Part 6
Am folgenden Morgen, das herrlichste Wetter, und alles voll Leben und Heiterkeit. Indessen begegnete mir schon in der ersten Stunde ein Unfall, der wenigstens meinen armen Trägern den ganzen Tag verdarb. Als ich nämlich einmal aus dem Palankin steigen wollte, ward ich einige Schritte vor mir eine ganz still liegende Brillenschlange gewahr; ich hielt sie für todt, und gieng unbesorgt darauf los. Allein wie groß war mein Entsetzen, als sie sich auf einmal mit glühenden Augen, geöffnetem Rachen und blitzender Zunge aufzurichten anfieng! Plözlich flog ich zurück, ergriff die Flinte und drückte los, worauf die Schlange nach einem benachbarten Busche kroch.
Unterdessen war auch Capitain Holtrop und mein Bedienter hinzugeeilt, jeder mit einem Hirschfänger in der Hand. Wir beschlossen den Busch anzuzünden, und auf die Schlange, die dann herauskommen mußte, vereinigt loszugehen. Bald stand der Busch in vollen Flammen, und noch immer erschien sie nicht. Schon glaubte ich mich geirrt zu haben, plözlich schoß sie zwischen meinen Füßen hindurch.
»Herr! Das bedeutet Unglück!« -- riefen meine Träger mit kläglicher Stimme, und ich selbst war fast außer mir. Aus gleichem Aberglauben natürlich nicht; nur weil ich einer so großen Gefahr entgangen war. Meine Träger boten jezt alles auf, um mich zum Umkehren zu bewegen, allein ich gab durchaus nicht nach. So legten wir unsern gewöhnlichen Tagesmarsch zurück, und kamen mit Sonnenuntergang Wohlbehalten in Pariatschirli an.
Vierzehntes Capitel.
Unter der großen Menge anderer Reisenden, die sich allmählig in der Chauderie zu uns gesellten, befand sich auch ein Trupp herumziehender Tänzerinnen, Sutred-Haries genannt. Es waren ihrer sieben zusammen, wie gewöhnlich von ihrem Tanzmeister (Chelcinbikarea) und ihrem Musikanten (Juntries) begleitet. Nachdem sie sich in dem benachbarten Weiher gebadet, und ihre Tanzkleider angelegt hatten, kam die erste Tänzerin auf mich zu, überreichte mir einen Blumenstrauß und fragte, ob es mir gefällig sey, ihre Gesellschaft tanzen zu sehen. Ich erwiederte ihren Gruß, bestellte sie nach dem Abendessen wieder, und ward dafür von allen Anwesenden mit Danksagungen überhäuft. -- »Der gute Herr! Der große Herr!« -- tönte es in der ganzen Chauderie wieder; denn tanzen zu sehen, ist für die Hindus, besonders für das weibliche Geschlecht, ein höchst angenehmer Zeitvertreib. Kaum war ich nun mit dem Essen fertig, als alles die Matten bei Seite schaffte, und einen großen Kreis um mich schloß. Bald darauf erschienen die Tänzerinnen, hinter ihnen die Juntries. Die Musik fieng an; die lieblichen Nymphen entschleierten sich, und begangen den kunstreichsten Elfentanz. Sie waren aus Surate, das von jeher für den Geburtsort der schönsten und vorzüglichsten Tänzerinnen galt. Mit großem Vergnügen sah ich ihnen wohl eine Stunde zu.
Aber endlich war es Zeit aufzuhören; ich gab demnach das Zeichen dazu -- »Genug, schöne Mädchen!« -- sagte ich im indischen Stil -- »Genug für diesmal! -- Ihr habt mir mit eurem kunstreichen Tanze die höchste Genüge gethan, und mein Herz mit Entzücken erfüllt. Gewiß, Rhambe (die Göttin des Tanzes) selbst übertrifft euch nicht. Seyd ihr nicht zu sehr ermüdet, so vergönnt mir, daß ich nun auch eure lieblichen Stimmen hören kann!« -- Dieses Lob gefiel ihnen außerordentlich, zumal, da es von einem Europäer kam. Sofort sezten sie sich in einen Halbkreis, und sangen mir eine der schönsten indischen Romanzen, die Liebesgeschichte des Prinzen Sondor, und der Prinzessin Biddrah vor. Dies dauerte bis Mitternacht. Endlich machte ich der ersten Sängerin ein angenehmes Geschenk, und entließ die ganze Truppe, höchst vergnügt über meine Freigebigkeit.
Alles eilte nun schlafen zu gehen, und ich selbst suchte meinen Palankin auf. Kaum hatte ich aber einige Minuten geschlummert, als ich durch ein leichtes Zupfen am Ueberhange wieder geweckt ward. -- »Wer da?« -- rufte ich, indem ich denselben aufhob. -- »Ich bin es, mein Herr!« antwortete eine leise Stimme -- »Die Daja (Aufwärterin) der Sutred-Haries (Tänzerinnen). Ich bringe euch tausend Grüße von dem lieblichen Mädchen, mit dem Kranze von weißen Rosen im Haar. Eure Freundlichkeit hat ihr Herz geöffnet, wie sich die Lilie der Sonne aufschließt. Empfangt diesen Betel; sie bereitete ihn selbst für euch. Sie sizt zu den Füßen eures Lagers und erwartet euren Befehl!« --
Das liebliche Mädchen mit dem Kranze von weißen Rosen war mir allerdings sehr erinnerlich. Es hatte bei seiner Jugend, Grazie und Schönheit, einen sehr lebhaften Eindruck auf mich gemacht. Indessen kannte ich die reisenden Tänzerinnen etwas genauer, beschloß daher auf meiner Hut zu seyn, und fertigte die Daja mit einer ziemlich kalten Antwort ab.
»Wie, mein Herr!« -- erwiederte sie lebhaft -- »Ihr verschmäht die schöne Mamia? -- Ich glaubte doch bemerkt zu haben, daß sie euch nicht gleichgültig war. -- Was fürchtet ihr? -- Sie ist mein liebstes Kind, und ihr seyd der erste, dem sie den Betel der Liebe[6] schickt.«
Ich mußte lächeln -- »~In Wahrheit?~« -- fragte ich etwas spöttisch -- »Aber seyd so gut, und laßt mich mit eurem Kampaak in Ruhe, ich bitte euch darum.« -- Sie verbeugte sich tief und gieng.
Als ich indessen am folgenden Morgen das schöne Mädchen noch einmal sah, ward ich in meinem Innersten gerührt. Wie viel Liebreiz! Welche Sehnsucht! Und welcher stille Schmerz! Ihre Augen schwammen in Thränen; sie wandte ihr Gesicht von mir ab, und verschleierte sich. Wir brachen auf, ich hoffte die Tänzerinnen nachkommen zu sehen; allein sie hatten andere Stationen gewählt.
Wir aßen Mittags zu Pondipitly, wo wegen eines Festes alles voll Fröhlichkeit war. Unter andern sahen wir einen Schonir (eine Art Bettelmönche), der die Flöte durch die ~Nase~ blies. Er steckte nämlich zwei kleine, ungefähr anderthalb Spannen lange, Flöten in die Nasenlöcher, und blies Prime und Secunde mit großer Fertigkeit darauf. Nachmittags kamen wir bei einem schönen Ala[7] vorbei. Er mochte ungefähr erst hundert Jahre alt seyn; gleichwohl bildete er mit seinen unzähligen herabhängenden Aesten bereits ein grünendes Gewölbe, das wenigstens tausend Schritte im Umfange hielt. Abends blieben wir in Palpatte, wo eine der größten Chauderies von ganz Indien ist.
Unsere lezte Tagereise bot wenig Merkwürdigkeiten dar. Wir begegneten einer anderen Truppe Tänzerinnen, und ich dachte lebhaft an die liebliche Mamia. Gegen fünf Uhr kamen wir in Carraconde an. Die Chauderie war bereits völlig besezt, wir lagerten uns daher in einem benachbarten Mangabusch. Um schneller Feuer zu bekommen, raffte ich einige trockene Baumblätter auf. In dem Augenblicke fühle ich einen stechenden Schmerz; ziehe die Hand zurück, sehe, daß eine schwärzliche Schlange daran hängt, und verliehre das Bewußtseyn.
Fünfzehntes Capitel.
Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Feuer, von meinen Trägern umringt. Sie fuhren fort, meinen Finger gegen die Flamme zu halten, um, wie sie glaubten, das Gift heraus zu ziehen; während bereits nach dem Schorpojan, oder Schlangenbeschwörer geschickt worden war. Bald darauf kam der Bote mit der Nachricht zurück, daß derselbe abwesend sey. Indessen brachte er dafür einen mohrischen Waitium (Arzt) mit. Dieser besah meinen Finger mit großer Aufmerksamkeit, und erklärte mir ohne Umschweife, daß ich allerdings nicht außer Gefahr sey. Indessen gab er mir einen Löffel von einer höchst bittern Latwerge ein, versprach den andern Tag wieder zu kommen, und nahm mit den Worten: Gott ist groß! (Tambrane meharse!) Abschied von mir.
Es währte keine halbe Stunde, als mich ein allgemeines Frösteln mit heftigem Schwindel überfiel -- »Freunde!« -- rief ich mit gebrochener Stimme. -- »Es ist vorbei! Ich sterbe! Lebt wohl! Lebt alle wohl!« -- Alle schwiegen und weinten; ich fühlte wie es immer düsterer um mich ward. Auf einmal hörte ich ein lautes Pfeifen neben mir. Ich schlug die Augen auf, und erblickte dieselbe Schlange, von der ich gebissen worden war. -- »Das ist sie! Das ist sie!« -- rief ich mit Entsetzen, während sie langsam an einem vom Feuer beleuchteten Stamme herunterkroch. Meine Leute betrachteten sie nun genauer, und versicherten einstimmig, daß sie nicht giftig sey. Mein Schwindel verlor sich; ich athmete mit leichterer Brust.
Indessen nahm der Schmerz am Finger außerordentlich zu. Bald zeigte sich der Anfang einer Entzündung, die allmählig die ganze Hand zu ergreifen schien. Ich beschloß daher, auf den eigenen Rath des Waitiums nach Naporlie zu gehen, wo ein berühmter Schorpojan wohnhaft war. Wir kamen an, aber leider befand er sich nicht mehr daselbst. In dieser verzweifelten Lage beschloß ich so schnell als möglich nach Madras zu eilen, und brach auch wirklich am folgenden Morgen in aller Frühe auf.
Aber welcher Unterschied! Meine Träger niedergeschlagen; ich von den heftigsten Schmerzen gequält; mein Reisegefährte ebenfalls krank. Schweigend und traurig zogen wir daher; das einförmige Hei! Hei! Hei! der Träger[8] war alles, was von Zeit zu Zeit die melancholische Stille unterbrach. So kamen wir Mittags nach Kalurie, wo wir ganze Heerden calecuttischer Hühner sahen, und übernachteten bei Madupatte unter Bäumen in freier Luft. Mein Schmerz war unerträglich; ich konnte keine Viertelstunde ruhen; wir machten uns daher noch vor Sonnenaufgang auf den Weg.
Der Boden ward sandiger, die Landschaft kahler, die Bevölkerung schwächer; alles kündigte die Nähe des Meeres an. Indessen fanden wir doch noch ein sehr schönes Dorf, Anenabob genannt, wo zu Mittag gegessen ward. Nachmittags passirten wir den Gondakama in einem Sangarie (hohlen Cocosstamme) und kamen Abends nach Pandalur, das ganz mit Betelgärten umgeben ist. Ich hatte eine sehr traurige Nacht. Gegen Morgen indessen bekam ich einige Linderung, und durfte einer erträglichen Tagereise entgegen sehen. Sie bot jedoch nichts Merkwürdiges dar. Wir hielten Mittags zu Binganapilli an, und übernachteten zu Aschacoldindi, das in der Nähe des Meeres liegt. Die Chauderie war völlig leer; ich ließ daher meinen Palankin hineinbringen, und fiel in einen tiefen Schlaf.
Als ich am andern Morgen erwachte, war der Schmerz in meiner Hand beinahe verschwunden, allein der Finger völlig fühllos, folglich der Brand nur zu gewiß. Eilends rief ich meine Träger herbei. -- »Ich muß nach Madras, Freunde« -- sagte ich -- »Nach Madras, oder es ist um mich geschehen. -- Ich muß Tag und Nacht durch reisen, oder es ist keine Hülfe mehr für mich!« --
Meine Kulies sahen einander an, und gaben dann einstimmig ihre Einwilligung. -- »Ja Herr!« -- riefen sie -- »Wir wollen bei euch aushalten; wir wollen euch nach Madras bringen, verlaßt euch darauf!« -- Ich nahm nun noch sechs andere Träger, theils zum Ablösen, theils zum Fackeltragen an, und die Reise ward fortgesezt.
Dieser Tag war einer der traurigsten meines Lebens, dessen ich mich erinnern kann. Er endigte jedoch mit einer Entdeckung, worüber ich allen meinen Schmerz vergaß. Gegen vier Uhr Nachmittags kamen wir nämlich durch Nebabpent, ein großes, wegen eines alten Tempels berühmtes Dorf. Diesem Tempel gegen über war ein schöner Weiher, mit einer Menge Badender angefüllt, worunter sich an dem einen Ende auch ein Haufen junger Mädchen befand. Ziemlich flüchtig hatte ich auf diese Gruppen hingeblickt, als ich plözlich einen durchdringenden Schrei vernahm. Die Stimme schien mir bekannt, ich sah noch einmal hin, und sah -- O gütiger Himmel! -- sah Mamia, die liebliche Tänzerin, die eben aus dem Bade gestiegen war.
»Halt! Halt!« -- rief ich den Trägern zu, sprang aus dem Palankin, und flog auf das Mädchen zu. -- »O Mamia! Geliebte Mamia!« -- sagte ich -- »Wie oft habe ich an dich gedacht!« -- Nie hatte ich sie so reizend gesehen. Sie glich in ihrem feuchten, die schönen Glieder dicht umschließenden Gewande, einer dem Meere entstiegenen Huldgöttin. -- »O mein Herr!« -- erwiederte sie mit holdem Erröthen -- »Aller Augen sind auf uns gerichtet!« -- »Wohl süße Mamia!« -- gab ich zur Antwort -- »Ich spreche dich in der Chauderie.« -- Sie bejahte es mit einem himmlischen Lächeln, und eilte mit ihren Gespielinnen zurück. Wir aber nahmen so fort von der Chauderie Besiz.
Sechzehntes Capitel.
Indessen war ich nicht wenig verwundert, weder die Juntries (Spielleute) noch die Bagage der Tänzerinnen daselbst zu sehen. War es ein Mißverstand? Hatten sie einen andern Lagerplatz? -- Oder waren sie plözlich abgereist? -- Beinahe fieng ich an ungeduldig zu werden, als die Daja mit vielen Grüßen von Mamia erschien. Sie waren in einem Mangabusche gelagert, in wenig Minuten würde sie bei mir seyn. Ich gab der Alten einige Rupien, ließ noch mehr Lampen anzünden, und harrte des lieblichen Mädchens am Eingange der Chauderie. Endlich erschien sie, doch des Wohlstandes halber die Daja mit ihr.
Sie verbeugte sich, ohne ein Wort zu sagen; allein das Klopfen ihres Busens verrieth, wie sehr sie in Bewegung war. Ich führte sie sogleich zu einem Teppich, und bot ihr Betel an. -- »Freue dich, schöne Mamia!« -- sagte ich -- »Du bist gerächt!« -- Und hiermit erzählte ich ihr die ganze Geschichte meiner Leidenschaft.
»O mein Herr!« -- erwiederte sie -- »Ich habe sie längst entschuldigt. Ich erkenne mein Schicksal, das mich auch in meiner Liebe verfolgt!« -- So erklärte sie mir mit sanftem Erröthen den ganzen Zusammenhang. -- »Mein Herz war immer bei Ihnen!« -- fuhr sie fort -- »Ich klage niemand als mein Unglück an!« -- Sie war aus der Caste der Aerzte, und nur aus Noth eine Tänzerin geworden[9], da sie sich nach dem Tode ihrer Eltern gänzlich verlassen sah. Für meine Hand versprach sie mir einen köstlichen Balsam zu bereiten, und eilte deshalb sofort zu dem Lagerplatze zurück.
Während ihrer Abwesenheit unterhielt mich die Daja sehr lebhaft von ihr. Sie konnte mir nicht beschreiben, wie betrübt das gute Kind über meine Gleichgültigkeit und meine Abreise gewesen war. Nach einer kleinen halben Stunde war das liebliche Mädchen schon wieder mit dem Balsam da, und verband meine Wunde mit vieler Geschicklichkeit. Ich konnte mich nicht enthalten, sie an mein Herz zu drücken, und sie erwiederte meinen Kuß mit Zärtlichkeit.
»Ach!« -- rief sie wehmüthig aus -- »Das ist ja doch das Leztemal, daß ich sie sehen kann!« -- »Das Leztemal?« -- fragte ich bestürzt -- »Wie meinst du das lieblichste Mamia?« -- »Ach mein Herr! Ich fürchte es wenigstens!« -- erwiederte sie, und erzählte nun, wie weder sie, noch die Daja, noch irgend eine ihrer Gespielinnen jemals in Madras gewesen sey. -- »Wie werde ich sie wiederfinden können?« -- fuhr sie fort -- »Ach nimmermehr! -- Ich werde vor Sehnsucht sterben; ich fühle es.« -- Ihre Thränen flossen; sie verbarg ihr Gesicht an meiner Brust.
»Nein, bei Gott nicht!« -- rief ich mit Lebhaftigkeit aus -- »Bei Gott nicht!« -- »Hier Mamia!« -- indem ich eine Ola[10] herausnahm. -- »Hier Mamia, hast du Namen und Wohnung von drei Freunden, bei denen du mich aufsuchen kannst.« -- Zu gleicher Zeit schrieb ich ihr noch mein Speisehaus u. s. w. auf. -- »So wirst du mich nicht verfehlen, liebstes Herz!« -- fuhr ich fort, und hatte die Freude, sie beruhigt zu sehen.
Mein Entschluß war gefaßt, Mamias Zukunft für immer bestimmt. Noch eine Umarmung, und ich stieg in den Palankin. Meine Träger hatten fünf Stunden geruht; mit brennenden Fackeln zogen wir zum Dorfe hinaus. Die Nacht war still und schön; bald schlief ich unter den lieblichsten Erinnerungen ein. Als ich am andern Morgen erwachte, lag die herrliche Landschaft schon in vollem Sonnenglanz. Ich war sehr vergnügt; meine Wunde ließ sich vortrefflich an. Sorgfältig goß ich von Zeit zu Zeit neuen Balsam darauf.
Mittags hielten wir in Jasurpalam, in einer etwas kleinen, aber sehr reinlichen Chauderie an. Bald darauf kamen noch drei andere Reisende zu uns. Es war ein Mr. Harclay mit seinem Intendanten und Secretär. Er kam von Madras, und gieng als Gouverneur nach Mazulipatnam. Wider Gewohnheit der Engländer war er sehr gesprächig, und lud mich zum Mittagsessen ein. Er gestand mit vieler Offenherzigkeit, daß er blos, um ein Paar Plumbs[11] zusammenzubringen, nach Ostindien gekommen sey. Nach einigen Stunden brachen wir wieder auf, und ruhten dann die halbe Nacht zu Kukenpuron. Am folgenden Morgen kamen wir zu Palliacatta, und so am vierzehnten Tage zu Madras an.
Siebenzehntes Capitel.
Ich war bei meinem alten Freund ~Frank~ abgetreten, und lernte durch diesen einen französischen Arzt, Namens ~Beißer~ kennen, der seiner Geschicklichkeit wegen, in großem Rufe stand. Doctor Beißer besah meine Wunde, zuckte die Achseln, nahm einige Operationen vor, und legte einen neuen Verband an. Nur Mamias Balsam mußte ich es verdanken, wenn noch Möglichkeit zur Rettung vorhanden war. Während wir so von meinen Abentheuern sprachen, kam endlich Doctor Beißer auf meinen Namen zurück.
»Aber Haafner! Haafner!« -- sagte er -- »Der Name kommt mir so bekannt vor. War ihr Vater vielleicht aus Kolmar?« -- Ich bejahte es. -- »Und ihr Großvater Bürgermeister daselbst?« -- »Ganz richtig!« -- erwiederte ich -- »Nun so seyn Sie mir herzlich willkommen, liebster Vetter« -- rief er auf einmal zu meiner Verwunderung aus, und umarmte mich. -- »Ihres Vaters Schwester war meine Schwiegermutter; ich bin ebenfalls aus dem Elsaß.« -- Nun ruhte der gute Mann nicht länger; ich mußte noch denselben Tag zu ihm ziehen.
Er war von Isle de France hierher gekommen, und hatte sich durch einige glückliche Kuren, in kurzer Zeit eine sehr ansehnliche Praxis verschafft. Dies sezte ihn in den Stand auf einem höchst glänzenden Fuße zu leben, so daß sein Haus den reichsten Kaufmannshäusern ähnlich war. Unter seiner Aufsicht ließ sich nun meine Wunde immer besser an, und heilte endlich vollkommen zu. Auch das hatte ich also im Grunde dem lieben Mädchen zu danken, deren Ankunft ich sehnsuchtsvoll entgegensah.
Bald waren indessen vierzehn Tage vergangen, und noch immer hatte ich keine Nachricht davon. Doch endlich kam ein Juntrie, und brachte mir tausend Grüße von ihr. Ich folgte ihm außerhalb der Stadt in ein Wäldchen, wo die ganze Truppe gelagert war. Wenig Minuten und Mamia sank mit süßem Erröthen an meine Brust. -- Ich erfuhr nun, daß ihre Ankunft blos durch eine Unpäßlichkeit der Daja verzögert worden war, und daß sie die Gesellschaft verlassen könnte, so bald ich es für dienlich hielt.
»Wohlan denn, liebstes Herz!« -- sagte ich -- »Das soll den Augenblick geschehen!« -- Und so bat ich sie, mich in die Stadt zu begleiten, und die für sie bestimmte Wohnung zu besehen. Ich hatte ihr nämlich in einem malabarischen Hause, bei einer alten Wittwe, ein Paar artige Zimmer gemiethet, und auch für eine Aufwärterin gesorgt. So brachen wir auf; ein Juntrie trug die Sachen des lieben Mädchens, und ehe zwei Stunden vergiengen, war alles in Ordnung gebracht. Noch denselben Tag nahm ich das erste Abendessen bei dem holden Mädchen ein. -- Von nun an war der Tag meinen Geschäften, der Abend meiner Liebe geweiht. Doch, ehe wir Madras verlassen, noch einige Bemerkungen über diese Stadt.
Madras, von den Eingebornen Tschinepatnam (Chinesenstadt) genannt, wird in die weiße und schwarze Stadt eingetheilt. Jene von vier bis fünf hundert Häusern, und mit einer Menge großer Magazingebäude, befindet sich in der Mitte der starkbefestigten Citadelle, Fort St. George genannt, das hart am Strande liegt. Diese, durch einen großen Plaz davon getrennt, hat ungefähr eine Stunde im Umfang. Die weiße Stadt ist der Siz der Regierung, auch wohnen die vornehmsten und reichsten Leute daselbst. Die schwarze Stadt wird hauptsächlich von Malabaren, Armeniern, Mestizen u. s. w. bewohnt, doch trifft man auch hier viel Engländer an.
Die englischen Häuser in der weißen, so wie die armenischen in der schwarzen Stadt, zeichnen sich durch ihren Umfang und ihre Nettigkeit aus. Sie sind von Quadern oder Backsteinen, glänzend weiß angestrichen, und mit Balkons, und platten Dächern versehen. Glasfenster findet man nirgends, wohl aber welche von Bambusfäden, auch sogenannte Jalousien; die malabarischen Häuser u. s. w. in der schwarzen Stadt sind äußerst einfach, und haben alle nur ein Erdgeschoß.
Der Boden von Madras ist dürres Sandland, wo man nur mit Mühe einige Produkte ziehen kann. Das Wasser ist schlecht. Man muß sich mit Brunnen- und Teichwasser behelfen, weil das Seewasser alle Quellen verdirbt. Die Rhede ist unsicher; die Schiffe befinden sich wie in offener See, zumal bei Veränderung des Moußon (Jahreszeit). Ehedem mußten daher die englischen Kriegsschiffe, vor Eintritt des Regenmonßon, immer nach Bombay abgehen, und die englischen Besitzungen auf der Küste, blieben allen feindlichen Angriffen von Trinconomale (auf Ceylon) ausgesezt. Seitdem sich aber die Engländer dieses wichtigen Punktes, so wie der ganzen reichen Insel bemächtigt haben, können sie nicht nur ihre Flotten in der Nachbarschaft überwintern lassen, sondern auch vor jedem Angriffe sicher seyn. Die englischen Einwohner von Madras leben im Allgemeinen auf einem sehr glänzenden Fuß. Der Gouverneur giebt den Ton an, und alles ahmt ihm nach, so weit es möglich ist. Dieser asiatische Pomp zeigt sich vorzüglich in einer zahlreichen Dienerschaft, in glänzenden Equipagen, in prächtigen Wohnungen, in schönen Gartenhäusern, in einer vortrefflichen Tafel und einer großen Gastfreiheit. Freilich sezt dies sehr ansehnliche Einkünfte voraus; allein diese fehlen auch nicht. Sowohl die höhern, als die niedern Compagniebeamten beziehen sehr hohe Gehalte, und erwerben überdem durch Handelsgeschäfte außerordentlich viel. Die eigentlichen Kaufleute, die Mäkler, die Aerzte und Wundärzte, die Advokaten u. s. w. alle häufen in kurzem ansehnliche Reichthümer auf.
Mit Anbruch des Tages, d. h. um fünf Uhr Morgens steht man auf, und fährt oder reitet spazieren bis gegen acht Uhr, wo gefrühstückt wird. Dies ist zugleich die beste Zeit, wo man jedermann zu Hause treffen, und Geschäfte machen kann. Die Büreauarbeit hat von neun bis zwei Uhr statt. Jezt wird gespeist, worauf die Siesta (Nachmittagsschlaf) folgt. Um fünf Uhr fangen die Assembleen an. Um neun Uhr wird zu Abend gegessen, was hier die Hauptmahlzeit ist. Selten pflegt man vor Mitternacht, in der Regel, erst gegen ein Uhr schlafen zu gehen.
Ein stehendes Theater giebt es nicht, doch finden zuweilen Vorstellungen von Liebhabern statt. Dafür werden desto mehr Pferderennen mit indischen und arabischen Pferden gehalten, wozu man die kühlen Morgenstunden wählt. Gelegenheit zu Landparthien u. s. w. giebt es mancherlei, z. B. nach dem St. Thomasberge, wo noch ein portugiesisches Kloster ist, nach Emnore, wo man das Seebad brauchen kann, nach Meliapar, wo sehr viel artige Landhäuser sind, und dergleichen mehr.
Eines der angenehmsten Ereignisse für Madras ist die Ankunft eines ~Indiaman~, oder großen Compagnieschiffes, wovon die meisten auf vier und dreißig Canonen gebohrt sind. Dann ist alles voll Leben und Thätigkeit, und überall werden die neu angelangten Waaren zum Verkaufe ausgestellt. Die Beamten der Compagnie haben dabei den Vortheil, daß ihnen Tuch und Maderawein für den Facturenpreis überlassen werden muß. Sehr angenehm ist auch die Ankunft der großen Chinafahrer auf ihrer Rückreise nach England. Sie bringen die schönsten Seidenzeuge, Nankins, Frauenzimmerschuhe, Porcellanwaaren, Gemälde, Fächer, Spielsachen u. s. w. mit.
Achtzehntes Capitel.
Ich kehre zu meiner Geschichte zurück. Meine Verhältnisse erlaubten mir, meiner Neigung zum Landleben zu folgen, und mich von allen Geschäften völlig zurückzuziehen. Allein um dieses ausführen zu können, mußte ich durchaus noch eine Reise nach Pondichery machen, wo ich in weitläuftigen Verbindungen stand. Theils der Ersparniß, theils der Schnelligkeit wegen, beschloß ich diesmal zu Wasser zu gehen, und brachte den Abend vor der Abreise, wie gewöhnlich bei Mamia zu.
Sie war mit meinen Angelegenheiten bekannt; sie wußte wie nothwendig diese Reise war. Kaum hörte sie mich aber vom Schiffe sprechen, als sie zu weinen anfieng. Sie fürchtete das Meer, sie bat mich aufs zärtlichste, zu Lande zu gehen. Allein es ließ sich nun nicht ändern, ich suchte sie daher zu beruhigen, und verließ sie endlich nach Mitternacht. Jezt nach einigen Stunden Ruhe begab ich mich an den Strand, um mit einer Chialeng (Ruderboot) nach dem Schiffe zu fahren, das bereits auf der äußeren Rhede lag.
Indem ich mich der Chialeng näherte, erblickte ich zwei Frauenzimmer dabei, und erkannte sie bald für Mamia und ihre Begleiterin. -- »Herz meines Herzens!« -- sagte sie -- »Ich mußte dich noch einmal sehen! Ich wollte dich um Erlaubniß bitten, dich auf das Schiff zu begleiten; es ist mir, als würde ich dann ruhiger seyn!« --
Vergebens suchte ich ihr dies auszureden, besonders der ungewöhnlich hohen Brandung wegen; sie bat nun noch dringender darum -- »Gerade deswegen!« -- fuhr sie fort -- »Wenn dir ein Unglück begegnet, bin ich wenigstens bei dir!« -- So willigte ich endlich ein, um ihr nicht wehe zu thun.
Allein, wie groß war mein Erstaunen, als ich die Chialeng fast ganz mit Waarenballen angefüllt sah. -- »Was ist das?« -- fragte ich unwillig -- »Ist das unserm gestrigen Accorde gemäß?« -- Der arme Tandel (Steuermann) erzählte mir nun, daß die Chialeng von dem Hafenmeister gepreßt worden sey. Wirklich trat auch in dem Augenblick ein Seecadet auf uns zu, und befahl ihm ungestüm in See zu gehen.