Chapter 6 of 11 · 3906 words · ~20 min read

Part 6

Vor ungefähr zwei Jahren erging von der Regierung Peru’s eine Aufforderung nach Deutschland, Ansiedler hierher zu senden; man machte ihnen gute, vortheilhafte Bedingungen, und diesem zu Folge schifften sich alsbald über zweitausend Auswanderer nach dem fernen Lande ein. Schon auf der Reise starb beinahe die Hälfte. Die Schiffe waren überfüllt, die Lebensvorräthe, das Wasser schlecht und verdorben, und die Leute wurden nicht besser behandelt als die Sklaven, die man von Afrika bringt. In Peru angekommen, fanden die Ueberlebenden, daß man sie von allen Seiten betrogen und belogen hatte. Statt sie in ein ihnen angemessenes Klima zu weisen, gab man ihnen Ländereien bei Callao und Lima, wo die große Hitze Europäischen Arbeitern tödtlich ist. Die ihnen gebotenen Geldunterstützungen standen in keinem Verhältnisse zu der Theuerung des Landes; nur zu bald versanken die Armen in Elend und Krankheit. Der Hamburger Konsul in Lima, Herr +Rodewald+, nahm sich ihrer mit aller Macht an, verwendete sich für sie bei der Regierung, schrieb um Hülfe nach Deutschland, veranstaltete Sammlungen und unterstützte sie kräftig aus seinen eigenen Mitteln. Dessen ungeachtet starben die meisten, trostlose Witwen und Kinder hinterlassend, welche das Klima natürlich besser vertrugen, da sie mit Feldarbeiten wenig oder nichts zu thun hatten. Unverzeihlich ist es von der Regierung eines Landes, durch Lüge und Betrug Leute, Familien zur Auswanderung zu bewegen und sie dann so gewissenlos ihrem Schicksale zu überlassen. Könnte ich doch allen Auswanderern zurufen, sich, bevor sie solch einen wichtigen Schritt unternehmen, Kenntnisse von dem Lande, dem Klima, den Kosten und den Hülfsmitteln, die ihnen daselbst zu Gebote stehen, zu verschaffen, und nicht unbedingt den Vorspiegelungen zu glauben, die ihnen von gewissenlosen, gewinnsüchtigen Agenten gemacht werden. Ist der arme Mann einmal von seiner Heimath weg, so hat er nicht leicht mehr die Mittel zur Heimkehr und muß bleiben, wo ihn sein Schicksal hingeworfen hat.

Freilich ist die Schuld auch häufig an den Ansiedlern. Viele haben die falsche Meinung, daß, wenn sie in einen fremden Welttheil gehen, ihnen gleich, wie das Sprüchwort sagt, die gebratenen Tauben in den Mund fliegen müssen; ist dieß dann nicht der Fall, so ergreift sie Unzufriedenheit und Mißmuth. Gerade der Ansiedler muß sich, wenigstens in den ersten Jahren, auf mehr Mühen, Arbeiten und Beschwerden gefaßt machen, als in seiner Heimath. Aber so sind die Menschen, nie genügsam und bescheiden in ihren Wünschen und Anforderungen. Sah ich doch selbst bei manchen Auswanderern, die sich erst seit kurzer Zeit angesiedelt hatten, den Tisch mit schönem Fleische, Gemüse, gutem Brot u. s. w. besetzt, den Kaffee- und Theetopf zweimal des Tages auf dem Feuer stehen, und dennoch waren die Leute nicht zufrieden. Warum? -- Weil sie hier wie in der Heimath arbeiten mußten. Daheim mochte es ihnen an der Arbeit wohl noch weniger gefehlt haben, wohl aber an den trefflichen Lebensmitteln; wie oft mögen sie ihren Hunger kaum nothdürftig mit Kartoffeln oder schlechtem Brote gestillt haben!

Bevor ich +Lima+, die Hauptstadt von Peru, betrete, will ich dieses Reiches mit wenigen Worten erwähnen.

Peru faßt auf 2300 Quadratmeilen eine Bevölkerung von 2,150,000 Seelen und ist in elf Departements, diese in 63 Provinzen getheilt. Die Staatseinkünfte werden auf 10 Millionen Dollars gerechnet, eben so hoch die Ausgaben. Die Staatsschuld beträgt gegen 60 Millionen Dollars. Auf die Tilgung dieser Schuld wird nur ein ganz kleiner Theil der Einnahmen verwendet.

Die legislative Gewalt besitzt der Kongreß, welcher sich alle zwei Jahre in Lima versammelt und aus zwei Kammern besteht, der Kammer der Senatoren (21) und jener der Deputirten (81).

Die executive Gewalt und das Recht, die Minister zu ernennen, liegt in den Händen des Präsidenten, welcher alle vier Jahre neu erwählt wird. Der jetzige Präsident heißt +José Rufino Echenique+.

Diese Regierungsform besteht seit dem Jahre 1824, in welchem sich das Land von der Spanischen Regentschaft lossagte. Die einzige Festung +Callao+ hielt sich unter General +Bodin+ bis Februar 1826 und ergab sich unter sehr ehrenvollen Bedingungen. Obgleich dieser General große Tapferkeit bewies, hinterließ er doch einen sehr schlechten Ruf. Man schreibt die lange Vertheidigung mehr seinem Eigennutze als der Treue und Anhänglichkeit an seinen Monarchen zu. Er soll nämlich große Vorräthe von Lebensmitteln aufgespeichert und sie zur Zeit der Noth den Reichen, die in die Festung geflohen waren, zu den unverschämtesten Preisen überlassen haben. Die Leute mußten die Lebensmittel, wie man erzählt, beinahe mit Gold aufwiegen. Mit ungeheueren Reichthümern beladen ist der General nach der Uebergabe der Festung nach Spanien, seinem Vaterlande, gegangen.

Seit der Unabhängigkeits-Erklärung fanden in Peru so viele Revolutionen statt, daß eine Ruhe von ein paar Jahren unter die Seltenheiten gehört, und daß man der politischen Bewegungen am Ende schon nicht mehr viel achtet. Alle Revolutionen gingen bisher vom Militär aus. Hochgestellte Offiziere, lüstern nach der Präsidenten-Würde, suchten das Militär zu gewinnen, und die Unruhen begannen. Auch jetzt, als ich nach Peru kam, war das Land im Aufstande, und diese Revolution war die erste, die vom Civil ausging. Sie hatte ihren Anfang im September vorigen Jahres genommen. Ursache der Revolution war die schlechte Verwaltung der Staatseinkünfte, die sich seit der Auffindung des Guano (Vogeldünger) auf den +Chincha+- und andern Eilanden[11] sehr vermehrt hatten und doch weder für das allgemeine Wohl noch zur Tilgung der Staatsschulden verwendet wurden. Man wirft dem gegenwärtigen Präsidenten vor, einen großen Theil der Reichthümer des Landes in seine und seiner Anhänger Hände zu leiten. Um dieß leichter zu bewirken, hat er die Leute aufgefordert, unberichtigte Rechnungen aus den Zeiten vergangener Revolutionen für gelieferte Lebensmittel, Schadenersätze u. dgl. vorzubringen. Die Gläubiger, die solche Schulden einzufordern hatten, dachten daran schon lange nicht mehr, viele hatten die Papiere verloren oder zerrissen, andere waren gestorben und den Erben fehlte es an Beweisen. Es wurde jedoch den Leuten unter der Hand gesagt, daß man ihre Forderungen leicht anerkennen würde; nur möchten sie höhere Summen angeben, damit man, einer scheinbaren Gerechtigkeit wegen, einiges streichen könne.

Die Agenten des Präsidenten und dessen Anhang kauften diese Papiere insgeheim um geringe Summen, und durch diese Umtriebe, so wie mit der Manipulation der Staatspapiere und dem Guano-Handel soll sich der Präsident allein schon einige Millionen Dollars erworben haben.

Die jetzige Revolution war noch nicht bis Lima gedrungen. Der Präsident hatte das Militär noch auf seiner Seite; auch besoldete er theils aus der Staats-, theils aus eigener Kasse eine Legion Spione, die sogleich jede Person, auf die der leiseste Verdacht fiel, ergriffen und der Regierung überlieferten. Viele schmachten in den Gefängnissen, andere wurden des Landes verwiesen[12].

Schon seit vielen Jahren hat Peru das Unglück, von habsüchtigen, eigennützigen Beamten regiert zu werden, die auf nichts anderes bedacht sind, als ihre Taschen zu füllen.

Am +19. Januar+ fuhr ich nach Lima, wo der Hamburger Konsul, Herr Rodewald, so gütig war, mich in sein Haus einzuladen, eine Gefälligkeit, die für mich von um so größerem Werthe war, als man in diesem Lande ausschließlich die Spanische Sprache spricht, mit welcher ich mich noch nicht vertraut gemacht hatte.

Von Callao nach Lima (zwei Leguas, sechs Englische Meilen) führt seit dem Jahre 1851 eine Eisenbahn, deren Steigung so bedeutend ist (450 Fuß), daß man auf der Fahrt von Lima nach Callao gar nicht des Dampfes bedarf. Was mir bei dieser Eisenbahn am meisten auffiel, ist, daß sie durch einen großen Theil der Vorstädte Lima’s geht, ohne durch Geländer abgesperrt zu sein. Die Dampfwagen fahren hier durch die Straßen wie in andern Städten die mit Pferden bespannten Kutschen. Kinder spielen an den Hausthüren, Reiter lenken die Thiere eilig zur Seite, Leute laufen über die Schienen, und lärmend braust die Lokomotive mitten hindurch. Ungeachtet dieser augenscheinlichen Gefahr ereignete sich erst +ein+ Unglück. Ein Esel wurde überfahren und die Maschine kam dadurch aus dem Geleise, bei welcher Gelegenheit mehrere Menschen verwundet wurden und einer das Leben verlor.

Die Stadt Lima, mit 96,300 Einwohnern, wurde am 6. Januar des Jahres 1534 von Pizarro gegründet; am 18. Januar desselben Jahres legte er den Grundstein zu der Kathedrale. Die Stadt ist in regelmäßige Quadrate eingeteilt; der Fluß +Rimac+, über welchen eine einzige, aber schöne, auf fünf Bogen ruhende Steinbrücke führt, theilt sie in zwei ungleiche Theile. Die Straßen sind lang, ziemlich breit und gerade.

Der Hauptplatz ist ein schönes Viereck. Auf zwei Seiten laufen an den Häusern Bogengänge hin, unter welchen es einige reiche, geschmackvolle Waarenlager gibt; auf der dritten Seite steht die Kathedrale nebst dem bischöflichen Palaste, auf der vierten Seite der Palast des Präsidenten und das Haus der Senatoren. Diese Paläste gleichen von außen so erbärmlichen Gebäuden, daß ich wirklich nicht weiß, wie man ihnen den hochtrabenden Titel „Palast“ beilegen konnte. Im Hofraume sehen sie etwas besser aus. Der Palast des Präsidenten ist überdieß noch durch viele kleine Verkaufsbuden verunziert, die wie Kleckse daran hängen. In der Mitte des Platzes prangt ein leidlicher Springbrunnen, der zu jeder Zeit des Tages von Eseln und deren Treibern umgeben ist, denn kein Haus in Lima hat einen eigenen Brunnen: alles Wasser wird mittelst Esel in die Häuser gebracht. Manche Familie gibt für den Wasserbedarf allein im Monat vier bis sechs Dollars aus.

An der Südseite dieses Platzes, wo jetzt Wohnhäuser stehen, stand der Palast Pizarro’s. In demselben wurde Pizarro am 26. Juni 1546 ermordet. Er saß mit einigen Freunden an der Tafel, als die Verschwornen den Palast umringten und der Ruf: „Nieder mit dem Tyrannen!“ erscholl. Er fiel mit dem Schwerte in der Hand. Die Stelle, wo er fiel, ist nicht genau bezeichnet, eben so wenig der Ort, wo er begraben liegt. Einige behaupten, in der Kathedrale, andere in der Franziskaner-Kirche. Ich suchte und fragte in beiden Kirchen vergebens nach seiner Grabesstätte.

Kirchen und Klöster hat Lima in großer Menge aufzuweisen. Die Geistlichkeit ist im Besitze unzähliger Gebäude und ausgedehnter Ländereien; ein Fünftheil der Stadt soll ihr Eigenthum sein. Manche Klöster schätzt man auf achtzig- bis hunderttausend Dollars Einkünfte.

Unter den Kirchen gefielen mir die Kathedrale, die Franziskaner- und die St. Petri-Kirche am besten. Die der Augustiner und die der Dominikaner gehören ebenfalls zu den vorzüglichen, so wie viele andere in allen Gegenden der Stadt sehenswerth sind. Ihre Bauart ist imposant, ihre Kuppeln sind hohe, herrliche Wölbungen, und im Innern findet man vieles und schönes Schnitzwerk in Holz, alles Basrelief und sehr reich vergoldet. Der innere Reichthum an Silber, Gold und Edelsteinen ist nicht mehr so groß, als er gewesen sein soll. Die silbernen Tabernakel, so wie die silbernen Säulen an den Altären in der Kathedrale sind so schmutzig, daß man sie, wenn man auf ihre Kostbarkeit nicht aufmerksam gemacht wird, gewiß ganz übersehen würde. Bei großen Festen sollen die Kirchen prachtvoll mit Sammt, Blumen u. s. w. geschmückt, feenartig erleuchtet sein, die Heiligen in großem Pomp mit Gold und Edelsteinen prangen und die Priester in überreichen, goldgestickten Meßkleidern erscheinen. Leider gab es während meiner Anwesenheit kein Fest, ich mußte mich mit den schlecht geschnitzten hölzernen Heiligen in ihrem Alltagsputze begnügen. Dessen ungeachtet machten die Kirchen einen imposanten Eindruck. Die majestätischen Wölbungen, die langgezogenen, hohen Schiffe, die Seitenaltäre und Nischen mit den sie stützenden Pfeilern und Säulen, die mit Gemälden und Statuen gezierten Wände (besonders wo dieß nicht übertrieben ist und nicht Bilder in grotesken Anzügen mehr an das Heidenthum, als an das Christenthum erinnern), das Halbdunkel, durch welches hie und da ein Lämpchen gleich einem Sterne schimmert, die tiefe Stille oder der am Altar fungirende Priester im würdigen Ornate erheben das Gemüth unstreitig mehr, als Tempel mit ganz einfachen, weißen Wänden in prosaischer Nacktheit.

Die äußere Religiosität des Volkes ist noch ziemlich groß. Viele nehmen die Hüte ab, wenn sie an einer Kirche vorüber gehen, aber gewiß thun es alle, wenn Morgens oder Abends die Glocke zum Gebete ruft. Der Fußgänger bleibt stehen, der Eseltreiber steigt von seinem Thiere ab, das Gespräch erstirbt, alles fleht zum unsichtbaren Wesen. Ist aber dieser Augenblick vorüber, so kehrt das gewöhnliche Getreibe wieder, der Eseltreiber mißhandelt sein Thier wie zuvor, der Verkäufer betrügt den Käufer, böse Nachrede tritt an die Stelle des Gebetes.

Außer den Kirchen ist gar kein öffentliches Gebäude hübsch zu nennen. Im ganzen macht Lima auf den Ankömmling keinen sehr vortheilhaften Eindruck. Die Vorstädte zeigen gleich den Orientalischen Städten nichts als lange Mauerwände mit Eingangsthüren und sehr wenigen Fenstern. Erst mehr gegen das Innere der Stadt wird der Anblick etwas freundlicher. Die Häuser sind da meistens stockhoch, haben große, hochgewölbte Eingangspforten und zahlreichere Fenster. Die angehängten, eng vergitterten hölzernen Balkons findet man überall. Die Dächer sind platt, wie in Callao; die meisten Zimmer erhalten hier wie dort das Licht durch Verschläge, die auf das Dach münden.

Auch hier, wie im Orient, geht die eigentliche Façade der Häuser auf den Hofraum. Die Empfangsgemächer (durchgehend im Erdgeschosse) liegen dem großen Hausthore gegenüber; die Hallen unter dem Thore, die Mauerwände in dem Hofe sind hie und da mit hübschen Fresken bemalt, die Höfe nett gepflastert und mit Blumentöpfen geziert. Der Salon, in welchen man von der Hausthüre gerade hinein sieht, ist niedlich ausgestattet, die Fenster und Glasthüren werden mit Draperien versehen, durch die Saalthüren hindurch erblickt man im Hintergrunde ein kleines Gärtchen; mit wahrem Vergnügen bleibt man bei jedem Hausthore stehen, um diesen lieblichen Anblick länger zu genießen. Abends ist ein Gang durch die Straßen noch anziehender: die Gemächer sind erleuchtet, Thüren und Fenster geöffnet, und die graziösen Gestalten der Peruanischen Damen beleben die freundlichen Bilder.

Das schönste Haus ist jenes der Alt-Spanischen Familie +Torre-Tagle+; es zeichnet sich durch seine schöne Façade und architektonischen Verzierungen gegen die Straße zu aus. Jetzt ist das Haus auf einen Seitenzweig der Familie übergegangen.

Von den öffentlichen Anstalten sah ich das Museum, die Akademie der bildenden Künste und die Bibliothek. Das Hospital besuchte ich nicht, es herrschte das gelbe Fieber und viele daran Erkrankte lagen in demselben.

Das Museum als solches ist eins der erbärmlichsten von allen, die ich bisher gesehen hatte. Jede Gattung aus dem Naturreiche ist mit einigen schlechten, ganz verwahrlosten Exemplaren angedeutet. Aus dem Insekten- und Crustaceen-Reiche fehlen sogar diese. Statt der Peruanischen Insekten sieht man ein halbes Dutzend Kästchen mit den gewöhnlichsten Chinesischen Käfern; von Seeprodukten ist gar nichts vorhanden. Das Werthvollste sind vier sehr gut erhaltene Mumien in hockender Stellung, wie sie in den Inkas-Gräbern aufgefunden wurden, desgleichen eine ziemliche Anzahl Alt-Peruanischer Trink- und anderer Gefäße. Aus acht Oelgemälden von einst regierenden Inkas ersieht man, daß dieselben schöne, wohlgebildete Leute mit edlen Gesichtszügen waren. Auch die lebensgroßen Bildnisse aller Spanischen Vicekönige sind hier aufgestellt; aber gerade jenes von Pizarro steht im ungünstigsten Lichte und ist vom Alter so geschwärzt, daß man kaum mehr als die Umrisse unterscheiden kann.

Die „Akademie der bildenden Künste“ ist nichts weiter als eine erbärmliche Zeichenschule für die ersten Anfänger. Aus welchem Grunde sie den Namen „Akademie“ führt, konnte ich nicht ermitteln, denn sie besitzt weder eine Büste oder Statue, noch ein Gemälde, noch eine größere Zeichnung. Alles, was ich sah, waren einige angehende Künstler, die sich mit dem Zeichnen von Nasen, Augen und Ohren beschäftigten.

Die Bibliothek enthält in zwei schönen Sälen 30,000 Bände. Es sollen darunter werthvolle Handschriften sein.

An öffentlichen Spaziergängen besitzt Lima die +Alameda+ und die Brücke. Die Alameda besteht aus Baum-Alleen längs des Rimac-Flusses. An einer Seite steht die Arena für die Stiergefechte. An dem Ende der Alameda befindet sich eine Anstalt für kalte Bäder. Die Gebirgswelt sieht man nicht nur von hier aus, sondern beinahe von jeder Straße, vorzüglich den 1275 Fuß hohen „+Cerro de San Cristoval+,“ auf dessen Spitze ein Kreuz errichtet ist, zu welchem jedes Jahr eine große Wallfahrt stattfindet.

Sehr schön ist der außerhalb der Stadt gelegene Friedhof oder das „Pantheon.“ Es wurde im Jahre 1807 gegründet. Die Kapelle so wie das Haus des Aufsehers sind sehr niedlich, die Gärten in verschiedene Abtheilungen gesondert, von schönen Baum-Alleen durchschnitten und mit hohen Mauern eingefaßt. Sie enthalten mehr als tausend Nischen zur Aufnahme von Verstorbenen, nebst vielen andern Grabesplätzen. Unter den Nischen gibt es solche, die für immerwährend angekauft werden können; in den anderen bleiben die Leichen nur so lange, bis man den Platz für die Nachfolgenden benöthigt. Die Gebeine werden dann in gemauerte Gewölbe oder große Gräber geschafft. Die Leichen der Kinder werden in einem hölzernen Thurm aufgeschichtet. Ich hob die Thüröffnung auf und sah eine große Anzahl solcher kleiner Geschöpfe, in Tücher geschlagen, aufgehäuft. Die Armen werden in große Gruben begraben.

Vor Erbauung des Pantheons wurden viele Verstorbene in den Kirchen beigesetzt.

Außer dieser äußerst zweckmäßigen Einrichtung, daß die Todten nicht mehr innerhalb der Stadt beerdigt werden, erfreut sich Lima zweier Vortheile, die sehr zur Gesundheit beitragen. Der eine besteht in vielen künstlich gezogenen Wassergräben, die, von dem Rimac gefüllt, die Straßen von Osten nach Westen durchschneiden; der zweite in einer Gattung ganz schwarzer Vögel von der Größe eines Huhnes, deshalb auch +Gallinazo+ genannt, welche Thiere, gleich den Hunden in Konstantinopel, die Straßen von allem aasartigen Unrathe säubern. Schon in Callao fielen mir diese zahmen Raubvögel auf, die dort wie hier sich mitten in den Straßen unter den Leuten bewegen.

Den Wochenmarkt besuchte ich mehrere Male. Eine große, gemauerte, schöne Halle dient vorzüglich zum Fleisch-, geschlachtetem Geflügel- und Gemüse-Verkauf. Die Verschiedenartigkeit der Lebensmittel ist noch größer und natürlich die Menge bedeutender, als in Callao. Den vielen Fleischbuden nach zu urtheilen, muß das Volk hier ziemlich häufig Fleisch genießen. Sonderbar kam es mir vor, in den Fleischbuden statt der Männer Weiber zu sehen, welche die schwersten Ochsenkeulen handhabten und den Käufern pfundweise den Bedarf zutheilten. Das Geflügel wird wie in Italien nicht nur in ganzen, sondern auch in halben und Viertel-Stücken verkauft.

Das Leben in Lima ist theuer; man kann annehmen, daß ein Haushalt, der in Deutschland 1500 Thaler kostet, hier gewiß auf 4000 zu stehen kommt. In jedem wohlhabenden Hause wird ein Mayordomo gehalten, welcher das Silberzeug, die Wäsche, so wie die Dienerschaft unter seiner Aufsicht hat und die Einkäufe der Lebensmittel besorgt.

Außerordentlich ist der Verbrauch des Eises; man braucht per Tag für etwa 1000 Dollars. Es wird von Nordamerika gebracht und kommt auf diesem Wege billiger, als von den nahen Cordilleren, von wo es durch Maulthiere getragen werden müßte. Man genießt es nicht blos mit Wasser oder Wein, man bereitet auch Eis aus Milch und Früchten. Schon am frühesten Morgen sind die zahlreichen Eisbuden belebt. Die Milch-, Obst- und Fleischhändlerin, den Koch, den Mayordomo kann man da in gemüthlicher Ruhe beisammen sitzend finden. Das Eis ist durchschnittlich schlecht bereitet, grob, wenig consistent und fade.

Das Volk besteht hier wie zu Acapulco, Callao und gewiß allen Spanisch-Südamerikanischen Staaten, aus einem solchen Gemische, einer solchen Verzweigung Indianischen, Europäischen und Afrikanischen Blutes, wie man es in keinem anderen Theile der Welt finden kann. Unter der reichen Klasse, den Kreolen und Alt-Spaniern[13] gibt es sehr schöne Mädchen und Frauen. Die Damenwelt von Lima hat den Ruf, ihre Reize durch eine sehr geschmackvolle und kostbare Toilette zu erhöhen; ihr Gang, ihr Benehmen wird als graziös geschildert. Daß sie ganz besonders kleine, wohlgeformte Hände und Füße haben, nur seidene Strümpfe und die engsten Schuhe tragen, habe ich bereits erwähnt. Auch mit geistigen Fähigkeiten, mit natürlichem Verstande und Witz, desgleichen mit Talenten, besonders für Musik, soll sie die Natur reichlich ausgestattet haben. Leider sollen sie wenig Ausdauer besitzen, dieselben auszubilden.

Ich selbst kann darüber kein Urtheil fällen, ich war zu kurze Zeit in Lima, um in mehrere echt Alt-Spanische Häuser eingeführt werden zu können; auch ist für Fremde der Zutritt nicht sehr leicht zu erhalten. Ich sah nur in den Logen im Theater, wo ich die berühmte Sängerin Fr. +Hayes+, den nicht minder geschätzten Tenoristen Herrn +Mengis+ und den ausgezeichneten Violinkünstler Herrn +Hauser+ hörte, einen Theil der eleganten Gesellschaft und fand an Schönheit und Grazie alles bestätigt, was mir die Herren von der Frauenwelt gesagt hatten.

Vor noch wenig Jahren bedienten sich die Frauen, wenn sie auf der Straße oder nach der Kirche gingen, einer eigenthümlichen Tracht, die aus einem langen, schwarzseidenen Oberkleide (Saya) und dem Manto bestand, der den Körper von den Hüften bis über den Kopf verhüllte und nur einem Auge Raum zum Sehen gestattete. In diesem Anzuge soll die Frau dem Manne unkenntlich geblieben sein, selbst wenn sie neben ihm stand. Jetzt ist diese Tracht wie verschwunden, man sieht sie kaum zuweilen in der Kirche oder bei Prozessionen. Man sagt, sie habe gar zu leicht Anlaß zu unbescheidenen Zusammenkünften gegeben; die Herren suchten die Saya bei Gemahlinnen und Töchtern abzuschaffen. Jetzt ersetzen die Frauen den Manto durch ein großes Umschlagetuch, das sie über Kopf und Kleid schlagen. Diese großen, aber nicht sehr reizend stehenden Tücher tragen sie nicht nur in der Kirche und auf den Straßen, sondern sogar im Parterre des Theaters.

Die Weiber aus dem Volke sah ich nirgends so reich und verschwenderisch gekleidet wie hier. Milch- und Obst-Verkäuferinnen saßen in Barège- oder Seidenkleidern, Chinesischen Tüchern, seidenen Strümpfen, gestickten Schuhen auf den Eseln, mit dem Verkaufskram an der Seite. Alles hing jedoch nachlässig, auch zerrissen am Körper, die Farben waren höchst grell oder verschossen, alles stand schlecht zu der dunklen oder gelben Gesichtsfarbe. Ich gedachte jedesmal der etwas derben, aber passenden Worte Sancho Panso’s, welcher, als er Hoffnung hatte, zum König einer noch unentdeckten Insel gemacht zu werden, von seiner Frau sagte: „Sie wird sich als Königin ausnehmen, wie ein Schwein mit einem goldenen Halsbande.“

Die Männer, Europäer wie Eingeborne, reich oder arm, tragen über ihrem Anzug auf Reisen oder auch nur bei gewöhnlichen Reitparthieen den Poncho wie in Chili. Selbst Frauen bedienen sich dieses Kleidungsstückes, wenn sie einen Ausflug zu Pferde machen.

Die reichen und vornehmen Frauen gehen nur zur Kirche zu Fuß, sonst fahren sie in Calezas, zweiräderigen, von Maulthieren gezogenen Gläserwagen. Die Maulthiere sind weit vor die Kutsche gespannt, und der Kutscher sitzt auf einem der Thiere.

Die Herren, die viel außer Hause zu thun haben, wie z. B. Aerzte, reiten auf Maulthieren oder Pferden.

Die Kleinverkäufer, Wassermänner u. s. w. bedienen sich der Esel, die hier sehr mißhandelt werden. Oft hängt auf einem solchen armen Thiere die ganze Familie, Mann, Weib und Kind, nebst den größten Lasten als Zugabe. Ein Peruanisches Sprichwort sagt: „Lima ist die Hölle der Esel, das Fegefeuer der Ehemänner, der Himmel der Frauen.“ Wenn es eine Seelenwanderung gäbe, müßte der Gedanke, in einen Peruanischen Esel oder in ein Javanesisches Postpferd verwandelt werden zu können, zur Verzweiflung bringen.

Ungleich besser geht der Eingeborne mit dem Llama um: er gebraucht es zwar auch als Lastthier; allein er behandelt es mit Liebe und Zärtlichkeit, man möchte beinahe sagen, er habe Hochachtung für dieses Thier. Das Llama ist von dem Fuße bis zum Scheitel fünf Schuh hoch und gehört zu dem Geschlechte der Kameele. Die Llamas werden als Lastthiere gebraucht, sie sind für die schlechten Wege in den Cordilleren ungleich brauchbarer, als Esel und Maulthiere, und bringen gewöhnlich die Erze in die Niederungen. Ein Llama geht per Tag drei bis vier Leguas und trägt hundert Pfund; ladet man ihm mehr auf, so legt es sich nieder und steht nicht eher auf, als bis ihm die Ueberfracht abgenommen ist[14].

Selten bekommt man diese schönen, sanften Thiere in Lima zu sehen, denn das warme Klima vertragen sie nicht. Zufällig kam doch während meiner Anwesenheit eine kleine Heerde von vierzig bis fünfzig Stück nach der Stadt, um Salz nach den Gebirgen zu bringen.

Wenn diese Thiere gereizt werden, spucken sie um sich. Der Speichel soll so scharf und ätzend sein, daß er auf der Haut einen brennenden Schmerz verursacht.

Außer der Seltenheit, Llamas in Lima zu sehen, erlebte ich auch noch eine andere Merkwürdigkeit, nämlich einen ziemlich starken Regen, der fünf bis sechs Stunden anhielt -- eine Erscheinung, deren sich die ältesten Leute nicht zu entsinnen wußten. Es regnet hier im Sommer nie, im sogenannten Winter höchst selten, und da fällt meistens mehr feuchter Nebel als Regen, der kaum die Steine befeuchtet. Donnerwetter gibt es diesseits der Cordilleren nie.