Chapter 7 of 12 · 3955 words · ~20 min read

Part 7

Ich fühlte, daß gegen Gewalt nichts auszurichten war, und schränkte mich daher blos auf Vorstellungen ein. -- »Die Brandung geht zu hoch! Es ist unmöglich, daß die schwere Chialeng hinüber kommt.« -- Der arme Tandel bestätigte es -- »Gott ist groß!« -- sezte er bedeutend hinzu -- Allein vergebens, der junge tollkühne Midshipmann bestand darauf.

Was sollte ich thun? Alle meine Papiere befanden sich bereits an Bord. Wenn ich das Schiff absegeln ließ, war ich völlig ruinirt. Noch stand ich unschlüßig, als Mamia beherzt in die Chialeng sprang, und so alles entschied. Wir waren nun nebst den sechs Ruderern vier Passagiere zusammen, indem außer dem Seecadet, noch eine alte Mestize dazu gekommen war.

Allein kaum hatten wir uns einige Klaftern vom Ufer entfernt, als die Chialeng kaum eine Hand breit Bord behielt. Ich winkte daher meinem Dobasch (Bedienten) der am Ufer stand, uns ein Paar Kattamarans (kleine Flöße) nachzuschicken, was auch sofort bewerkstelligt ward. Indessen wälzte sich bereits die erste Woge mit donnerndem Getöse gegen die Chialeng. Der Tandel that sein möglichstes derselben auszuweichen; dennoch stürzte sie zum Theil auf uns herab, und die Chialeng sank bis auf einige Zoll ins Wasser. Jeder Augenblick war kostbar -- »Komm, Mamia!« -- rief ich, und sprang mit ihr Hand in Hand über Bord. -- Indem brach die Brandung wie ein niederschmetterndes Gewölbe über mich her. Als ich wieder empor kam, war die Chialeng verschwunden, und Mamia befand sich dicht hinter mir. Muthig schwammen wir nunmehr dem Ufer zu, das ungefähr nur noch hundert Schritte von uns entfernt war.

Plözlich fühlte ich mich in die Tiefe gezogen, und erblickte mit Entsetzen die alte Mestize, die sich an meinen Kleidern festhielt. Vergebens suchte ich mich loszureißen; sie hatte mich im Todeskampfe gefaßt. -- »O Mamia!« -- rief ich -- »Ich bin verloren! Rette dich!« -- »Nein!« -- erwiederte sie -- »Ich verlasse dich nicht.« -- In diesem Augenblicke stürzte die lezte Brandung über uns her, und ich verlor das Bewußtseyn.

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Strande, von einer Menge Menschen umringt, in einem Palankin. Ich erblickte meinen Dobasch, und fragte nach Mamia. -- »Sie ist gerettet, lieber Herr!« -- erwiederte er. -- Freudig hieß ich ihn nach dem Schiffe fahren, um meine Sachen zu holen, und ward so glücklich nach Hause gebracht. Bald kam mein Dobasch mit den Coffres zurück. Jezt erfuhr ich, wie alles zugegangen war. Mamia hatte mich mit unsäglicher Anstrengung emporgehalten, bis uns der eine Kattamaran zu Hülfe kam. Indem wir so sprachen, flog sie mit einem lauten Schrei in meine Arme, und drückte mich aufs innigste an sich. Zu ihrer großen Freude beschloß ich nun zu Lande zu gehen.

Alle Anstalten waren gemacht; Mamia lag zum leztenmale an meiner Brust. -- »Ach!« -- sagte sie weinend -- »Ach Freund meiner Seele, komm so bald als möglich zurück, wenn ich dich noch einmal sehen soll!« -- »Hier, hier schmerzt es« -- indem sie die Hand an ihr Herz legte -- »Ich fürchte, du findest mich todt!« -- Es war ein wehmüthiger Abschied. -- Nach einem langen, heißen Kuße riß ich mich endlich los.

Neunzehntes Capitel.

Es war gerade drei Uhr Nachmittags; langsam zogen wir durch den Schattengang, der von Madras nach St. Thomas (indisch Maliapur) führt. Hinter diesem Dorfe fingen die Verwüstungen des lezten Krieges an, alles war daher mit Ruinen bedeckt. Zum Glück hatten wir uns hinlänglich mit Lebensmitteln versehen.

Am dritten Tage kamen wir durch das Thal Maweliewarom, das seiner wunderbaren Ruinen wegen berühmt ist. Man sieht hier nämlich eine Reihe von Tempeln, Piramiden, Chauderies, Gewölben u. s. w., die sämmtlich aus einem Stücke in den Felsen gehauen sind. Mit Ehrfurcht betrachtet man diese Ueberreste einer eben so kühnen, als romantischen Architektur, aus den ersten Jahrtausenden der Welt.

Am merkwürdigsten sind sieben Tempel, die sich in gerader Linie, einer hinter den andern, vom Strande aus, über eine Meile weit, ins Meer hinausziehen. Der erste steht beinahe noch ganz auf dem Lande, das Wasser steigt nur bei sehr hohen Fluthen hinein. Die vier folgenden ragen immer weniger, die zwei lezten fast gar nicht aus dem Meere empor.

Noch weiter in den See hinaus, erblickt man eine Menge ähnlicher Ruinen, die bei hohem Wasser sehr gefährlich sind. Die sieben Pagoden von Maweliewarom, pflegen daher auf allen Seekarten bemerkt zu seyn.

Alle diese ungeheuren Gebäude hält man für die Ueberreste einer der ältesten und größesten Städte von Indien, deren Geschichte indessen in tiefer Nacht verborgen liegt. Blos ein berühmtes indisches Heldengedicht (Mahebaroth) erwähnt des mächtigen Königs Joudishter, der daselbst residirt haben soll. Wie dem indessen auch seyn mag; die Aufführung solcher Massen beweißt einen hohen Grad artistisch-scientifischer Cultur. Das Ganze muß übrigens von unermeßlichem Umfange gewesen seyn, da nicht nur das Thal, sondern auch ein so beträchtlicher, jezt vom Meere verschlungener, Küstenstrich damit bedeckt war. Mitten unter diesen Denkmälern längstverschwundener Generationen, findet man ein kleines, meistens von Braminen bewohntes Dorf, an dessen Eingange die Chauderie steht.

Indessen pflegen nur wenig Reisende hier zu übernachten, weil alles mit Tigern, Schakals u. s. w. angefüllt ist. Da wir uns aber zu lange aufgehalten hatten, schien es noch weniger räthlich, in der Dämmerung weiter zu gehen. Wir beschlossen daher, vor der Chauderie ein großes Feuer anzuzünden, und wechselweis dabei Wache zu halten, wo mich dann nach dem Abendessen die erste Wache traf.

Es war fast Mitternacht, der Mond gieng hinter den waldigen Gebirgen unter, und goß sein schwindendes Licht auf die gigantischen Ruinen einer Pagode herab. Bald lag nun alles in Dunkelheit; kein Lüftchen wehte; kein Blättchen rauschte; selbst das Heulen der Schakals hatte aufgehört. Da starrte ich hinaus in die schwarze Nacht, und auf das einsame Thal, wie auf das Grab einer entschlafenen Welt. O Menschenleben! O Menschengröße! Augenblicke -- Jahrtausende! -- ~Ein~ Tropfen aus dem Ocean der Ewigkeit.

Am sechsten Tage kam ich durch lauter verwüstete Gegenden in Pondichery an, und fand in dem deshalb bezeichneten Wirthshause bereits einen Brief von Mamia, der den Tag nach meiner Abreise abgegangen[12] war. Sie schrieb mir in den zärtlichsten Ausdrücken, und hoffte mich unverzüglich wieder zu sehen. Ihre Brustbeschwerden schienen zuzunehmen, doch war sie im übrigen vollkommen wohl. Ich selbst ward aber leider nunmehr von einem Fieber befallen, das mich nun alle Tage im Bette hielt. Unterdessen hatte ich dem lieben Mädchen geantwortet, und ihr versprochen, in zehn, zwölf Tagen wieder in Madras zu seyn.

Schon stand ich jezt im Begriffe, meine Rückreise anzutreten, als ich von meinem Dobasch einen Brief mit der Nachricht erhielt, daß Mamia plözlich verschwunden sey. Ein Gunekare (Wahrsager) hatte ihr einige Tage vorher, ihren Horoscop gestellt, und ihr die nahe Trennung von ihrem Geliebten vorhergesagt. Seit diesem Augenblick hatte sie unaufhörlich geweint, und ihre Brustschmerzen dadurch vermehrt. In ihrem Zimmer war jedoch nicht die mindeste Anzeige von einer Reise zu finden; im Gegentheile waren Juwelen, Kleider u. s. w. in der besten Ordnung. Ich gestehe es, ich erschrack über diese Nachricht so sehr, daß ich mich kaum zu fassen im Stande war.

So hatte ich einige Tage in großer Unruhe zugebracht, als eines Abends ein Malabar bei mir erschien, der gerade von ~Omur~ kam. Er brachte mir Nachrichten von Mamia; sie war krank, und befand sich in dem Hause seiner Mutter, die ebenfalls von der Caste der Tänzerinnen war. -- »Wie?« -- rief ich mit wehmüthiger Freude aus: -- »Krank, und zu Omur?« -- »Ja Herr!« -- erwiederte der Juntrie, und erzählte mir den Zusammenhang. Mamia kam wirklich von Madras, und wollte nach Pondichery. Sie hatte diese Reise so eilig angetreten, daß sie nun gefährlich darnieder lag. Die Daja hatte den Juntrie auf ihr ausdrückliches Verlangen abgeschickt: -- »Sie wünsche mich vor ihrem Tode nur noch einmal zu sehen.«

Man denke sich meine Empfindungen. -- Soviel Liebe, soviel Anhänglichkeit! Und ich sollte ~sie~ verlieren, die mein Alles war! -- Schnell ließ ich einen Palankin kommen, reiste die ganze Nacht, und kam schon Morgens um sieben Uhr zu Omur an. Da stand ich nun mit klopfendem Herzen vor dem kleinen malabarischen Häuschen, das meine geliebte Freundin verbarg, während der Juntrie hineingegangen war, und der Daja von meiner Ankunft Nachricht gab.

Die gute alte Frau erschien, und erzählte mit thränenden Augen, wie alles zugegangen war. Mamia hatte seit meiner Abreise keinen ruhigen Augenblick gehabt. Nichts war im Stande gewesen, sie von der Reise nach Pondichery abzubringen; sie wollte, sie mußte mich noch einmal sehen. Aber am fünften Tage hatte sie ein heftiges Fieber bekommen, und war halbtodt in Omur angelangt.

Der Juntrie kam uns jezt zu sagen, daß Mamia aufgewacht sey. Die Daja gieng hinein, sie auf meine Ankunft vorzubereiten; ich hörte meinen Namen nennen, und folgte ihr auf dem Fuße nach. Mamia lag auf einer Matte ausgestreckt. Ihr himmlisches Gesicht war todtenbleich; ihr ganzes Ansehen zeigte die höchste Erschöpfung an. Aber kaum ward sie mich gewahr, so richtete sie sich auf, und breitete ihre Arme nach mir aus. -- »Ach mein bester Freund!« -- rief sie mit heißen Thränen -- »Wie bist du so gut! -- Nun will ich gern sterben, habe ich dich doch noch einmal gesehen!« --

Ich suchte sie zu trösten, aber vergebens -- »Ach Gott!« -- fuhr sie fort -- »Nein! Für mich ist keine Hülfe mehr, ich fühle es nur zu gut! Mein Schmerz ist tödlich; meine Augenblicke sind gezählt! Geliebtester! Ich habe nur noch eine Bitte an dich!« --

»Und was soll ich für dich thun, o Einzige meines Lebens« -- sagte ich. --

»Du bist mir Alles! Ich habe keinen Freund als dich! Zünde du meinen Scheiterhaufen an!« --

Ich versprach es ihr -- Sie legte ihr Haupt an meine Brust, und hob ihre brechenden Augen noch einmal voll Zärtlichkeit zu mir empor. -- »Leb wohl, Geliebtester! -- Leb ewig wohl!« -- Dies waren ihre lezten Worte, und so entschlummerte sie.

Nichts von meinen Empfindungen; einen solchen Schmerz hatte ich noch nie gefühlt. Das holde theure Mädchen war das Opfer ihrer Zärtlichkeit. Erst seit jenem schrecklichen Tage, wo sie mich rettete, hatte sie über Brustbeschwerden geklagt.

»Theure, geliebte Seele!« -- rief ich mit heißen Thränen -- »Ach! Ohne dich ist das Leben nur eine Marter für mich!« -- Traurig vergieng der Tag; die Braminen richteten alles zum feierlichsten Begräbnisse ein. -- Zum leztenmal sah ich das himmlische Gesicht -- die Flamme loderte auf -- der unsterbliche Theil meiner Geliebten stieg zu Brama empor. -- Lebt wohl, ihr Gestade Ostindiens! -- Ich kehrte nach Pondichery, und bald darauf nach Europa zurück!

Zweite Abtheilung.

~Ch. Fr. Tombe.~

~Quelle.~

=Voyage aux Indes Orientales etc. par ~Ch. Franc. Tombe.~

Paris VI. Vol. 8. 1810.=

~Erstes Capitel.~

Ich war Ingenieur-Capitain, und hatte seit 1796 bei der Nord- und Rheinarmee alle Feldzüge mitgemacht. Allein nach dem Frieden von Amiens (1802) ward ich auf Pension gesezt, was für mich, als Familienvater, sehr traurig war. Ich suchte nun irgend eine passende Stelle zu erhalten, meine Bemühungen hatten jedoch keinen Erfolg. Endlich ward ich mit einem Kaufmanne aus Isle de France bekannt, der daselbst ansehnliche Plantagen besaß. Er that mir den Vorschlag, ihn dahin zu begleiten, versprach mich als Supercargo nach Ostindien zu senden, und bestimmte mich ohne viel Mühe zur Annahme seines Antrags. Ich erbat, und erhielt hierauf den nöthigen unbestimmten Urlaub, wieß meiner Familie inzwischen meine Pension an, und schiffte mich endlich am 24. September 1802 mit meinem neuen Freunde, nach unserer Bestimmung ein.

Unsere Ueberfahrt bis nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung bot wenig Merkwürdiges dar. Wir waren neun und dreißig Passagiere, worunter fünfzehn Frauen, an Bord, so daß es gar sehr an Bequemlichkeit gebrach. Am 25. December Vormittags um 4 Uhr, erreichten wir das Cap, wo noch die englische Flagge wehte, aber auch eine holländische Flotte vor Anker lag. Wie gewöhnlich, kamen sofort zwei Gesundheitsbeamten u. s. w. zu uns, ließen uns sämmtlich die Musterung passiren, und erlaubten uns, nach einer kurzen Berathschlagung ans Land zu gehen. Wir hörten jezt, daß der englische Gouverneur, General Dundas, das Cap an die Holländer zurückzugeben im Begriffe war.

Was ich über die Capstadt sagen könnte, ist bekannt; überdem war mein Aufenthalt äußerst kurz. Die Uebergabe war auf den 1. Jan. 1803 festgesezt, die Einwohner bereiteten eine Menge Feierlichkeiten vor. Plözlich am 31. December Nachmittags kam eine englische Corvette an. Sie hatte die Reise von Plymouth in neun und fünfzig Tagen gemacht, und brachte wichtige Depeschen an den General Dundas mit. Er erhielt nämlich Befehl, die Uebergabe aufzuschieben, wenn es noch irgend möglich sey. Schon waren fünfzehnhundert Mann von den englischen Truppen eingeschifft, und sollten in einigen Tagen nach Ostindien unter Segel gehen. Vier und zwanzig Stunden später, und Alles hätte eine andere Gestalt gehabt! So aber wurden die Truppen wieder ausgeschifft, die Posten verdoppelt, und die Holländer in die Caserne gesperrt. Die Bestürzung der Einwohner war unbeschreiblich.

Bald darauf verbreitete sich das Gerücht vom nahen Ausbruche eines neuen Krieges, und einem provisorischen Embargo. In diesem Falle wartete unserer förmliche Kriegsgefangenschaft. Zum Glück ward indessen dem Capitain abzusegeln erlaubt. Wir begaben uns daher noch denselben Abend wieder an Bord. Endlich am 2. Januar kamen wir glücklich in See, und am 6. Februar liefen wir in Port Louis, auf Isle de France ein. So hatten wir die ganze Reise in fünftehalb Monaten gemacht.

Während dieser Zeit war mir mein neuer angeblicher Freund bereits nicht wenig verdächtig geworden, aus Gründen, die ich eher andeuten, als sagen kann. Wirklich fand ich mich auch bei meiner Ankunft auf Isle de France sehr bitter getäuscht; jedermann rieth mir von dieser Verbindung ab. Ich trennte mich daher augenblicklich von ihm, und dachte auf eine Unternehmung auf eigene Hand. Ein Pariser Freund hatte mir mehrere Wechsel auf hiesige Häuser anvertraut. Ich beschloß Waaren dafür einzukaufen, und damit nach Pondichery zu gehen. Allein die Schuldner waren nicht zahlungsfähig; man denke sich daher meine Verlegenheit. Noch war ich dem Capitain achtzehnhundert Livres für meine Ueberfahrt schuldig, und hatte keinen Sol zu meinem Unterhalt. Das einzige, worauf ich hoffen konnte, war eine Anstellung in Pondichery, zu dessen Besizergreifung Admiral Linois eben abgegangen war. Unterdessen nahm ich eine Hofmeisterstelle in einem Hause an, wo ich die liberalste Behandlung fand.

So waren an sechstehalb Monate vergangen, als mein Schicksal plözlich eine andere Wendung bekam. Am 17. August Morgens lief nämlich die französische Fregatte la belle Poule, Capitain Bouillac, hier ein. Sie gehörte zur Division des Admirals Linois, und überbrachte die Nachricht, daß die Uebergabe von Pondichery verweigert worden sey. Da dies den nahen Ausbruch eines neuen Krieges anzudeuten schien, ward sofort auf den Batterien Alles in Vertheidigungsstand gesezt. Nachmittags um zwei Uhr ankerte der Admiral selbst mit seiner ganzen Division. Wenig Tage nach seiner Ankunft auf der Rhede von Pondichery hatte er nämlich Depeschen aus Frankreich erhalten, mit dem Befehle, sogleich nach Isle de France unter Segel zu gehen. Dem zu Folge hatte er in der Nacht die Anker gekappt. Am Bord des Admiralschiffes, befand sich der nach Pondichery bestimmte Generalgouverneur Decaen, und der Colonialpräfect Leger, dessen Familie zu Pondichery zurückgeblieben war. Niemand zweifelte mehr am Kriege; doch wußte Niemand etwas Gewisses davon. Endlich am 28. August kam der Cutter le Berceau, Capitain Holgan von l'Orient an, und brachte die officielle Bestätigung mit. Zugleich war der General Decaen zum Generalgouverneur aller französischen Besitzungen, östlich vom Cap, folglich auch von Isle de France ernannt. Durch ihn, der sich meiner wohl erinnerte, ward ich wieder bei dem Ingenieurcorps angestellt. Dabei erhielt ich den Befehl, mich zu einer geheimen Expedition bereit zu halten, die eben im Werke war.

Zweites Capitel.

Am 9. October bekam ich Befehl mich einzuschiffen, und zwar an Bord der Corvette Le Berceau, Capitain Helgan. Die Expedition bestand aus dem Marengo von 80 Kanonen und einigen Fregatten, sämmtlich unter dem Commando des Admirals Linois. An Landtruppen hatten wir ein Bataillon bei uns; der Ort unserer Bestimmung indessen war noch ungewiß. Unterdessen kamen wir glücklich in See. Hier öffneten die Commandanten ihre versiegelten Befehle, und nun ward alles bekannt. Der Admiral sollte eine Zeitlang in den indischen Gewässern kreuzen, die englische Faktorei auf Sumatra zerstören, und dann nach Batavia gehen. Hier sollten die Truppen, dem Verlangen der Holländer gemäß, als Hülfstruppen bleiben, wie es schon einmal der Fall gewesen war.

Unser Kreuzzug war indessen, wie es meistens zu gehen pflegt, einförmig genug. Wir verloren ein Paar Matrosen; wir hatten einige Windstöße auszuhalten; wir machten mehrere zum Theil sehr reiche Prisen, und dergleichen mehr. Am 1. December bekamen wir die Insel Sumatra zu Gesicht; am 2. näherten wir uns der Bay von Bencoule, am 3. in der Nacht griffen wir die daselbst befindliche Schiffe an. Drei wurden genommen, die übrigen fünf verbrannt. Zugleich wurden sämmtliche Magazine der Faktorei zerstört. Am meisten schien uns zu statten zu kommen, daß man überrascht ward, und uns anfangs selbst für Landsleute hielt.

Am 12. December Morgens näherten wir uns der Rhede von Batavia, und wurden von dem kleinen Fort auf der Insel Onruß, wo sich die Kompagniewerfte befinden, sehr feierlich begrüßt. Indessen machten die Schiffe auf der Rhede eilige Anstalten unter Segel zu gehn. Wahrscheinlich sahen sie uns für Engländer an, denn ihre Bewegungen verriethen Aengstlichkeit. Um sie zu beruhigen, schickte der Admiral unsere Corvette ab. Wir sezten zu diesem Ende Segel auf Segel bei, und so war in kurzem die Wachtfregatte erreicht. Nachdem wir diese unterrichtet hatten, machte sie einige Signale, und alle Schiffe zogen ihre Flaggen auf. Bald war die Ruhe wieder hergestellt, und die ganze Division konnte vor Anker gehn.

Wir Offiziere hofften schon den Nachmittag an's Land zu kommen, sahen uns aber sehr unangenehm getäuscht. Die holländischen Behörden fanden die Forderungen unseres Kommandanten übertrieben, wollten nichts von überzählichen Offizieren wissen, und machten Schwierigkeiten aller Art. Es zeigte sich nachher, daß dies alles von dem holländischen Oberkommandanten, dem Brigadier Sandoley, einem Schweizer, herkam, der das ganze Vertrauen des Generalgouverneurs Syberg besaß, und ein geschworner Feind der Franzosen war. Auf diese Art vergiengen acht Tage, ehe eine Uebereinkunft wegen des Soldes, der Verpflegung u. s. w. zu Stande kam. In Folge derselben wurden wir endlich ausgeschifft, worauf ich meinen Dienst als wirklicher Ingenieur-Capitain antrat.

Die Lage von Batavia ist bekannt. Eben so weiß jedermann, daß es eine der größten und reichsten Städte in ganz Asien, und der Mittelpunkt aller holländisch-ostindischen Besitzungen ist. Endlich giebt es von der regelmäßigen Bauart, den Kanälen, Alleen, Spaziergängen u. s. w. Beschreibungen in Ueberfluß. Ich füge daher nur einige, weniger bekannte Bemerkungen hinzu. Das Clima von Batavia ist an und für sich selbst nicht ungesund, es wird nur bei der Lage und den Umgebungen der Stadt so mörderisch. Die vielen Canäle mit stehenden Wasser, worein man allen Unrath wirft, der morastige Boden, endlich die große Moderbank vor der Mündung des Jacatra[13], sind die vornehmsten Ursachen davon. Die kleinste Unordnung in der Diät, die kleinste Erkältung u. dgl. zieht meistens ein tödtliches Fieber nach sich, der Kranke legt sich, verliert nach fünf bis sechs Stunden die Besinnung, und ist nach andern sechs Stunden todt.

Wahr bleibt indessen, daß man bei einer ungeschwächten Constitution weit weniger zu fürchten hat, sobald man nur mäßig und vorsichtig ist. Würden übrigens die Kanäle gereinigt, die Moräste ausgetrocknet, und die Moderbänke weggeschafft, so würde Batavia ein ganz gesunder Aufenthalt seyn. Doch, wie es scheint, ist hier holländische Politik im Spiel. Man wünscht selbst keine Verbesserung. Jene Moräste und Moderbänke geben nämlich eine natürliche Vertheidigungslinie ab. Eben so zwingt jene Ungesundheit alle Blokadeflotten zulezt zum Abzug. Endlich hält die Furcht vor dem mörderischen Clima, eine Menge Handelsnebenbuhler von der Niederlassung ab.

Die Bevölkerung von Batavia wird auf 160,000 Seelen geschäzt. Hierunter sind 100,000 Chinesen, die in den Vorstädten wohnen, während der Rest aus Armeniern, Arabern, Persern und Europäern besteht. Die leztern, zwölf bis fünfzehnhundert zusammen, sind theils Kaufleute, theils Beamte der Compagnie. Sie leben fast alle auf ihren Landhäusern, eine bis anderthalb Stunden von Batavia, und kommen in der Regel nur Morgens in die Stadt. Alle Geschäfte werden daher gewöhnlich Vormittags von sieben bis acht Uhr abgemacht. Nichts fällt anfangs dem Fremden so sehr auf, als die Gleichgültigkeit, womit man von jenen plözlichen Todesfällen spricht. -- »~=Mynheer, Mevrouv is overleden=~« -- der Herr, die Frau ist gestorben -- heißt es, als hätten sie eine Spazierfahrt gemacht. Jeder Europäer hält übrigens immer sein Testament bereit.

Der Handel von Batavia ist sehr bedeutend, so drückend auch für die Fremden seine Eigenheiten sind. Batavia ist nämlich als die Hauptniederlage aller Gewürze von den Molucken, und aller Produkte von Java (Reis, Zucker, Caffee, Pfeffer u. s. w.) anzusehen. Es kommen daher aus allen Theilen Ostindiens, so wie aus China, Amerika, Afrika, Isle de France und Europa, Schiffe hier an. Sie führen die Produkte ihrer Länder ein, und dagegen hiesige aus. Diese Geschäfte werden aber auf folgende für Fremde höchst beschwerliche Weise abgemacht. Es ist ein Schabendar, oder General-Handels-Agent vorhanden, der für alle Nationen den einzigen Mäkler abgiebt. An diesen wenden sich die Capitains und Supercargo's, und theilen ihm ihre Ladungslisten mit. Er wählt davon, was der Compagnie anständig ist, besonders Artikel des Alleinhandels[14] und bietet dagegen andere an. Beide Theile dingen nun mit einander, und schließen nach gemachter Berechnung ab. Dabei muß aber fast jeder Capitain immer ein Drittheil oder Viertheil des Werthes in Gewürzen nehmen, auch wenn es ihm eben nicht anständig ist. Erst dann erhält er die Erlaubniß, den Rest der Ladung an andere Kaufleute abzugeben, was durch öffentlichen Anschlag bekannt gemacht wird. In keinem Falle ist ihm aber die Ausfuhr von baarem Gelde erlaubt. Er muß vielmehr alles in Waaren, oder Barren umsetzen, wenn er es nicht verlieren will. Die Chinesen, die den Zoll gepachtet haben, durchsuchen daher alle abgehende Schiffe mit unglaublicher Genauigkeit.

Man hat häufig behauptet, daß Batavia äußerst leicht zu nehmen sey. Ich kann jedoch versichern, daß diese Meinung ganz irrig ist. Einmal sind die Festungswerke nichts weniger als schlecht; auch wird die Stadt, so wie die Mündung des Jacatra durch eine gute Citadelle gedeckt. Denn ist die ganze Küste mit starken Batterien versehen, und die Besatzung nicht schwächer als fünftausend Mann. Mögen darunter auch immer viel Kranke, viel Feige, viel Unzufriedene seyn; die Localität bietet dem Feinde doch stets sehr große Hindernisse dar.

Er wird die Rhede blokiren; er wird die vorhandenen Schiffe auf den Strand jagen, und vielleicht verbrennen; aber Batavia selbst wegnehmen, das wird er ohne geheime Verständnisse sicher nicht. Aber auch das schlimmste angenommen; er machte sich durch einen Ueberfall u. s. w. wirklich Meister davon. Was würde geschehen? Der Generalgouverneur u. s. w. würde sich nach Samarang (auf der Nordküste) begeben; er würde bei den inländischen Prinzen, die den Holländern keinesweges abgeneigt sind, alle nur mögliche Unterstützung finden; er würde in kurzem eine Armee von 25 bis 30,000 Mann zusammenziehen. Unterdessen hätte es der Feind in Batavia, mit einer ungeheuren, ohnehin höchst unruhigen Volksmenge zu thun. Man brauchte der Stadt nur die Zufuhren abzuschneiden, und der Aufstand der hunderttausend Chinesen, die alle Handwerker, Krämer, Gärtner u. s. w. sind, wäre gewiß. Alles dies wird beweisen, daß Batavia weder leicht zu erobern, noch leicht zu behaupten ist.

Bei den Chinesen fällt mir noch eine artige Bemerkung ein, womit ich dieses Capitel schließen will. Man weiß, wie sehr die wohlhabenderen unter ihnen auf lange Nägel und Zöpfe halten, weil sie ein Zeichen des Ansehens und Reichthums sind. Die holländische Regierung hat dieses nicht unbeachtet gelassen, und auf beides eine ansehnliche Abgabe gelegt. Je länger sie ein Chinese tragen will, desto mehr zahlt er davon. Es ist ein ordentlicher Tarif darüber vorhanden, auch finden von Zeit zu Zeit die nöthigen Messungen statt. Man muß gestehen, daß solche Abgaben die allerbilligsten sind.

Drittes Capitel.

So hatte ich ungefähr fünf Monate in Batavia zugebracht, als ich bei einer beschwerlichen trigonometrischen Arbeit krank ward. Zum Glück fiel ich in die Hände eines geschickten deutschen Arztes, des Doctors ~Raspe~ aus dem Preußischen, und wurde in kurzem wieder hergestellt. Indessen benutzte ich diesen Umstand, um bei dem General Decaen um meine Zurückberufung anzuhalten, erreichte meinen Zweck, und wartete nun mit Sehnsucht auf Schiffsgelegenheit.