Chapter 3 of 12 · 3955 words · ~20 min read

Part 3

»Aber!« -- fiel er plözlich in einem anderen Tone ein -- »An wen denken Sie Ihre Briefe abzugeben? -- Der Admiral ist abgesegelt, wie Sie sehen; der Intendant ist auf einige Tage verreist. Sie wollen gern nach Tranquebar, wie Sie sagen, und da geht eben ein Thony (Küstenfahrer) hin. Ich erwarte den Capitain jeden Augenblick. Wissen Sie was? lassen Sie die Briefe bei mir; so ist es gut!« --

»Sehr gern!« -- erwiederte ich, und war im Grunde herzlich froh, sie endlich los zu seyn. Es waren fünf und dreißig zusammen, worüber ich einen Empfangschein erhielt. Zu gleicher Zeit schrieb Mr. de Salmiac meinen Namen, nebst der Adresse eines meiner Freunde zu Tranquebar auf.

Jezt kam der Capitain der Thony, ich ward mit ihm um drey Pagoden eins. Es war mein leztes Geld; Mr. de Salmiac hörte es, blieb aber ganz gleichgültig dabei. -- »Essen Sie zu Mittag!« -- sagte der Capitain: »Sie haben gerade noch zwei Stunden Zeit!« -- Sofort überhäufte mich Mr. de Salmiac mit tausend Entschuldigungen, daß er heute selbst zu Gaste gebeten sey. -- »Wenn Sie indessen durchaus Niemand anders kennen« -- fuhr er fort -- »So werde ich Sie mitnehmen -- Ja! Ja! -- Ich werde Sie mitnehmen, wenn nämlich der Capitain warten will!« --

Sein zweideutiges Wesen misfiel mir; ich nahm daher augenblicklich Abschied von ihm. -- »=Mais!= -- =Mais!=« -- fiel er ein -- »=J'en suis fâché! J'en suis an desespoir!=« -- führte mich unter einer Menge Complimente zur Thüre hinaus, und ließ mich auf der Straße stehen. Ich darf es sagen, eine Belohnung verlangte ich nicht; aber ein gutes Mittagsessen hätte mir allerdings Vergnügen gemacht. Ich verkaufte nun einige kleine Pretiosen, aß in einer Taverne, und begab mich hierauf an Bord. Der Wind war günstig; schon um acht Uhr Abends ankerten wir auf der Rhede von Tranquebar. Vor Freude und Ungeduld war ich außer mir.

Alle Chialengs waren indessen bereits in Sicherheit gebracht; ich sah keine Möglichkeit ans Land zu gehen. Endlich vernahm ich Rudergesang. Es waren Fischer; sie kamen aus der See zurück. -- »He!« -- rief ich ihnen zu -- »Wollt ihr einen Weißen mit ans Land nehmen?« -- Sie achteten wenig, oder gar nicht darauf. -- »Eine Rupie, wenn ihr wollt« -- fuhr ich fort, und in wenig Minuten war ich auf dem Kattamaran (Floß). Wohl wußte ich, was ich wagte, und wie gefährlich das Landen war; allein ich dachte an Sophien, und verließ mich auf mein bisheriges Glück.

Jezt waren wir bei der glänzenden Brandung, die sich mit dumpfem Donner am Ufer brach. -- »Noch eine Rupie!« -- rief ich den Fischern zu, wenn ihr mich glücklich hinüber bringt. Zu gleicher Zeit warf ich mich nieder, und klammerte mich an die Balken an. Glücklich kamen wir über die zwei ersten Wellen hinweg, nicht so über die dritte, so groß auch die Anstrengung der Ruderer war. Sie holte uns ein, hieng, wie ein schreckliches Gewölbe, einen Augenblick über uns, und stürzte dann donnernd auf uns herab. Ich verlor das Bewußtseyn. -- Als ich wieder zu mir kam, lagen wir hoch und trocken auf dem Strande von Tranquebar.

Dreizehntes Capitel.

Ohne Aufenthalt eilte ich nun vollends in die Stadt hinein, und beschloß bei dem ersten besten nach Sophien Erkundigungen einzuziehen. Eben kam ich bei dem Zollhause vorbei; es war noch Licht darin. -- »Guten Abend!« -- sagte ich zu den Kannekas (Schreibern) -- »Könnt ihr mir nicht sagen, ob die Thony von Maleappa -- so hieß der Schiffer -- angekommen ist?« --

»O ja, schon vor geraumer Zeit! -- Dort liegt sie auf dem Strande -- Wenn's Tag wäre, könntet ihr sie gleich vor euch sehen. -- Sie wird reparirt; sie hat einen schweren Sturm auszuhalten gehabt.« --

»Wo wohnt Maleappa? Ich muß ihn sprechen.« --

»Wo er wohnt? -- Nun vermuthlich bei den Fischern, denn beim Sturme fiel er über Bord.« --

»Und die Frau mit dem jungen Mädchen? -- Sie befanden sich als Passagiere auf der Tony. -- Sind sie noch in Tranquebar?« --

Die Schreiber sahen einander an; keiner hatte ein Wort von diesen Personen gehört; ich ward leichenblaß. In diesem Augenblicke trat ein Kuli (Träger) auf mich zu. Er hatte bisher an der Thüre gesessen und unserem Gespräche zugehört. -- »Aya!« -- sagte er -- »Gieb mir ein Paar Panams und ich führe dich hin. Ich habe ihre Sachen getragen, und weiß, wo sie eingekehrt sind.« -- »Du sollst eine Rupie haben!« rief ich, und eilte mit ihm fort.

»Hier!« -- sagte er endlich, indem er auf ein malabarisches Häuschen zeigte -- »Hier Aya, hier wohnen sie! Soll ich anklopfen?« -- »Nein! Nein!« --sagte ich hastig, und hielt ihn zurück. -- »Hier hast du dein Geld, und gute Nacht!« --

In dem Augenblick gieng die Thür auf, und Sophie trat mit einer Lampe heraus. -- »O mein Gott!« -- rief sie und flog an meinen Hals. Seliger und unbeschreiblicher Augenblick. So fand uns die Mutter in stummer Umarmung. -- »Ach! wie haben wir uns geängstiget« -- sagte sie. -- »Nun Gott sey hoch gedankt!« --

Am andern Morgen dachte ich nun im ganzen Ernste an meine Einrichtung. Alle meine Sachen waren unversehrt; allein Tranquebar bot wenig, oder gar keine Hülfsquellen dar. Der dänische Handel ist unbedeutend; das Comtoir beschäftigt nur wenig Leute! überall herrscht die größte Sparsamkeit. Ich mußte mir einen bedeutenden Plaz wählen, wo ich überdem von dem Kriege sicher war. Es schien mir daher am besten, nach Jaffanapatnam auf Ceylon zu gehen. Die Mutter freute sich über meinen Entschluß, Sophie aber sagte kein Wort dazu. Erst jezt hörte ich von jener, daß der Bräutigam zu Trinconomale sey. -- In wenig Tagen hatte ich eine gute, geräumige Chialeng mit einem Sonnendeck gekauft, und tüchtige Ruderer u. s. w. besorgt. Da erschien auf einmal ein alter gutgekleideter Herr bei mir.

»Ich bin der Graf von Bonvoux« -- hub er französisch an -- »Sie befrachten eine Chialeng nach Jaffanapatnam; ich suche ebenfalls eine Gelegenheit dahin -- Wenn Sie mich mitnehmen könnten, wär' es mir angenehm. -- Ich habe nur ein Paar Coffers, vier Kisten mit Wein, zwei Ballen Musselin, und zwei weibliche Bedienten bei mir!« -- Ich sah an seinem Orden, daß er Maltheser war, und lachte herzlich über seine Dienerschaft.

»Das ist so einmal meine Art!« -- gab er jovialisch zur Antwort -- »Ich habe immer zwei Mädchen bei mir. Die eine besorgt die Küche, die andere meine Person.« -- »=D'ailleurs!=« -- indem er mich sehr bedeutend ansah -- »=Le nom ne fait rien à la chose. Vous le verrez!=«

Ich hatte anfangs wenig Lust zu dieser Reisegesellschaft, und entschuldigte mich durch den Mangel an Plaz, was auch nicht ganz ungegründet war. Allein der alte Ritter wußte mir alles so leicht vorzustellen, und schien zugleich so jovialisch zu seyn; daß ich ihm endlich die Ueberfahrt, und obendrein umsonst zugestand.

»Nun gut!« -- sagte er -- »So kaufen sie wenigstens keine Provisionen ein! Das will ich auf mich nehmen, und ich denke zu ihrer Zufriedenheit. Geben Sie keinen Sous dafür aus, ich bitte Sie! Verlassen Sie sich ganz auf mich!« -- So gieng er, und ich verließ mich wirklich auf ihn.

Beim Mittagsessen erklärte mir die Mutter, daß sie nicht mit zu reisen willens sey. Sie habe ein treffliches Unterkommen als Haushälterin bei einem Hollsteiner erhalten, sie vertraue Sophien meiner Rechtlichkeit an. Zerschlüge sich die Heirath, so hätte ich ihre Einwilligung. Sophie schien über dies alles äußerst vergnügt; man kann denken, wie sehr ich es selbst war.

So schlug es vier Uhr, und wir eilten in die Chialeng. Die gute Mutter begleitete uns an den Strand; wir nahmen herzlichen Abschied von ihr. Der Graf befand sich mit seinen beiden Mädchen bereits an Bord, und war äußerst höflich, wiewohl er einen kleinen Hieb zu haben schien. -- Wir richteten uns ein, so gut es möglich war. -- Endlich Anker auf! -- Da segelten wir lustig die Rhede hinaus.

Vierzehntes Capitel.

So verließ ich denn die Küste von Coromandel, wo ferner kein Glück für mich zu blühen schien. Mit vermischten Gefühlen blickte ich noch einmal auf das verschwindende Gestade zurück. Die Stadt, das Fort, die Pagoden, die Cocos-Wälder -- alles glänzte im Dufte des Abendroths; alles sank allmählich in Dämmerung.

Bald war es Zeit zum Abendessen, und der Graf öffnete seinen Speisekorb. Noch jezt sah ich ihn vor mir, wie er vier kleine gebratene Hühner, zehn Sousbrode, und eine Flasche Madera heraus nahm. Da ich dies natürlich nur für eine Art Voressen hielt, expedirte ich mein Huhn, und meine zwei Brode mit gutem Seemannsappetit.

»=Parbleu!=« -- sagte der Graf -- »Hätte ich das gewußt, ich hätte mich mit einem Huhn, und einem Paar Broden mehr versehen!« --

»Wie, Herr Graf?« fiel ich lebhaft ein -- »Das ist Alles?« --

»Wie Sie sehen, ja! -- =Vraiement! J'en suis fâché!= -- Aber es hat gar nichts zu sagen. Wir frühstücken zu Caix[3], ich stehe Ihnen dafür. Lassen Sie mich nur machen; ich bin ein alter erfahrner Steuermann!«

Ich ließ ihn schwatzen; denn ich merkte wohl, er hatte abermals zu tief ins Glas gesehen. Im Nothfall gab es überdem längs der Küste noch kleine Häfen genug. Völlig unbesorgt streckte ich mich also, wie die ganze Gesellschaft, auf meine Matte hin.

So mochte ich ungefähr bis fünf Uhr Morgens geschlafen haben, als ich von dem Tandel (Steuermann) geweckt ward. -- »Steht auf, lieber Herr!« -- sagte er sehr betrübt. -- »Ich kann keinen Grund mehr finden, und sehe auch kein Land mehr.« --

»Wie?« rief ich erschrocken -- »Kein Land? Wie ist das möglich?« -- Und mit einem Sprunge war ich auf, und sah leider, daß es gegründet war. -- »Aber« -- fuhr ich heftig fort -- »Warum hast du die Küste verlassen?« -- »Um Gotteswillen!« -- antwortete er zitternd -- »Nicht ich, der Franzose« -- »Wie, der Franzose?« -- »Ja Herr! Er hat es gethan! -- Er zwang mich dazu, er sezte mir die Pistole auf die Brust!« --

Es war in der That ein entsezlicher Streich. Die See gieng hoch; die Strömung lief nach Nordost; das Rudern war äußerst beschwerlich; unsere Richtung gerade entgegengesezt. Hierzu die Hitze, die Windstille, der Mangel an Proviant -- Ich gestehe es; ich war außer mir vor Zorn. Ich hätte den gräßlichen Patron über Bord werfen können; so erbittert war ich auf ihn. -- »Da!« sagte ich, und weckte ihn ziemlich unsanft auf -- »Da! Sehen Sie ihre verdammte Steuermannnskunst! -- Wir treiben in offener See.«

»=Vous êtes une bête!=« -- war seine Antwort -- »Was verstehen denn Sie davon? Nun ja! Ich habe diese Nacht gesteuert, und danken sollten Sie mir noch dafür. -- =Parbleu!= -- So an der Küste hinzuschleichen, wenn man Curs halten kann. In ein Paar Stunden müssen wir zu Caix seyn. Wenn man die Küste nicht sieht, so ist der Nebel daran Schuld.«

Jezt wurde es mir zu arg, und ich bewieß ihm mit der Charte, daß er ein Windbeutel sey. -- »Treiben wir die Nordspitze von Ceylon vorbei« -- fuhr ich fort -- »so ist es um uns geschehen. Also ans Ruder, bis der Wind auffrischt! Geben Sie den Leuten Geld, sonst stehe ich Ihnen für nichts!« --

Er schien mir Recht zu geben, und warf eine Hand voll Rupien hin. Diese theilte ich sofort unter die Ruderer aus, und machte sie wirklich ganz munter dadurch. Zu gleicher Zeit theilte ich Reis und Wasser unter sie aus. Wir andern behalfen uns mit etwas Zwieback und Maderawein.

So kam der Abend heran; der Wind schien aufzufrischen; die armen Ruderer konnten wenigstens etwas ruhen. Ich selbst löste den Tandel am Steuer ab, und war endlich der einzige, der auf der Chialeng wachend blieb. Zu meiner großen Freude ward der Wind immer stärker, und so steuerte ich muthig nach Südwest fort.

Fünfzehntes Capitel.

Die Sonne gieng auf. Rings umher nichts als Himmel und Wasser, und bald gänzliche Stille, wie vorher. Mit kummervollem Herzen rief ich die armen Malabaren an ihr beschwerliches Tagewerk. -- »Noch kein Land?« -- fragten sie traurig, als sie die weite, öde Wasserfläche vor sich sahen. -- »Noch kein Land, lieber Herr?« -- »Diesen Abend gewiß« -- antwortete ich mit erkünstelter Heiterkeit, und in dem Augenblicke trieb ein Bananasstamm vorbei. -- »Seht ihr?« -- fuhr ich fort, und faßte selbst einige Hoffnung -- »Seht ihr? Es kann nicht weit mehr seyn!« --

In diesem Augenblicke stürzte der Graf herbei -- »Hier«! -- schrie er einem seiner Mädchen aus der Caste der Parias zu -- »Hier! Sag den armen Leuten, daß der Mensch da ein Betrüger ist, daß er sie nun und nimmermehr in einen Hafen bringen wird. Von nun an will ich selber steuern, und wette tausend Rupien, daß wir morgen in Caix sind. Wer mir nicht gehorcht, dem jage ich den Degen durch den Leib!« -- Mit diesen Worten stieß er den Tandel auf die Seite, und wollte die Chialeng wieder nach Osten drehen.

»Freunde!« -- rief ich mit Heftigkeit -- »Nehmen wir einen andern Curs, so mag uns Gott beistehen!« -- Zu gleicher Zeit packte ich den Grafen beim Kragen, und entfernte ihn etwas unsanft von seinem Platz. Er stolperte, wollte ein Tau fassen, verfehlte es, und flog über Bord. Augenblicklich sprang ihm aber ein Ruderer nach, und brachte ihn wieder herauf, so daß er mit der Abkühlung davon kam.

Nachmittags ward ich in Osten einige Wolken gewahr. Dies versprach für die Nacht äußerst günstigen Wind. Gegen Abend indessen waren die Ruderer so ermüdet, daß einer nach dem andern zu Boden sank. Es ward finster; noch immer frischte kein Lüftchen auf. Jeder Seufzer Sophiens zerriß mir das Herz. Endlich schlief alles ein, und mir selbst sanken zulezt die Augen zu.

Plözlich -- vielleicht nach einigen Stunden -- erwachte ich von einem heftigen Stoße der Chialeng, und fand, zu meiner unsäglichen Freude, daß der Wind frisch aus Norden blies. -- »Auf Freunde, auf!« -- rief ich jezt dem Tandel, und den Ruderern zu -- »Der Wind ist da! Der Wind ist da! Jezt lustig das Segel auf! Morgen laufen wir in Caix ein!« -- Alle sprangen in Eile auf; alle waren mit neuem Muthe erfüllt. Ich steuerte nunmehr mit fester Hand, und rauschend flog die Chialeng durch die glänzenden Fluthen hin. Sophie kam zu mir, wir sprachen zusammen, bis der Tag anbrach.

Die Sterne blühten, in Osten fieng es an heller zu werden; mit klopfendem Herzen blickte ich nach der ersehnten Küste, die meiner Rechnung nach, in Süden zu finden war. Da gieng die Sonne auf, und wie ein bläulich glänzender Nebelstreif stieg das Land aus dem wellenden Meer empor. -- »Land! Land!« -- rief ich freudig, und zeigte mit der Hand dahin! -- »Land! Land!« -- tönte es durch die ganze Chialeng. -- Einige Stunden, und wir konnten schon die dunkeln Waldungen sehen. Endlich kamen wir näher und näher, und ich erkannte die kleine Insel ~Caradiva~, oder ~Amsterdam~, ungefähr zwei Seemeilen von Ceylon.

Gern hätte ich die Chialeng auf den Strand gesezt, allein der Felsenriffe wegen mußten wir vor Anker gehen. Eilig kletterten wir nun, den Grafen ausgenommen, vom Fahrzeuge herunter, wadeten über die Klippen, und langten wohlbehalten am Ufer an. Eine Frau zeigte uns den nächsten Brunnen, und besorgte uns bald ein gutes Mittagsmahl. Der Graf ließ seine Sachen in eine andere Chialeng bringen, und befreite mich so, zu meiner großen Freude, von seiner Gegenwart. Um vier Uhr ankerten wir bei dem Fort Ham an Hiel, und am andern Morgen kamen wir glücklich zu Jaffanapatnam an. Hier ward Sophie die meinige, und hier fand ich auf eine kurze Zeit, ein nie genossenes Glück.

Erste Abtheilung,

Jacob Haafner.

Zweites Buch.

Erstes Capitel.

Zwei Jahre darauf verlor ich meine geliebte Sophie, und mit ihr meine ganze Freude auf der Welt. In tiefer Schwermuth brachte ich vier Monate auf meinem Gartenhause zu, und sah nur einen einzigen Freund. Diesem gelang es endlich, mich durch einen großen Reiseplan zu zerstreuen. Es kam auf nichts Geringeres an, als durch das Innere der Insel nach ~Colombo~ zu gehen. Indessen beschlossen wir außer den Sclaven und Trägern, noch einen europäischen Reisegefährten zu suchen, um wenigstens unserer drei zu seyn.

Dies war schwerer, als es scheinen mag; doch mit einiger Mühe fanden wir endlich unseren Mann. Es war ein verabschiedeter holländischer Sergeant, Namens Georgi aus Strasburg. Freilich war er ein wenig taub, und trank für sein Leben gern; aber er kochte vortrefflich, war der lustigste Kauz von der Welt, und fürchtete sich selbst vor dem Teufel nicht. Bei so viel guten Eigenschaften drückten wir gern ein Auge zu. Da er nun überdem selbst nach Colombo wollte, kam der Handel sehr bald in Richtigkeit. Einige Tage nachher gesellte sich noch ein vierter Europäer, ein Mr. d'Allemand zu uns. Er hatte Depeschen vom Admiral Suffrer an den französischen Agenten zu Colombo zu überbringen, und bot sich uns daher zum Gefährten an. Zwar hätte er die Reise gern längs des Strandes gemacht, allein es fehlte an Gelegenheit. Nachdem nun alle Anstalten getroffen waren, wurde der neunte Juni 17-- zur Abreise festgesezt.

Unsere ganze Caravane war jezt sechszehn Mann stark; wir vier Europäer, zwei Sclaven, und zehn Trägern, oder Chivias. Drei der leztern, und zwar die stärksten, trugen jeder sechszig Pfund Reis, und zwei andere den Coffre von d'Allemand. Der sechste war mit zwei großen kupfernen Wassertöpfen, der siebente mit zwei Körben voll Zucker, Caffee, Wein u. s. w. bepackt. Der achte trug das Tisch- und Küchengeräth; der eine meine und Templyns[4] Kleider und Wäsche; der zehnte endlich unsere Matten, und die Fougritos oder Raketen, die man auf die wilden Thiere wirft. Templyns, d'Allemand, und ich, wir hatten jeder unsern Hirschfänger an der Seite, eine tüchtige Büchse auf der Schulter, und ein Paar Pistolen im Gurt. Der Sergeant trug seine ganze Bagage auf dem Leibe, und schleppte einen großen Husarenpallasch hinter sich drein. Es versteht sich, daß wir die Oppa nicht vergessen hatten, d. h. den Generalbefehl an die Majorals oder Dorfältesten, uns gegen Bezahlung mit Lebensmitteln zu versehen.

So zogen wir dann am 9. Juni, Nachmittags um drei Uhr, unter einem gewaltigen Zulaufe aus der Stadt. Vorn die beiden Sclaven, als Cymbelschläger; dann wir Europäer; zulezt die Träger, oder Chirias. Um vier Uhr kamen wir zu Colombogamme an. Dies ist ein kleines Fischerdorf, hart am Meerbusen (Passo de Catchai), wo man nach dem eigentlichen Ceylon überfährt. Um sechs Uhr machten wir am andern Ufer unter einem großen Platanus Halt. Es ward beschlossen, hier zu übernachten, indem das nächste Fischerdorf nur aus elenden Hütten bestand.

Unser Sergeant gab uns viel zu lachen, indem er der Flasche gar gewaltig zusprach. Dabei ergoß er sich in einen Strom von Flüchen gegen das weibliche Geschlecht. Er war nicht weniger als fünfmal verheirathet gewesen, und alle seine Weiber hatten ihm entsezlich mitgespielt. Die eine war ein Hausteufel gewesen, der ihm keinen Augenblick Ruhe ließ. Die zweite hatte ihn an preußische Werber verkauft. Die dritte brachte ihn an den Bettelstab. Die vierte hatte ihn holländischen Seelenverkäufern in die Hände gespielt. Die fünfte, eine Paria (gemeines indisches Mädchen) hatte ihm nach dem Leben gestellt. Diese Ehestands-Abentheuer erzählte er uns in einem höchstpossirlichen Gemische von Holländisch und Hochdeutsch, das durch seinen elsaßischen Accent nur noch komischer ward.

Zweites Capitel.

Am folgenden Morgen traten wir unsere eigentliche Reise an. Die Luft war kühl; der herrliche Golf glänzte im Morgenroth. Wir verließen die gewöhnliche Straße, um längs der Küste hin zu gehen. So kamen wir gegen neun Uhr, bei einem Ambelan, am Eingange des Dorfes Manur an. Diese Ambelans sind eine Art Schuppen, mit Stroh gedeckt, und zum Besten der Reisenden erbaut. Wir nahmen hier ein Frühstück ein, das aus Reis und Callou, oder Palmwein bestand. Von nun an gieng es wieder landeinwärts, fast immer zwischen waldigen Hügeln hin. Dörfer wurden wir keine, sondern nur einige Gehöfte, und einzelne Hütten gewahr.

Es war gegen elf Uhr, und schon zeigte sich in der Ferne das kleine verfallene Fort Panoryn, als unsere Mittagsstation. Templyn hatte zu Manur frische Cocosmilch getrunken, und seitdem über Leibschmerzen geklagt. Plözlich warf er sich vor einer Hütte nieder, und erklärte, er könne nicht weiter fort. Vergebens suchten wir ihm durch Arrak u. s. w. einige Linderung zu verschaffen, die Krämpfe nahmen mit jedem Augenblick zu. Endlich trat ein alter Mann aus der Hütte, und reichte ihm eine Art Pflanzensamen auf einem Betelblatt. Dies that sofort die beste Wirkung, worauf fröhlich nach Panoryn gewandert ward.

Der Commandant dieses Postens empfieng uns mit vieler Herzlichkeit. Er hieß König, war sieben und siebenzig Jahr alt, und hatte davon drei und dreißig hier verlebt. Danke bar nahmen wir gegen vier Uhr Abschied von ihm. Bald sahen wir nun den ungeheuren Wald in seiner ganzen Ausdehnung vor uns, und kaum eine Stunde, so hatten wir den Eingang desselben erreicht. Unser Führer, der erste Chiria, ein alter erfahrner Elephantenjäger, gieng nun voran. In ungeheuren Massen strebten die hohen, verschlungenen Bäume empor; kaum fiel hier und da ein schwacher Schimmer hindurch. Um vorwärts zu kommen, mußten wir häufig das Beil gebrauchen; bis wir endlich einen schmalen Fußpfad fanden, der sich in einer Schlangenlinie hinwand. Dies war einer von den drei oder vier geheimen Wegen, die durch diese Wälder bis in das Innerste der Insel gehen. Sie sind sämmtlich mit einer dichten Seite eingefaßt.

Wir mußten hier einer hinter dem andern marschiren, so daß man sich, bei den vielen Krümmungen häufig aus dem Gesichte verlor. Ich hatte d'Allemand hinter mir, und sprach über ein gewisses Etwas sehr lebhaft mit ihm. Plözlich springt links ein ungeheurer Bär aus der Hecke, und bleibt quer auf dem Fußsteige stehen. Ich falle über ihn weg, er richtet sich auf, und schlägt seine Tatzen auf mich hin. Schon fühle ich seinen brennenden Athem an meinem Gesichte; als plözlich ein Schuß fällt, der Bär sich abkehrt, und die Flucht ergreift. D'Allemand hatte diesen Schuß gethan; die Kugel sauste mir hart an den Ohren vorbei.

Um indessen dergleichen Vorfälle künftig zu vermeiden, änderten wir die Ordnung unseres Zuges, und ließen die Cymbelschläger, nebst zwei bewaffneten Trägern, zwanzig Schritte vor uns gehen. Ueberdem wurden mit einbrechender Dämmerung Pechfackeln angezündet, und jeder machte sich zum Schusse bereit. Von dem Geräusch der Cymbeln und dem Lichte wurden eine Menge Vögel und Affen munter, so daß alles um uns lebendig war.

Gegen neun Uhr kamen wir bei einem Ambelan an, der aber ganz verfallen war. Da dergleichen Hütten immer voll Schlangen sind, schlugen wir unser Lager unter freiem Himmel auf. Es ward dabei eine gewisse Methode beobachtet, die ich beschreiben will, weil sie bei allen übrigen Nachfolgern dieselbe blieb. Zuerst ward der Platz so weit als möglich vom Wasser gewählt. Dies geschah der wilden Thiere wegen, die hier zu saufen gewohnt sind. Dann wurden die Träger zum Holzfällen abgeschickt, und von zweien von uns escortirt. Hierauf wurden ein großes, und um dasselbe noch drei kleine Feuer angezündet, worauf die ganze Caravane Platz dazwischen nahm. Bald war nun das Abendessen verzehrt, und einer schlief nach dem andern ein. Nur die zwei Wächter mußten sich munter halten, und fleißig nach den Feuern sehen. Daß sie regelmäßig abgelöst wurden, versteht sich.

Als wir Holz zu fällen anfiengen, belebte sich auf einmal der ganze Wald. Vögel, Affen, Hirsche u. s. w. erfüllten mit ihren Stimmen die Dunkelheit. Die Affen besonders, die sich zu Tausenden versammelten, schrien zwei volle Stunden fort. Endlich ward es wieder still. Kein Blättchen rauschte; kein Lüftchen säuselte; der Wald war todt und öde, wie ein weites Grab. Doch plözlich vernahmen wir in der Ferne ein dumpfes Getös, das immer näher kam. Die Erde erbebte; der Wald rauschte wie vom heftigsten Strome bewegt; krachend stürzten unzählige Bäume zusammen -- Was war es? --Ein Trupp Elephanten bahnte sich einen Weg durch den Wald. Sie kamen im heftigsten Trabe, und lautem Geschrei daher. Es war ein donnerähnliches, wie mit Trompetentönen vermischtes Getös. Endlich ward es völlig ruhig; nur dann und wann hörte man einen Tiger brüllen, oder einige Schakals schreien.

Drittes Capitel.