Part 1
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[Illustration: _Wiedersehen!_]
Die
drei Ostindienfahrer,
abentheuerliche Reisegeschichten;
herausgegeben
von
Christian August Fischer.
Mit einem Kupfer.
Leipzig 1817.
Hartleben's Verlagsexpedition.
~An die Leser.~
Wie jeder Künstler, so hat auch der Schriftsteller seine eigenthümlichen Studien. Wenn mir die Kraft zu Allem fehlt; hierzu gebricht sie mir nie. So beschäftigte ich mich auch diesen, für mich so traurigen, Winter hindurch.
Ein Theil dieser Reisegeschichten fand vor sieben bis acht Jahren in einem unserer geschäztesten Tagblätter Plaz. Man erhält jezt das Ganze in einer neuen, veredelten Form. Es ist eine Ueberarbeitung, bei der ich in jeder Hinsicht sehr streng gewesen bin. Möchte die kleine Gabe willkommen seyn!
Wie mit mir, so hat der thätige Verleger, auch mit andern Schriftstellern außerhalb Oesterreich, Verbindungen angeknüpft. Man sieht, wie vortheilhaft dieses, des leichten Tausches wegen, für den gesammten Buchhandel zu werden verspricht. Darum muntere ihn auf, wer es zu thun vermag.
~Würzburg~, O. M. 1817.
C. A. ~Fischer.~
Die
drei Ostindienfahrer.
Inhaltsverzeichnis
Seite
Erste Abtheilung, Jacob Haafner. 1
Zweite Abtheilung, Ch. Fr. Tombe. 185
Dritte Abtheilung, Heinrich Potter. 231
Erste Abtheilung,
~Jacob Haafner.~
~Erstes Buch.~
~Quellen.~
=L'otgevallen op eene Reize van Madras nar het Eiland Ceilon. Door Jac. ~Haafner~. Haarlem 1814. 8. 2. Aufl.=
=Reize in eenen Palankin etc. door Jacob ~Haafner~. Amsterdam 1814. 2 Bde. 8. 2. Aufl.=
Erstes Capitel.
Ich befand mich als zweiter Steuermannsgehülfe am Bord eines holländischen Compagnieschiffes, das von Chinsura nach Negapatnam bestimmt war. Aber nie hatten wir eine so lange und beschwerliche Reise gehabt. Auf einer Ueberfahrt, die man in fünf Wochen machen kann, brachten wir eben so viel Monate zu. Dazu kam der heftige, grausame Charakter des Capitains, der nach den Schiffsgesetzen an seinem Bord unumschränkt gebot. Eines Tages ließ er unter andern zwei arme schwarze Matrosen (Lascars) um einer Kleinigkeit willen so lange geißeln, daß der eine noch denselben Abend, der andere in der folgenden Nacht verschied. Dies empörte das ganze Schiff. Es ward daher eine förmliche Klage gegen ihn aufgesetzt, und nach der Ankunft zu Negapatnam bei dem Fiscal angebracht. Die Folge davon war, daß dieser uns Unteroffiziere sämmtlich zu sich rufen ließ. Hier ist es, wo meine Geschichte eigentlich anfängt.
Nach Unterzeichnung des Protocolles, kam nämlich der Fiscal noch einmal auf die Klagschrift zurück, und fragte, wer der Concipient davon gewesen sey. Der Wahrheit gemäß ward ich genannt. Er sprach hierauf mit Lobe von der Arbeit. -- »Es ist Schade« -- wendet er sich zu mir, -- »daß Sie in keinen angemessenern Verhältnissen sind. Wenn Sie hier bleiben wollten, hätte ich wohl eine Stelle für Sie.« -- Ich gestehe es, dieser Antrag machte nicht wenig Eindruck auf mich. Zwar hatte ich die Aussicht Steuermann zu werden; allein der Civildienst schien mir ungleich bequemer und einträglicher zu seyn. Ueberdem hatte ich des Capitains Rache zu fürchten. -- Mit einem Worte, ich blieb am Lande, und erhielt eine Stelle auf dem Hauptcomtoir.
Von meiner frühesten Jugend an, war ich ein Spiel des Zufalles gewesen, und hatte von dem Leben noch nichts, als das Mühselige desselben kennen gelernt. Jetzt endlich hoffte ich Ruhe und Genuß zu finden, ja ich schmeichelte mir sogar mit der baldigen Rückkehr ins Vaterland. Allein bald sah ich mich in meinen Erwartungen aufs bitterste getäuscht. Spärliche Besoldung, ekelhafte mechanische Arbeit, und so gut als keine Aussicht zu einer Verbesserung! Fast sehnte ich mich nach dem Seeleben zurück. Indessen beschloß ich auszuhalten, und mich auf ein Fach zu werfen, das mir bedeutende Vortheile versprach; ich meine die italienische Buchhaltung.
Dieser Gedanke bot sich mir bei der Lage der holländischen Compagniecomtoirs sehr natürlich dar. Es fehlte nämlich überall an Subjekten dazu. Wir, in Negapatnam, z. B. hatten nur einen einzigen Mann, der die Bücher auf diese Art zu führen verstand, und dafür allein sechshundert Pagoden (zu 4½ Fl.) bezog. Die Sache von ihm zu lernen, war freilich keine Möglichkeit; denn seinen Mangel an Gefälligkeit abgerechnet, stand er überdem viel zu hoch über mir. Ich mußte mir also selbst zu helfen suchen, was freilich mit vielen Schwierigkeiten verbunden war. Indessen, da ich keine Arbeit scheute, ward ich in Jahr und Tag ziemlich vertraut damit.
Ich hoffte nun nichts Geringeres, als zweiter Buchhalter zu werden; allein, wie sehr hatte ich mich abermals getäuscht! Zwar ward mein Fleiß nicht wenig gelobt, und erhielt einen kleinen Monatszuschuß; allein von einer eigentlichen Beförderung war durchaus die Rede nicht. Täglich mehr Arbeit; endlich mußte ich beinahe alles thun. Dies war zu viel, ich verlangte daher meinen Abschied. Da versprach mir der Buchhalter hundert Pagoden jährlich, und nach drei Jahren die förmliche Substitur. Ich gieng es ein, allein was geschah? Im ersten Jahr keine Rupie; im zweiten eben so, im dritten abermals nichts. Ich klagte bei dem Gouverneur, er gab mir Unrecht. Ich mußte die Bücher noch drei Jahre, und abermals unentgeldlich führen, dann erst wollte man weiter sehen. Ich verweigerte es, es sey ganz und gar meine Schuldigkeit nicht.
»Wie?« -- rief der Gouverneur zornig -- »Ihr wagt es, mir zu widersprechen? Ihr müßt die Bücher führen, sonst nach Batavia, oder außer Dienst!«
»Ich wähle das Letzte, gnädiger Herr!«
»Ist das euer Ernst?« fragte er erstaunt. -- »Ueberlegt es wohl!«
»Es ist mein völliger Ernst!«
»Nun gut!« -- sagte er hastig -- »So seyd ihr hiemit augenblicklich entlassen -- Sucht euer Glück anderswo!« -- Mit diesen Worten drehte er sich um, und verließ den Saal.
So war ich denn endlich wieder frei; allein wegen der Zukunft allerdings nicht ganz unbesorgt. Ich hatte wenig Geld, und keinen Credit; meine meisten Freunde verließen mich. Indessen hatte ich mir neben dem Französischen auch einige Kenntnisse im Englischen erworben; es schien mir daher am rathsamsten nach ~Madras~ zu gehen. Schon hatte ich alle Anstalten dazu gemacht, als ich unvermuthet eine Einladung von Herrn Simons, unserem Magazininspector, erhielt. Dieser brave Mann hatte von meinem Plane gehört, und wollte mir, wie er sagte, einen besseren Vorschlag thun. Sein Bruder war nämlich Oberbuchhalter zu ~Sadras~, und brauchte gerade einen Gehülfen meiner Art. Dieser Antrag war wirklich aller Ehre werth; doch gestehe ich gern, daß mich die Nähe von Madras (12 Meilen) auch mit bestimmen half. Leicht kamen wir daher über die Bedingungen überein. So verließ ich Negapatnam, und langte wohlbehalten in Sadras an.
Zweites Capitel.
In der That, Herr Simons hatte mich nicht getäuscht; ich fand mich wirklich in eine sehr angenehme Lage versetzt. Guter Gehalt, mäßige Arbeit, freundliche Behandlung, herzlicher Umgang; nie hatte ich noch so zufrieden gelebt. Die Luft war gesund, die Gegend angenehm, Sadras selbst ein wohlhabender, und sehr lebhafter Ort. Ich hebe aus dem Ganzen einige Parthien aus.
Zuerst der ~Bazar~, oder Marktplatz, der aus einer breiten, mit Bäumen besezten Straße besteht. Schon Morgens um fünf Uhr strömen von allen Seiten Marktleute herbei. Junge Mädchen und Weiber mit Gemüsen und Früchten; alte Weiber mit Matten und Töpferwaaren; Reis- und Getreide-, Betel-, Areka-, Spezerei- und Tabakshändler; Verkäufer von Palmzucker, Palmblättern und Sandelholz; Korbflechter, Reiskuchenbäcker, Armringsfabrikanten u. s. w.; alle eilen herbei, alle stellen sich in Reihen auf. Zu gleicher Zeit erscheinen Gaukler und Wahrsager, Banianen mit ihren Probiersteinen, Tattowirer mit ihren Nadeln, endlich Sanias und Foguis (Bettelmönche) mit nackten Fakirs vermischt.
So wird es acht Uhr, und alle Buden, und alle Gewölbe öffnen sich. Die Menschenmasse vermehrt sich, das Getümmel nimmt zu, der ganze Bazar ertönt von Geschrei. -- Mangas! Reife Mangas! -- Tamarinden! Tamarinden! -- Areka und Betel! -- Büffelkuhmilch! -- Eingemachte Früchte! Kauft Früchte in Zucker! -- Reife und frische Cocosnüsse! Frischer Palmkohl u. dgl. m. Dazu der Gesang der Mönche, mit Trommeln und Tambourins, die Glöckchen der Putchares (geistliche Balladensänger), die Hörner der Sarpojans (Schlangenbeschwörer), die Schellen der Pandoces (geistliche Bänkelsänger) mit dem Lärm der malabarischen Schulen, dem gellenden hundertstimmigen ~Ana~, ~Awena~, ~Han~, (A. B. C.) und dem fast alles übertäubenden Gekrächz von tausenden von Raben vermischt. Endlich mitten im dicksten Getümmel der Beriesocheng, der weiße heilige Stier, dem alles Platz macht, und alles liebkosend Geschenke reicht.
Das gesellschaftliche Leben war höchst angenehm. Bald giengen wir in einen Palmenbusch, um eben gezapften, frischen, blauen Palmsaft zu trinken; bald machten wir eine Jagd- oder Fischparthie. Ein andermal ritten wir nach den Austerfelsen, oder brachten unsern Tag in stiller Ländlichkeit in einer Chauderie (öffentliche Herbergen an den Landstraßen, in Wäldern u. s. w.) zu. Die hohen, schattigen Pipals, der Weiher mit Cocosbäumen bepflanzt, der nahe Palmenwald, die Menge von Pilgrimen und Reisenden -- auch ein solcher »=Dia do campo=« im noch immer beibehaltenen Portugiesisch so genannt, hatte seinen eigenen Reiz.
Dann die Gesellschaften, wo sich alles der Freude und der Lebendigkeit überließ. Die fröhlichen Abendessen mit allem was Land und Jahrszeit Auserlesenes zu liefern im Stande war. Die von der Liebe geschlossenen Vereine, wo jeder zu den Füßen der Auserwählten saß, und ihr ein süßes Versprechen abgewann. Die blinkenden Becher, die Gesänge, die Tänze und die vaterländische Kraft mit ostindischer Ueppigkeit gepaart!
Drittes Capitel.
Fast anderthalb Jahre hatte ich auf diese Art höchst vergnügt in Sadras verlebt, als mein Glück auf einmal vernichtet ward. Es war den 17. Juni 17-- ungefähr um vier Uhr Nachmittags. Wir waren bei dem Generaldirector Herrn von Neis, zu einem Geburtstagsschmause, und tranken lustig Gesundheiten herum. »Nun noch eins!« -- rief eben unser Wirth -- »Noch eins, meine Herren! Auf das Wohlergehen von Sadras!« -- In dem Augenblicke trat der wachthabende Sergeant herein und meldete, daß ein englischer Offizier angekommen sey. Er verlange Herrn von Neis zu sprechen, und habe ein weißes Tuch an seinem Stock. -- Niemand, und am wenigsten Herrn von Neis fiel das weiße Tuch auch nur im mindesten auf. -- »Nur herein!« -- antwortete er sehr vergnügt -- »Ein neuer Gast macht neuen Durst! -- Er soll mit auf das Wohl von Sadras trinken! Nur herein!« --
Der Sergeant gieng, um die Thür zu öffnen, und der Offizier trat in den Saal. -- »Es thut mir leid« -- hub er an, indem er sich zu Herrn von Neis wandte -- »Es thut mir leid, der Ueberbringer einer unangenehmen Botschaft zu seyn. England hat Holland den Krieg erklärt. Der Commandant von Chenglepet (englisches Fort in der Nachbarschaft) steht mit seinen Truppen nur noch eine Stunde von hier. Er läßt Sie hiermit auffordern, das Fort und die Factorei von Sadras auf Diskretion zu übergeben. Dies mein Auftrag; in zwei Stunden bitte ich mir ihre Antwort aus!« -- Mit diesen Worten machte er uns eine Verbeugung und entfernte sich.
Welche Nachricht! Bleich und sprachlos saßen wir einige Augenblicke wie vom Donner gerührt. Endlich trug Herr von Neis auf eine Berathschlagung der fünf Hauptbeamten an. Dies wurde so fort genehmigt, und alle übrigen Gäste entfernten sich. Lange sannen wir nun hin und her, was anzufangen sey. Widerstand konnten wir freilich nicht leisten; dazu waren wir viel zu schwach. Aber uns auf Diskretion ergeben, dies durften wir ebenfalls nicht. Wir beschlossen daher auf einer ordentlichen Capitulation zu bestehen. Im Fall dieselbe jedoch verweigert würde, wollten wir uns in das Fort zurückziehen. Bei diesem Entschlusse blieb es, und so ward das Ganze zu Papier gebracht. Nach sechs Uhr gieng ich damit in Begleitung des Oberbuchhalters und des Parlementärs zu dem englischen Commandanten, einen Capitain Mackay ab. Sein Lager war wirklich nur eine Stunde von Sadras entfernt.
Wir kamen an und passirten die Vorposten ohne Schwierigkeit. Alles war still und finster, nie hatte ich noch ein so ruhiges Lager, ohne das mindeste Licht gesehen. Doch kaum waren wir angemeldet, als es etwas lebendiger ward. Man zündete Lichter an und brachte Stühle für uns. Einige Minuten und wir saßen dem Commandanten gegen über, der uns sehr stolz ansah.
»Capitain!« -- hub ich an -- »hier sind die Bedingungen, auf welche das Fort und die Factorei übergeben werden soll.«
Hastig riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie durch, und warf sie mir wieder zu. -- »Sagt eurem Direktor, daß keine seiner Bedingungen angenommen wird. Es bleibe bei der Aufforderung. Ich habe Canonen und Leitern bei mir.«
»Capitain! Sie behandeln uns wie Callouris (indische Räuber). Wir sind Holländer, wissen Sie das?«
Er that, als verstünde er mich nicht, und schwieg einige Zeit. Endlich fuhr er trotzig auf: -- »Nun, habt ihrs gehört, nur auf Discretion! -- Versteht ihr mich?«
»Nimmermehr!« -- antwortete ich mit Festigkeit! -- »Lieber das Aeußerste als dies!« --
»Nun so will ich euch denn zeigen, ihr -- ihr!« --
»Gut! Wir wollen's erwarten, Capitain! Aber Sie werden für unser Blut verantwortlich seyn. Eher soll man uns in Stücken hauen!« --
Er antwortete nichts, gieng aber mehrere Minuten nachdenkend auf und ab. Endlich riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie noch einmal durch, unterzeichnete sie sehr bedächtlich, und gab sie mir ganz gelassen zurück. Jezt hieß es: Auf nach Sadras! und augenblicklich war alles mit Lichtern bedeckt, und überall ertönte Trompeten- und Paukenschall. Wir eilten den Truppen voraus, um unsern Bericht abzustatten, zufrieden, daß wenigstens so viel erlangt worden war. Endlich um elf Uhr zogen die Engländer mit klingendem Spiele ein, besezten das Fort, die Packhäuser u. s. w., und brachten die ganze Nacht mit Trinken und Lärmen zu.
Am folgenden Morgen ward unser Schicksal näher bestimmt. Die Garnison mußte Dienste nehmen, wir Compagniebeamten wurden nach Madras geschickt. Indessen fehlte es an Platz, um unser Eigenthum mitzunehmen; alles ward daher vorläufig in die Packhäuser gebracht. Dies war offenbar Treulosigkeit; keiner von uns hat je das Mindeste wieder davon gesehen. Ich selbst verlor auf diese Art ungefähr dreitausend Pagoden an Werth. Eben so kam ich um andere tausende, die mir die Compagnie schuldig war. Alles, was ich noch retten konnte, mochten hundert und einige zwanzig seyn. So kam ich mit meinen Unglücksgefährten in Madras an.
Viertes Capitel.
Aber was nun anfangen? -- Ohne Geld, ohne Freunde, ohne Empfehlungen! -- Ich fühlte nur zu sehr, wie verlassen ich war. -- Endlich fiel mir ein gewisser Herr Franck, ein deutscher Landsmann, ein. Ich hatte ihn zufällig in Sadras kennen gelernt, und ihm selbst einige kleine Gefälligkeiten erzeigt. Diesen suchte ich auf, und fand die herzlichste Theilnahme bei ihm. Sehr bereitwillig bot er mir sogleich sein Haus, seinen Tisch, ja sogar seine Börse an; allein er war selbst nicht reich; ich machte daher nur einige Tage von seiner Güte Gebrauch. Eben war ich im Begriff mit einigen unverheiratheten jungen Leuten zusammen zu ziehen, als ich auf einmal -- doch hierüber muß ich etwas umständlicher seyn.
Während meines Aufenthaltes zu Sadras hatte ich einem alten braven Sergeanten, Namens Winter, gegen über gewohnt, und so die Bekanntschaft seiner eben so schönen als sittsamen Tochter Sophie gemacht. Ich wußte, daß der arme kranke Mann bei der Uebergabe nach Madras eingeschifft worden war. Leider hatte ich ihn aber aus dem Gesichte verloren, fand ihn jetzt nur mit Mühe wieder, und traf ihn in den traurigsten Umständen an. Augenblicklich war mein Entschluß gefaßt. Ich miethete ein malabarisches Häuschen, kaufte die nothwendigsten Mobilien u. s. w., und nahm die Familie zu mir. Nur wenig Wochen hatten wir indessen zusammengelebt, als der alte Mann nach einem kurzen Krankenlager in meinen Armen verschied. Ich liebte Sophien heiß und innig, leider war sie aber an einen andern verlobt. Sie theilte meine Empfindungen, sie hatte nur aus Noth eingewilligt, und fürchtete das verhaßte Band. Ich beschloß sie nicht zu verlassen, und die Mutter dankte mir mit Thränen dafür.
Aber um so furchtbarer lag der Gedanke an die Zukunft auf mir. Mein Geld nahm ab; die Gelegenheit zum Verdienste war bei dem stockenden Handel ziemlich beschränkt; ich befand mich bald in großer Verlegenheit. Endlich brachte mich Herr Franck bei einem Mr. Popham als Schreiber an. Aber auch jezt verschaffte uns meine Einnahme täglich nur eine Mahlzeit; die Theurung war gar zu groß. In dieser traurigen Lage ward ich zufällig einen der reichsten portugiesischen Kaufleuten von Madras, Shor. Antonio de Souza, bekannt. Ich hatte ihm nämlich einige Papiere zu überbringen, fand ihn gerade mit Shra de Souza beim Frühstück, und redete ihn englisch (seine Lieblingssprache) an.
»Wie lange sind Sie aus England?« -- fiel er mir plözlich ein.
»Ich bin kein Engländer, mein Herr, und war auch niemals dort.«
»So? -- Also sind Sie in Indien geboren?«
»Nein! Ich bin ein Holländer, mein Herr, und war Buchhalter zu Sadras.«
»Können Sie die Bücher englisch führen?«
Ich verbeugte mich.
»Gut! Gut!« -- fuhr er mit Lebhaftigkeit fort. »Ich brauche eben einen Buchhalter. Sie sollen monatlich sechzig Pagoden und freien Mittagstisch haben, auch das Frühstück, wenn Sie wollen. Jetzt sagen Sie!« --
»Mein Herr! -- Ich bin zu Ihren Diensten. -- Aber wie soll ich Herrn Popham.« --
»Das ist meine Sorge. -- Treten Sie nur in Gottes Namen an. -- Aber Sie sehen so elend aus? -- Sind Sie krank?« --
»Das nicht, mein Herr -- Aber« -- gieng ich aufrichtig über meine Lage u. s. w. heraus, wobei ich auch Sophien nicht vergaß.
»Das ist brav!« -- sagte er lebhaft, und schüttelte mir die Hand. -- »Bei Gott, das ist brav! -- Sie sind ein ehrlicher Mann!« »Hier« -- fuhr er fort, indem er in die Casse griff -- »Hier sind hundert Pagoden auf Abschlag -- Und diesen Abend schicke ich Ihnen zehn Säcke Reis. Gott mit Ihnen, morgen sehen wir uns!«
War es ein Traum? -- O überglückliche Veränderung! Sophie weinte vor Freuden. -- Abends wurden mir richtig zehn große Säcke mit Reis, und überdem mehrere schöne Stücke Zitz und dergl. für Mutter und Tochter gebracht. Jetzt erst erinnerte ich mich, wie sehr Madame de Souza bei meiner Erzählung gewesen war. Seliger, unvergeßlicher Abend! So waren wir denn auf einmal aller unserer Sorgen los!
Fünftes Capitel.
Unterdessen war das Carnatik der Schauplatz des Krieges geworden; stündlich kamen mehr Flüchtlinge bei uns an, und die Theurung nahm von Tage zu Tage zu. Vergebens schickte man aus Bengalen eine Menge Schiffe ab; die Franzosen brachten sie fast vor unsern Augen auf. Schon wurden wir daher von dem schrecklichsten Mangel bedroht, als unvermuthet auf der Rhede eine achtzig Segel starke Flotte erschien, die den Feinden unter Begünstigung eines Nebels entgangen war. Entzückender Anblick! Alles eilte an den Strand; alles wollte die kornbeladenen Schiffe sehen; lautes Freudengeschrei erfüllte die ganze Stadt.
Der Eintritt des Regenmonßons war nahe; gleichwohl zögerte man, zu meinem Erstaunen, mit der Ausschiffung. Wirklich wurden, weder den ersten noch den zweiten Tag, nicht die mindesten Anstalten dazu gemacht; der dritte vergieng auf gleiche Art; der vierte brach an; jetzt war es zu spät dazu. Seit zweimal vier und zwanzig Stunden nämlich hatte man alle Vorzeichen eines Orkans bemerkt.
Aengstlich drängten sich die Kühe auf der Weide zusammen, und stöhnend eilte das Wild den dichtesten Büschen zu; die Hunde heulten, die Vögel flogen unruhig umher, die meisten Thiere verkrochen sich. Stoßweis lief der Wind alle Compassstriche durch, und rings am Horizonte schossen feurige Flammen auf. Heftig schien das Meer in seinem Innern zu kochen, und warf eine Menge Muscheln und Seegewächse aus. Auf den schäumenden Wellen zeigten sich unbekannte Ungeheuer, und mit ängstlichem Geschrei flüchteten Tausende von Seevögeln an's Land.
Heute, als am fünften Tage traten alle diese Anzeichen mit verdoppelter Stärke ein. Die Luft war glühend heiß, der ganze Himmel mit schwarzen Wolken bedeckt. Furchtbar, in dumpfem Donnergemurmel, zogen sie gegen einander; tiefer und immer tiefer senkten sich die ungeheuern Massen, und feurige Blitze durchkreuzten die wachsende Finsterniß.
Endlich brach der Orcan mit tausend Donnerschlägen los. Der Regen in Strömen herab; die Cocos-Wälder wie Binsen zerknickt; die Trümmer wie Spreu umher; die schäumende Brandung bergehoch; Blitz auf Blitz; Schlag auf Schlag; ein Donner, eine Flamme; die ganze Natur in Untergang. Wenig Minuten, und die Rhede war mit treibenden Schiffen bedeckt. Bald verschwanden sie in den Abgrund; bald flogen sie wieder himmelan. Die Masten brachen; die Segel zerrissen; die Seiten öffneten sich. Schiff gegen Schiff geschleudert; ein's an dem andern zerschellt. So wirbelten sie in immer schnelleren Kreisen, bis sie endlich der schwarze Abgrund verschlang. Fünf Secunden, und unsere lezte Hoffnung war auf ewig dahin. -- Welche Nacht! -- Noch jezt denke ich mit Entsetzen daran. Als der Tag anbrach, war der ganze Strand mit Leichnamen und Trümmern bedeckt.
Sechstes Capitel.
So brach denn auch diesmal die schrecklichste Hungersnoth aus. Mochten die armen Hindus auch Alles verkaufen, sie fristeten ihr Leben doch nur einige Tage damit. Bald lagen Tausende dieser Unglücklichen, ohne Nahrung, ohne Kleidung, ohne Obdach, bei den heftigsten Regengüssen, auf den Straßen umher. Fürchterlich wüthete der Tod darunter, jeden Morgen fuhren an fünfzig Karren mit Leichnamen aus der Stadt. Endlich trieb man die lezten zweitausend Hindus auf das Glacis. Hier starben sie den langsamen Hungertod. Drey Tage und Nächte stieg ihr Wimmern zum Himmel auf. Endlich ward alles still. -- O Menschen, und Menschenleben! -- Doch, ich kehre zu meinen eigenen Schicksalen zurück.
Ich hatte meine Stelle bei Herrn de Souza aufgeben müssen; sein Jähzorn war gar zu groß. Noch keiner hatte so lange bei ihm ausgehalten; ich weiß am besten, wie viel ich mir gefallen ließ. Endlich aber ward es gar zu arg, und so brach ich förmlich mit ihm. Dennoch machte er mir noch hundert Pagoden zum Geschenk. Es war einer der sonderbarsten und veränderlichsten Menschen, die mir vorgekommen sind.
Alles machte mir nun den Aufenthalt in Madras unangenehm. Dazu kam die Furcht vor Hyder Ali, dem die schwarze Stadt -- wo wir wohnten -- am ersten offen stand. Ich dachte also ernstlich an eine Veränderung. Endlich lief ein Doppel-Thony (großer Küstenfahrer) unter dänischer Flagge ein, die nach Tranquebar bestimmt war. Ohne Mühe ward ich mit dem Tandel (Schiffer) einig, ließ unsere Effekten an Bord bringen, geleitete am andern Morgen Sophien mit ihrer Mutter selbst dahin, und kehrte dann, zur Abmachung einer lezten Angelegenheit, noch einmal an's Land zurück.
Unerwartet vergieng mir indessen darüber der ganze Vormittag. Jezt war es drei Uhr, und alles besorgt. Nach einer kurzen Mahlzeit machte ich mich auf, um noch einmal Freund Sabico Lebewohl zu sagen, dessen Haus überdem in meinem Wege lag. Plözlich biege ich um eine Ecke in ein schmales Gäßchen, wo alles mit Leichnamen bedeckt ist. Ein sterbendes Weib windet sich auf der Erde, und zerfleischt den blutigen Leichnam ihres Säuglings. Dieser Anblick, der Gestank, die Hitze, meine Ermüdung, alles überwältigte mich. Ich sank ohnmächtig nieder; ward zu Sabico getragen; und kam erst nach sechs Stunden wieder zu mir.
Mein erster Gedanke war Sophie und das Schiff. Mit einem Schreie raffte ich mich auf, und stürzte durch die finstere Nacht, bei Sturm und Regen, dem Strande zu. Vergebens, nirgends war ein Schiffslicht zu sehen. Ich wollte rufen; meine Stimme ward durch die tosende Brandung übertäubt. So brachte ich eine höchst traurige Nacht im nächsten Wirthshause zu. Endlich mit grauendem Morgen, eile ich wieder an den Strand. Der Nebel zerfließt, die Küsten werden sichtbar, das wogende Meer erhellt sich! -- Kein Schiff, so weit das Auge reicht!
Siebentes Capitel.
Mein Schmerz war grenzenlos; aber zu diesen Seelenleiden kam nun noch Geldverlegenheit. Meine Coffres waren an Bord, kaum hatte ich achtzig Pagoden bei mir. Zwar bot mir der gute Sabico Kost und Wohnung an; auch machte ich wirklich Gebrauch davon; allein wir hatten beide nicht viel. Mein Herz war unaufhörlich in Tranquebar. Tag und Nacht brütete ich über meinen Reiseplan.
Gleichwohl fehlte es immer an Schiffsgelegenheit, denn die französischen Kaper nahmen alle Küstenfahrer weg. Eben so wenig war an die Landreise zu denken; Hyder Ali's Reuter durchstreiften den ganzen Distrikt. Aber die Theurung ward immer größer; ich fühlte, daß ich meinem Freunde lästig zu werden anfieng. Sichtbar griff mich der beständige Kummer an. Was war zu thun? Es galt auch diesmal einen verzweifelten Entschluß. -- Ich mußte nach Tranquebar -- Tot oder lebendig; ich mußte nach Tranquebar.