, vorzüglich wenn sie mit Arbeiten beschäftigt sind, den brennenden Theil der Cigarre in den Mund stecken, wodurch sie länger währt. Ich würde diese Sonderbarkeit wohl nicht beobachtet haben, hätte Dr. Autenrieth mich nicht darauf aufmerksam gemacht.

Die beliebteste Unterhaltung des Volkes sollen Hahnenkämpfe sein; doch scheint die Leidenschaft dafür nicht gar so groß zu sein, da ich weder Streithähne noch Gefechte sah.

Von den öffentlichen Anstalten Panama’s besuchte ich nur die Spitäler, deren es zwei gibt, das eine für das Volk, das andere für Fremdlinge. Ersteres ist von der Regierung, letzteres von den Europäern gegründet. Das Volkshospital ist unter aller Kritik. Es besteht eigentlich bloß aus einem langen, breiten, auf einer Seite ganz offenen Gange, in welchem der von ansteckender Krankheit Befallene neben dem leicht Erkrankten liegt. Unreinlichkeit und Armseligkeit sind die Haupteigenschaften dieses Ortes, der mehr einem Gefängnisse als einer Heilanstalt gleicht. Jeden andern als den im tiefsten Schmutze und Elend aufgewachsenen Eingebornen müßte schon sein Anblick tödten. Ich sah da ein Dutzend Menschen, meistens mit bösen Augen, abscheulichen Geschwüren und Hautkrankheiten behaftet, in den ekelhaftesten, schmutzigsten Verbänden auf dem ungedielten Boden kauern.

Einen ganz andern Anblick gewährt das Fremden-Hospital. Man hat zwar nur ein abgetakeltes Schiff dazu verwendet; aber alles ist schön, rein und wohlgeordnet, und der Kranke sehr gut gepflegt.

Unter den nahen Ausflügen Panama’s fand ich einen Spaziergang nach dem Berge +Aneon+ höchst lohnend. Man kann mit größter Bequemlichkeit in einer Stunde auf seine Spitze gelangen und genießt eine der reizendsten Aussichten: stundenlang möchte man da sitzen und schauen. Man überblickt die ganze Stadt, von welcher ein Theil weit in die See vordringt, in deren Hintergrunde sich ein großes, höchst fruchtbares, üppiges Thal anschließt, von einem Flusse durchschnitten. Leider deckt noch Wald und Gebüsch den größten Theil des Grundes. Der weite Ocean mit vielen Inseln und Eilanden auf der einen Seite, Reihen von Hügeln und Bergketten auf der andern rahmen das liebliche und zugleich großartige Bild ein. Kein ähnlicher Naturgenuß ward mir in Kalifornien zu Theil, obwohl ich durch bedeutende Strecken jenes Landes reiste.

Schade, daß Panama so ungesund und das Klima so heiß ist. Der Fremde wird leicht und schnell von dem hartnäckigen, bösartigen Panama-Fieber befallen, und häufig bringt dieß ihm sogar den Tod. Die Ursache soll in der geringen Kultur des Bodens liegen, und das große, schöne Thal ist zum großen Theil sumpfiger Grund.

[7] So nennen sich alle Eingebornen, die nicht reine Neger oder Indianer sind.

[8] Panama ist der Hauptort und größte Hafen des Distriktes gleichen Namens in der Republik Neu-Granada, welche über zwei Millionen Einwohner zählt, und deren Hauptstadt +Bogota+ im Innern liegt.

Fünfzehntes Kapitel.

Reise nach Lima. -- Die Englischen Dampfer. -- Guayaquil. -- Callao. -- Die Deutschen Auswanderer. -- Lima. -- Kirchen und öffentliche Gebäude. -- Die Peruanischen Damen. -- Erdbeben. -- Unsicherheit. -- Der Badeort Chorillos. -- Die Ruinen des Sonnentempels Pachacamac. -- Die Hazienda St. Pedro.

Am +7. Januar 1854+[9] ging ich von Panama mit dem Dampfer „+Bolivia+,“ 750 Tonnen, Kapitän +Straham+, nach +Lima+.

Eine Englische Gesellschaft hat bisher noch immer den Vortheil, die Linie von Panama nach +Valparaiso+ allein, ohne Amerikanische Konkurrenz, zu befahren. Dieß ist Ursache, daß die Preise sehr hoch, die Versorgung der Reisenden sehr schlecht ist. Obwohl der Engländer stets von Philanthropie mit Begeisterung spricht, zeigt er auf seinen Dampfern doch ganz das Gegentheil. Recht von Herzen würde es mich freuen, eine Amerikanische Gesellschaft erstehen zu sehen. Man wirft den Amerikanern vor, daß sie nur Dollar-Menschen seien -- auf ihren Schiffen ziehe ich sie den Engländern bei weitem vor.

Ich will hier nur wieder eine kleine Skizze von der Einrichtung dieses Dampfers geben.

Die Schlafkabinen auf dem ersten Platze sind so beschränkt, besonders jene der Frauen, daß sich diese nur eine nach der andern aus- und ankleiden können. Sind die Kabinen besetzt, so müssen die Nachkommenden in dem Speisesaale schlafen, denn aufgenommen werden so viele Reisende als kommen. Ist auch der Speisesaal schon voll, so stopft man die Leute auf dem Vorderdeck in eine Kajüte, die zwar rein und hübsch, aber nicht in Kabinen getheilt ist; einfache Vorhänge bergen jede Schlafstelle. Beide Geschlechter werden dahin gewiesen, obgleich der Engländer in seinem eigenen Lande so empfindlich ist, daß z. B. auf manchen Eisenbahnen in die Wartezimmer der Frauen kein Herr gehen darf. Aber wo es Geld zu verdienen gibt, schweigen alle andern Rücksichten.

Die Kost war sehr gut, der Kapitän äußerst gefällig und aufmerksam.

Der zweite Platz ist gar unter aller Kritik; er besteht aus einem Loche, in welches nicht einmal eine Treppe, sondern nur eine Leiter führt. Die Leute haben weder Schlafstellen noch Polster oder Teppiche, sie können sich auf den nackten, schmutzigen Boden hinstrecken. Die ganze Einrichtung ist ein langer Tisch und eine lange Bank, die Kost besteht aus den Resten der Speisen, die von der Tafel des ersten Platzes abgenommen werden. Tischzeug, Gläser und ähnliche Dinge mangeln gänzlich; dieß würde Ueberfluß sein. Die Aufwärter bilden die Gesellschaft der Reisenden.

Der dritte Platz ist das offene Deck, über welches sich kein Linnendach spannte, die armen Reisenden gegen Regen oder die Tropensonne zu schützen. Wahrlich, eine echt philanthropische Behandlung! Welcher Gegensatz zu dem Amerikanischen Dampfer „Golden Gate,“ wo selbst der Deckreisende eine geräumige Kajüte, ein gutes Bett und eine treffliche Kost findet, und dafür nicht mehr zu bezahlen hat, als auf dem Englischen Dampfer!

Bis +11. Januar+ fuhren wir stets auf hoher See. Am 10. Mittags passirten wir den Aequator, ohne von der Hitze im geringsten zu leiden. Der Kapitän, der schon seit mehreren Jahren die Reise von Panama nach Valparaiso macht, versicherte mir, daß er die Temperatur längs der Küste nie heiß gefunden habe; der Himmel sei meistens bedeckt, die Kraft der Sonne dadurch gelähmt.

Am +11. Januar+ traten wir in den Golf von +Guayaquil+ und bekamen Land von der Republik +Ecuador+ zu sehen. Im Vordergrunde liegt ein abgeplatteter Felshügel, an welchen sich das Festland in unübersehbaren, öden Flächen schließt. Später kamen wir an einem langen Fels vorüber, der seiner merkwürdigen Gestaltung wegen der „todte Mann“ genannt wird.

+12. Januar.+ Früh Morgens in dem Städtchen Guayaquil angekommen, welches an dem schönen Flusse +Guaya+, 50 Meilen stromaufwärts, liegt.

Guayaquil, mit 12,000 Einwohnern, ist der erste Hafenplatz und die zweite Stadt des Landes; die Hauptstadt +Quito+ liegt jenseits des +Chimborasso+ in einer Höhe von 10,000 Fuß.

Die Lage von Guayaquil ist recht artig: der Strom breitet sich gewiß über eine halbe Meile aus, die Umgebung ist sehr fruchtbar; den Hintergrund bildet eine schön bewachsene Hügelkette. In weiter Ferne steigen die mächtigen Cordilleren auf. Bei ganz heiterem Wetter soll man den 21,000 Fuß hohen Chimborasso sehen.

Die Bauart der Häuser fand ich sehr zweckmäßig: sie sind beinahe durchgehend einstöckig, gegen die Straße zu mit breiten Galerien versehen, die auf Säulen oder Bogen ruhen, unter welchen man geht und auf diese Weise jederzeit vor der Sonne geschützt ist. Die Wohnungen sind geräumig und ebenfalls gegen den Hof zu mit breiten Galerien umgeben, die Zimmer hoch und luftig. Hier ist die Hitze sehr bedeutend.

Mein erster Gang in den Städten ist gewöhnlich nach den Bazaren und Märkten: man hat da den besten Ueberblick des Volkes und der Landesprodukte. Ich benutzte die kurze Zeit unseres Aufenthaltes hier zum Besuche dieser Orte. Der Markt von Guayaquil liegt an dem Flusse. Ich war überrascht von der Mannigfaltigkeit und dem großen Ueberflusse der Lebensmittel. Es gab ganze Boote voll mit Ananas[10] oder andern Früchten, Getreide aller Art, Reis, Mais, Gemüse, Jamswurzeln, Fleisch, Fische, Geflügel, Eier, Chocolade u. s. w. Alles ist hier ungleich billiger als in Panama, dessen ungeachtet gibt es hier wie dort keine Kupfermünzen. Die kleinste Silbermünze ist ein +Quarto medio+ (2½ Cents), deren man aber so wenige sieht, daß man sagen könnte, sie seien gar nicht im Kurse.

+13. Januar.+ Gegen Abend kamen wir nach +Payta+ (Peru), einem elenden Orte mit der traurigsten Umgebung. So weit das Auge reicht, sieht es weder einen Grashalm, noch viel weniger einen Busch oder Baum. Die einigen Dutzend Häuser oder Hütten sind von Rohr, mit Lehm überklebt, flach gedeckt; man unterscheidet sie kaum von dem sandigen, staubigen Grund und Boden. Das Land ist hügelig und durchaus sandig.

Wir hielten hier, wie in Guayaquil, einige Stunden an; der gute Kapitän Straham nahm mich überall mit an’s Land. Ich hatte nichts eiliger zu thun, als einige der Hügelchen (dreißig bis vierzig Fuß hoch) zu besteigen, weil ich hoffte, vielleicht doch im Hintergrunde einiges Grün zu erspähen; allein vergebens, stets neu aufsteigende Hügelchen bildeten eine Fortsetzung dieser todten, grauenvollen Wüste. Das Trinkwasser wird auf Eseln 14 Meilen weit hergebracht, eben so weit wird die Wäsche zum Waschen gesandt. Um nur einige Vegetation zu sehen, muß man 21 Meilen weit nach einem Flusse wandern. -- Und an einem solchen Orte lassen sich Menschen nieder!

+14. und 15. Januar.+ Häufig Land gesehen, denselben traurigen, einförmigen Charakter tragend, theils niedrige Küsten, theils Hügel und Berge, alles öde und wüstenartig.

+16. Januar.+ +Casma+, ein Landungsplatz an der See mit ein paar erbärmlichen Laubhütten, den Reisenden Schutz verleihend, die auf den Dampfer warten; die Stadt selbst liegt 6 Meilen landeinwärts. Hier beginnen wieder höhere Gebirge, doch sind sie gleichfalls öde.

Wir hielten nur eine Stunde an, um Reisende und Fracht einzunehmen. Je näher wir Lima kamen, desto mehr glich das Deck einem Bivouak. Die Zahl der Reisenden stieg außerordentlich; man errichtete Nothzelte; Kisten, Koffer und Körbe beengten den Raum so sehr, daß für die Leute selbst wenig Platz blieb. Auch die Kabinen wurden voll bis zum Erdrücken. Das Uebelste dabei war, daß die Leute trotz der vollkommen ruhigen See mehr seekrank wurden, als ich dieß irgend wo in der Welt bemerkt hatte.

Die Frauen und Mädchen kamen in großem Putze an Bord; allenthalben rauschten seidne Kleider, schöne Chinesische Umschlagetücher; Edelsteine und Perlen fehlten auch nicht. Gestickte Schuhe, seidene Strümpfe sah man sogar an Dienerinnen. Viele der so reich geschmückten Frauen trugen das kleine, runde Männer-Strohhütchen, das ganz abscheulich stand. Alle die Pracht und Herrlichkeit machte jedoch wenig Effekt: es fehlte an geschmackvoller Zusammenstellung, und die Farben waren meistens sehr grell und unpassend gewählt. Die Peruanischen Frauen haben sehr kleine und wohlgeformte Füße. Sie wechseln auch, wie man mir sagte, zweimal in der Woche die Schuhe und ziehen dieselben so mühsam an, wie unsere Modewelt die Handschuhe. Sie stülpen den halben Schuh rückwärts um und zwängen ihn dann mit der größten Anstrengung über die Ferse.

+17. Januar.+ Der hohen, öden Gebirge blieben wir stets ansichtig; sie nahmen an Höhe zu, je näher wir +Callao+ kamen.

Bei +Huacho+, einer kleinen befestigten Stadt, gleich Payta von einer Wüste umgeben, wurde ebenfalls kurzer Halt gemacht. Der Kapitän beeilte sich, Callao zu erreichen, wo wir schon Tags zuvor hätten eintreffen sollen; allein der Dampfer fuhr sehr langsam, wir machten durchschnittlich per Stunde nicht mehr als sechs Meilen. Da, wie gesagt, keine Konkurrenz existirt, werden natürlich alte, schlechte Dampfer benützt, -- der Reisende muß sich alles gefallen lassen.

Callao ist der bedeutendste Hafen von Peru. Die Rhede ist schön durch die Masse der sie umgebenden Gebirge; doch fehlt es auch hier an Wald und Vegetation.

Das Städtchen Callao, mit 7000 Einwohnern, erinnerte mich beim ersten Anblick durch seine Bauart einigermaßen an den Orient. Die Häuser haben nur ein Erdgeschoß oder höchstens einen Stock mit unregelmäßig angebrachten Fenstern, oft nur mit hölzernen, dicht vergitterten Balkons, die wie Verschläge an den Wänden hängen, und mit platten Dächern (Terrassen). Sie sind theils aus ungebrannten Ziegeln erbaut, theils aus Rohrwänden und mit Lehm beworfen. Die Zimmer sind etwas düster, da sie ihr Licht gewöhnlich nur von einem Fenster erhalten, mitunter nur von einem Verschlage, der auf die Terrasse mündet. Diese Verschläge sind statt der Glasscheiben mit hölzernen Gittern und Läden versehen, welch letztere man mittelst einer Schnur, die tief in das Zimmer hinab hängt, öffnen und schließen kann.

Die Festung, die seit der Unabhängigkeits-Erklärung von Peru den Namen +Independenzia+ führt, gehört zu den bedeutenderen. Sie bildet ein regelmäßiges Achteck, ist umfangreich, gut erhalten, und von einem breiten, tiefen Graben umgeben, der mittelst einer Verbindung mit der See unter Wasser gesetzt werden kann.

Ich verweilte nur einen Tag in Callao. Vor allem besuchte ich auch hier den Wochenmarkt, der mich durch die reiche und mannigfaltige Zusammenstellung von Lebensprodukten beider Hemisphären noch mehr in Erstaunen setzte, als jener von Guayaquil. Die Abstufungen der Cordilleren (denen man hier sehr nahe ist) bieten so zu sagen alle Klimate der Welt, und so kommt es, daß man hier neben der saftigen Traube die hochgelbe Granadilla, neben dem Pfirsich die Mango, neben der Aprikose oder dem Apfel die Platane oder Chirimoya u. s. w. sieht. Letztere Frucht (von den Engländern Custod-apple genannt) wird von mehreren Reisenden für die Königin aller Früchte erklärt. Ich würde der Mangostan den Preis ertheilen, die auf Java vorkommt; sie schmeckt ungleich feiner und ist dabei leicht und gesund. Die Granadilla ist die Frucht einer Passions-Blume, an Geschmack unserer Stachelbeere ganz ähnlich. Pfirsiche, Aepfel, Aprikosen stehen den Europäischen bei weitem nach: man kann sie kaum anders als gekocht genießen. Die Ursache mag wohl an der vernachlässigten Kultur liegen, da der Eingeborne zur Arbeit zu träge ist und es wenige, beinahe keine Europäischen Pflanzer gibt.

Von den Getreidegattungen wird Gerste und Mais am meisten gebaut; sie bilden auch den Hauptnahrungszweig des gemeinen Volkes. Auffallend waren mir Kolben ganz schwarzen Maises, die ich unter den Haufen der gelben, weißlichen, braunen und andern liegen sah. Dieser schwarze Mais kommt nur in ganz kleinen Kolben und zwar selten vor; er wird nur zu Backwerken verwendet.

Nachmittags wanderte ich nach dem Platze (unweit der Festung), wo einst Alt-Callao stand, das im Jahre 1746 durch ein schreckliches Erdbeben zu Grunde ging. Ein Theil sank in die See, der andere in Trümmer; 3000 Menschen sollen dabei das Leben verloren haben. Von den Resten der Stadt ist nichts mehr zu sehen, als hie und da kleine Bruchstücke einer Wand oder Schichten von Ziegeln. Manche Reisende wollen behaupten, daß man den in die See gesunkenen Theil der Stadt noch sähe -- eine der gewöhnlichen romantischen Uebertreibungen.

Freundlicher war ein Gang nach den Gärten und andern Pflanzungen, die in der Nähe von Callao am Saume eines Bächleins liegen. So sandig, wüst und öde die Gegend rings umher ist, so schnell erscheint Leben und Vegetation an Orten, die nur einigermaßen bewässert werden können. Ein Dutzend Deutscher Ansiedler hat sich da niedergelassen und erzielt sehr ergiebige Ernten. Sie bauen besonders viele Weinreben, die sich auf dem Gestein fortranken, es wie ein Netz überziehen und sich kaum einen Fuß hoch über die Erde erheben.