Part 2
Der Goldüberfluß in San Francisco ist so groß, die Preise sind so hoch, daß gar keine Kupfermünze in Umlauf ist; die Leute wünschen auch nicht, daß es je dazu kommen möge. Jedermann findet hinlänglichen Verdienst; im Gegentheil, es fehlt noch überall an Händen. Dessen ungeachtet vergeht kaum eine Nacht, daß man nicht von Diebstählen hört. In allen Schlafzimmern sieht man Pistolen hängen, und Abends geht niemand ohne Stockdegen oder Pistolen aus, denn auch in den Straßen kommen manchmal Raubanfälle und selbst Morde vor. Die Polizei ist so schlecht organisirt, daß kein Dieb so leicht entdeckt wird, die Bestrafungen so geringe, daß sie kein Mensch fürchtet. Beinahe alle Vergehungen werden mit einigen Wochen Gefängnißstrafe abgebüßt. Sogar die Mörder kommen leicht durch. Der Thäter geht gewöhnlich selbst zum Richter, erzählt den Vorfall nach Belieben, wobei es natürlich immer heraus kommt, daß er den Mord aus Nothwehr begangen habe. Weiß er den Richter auf dem rechten Flecke zu packen (d. h. mit Gold), so kommt er oft nicht einmal in das Gefängniß.
Während meines Aufenthaltes zu San Francisco schoß ein Herr, den ich persönlich kennen lernte, seinen Diener nieder. Die Kugel war in die Seite gegangen, und deshalb der Schuß zwar nicht augenblicklich tödtlich, doch hatte man am dritten Tage die Kugel noch nicht gefunden. Der Herr ging zu dem Richter, gab seine That an und erklärte sie ebenfalls für Nothwehr. Er führte an, daß sein Diener häufig betrunken sei, und daß er demselben in solch einem Zustande den Dienst kündete. Der Betrunkene, darüber erboßt, habe ihm geantwortet, daß er ohnehin nicht mehr bleiben wolle, daß er aber, bevor er das Haus verließe, ihn niederschießen werde; „+entweder+“, habe er hinzu gefügt, „+schieße ich Sie todt, oder Sie müssen mich todt schießen+.“ Bei diesen Worten habe der Diener ihm mit der Faust gedroht, worauf er (der Herr) eine Pistole ergriffen und auf ihn geschossen habe. Der Mörder wurde auf einen Tag eingesperrt, den zweiten gegen eine Kaution und das Versprechen, sich nicht aus dem Stadtgebiete zu entfernen, wieder frei gegeben.
Kurze Zeit darauf verließ ich San Francisco und erlebte deshalb nicht den Ausgang der Geschichte; allein man versicherte mir, daß, selbst wenn der Diener stürbe, der Herr mit höchstens einigen Wochen Gefängnißstrafe davon käme.
Vor zwei Jahren soll es noch ganz anders zugegangen sein, da war man seines Lebens am hellen Tage nicht sicher. Hatte einer einen Haß gegen jemanden, oder einen Streit, so schoß er seinen Gegner auf öffentlicher Straße nieder. Zweikämpfe wurden ohne weitere Umstände gleich auf der Plaza ausgemacht; die Kämpfer schossen da auf einander, ohne die Vorübergehenden anzurufen und zu warnen. Mitunter traf eine Kugel statt eines Kämpfers einen ganz Unschuldigen; das schadete aber nichts, deshalb wurde niemand zur Rechenschaft gezogen.
Viel strenger verfuhr man zu jener Zeit mit den Dieben, zwar nicht das Gericht, das schlief so fest und wo möglich noch fester als heut zu Tage, sondern die Privatpersonen. Sie bildeten einen Verein und übten die Gerechtigkeitspflege selbst aus[4]. Den ersten Dieb, den sie erhaschten, hingen sie sogleich auf der Plaza auf. Dieß wirkte so kräftig, daß die Diebstähle auf lange Zeit aufhörten.
Wie man sieht ist die Plaza ein höchst merkwürdiger Ort für die Stadtbewohner. Jetzt dient sie nicht mehr als Schauplatz so gewalttätiger Scenen; im Gegentheile kehrt mancher vielleicht ein wenig gebessert von ihr heim. Ein sehr wackerer, würdiger Missionär, Herr +Taylor+, hält nämlich jeden Sonntag Nachmittag kräftige, gute Predigten dort. Ich hörte mehrere und jede befriedigte mich sehr. Er sprach den Leuten so recht an das Herz und Gemüth, und nahm die zweckmäßigsten Beispiele aus dem gewöhnlichen Leben. Man sah es dem trefflichen Manne an, daß er Missionär aus wahrem, innerem Berufe war. Die Leute hörten ihm auch sehr aufmerksam zu, und mancher Händedruck von Zuhörern ward ihm zum Lohne. Meiner Meinung nach hätten die Christen gute Missionäre weit nöthiger als die Heiden. Ein altes deutsches Sprüchwort sagt: „Kehre zuerst vor deiner Thür.“
Von den öffentlichen Anstalten besuchte ich das Gefängniß und das Stadthospital. Um diese Plätze besuchen zu dürfen, mußte ich eine Menge Gänge machen und ein halbes Dutzend Erlaubnißscheine begehren.
Als ich in dem Gefängnisse dem Director meinen Schein vorwies, begab sich ein komisches Mißverständniß. Da sich in San Francisco niemand Zeit nimmt, eine öffentliche Anstalt zu besuchen, wenn ihn nicht ein Geschäft dahin ruft, dachte der Direktor, ich sei gekommen, um einen Gefangenen zu sprechen. Er las den Schein gar nicht durch, sein Blick blieb blos auf meinem Namen haften. Er dachte eine Weile nach und sagte endlich, er könne sich nicht entsinnen, daß ein Verbrecher dieses Namens in dem Gefängnisse säße, worauf dann natürlich die Erklärung folgte.
Das Gefängniß besteht aus dunklen, feuchten Kämmerchen, jedes für sechs Personen und so klein und enge, daß die Leute kaum Platz zum Schlafen haben. Der Boden ist nicht gedielt, es gibt weder Bänke noch Schlafstellen, und wer Decke oder Polster nicht selbst mitbringt, muß sich ohne sie behelfen. Die Kost ist etwas besser: sie besteht aus Suppe, einem Stücke Fleisch und einer hinlänglichen Portion schönen Brodes.
Vor ungefähr sechs Monaten bekam das Gefängniß einen ganz unerwarteten Besuch: eine zahlreiche Gesellschaft von Männern (achtzig bis neunzig) verlangten es zu besehen. Als man sie eingelassen hatte, bemächtigten sie sich der Schlüssel, holten einen Verbrecher heraus, den das Volk schon lange gerne gerichtet sehen wollte und der bei der üblichen Fahrlässigkeit der Regierung wahrscheinlich mit geringer Strafe entkommen wäre, und hingen ihn vor dem Gefängnisse auf.
Das Hospital ist ziemlich gut, besonders wenn man auf die Zeit Rücksicht nimmt, zu welcher es errichtet wurde, im Jahre 1849. Es war damals in San Francisco noch alles so kostspielig, daß man sich wundern muß, wie die zur Errichtung eines anständig geordneten Krankenhauses (gegenwärtig schon mit dreihundert Betten) nöthige Summe durch freiwillige Beiträge zusammen gebracht werden konnte. Die Kranken bezahlen per Woche in den allgemeinen Zimmern 15, in einem besonderen 25 Dollars; die meisten werden jedoch unentgeldlich aufgenommen. Was mir sehr gut gefiel, ist, daß man Unheilbare nicht fortschafft: sie bleiben bis zu ihrem Tode. Wer das Unglück hatte, vor Errichtung dieses Hospitales zu erkranken, der konnte sich noch glücklich schätzen, wenn man ihn in irgend einen Winkel trug und ruhig genesen oder sterben ließ. Kein Mensch hatte Zeit, sich nach einem Leidenden umzusehen, -- Gold, Gold war das einzige Ziel und Streben.
Ich hatte Gelegenheit, in San Francisco eine sehr schöne Ausstellung von Gemüsen, Früchten, Getreide-Gattungen und anderen Naturprodukten Kaliforniens zu sehen, die Herr +Warren+ veranstaltete. Ein Kürbis wog 125 Pfund, eine Runkelrübe 35 Pfund, eine weiße Rübe 25 Pfund, ein Blumenkohl 22 Pfund, eine gelbe Rübe 6 Pfund, eine Kartoffel 4 Pfund, eine Zwiebel 2 Pfund, ein Krautkopf hatte 2½ Fuß im Durchmesser. Weizen- und Gerstenhalme gab es von 12 Fuß Höhe, mit sehr großen, reichgefüllten Aehren, Maisstengel von 17 Fuß Höhe mit 3 Kolben, wovon jeder zwischen 550 und 600 Körner zählte. Die Früchte waren weniger ausgezeichnet. Was kann Kalifornien nicht liefern, wenn sich die Leute mehr und mehr mit Ackerbau und Kultur beschäftigen werden!
Nicht minder interessant war die Ausstellung eines Riesen-Eichenstammes. Der Baum kam aus der nördlichen Gegend Kaliforniens und war 250 Fuß hoch; der Stamm hatte am Grunde 97 Fuß, oberhalb des Grundes 85 Fuß im Umfange. Man schätzte sein Alter auf 1500 Jahre. Als er gefällt wurde, war er noch vollkommen gesund. Man löste die achtzehn Zoll dicke Rinde in Streifen ab, stellte sie in San Francisco wieder zusammen und bildete daraus einen niedlichen Saal. Eine Durchschnittsscheibe des Stammes wurde daneben gelegt, damit man sich von dem Durchmesser des Baumes überzeugen konnte.
* * * * *
Ich machte von San Francisco drei Ausflüge in das Innere von Kalifornien. Den ersten nach +Sacramento+, +Mary’s Ville+ und den Goldminen an dem +Yuba-Fluß+, den zweiten nach +Crescent-City+ und zu den +Rogue-River-Indianern+, den dritten nach +St. José+.
Am +3. October+ Nachmittags 4 Uhr schiffte ich mich auf dem schönen Dampfer „+Senator+“ nach Sacramento (100 Meilen) ein.
Die Amerikanischen Dampfer sind die schönsten, die man sehen kann. Sie verdienen mit vollem Rechte, „Wasserpaläste“ genannt zu werden, denn sie sehen vollkommen wie Häuser aus. Die Flußdampfer besonders haben Stockwerke mit großen Thüren, Fenstern und Galerieen. Ständen sie nicht im Wasser, so würde kein Mensch sie für Schiffe halten. Die innere Einrichtung gibt an Pracht und Vollkommenheit der äußeren nichts nach. Wenn man Nachts einem solchen Dampfer begegnet, gewährt dieß einen wahren Feenanblick; alles erglänzt im hellsten Lichte und die Schornsteine speien Feuer, gleich Vulkanen.
Spät Abends lenkten wir in den +Sacramento-Fluß+, der bis zu der Stadt Sacramento für Dampfer von zwölf- bis fünfzehnhundert Tonnen fahrbar ist.
Am +4. October+ Morgens 5 Uhr landeten wir an der Stadt. Die Reisenden stürzten wie besessen an’s Ufer, um ihre Reise mit Stage-coaches oder anderen kleineren Dampfbooten ohne Zeitverlust fortzusetzen. Auch ich folgte ihrem Beispiele, und eilte, um meinen Platz auf der Stage-coach nach +Gras-Vale+ zu erobern. Allein meine Eile war umsonst. Die Kutsche war schon um 4 Uhr abgegangen. Ich änderte meine Reise dahin ab, daß ich auf einem Dampfer nach Mary’s Ville (50 Meilen) ging.
Die Zeit bis zur Abfahrt des Dampfers benutzte ich, die Stadt zu besehen, die in einer staubigen, sandigen Ebene liegt, in deren weitem Hintergrunde man dunkle Umrisse von Gebirgen entdeckt. Die Stadt zählt 20,000 Einwohner und bietet in kleinerem Maßstabe dasselbe unvollendete, unsaubere Bild wie San Francisco. Nach den Begriffen der Amerikaner gehört auch Sacramento zu den Wunderwerken der Welt, da sie gleich San Francisco eben so schnell entstanden und eben so oft abgebrannt ist.
Um 11 Uhr ging es wieder an die Reise. Schon nach einigen Meilen lenkten wir in den +Feather-Fluß+, an welchem Mary’s Ville liegt. Die Ufer dieses Flusses bleiben sich so ähnlich, daß ich mich, nachdem ich sie einige Zeit betrachtet hatte, in den Saal begab, um auch über die Gesellschaft meine Bemerkungen zu machen. Ich befand mich hier zum ersten Male in einer großen Gesellschaft von freien Amerikanern. Wie in den Spielhäusern zu San Francisco fielen mir vor allem die Kontraste in der Kleidung auf. Die Damen waren durchgehend sehr geputzt und hätten in ihrem Reiseanzuge in den glänzendsten Gesellschaften erscheinen können. Ganz anders verhielt es sich mit den Männern. Manche waren wohl sehr anständig gekleidet; die meisten aber hatten Jacken an, die nicht selten zerrissen waren, derbe, schmutzige Stiefel über die Beinkleider gezogen und die Hände so außerordentlich plump und verbrannt (eine Sache, die mir selbst bei den best angekleideten Herren häufig auffiel), wie die gemeinsten Bauersleute. Man spielte Karten, man kaute Tabak, selbst Jungen von zehn bis zwölf Jahren thaten dieß; allein man spuckte nicht so herum, wie manche Reisende behaupten. Eine andere Gewohnheit aber, nicht minder häßlich als das Spucken, ist, daß sich die Leute wohl der Sacktücher, aber zuvor ihrer Finger bedienen; ich sah dieß sogar bei elegant gekleideten Herren.
Der gesammten Männerwelt muß ich das Zeugniß geben, daß sie gegen mein Geschlecht, alt oder jung, reich oder ärmlich gekleidet, gleich artig und gefällig war. Die Amerikaner gleichen hierin nicht meinen Landsleuten, und überhaupt nicht den Europäern, die ihre Artigkeit gewöhnlich nur der Jugend, Schönheit und dem Putze widmen.
Bei Tische blieb man nicht lange sitzen und sprach beinahe kein Wort; die Leute verschlangen die Speisen brühheiß und halb ungekaut. Sie gönnten sich keine Zeit, obwohl niemand etwas zu thun hatte; allein es ist nun einmal schon ihre Gewohnheit, alles als Geschäft zu betrachten und alles mit größter Hast und Eile zu verrichten. Getrunken wurde nichts als Wasser. Man sagte mir, daß der Amerikaner es vorziehe, die spirituosen Getränke zu verschiedenen Zeiten des Tages in kleinem Maße zu sich zu nehmen. Auf jeden Fall glaube ich jedoch, daß er hierin dem Engländer nachsteht, denn auch Kaffee und Thee wurde nicht sehr stark und nicht in großen Portionen genossen.
Die Fahrt nach Mary’s Ville währte sehr lange, der Fluß hatte in dieser Jahreszeit wenig Wasser, und wir saßen alle Augenblicke auf Sandbänken auf. Es zeigten sich hie und da einige Hügel, später sogar Gebirgsketten.
Ich hielt sechs Meilen von Mary’s Ville bei der dem General +Sutter+ gehörigen Farm[5] an. Es war 10 Uhr Nachts, als ich an’s Ufer gesetzt wurde. Ich wußte weder Weg noch Steg; doch lag die Farm nicht weit entfernt. An dem Gartenzaune angekommen, stürmte ein halbes Dutzend großer Hunde auf mich ein. Ich verhielt mich ruhig, wohl wissend, daß es so bei dem Gebelle bleibe. Alles lag schon in tiefer Ruhe. Durch den Lärm der Hunde aufgeweckt, kam endlich jemand daher. Man empfing den späten Gast auf die zuvorkommendste Weise.
General Sutter, ein Schweizer von Geburt, hat nicht nur, wie bereits erwähnt, die erste Goldmine entdeckt; er zeichnete sich auch als Soldat in dem letzten Kriege gegen die Mexikaner sehr aus. Er lebt seitdem auf seinen bedeutenden Ländereien.
Sein jüngster Sohn, ein Mann von zweiundzwanzig Jahren, ist schon Oberst bei der Landmiliz. Uns Europäern kommt es sonderbar vor, in Amerika junge Leute so hohe Stellen bekleiden zu sehen. Der Amerikaner sagt: „Wenn junge Leute ihr Fach verstehen, sind sie den älteren vorzuziehen, da sie mehr Thätigkeit, Fleiß und Ausdauer besitzen.“ Man findet in Amerika Männer von sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, die sich als Kaufleute, Advokaten, Schiffskapitaine u. s. w. schon ein schönes Vermögen erworben haben. Freilich fangen sie auch in sehr frühen Jahren zu arbeiten an.
Ich verweilte zwei Tage in der Rock-Farm. Hier wird schon ziemlich viel Getreide und Gemüse gebaut. Der Boden sieht in der trockenen Jahreszeit so unfruchtbar aus (nichts als Sand und Staub), daß man denken sollte, das wenige, was hier wachsen kann müsse mit der größten Sorgfalt gepflegt werden. Man versicherte mich des Gegentheiles. Der Boden wird weder gedüngt noch bewässert, und die Getreidehalme, welche man mir von der letzten Ernte wies, waren groß und überreich an Körnern. Doch muß man auch bedenken, daß der Boden erst vor ein Paar Jahren zum ersten Male aufgebrochen wurde. Wer weiß, wie er sich nach fünfzig Jahren zeigen mag.
Mit Herrn Sutters älterem Sohne, der sich viel mit Botanik beschäftigt, machte ich einen Spaziergang nach einem nahe gelegenen Walde. Ich sah da sehr schöne und sehr verschiedenartige Eichen, an welchen Kalifornien überhaupt reich sein soll, ferner hübsche Schlinggewächse und sehr viele wilde Weinreben, die sich hoch hinauf mit den Bäumen verzweigten. Die Beeren waren klein und nicht sehr süß. Der Boden des Waldes hatte nicht den geringsten Anflug von Gras oder Grün.
Ungefähr zwanzig Meilen von der Rock-Farm entfernt, erhebt sich eine majestätische Gebirgskette, deren höchste Spitze +Chasta+ heißt und 14,000 Fuß hoch sein soll. Vor dieser Kette steigen mitten in der Ebene senkrechte Felswände auf, die man einem riesigen Walle vergleichen könnte. Sie bilden drei Hauptspitzen, welche die „drei Buds“ genannt werden.
Am +7. Oktober+ ließ mich Herr Sutter nach Mary’s Ville führen. Dieses Städtchen liegt am Zusammenflusse des Feather- und Yuba-Flusses. Ein Privatmann ließ hier eine hölzerne Brücke von vielleicht 120 Fuß Länge bauen, deren Ueberschreitung per Pferd oder Stück Hornvieh einen halben Dollar kostet.
Mary’s Ville, später entstanden als Sacramento, enthält bereits 6000 Einwohner, hat schon zwei Zeitungen und ein Theater. Die Waarenlager sind so überfüllt, daß sie den Bedürfnissen einer zehnmal größeren Bevölkerung genügen würden. Es wird wohl viel hiervon nach den Minen gesandt; aber die Mode- und Luxus-Artikel finden doch nur bei den Städtern Absatz.
Kaum in Mary’s Ville angekommen, war ich so glücklich, dem Herrn Baronet +Heinrich Huntley+ zu begegnen, einem Engländer, den ich in San Francisco kennen gelernt hatte. Dieser Herr besitzt Quarz-Goldminen zu +Brown’s-Valley+, nahe der Gebirgskette, 14 Meilen von Mary’s Ville, und ließ daselbst eine Dampfmühle zur Stampfung der Steine bauen. Er war so gefällig, mich auf sein Besitzthum mitzunehmen, um mir die Quarzminen, so wie auch die Goldwäschereien an dem Yuba-Flusse, die 6 Meilen davon entfernt liegen, zu zeigen.
Herr Huntley hat sich in Brown’s-Valley erst vor drei Monaten angesiedelt, zu welcher Zeit der Platz einer Wildniß glich. Jetzt standen schon drei kleine Holzhäuschen, und das Hauptwerk, die Dampf-Stampfmühle, war der Vollendung ziemlich nahe. Die Arbeitsleute wohnten in Zelten umher, und es sah recht belebt aus.
Die ganze Umgebung besteht aus reichhaltigen Goldquarz-Lagern. Das Verfahren in den Minen ist wie in anderen Ländern. Man macht Schachten und Gänge, fördert das Gestein zu Tage, schafft es in die Mühle, stampft es zu Pulver, sondert durch Waschen das Metall von dem Quarzstaube, schmilzt es mit Schwefelsäure und bindet es mit Quecksilber. Herr Huntley war so gefällig, mir die ganze Verfahrungsart im Kleinen zu zeigen. Ein Quarzstein von fünf Pfund lieferte auf diese Weise dreizehn Cents Werth in Gold. Jedermann kann graben; da aber das Anlegen einer Mühle eine etwas bedeutende Summe kostet, verkaufen die Minengräber ihre Steine an Herrn Huntley.
Den folgenden Tag führte man mich nach den großen Goldwäschereien an dem Yuba-Flusse. Das Gold wird hier auf zweierlei Arten gewonnen. Die Goldsucher graben Löcher an Stellen im Flußbette, in welche das Wasser nach einiger Zeit Erde und Schlamm absetzt; bei trockener Jahreszeit zieht es sich etwas zurück. Nun schürft man das Angeschwemmte heraus und sondert das sich vorfindende Gold durch Waschen ab. Die zweite, ungleich großartigere Weise besteht in dem Abdämmen des Flusses. Man baut zu diesem Zwecke mehrere hundert Klafter lange hölzerne Fluder, in welche man den Fluß leitet. Der ganze trocken gelegte Theil des Flußbettes wird dann durchwühlt und das Erdreich gewaschen. Zu allen diesen Unternehmungen verbinden sich die Leute in größeren Gesellschaften und theilen den Gewinn am Ende jeder Woche. Es geht dabei so ordentlich und redlich zu, daß nie ein Streit stattfindet. Jede Gesellschaft wählt ein Haupt, welches mit der Austheilung beauftragt ist. Mit nicht minderer Sicherheit kann der Eigenthümer seinen Schatz ohne Schloß und Riegel in seinem Zelte liegen lassen; er wird nie etwas davon vermissen. Nicht so sicher ging es in der ersten Zeit zu. Da wurde gestohlen und gemordet. Die Goldsucher sahen sich gezwungen, der Justiz vorzugreifen und selbst Ordnung zu schaffen. Sie hingen Diebe wie Mörder ohne Umstände auf, und dieses Mittel war probat.
Wer nicht selbst arbeiten will, findet Leute, die sich verdingen. Viele ziehen einen gewissen Lohn dem ungewissen Gewinne vor; sie erhalten sechs bis acht Dollars per Tag.
Jedermann und jede Gesellschaft kann einen freien Platz zum Goldsuchen auswählen; nur muß mit der Arbeit spätestens vierzehn Tage nach der Besitznahme angefangen werden. Wird dieser Zeitpunkt versäumt, so ist das Recht auf den Platz verloren, und jeder andere Liebhaber kann sich darauf niederlassen.
Wenn jemand nur mit einiger Wahrscheinlichkeit anzugeben vermag, daß auf dieser oder jener Stelle Gold zu finden sei, selbst auf Plätzen, wo Häuser stehen, so muß sie der Besitzer gegen Schadenersatz dem Minengräber überlassen. Dieselben Gesetze bestehen auch in Chili und Peru.
Es wurde an dem Flusse ungemein viel gearbeitet, und die Ufer sahen sehr belebt aus. Gegen fünftausend Menschen waren auf einer Strecke von höchstens drei bis fünf Meilen Länge beschäftigt. Zeltdörfer reihten sich an Zeltdörfer; die Leute können sich keine Holzhütten bauen, da sie, so wie eine Stelle ausgebeutet ist, zu einer anderen ziehen. Die verschiedenen Nationen halten sich in Arbeit und Wohnung meistens zusammen, so die Deutschen, die Amerikaner, die Chinesen u. s. w.
Unter den Goldsuchern gibt es im Verhältniß nur wenige, die ein Vermögen zusammenbringen. Sie können nur acht Monate im Jahre arbeiten, bis zu dem Eintritte der Regenzeit. Die Arbeit ist sehr beschwerlich, die Leute müssen den ganzen Tag im Wasser stehen, und während der Dauer ihrer Arbeiten muß jeder auch der geringsten Annehmlichkeit und Erholung des Lebens entsagen. Gehen sie dann während der vier Monate in irgend eine Stadt, so leben sie da wie die Matrosen, die nach einer langen Seereise das Land betreten. Systematisch angelegte Verführungen lauern von allen Seiten auf sie, der Schwindel der Unterhaltung ergreift die Unglücklichen, und wenn sie aus dem Taumel erwachen, ist nur zu oft der schwer erworbene Gewinn verschwunden. Arm, wie das erste Mal, als sie von der Heimath kamen, aber geschwächt an Körper und Seele durch das wüste Leben in der Stadt, müssen sie nach der harten Arbeit zurückkehren, und glücklich noch derjenige, den die gemachte Erfahrung vor Wiederholung bewahrt!
Die Gegend um Brown’s-Valley wie um den Yuba-Fluß gehört zu den waldigen und gebirgigen. Die Wälder sind aber sehr licht, alle vierzig bis sechzig Schritte steht ein Baum, meistens Eichen. Untergebüsch, Schlingpflanzen gibt es gar nicht; der Boden besteht aus Staub und kleinen Steinen.
Nach einigen Tagen verließ ich diese Gegend und ging wieder nach Mary’s Ville zurück. In dem letzteren Landstriche ist es viel wärmer als in und um San Francisco, obwohl jener nicht bedeutend viel südlicher liegt. Ich war hier abermals so unglücklich, einen Anfall von dem hartnäckigen Sumatrafieber zu bekommen.
In Mary’s Ville fand ich einen Landsmann, einen Wiener, Herrn +Rogler+. Unsere beiderseitige Freude, von der lieben Heimath sprechen zu können, war so groß, daß mir der gute Mann einen ganzen Tag schenkte und mich an alle Orte begleitete, wo es etwas zu sehen gab.
Am meisten interessirten mich hier die Eingebornen, die noch reine Indianer sind und sich vor jeder Vermischung mit Spanischem Blute bewahrt haben. Diese sogenannten „Wilden“ vermindern sich von Jahr zu Jahr und werden überall von den harten Weißen verdrängt. Vor einigen Jahren lebten noch mehr als sechzig Familien bei Mary’s Ville, jetzt sind sie bis auf zwanzig zusammen geschmolzen[6].
Ich fand diese Indianer noch viel häßlicher als die Malaien. Ihr Wuchs ist klein und gedrungen. Sie haben besonders kurze Hälse und plumpe Köpfe. Die Stirn ist niedrig, das Nasenbein wenig erhoben, die Nasenflügel breit, die Augen schmal gespalten, wenig Intelligenz ausdrückend, die Backenknochen breit, der Mund groß; die Zähne, zwar weiß, stehen selten in schönen Reihen. Die kurzen, dichten und straff um den Kopf herab hängenden Haare sehen gerade wie eine Pelzmütze aus. Die Farbe derselben ist braun, nicht selten lichter und dunkler auf einem und demselben Kopfe; sie pflegen sie wenig und scheinen sie mit keinem Fette zu schmieren. Kinder von vier bis sechs Wochen hatten schon einen ganzen Wald von Haaren auf dem Kopfe. Ihre Hautfarbe ist schmutzig gelbbräunlich; die Weiber sind sehr zum Fettwerden geneigt. Männer wie Weiber haben die Ohrläppchen sehr weit durchstochen und tragen lange, runde, fingerdicke Rollen darin, die mit Zeichnungen oder Glasperlen verziert sind. Sie schmücken sich außerdem mit Glasperlen, Knöpfen, Federn und allem, was sie von den Weißen erhalten können. Die Weiber waren am Kinn ganz wenig tätowirt. Ursprünglich gingen die Männer ganz nackt, die Weiber trugen blos eine fußlange Schürze um die Mitte des Leibes; seit sich jedoch die Weißen hier niedergelassen haben, lesen die Indianer die weggeworfenen Kleidungsstücke, Wäsche, Stiefel u. s. w., von den Straßen auf und bedecken ihren Körper damit oft auf die lächerlichste Weise.
In Bildung und Lebensweise stehen diese Menschen sehr tief. Sie treiben weder Ackerbau noch Viehzucht noch Jagd, nichts als etwas Fischfang. Zu ihren Wohnungen graben sie runde, fünfzehn bis zwanzig Fuß breite, zwei Fuß tiefe Löcher in die Erde, über die sie ein zeltförmiges Dach von Holzwerk und Erdreich legen. Die Thüre ist ein kleines Loch, durch welches man auf Händen und Füßen kriechen muß; eine noch kleinere Oeffnung an der Spitze des Daches läßt den Rauch durchziehen. Sie haben weder Matten noch Geschirre und verstehen nichts als Körbe zu flechten. In dieser Kunst sind sie wahre Meister, wissen die Körbe vollkommen wasserdicht zu flechten und kochen sogar ihre Fische darin. Sie flechten große, um den Vorrath von getrockneten Fischen zu bewahren, kleinere, um Wasser zu holen, und ganz kleine, die ihnen zur Bedeckung des Kopfes dienen.
Es war gegen Abend, als ich diesen Stamm besuchte. Die Leute saßen vor ihren Höhlen an kleinen Feuern und bereiteten und verzehrten ihr Abendessen, das aus gebratenen Fischen und Eichelbrot bestand. Letzteres war fest, schwer, sehr feucht, hatte die Farbe der Chocolade und einen etwas bitteren Geschmack. Sie zerstampfen hiezu die getrockneten Eicheln zu Pulver und verfertigen daraus das Brot ohne sonstige Beimischung als Wasser. Außer Fischen und Eicheln essen sie so ziemlich alles, was sie bekommen können. Eidechsen, Heuschrecken, Frösche, Käfer u. s. w. sind Leckerbissen für sie.