Chapter 3 of 11 · 3836 words · ~19 min read

Part 3

Ich sah unter diesem Völkchen leider sehr viele Fieberkranke, auch eine Irrsinnige und auffallend wenig Kinder. Die Indianer, die in der Nähe der Weißen bleiben, sterben noch ungleich schneller aus, als jene, die in das Innere der Wälder fliehen. Erstere erhalten von den Weißen als Tauschmittel für Fische häufig Branntwein, der Gift für sie ist, und, wie man schon bemerkt hat, sie erkranken und selbst sterben macht. Ein zweites, noch größeres Unglück sind für sie die Blattern, eine Krankheit, die durch die Weißen eingeschleppt wurde, und an der die Eingebornen sehr häufig sterben.

Ihre Armuth an Kindern rührt hauptsächlich davon her, daß sie sich gemeiniglich nur in ihrem eigenen Stamme verheirathen; sie sind oft ganz verschwistert und verwandt unter einander. Ihre Sitten sollen gut sein. Keine Indianerin wird freiwillig mit einem Weißen umgehen; sie würde von ihrem Stamme verstoßen oder wohl gar getödtet. Will ein Weißer ein Verhältniß mit einer Eingebornen eingehen, so muß er den Häuptling durch Geschenke zur Bewilligung zu gewinnen suchen.

Eine recht malerische Gruppe bildeten die drei Aeltesten des Volkes. Sie hatten einige Europäische Kleidungsstücke an, einen reichen Federschmuck auf den Häuptern und saßen ruhig und ernst auf der Spitze einer ihrer Erdhöhlen. Es schien, als betrachteten sie in ihrem einfachen Naturverstande das rastlose Treiben der nahe wohnenden weißen Fremdlinge nicht mit Erstaunen und Bewunderung, sondern mit Verachtung und Geringschätzung. Ich werde die Blicke nie vergessen, welche diese drei Männer auf mich und meinen Begleiter warfen; als letzterer sie ansprach, würdigten sie ihn kaum einer Antwort.

Von dem Werthe des Goldes haben die Leute noch keinen Begriff: die kleinste wie die größte Summe ist bei ihnen 5 Dollars. Ich wollte eine von den Rollen kaufen, die sie durch das Ohr stecken, so wie eines der wasserdichten Körbchen; sie verlangten für den einen wie für den andern Gegenstand 5 Dollars.

Abends besuchte ich auch in Mary’s Ville die Spiel-, Tanz- und anderen öffentlichen Unterhaltungs-Häuser. Ich kann von ihnen nur wiederholen, was ich von jenen in San Francisco geschrieben habe: sie sind Kopien in kleinerem Style. Ich möchte wohl behaupten, daß in der kurzen Zeit, seit der Weiße nach Kalifornien kam, viel mehr Verbrechen und Laster begangen wurden, als in den Hunderten von Jahren, während der das Land nur von Eingebornen bewohnt war.

Nach San Francisco zurück ging ich denselben Weg über Sacramento. Die Ufer des Flusses Sacramento werden von den Amerikanern als bezaubernd schön und üppig geschildert. Auf der Herreise konnte ich nicht viel sehen, ich machte sie bei Nacht. Mit großer Erwartung begab ich mich daher auf die Rückreise, bei welcher mich der hellste Tag, das glänzendste Sonnenlicht begünstigten. Ich bemühte mich aber vergebens, die schönen Landschaften zu erblicken, die von Hunderten und Tausenden bewundert werden. Die Ufer waren wohl von einer Reihe von Bäumen und von Gebüschen umsäumt; allein wenige Schritte nach dem Innern zu hörte die Vegetation auf, und der Blick verlor sich auf der sandigen, staubigen Ebene. Und selbst die Bäume, meistens Eichen, Weiden und Eschen, konnte man nicht schön nennen: sie hatten zwar zum Theil dicke Stämme und umfangsreiche Kronen und Aeste, welch letztere sich mitunter weit über das Wasser neigten; allein das Laubwerk war sehr klein, schmal und von schmutzig dunkelgrüner Farbe. Nur Leute, die beständig in der nackten, baumleeren, sandigen Gegend von San Francisco leben, können so viel Wesen aus diesen armseligen Ufern machen.

[1] Unter „Amerikaner“ versteht man nur die Bewohner der Vereinigten Staaten; die übrigen Völker Amerika’s werden bei ihren Völkernamen genannt, wie: Mexikaner, Brasilianer u. s. f.

[2] Die Einfuhr von Gütern jeder Art ist für eine Bevölkerung von wenigstens einer Million, während in Kalifornien kaum 300,000 Seelen leben mögen.

[3] Es gibt Fahrstraßen in der Nähe der Stadt, die meilenlang mit Brettern belegt sind.

[4] Das sogenannte Lynch-Gericht, auch in den Vereinigten Staaten, besonders in früheren Zeiten, von dem Volke häufig ausgeübt.

[5] Farm heißt jeder Landsitz, groß oder klein.

[6] Nahe der Farm des General Sutter lebten, wie er mir selbst erzählte, vor zwei Jahren über zweihundert Eingeborne in einem großen Wig-wam (Dorf), jetzt sind sie bis auf einige dreißig ausgestorben.

Vierzehntes Kapitel.

Crescent-City. -- Ausflug zu den Rogue-river-Indianern.-- Ein Nachtlager im Wig-wam. -- Gefährliche Lage meines Reisegefährten. -- Rachsucht der Indianer. -- San José. -- Acapulco. -- Panama.

Mein zweiter Ausflug galt, wie bereits gesagt, dem neu angelegten Städtchen +Crescent-City+, nördlich, nahe an der Grenze von Oregon, und den +Rogue-river-Indianern+.

Die Entfernung nach Crescent-City beträgt nur 300 Meilen; der Preis der Ueberfahrt 50 Thaler. Die Amerikaner sind aber mit freien Ueberfahrten nicht so karg wie die Engländer. Ich hatte oft nur nöthig, meinen Namen zu nennen, und man gab mir freie Fahrten, so auch hier zur Hin- und Rückreise für Crescent-City.

Am +3. November+ begab ich mich an Bord des Dampfers „Thomas Hunt.“

Wir liefen stets nahe der Küste, die meistens aus spitzen, steil abfallenden Hügeln besteht, welche lange Ketten bilden und wenig geeignete Plätze zu Ansiedelungen bieten. Es sah auch alles unbewohnt aus. Die Berge und Hügel sind stellenweise mit dünnen Nadelwaldungen bedeckt; doch ist die Sandregion noch vorherrschend. Wir kamen durch die +Humboldts-Bay+.

Am +5. November+ früh Morgens lenkten wir in die Bucht oder den Hafen von +Trinidad+. Diese Bucht ist ausnehmend klein und niedlich; ich glaube kaum, daß sie eine Viertelmeile im Durchmesser hat. Sie ist von fünfzig bis sechzig Fuß hohen, steilen Felshügeln umfaßt, die Oeffnung gerade hinlänglich, daß ein Schiff einlaufen kann. In der Mitte erhebt sich ein hoher, schwarzer Fels, der den kärglichen Raum noch mehr beengt. Man könnte die ganze Bildung dieses Beckens für einen ausgebrannten Krater halten. Von dem Städtchen sieht man einige Dutzend hölzerne Häuser an den Säumen der Hügel. Ein schöner Nadelwald im Hintergrunde schließt das Miniaturgemälde.

Das Städtchen Trinidad entstand vor zwei Jahren, geht aber jetzt schon dem Untergange zu. Der Handel nimmt keinen Aufschwung, wie man bei der Errichtung geglaubt hatte, und Ackerbau wird noch nicht betrieben. Viele der Ansiedler sind wieder hinweg gegangen.

Von Trinidad an werden die Hügelreihen an der Küste niedriger, weniger steil und dichter mit Nadelwaldungen bedeckt.

Unter heftigem Regen, stark bewegter See langten wir Nachmittags vor Crescent-City an. Eine schwere Aufgabe war es, an das Land zu kommen, da die Rhede sehr unsicher und jedem Winde oder Sturme ausgesetzt ist. Von April bis November bietet sie zwar einigen Schutz gegen die vorherrschenden Nordwinde; aber in den Wintermonaten ist sie den Winden ganz Preis gegeben.

Die Lage des Städtchens ist überaus idyllisch. Die hölzernen Häuschen stehen zum Theil in einer Reihe an dem Saume des Meergestades; andere liegen zwischen Bäumen zerstreut umher. Das Ganze wird von hohen Nadelwaldungen überschattet. Gegen Südwesten steigen reichbewaldete Berge auf, auch an schönen Ebenen fehlt es nicht, und in der See liegen viele reizende Gruppen kleiner Eilande und Felsparthieen, von welchen manche nackt, andere bewaldet sind.

Crescent-City wurde erst in diesem Jahre, im Monat Februar, angelegt. Der Wald mußte gelichtet und ein Blockhaus errichtet werden, denn rund umher gab es noch viele Indianer-Stämme. Im Monat August standen bereits neunzig Häuser, zwanzig Magazine waren eröffnet, mehrere Hotels errichtet. Der Handel nach den Minen, die an dem Smith’s-Flusse liegen, war schon in vollem Gange. Täglich sah ich viele Maulthiere mit Lebensmitteln und andern Gütern von hier beladen dahin abgehen. Wenn es sich bewährt, daß von diesem Punkte aus der sicherste und beste Verkehr nach dem Innern geht, so wird sich dieser Ort wunderschnell erheben. Aber auch zu Trinidad siedelten sich die Leute in dieser Hoffnung an, die sich dann nicht bewährte. Die Theuerung ist hier noch weit größer als in San Francisco, von woher alles zugeführt wird.

Herr +Grubler+, ein Schweizer von Geburt, war so gefällig, mich in seinem Hause aufzunehmen. Dieser Mann gehörte unter die ersten Ansiedler und erbaute das Blockhaus. Er ist auch Präsident und hauptsächlicher Gründer eines sehr nützlichen und lobenswerthen Vereins zur Bildung angehender Redner. Die Mitglieder versammeln sich alle Wochen einen Abend in dem Schulsaale; es werden politische Fragen gegeben, erdichtete Prozesse, so wie auch Novellen und Gedichte vorgetragen, und in dieser Weise bieten diese Abende der ganzen Gesellschaft eine lehrreiche Unterhaltung.

Ich war über die guten, fließenden Vorträge um so mehr erstaunt, als die meisten der Sprecher wie Matrosen oder Minenarbeiter aussahen. Sie hatten Jacken, rothe Wollhemden und dergleichen an. Auch das schöne Geschlecht erschien in ganz einfachen kattunenen Hauskleidern. Der Schulsaal sah ebenfalls nicht sehr elegant aus und ließ leider den rauhen Wind von allen Seiten dergestalt ein, daß man die Unschlittkerzen kaum vor dem Erlöschen bewahren konnte. Wie bald wird dieß alles vielleicht umgeschaffen sein und Pracht und Luxus die ländliche Einfachheit verdrängen! Werden sich die Leute dann wohl besser unterhalten?

Obgleich Crescent-City nur vier Grad nördlicher liegt als San Francisco, äußert sich in Witterung und Temperatur ein viel mächtigerer Unterschied als man vermuthen sollte. Dicke Nebelwolken verhüllten die ganze Gegend, es regnete häufig und schwer, und eine sehr empfindliche Kälte machte sich fühlbar.

Der Hauptzweck meiner Reise hierher war, die Indianer zu besuchen, welche in diesem Theile Kaliforniens noch in ziemlicher Anzahl zu finden sind. Seit sich die Weißen hier niederließen, haben sie sich jedoch etwas mehr in das Innere des Landes zurückgezogen, und man muß, will man größere Wig-wams sehen, wenigstens zehn bis zwanzig Meilen weit gehen.

Ein halbes Dutzend Indianische Familien waren noch in der Nähe des Städtchens angesiedelt. Ich fand sie wie jene bei Mary’s Ville. Nichts erschien mir komischer, als die sonderbaren Anzüge, denn auch hier lasen sie alle von den Weißen weggeworfenen Kleidungsstücke auf. So sah ich einen Indianer, welcher ein Beinkleid, eine sehr schadhafte Mantille und einen zerknitterten Frauenhut trug. Ein anderer hatte weiter nichts als einen Frack an, den er nach eigenem Geschmacke auf der Rückseite ganz mit Glasperlen benäht hatte. Ein dritter trug wieder nur eine Weste, dazu einen alten Männerhut, in welchen er oben ein Loch geschnitten und viele Vogelfedern aufgesteckt hatte. Eben so geschmackvoll waren die Weiber gekleidet.

Um weiter in das Land bis zu den Rogue-River-Indianern am Smith-Flusse vorzudringen, muß man, wie mir die Leute hier versicherten, in bewaffneter Gesellschaft gehen, da diese Indianer sehr wild und hinterlistig sind. Man versprach mir, acht oder zehn Herren zusammen zu bringen, die mich dahin begleiten sollten; allein es fanden sich nicht so viele, und eine geringere Anzahl wollte den Gang nicht wagen.

Glücklicher Weise hörte ein Deutscher Matrose, Karl Braun, der sich vor einigen Monaten hier niedergelassen hatte, von meinem Wunsche. Er war so gut, zu mir zu kommen, um mir zu sagen, daß er Willens sei, zu jenen Indianern zu gehen. Er sei viel mit Indianern in Verbindung, von welchen er Fische gegen Glasperlen eintauschte, und verstehe ihre Sprache. Wenn ich es wagen wolle, könne ich ihn begleiten. Ich war über diesen unerwarteten Zufall sehr erfreut; die Reise ward beschlossen und, sobald der Regen aufgehört hatte, auch angetreten.

Wir gingen am ersten Tage, +7. November+, ungefähr sechzehn Meilen, meistens an dem Seegestade, in tiefem Sande oder über Steine. Durch die Waldungen waren die Wege gut. Gegen Nachmittag wandten wir uns dem Innern zu und gelangten sehr bald an den Smith-Fluß, dessen Ufer ebenfalls aus Sand bestanden; doch kaum eine halbe Meile in das Land hinein fingen schon herrliche Nadelwaldungen an. Die Bäume waren sehr hoch und schlank, sie liefern das vorzüglichste Bauholz. Von Schlinggewächsen sah ich wenig, dagegen gab es dichtes Untergebüsch, unter welchem die Brombeer- und Heidelbeer-Staude und andere Waldbeeren. Die Heidelbeer-Staude wächst hier viel höher als bei uns in Europa; sie erreicht eine Höhe von vier Fuß.

Wir kamen an mehreren Wig-wams vorüber, hielten aber nur kurz an, um wo möglich vor einbrechendem Regen, der in unfreundlichen Wolken über uns schwebte, das Nachtlager zu erreichen. Die Wig-wams waren klein, sie bestanden höchstens aus sechs bis acht Hütten oder Höhlen, jenen bei Mary’s Ville gleich, nur daß das hölzerne Dachgerippe statt mit Erde hier mit Blättern und Aesten überdeckt war.

Den Smith-Fluß übersetzten wir in einem ausgehöhlten Baumstamme, statt der Ruder bedienten sich die Leute ganz schmaler Brettchen.

Je weiter wir uns von den Niederlassungen der Weißen entfernten, desto weniger fanden wir die Leute bekleidet, endlich ganz im Naturzustande. Nur die Weiber trugen um die Hüften eine kurze bauschige Schürze, die aus Grasfasern oder aus Elenthierfell verfertigt war. Das Fell wird in sehr feine Streifen geschnitten und nur oben in einer Breite von drei Zoll ganz gelassen. Sie schlagen es zwei Mal um die Mitte, es sieht aus wie ein recht zottiger Pelz. Dergleichen Schürzen sah ich schon an den kleinsten Mädchen, wenn sie noch kaum gehen konnten. Von den Häuptlingen trug hie und da einer ein Thierfell um die Achsel geworfen.

Gegen Abend erreichten wir ein großes Wig-wam, dessen Bewohner sich „Hüna-Indianer“ nannten. Mein Begleiter war bisher auf seinen Wanderungen nicht so weit gekommen; er kannte aber dennoch einen jungen Mann unter ihnen, mit dem er in andern Wig-wams zusammen getroffen war und Fische gegen Glasperlen umgetauscht hatte. Wir beschlossen, hier die Nacht zuzubringen. Es fing wieder an zu regnen, die Kälte wurde unleidlich, und ich mußte daher noch froh sein, ein Plätzchen in solch einem Erdloche mitten unter den ekelhaften, nackten Eingebornen zu finden. Wir lagerten uns an das Feuer, welches in der Mitte der Hütte lustig loderte und um das bereits ein halbes Dutzend Indianer hockten. Bald füllte sich die Hütte so mit Neugierigen, daß die Hitze, die Ausdünstung zum Ersticken wurde. Ging ich halb verzweifelnd in’s Freie, so hatte ich noch mehr zu leiden, nicht nur von der Kälte und dem Regen, sondern von den Bewohnern des ganzen Wig-wams, die sich so um mich drängten, daß ich wie in einem festen Kreise eingeschlossen war und mich kaum bewegen konnte. Sie zogen mich hin und her, sie befühlten jedes meiner Kleidungsstücke vom Hute bis zum Schuhe. Ja ein Mal schleppten sie mich sogar ein Stück weit in den Wald hinein zu entfernten Hütten; nur mit Mühe kam ich wieder unter das Dach meines Wirthes.

Mein Reisegefährte hatte Zucker, Kaffee und Brod bei sich, ich führte ein Stückchen Käse und Brod mit. Der Matrose kochte einen ganzen kleinen Kessel (er trug einen solchen von Weißblech mit sich) voll Kaffee, aber so schwach, daß das Wasser blos einen leichten Anflug von brauner Farbe bekam; nichtsdestoweniger fanden die Indianer dieses heiße, bräunliche Wasser so köstlich, daß der Kessel bald geleert war und eine zweite Auflage erfolgte, denn sie sahen, daß der Matrose noch ein solches braunes Pulver hatte, und jeder wollte davon haben. Sie griffen darnach, um es zu essen, und eher war keine Ruhe, bis alles verzehrt war. Mein Führer konnte nichts von seinen Lebensmitteln für den folgenden Morgen retten. Den Zucker warfen sie nicht in den Kaffee; sie aßen ihn mit größter Begierde, eben so das Brod. Nach diesem Mahle begannen sie ihre Kocherei. Sie brachten große, schöne Lachse herbei, an welchen die Flüsse Kaliforniens überreich sind. Die Köpfe und Schwänze wurden abgehauen, die Körper aufgeschlitzt mit Hölzchen ausgespannt, an größere Hölzer gesteckt und am Feuer gebraten. Aus den Köpfen und Schwänzen bereiteten sie eine Art Suppe. Sie füllten ein Körbchen mit Wasser und warfen glühende Steine hinein, die sie fortwährend durch frische ersetzten; als das Wasser hoch aufbrodelte, warfen sie die Köpfe und Schwänze hinein und ließen sie einige Zeit kochen. Dieses Verfahren erforderte sehr wenig Zeit, weniger als das an unsern Sparheerden. Die Suppe sah gräulich und dick aus, denn mit den Steinen kam mitunter auch eine Portion Asche in das Körbchen; das nahmen die Leute aber nicht so genau. Sie langten die Suppe mit Muscheln heraus und tranken sie. Die gebratenen Fische rissen sie mit den Händen in Stücke und legten sie auf flache Körbchen, die ihnen als Teller dienten. Hierauf rösteten sie Eicheln in der heißen Asche. Diese, nebst dünnen, langen Graswurzeln, dienten als Dessert. Die Wurzeln wurden nicht nur roh, sondern ungewaschen, mit der daran klebenden Erde genossen. Sie schmeckten ungemein zart und fein; man konnte sie mit der Zunge zerdrücken. Dieses Mahl wäre hinlänglich reich und auch schmackhaft gewesen, hätten ihm nicht zwei Hauptwürzen gefehlt: Reinlichkeit und Salz -- beide sind diesen Menschen unbekannt.

Nach dem Essen bemalten sich die Männer und Jünglinge das Gesicht ganz abscheulich mit brauner, rother, blauer oder schwarzer Farbe. Sie bestrichen sich das Gesicht zuerst mit Fischfett, dann rieben sie mit den Händen die Farbe ein, und um verschiedene Zeichnungen hervor zu bringen, fuhren sie hie und da mit dem Finger über die bemalte Stelle, wodurch die Farbe verschwand. Daß dadurch ihre angeborne Häßlichkeit noch um vieles widerlicher wurde, bedarf wohl keiner Erwähnung. Nach dieser Operation fingen sie zu singen an. Ihre Gesänge fand ich melodischer und besser vorgetragen, als ich es bei einem so rohen Volke vermuthet hätte. Die Unterhaltung währte bis tief in die Nacht. Man war dann doch so galant, mir eine der Höhlen insofern zu überlassen, als sich die Männer entfernten und nur die Weiber bei mir blieben. Eine derselben legte sich so knapp an meine Seite, daß ich mich kaum umwenden konnte. Auf der andere Seite standen große Körbe voll geräucherter Fische, über unsern Köpfen hingen die zu räuchernden, man kann sich daher das angenehme Nachtlager auf dem kalten Boden ohne Polster und Decke vorstellen.

Ich hatte an dem Mahle wenig Theil genommen, da ich beabsichtigte, mich Nachts, wenn alles schliefe, mit einem Stückchen Käse und Brod schadlos zu halten. So lange die Leute wach waren, wagte ich es nicht, diese Kleinodien aus der Tasche zu ziehen; jeder hätte davon kosten wollen, und am Ende wäre für mich selbst nichts übrig geblieben. Als ich die Weiber schlafen, d. h. schnarchen hörte, richtete ich mich ein wenig auf und zog meinen Schatz behutsam hervor; allein der Schlaf meiner Nachbarin war entweder sehr leise oder Verstellung: sie erwachte sogleich, frug mich, was ich thue und bedeutete mir, daß ich mich niederlegen und nicht rühren solle. Sie schürte das Feuer an, bis ich mich wieder auf die Erde hingestreckt und schlafend gestellt hatte, und legte sich dann abermals an meine Seite. Vermuthlich hatte man Mißtrauen gegen mich.

Am Morgen fing das Leben und Treiben schon vor Tagesanbruch an. Es wurde reichlich gekocht und tapfer gespeist. Die Zeit während des Kochens benutzte ich, mit einem Indianer auf den Fischfang zu gehen. Er nahm eine zwanzig Fuß lange Stange mit, an welcher ein Speer aus Knochen mittelst einer langen Schnur befestigt war. Sobald er den Speer geworfen hatte, ließ er die Stange, je nach der Kraft und Größe des Fisches, entweder in das Wasser fallen oder er behielt sie in der Hand. Er warf den Speer, ohne je zu fehlen. Die Schnur war von den Gedärmen des Elenthieres ausnehmend schön gearbeitet und glich einer starken Musiksaite.

+8. November.+ Nach dem Frühstücke setzten wir unsere Reise fort. Wir gingen auch heute sechzehn bis achtzehn Meilen stets durch herrliche Waldungen. Schon nach einigen Meilen betraten wir das Oregon-Gebiet und stießen bald auf Stämme der Rogue-River-Indianer. Wir kehrten in mehreren ihrer Wig-wams ein; mein Begleiter suchte Fische einzutauschen; er hatte bisher noch keine bekommen.

Ich kroch heute wie gestern in viele der Höhlen, um der Leute Thun und Treiben zu beobachten.

Die Indianer im Norden Kaliforniens und besonders in dieser Gegend stehen auf der tiefsten Stufe der Bildung; sie sollen gar keine Begriffe einer Religion, keine Ahnung eines künftigen Lebens haben. In manchen Wig-wams findet man eine Art Zauber- oder Wundermann, der die Krankheiten heilen, bei Diebstählen die Diebe ausfindig machen und die Orte angeben soll, wo die gestohlenen Sachen verborgen liegen.

Die Indianer von Kalifornien und Oregon skalpiren nicht und machen keine Gefangenen; sie tödten die Männer, doch nie die Weiber. Kommt zufällig während ihrer Kämpfe ein Weib, ein Kind in die Schußweite der Pfeile, so schreien sie ihnen zu, sich zu entfernen, da sie nur gegen Männer und nicht gegen Wehrlose kämpfen wollen.

Ich fand die Leute hier ein weniges größer und stärker als im südlichen Kalifornien, doch nicht hübscher. Unter den Weibern, die nicht nur am Kinn, sondern auch an den Händen und Armen etwas tätowirt waren, gab es sehr fette, überaus plumpe Gestalten. Die Haare trugen Männer, Weiber wie Mädchen in langen Wülsten. Da sie Kämme nicht kennen, fahren sie sich mit den Händen durch die Haare, streichen sie glatt, drehen sie auf jeder Seite des Kopfes zusammen und umwickeln sie mit einem Streifen Thierfell oder sonst einem Lappen. Die Mädchen tragen dieselben Haarwülste, nur haben sie die Haare vorn etwas abgeschnitten; die Männer tragen nur eine Haarwulst im Nacken. Durch die Ohrläppchen stecken sie runde Holz- oder Messingscheiben, die Männer und Knaben hängen auch verschiedene Zierathen von Perlen an den unteren Nasenknorpel. Beide Geschlechter schmücken sich leidenschaftlich gern mit Glasperlen und Vogelfedern. An Waffen besitzen sie blos Bogen und Pfeile, seit sich die Weißen überall niederlassen, auch Messer. Die Elenthiere fangen sie in Schlingen.

Sie sind überaus unrein, suchen sich gegenseitig das Ungeziefer vom Kopfe und geben jeden Fund gewissenhaft dem Eigenthümer, der ihn gierig verspeist. Die Männer gehen zwar häufig Morgens in den Fluß; aber sie tauchen nur ein Mal und kommen, gleich den Malaien, eben so schmutzig von dem Bade zurück, als sie hingegangen sind. Dennoch sah ich unter diesem Volke bei weitem nicht so viele Hautkrankheiten wie bei den Malaien oder Dayakern. Dieß ist meiner Meinung nach den Schwitzbädern zuzuschreiben, die sie häufig gebrauchen und deren jeder Wig-wam wenigstens eins besitzt. Diese Schwitzbäder bestehen in Erdhöhlen, ähnlich ihren Wohnplätzen, aber kleiner. Sie schließen den Zugang, machen ein tüchtiges Feuer an und bleiben so lange darin hocken, bis sie recht in Schweiß gerathen.

Auch bei allen diesen Stämmen, die ich sah, gab es auffallend wenig Kinder, obwohl die Leute gesund und kräftig aussahen. Die kleinen Kinder werden in schmale, längliche Körbchen, die mit einem Deckel versehen sind, gebunden und so von den Müttern auf dem Rücken getragen. Diese Last hindert die Frauen nicht, alle Arbeit zu verrichten, die ihnen, wie bei den meisten rohen Völkern, größtentheils zufällt, aber sehr gering ist. Sie haben zu kochen, Körbe zu flechten und Eicheln zu sammeln. Letzteres Geschäft ist das beschwerlichste; sie müssen oft viele Meilen danach gehen und große Lasten heimschleppen, denn wenn der Mann auch mitgeht, trägt er doch gar keine, oder höchstens eine kleine Last.

In vielen Hütten traf ich die Männer spielend. Sie saßen im Kreise um ein kleines Feuer und hielten feine, kleine Stäbchen in den Händen, von welchen die meisten weiß, einige wenige schwarz waren. Jeder warf seine Stäbchen derart vor sich hin, daß die schwarzen alle weit aus dem Kreise der weißen flogen. Er faßte sie hierauf wieder zusammen, gab sie hinter dem Rücken von der linken in die rechte Hand und begann das Werfen von neuem. Es gab viele Zuschauer und auch zwei Musikanten, welche getrocknete Krebsscheeren auf ein Stöckchen gefaßt hatten und damit an ein Brettchen schlugen. Ein anderes Spiel ist eine Art Errathen mittelst Lehmkügelchen. Sie spielen um Muschelgeld, das einzige, welches sie kennen und das Werth bei ihnen hat. Mit diesem kaufen sie auch ihre Weiber. Wenn sie spielen, geschieht dieß gewöhnlich in der Häuptlings-Hütte. Die Weiber sind für die Dauer des Spieles aus der Hütte gebannt. Ihre Leidenschaft für das Spiel ist so stark, daß sie es Tage und Nächte fortsetzen. Diese unglückselige Beschäftigung war Ursache, daß mein armer Gefährte auch hier keine Fische bekommen konnte.