Chapter 5 of 12 · 3912 words · ~20 min read

Part 5

Ein Jahr lang hatte ich hier meine Geschäfte mit vielem Erfolge betrieben, als ich mich, um dieselben noch mehr zu erweitern, zu einer Landreise nach Madras veranlaßt sah. Dieses geschah in einem Palankin. Man kann in der That durchaus nicht sicherer, bequemer und angenehmer reisen, als auf diese Art. Ein Palankin ist nämlich eine Art von Canapegestell, das ungefähr sieben Fuß lang, und drei Fuß breit zu seyn pflegt. Er hat einen mäßig hohen Rand, vier kleine Füße, und eine gewölbte Decke von Bambusrohr. Inwendig ist er mit einer weißen Matrazze und einigen Kissen belegt, während die Decke entweder mit Tuch oder Wachsleinwand überzogen wird.

In der Mitte dieses zeltartigen Daches, ist außerdem noch ein großes Stück grüner Cattun befestigt, das nach der Länge des Palankins, an beiden Seiten bis auf den Boden reichen muß. Bei Tage wird es aufgerollt, und in eine Wulst zusammengeknüpft; bei Nacht aber, wenn man in dem Palankin schläft, bildet es eine Art Bettvorhang. Ueberhaupt braucht man den Palankin gerade wie ein Canape.

Ein solcher Palankin wird von vier Männern getragen, denen noch vier andere zum Ablösen beigesellt sind. Zwei der Träger gehen vorn, zwei andere hinten, und jene wie diese halten den Palankin vermittelst eines Bambusrohres, das vorn und hinten mitten aus der Decke geht. Sie marschiren indessen nicht neben, sondern hinter einander, wobei das Bambusrohr auf der Schulter ruht. Da sie nun eine Art Takt im Schritte halten, den sie auch von Zeit zu Zeit mit der Stimme angeben, so ist die Bewegung eben so gleichförmig als angenehm. Man kann dabei lesen, schreiben, schlafen u. s. w. wie es einem beliebt. Wäsche, Vorräthe u. s. w. werden theils zu den Füßen, theils unter das Kopfkissen gepackt.

Es war vier Uhr Morgens -- »Tschollo!« (Marsch!) -- riefen meine Träger, nahmen den Palankin auf, und wanderten lustig die Straße entlang. Als wir Bimilipatnam im Rücken hatten, fieng es eben an vollends Tag zu werden, und überall flogen Schaaren von Krähen von den hohen schattigen Bäumen auf. Bald kamen wir bei einem schönen Mangabusche vorbei. Lieblich schimmerten die goldenen Früchte durch die dunkelgrünen glänzenden Blätter, und zwischen den freundlichen Aesten flatterten girrende Turteltauben herum.

Weiterhin holten wir eine Menge indischer Pilgrime von allen Sorten ein. Sie zogen sämmtlich nach dem heiligen Berge Schiemanchelom, den ich ebenfalls zu besehen willens war. Lange mußten wir zwischen diesen betenden und singenden Haufen bleiben, bis wir endlich das große schöne Thal erreichten, worin sich jener hohe steile Berg erhebt.

Eben sollte am folgenden Morgen das große Jahresfest beginnen, das immer neun Tage zu dauern pflegt. Der Zufluß von Menschen war daher außerordentlich. Nur mit Mühe fand ich noch einen schattigen Platz für meine Palankin, ruhte daselbst bis fünf Uhr, und stieg endlich den Berg auf einer breiten bequemen Treppe hinan. Das Thal, das kleine Dörfchen Chindopillie, der dabei befindliche See, u. s. w. alles bietet die mannichfaltigsten Aussichten dar.

Die ersten 430 Stufen hat man nichts als sanfte Abhänge neben sich. Plözlich aber stößt man auf einen steilen Felsenkranz, den man durch ein ausgehauenes Portal passirt. Von diesem Thore bis zum Gipfel werden noch 1160 Stufen gezählt. So wie man diesen erreicht hat, findet man das Dorf Schiemanchelom, und am südlichen Ende desselben den Tempel, der dem Gotte Appana geheiligt, und einer der ältesten in ganz Indien ist. In der Nähe desselben entspringt die heilige Quelle, die nach der Religion der Hindus für eben so wirksam wie das Wasser des Ganges gehalten wird. Kein Hindu darf sich dem Tempel nähern, wenn er sich nicht vorher in diesem Wasser gebadet, oder wenigstens seinen Kopf einige Minuten unter eine der fünf Adern gehalten hat. Das Gedränge um dieselben war daher außerordentlich, zumal da der ganze Badeplatz kaum hundert Schritt lang, und etwa halb so breit ist. Indessen fand dennoch die größte Ordnung, und das beste Betragen dabei statt. Einer half dem andern, einer machte dem andern Platz.

Noch bunter waren die Gruppen längs dem übrigen Wege, und auf dem Gipfel des Berges selbst. Zu beiden Seiten der Treppe ziehen sich nämlich schöne schattige Rasenplätze hin, wo die wandernde Masse von Zeit zu Zeit auszuruhen pflegt. Eben so ist es oben in der Nähe des Tempels, wo der ganze Haufen zusammentrifft. In dichten Kreisen knieten Männer und Weiber an dem Eingange des Heiligthums. Einige waren in tiefer Betrachtung; andere beteten mit stiller Lippenbewegung; noch andere stimmten Lobgesänge an. Die Luft war mit Weihrauchsdampf erfüllt; schöne Tänzerinnen scherzten mit ihren Liebhabern, und überall ertönten die Dools (Trommeln), und die Chelimbies (Becken).

Zehntes Capitel.

Es mochte ungefähr um vier Uhr Morgens seyn, als einer meiner Träger mich zu wecken kam. Noch war es völlig dunkel; gleichwohl hatte sich bereits der ganze Haufen Pilgrime in Bewegung gesezt. Das Geräusch glich dem dumpfen Donner eines Wasserfalles. Alles eilte nach dem Berge, der aufs prächtigste mit Fackeln und Pechkränzen erleuchtet war. Ich folgte dem Menschenstrome auf der von tausend Lichtern flammenden Treppen nach, verließ aber bald das Getümmel, um auf der andern Seite des Berges die Sonne aufgehen zu sehen. Nie habe ich eines schöneren Morgens, nie einer entzückenderen Aussicht genossen; alles war Licht und Klarheit, Leben und Herrlichkeit. Endlich stieg ich auf einem schattigen Fußpfade wieder in das Thal hinab, wo ich verabredetermaßen meinen Palankin fand.

Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen durch eine schön bebaute Ebene nach Nabob Pette, das zwar ein kleines, aber recht artiges Dörfchen ist. Hier hielten wir unser Mittagsessen in einem angenehmen Mangawäldchen, und sezten dann unsere Reise bis Dovigram, einem etwas seitwärts liegenden Dorfe fort, wo eine große und bequeme Chauderie befindlich ist. Unter den Reisenden, die sich bereits dort einlogirt hatten, fielen mir besonders zwei büßende Fakirs auf, wovon der eine ungefähr dreißig, der andere fünfzig Jahre alt war. Jener gieng völlig nackend, und trug in seinem Geschlechsgliede einen dicken und großen eisernen Ring. Der zweite hatte sich die entsezliche Buße aufgelegt, seine Arme und gefalteten Hände, hoch ausgestreckt, unaufhörlich über dem Kopfe zu halten, und es wirklich ausgeführt. Die Arme waren nun völlig steif geworden, und die Hände gleichsam in einander verwachsen, so daß alles ganz unbeweglich stand.

Als ich am andern Morgen in meinem Palankin erwachte, befand ich mich unvermuthet bereits zu Vizagapatnam. Meine Träger hatten ihn nämlich vorsichtig aufgenommen, und in der Kühle die Paar Stunden schnell zurückgelegt. Vizagapatnam ist eine Stadt, oder vielmehr ein Dorf mit einer englischen Factorei. Es ist ein unangenehmer, einsamer, trauriger Ort, der mitten zwischen kahlen Bergen, wie in einem Kessel liegt. Indessen hat es einen schiffbaren Fluß, und viele Baumwollenfabriken; auch sind die Einwohner wegen ihren feinen Elfenbeinarbeiten berühmt. Eben waren meine Geschäfte abgemacht, und ich wollte weiter reisen, als ich von einem Begräbnisse in der Nachbarschaft hörte, das ich mit anzusehen beschloß.

Es war zu Velur, nur anderthalb Stunden von Vizagapatnam. Eine junge Wittwe von der Caste der Chetries sollte sich mit dem Leichname ihres Mannes in einer Grube verbrennen, wie es im südlichen Theile von Coromandel auf einem Scheiterhaufen geschieht. Bei meiner Ankunft ward ich sogleich nach einem Hause gewiesen, wo die Wittwe in der Mitte ihrer sämmtlichen Verwandten, unter einer Art Baldachin saß. Es war ein junges wohlgebildetes Weib von höchstens ein und zwanzig Jahren, mit einer äußerst sanften Physiognomie. Sie bewegte die Lippen, wie eine Betende, theilte dann und wann unter ihre Verwandten Betel aus, und schien vollkommen gefaßt zu seyn. Ich betrachtete sie mit innigem Mitleid; bald aber zog mich die Menschenmasse nach dem zur Feierlichkeit bestimmten Platze fort.

Dieser lag außerhalb des Dorfes, ungefähr eine Viertelstunde davon. In der Mitte desselben befand sich eine Grube, die bei zehn Fuß Länge, acht Fuß breit und tief zu seyn schien. Sie war bereits mit einer großen Menge Kohlen angefüllt, dennoch warf man noch von allen Seiten Holz hinein. Endlich rückte der Leichenzug näher, rund um die Grube wurden Matten aufgehängt, und die ganze Masse der Zuschauer bildete einen unübersehbaren Kreis.

Die Wittwe war aufs prächtigste gekleidet, und überall mit Juwelen bedeckt. In der Hand hielt sie eine kleine, mit Gewürznelken besteckte Citrone, woran sie bisweilen zu riechen schien. Neben und hinter ihr, giengen ihre Verwandten, mit mehrern Braminen, und eine Menge Weiber beschloß den Zug. In einer gewissen Entfernung von der Grube ward Halt gemacht. Die Wittwe legte ihre Prachtgewänder und Juwelen ab, badete sich in dem benachbarten Weiher, den ein dichter Kreis von Freundinnen umschloß, und kam endlich in einem ganz einfachen weißen Gewande zurück. So gieng der Zug bis in die Nähe der Grube, an deren Rande der Leichnam des Mannes auf einer Bahre lag.

Als die Wittwe hier angekommen war, blieb sie einige Augenblicke davor stehen, sah ihn mit zärtlichen Blicken an, schlug sich vor die Brust, und brach in Thränen aus. Zulezt verbeugte sie sich, verließ die Bahre, und gieng dreimal um die Grube herum, wobei sie nie den Leichnam zu begrüßen vergaß. Jezt bei dem Leztenmale blieb sie wieder davor stehen; wendete sich zu ihren Verwandten; nahm mit völliger Ruhe Abschied von ihnen; empfieng von einem Braminen einen Krug mit Oel; goß etwas davon auf den Leichnam; sezte sich das Gefäß auf den Kopf; rief dreimal mit lauter Stimme: Naraina! (Gott) und sprang dann muthig in das brennende Grab hinein. Man hatte in demselben Momente die Matten fallen lassen; zu gleicher Zeit ward auch der Leichnam hineingeworfen, und alles mit tausend bereit gehaltenen Bränden bedeckt. Hoch schlugen die knisternden Flammen in die Lüfte empor, und die Weiber erhoben unter dem Lärm der Trommeln, Trompeten und Becken, ein gräßliches Freudengeschrei.

So sehr ich überzeugt war, daß die Unglückliche sogleich erstickt seyn mußte; so machte das Ganze dennoch einen sehr schmerzhaften Eindruck auf mich. Ich verließ den Platz, und trat meinen Rückweg nach Vizagapatnam an. Schon war es dunkel geworden, und in tiefen Gedanken wanderte ich wohl eine Stunde fort, bis ich endlich bemerkte, daß ich auf dem unrechten Wege war. Ein guter alter Mann, den ich eben einholte, bestätigte mir dieses, rieth mir nach Velur zurückzugehen, und zeigte mir einen kürzeren Fußsteig dahin. Ich kehrte demnach um, gieng einige Zeit auf diesem Fußsteige fort, glaubte aber bald in der Entfernung einige Lichter zu sehen, und beschloß geradesweges darauf zuzugehen. Doch die Lichter verschwanden, und ich fühlte mit Entsetzen, daß der Boden unter mir wich. Vergebens suchte ich mich an einem Busche festzuhalten; der Ast brach, und ich stürzte in einen tiefen Abgrund hinab.

Eilftes Capitel.

Als ich wieder zu mir kam, spürte ich in meiner Nähe einen scheußlichen Verwesungsgeruch. Es war ein todter Büffel, auf dem ich lag. Hastig raffte ich mich auf, und starrte verzweiflungsvoll in die undurchdringliche Finsterniß. Zorn und Wehmuth, Verdruß und Ungeduld; alle diese Empfindungen wechselten unaufhörlich in meiner Seele ab. Doch suchte ich mich endlich zu beruhigen, sezte mich auf den steinigten Boden nieder, und fiel in einen tiefen Schlaf.

Der Tag brach an; die finstere Gruft erhellte sich; ich erwachte, und wurde mit Entsetzen mein ganzes Unglück gewahr. Ich befand mich nämlich in einer Höhle, die sich zu beiden Seiten tief in die Erde zu erstrecken schien. Aus dem Gewölbe war ein großes Stück eingebrochen, und durch diese Oeffnung fiel das Licht hinein. Die hohen Wände waren völlig steil, und auf allen Seiten gleich weit davon entfernt.

Was sollte ich thun? Die Gegend schien durchaus menschenleer. Dennoch beschloß ich zu rufen, und verstärkte die Stimme nach Möglichkeit. Allein vergebens, sie verhallte in dem ungeheuren Raume, der mich umgab. Der Tag vergieng, das tröstende Licht verschwand, und Finsterniß des Grabes hüllte mich abermals ein. Diese zweite Nacht war ungleich schrecklicher für mich. Tausende von Uhus flogen über meinem Kopfe aus und ein, und ganze Haufen heulender Schakals umringten die Oeffnung. So saß ich mehrere Stunden lang, bis endlich ein schwacher Mondstrahl in die Höhle fiel, und meine Stimmung etwas ruhiger ward. Bald darauf sank ich in tiefen Schlaf.

So vergieng die Nacht, und mit dem ersten Sonnenstrahle floß neue Hoffnung in mein Herz. Durch die Oeffnung aus der Höhle zu kommen, war unmöglich; aber durch einen der Seitengänge vielleicht einen Ausweg zu finden, schien, troz der Gefahren, eines Versuches werth. -- »Wohlan!« -- sagte ich zu mir selbst -- »Wohlan! das Aeußerste gewagt!« -- So raffte ich mich ungefähr um Mittag auf, und schlug den Weg in einen der düsteren Seitengänge ein.

So lange ich noch etwas Tageslicht hatte, gieng es ziemlich gut. Als aber auch der lezte Schimmer verschwand, hielt ich mit klopfendem Herzen an. Doch auch diesmal trug die Ueberlegung den Sieg davon, und so stürzte ich mich muthig in die unermeßliche Nacht hinein. Die einzige Vorsicht, die ich brauchte, war, mich Schritt vor Schritt an der Wand zu halten, und allen Biegungen derselben nachzugehen.

Der Boden war rauh, und ungleich. Steinhaufen, und einzelne Felsenstücke, Erhebungen und Vertiefungen wechselten unaufhörlich ab. Ich mußte den Weg unaufhörlich mit dem Hirschfänger untersuchen, und rückte daher nur langsam fort. So mochte ich mich ohngefähr zwei Stunden fortgearbeitet haben; als ich plözlich an etwas Bewegliches stieß. Ich befühlte es mit dem Fuße; es schienen Knochen zu seyn. Ich griff es an; es war ein Menschenskelett. Welche Entdeckung! -- »Das Bild meines Schicksals!« -- sagte ich zu mir selbst, und lehnte mich tief erschüttert an die Wand.

Unterdessen glaubte ich einiges Geräusch zu hören, und rufte laut durch die starrende Finsterniß. Zugleich verdoppelte ich meine Schritte, entschlossen, dem Tode, oder dem Leben entgegen zu gehen. Plözlich ward ich zwei kleine feurige Punkte gewahr. -- Vielleicht eine Schlange die auf mich zugeschossen kam. -- Aber die Punkte blieben unbeweglich; es schien von zwei Lampen zu seyn. In dem Augenblicke machte die Wand einen starken Abfall, und ich erblickte eine Felsenspalte, die vom glänzenden Abendrothe beleuchtet war. Eilends kappte ich das Gesträuch hinweg, zwang mich mit muthiger Brust hindurch, und athmete nun wie neue geschaffen, in der freien herrlichen Gotteswelt.

Die Sonne gieng unter, und im Purpurglanze lag die ganze liebliche Landschaft, und Vizagapatnam in geringer Entfernung vor mir. Ich eilte dahin, und ward mit großer Freude empfangen; jedermann hatte mich todt geglaubt. Es zeigte sich jezt, daß ich in einer der Höhlen gewesen war, die ehedem mit den Pagoden in Verbindung standen, und deren Eingänge nur noch wenigen Braminen bekannt sind.

Zwölftes Capitel.

Nach einigen Tagen Erholung brach ich von Vizagapatnam weiter auf. Die Hitze war groß, der Weg beschwerlich; mit Vergnügen hielt ich gegen Mittag in dem freundlichen Dörfchen Chieriepille an. Es liegt in einem reizenden Thale, ist mit einer Menge Obst- und Betelgärten umgeben, und hat eine der schönsten und bequemsten Chauderies, die mir vorgekommen sind. Wir fanden hier einen Wahrsager, dergleichen sind in Indien sehr häufig. Zum Spaß ließ ich mir auch die flache Hand besehen, und bekam eine Menge Glück und Segen gewünscht.

Man darf diesen Leuten kein Geld anbieten, weil ihnen dergleichen anzunehmen, nach ihren Geboten nicht erlaubt ist. Man giebt daher Cattun, Musselin u. s. w., auch wohl eine Portion Reis. Alle diese Effekten müssen sie aber erst neun Tage an ihrem Leibe herumtragen, ehe ihnen der Verkauf davon gestattet ist. Was sie dann an Geld dafür lösen, dürfen sie nehmen, weil es auf indirektem Wege gewonnen wird. Der arme Teufel in unserer Chauderie schien die lezten neun Tage über, gewaltig beschäftigt gewesen zu seyn. Er hatte eine solche Menge Zeug, Schnupftücher, Turbans u. s. w. an seinem Gürtel hängen, daß er wie eine wandernde Schnittwaaren-Bude aussah.

Um meine armen Träger zu schonen, beschloß ich erst am andern Morgen weiter zu gehen. Ich benuzte daher den lieblichen Abend zu einem Spaziergange in dem schönen Thale, das mit herrlichen grünenden Bergen eingefaßt ist. Mit einbrechender Dämmerung gieng ich nach meinem Palankin zurück, fand einen vortrefflichen Pillau von Hühnern, und Bananas in Eiern gebacken, zum Abendessen, und schlief endlich unter den Gesängen einiger reisenden Tänzerinnen ein.

Am andern Morgen gieng es nun rasch über Berg und Thal, durch eine Menge Dörfer bis zur Chauderie Darma-Oro, wo zu Mittag angehalten ward. Hier sah ich einen Pandarone oder Mönch, der jedem Reisenden auf Verlangen, einen Trunk Reiswasser (Canje) gab. Dies geschah, indem er es ihm aus einem kleinen kupfernen Topfe in die Hände goß. Kein Hindu pflegt nämlich ein Trinkgefäß an die Lippen zu setzen; er hält es vielmehr so, daß ihm das Wasser, wie ein kleiner Strahl in den Mund schießen muß. Da nun aber eine niedere Caste das Gefäß schon durch die bloße Berührung für eine höhere unrein machen kann, so giebt es der Pandarone lieber Niemanden in die Hand.

Wir reisten weiter, bekamen bald das Meer zu Gesicht, und langten Abends in einem Fischerdorfe hart am Strande an. Hier ward ich für eine Kleinigkeit mit einem Gericht trefflicher Seefische bewirthet, und konnte die Ankunft der Kattamarans mit großer Bequemlichkeit sehen. Es ist dies in der That ein Schauspiel, das der Mühe lohnt. Man erinnert sich, daß ein Kattamaran ein, fünfzehn bis zwanzig Fuß langes, Floß ist, das aus fünf Balken besteht.

Man weiß, daß immer zwei Männer darauf befindlich sind, wovon der eine vorn, der andere hinten zu rudern pflegt; eben so, daß bei günstigem Winde ein kleines Segel aufgespannt werden kann.

Die Sonne sank tiefer, und von allen Seiten eilten diese Fahrzeuge dem Ufer zu. Es war eine ganze, kleine Flotte, pfeilschnell flog sie zwischen den purpurnen Fluthen hindurch, von tausenden von Möwen umringt, und vom fröhlichen Gesange der Ruderer belebt. Bald näherte sie sich nun der Brandung, die bekanntlich an diesen Küsten ungeheuer ist. Schnell wurden die Segel gestrichen, und die Ruder eingetaucht; da flogen die Kattamarans in die tosenden Wogen hinein. Hier sah man einige auf der Spitze derselben, dort andere wie in einem Abgrunde schweben, der sich darüber zu schließen schien. Aber wenig Minuten, und die ganze Flotte flog in einem Augenblicke auf den sandigen Strand.

Wir hatten unser Nachtlager zwischen den Dünen genommen, wo die angenehmste Kühlung herrschte, und nichts von Moskitos zu fürchten war. Am folgenden Morgen fanden wir uns daher außerordentlich gestärkt, und legten die ganze Tagereise schneller als gewöhnlich zurück. Abends kamen wir bei einem Mangabusche an. Hier hatte sich bereits ein großer Haufen Reisender gelagert, um am folgenden Tage zusammen durch einen Wald zu ziehen, der nicht für ganz sicher gehalten ward. Da ich mit Schießgewehr versehen, und überdem ein Europäer war, so baten sie mich, sie anzuführen, wozu ich dann auch ganz willig war.

Mit Tagesanbruch machten wir uns demnach auf den Weg. Indessen stießen wir auf nichts, als eine Menge rother Affen, von denen der ganze Wald bevölkert war. Als wir denselben hinter uns hatten, nahm ich von meinen Gefährten Abschied, und stieg wieder in den Palankin. Der Weg gieng nun durch eine sehr reizende Landschaft, Dorf an Dorf, und alles mit Tamarinden-, Cocos- und ähnlichen Baumpflanzungen, so wie mit Betelgärten bedeckt. Jezt bekamen wir auch wieder das Meer zu sehen, und athmeten erquickende Kühlung ein.

Ich mußte die Nacht im Palankin zubringen; die ganze Chauderie war mit Kaschie-Kauris angefüllt. Es sind dies eine Art Mönche, die zehn, zwanzig, und mehrere zusammen, nach Kaschie (oder Bonares) wandern, dort Wasser aus dem Ganges holen, und damit beladen, in ihre Heimath zurückgehen. Sie füllen dies heilige Wasser in runde irdene Krüge, wovon jeder zwanzig bis fünf und zwanzig Kannen halten kann. Diese Krüge sind mit dickem Netzwerk umflochten, und mit einem kurzen Halse versehen, der sorgfältig vergipst und versiegelt wird. An dem Siegel des Oberpriesters von Bonares, so wie an dem Certificate jedes Pilgers, erkennt man, ob das Wasser ächt ist. Ein jeder Kaschie-Kauris trägt zwei Krüge, den einen vorn, den andern hinten, an einem Bambusrohr. Dies Wasser wird entweder an Tempel verschenkt, oder an reiche Hindus verkauft. Für leztere ist es ein Gegenstand eines religiösen Luxus. Man benezt Sterbenden Haupt und Lippen damit; giebt es aber auch bei großen Gastmählern herum.

Am folgenden Tage passirten wir die Stadt Mongletur, die auf indische Weise befestigt ist, und langten Abends ziemlich spät in Tallapalar an. Hier mußten wir die Chauderie einer Abtheilung englischer Srapoys überlassen, und trieben nur mit Mühe etwas zum Abendessen auf. Am nächsten Morgen gieng es vollends nach Mazulipatnam. Wir kamen dabei durch das Dorf Pakaat. Hier sah ich einen Barbier, der einen ziemlich dicken Bart, auf das allervollkommenste mit zwei -- Glasscherben abnahm.

Dreizehntes Capitel.

Nachdem ich meine Geschäfte besorgt hatte, sezte ich meine Reise ohne Verzögerung fort. Vorher hatte sich noch ein Gefährte, ein gewisser holländischer Capitain, Namens Holtrop, zu mir gefunden, der nach dem Verluste seines Schiffes nach Madras zurückging. Wir kamen durch die Dörfer Okalgatta und Sorligatta, und nahmen unser Nachtlager in einer Chauderie hinter Naralcor. Der lezte Theil des Weges war äußerst angenehm; er lief durch eine fruchtbare Ebene, mit den mannigfaltigsten Pflanzungen bedeckt. Kaum hatten wir aber die Chauderie erreicht, als ein heftiges Ungewitter ausbrach. Da sich nun außer uns noch an sechzig Reisenden darin befanden, konnten wir allerdings nicht ohne Besorgnisse seyn. Indessen gieng alles glücklich vorüber, und nach einigen Stunden war der Himmel wieder völlig wolkenleer.

Unsere harmlosen Hindus hatten inzwischen nicht die mindeste Furcht gezeigt. Die Männer lasen oder sprachen; die Weiber und Mädchen schäkerten und kochten; die Kinder spielten mit unbefangener Fröhlichkeit fort. Nach dem Essen wurde erzählt und getanzt, und alles war voll Milde und Fröhlichkeit.

Die folgende Tagereise war entzückend schön; die ganze Landschaft blühte und grünte in üppiger Fruchtbarkeit. Wir giengen über den Kischtna, der in dieser Jahrszeit nicht besonders wasserreich war. Die Ueberfahrt ward wie gewöhnlich, in großen, runden, platten Körben gemacht. Diese Körbe haben ungefähr zwölf Fuß im Umfange, sind mit Leder überzogen, und werden mit Pagaien (kurzen Rudern) in Bewegung gesezt. Man muß sich indessen in diesen Körben sehr ruhig verhalten, indem sie beständig im Kreise drehen. Einige sind groß genug, um zehn bis zwölf Personen zu fassen; allein Hokkeries (indisches Fuhrwerk), Palankins u. s. w. werden niemals auf diese Art übergesezt. Hierzu bedient man sich der sogenannten Sangaries, welches ausgehölte Cocosstämme sind.

Wir ergözten uns während der Ueberfahrt an den herrlichen Uferansichten, und langten endlich in dem freundlichen Dorfe Kischtnapatnam an. Die Chauderie lag in der Nähe des Stromes, was uns der Kühlung wegen höchst willkommen war. Hier hörte ich zum erstenmale die melodischen Minkurwies (eine Art Wasservögel), die, wie man behauptet, in dem Kischtna ausschließend zu finden sind. Ich glaubte die Töne einer Aeolsharfe zu hören, und sank dabei in den süßesten Schlaf.

Nach einem stärkenden Morgenbade sezten wir unsere Reise weiter fort. Die Gegend war eben, und meistens mit Reis- und Gerstenfeldern bedeckt. Nur hie und da ragten aus den gelblichten Aehrenfluten einige glänzend grüne Hügel hervor. Dann folgte eine sandige, mit lichtem Tannengebüsch bedeckte Ebene, von einer Menge Schakals bewohnt. Endlich zeigte sich eine Reihe düsterer Cocoshaine, von Tausenden von Vögeln belebt. So langten wir um ein Uhr in Pampeton an. Dies ist ein großes volkreiches Dorf, das von einer Menge Betelgärten und Baumpflanzungen, Tamarinden und Arekagebüsche umringt ist.

Nachmittags kamen wir bei einer neuen Chauderie, und einem dem Goneisch (Gott der Andacht) geheiligten Tempel vorbei. Das Götzenbild lag indessen noch auf dem Boden; es fehlte noch das nothwendigste Erforderniß seiner Göttlichkeit. Dies waren die ~Augen~, die immer erst der Oberpriester mit vielen Feierlichkeiten einsezt. So lange ein Götzenbild noch dieser entbehrt, wird es blos für einen gewöhnlichen Block angesehen.

Mit einbrechender Dämmerung kamen wir in einem großen, auf einer Anhöhe gelegenen Dorfe an. Hier quartierten wir uns in einer Trivasel (der kleinsten Art von Chauderies) ein, und fanden zu unserer Freude nur wenig Reisende darin. Allein da es bald darauf heftig zu regnen anfieng, kam in kurzem noch ein ganzer Schwarm dazu. Ich eilte daher mein Abendessen einzunehmen, ließ den Palankin unter einen dickblätterigen Baum stellen, streckte mich hinter den Vorhängen auf meine Matrazze hin, und schlief, troz der Clapper eines Reisfeldhüters, in wenig Minuten ein.