Chapter 4 of 11 · 3966 words · ~20 min read

Part 4

In einem der Wig-wams blieben wir über Nacht. Ich schlief wieder in einer Hütte mit mehreren Weibern. Meinem Gefährten wäre es aber diese Nacht beinahe sehr schlecht ergangen: er war nahe daran, ermordet zu werden. Eine Ahnung, wie er mir am folgenden Morgen sagte, flüsterte ihm zu, vorsichtig zu sein, er traute den Leuten nicht und hatte sich eine Hütte ausgebeten, um allein zu schlafen. Das Gefühl der Unsicherheit ließ ihn nur leicht schlummern, und das war sein Glück, denn gegen die Mitte der Nacht hörte er in den Zweigen, mit welchen er den Eingang der Höhle vermacht hatte, ein leises Knistern und Rauschen, und als er hin blickte, war schon ein Indianer auf Händen und Füßen in die Hütte gekrochen, eben im Begriffe sich aufzurichten und ein Messer zu zücken. Der Matrose sprang sogleich auf, hielt ihm eine Pistole entgegen und drohte ihn niederzuschießen; der Indianer zog sich zurück, vorgebend, daß er nur gekommen sei, nachzusehen, ob der Fremde genug Holz zum Unterhalte des Feuers hätte.

Man schildert die Indianer als falsch, hinterlistig, rachsüchtig und feig, und sagt, daß sie die Weißen nur dann zu tödten suchen, wenn sie selbe einzeln finden. Wie können sich aber diese armen Menschen gegen die wohlbewaffneten Weißen, gegen diese übermüthige Raçe, von der sie so viel Unbill erleiden, anders rächen? Rache liegt nun einmal in der Natur des Menschen. Was würde wohl der Weiße thun, wenn man so mit ihm verführe, wie er mit dem armen Wilden? Auf dieser kleinen Strecke Landes, die ich durchwanderte, sah ich mehrere zerstörte, abgebrannte Wig-wams, aus welchen die Indianer von den weißen Ansiedlern mit Gewalt vertrieben worden waren, weil sie nicht freiwillig von ihrem heimatlichen Boden wichen. Die Weißen verführen ihre Weiber und Töchter, und wo ihnen dieß nicht gelingt, nehmen sie dieselben ihnen mit Gewalt weg. Während ich in Crescent-City war, ereignete sich ein ähnlicher Fall. Drei Meilen von der Stadt hatten sich einige Amerikaner als Farmer (Landbebauer) angesiedelt. Ein Eingeborner kam mit seinem Weibe vorüber auf seinem Wege nach der Stadt. Die Männer sprangen aus ihrer Hütte, rissen das Weib von seiner Seite, schleppten es in ihre Wohnung und schlossen die Thüre. Der arme Wilde schrie und heulte, schlug an die Thür und forderte sein Weib; statt dessen kamen die Männer heraus, prügelten ihn derb durch und jagten ihn fort. Mit zerschlagenem Körper kam er nach der Stadt und klagte. Und was geschah den feigen, weißen Missethätern? Sie wurden verurtheilt, sich mit dem Wilden abzufinden, d. h. ihm einige Glasperlen und andern werthlosen Kram zu geben. Derlei Grausamkeiten werden natürlich von Stamm zu Stamm erzählt, und so geschieht es öfter, daß wenn einzelne Weiße unter sie kommen, die Uebermacht auf der Indianer Seite ist, diese gleiches mit gleichem vergelten und den Unschuldigen für den Schuldigen büßen lassen. Viele unpartheiische Männer gestanden mir, daß die Eingeborenen überall, wo man ihnen mit Liebe und Güte entgegenkam, harmlos gefunden wurden.

+9. November.+ Morgens verließen wir den gefährlichen Wig-wam. Wir waren auf die Rückreise bedacht, mein Begleiter wagte sich nicht weiter. Wir schlugen eine andere Richtung ein und kamen Nachmittags an eine kleine Niederlassung von einem Dutzend Weißen. Auch hier war das erste, was ich sah, ein großer in Asche gelegter Wig-wam. Die Farmer lebten, der Weiber wegen, in stetem Streite mit den Indianern. Letztere rächten sich, wo sie konnten, und erschlugen zu Ende einen der Weißen, worauf diese an den Wig-wam Feuer legten und die Eingebornen fortjagten. Seitdem gehen sie nie ohne scharfgeladene Gewehre an die Arbeit, um so mehr, da seit einiger Zeit von andern nachbarlichen Ansiedlern vier Männer vermißt wurden. Von zweien wurden die Körper kürzlich an verschiedenen Plätzen im Walde unter Laub und Aesten verborgen gefunden, ein dritter Körper eine weite Strecke von der Farmer Wohnplatz in dem Flüßchen, aus welchem sie ihren Wasserbedarf nehmen. Die Ansiedler sagten uns, daß sie, als sie den halbverwesten Körper da zufällig fanden, vor Ekel alle erkrankten. Den vierten Leichnam hatten sie noch nicht aufgefunden.

Wir kehrten bei den Farmern ein; sie wohnten in zwei kleinen Hütten, Blockhäusern ähnlich, hatten aber schon den Bau einiger Häuser begonnen. Die Leute lebten sehr gut. Sie hatten die schönsten Wildgänse, die sie selbst schossen, herrliche Fische, die sie für Kleinigkeiten von den Indianern eintauschten, Kartoffeln, Brod, Thee und Kaffee, kurz wir hielten Abends ein köstliches Mahl, ein gleiches Morgens.

Die Kälte war sehr empfindlich; Nachts stieg sie beinahe auf einen Grad unter Null (Réaumur). Morgens war alles weiß vom Reife. Dennoch ist das Land immer grün. Schnee fällt sehr selten, und wenn er fällt, berührt er kaum den Boden, er schmilzt schon während des Fallens. Die Farmer versicherten mir, daß der Grund eine reiche Ernte zu geben verspreche. Sie waren erst sehr kurze Zeit angesiedelt und hatten kürzlich einen Strich Landes angebaut. In der Umgebung von Crescent-City sah ich in dieser vorgerückten Jahreszeit noch alle möglichen Gemüse im Freien gedeihen, darunter so große und schöne, wie in Herrn Warren’s Prachtausstellung zu San Francisco.

Ich glaube, daß der größte Theil Kaliforniens, besonders der nördliche, für Europäische Ansiedler sehr vortheilhaft wäre. Das Klima ist gesund, der Boden sehr ergiebig, selbst wo er sandig und trocken aussieht. Die üppigen Waldungen zeugen von seiner Fruchtbarkeit. Er ist Urboden und benöthigt daher weder Bewässerung noch Düngung; bis es zur letzteren käme, könnten die Ansiedler bereits einen schönen Viehstand haben.

Nahe dem Oregon-Gebiete wird der Acker von der Regierung um einen Dollar verkauft, in dem Oregon-Gebiete noch umsonst gegeben, da sie auf alle Weise Ansiedler dahin zu bekommen sucht. Möchten die Leute doch mehr in der Absicht des Ackerbaues als des Goldsuchens nach diesen Ländern kommen! Farmer können sich mit einiger Ausdauer und Umsicht in kurzer Zeit einen ausreichenden Wohlstand, ein angenehmes häusliches Leben verschaffen; von den Goldsuchern sind im Verhältniß zu der großen Zahl nur gar wenige reich heimgekehrt, bei den meisten kann man sagen: „Wie gewonnen, so zerronnen!“

Am vierten Tage, +10. November+, kam ich von meinem Ausfluge wieder nach Crescent-City zurück, das Loos des armen, ausgestoßenen Indianers tief bedauernd. Man muß zwar gestehen, daß sich die Regierung um die Indianer bekümmert; allein ihre Hauptsorge geht dahin, sie nach entfernteren Plätzen zu schaffen, ihnen für das abgenommene Land einige Entschädigungen zu geben und an die Ansiedler Befehle zu erlassen, sie gut zu behandeln. Jedes Jahr werden Beamte nach ihren neuen Wohnplätzen gesendet, um ihnen einige Geschenke zu bringen und nachzusehen, ob sie nicht Hungers sterben. Aber ein bedeutender Fehler der Regierung ist die allzugroße Nachsicht mit den Ansiedlern, da letztere, meistens roher und weniger gutartig als die Wilden, diese Nachsicht nicht vertragen, ohne sich zu übernehmen. So lange es der Gerichte noch so wenige im Lande gibt, daß der Eingeborne nicht leicht zu ihnen gelangen kann, und so lange dieselben den Ansiedlern gegenüber nicht größere Strenge bezeugen, wird der arme Indianer immer der Spielball des übermüthigen Weißen sein.

Das Land fand ich, wie gesagt, nicht nur sehr fruchtbar, sondern auch romantisch. Die schöne Gebirgskette +Siskïyon+, die sich im Osten von Mary’s Ville zeigt, erstreckt sich bis hieher, steigt in mehrfachen Ketten auf, und fruchtbare Thäler und Ebenen breiten sich überall dazwischen aus. Die höheren Spitzen waren in dieser Jahreszeit mit Schnee bedeckt, dem ersten, den ich sah, seit ich mein Vaterland verlassen hatte.

Als ich nach Crescent-City zurück kam, fand ich den Dampfer, mit welchem ich die Reise von San Francisco machte, bereit, Abends die Anker zu lichten. Das Wetter, das schon den ganzen Tag stürmte, wurde so schlecht, daß wir erst am +11. November+ mit Mühe an Bord gelangen konnten. Auf der Reise begleiteten uns Stürme und Nebel, so daß wir zu Trinidad gar nicht einlaufen konnten. Als kleine Entschädigung dieses bösen Wetters sah ich einen schönen Nebelregenbogen.

Den dritten kleineren Ausflug nach +St. José+ (60 Meilen) verdanke ich der gefälligen Einladung des Oesterreichischen Konsuls, Herrn Vischer. Es war dieß eine sehr große Aufmerksamkeit von seiner Seite, wenn man bedenkt, wie hoch hier die Zeit geschätzt wird und wie theuer jede Unterhaltung ist.

+22. November.+ Die Reise ging zu Lande. Wir setzten uns auf die Außenseite des Omnibus, um die Schönheiten der Gegend, die als ganz bezaubernd geschildert wird, recht genießen zu können.

Die Ebene, in welcher St. José liegt, erstreckt sich bis San Francisco auf der einen, bis +Monterey+ auf der andern Seite, ist bei 120 Meilen lang, zehn bis fünfzehn breit, und wird ihrer großen Fruchtbarkeit wegen schon jetzt die Kornkammer des nördlichen Kaliforniens genannt.

Das erste Drittheil der Reise kann ich nicht für schön erklären. Das wellenförmige Land ist ohne Vegetation, hie und da sieht man verkrüppelte Bäumchen, deren Kronen ganz nach einer Seite stehen. Diese seltsame Erscheinung verursachen die anhaltend starken Nord-Ost-Winde, die das Klima von San Francisco so unangenehm machen. Der Boden ist noch wenig bebaut und größtentheils eine magere Viehweide, auf welcher die armen Thiere nur während des Frühlings genügende Nahrung finden. Man behauptet jedoch, daß das Erdreich vortrefflich sei und daß es ihm blos an Kultur fehle.

Drei Meilen von San Francisco liegt die Missionsstation +Dolores+, in die ich schon früher durch Madame +Morton+ eingeführt wurde. Das Kloster, die Kirche und einige Häuser der noch da wohnenden Spanier[7] sind von ungebrannten Ziegeln erbaut, die Thüren und Fenster alle so niedrig, die Häuser selbst so erbärmlich, daß ich sie, das Kloster nicht ausgenommen, eher für Scheunen als für menschliche Wohnungen gehalten hätte. Die Kirche enthält ein schönes Seitenaltar-Bild, welches ich der Altspanischen Schule zuschreiben möchte.

In dem Gebiete +San Mateo+ (22 Meilen) fängt die Landschaft an, hübscher zu werden. Der Berg +Diabolo+, 3600 Fuß, überragt die ihn umgebenden Gebirge. Große, umfangreiche Bäume, meistens Eichen, bilden parkähnliche Parthieen; Landsitze, Gasthäuser, kleine Farmer-Wohnungen beleben die Gegend. Der Boden bestand zwar aus Sand und Staub, in welchem die Pferde oft fußtief einsanken; doch konnte ich mir vorstellen, daß nach der Regenzeit, im Frühlinge, wann die Felder grünen, die Blumen blühen, das Gras sich überall hervor drängt, die Bäume mit frischem Laube prangen, diese Landschaft recht lieblich und freundlich sein und dem durch den Anblick von Naturschönheiten wenig verwöhnten Städter bezaubernd erscheinen mag.

+St. Clara+, durch das der Weg führte, ist ein nettes Oertchen mit einer hübschen Kirche und einem Jesuiten-Collegium für Knaben. Schon das Wörtchen „San“ vor den Namen der Städtchen und Dörfer zeigt, daß Kalifornien einst zu dem katholischen Mexiko gehörte. In den meisten größeren Orten findet man hübsche Kirchen und Schulgebäude.

Eine vier Meilen lange Baum-Allee, von der Geistlichkeit gepflanzt, führt von St. Clara nach St. José. Letzteres Städtchen ist etwas bedeutender als ersteres, besitzt einige hundert Häuschen, die zum größeren Theile neu und von den kürzlich eingewanderten Ansiedlern bewohnt sind.

Wir fuhren noch vier Meilen weiter nach der großen Farm des Herrn Vischer. Diese Farm von 750 Akres würde bei uns gewiß schon zu den großen gehören; hier wird sie zwar auch nicht zu den ganz kleinen gezählt; doch gibt es noch aus den Zeiten der Mexikanischen Regierung, wo Grund und Boden so viel wie keinen Werth hatte, Landbesitzer, deren Gründe sich sieben bis zehn Leguas (eine Legua = drei Meilen Englisch) in die Länge, vier bis sechs in die Breite erstrecken. Der Werth dieser Besitzungen steigt mit jedem Tage bedeutend; Leute, deren Ländereien vor der Goldentdeckung kaum 50,000 Dollars werth waren, gehören heut zu Tage zu den Millionären. Was die Besitzungen sehr vertheuert, sind die Umzäunungen. Jeder Eigenthümer muß sein Land aus zwei Gründen umzäunen lassen. Erstlich wird alles Hornvieh, so wie auch die Pferde, Maulthiere, Schafe, Schweine, auf freie Plätze zur Weide getrieben, zweitens lassen sich auf offenen Plätzen die neuen Ankömmlinge nieder, bauen sich Zelte und Hütten, pflanzen u. s. w., ohne um Erlaubniß anzufragen. Der Eigenthümer hat nach Amerikanischen Gesetzen kein Recht, die Eindringlinge von uneingefaßten Räumen zu vertreiben, und selbst wenn er diese später einzäunen läßt, geht die Vertreibung sehr schwer, oft nur mit kostspieliger Proceßführung oder gar mit Gewalt ab. An manchen Orten schlug und schoß man sich, wie im Kriege. Ueberhaupt kann man sich von den Eigenmächtigkeiten und Gewaltthätigkeiten der Ansiedler gar keine Vorstellung machen. Manche treiben die Freiheit so weit, sogar leer stehende Hütten und Häuser in Besitz zu nehmen.

Diese Umzäunungen, hier Pfänzen genannt, kosten in einem Lande, wo die Arbeit so theuer ist, ein schweres Geld. Herr Vischer z. B. benöthigte für die Umzäunung seines Landes 30,000 acht Fuß hohe Pflöcke. Der Preis per 1000 Stück im Walde war 50 Dollars, das Zuführen und Zuspitzen kam auf 30, das Einschlagen in die Erde auf 20 zu stehen, so daß die Umzäunung 3000 Dollars kostete.

Zwölf Meilen von San José liegt ein sehr großes, bedeutendes Quecksilber-Bergwerk. Wir sollten es besuchen, der Wagen stand schon vor der Thüre; allein unausgesetzter, heftiger Regen machte die Parthie im wahren Sinne des Wortes zu Wasser, die Wege waren unfahrbar geworden, und ich mußte mich mit der Beschreibung begnügen, die mir Herr Vischer davon machte.

In dieses Bergwerk fährt man auf einem 1500 Fuß hohen Berge in die Stollen ein und kommt 800 Fuß tiefer wieder an das Tageslicht. Die Zinnobererze enthalten fünfunddreißig bis fünfundvierzig Prozent. Das Bergwerk gehört einer Gesellschaft in Mexiko, deren Betriebskapital auf eine Million Thaler geschätzt wird. Das Gewerk ist so reich, daß es den Bedarf der ganzen Welt decken könnte. Seit es bearbeitet wird (seit ungefähr zehn oder zwölf Jahren), ist der Preis des Quecksilbers in Peru von achtzig auf fünfzig Dollars gefallen.

Das Wetter klärte sich auch den folgenden Tag nicht auf, es blieb uns daher nichts anderes übrig, als das Merkwürdigste der Reise, den Besuch der Minen, aufzugeben, und im wohlverschlossenen Omnibus nach der Stadt zurück zu kehren.

Wenige Tage, bevor ich San Francisco verließ, brachten die Zeitungen ganz wunderbare Berichte aus Unterkalifornien, das noch zu Mexiko gehört.

Einige fünfzig Amerikaner hatten San Francisco auf einer Schaluppe verlassen, bei +Félipe+ in dem Distrikte +Sonora+ gelandet, daselbst eine Standarte aufgepflanzt und das Land förmlich in Besitz genommen. Das friedliche Völkchen, eines solchen Piraten-Einfalls nicht gewärtig, war nicht einmal mit Waffen versehen; es setzte sich bei +Guaymas+ kaum zur Wehre, um so mehr, als die Piraten vorgaben, der Vortrab einer bedeutenden Macht zu sein. Die fünfzig Amerikaner blieben Sieger und erklärten einen Länderstrich mit einer Bevölkerung von 10,000 Seelen für unabhängig von Mexiko.

Die Veranlassung dieses widerrechtlichen Zuges war der Durst nach Gold, denn es ging die Sage, daß es da Gold und Silber in großer Menge gäbe.

Und was sagte man in San Francisco zu diesem Raubanfalle? Die Einen nahmen die Parthie der Räuber, die Anderen sahen darin einen Geniestreich! --

Gerade den Tag vor meiner Abreise, am +15. December+, ging, ungehindert von der Regierung, ein zweiter Trupp solchen Gesindels, 256 an der Zahl, nach Sonora ab, um den Vorgängern zu helfen. Wie ich später hörte, ist der Raubzug verunglückt. Die Mexikanische Regierung sandte Truppen gegen diese Leute aus, mit dem Befehle, sie gleich Räubern überall niederzuschießen, wo sie ihrer ansichtig würden. Die meisten der Flibustier sind auch zu Grunde gegangen.

* * * * *

Die Gesellschaft der Linie, deren Dampfer nach +Panama+ gehen, gab mir auf einfaches Ansuchen des Herrn +Mathes+, eines dabei Angestellten, freie Ueberfahrt von San Francisco nach Panama.

Am +16. December+ ging ich Nachmittags, in Begleitung der mir so überaus theuer gewordenen Familie Morton, an Bord des Prachtdampfers „+Golden Gate+,“ Kapitän +Isham+. Um 4 Uhr wurden die Anker gelichtet.

In meinem Leben habe ich kein schöneres Schiff gesehen. Es hatte 800 Pferdekraft oder 2500 Tonnen Gehalt, und faßte mit Bequemlichkeit 800, im Nothfalle auch tausend Reisende. Der Verbrauch an Kohlen war per Tag fünfzig Tonnen, die Schnelligkeit zwölf Meilen per Stunde. Seine Länge betrug 300, die größte Breite 75 Fuß. Der Hauptsaal war 130 Fuß lang. Man konnte diesen Dampfer wahrhaftig einem großen Palaste vergleichen -- er hatte vier Stockwerke, von welchen zwei sich über dem Wasser befanden. Es liefen breite Galerien längs dem Borde, auf die sich geräumige Thüren und Fenster öffneten. Die Einrichtung des ersten Platzes war in jeder Beziehung prachtvoll, nicht minder die des zweiten; selbst der dritte war in seiner Art vollkommen. Die Tafel, für die erste und zweite Klasse dieselbe, war verschwenderisch besetzt, die Gerichte köstlich bereitet, zwei Mal des Tages frisches Brod. Und wie das Schiff durch seine Pracht und Bequemlichkeit, zeichneten sich Kapitän und Schiffsoffiziere durch ihr zuvorkommendes, aufmerksames Benehmen gegen die Reisenden aus. Mit Freuden sprachen wir bei der Ankunft in Panama diesen Herren unseren Dank in einer öffentlichen Adresse aus.

+17. December.+ Wir segelten an den Eilanden +St. Catarina+, +St. Clemens+, +St. Barbara+ und +St. Anacapa+ vorüber. Am letzteren ging vor vierzehn Tagen der prachtvolle Dampfer „+Winfield Scott+“ (2500 Tonnen) zu Grunde. Die Nacht war ungemein finster und neblig, und der Kapitän hatte die große Unvorsichtigkeit, bei diesem Wetter nicht außerhalb der Inseln, sondern zwischen denselben und dem Festlande zu fahren. Glücklicher Weise ging dabei kein Menschenleben verloren. Doch sank das Schiff so schnell, daß gar kein Gepäck und kaum die Goldbarren und die Hälfte der Postpackete gerettet werden konnten.

Auch wir fuhren durch die enge Straße; allein der freundliche Mond leuchtete uns aus allen Kräften, und die See war so ruhig, als schliefe sie und träume höchstens von dem Unheil, das sie zeitweise anrichtet.

+18. December.+ Diesen Morgen hielten wir eine halbe Stunde vor +St. Diego+ an, einige Reisende abzusetzen. Wir waren aber so weit von der Küste entfernt, daß ich von dem neu angelegten Städtchen der Amerikaner wenig, von dem älteren der Mexikaner, welches vier Meilen höher liegt, gar nichts sah.

In der Nähe von St. Diego steigt eine sehr hohe Gebirgskette auf, deren Spitzen die Schneeregion erreichen. Die ganze Küste, die wir bisher nie aus dem Auge verloren, so wie die Gebirge sind wenig mit Vegetation und Wald bedeckt.

+19. December.+ Fern dem Festlande, dagegen nah dem bedeutenden Eilande +Cerroo+ und dem kleinen +Bonnitos+. Ersteres hat sechsundzwanzig Meilen Länge, sieht schön und fruchtbar aus, ist aber dennoch unbewohnt, da es ihm an Wasser fehlen soll. Bonnitos ist ein in vielen Zacken aufsteigender Fels, ohne Baum und Busch mit spärlichem Grün.

+20. December.+ Meistens auf hoher See, das Kap +Lazaro+ passirt und in die +Magdalenen-Bay+ gelenkt.

+21. und 22. December.+ Fortwährend auf hoher See.

Schon seit einigen Tagen fing die rauhe Witterung Kaliforniens der Wärme zu weichen an. Mit jedem Schwunge des Rades fühlte man die Annäherung der Tropen; ein warmes Kleidungsstück nach dem andern wurde verbannt. Abends bildete das Deck einen schönen Vereinigungsplatz, man drängte sich durch einander, man spazierte auf und nieder, größere und kleinere Gruppen bildeten sich, Kinder sprangen und spielten umher, die ganze Scene war reich beleuchtet von dem vollen Monde und von Tausenden von Sternen. Wahrlich, der Reise auf diesem Wasserpalaste werde ich stets mit großer Freude gedenken!

Die Gesellschaft bestand fast ausschließend aus Amerikanern, und wiederholt muß ich sagen, daß die Herren durchgehend gegen mein Geschlecht überaus artig und gefällig waren. In keinem Lande kam mir Aehnliches vor. Die gemeinsten Amerikaner, Jungen von zehn Jahren, standen hierin dem gebildetsten Europäer nicht nach. Auch in allem übrigen ging es höchst anständig zu. Kein Mensch kam je mit einer brennenden Cigarre in den Salon, niemand kaute da Tabak oder spuckte zu Boden, nie wurde eine Ursache zur leisesten Rüge gegeben. Dieß Benehmen setzte mich um so mehr in Erstaunen, als man wohl nirgends eine gemischtere Gesellschaft finden mag, als auf Reisen von und nach Kalifornien. Bei Tafel gab es die beste Gelegenheit, dieses Gemisch zu beobachten. Der reich gewordene Minenarbeiter, Handwerker oder Krämer saß neben dem großen Kaufmanne oder Spekulanten. Mit aufgestützten Ellbogen saßen die Leute am Nachtische; mit Händen, welchen man es hundert Schritte weit ansehen konnte, daß sie nur den Spaten, die Schaufel zu führen gewohnt waren, langten sie nach den Schüsseln. Ich gestehe aufrichtig, daß ich mich unter dieser natürlichen, aber dennoch anständigen Gesellschaft weit fröhlicher und heimischer fühlte, als auf einem der Englischen Dampfer, welche von Europa nach Indien gehen. Dort herrschte auf dem ersten Platze durchgehends ein Putz (noch ärger als bei den Frauen auf den kleinen Reisen von San Francisco nach Sacramento und Mary’s Ville), als ginge es täglich nach einem Balle. Hier waren die Frauen anständig, aber einfach gekleidet. Auch nimmt es der Amerikaner ziemlich gleich auf, ob man mit dem Messer oder mit der Gabel nach dem Munde fährt, ob man anders sitzt, geht und steht wie er. Er hat noch nicht die kleinliche Schwäche des Britten, welcher jeden, der nicht gerade alles so thut wie er, für roh und ungebildet hält.

+23. December.+ In die niedliche Bucht von +Acapulco+ eingelaufen. Die Berge umher sind zwar nicht hoch, auch nicht so üppig bekleidet, wie im Indischen Archipel, doch herrlich im Vergleiche zu den öden Sandhügeln Kaliforniens. Die hoch gefiederte Cocos-Palme, die umfangreiche Mango, die zarte Banane und andere Bäume und Gebüsche umgürten theilweise die See und steigen die Hügel hinan.

Hier setzte ich den Fuß zum ersten und wahrscheinlich auch zum letzten Male auf Mexikanischen Grund und Boden.

Das Städtchen Acapulco liegt auf hügeligem Grunde in einem Winkel der Bucht, so verborgen, daß man es von Bord aus kaum gewahrt. Dagegen thront das Fort recht stattlich auf dem äußersten Ende eines weit in die See vorgeschobenen Hügels. Das Städtchen, mit 1500 Einwohnern, hat ein höchst armseliges Ansehen. Die Häuser sind von Holz, Lehm oder ungebrannten Ziegeln erbaut und haben nur ein Erdgeschoß, das mit stark vergitterten Fenstern versehen ist. Das Innere sieht etwas freundlicher aus; die Zimmer sind hoch, luftig und gegen den Hofraum mit Veranden umgeben, in welchen die Leute speisen und den größten Theil des Tages verbringen.

Auf dem Platze, welcher als Markt dient, und durch viele kleine Buden sehr verunstaltet ist, prangt eine ziemlich hübsche katholische Kirche von ungebrannten Ziegeln. Dieß Material scheint bei den Spaniern sehr beliebt zu sein; alle ihre Bauten in Kalifornien waren damit aufgeführt.

Der ganze Ort sah sehr ruinenhaft aus: ein heftiges Erdbeben hatte am 4. December vergangenen Jahres die meisten Gebäude mehr oder minder beschädigt, manche der Ziegelhäuser sogar theilweise eingestürzt. Zum Glück fand das Erdbeben Abends 9 Uhr statt, während noch alles wach war und augenblicklich fliehen konnte. In Folge dessen kam niemand dabei um. Auch die Festung, die ich bestieg, um den Ueberblick über die Bucht und Gegend zu haben, hatte stark gelitten; ihre festen Steinwälle und Mauern waren zum Theil geborsten und eingestürzt.

Acapulco ist berühmt durch die Perlen, welche auf verschiedenen, zwanzig bis dreißig Meilen entfernt gelegenen Eilanden gefischt werden. Die Perlenfischerei geht auf sehr einfache Weise vor sich. Die Fischer sind mit Messer und Körbchen versehen, tauchen in die Tiefe, oft fünfzig bis achtzig Fuß, lösen die Schaalthiere, die zu dem Austergeschlechte gehören und gegessen werden, los, und kommen nach ein bis zwei Minuten mit oder ohne Beute wieder an die Oberfläche des Wassers. Die einzige Gefahr, die sie zu bekämpfen haben, sind die die Küste umschwärmenden Haifische, welchen sie jedoch auf geschickte Weise zu entgehen wissen. Sie führen, wie sie mir sagten, beständig ein langes, abgerundetes Stück Holz mit sich und stecken es, können sie dem Unthiere nicht durch Tauchen oder Schwimmen entkommen, in seinen aufgesperrten Rachen; bis sich das Thier dieser Maulsperre entledigt, hat der Taucher genügend Zeit, aus seiner gefährlichen Nähe zu kommen.

Das Schaalthier wird geöffnet, die Perle in dem Thiere und nicht, wie viele fälschlich glauben, in der Schaale gesucht -- letztere enthält nur die sogenannte „Perlmutter“. In vielen Schaalen gibt es Auswüchse, welche ungeformten Perlen gleichen. Diese Auswüchse rühren von andern Thieren her, gleich den Auswüchsen an Blättern oder Pflanzen. Obwohl jede Auster Perlenstoff und manche sogar acht bis neun Perlen enthält, bedarf es doch gar vieler Thiere, bis der Fischer so glücklich ist, eine schön geformte, reine Perle zu finden. Je mehr Stücke eine Auster enthält, desto sicherer, daß sie unbrauchbar sind. Man glaubt, daß die Perle durch eine Krankheit des Thieres erzeugt wird; wenn daher ein Thier viele Stücke enthält, genießen es die Leute nicht, sie halten es für der Gesundheit schädlich.

Die Perlen an den Küsten Mexiko’s und Granada’s zeichnen sich durch ihr besonders reines Wasser aus. Sie sind selbst am Platze sehr theuer.