Chapter 4 of 12 · 3968 words · ~20 min read

Part 4

Der Tag brach an, und der ganze Wald war mit Leben und Freude erfüllt. Auf allen Bäumen wimmelte es von Affen, Papagayen, Pfauen und unzähligen andern Vögeln von ausgezeichneter Schönheit. Tausende von bunten Schmetterlingen schwärmten zwischen den Gesträuchen umher. Dabei der liebliche Duft der blühenden Bäume, der uns bei jedem Schritte entgegenschwamm. Und welche Kühle und Frischzeit unter dem dichten grünenden Obdach, nur schwach von der Morgensonne beglänzt.

So zogen wir fort, voll Muth und Heiterkeit, bis ungefähr gegen elf Uhr, wo an einem klaren Bache Halt gemacht, und das Mittagsessen bereitet ward. Templyn hatte hierzu ein Dutzend Hasen geschossen; denn sie liefen uns im eigentlichen Sinne unter den Füßen herum. Auch jezt ward bei der Einrichtung unsers Lagers eine gewisse Ordnung eingeführt; so daß z. B. jeden seine Reihe zum Wachestehen traf. Ich sage zum Wachestehen, weil natürlich einige Stunden Mittagsruhe gehalten ward, was für uns alle, besonders für die Träger so nöthig war.

Erst um drei Uhr Nachmittags brachen wir demnach von diesem Lagerplatze auf. Anfangs war der Wald außerordentlich verwachsen, und kaum noch eine Spur des vorigen Weges zu sehen. Wir mußten uns daher nach dem Compasse richten, und legten es folglich, wie die Schiffer sprachen, auf Südwest an. So erreichten wir mit sinkendem Abend eine bequeme Lagerstelle, wo alles auf oben beschriebene Weise eingerichtet ward. Die Nacht vergieng ohne Abentheuer; nur daß einmal ein Elephant in unsere Nähe kam.

Die folgende Tagereise (12. Juni) bot durchaus nichts Merkwürdiges dar, war aber außerordentlich lang -- Wir kamen erst Abends um zehn Uhr bei unserem Lagerplatze an. Ich mußte diese Nacht die erste Wache halten, und mochte vor Müdigkeit wohl ein wenig eingeschlummert seyn. Plözlich wurde ich durch ein lautes Geschrei geweckt -- »Ein Tiger! Herr! Ein Tiger!« -- riefen die Träger mit Entsetzen, und zeigten auf ein Paar glänzende Punkte, die ich mitten durch die Finsterniß, wie zwei kleine Lichter schimmern sah. Es waren die Augen des Tigers, der auf seine Beute zu lauern schien. Ich nahm meine Flinte und weckte Freund Templyn auf, der ein sehr guter Schütze war. Wir beschlossen gerade auf die Mitte zwischen den beiden Punkten zu zielen, und drückten zu gleicher Zeit ab. Bald darauf vernahmen wir ein Stöhnen, das uns über den Tod des Thieres keinen Zweifel übrig ließ. Wirklich fanden wir den Tiger am andern Morgen, und nahmen seine Haut als Siegeszeichen mit.

Unser Weg ward immer steinigter, wie der Wald lichter zu werden anfieng. Wir waren nämlich kaum einige Meilen von den Gebirgen von Couragahing entfernt. Als wir so einige Zeit fortmarschirt waren, wurden wir auf einem Baume einen Bienenstock gewahr. Sogleich bot sich einer unserer Träger an, hinaufzuklettern, und den Ast abzuhauen. Er thut es, erreicht den Ast, und führt den ersten Streich. Allein plözlich stürzen die Bienen auf ihn los, und hängen sich an seine nackten Glieder an. Brüllend von Schmerz will er heruntersteigen, thut einen Fehltritt, stürzt herab, und bricht das Bein. Um ihm Hülfe zu verschaffen, beschlossen wir uns östlich nach der Küste zu wenden, wo allein Dörfer anzutreffen sind.

Eilends wurde nun der Bienenschwarm mit Rauch vertrieben, eine Tragbahre von Baumästen gemacht, der arme Träger (Kulie) darauf gelegt, und der Marsch fortgesezt. Um ein Uhr Nachmittags hielten wir eine halbe Stunde an, und nahmen etwas Kaltes zu uns. Der Rest der Tagereise war wegen des schlechten Weges, und des Mangels an Wasser sehr unangenehm. Gegen acht Uhr Abends kamen wir endlich aus dem Walde heraus, und gegen zehn Uhr erreichten wir das große Dorf Vedative, wo ein holländischer Posten ist. Hier brachten wir den armen Träger zu einem Töpfer[5], versahen ihn mit dem nöthigen Gelde zur Kur und Heimreise, und nahmen einen andern an seine Stelle an. Hierauf begaben wir uns zu dem Kommandanten des Postens, wo Gesellschaft von Verwandten war.

Wir mußten uns sogleich zum Abendessen niedersetzen, das aus Reis und vortrefflichem Wildpret bestand. Der gute alte Mann hieß Joseph ~Voit~, und hatte bereits fünf und sechzig Jahre hier gelebt. Sein Vater und Großvater hatten jeder die Stelle fünfzig Jahre bekleidet, und er selbst war nicht weit mehr von dieser Zahl. -- O Menschenleben! -- O Glück der Beschränktheit! --

Viertes Capitel.

Der Tag brach an (14. Juni); bald war Abschied genommen, und Vedative blieb hinter uns. Um zwei Uhr Nachmittags erreichten wir das große und schöne Dorf Mantore, fanden aber keine Lebensmittel daselbst. Ich schickte daher einen unserer Träger mit einem Briefe nach Manaar, an meinen alten Freund, den Ingenieurhauptmann Nagel ab. Unterdessen behalfen wir uns mit einigen übriggebliebenen Rebhühnern, und beschlossen für heute nicht weiter zu gehen. Gegen Abend kam endlich mein Bote mit Arrak, Anisliqueur und Lebensmitteln zurück, worauf es eine recht fröhliche Abendmahlzeit gab.

Am folgenden Morgen ward die Reise mit erneuerten Kräften fortgesezt. Wir durchschnitten eine große, sandige Ebene, auf der wir eine Menge Schakals schwärmen sahen. Bald aber kamen wir an den Strand, wo der Weg äußerst beschwerlich ward. Wir begegneten drei malabarischen Reisenden, die von Colombo kamen, und langten Abends gegen fünf Uhr in Bangala an. Dies ist ein ansehnliches Dorf, das von getauften Singalesen bewohnt wird. Hier übernachteten wir in der katholischen Kirche, die uns der Majoral gegen eine billige Vergütung öffnen ließ.

Unsere ~siebente~ Tagereise war höchst unangenehm, und bot überdem durchaus nichts Merkwürdiges dar. Wenig Schatten, höchstbeschwerlicher Fußsteig längs dem Strande hin, und auf dem ganzen langen Wege kein einziges Dorf. Endlich giengen wir Abends um sechs Uhr über den Calear, der beinahe ausgetrocknet war, und fanden am andern Ufer eine Pagode, deren Bramin uns sehr freundlich aufnahm. Wir übernachteten in der Nähe auf die gewöhnliche Art.

Am folgenden Morgen sahen wir einem heftigen Kampfe zwischen zwei Büffeln zu. Sie trafen so gewaltig zusammen, daß jedes Stirn von Eisen zu seyn schien. Ich fühlte mich unpaß; auch fieng es heftig zu regnen an. Wir brachen daher erst um zwei Uhr Nachmittags auf, und legten nur vier Stunden zurück.

Die nächsten zwei Tagereisen führten uns wieder in den Wald, der in geringer Entfernung neben dem Strande hinläuft. Wir sahen die Ruinen einer portugiesischen Kirche und dachten der großen Vergangenheit. Das Wetter klärte sich auf; ich befand mich wieder vollkommen wohl.

Fröhlich traten wir nun am 20. Juni unsere elfte Tagereise an, und erreichten Mittags den Ambelan, Conderipo genannt. Hier sprang uns ein schöner Jagdhund entgegen, und schmiegte sich liebkosend an uns an. Mit Sonnenuntergang glaubten wir, wie gewöhnlich uns lagern zu können, allein diesmal hatte sich unser Wegweiser selbst verirrt. Wir mußten also noch einige Stunden marschiren, bis endlich in der Nähe eines Baches Halt zu machen beschlossen ward. Die Luft war äußerst schwül; endlich brach ein furchtbares Ungewitter los. Der Wald erbebte; krachend stürzten tausende von Wipfeln und Aesten herab. Da schlug der Bliz in eine Gruppe von Cocospalmen, und knisternd loderten sie in hellen Flammen auf. Es war eine schreckliche Nacht, in der keiner von uns ein Auge zuthat.

Am folgenden Tage neue Verlegenheit. Der Fluß, den wir zu passiren hatten, war mit Krokodillen angefüllt. Wir kamen indessen mit Hülfe unserer Cymbeln glücklich hindurch. Gegen Mittag begegneten wir einer kleinen singalesischen Caravane, die aus drei und zwanzig Mann mit siebzehn Stieren bestand. Der Anführer nannte sich Manioppu, und war ein alter sehr verständiger Mann. Er schenkte mir zwei Kuchen, wogegen ich ihm, nach seinem Wunsche, einen Bleistift gab. Abends kamen wir bis zum Dorfe Golgom, wo wir uns mit Lebensmitteln im Ueberflusse versahen.

Unsere dreizehnte Tagereise (22. Juni) führte uns nach Putlan, wo ein holländischer Posten ist. Der Commandant, ein Deutscher, Herr Bodenschatz, war in Colombo; sein Sergeant nahm uns aber sehr gastfrei auf. Wir mußten zwei Tage bleiben, was uns wirklich gar sehr zu statten kam. Putlan ist ein sehr nahrhaftes Dorf. Es werden sehr viel Schaluppen, Thonys, und andere ähnliche Fahrzeuge hier gebaut. Der Hühnerhund, der uns zugelaufen war, gehörte dem Commandanten, und wurde seit länger als einem Monate vermißt. Die drei nächsten Tagereisen waren eben so beschwerlich, als uninteressant. Am 28. Juni hielten wir abermals einen Rasttag.

Am 29. Abends erreichten wir Maravilla, ein sehr ansehnliches Dorf, das nur eine halbe Stunde vom Meere liegt. Alles war hier mit Fremden angefüllt; wir übernachteten daher in einem ziemlich entfernten Ambelan. Ich hatte die Wache von ein bis drei Uhr Morgens, und sah starr in die grause Finsterniß hinaus. Furchtbar tönte das Brüllen der Schakals, das Rauschen des Waldes, das Tosen der Brandung durch die stille Nacht zu mir.

Am 30. Juni marschirten wir abermals längs des Strandes hin. Hier fanden wir eine Reihe Lascars (Seesoldaten) als Küstenwächter aufgestellt. Bei der Annäherung eines Feindes haben sie von Posten zu Posten große Holzhaufen anzuzünden, die deshalb aufgestapelt sind. Um zwei Uhr giengen wir über den Caimella, fanden das schön gelegene Dorf Gannipellie, und hielten mit frischem Seefisch ein stattliches Mittagsmahl. Die Landschaft ward nun äußerst angenehm. Ansehnliche Dörfer, dichte Cocospflanzungen, üppige Wiesen und Felder wechselten in lieblicher Mischung ab. Wir nahmen unser Nachtlager in Topture, das von katholischen, noch aus den Zeiten der Portugiesen herstammenden, Singalesen bewohnt wird. Der Pfarrer, ein Franziskaner aus Dijon, nahm uns sehr freundlich auf.

Unsere folgende Tagereise war eben so angenehm, und die Gegend entzückend schön. Ein Gewitter trieb uns indessen in großer Eile nach ~Negombo~ hinein. An dem Commandanten fanden wir einen sehr jovialen Mann. Er machte ganz und gar kein Geheimniß daraus, daß er früher Haushofmeister des Generalgouverneurs gewesen sey. Negombo ist ein sehr fester Plaz, und überflüßig mit süssem Wasser versehen. Der hiesige Zimmet wird für den besten gehalten, die Bäume vermehren sich ungemein. Man schreibt dies, und nicht mit Unrecht, den ~Raben~ zu. Diese suchen nämlich die Früchte sehr begierig auf, und geben sie unverdaut von sich. Daher denn auch die Unverlezlichkeit dieser Vögel auf Ceylon und ihre unglaubliche Unverschämtheit.

Am 2. Juli, dieselbe reizende Landschaft; man merkt deutlich, daß man ~Colombo~ immer näher kommt. Endlich am dritten, als dem ~ein und zwanzigsten~ Tage unserer Reise, langten wir bei guter Zeit daselbst an. Die herrlichen Umgebungen voll Gärten und Landhäuser; die schönen Alleen, die breiten Straßen, die prächtigen Häuser -- alles verkündigt eine Hauptstadt.

Fünftes Capitel.

Drei Monate waren wir bereits in Colombo gewesen, und hatten manchen fröhlichen Tag mit alten Freunden verlebt. Endlich waren Templyns Angelegenheiten geordnet, und wir mußten auf unsere Rückkehr bedacht seyn. Am leichtesten und bequemsten hätte dies zu Wasser geschehen können; allein es war keine Gelegenheit vorhanden, überdem hielt auch der Regenmonßon noch an. Es ward daher beschlossen, den gewöhnlichen Landweg zu nehmen, der längs der Küste hinläuft. Was mich indessen anlangt, so hätte ich vorher noch gern eine Reise in die Gebirge von Boucout gemacht. Allein Templyn war durchaus dagegen, und nannte die ganze Unternehmung abenteuerlich.

Unter diesen Umständen ward ich mit einem Portugiesen, Namens Don Manuel de Sylva, bekannt. Es war ein sehr einnehmender Mann, der durch eine Reihe der sonderbarsten Schicksale nach Colombo verschlagen worden war. Er hatte, wie er sagte, in den Gebirgen von Candy, eine unbekannte Diamantengrube entdeckt, dachte auf eine zweite Reise dahin, und lud mich zur Gesellschaft ein. Allein ich fand die Sache so gefährlich, daß ich den Vorschlag von mir wieß, worauf er sich seinerseits zu unseren Reisegefährten anbot. Wir ließen uns dies gern gefallen, nahmen noch drei Träger an, und brachen endlich Nachmittags um fünf Uhr von Colombo auf.

Der Himmel war mit dicken Wolken bedeckt; von Zeit zu Zeit fielen Regenschauer herab, und der Wind blies mit Heftigkeit. Unsere Träger hatten ein wenig zu viel Talwag (eine Sorte Arrak) getrunken, und kamen daher in der Dämmerung vom rechten Wege ab. So irrten wir die halbe Nacht herum, bis wir endlich das Dorf Werigur erreichten, wo nun den ganzen folgenden Vormittag ausgeruht ward.

Die nächsten zwei Märsche waren nicht weniger beschwerlich, auch ward der angeschwollene Colombo mit vieler Mühe passirt. Abends erreichten wir Negombo. Um jedoch dem Commandanten nicht beschwerlich zu fallen, quartierten wir uns in dem benachbarten Dorfe Sunneput, in einer alten Kirche, ein.

Die beiden folgenden Tage, weitere Reise, und Nachtlager auf die gewöhnliche Art. Templyn verließ mich hier; ein Brief von seiner kranken Frau rufte ihn eilig nach Jaffanapatnam zurück. Don Manuel, der Portugiese, fieng nun zum zweitenmale von seiner Reise an. Er gestand mir jezt, daß es keine Diamantengrube, sondern ein Familienschatz sey. Er hatte die sichersten Anweisungen über die Stelle, wo er vergraben war. Da dies zu meinem Plane, die Gebirge von Bocour zu bereisen, vortrefflich paßte, willigte ich ohne viel Mühe ein. So erreichten wir Chilaw, lohnten unsere Träger ab, machten im Stillen die nöthigen Einkäufe, und brachen endlich am dritten Tage wieder auf.

Anfangs, und um die Einwohner zu täuschen, verfolgten wir den nämlichen Weg; bald aber schlugen wir uns seitwärts in die Wälder, und nahmen unsere Richtung gegen das Gebirge zu. Unsern Reisevorrath hatte der Portugiese schon den Abend zuvor in der Nähe versteckt. Das Ganze bestand aus einem Sacke mit ungefähr zwanzig Pfund Reis; einem Paar Pistolen nebst Pulver und Blei; zwei Calebassen, die eine mit Arrak gefüllt, die andere zum Wasser bestimmt; einem Paar kupferner Schüsseln und Teller; einem Beile und einem kleinen Taue, einigen Feilen und Brecheisen, und einer großen Bärenhaut. Wir passirten den Manasseran, und hatten diesen Tag noch einen erträglichen Marsch.

Am folgenden Morgen erblickten wir die Gipfel der Gebirge in blauem Nebelduft. Der Wald ward nun mit jedem Schritte dichter; bald mußten wir uns mit dem Beile durchhauen. Wir richteten uns sorgfältig nach dem Compasse, und wanderten so immer nach Osten fort. Als es Nacht geworden war, wimmelte es von wilden Thieren um uns her. Doch hielten wir sie durch Feuerbrände und Pistolenschüsse von uns ab.

Sechstes Capitel.

Mit unserer fünften Tagereise ward der Weg nun je länger, desto beschwerlicher. Hier hatte noch nie ein menschlicher Fuß gewandelt; hier herrschte die Natur noch in ihrer ganzen ursprünglichen Macht. Mit unsäglicher Mühe arbeiteten wir uns durch das Gebüsch hindurch, wo jeden Augenblick der Anfall eines Tigers zu befürchten war. Gegen ein Uhr machten wir Halt, um einige Stunden auszuruhen. Als wir wieder aufbrachen, nahm der Wald allmählig an Dichtigkeit ab. Bald aber sahen wir eine ungeheure, hohe Grasmasse gleich einer Mauer vor uns. Keine Möglichkeit hindurchzudringen, so oft auch der Versuch wiederholt ward. Unterdessen fieng es an dunkel zu werden, und wir mußten auf unser Nachtlager bedacht seyn. An ein großes Feuer war nicht zu denken, kaum hatten wir Holz zum Kochen genug. Wir brachten daher die Nacht auf einem Baume zu, wobei uns unser Tau vortrefflich zu statten kam.

Am folgenden Morgen gelang es uns endlich in der Graswand einen Eingang zu entdecken, der hindurchzuführen schien. Der Schlangen wegen war indessen große Vorsicht erforderlich. Dabei eine erstickende Hitze, ein glänzender Sandboden, eine brennendheiße verpestete Luft. Gegen Mittag fanden wir endlich einen kleinen Raum, verzehrten die Ueberreste unseres Abendessens, und legten uns dann wechselsweise zum Schlafen hin.

Als wir wieder aufbrachen, bemerkten wir mit Freuden, daß die Graswand immer dünner, und die Anzahl der Oeffnungen immer häufiger ward. Bald sahen wir wieder Bäume, und bald gewann der Wald wieder völlig die Oberhand. In glänzendem Sonnenlichte lagen die Gebirge von Bocour nun ganz vor uns. Nur noch einige Stunden, und der Fuß derselben war erreicht. Mit beflügelten Schritten eilten wir über den obern Boden dahin. -- Plözlich! -- O Schreck! o Entsetzen! -- Plözlich sahen wir einen breiten und tiefen Canal vor uns, der von oben bis unten, mit dichtem, eng verflochtenem Gebüsch angefüllt war.

Neue Hindernisse! neuen Schmerz! Endlich beschlossen wir längs des Ufers abwärts zu gehen, um zu sehen, ob der Uebergang möglich sey. Doch vergebens! Je weiter wir kamen, desto breiter und tiefer ward der Canal. So brach der Abend an; ein Glück für uns, daß Holz im Ueberfluß vorhanden war. Am folgenden Morgen kehrten wir wieder um, und entdeckten endlich eine Stelle, wo wenigstens meinem Gefährten der Uebergang möglich schien. Was ich ihm auch sagen mochte, er bestand darauf. So ließ er sich denn an dem Taue hinab, nachdem es um einen Baum befestigt worden war.

Es dauerte indessen ziemlich lange, ehe er eindringen konnte, dann aber war er mir auch augenblicklich aus dem Gesicht. Unverwandt hatte ich indessen meine Augen auf das andere Ufer gerichtet; als ich plözlich in der Mitte des Dickichts ein starkes Geräusch, und bald darauf sein Angstgeschrei vernahm. Er war in Gefahr; wie wahnsinnig sprang ich die Tiefe hinab, und drang in der Oeffnung vor. Doch alles vergebens! Kein Laut; keine Antwort; nichts gewisser, als daß er von einer Schlange erwürgt worden war.

Mit zerrissenem Herzen, mit thränenden Augen stieg ich wieder hinauf, und fühlte das Elend meiner Lage in seiner ganzen Schrecklichkeit. Ich war allein in dieser Wüste, und auf allen Seiten von Gefahren umringt. Ich war allein! -- Die Sonne sank tiefer, ich beschloß in der nämlichen Richtung fortzugehen. War es Instinkt, war es Gleichgültigkeit? es schien mir am besten so. Zum Glück hatte ich noch etwas Reis, nebst der Arrakcalabasse, und den Pistolen bei mir.

Die Nacht brach an; ich machte bei einem Baume Halt, kletterte hinauf, und band mich mit dem Taue an zwei Aeste fest. Bald schlief ich vor Ermüdung ein. Doch mein Schlaf war nicht erquickend; das Bild meines unglücklichen Gefährten schwebte mir unaufhörlich vor.

Siebentes Capitel.

Als ich erwachte, war es hoher Mittag, und ich fühlte mich an allen Gliedern gelähmt. Nur mit Mühe vermochte ich mich loszubinden, worauf meine traurige Wanderung weiter gieng. Der Weg war mit feinem aschfarbenem Sande bedeckt, der mir bei jedem Schritte entgegenflog; daher ich von heftigem Durste gepeinigt ward. Zum Glück kam ich endlich an einen Bach, wo ich den Rest meines Arrakes mit Wasser vermischte, und so ein kühlendes Getränk erhielt. Unterdessen zogen am Horizonte furchtbare Gewitterwolken auf. Ich eilte daher, einen großen schattigen Baum zu erreichen, den ich in einiger Entfernung vor mir sah.

Es mochte ungefähr um sechs Uhr Abends seyn, als ich glücklich auf dieser Stelle ankam. Sofort bratete ich mir einige gefundene Schnecken, und kletterte dann auf den Baum, wo ich mich wie gewöhnlich mit dem Taue anband. Kaum hatte ich indessen einige Stunden geschlafen; als ich aus einem schrecklichen Traume erwachte, und mich über und über von Feuer umgeben sah. Das furchtbarste Ungewitter war losgebrochen; der ganze Himmel ein wallendes Flammenmeer. Mit unsäglicher Heftigkeit raste der Sturm in den Aesten, und warf mich wie einen Ball hin und her. Den Kopf auf die Knie gestüzt, schloß ich die Augen, und brachte den Rest der Nacht in einer Art Betäubung zu.

Der Tag brach an; der Regen hörte auf, der Himmel ward heiter, und alles glänzte in goldnem Sonnenlicht. Ich trocknete meine durchnäßten Kleider, und machte mich auf den Weg. Allmählig lief der Canal nach Osten, eine Richtung, die sehr erfreulich für mich war. Voll Muth und Hoffnung wanderte ich so bis Nachmittags um 3 Uhr fort. Plözlich stand ich vor einer hohen Felsenwand, die mir den Weg verschloß.

Keine Möglichkeit weiter zu kommen, es mußte denn von Seite des Waldes gewesen seyn. Ich beschloß es daher zu versuchen, und drang auch wirklich zwischen zwei Dornengebüschen durch. Doch in dem Augenblicke schoß eine ungeheure Schlange auf mich los. Wohin sollte ich fliehen? Nirgends mehr Rettung für mich! Rechts hatte ich den Canal, links das Ungeheuer, vor mir die hohe Felsenwand. Ohne zu wissen, warum, eilte ich indessen den vorigen Weg wieder nach derselben zurück.

Unterdessen war die Schlange immer näher gekommen, und kaum war sie noch drei bis vier Fuß von mir entfernt. In dieser entsezlichen Lage folgte ich blos meiner Verzweiflung, und sprang, wie wahnsinnig auf ein hervorragendes Felsenstück. Von diesem arbeitete ich mich, ohne zu wissen wie, allmählich höher hinauf, bis ich endlich oben war. Jezt aber sank ich ermattet zu Boden, und lag eine gute Weile, ehe ich wieder zu mir kam.

Als ich die Augen aufschlug, und in die Tiefe richtete, sah ich die fünfzig Fuß lange Schlange, die sich langsam in den Wald zurück begab. Aber zu gleicher Zeit bemerkte ich mit großem Schmerze, daß mein ganzes Reisegeräthe verloren war. Ich fühlte, daß meine Lage doppelt elend werden mußte, und überließ mich der Verzweiflung. Wohin ich blickte, sah ich ein Felsenchaos vor mir, in dessen Mitte sich ein furchtbarer Abgrund befand.

Der Abend dämmerte; ich suchte in meinen Taschen, und fand zu meiner großen Freude noch ein Stück Zwieback und mein Feuerzeug. Von wilden Thieren war in dieser Einöde nichts zu fürchten; ich machte daher blos Feuer zur Vertreibung des Gewürmes an. So nahm ich mein Lager auf dem harten Boden, mein Haupt an die Felsen gelehnt. Alles war still und öde um mich; ach! diese Wüste schien mein eigenes Grab zu seyn.

Achtes Capitel.

Am folgenden Morgen neues Erwachen; neue Noth. Mein ganzes Frühstück bestand in ein wenig Regenwasser, das ich in einer kleinen Felsenhöhlung fand. Mühsam schleppte ich mich nun in diesem Labyrinthe fort; bis ich endlich gegen Mittag an dem Fuße eines hohen steilen Berges ankam, der mir abermals den Weg verschloß. Indessen nahm ich allen meinen Muth und meine Kraft zusammen, denselben zu erklimmen, in der festen Hoffnung, jenseits werde das Ziel meiner Leiden seyn. Doch wie groß war mein Entsetzen, als ich mich endlich auf dem Gipfel befand, und nichts erblickte, als ein ödes, wildes, mit Klippen besäetes Thal!

Es mochte zwei Uhr Nachmittags seyn; ich war gänzlich erschöpft, und sah mich vergebens nach etwas Nahrung um. Als ich so da saß, erblickte ich eine kleine Schlange, die begierig hinter einer Eidechse herschoß. Ich zerschmetterte die erstere mit einem Steine, schnitt ihr, des Giftes wegen, den Kopf ab, und bereitete mir ein gutes Mahl von ihr. So ist die Existenz der Wesen verknüpft; ein ewiger Kampf der Kräfte, wo eine der andern Opfer ist!

Der Berg war auf dieser Seite fast senkrecht abgeschnitten, und der ganze Abhang mit spitzigen Klippen bedeckt. Gleichwohl mußte ich das Thal zu erreichen suchen, ehe mich auf dem Gipfel die Nacht überfiel. -- »Nun, wie Gott will!« -- sagte zu mir selbst, sezte den rechten Fuß vorwärts, klammerte mich mit den Händen an, und fand, daß das Herabsteigen wenigstens nicht unmöglich war. Mit unsäglicher Mühe arbeitete ich mich nun immer tiefer und tiefer hinab. Doch die Hand des Allmächtigen leitete mich sicher neben dem Abgrunde hin. So kam ich glücklich an dem Fuße des Berges an.

Als ich das Thal genauer betrachtete, bemerkte ich einen Canal, der aber blos in der Mitte, und selbst da nur ganz dünn mit Gesträuch bewachsen war. Allein, da es düster zu werden anfieng, beschloß ich in einer Felsenhöhle zu übernachten, wo ich zum Glück einige Vogeleier fand. Am folgenden Morgen erquickte ich mich mit etwas Regenwasser, und wanderte anfangs eine gute Strecke längs des Canals hin. Endlich kam ich an eine Stelle, wo der Rand eingestürzt, und die Tiefe zur Hälfte damit ausgefüllt war. Fröhlich stieg ich hinunter, und kam bald auf der andern Seite an. Hier schlug ich einen Reiher nieder, der gebraten wenigstens eßbar war. Von nun an ward der Weg immer ebener, immer bequemer, so daß ich die Gebirge bald sehr weit hinter mir sah.

Am andern Morgen, am 16. August, trieb mich die brennende Sonne etwas tiefer in den Wald, der neben dem Wege hinlief. Unvermuthet finde ich einen gebahnten Weg, und plözlich werde ich frische Fußtapfen gewahr. Bald höre ich in der Entfernung Stimmen, und bald vernahm ich, daß es bekannte Töne sind. -- Gott, welcher Augenblick! Es durchbebte mich, wie ein elektrischer Schlag. Ich wollte rufen, ich konnte es nicht. Da stürzte ich fort, und stand in wenig Minuten vor einem Haufen Singalesen, unter denen mein alter Freund Manioppu war.

Sie zogen nach Putlan, um Salz zu holen, wir waren nur noch drei Tagereisen davon entfernt. Nachdem ich daselbst eine Woche ausgeruht hatte, kehrte ich zu Wasser nach Jaffanapatnam zurück. Hier fand ich Gelegenheit ein äußerst vorteilhaftes Geschäft zu machen, wodurch mir mein ausgestandenes Elend sehr reichlich vergütet ward. Als nun endlich die Nachricht von dem Pariser Frieden ankam, hielt ich's fürs beste, wieder nach der Küste zurückzukehren, und kam nach einer sehr kurzen Fahrt, glücklich in Bimilipatnam an.

Neuntes Capitel.