Chapter 8 of 11 · 3974 words · ~20 min read

Part 8

In Playas betrat ich zum ersten Male einen Tambo, d. h. eine Art Schenke, meistens eine erbärmliche Hütte, gerade groß genug, den Eigenthümer sammt Familie nebst einigen Gästen gegen das Unwetter zu schützen. In derlei Schenken findet der Arriero (Eseltreiber) ein Glas Branntwein, die Thiere Klee, der Reisende, wenn es gut geht, eine Portion Sopa. Wir waren nicht so glücklich. Die Bewohner hatten keine Reisenden erwartet und so wenig gekocht, daß sie uns nichts überlassen konnten. Ein zweites Mal ihre Kochkunst zu entfalten, dazu waren sie viel zu faul. Ich hatte Käse und Brod bei mir, an Wasser fehlte es nicht, und ich gab mich daher zufrieden. Für die Nacht mußte ich mit der offenen Veranda vorlieb nehmen, die das Wohngemach umgab.

+26. März.+ +Jorje+, 6 Leguas. Heute erhielt ich schon einen richtigeren Begriff von den hiesigen Wegen in der Regenzeit, und fand es sehr natürlich, daß niemand reist, wenn nicht das wichtigste Geschäft ruft. Wir hatten viel bergauf zu steigen, das Erdreich war weich und lehmig, die Thiere glitten vor- und rückwärts aus, sanken von einem Loch in’s andere, von Pfütze in Pfütze; es galt noch als ein Glück, wenn Löcher und Pfützen nicht grundlos waren, und die Thiere sich herausarbeiten konnten; aber oft versanken sie so tief, daß man absteigen und ihnen die Lasten abnehmen mußte. Gerade an den schlechtesten Stellen hieß es: zu Fuße gehen. Ich kam kaum vorwärts, glitt und fiel fast bei jedem Schritte. Zwar rief ich meinen Diener; aber weil ich nur eine Frau war und seine Maulthiere leider schon bezahlt hatte, ging er ruhig seines Weges und überließ mich meinem Schicksale. Einer der Arrieros, ein Indianer, nahm sich meiner an, zog mich aus den Pfützen und half mir fort. Wir hatten zu einer Legua durchschnittlich zwei starke Stunden nöthig. Auch mehrere Gießbäche warfen sich über den Weg; sie waren jetzt tief und reißend, mitunter höchst gefährlich; im Sommer soll von den meisten das Flußbett kaum benetzt sein.

Die Gegend war schön: man hatte herrliche Ueberblicke üppiger Gebirgsthäler, von Hügeln durchzogen und von den ersten Ketten der Cordilleren umschlossen.

In dem Tambo zu Jorje fand ich ausnahmsweise ein gedieltes Zimmer zum Schlafen und eine Sopa. Alles war zwar ekelhaft und schmutzig; aber das muß man in diesen Ländern nicht so genau nehmen, und dem Himmel danken, wenn man ein Obdach und ein dampfendes Gericht findet, besonders in solcher Jahreszeit, wo die Tambos häufig geschlossen oder die Leute auf den Besuch der Reisenden nicht vorbereitet sind.

Wir waren diesen Tag so unvorsichtig gewesen, unserem Arriero voraus zu reiten; zur Strafe hatte ich für die Nacht nichts von meinem Gepäcke, nicht einmal meine wollene Decke; ich vermochte kaum zu schlafen vor Kälte, die hier Nachts schon sehr empfindlich ist. Die beladenen Thiere konnten der gräßlichen Wege halber nicht bis Jorje gelangen.

+27. März.+ +Bogia+, 2 Leguas. Diesen Morgen kamen wir erst nach 9 Uhr fort, da wir unsere Thiere erwarten mußten. Die Wege waren heute noch schrecklicher als gestern; wir hatten den sehr bedeutenden Berg +Angos+ zu ersteigen. Glücklicher Weise trafen wir zu Jorje einen Zug leer gehender Thiere, die demselben Eigenthümer gehörten, von welchem wir die unseren gemiethet hatten. Das Gepäck wurde abgetheilt und den leeren Thieren aufgebürdet. Trotz dieser Abhilfe verzweifelten die Leute beinahe, an einigen Stellen durchzukommen. Nachdem wir die Hälfte des Berges erstiegen hatten, wozu wir sieben Stunden benöthigten, wurde beschlossen, in dem ersten besten Tambo einzukehren, weil weder wir noch die Thiere weiter konnten.

Ich kam so durchaus beschmutzt an, daß ich aussah, als hätte ich ein Schlammbad genommen. Die Schuhe nebst dem Regenmantel gab ich meinem Diener, sie zu reinigen; allein er ließ sie liegen und that mir durchaus keine Dienste. Es war gerade, als hätte ich ihn nur mitgenommen, um das Vergnügen zu haben, seine Maulthiere und seine Kost zu bezahlen. Ich mußte Schuhe und Mantel selbst waschen, und konnte mir sogar das hierzu nöthige Wasser nur mit Mühe verschaffen, denn obwohl in diesen Gegenden überall der größte Ueberfluß an Holz und Wasser ist, findet man davon in den Hütten doch keine Vorräthe. Die Trägheit der Leute geht so weit, daß sie nicht einmal hinein schaffen, was vor der Thüre liegt. Das Wasser holen sie in Töpfen, die kaum zwei Flaschen enthalten; ein größeres Gefäß zu tragen, wäre schon eine viel zu beschwerliche Arbeit. Zum Waschen der Hände und des Gesichts erhält man höchstens eine kleine Tasse voll. Ich sah nicht selten die Kartoffeln in dem Wasser waschen, in welchem die Leute erst sich selbst, dann das Kochgeschirr gereinigt hatten. Eben so sparsam wird mit dem Holze umgegangen. An ein Trocknen der durchnäßten Kleidung ist nicht zu denken, da kaum so viel Feuer vorhanden ist, um die Sopa zu kochen.

Der Tambo Bogia war einer der schlechtesten. Die Hütte hatte kaum Raum für die Familie und die Feuerstelle. Ich mußte mein Quartier vor der Hütte auf einer hölzernen Bank aufschlagen. Gewöhnlich springt das Dach so weit vor, daß man gegen den Regen geschützt ist, was wir wahrhaftig sehr nöthig hatten, denn Regen war auf dieser Reise unser steter Begleiter. Selten zerstoben die schweren Wolken auf Augenblicke und ließen uns die wundervollen Naturschönheiten gewahren. Welch’ entzückende Gebirgswelt! Welche Massen von Bergen und Bergketten. Die niedlichsten, üppigsten Thäler lagerten dazwischen, oft tief, tief unter uns. Das Geräusch der tosenden Wildbäche schlug nicht einmal an unser Ohr, wir sahen nur den Lichtstreifen in der Tiefe, gleich einem Silberfaden. Was für einen hinreißenden Zauber muß diese Reise in schöner Jahreszeit entfalten! Entschädigten mich doch jetzt die seltenen Momente der Anschauung überreich für die unzähligen Mühen und Leiden. --

Diese Nacht um 11 Uhr fühlte ich vier gleichmäßige Erdstöße von Süden nach Norden; sie folgten ziemlich rasch auf einander; kaum hatte ich Zeit, zur Ueberzeugung zu gelangen, daß es ein Erdbeben sei. Ich sprang von meinem Lager auf -- in demselben Augenblicke stürzten die Einwohner unter dem Rufe „~Misericordia!~“ aus der Hütte und warfen sich auf die Kniee.

Nach überstandener Gefahr sagten sie mir, daß dieses Erdbeben wie zwei andere, die sie kürzlich verspürten, von dem Vulkane +Cotopaxi+ herrühre, welcher gegenwärtig so thätig sei, wie er es seit 57 Jahren nicht gewesen.

+28. März.+ +Tamboco+, 6 Leguas. Lange ging es noch den Angos hinauf -- wir hatten heute wie gestern zu steigen. Einen Theil des Weges nannte man „+Camino real+.“ Ein ähnlich schlechter, unausgesetzt halsbrecherischer Weg wie dieser ist mir nirgends vorgekommen. Ich stieg oft von meinem Thiere ab, und mußte, um nicht fortwährend zu gleiten, gleich den Indianern mit bloßen Füßen gehen -- eine unangenehme Aufgabe, da es beständig regnete und kalt war. Besonders eisig waren die Gebirgswässer, die sich respektlos über den „königlichen Weg“ ergossen.

Statt schöner Aussichten umhüllten uns Nebel und Wolken. Bald senkten sie sich in dichten Massen auf uns nieder, daß wir kaum dreißig Schritt weit sehen konnten, bald ließen sie die Höhen etwas freier, verdeckten dagegen die Tiefe unter uns. Zuweilen zerriß wohl auch das graue Leichentuch, und wie durch Fensterchen sahen wir dann auf die blühenden, in der Sonne erglänzenden Landschaften. Besonders reizend war dieses Bild durch den auffallend bezeichneten Uebergang der Vegetation von der tropischen Zone in die gemäßigte; hier wucherten die Palme, der Kaffee- und Cacaobaum, die Banane, das saftige Zuckerrohr, etwas höher hinauf erinnerten mich die mit Getreide, Kartoffeln, Feldbohnen, Klee[18] bepflanzten Felder an meine Heimath.

Wenn man so schöne, reiche Gegenden sieht, sollte man meinen, die Bewohner müßten damit übereinstimmen -- leider ist dieß hier weniger der Fall als irgendwo. Die erbärmlichen Hütten des Volkes sind von Strauchwerk geflochten, mit Erde überworfen; keine Oeffnung außer dem Eingange verbreitet Licht über die grenzenlose innere Dürftigkeit. Da gibt es weder Betten noch Hausgeräth, noch Kisten und Körbe, da die Leute nichts zu bewahren haben. Sie schlafen entweder auf dem nackten Erdboden oder höchstens auf einem Bambus-Gestelle mit einer Strohmatte überlegt, in den einzigen Kleidungsstücken, die sie besitzen, und die sie so lange tragen, bis sie als Lumpen vom Körper fallen. So dürftig wie ihre Wohnung und Kleidung ist ihre Nahrung. Sie leben durchgehends schlecht, die Indianer beinahe ausschließend nur von Gerste, die sie ein wenig rösten und zu Pulver stoßen. Dieses Mehl essen sie für gewöhnlich ohne alle Beimischung in trockenem Zustande, oder sie rühren es mit Wasser ab und trinken es. Wenn sie auf einige Zeit vom Hause gehen, nehmen sie nichts mit als solches Mehl in einem ledernen Sacke. Auch der wohlhabende Alt-Spanier genießt es zuweilen, mischt dann aber gewöhnlich etwas Zucker bei, wodurch es einen ziemlich guten Geschmack erhält. Auf langen Reisen nimmt er es gleichfalls mit, und mischt dann nebst Zucker zerriebenen Cacao und Zimmet bei. Auf diese Art bereitet, ist es nicht nur ein sehr schmackhaftes, sondern auch ein sehr gesundes und nahrhaftes Gericht. Man braucht wenig Raum, um es mitzuführen und weder Feuer noch Topf zum Kochen. Der Soldat auf Märschen hat selten eine andere Nahrung als Gerstenmehl.

Daß die Indianer die Parias dieses Landes sind, ist leicht begreiflich; aber selbst bei den Alt-Spanischen Bauern, ja sogar bei den Hazienda-Besitzern sieht man selten äußerlich anscheinende Wohlhabenheit. Und doch stehen sich viele, z. B. die Eigenthümer von Tambos, gewiß nicht so schlecht, um in einem so elenden Zustande zu leben. Sie lassen sich ihre Sopa, ihren Klee verhältnißmäßig sehr gut bezahlen. Sie begehren für ein paar Löffel dieser erbärmlichen Wassersuppe, die nichts als einige Kartoffeln und etwas rothen Pfeffer enthält, einen Medio[19], eben so viel für die Fütterung eines Maulthieres. Im Sommer nehmen sie des Tages oft mehrere Thaler ein, ohne Ausgaben zu haben, denn jeder Wirth ist zugleich der Erzeuger der Produkte, die er verkauft.

Diesen Nachmittag stieß ein kleiner Trupp von acht Llamas zu uns. Ich fühlte mich ganz glücklich, diese lieben Thiere mit ihren schlanken Hälsen, ihrer stolzen Haltung, ihren sanften Augen um mich zu sehen. Ich schreibe meine Vorliebe für die Llamas der Geschichte Robinson Crusoe’s zu, die ich als Kind gelesen. In Verbindung mit dieser Geschichte kehrten bei dem Anblicke dieser Thiere die Erinnerungen meiner frühen Jugend in mein Gedächtniß zurück.

Der Tambo zu Tamboco war im Vergleich zu dem vorigen ein Palast. Er war aus ungebrannten Ziegeln erbaut und bestand aus einem großen Gemache mit einem halben Dutzend hölzerner Schragen zum Schlafen. Ein Theil des Gemaches diente zwar zur Bewahrung der Feldgeräthschaften, und das ganze war voll Schmutz und Unrath; doch war man vor Wind und Wetter wohl geschützt und nicht gezwungen, mit den Tambo-Besitzern in Gemeinschaft zu leben.

Eine sonderbare Sitte herrscht in diesem Lande. In den Tambos, wo man übernachtet und Abends etwas genießt, muß man sogleich bezahlen, da der Wirth dem Gaste nicht bis zur Abreise traut, obgleich er dessen Thier nebst der Ladung unter seinen Händen hat, ein Beweis, welche hohe Meinung die Leute selbst von einander haben.

+29. März.+ +Guaranda+, 5 Leguas. Heute gab es nur hie und da schlechte Stellen; der größte Theil des Weges war ziemlich gut. Wir waren nun der schönen Gebirgskette, deren Haupt der Chimborazo ist, schon ganz nahe; allein Nebel und Wolken hielten uns den edlen Ahnherrn sammt seiner riesigen Verwandtschaft gänzlich verborgen. Wir mußten uns mit dem Anblicke der nahen Thäler begnügen, deren Hügelreihen mit den üppigsten Pflanzungen prangten.

Der Pueblo (Markt, Dorf) Guaranda liegt in einem schönen, beinahe zirkelrunden Thale, am Fuße des Chimborazo. Ich stieg hier bei einem ziemlich wohlhabenden Hazienda-Besitzer ab und wurde freundlich aufgenommen.

Ich kam gerade zu einer kleinen Feierlichkeit zurecht; es wurde ein acht Monate altes Kind reicher Leute begraben. Da in kleinen Orten alles Aufsehen erregt und das Volk erscheinen macht, besonders in einem Lande wie dieses, wo die Leute an Arbeiten nicht gewöhnt sind und daher Zeit genug haben, so sah ich bei dieser Gelegenheit die schöne und unschöne Welt vereint. Das Kindchen saß in einer Art kleiner Loge, die mit weißem Musselin drapirt, mit Gold- und Silberfransen und Blumen verziert war, und mittelst Stangen getragen wurde. Der Kopf des Kindes war durch eine Schlinge um den Hals an den oberen Theil der Loge befestigt, aber so lose, daß er hin und her schwankte. Dieß machte einen abscheulichen Eindruck, denn es sah aus, als wäre das Kindchen aufgehangen. Dem Zuge folgte Musik, aus zwei Violinen und einer Harfe bestehend, welch’ letztere auf den Rücken zweier Jungen ruhte. Der Spieler riß von Zeit zu Zeit einen jämmerlich klingenden Accord herunter. Auf dem Friedhofe wurde das Kind in einen kleinen Sarg gelegt.

Die Leute sahen hier schon viel blühender aus als in der heißen Gegend von Guayaquil. Die Kinder besonders waren mit ihren rothen Backen, den großen, feurigen Augen gar hübsch anzusehen. Auch an schönen Frauen und Mädchen gab es keinen Mangel, besonders unter der wohlhabenden Klasse. Die reinen Indianer sind gerade nicht hübsch, doch auch nicht unangenehm. Der Kopf ist ein klein wenig zusammen geschoben, der Körper gedrungen, die Augen bei vielen etwas schmal geschlitzt (doch haben sie mitunter auch schöne Augen), die Nase etwas breit, aber bei weitem nicht so gequetscht, wie bei den Malaien. Auch der Mund ist nicht gar so groß und häßlich wie der Malaische, die Zahnkiefer sind gut geformt, die Zähne glänzend weiß. Ihre Hautfarbe ist schmutzig bräunlich-gelb. Am meisten entstellt sie das Haar, welches in größter Unordnung um das Gesicht flattert; hätten sie es besser geordnet, so würden sie sich im ganzen nicht übel ausnehmen.

Die Kleidung der Alt-Spanier, desgleichen der Indianer, ist wie in Peru. Die Frauen und Mädchen tragen hier Umschlagetücher, die zugleich den Kopf und das halbe Gesicht verbergen. Sogar zu Hause lieben sie es, ihren höchst nachlässigen Anzug mit solch einem Tuche zu bedecken. Sie sind beständig so eingewickelt, daß sie kaum die Hände gebrauchen können. Freilich haben sie dieß auch nicht nöthig, denn arbeiten ist nicht ihre Leidenschaft. Ich sah bei Familien, in welchen es drei bis vier erwachsene Töchter gab, Kleider und Wäsche in dem elendesten Zustande, die Kinder in Lumpen herum laufen, mit nackten Füßen oder ganz zerrissenen Schuhen; man hätte sie für Bettelkinder halten können. Dergleichen beleidigt das Auge der Leute nicht, weder Mütter noch Töchter gewahrte ich je beschäftigt, zerrissene Wäsche oder Kleidungsstücke auszubessern; dagegen ist das Hemd oft oben und unten mühsam ausgenäht und gestickt, welche nutzlose Arbeit sich bis auf die Polsterüberzüge, ja bis auf die Handtücher erstreckt.

In Guaranda war ich genöthigt, die Thiere zu wechseln. Man muß sich nie bereden lassen, dieselben Thiere von Savanetta bis Quito zu behalten, außer man ruht hie und da einen Tag aus, denn mit abgematteten Thieren ist es nicht möglich, den Uebergang über den Chimborazo zu machen.

+30. März.+ Der heutige Tag gehörte unter die besonders merkwürdigen meines Lebens; ich überstieg die Riesenkette der Cordilleren oder +Anden+ an einem der interessantesten Punkte, dem Chimborazo. Zur Zeit, als ich jung war, galt dieser Berg für den höchsten der Welt (21,000 Fuß); seit man aber die Spitzen des Himalaja-Gebirges in Asien gemessen, ist er in die zweite Klasse getreten.

Wir brachen sehr zeitlich auf, da wir elf Leguas auf theilweise schrecklichen Wegen, beinahe unausgesetzt bergan, zu machen hatten. Vor diesen elf Leguas gab es kein Obdach für die Nacht.

Zu Anfang war der Weg wirklich fürchterlich, ich sah mich abermals genöthigt, auf den schlechtesten Parthien vom Maulthier zu steigen und zu Fuß zu gehen, was mir um so beschwerlicher fiel, als die kalte Gebirgsluft sehr auf meine Brust wirkte. Ich fühlte große Beängstigungen, Athemlosigkeit und Zittern am Körper -- ich fürchtete jeden Augenblick, hinzusinken; allein es hieß: Vorwärts, und nur mit der größten Mühe schleppte ich mich fort durch Koth und Schlamm, durch Gießbäche, Löcher, Sümpfe und über Gestein. Wenn ich mich schon auf der Höhe befunden hätte, würde ich mein Uebelbefinden der zu feinen Luft zugeschrieben haben, die bei vielen dieselbe Erscheinung bewirkt. Man nennt dieses Uebel „Veta.“ Es währt bei manchen nur einige Tage, bei anderen, wenn sie auf den Höhen verbleiben, wohl auch einige Wochen.

Nach den ersten zwei Leguas fing der Weg an, mehr felsig und steinig zu werden; ich konnte dann wenigstens auf meinem Thiere sitzen bleiben. Wir hatten fortwährend Regengüsse, Schauer, sogar einen kurzen Schneefall. Der Schnee löste sich sogleich auf, als er die Erde berührte; nur an sehr wenig Stellen blieb er liegen; ich kann daher doch sagen, daß ich über Schnee ging. Die Wolken und Nebel lüfteten sich leider kein einziges Mal; ich bekam die Kuppe des Chimborazo nicht zu sehen, ein Unglück, das mir noch ungleich empfindlicher war, als mein körperliches Leiden.

Bis auf den höchsten Punkt des Ueberganges rechnet man von Guaranda sechs Leguas. Der Rücken des Berges bildet da eine kleine Ebene von ein paar hundert Schritten, die von allen Seiten abfällt, die Nordseite ausgenommen, auf welcher die Kuppe des Chimborazo beinahe senkrecht emporsteigt.

Auf dieser kleinen Hochebene ist ein Haufen Steine zusammengeworfen, nach einigen als Zeichen, daß man hier den Höhenpunkt des Ueberganges erreicht habe, nach andern als Denkmal eines Mordes, der hier im vorigen Jahre an einem Engländer verübt wurde. Dieser Mann ging von einem Arriero allein begleitet über die Cordilleren. Wahrscheinlich wäre ihm nichts widerfahren, hätte er nicht die Unvorsichtigkeit gehabt, bei jeder Gelegenheit, wo es etwas zu zahlen gab, seine mit Gold wohlgefüllte Börse sehen zu lassen. Diesem Schimmer konnte der Führer nicht widerstehen, und als er sich mit dem Krösus in dieser verlassenen Gegend allein sah, schlug er ihn von rückwärts mit einem großen, in ein Tuch gewickelten Stein (gewöhnliche Art des Todtschlags hier zu Lande) auf’s Haupt. Die Leiche verbarg er im Schnee. That und Thäter wurden jedoch bald entdeckt, letzterer durch das Gold, von welchem er einige Stücke wechseln ließ.

Ich stieg, obwohl im höchsten Grade ermüdet, von meinem Thiere ab, trug einen Stein herbei und fügte ihn dem Denkmale hinzu; ich dachte: der Stein wird noch da ruhen, wenn meine Gebeine schon längst in Staub verwandelt sind. Dann kletterte ich an der Westseite des Berges hinab, bis ich Wasser fand, füllte damit meinen Becher, trank einige Mund voll, eilte mit dem Rest auf die Ostseite und goß ihn in das erste Bächlein. Dasselbe that ich mit einem Becher Wasser von der Ostseite des Berges. Ich hatte in den Reisen des Herrn +v. Tschudi+ gelesen, daß er dieß auf der Wasserscheide bei +Passeo de serro+ auf den Cordilleren gethan habe. Der Gedanke, daß ein Becher Wasser, der nach dem stillen Meere fließen sollte, auf diese Art nach dem atlantischen Ocean floß, und so umgekehrt, machte ihm Vergnügen und gefiel auch mir so gut, daß ich ihn gleichfalls in Ausführung brachte[20].

Die Höhe des Ueberganges konnte ich nicht mit Bestimmtheit erfahren; die einen gaben 14,000, die andern 16,000 Fuß an. Ich möchte sie auf nicht ganz 15,000 schätzen. Die Schneelinie wird unter dem Aequator auf 15,000 Fuß gerechnet. Wir kamen über kein eigentliches Schneefeld, hätten jedoch, um zur ewigen Schneelinie zu gelangen, höchstens noch zwei- bis dreihundert Fuß zu steigen gehabt; sie lag ganz nahe an unserer Seite. Der Thermometer stand auf Null (Réaumur).

Die Vegetation hört nur auf dieser kleinen Hochebene gänzlich auf. Bis drei Leguas von Guaranda findet man Feldbau, dann folgen magere Waldungen mit vielen schönen Blumen. Farrenbäume, wie auf den Höhen von Sumatra oder Java, fand ich nirgends; das höchste Farrenkraut maß hier nur drei Fuß. Dagegen rankten sich noch sehr verkrüppelte, dünne Bäumchen bis zu einer Höhe von 14,000 Fuß, aber nur auf der Westseite; auf der Ostseite zeigte sich lange kein Baum. Die Bäumchen hatten ein merkwürdiges Aussehen: sie waren beinahe von Rinde ganz entblößt und trugen gar kein Moos.

Auf der kleinen Hochebene des Chimborazo herrschen häufig rauhe, sehr heftige Winde, die dem Reisenden Sand und Steinchen in großer Menge in das Gesicht werfen. Man bindet deshalb gewöhnlich eine seidene Maske vor, die an den Augenstellen mit Gläsern versehen ist. In den Monaten August und September ist der Uebergang mitunter sogar lebensgefährlich: plötzliche Winde kommen nicht selten mit solcher Kraft, daß sie die Maulthiere sammt der Last in die Luft führen und weit vom Platze erst wieder zur Erde setzen.

Von dieser Hochebene bis zur Nachtstation +Chacquiporgo+, einem einzelnen, elenden Hause, rechnet man noch fünf Leguas. Die Wege waren nun gut, es ging zeitweise sachte nach abwärts oder über Hügelland; allein der beständige Regen, die kalten Winde machten diesen Ritt im höchsten Grade unangenehm. In meinem Leben kam ich nie so gänzlich erschöpft an, wie diesen Abend. Ich litt sehr von Brustbeschwerden, dabei klapperten mir die Zähne vor Kälte, ich war so steif und starr, daß ich mich nur mit Mühe von meinem Maulthiere bis zur Schlafstelle schleppen konnte. Obgleich von Koth und Schmutz ganz bedeckt, Gesicht und Hände nicht ausgenommen, fühlte ich mich unfähig, mir selbst Wasser zu holen, mein Diener brachte mir keins, ich sank hin auf die hölzerne Lagerstätte und hüllte mich in meinen Mantel. Doch fand ich wenig Erholung, die Brustbeschwerden zwangen mich oft, aufzusitzen. Erst nach einigen Stunden war ich im Stande, einige Bissen Brot und Käse zu mir zu nehmen. Ich erhielt nichts Warmes, weder zu essen noch zu trinken; auch Morgens mußte ich ohne warmen Imbiß weiter ziehen. In der Winterszeit hält sich kein Wirth hier auf, denn es reist Niemand.

Das Haus +Chacquiporgo+ auf dem Chimborazo ist das einzige Gebäude, welches zwischen Guayaquil und Quito von der Regierung für Reisende errichtet ist. Es besteht aus zwei Gemächern mit einigen hölzernen Schlafstellen und Bänken und einem großen Raume für die Arrieros. In keinem Lande der Welt, von allen, die ich bisher bereiste, sah ich so wenig, oder, besser gesagt, nichts für Reisende gethan, wie in diesem. Die Tambos sind so über alle Maßen klein und unsauber, daß man sie für Schweineställe und nicht für menschliche Wohnungen halten möchte. Der Reisende findet darin nichts weiter, als ein Obdach gegen Regen und Sturm und, wenn es gut geht, zum Imbiß die elende Sopa. Dem armen Arriero ist in den Tambos nicht einmal ein Plätzchen gegönnt; er kann von Glück sagen, wenn er neben dem Tambo ein Dach findet, das auf vier Pfählen ohne Seitenwände ruht. Sein Loos ist wirklich bedauernswerth. Den ganzen Tag muß er auf den schrecklichsten Wegen neben seinen Thieren herlaufen; kommt er Abends an, und hat er die Thiere abgeladen, so muß er fort, das Futter für sie zu schneiden (der Wirth thut dieß nicht; nur in Ortschaften, wo die Kleefelder entfernter sind, findet man den Klee in gebundenen Büscheln). Hat er sein Tagwerk vollbracht, so kann er sich auf die nasse Erde hinstrecken, mit seinem zerrissenen Poncho bedecken und seinen Hunger mit Gerstenmehl stillen.

Nicht minder bemitleidete ich die armen Lastthiere. Man nennt Lima „die Hölle der Esel;“ man kann diesen Namen auf ganz Peru und Ecuador ausdehnen, und nicht nur auf die Esel allein, sondern auch in Bezug auf Maulthiere, Pferde und Arrieros anwenden.

Man beladet hier z. B. ein Maulthier, ein Pferd mit acht bis zehn Arobas (eine Aroba = 25 Pfund), einen Esel mit vier bis sechs. Die Ladung muß hinauf, die Thiere mögen auf Rücken und Seiten ganz wund sein, das kümmert nicht. Eines Tages empfand ich während des Reitens einen beständigen, starken, unangenehmen Geruch; als ich Abends abgestiegen war, fand ich mein Kleid voll Blut, das von einer Wunde meines armen Thieres herrührte. Ich sah mehrmals auf schlechten Wegen zwei Personen auf einem Pferde oder Maulthiere, auch wohl auf einem Esel sitzen.

Wie ganz anders sorgt der Türke, der Perser, der Hindu, ja sogar der Kannibale auf Sumatra (der Battaker) für Reisende und Thiere. In den Karavansereien der Türken und Perser, in den Serai’s der Hindu findet der Reisende ein Kämmerchen für sich, der Treiber ein gleiches mit seinen Gefährten, die Thiere einen gedeckten Stall; der Battaker hat in jedem Dorfe Hütten (Soppo) für die Reisenden errichtet. Und diese Hütten sind ohne Unterschied dem Eingebornen wie dem Fremdlinge geöffnet, ohne daß er dafür etwas zu bezahlen hat. Wie höchst nöthig wären nicht dergleichen menschenfreundliche Anstalten zwischen Guayaquil und Quito, einer Straße, die von vielen Reisenden begangen wird, auf welcher im Sommer täglich große Züge von Lastthieren verkehren! Und mit wie geringen Kosten könnten mehrere hölzerne Häuser aufgeführt werden, in einem Lande, wie dieses, wo es nirgends an Baumaterial fehlt.