Part 10
Fünf Tage hatten wir so aufs ungewisse herumgekreuzt, als endlich unser Lieutenant den Kurs nach ~St. Helena~ zu nehmen beschloß. Der Wind war heftig, aber auch äußerst günstig für uns. Dies war ein großes Glück, da jeder nur noch ein einziges Glas Wasser erhielt. So durchschnitten wir den ungeheuern Ocean ohngefähr vom Rio de la Plata an bis nach diesem einsamen Eiland. Vierzehn Tage waren vorüber, wir hatten nur noch Wasser auf einen einzigen, was gestern war. Da sahen wir mit aufgehender Sonne die schwarze, verbrannte, tausendfach in sich zerklüftete Felsenmasse vor uns. Aber bald verloren wir den Wind, und kamen nur mit Mühe heran. Doch als wir endlich um die hohen Felsen bogen, welch ein erfreulicher Anblick! Es war St. Jamestown, von hohen tropischen Bäumen beschattet, im Hintergrunde einer herrlichen Bai. Unvergeßlicher Abend! Meere und Himmel glänzten in Rosenglut. Bald erkannten wir auch unser Kriegsschiff, das vor 3 Tagen hier eingelaufen war, und ankerten sofort nicht weit davon.
Abends erhielten wir einen Besuch von einem Hamburger Capitain, der unter dänischer Flagge von Ostindien kommt. Er erbot sich, Briefe von uns mitzunehmen, und so wird ihm auch dieser zugestellt. Eben trifft die Antwort des Gouverneurs auf unser Bittgesuch ein, an's Land zu gehen. Sie ist, wie gewöhnlich, bejahend, und wir machen noch heute Gebrauch davon. -- Ich umarme Sie mit Herzlichkeit; nächstens mehr von mir.
~Sechster Brief.~
~Bai~ von ~St. Helena~~, Juli 1805.
Es ist ein trüber, regnigter Tag, wie immer in dieser Jahrszeit. Ich bin allein in der Cajüte, alle meine Reisegefährten befinden sich am Lande, so werde ich denn von Niemanden gestört. In der ersten Nacht, nachdem wir vor Anker gegangen waren, hatten wir noch einen gewaltigen Schrecken. Denken Sie, im Vertrauen auf den guten Ankergrund, hatte sich der Capitain mit einem einzigen Anker begnügt. Dieser »~raakte los~«, wie es in der Schiffersprache heißt, und wir trieben in die offene See. Es war kurz vor Mitternacht, als es die Wache zum Glück noch inne ward. Jezt entstand ein entsezlicher Lärm, und alles mußte sofort an die Arbeit. Wir Passagiere fuhren aus dem ersten Schlafe auf, und glaubten anfangs, daß Feuer ausgekommen sey. Mit vieler Mühe ward nun das Schiff wieder gewendet und in Sicherheit gebracht. Wir wurden indessen nicht eher ruhig, als bis auf jeder Seite ein großer Anker gefallen war.
Nachmittags fuhr ich nun mit dem Supercargo, der uns vom Kriegsschiffe aus besucht hatte, ans Land. Wir stiegen an einem schattigen Wege aus, der längs den Batterien bis zu dem Thore hinläuft. Was einem nun zuerst in die Augen fällt, ist Jamestown, zu deutsch Jacobsstadt. So heißt der einzige Ort, der auf der Insel befindlich ist. Denken Sie sich ein schmales, noch keine halbe Stunde langes Thal, auf beiden Seiten mit 2000 Fuß hohen Bergen eingefaßt. In diesem Thale denken Sie sich nun 3 bis 4 Straßen mit zierlichen Häusern besezt, und hier und da mit Bäumen vermischt, und Sie sehen Jamestown in der Natur vor sich. Die vornehmste Straße geht von Süden nach Norden, und endigt in einem sehr schönen Graben, der der Regierung gehört. Hier findet man die besten Häuser, alle in orientalischem Geschmacke, mit platten Dächern, und Gallerien erbaut. Sie haben sämmtlich kleine Gärten, wo man die herrlichsten Blumen zieht. Da das Thal aufwärts steigt, ragen die hintersten Häuser etwas über die vordersten empor, und haben die Aussicht auf die Bai. In der Mitte der Straße befindet sich ein Grasplatz mit Bäumen besezt, auf dem ein schöner Brunnen steht. Ganz am Ende liegt ein schöner schattiger Gottesacker, wo wir einige geschmackvolle Grabmäler sahen.
Als wir die Straße wieder herunter giengen, traten wir einen Augenblick in den oben erwähnten Graben hinein. Er steht jedermann offen, und ist mit den herrlichsten Pflanzen aller Welttheile bedeckt. Ein artiges Haus von Bananas, Citronen, Orangen und Palmen beschattet, zog besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es schien uns der beneidenswertheste Aufenthalt auf der Welt. Plözlich hörten wir hinter uns holländisch sprechen, und erfuhren zu unserm Erstaunen, daß ein großer Theil der gefangenen Garnison von Surinam hier in englische Dienste getreten sey. Die Soldaten klagten aber sehr über die Theurung, besonders über den Mangel an frischem Fleisch. Es ist freilich natürlich, daß man alles für die Schiffe aufhebt, und daß sich folglich der gemeine Mann mit seinen gesalzenen Rationen begnügen muß.
Wir giengen nun weiter, um die übrigen merkwürdigen Gebäude von Jamestown zu besehen. Hier wurde uns zuerst das Haus des Gouverneurs gezeigt. Es liegt hart am Strande, mit der Vorderseite nach der Bai gekehrt, wird aber von dem Wege, der an der Batterie hinläuft, durch eine Mauer getrennt. Es ist unstreitig das schönste und größte Gebäude auf St. Helena. Die meisten Zimmer sind mit persischen Teppichen, ostindischen Moußelinbehängen u. s. w. verziert, und mit prächtigen Mobilien von Ebenholz versehen. In einem derselben sind die Bildnisse der englischen Könige von Carl =I.= bis Georg =III.= ausgehängt; auch findet man einen schönen Waffensaal. Der Graben enthält eine Menge seltner Pflanzen, und zeichnet sich durch seine trefliche Lage aus. Allein es ist ein eigener Anblick, wenn man die hohen Felsen dahinter so darüber herhängen sieht.
Weiter besahen wir die Kirche, die auf einem freien Platze steht. Sie ist von innen und außen recht zierlich anzusehen, und hat auch einen schönen Thurm mit Glocke und Uhrwerk. Eben so nimmt sich das Schauspielhaus, in geringer Entfernung davon, nicht übel aus. Dasselbe gilt von der Freimaurerloge, der neuen Offizierscaserne, und dem Billiardhaus. Lezteres ist zugleich ein Wirthshaus, wo ich die Nacht zu bleiben beschloß, indem der Supercargo zu einem Bekannten eingeladen war. Mein Abendessen bestand aus Salat, und einem Schinkenbeine, nebst zwei Gläschen Rum. Mein Bett war nicht das beste, und ein Frühstück forderte ich nicht. Jezt rathen Sie einmal, was die Zeche war? O nur eine Kleinigkeit! Nicht mehr als sechs und zwanzig Gulden holl., man kann nicht billiger seyn! -- So sah ich denn mit einemmale, wie theuer hier Alles ist. Gegen Mittag fuhren wir an Bord zurück.
~Siebenter Brief.~
~Bai~ von ~St. Helena~, Juli 1805.
Vorgestern erhielt ich einen unvermutheten Besuch von einem unserer Landsleute, der hier ein artiges Haus und einen großen Kaufladen besizt. Ich mußte ihn an's Land begleiten, und den Sonntag bei ihm zubringen, was ich natürlich sehr gern annahm. Er bewirthete mich aufs Beste, und ganz auf vaterländische Art. Bis auf den Roodkorß[19], nichts, gar nichts fehlte; alles war da. Später nahmen wir den Thee in seinem Garten unter einem herrlichen Orangenbaume ein.
Das Innere der guten Häuser ist sich hier fast durchgehends gleich. Die meisten haben zwei, auch wohl drei Stockwerke, die sehr regelmäßig eingetheilt sind. Um die beiden ersten Stockwerke pflegen Gallerien zu laufen, was sehr viel zur Kühlung beiträgt. Verwundert bin ich indessen, keine steinerne Fußböden zu sehen. Die Möbeln sind alle aus England; doch werden auch Stühle und Kanapees aus einer Art hiesigen ostindischen Binsen gemacht. Diese schönen Häuser sind aber einen großen Theil des Jahrs gänzlich unbewohnt.
Die Eigenthümer halten sich nämlich im Innern der Insel auf ihren Landgütern auf. Diese sind als eben so viele Einsiedeleien zu betrachten, indem jedes von dem andern durch Felsen und Schluchten getrennt ist. Nur wenn die ostindischen Flotten ankommen, eilt alles nach der Stadt. Jedes Haus wird dann ein Gasthaus, wo der Fremde Kost und Wohnung finden kann, sobald er kein Geld zu sparen braucht. St. Jamestown ist dann äußerst belebt; Concerte, Bälle u. s. w. wechseln unaufhörlich ab. Auch werden zu dieser Zeit große Geschäfte in ostindischen und chinesischen Waaren gemacht. Hieraus wird erklärlich, warum die hiesigen Kaufläden so überflüßig damit versehen sind.
Man lebt hier im Allgemeinen ganz auf englische Art. Zum Frühstück: Thee, Butterbrod, kaltes Fleisch, gebackenen Fisch, und Kapwein. Zum Mittag: Rostbeef, oder Beefsteeck, gesottenen oder gebackenen Fisch, Gemüse und Pudding. Der Nachtisch von den auserlesensten Früchten; Kapwein, Madera und Bordeaux. Abends eine Kleinigkeit. Ein kleines Gebäcke, oder auch nur Brod mit einem Glase Milch, Ale, Groy[20], oder Wein. Ich finde dies sehr gesund; man schläft vortrefflich darauf.
Die Insel selbst bringt mancherlei Lebensmittel hervor. Dahin rechne ich außer etwas Weizen, vorzüglich die vortrefflichen Erdäpfel, die man das ganze Jahr hindurch in Ueberfluß hat. Dann die köstlichen Yams, die mit den Erdäpfeln verbunden das beste Brodsurrogat sind. Eben so eine Menge herrlicher Früchte, wie Citronen, Orangen, Melonen, Ananasse u. dgl. mehr. Auch fehlt es nicht an europäischen Gemüsen fast aller Art. Mehrere antiscorbutische Gewächse und Kräuter, wie z. B. eine Art Portulak, und Sellerie, die Petersilie, die Wasserkresse u. s. w. findet man hier das ganze Jahr an der Küste im Ueberfluß.
Das hiesige Rindfleisch ist vortrefflich, aber freilich so theuer, daß es nur der Wohlhabende bezahlen kann. Dieß kommt von den Viehseuchen her, die nicht selten aus Mangel an Wasser entstehen. Noch vor wenig Jahren z. B. kamen mehr als 2000 Stück schöne Rinder bei einer anhaltenden Dürre um. Schaafe und Ziegen giebt es viel, doch ist das Hammelfleisch etwas zäh. Das Schweinefleisch hingegen ist ausnehmend gut. Wir hatten gestern ein Spanferkel von einzigem Geschmack.
An Geflügel und kleinem Wildpret fehlt es ebenfalls nicht. Man hat Rebhühner, Fasanen, Tauben u. s. w. besonders aber Hühner und Enten in Ueberfluß. Der aus Ostindien eingeführte Reisvogel vermehrt sich hier außerordentlich, und zwar sonderbar genug auf den Anhöhen. Auch die Kaninchen und Guineahühner, die der Gouverneur aus Liebhaberei unterhält, dürften in kurzem sehr zahlreich seyn. Seefische werden in ungeheurer Menge gefangen; man zählt nicht weniger als 70 Arten davon. Auch an Schildkröten fehlt es nicht, doch erhält man die größten von der Insel Ascension. Das Trinkwasser ist das treflichste, das man finden kann.
Was St. Helena sonst noch braucht, wird aus Englands vom Kap, aus Brasilien und von Angola zugeführt. Jährlich kommen nämlich wenigstens vier, und zuweilen noch mehr Proviantschiffe mit den nöthigen Artikeln, wie Mehl, Pökelfleisch, Schinken, Zungen, Weizen, Schaafen, Butter, Wein, Manufakturwaaren u. s. w. an. Es fehlt daher in der Regel an nichts in St. Helena, nur daß alles, zumal wenn die ostindischen Flotten da liegen, ungemein theuer ist.
So kostet z. B. ein Huhn nicht weniger als zwölf Gulden holländisch[21], während ein kaum jähriges Ferkel mit hundert siebenzig Gulden bezahlt wird. Ein Pfund Havanah Cigarren kostet 36 Gulden, ein Glas Liqueur einen Gulden, und so fort. Jeder Verkäufer nimmt hier 180 bis 200 pro Cent. So der Einwohner, der an die Schiffe abgiebt, so der Schiffer, der seine Waaren absezt. Man sollte gar nicht glauben, wie viel Geld hier in Umlauf kommt. Vor einigen Tagen z. B. verkaufte nur ein Capitain in weniger als 2 Stunden für 7000 Pagoden[22] an Werth. Die Kriegsschiffe, die hier mit Prisen einlaufen, lassen oft hunderttausende zurück. Auf diese Art leben die Einwohner, wenn man die Beamten abrechnet, durchgehends von der Landwirtschaft und dem Schiffsverkehr.
~Achter Brief.~
~Bai~ von ~St. Helena~, Juli 1805.
Was ich so oft gehört habe, finde ich nun vollkommen bestätigt: das Clima von St. Helena ist wirklich sehr angenehm. Dies kommt besonders von dem Paßatwinde her, der unaufhörlich über die Insel weht, und die Luft beständig rein und kühl erhält. Erdbeben und Orkane, in den tropischen Gegenden sonst so häufig, sind hier unbekannt. Es regnet selten, oft, wie man behauptet, in zehn, zwölf Monaten und darüber nicht. Als Ursache hiervon giebt man die Stätigkeit des Paßatwindes, so wie die abgeschnittene Lage, den geringen Umfang, und die verhältnißmäßige Kahlheit der Insel an. Indessen scheint gewiß, daß die hiesige Atmosphäre seit ungefähr 50 Jahren etwas feuchter geworden ist, daß seit dem vermehrten Anbaue ungleich mehr Regen fällt, und daß man eine anhaltende Dürre immer weniger zu fürchten hat.
Wichtig scheint die Bemerkung, daß die Luft auf St. Helena überall, in den Thälern wie auf den Bergen, an den Küsten wie im Innern der Insel, gleich vortreflich ist. Der Wärmegrad hingegen wechselt natürlich nach den Höhepunkten ab. Auf den höchsten Punkten fällt der Wärmemesser bis unter 54° Fahr. herab, während er im St. Jamesthale bis 84° steigt. Beides wird aber freilich nur selten bemerkt. Der sogenannte Wintermonat, der halbe Juni und Juli, pflegt hier am kühlsten zu seyn. Der Himmel ist dann häufig bedeckt, es fallen ziemliche Regenschauer, und nicht selten ist die ganze Insel in einen leichten Nebel verhüllt.
Wie gesund die Luft von St. Helena sey, beweißt unter andern auch das Ansehen der Einwohner, besonders derer, die hier geboren sind. Da ist keine Spur von jener Totenfarbe, jener Abmagerung und Schwäche, wie man sie in andern Theilen von Asien und Afrika bemerkt. Ohne etwas von schweren Krankheiten oder peinigenden chronischen Uebeln zu wissen, erreichen die meisten Einwohner ein sehr hohes Alter, und zeigen noch oft im 70, ja 80sten Jahre, ungemeine Kraft und Munterkeit. Eben so erholen sich die siechsten Personen, an deren Leben man in Ostindien verzweifelte, auf St. Helena größtentheils mit unglaublicher Schnelligkeit.
Von der gefährlichen Nachtluft, die in den tropischen Ländern oft so tödtlich ist, weiß man hier ebenfalls nichts. Im Gegentheil, man kann sogar am Strande schlafen, ohne daß man das Mindeste davon zu fürchten hat. Dies geschieht denn auch von den Matrosen sehr häufig, indem die Schiffe gerade der Stadt gegenüber vor Anker gehen. So vereinigt sich denn Alles, um St. Helena zu einem macenarischen Posten zu machen, der für den englisch-ostindischen Handel sehr wichtig ist. Hier finden nämlich die nach Europa segelnden Schiffe gleichsam auf halbem Wege, den besten Erfrischungsort. Ich sage, die nach Europa segelnden, weil nur diese über St. Helena gehen. Die aus Europa kommenden legen nämlich am Kap an. Dieser Unterschied wird durch die Abweichung des Paßatwindes bestimmt.
Der Umfang der Insel wird auf höchstens 12 Stunden geschäzt. Die größte Länge soll von 6, die größte Breite von 4 Stunden seyn. Die Bevölkerung giebt man auf 2300 Seelen an, worunter 5-600 Mann Garnison, und 7-800 Neger mit begriffen sind. Für die Sicherheit der Insel ist nach Möglichkeit gesorgt. Nicht genug, daß jede Landung durch die hohen Felsen und die heftige Brandung sehr erschwert wird; es sind auch auf den vornehmsten Punkten Batterien und Bollwerke angelegt.
Zugleich sind auf den benachbarten Felsengipfeln immer große Steinvorräthe in Bereitschaft. Auf dem höchsten Punkte der Insel, auf dem Dianenpik, ist ein Wachthaus, von dem man alle Schiffe in der Entfernung von vielen Stunden signalisirt. Eben so sind rund um die Insel Telegraphen errichtet, die sämmtlich mit St. Jamestown in Verbindung stehn. Die Disciplin der Garnison ist sehr gut, und alle Morgen sorgfältiger Namensaufruf. Sobald man nun einen Mann vermißt, wird sogleich Embargo auf die Schiffe gelegt. Dies macht das Desertiren beinahe unmöglich, indem nicht leicht ein Schiffer die Hand dazu bieten wird.
Der jetzige Gouverneur ist ein sehr thätiger und einsichtsvoller Mann. Er hat sich bereits in vielen Hinsichten um St. Helena sehr verdient gemacht. Unter andern hat er eine Einrichtung getroffen, die äußerst nüzlich geworden ist. Alle Vergehungen werden nämlich mit einer verhältnißmäßigen Strafarbeit gebüßt. So wurden mehrere öffentliche Gebäude aufgeführt, die Inselwege verbessert, wüste Strecken angebaut u. dgl. mehr. Der schöne Compagniegarten z. B. entstand allein auf diese Art. Vorher war es ein wüster Platz, wo aller Unrath von St. Jamestown zusammenfloß. Jezt ist es die herrlichste Pflanzung, die man sehen kann.
Die Feldarbeiten werden hier durch Neger verrichtet, die zum Theil freie Leute sind. Der Sclavenhandel ist schon seit 25 Jahren und darüber abgeschafft. Dies hat auf den Anbau der Insel den glücklichsten Einfluß gehabt. Indessen halten sich auch die freien Neger freiwillig zu den einzelnen Gutsbesitzern, was für beide Theile gleich vortheilhaft ist. Eben so sieht man deren als Bediente, Jäger, Aufwärter, theils auf dem Lande, theils in St. Jamestown. Man rechnet in allem 7-800 zusammen, worunter die Weiber die Mehrzahl sind.
Von diesen leben sehr viele in der Stadt. Sie werden besonders als geschickte Näherinnen, Köchinnen und Wäscherinnen gelobt. Die jüngere und schönere treiben ein bekanntes Nebenhandwerk, das während der Anwesenheit der ostindischen Flotten sehr einträglich ist. Die meisten Negerinnen berechnen ihr Alter theils nach dem Monde, theils nach den Proviantschiffen aus England. -- »Ich bin 300 Proviantschiffe alt!« -- gab mir eine sehr betagte Frau zur Antwort. Dies macht, 4 Proviantschiffe auf das Jahr gerechnet, nicht weniger als 75 Jahre.
Zwei Tage nachher.
Werden Sie glauben, theuerster Freund, daß von der Fortsetzung meiner Reise nach der Kapstadt die Rede gewesen ist? Hören Sie nur! Vor ungefähr 5 Tagen lief hier ein kleines Kapsches Schiff mit Wein und Butter ein. Der Capitain hörte von uns, und bot uns gegen gute Bezahlung sofort die Ueberfahrt an. Meine sämmtlichen Gefährten entschlossen sich fast augenblicklich dazu, ich aber nahm mir vor, etwas bedächtlicher zu Werke zu gehn.
Den andern Tag ward ich zu dem Capitain unseres Kriegsschiffes eingeladen; was schon mehrmals der Fall gewesen war. Er erklärte mir, er würde in 5, 6 Tagen unter Segel gehn. Ob ich ihn begleiten, meine Reise nach dem Kap fortsetzen, oder auf St. Helena bleiben wolle, sey mir freigestellt. Ich bat um eine Stunde Bedenkzeit, und entschloß mich zur Reise nach -- England.
Sie werden erstaunen, verehrter Freund, aber hören Sie meine Gründe an. Zuerst ist das Kapsche Schiff ein kleines, altes und sehr schlechtes Fahrzeug, wie sie es in der Regel fast alle sind. Zweitens sind wir im Regenmonßon, wo es in diesen Gewässern, und gerade in der Nähe des Kaps, sehr heftige Stürme giebt. Drittens ist die Reise von St. Helena nach dem Kap ohnehin schon beschwerlich, da man, um den Paßatwind zu bekommen, einen bedeutenden Umweg machen, und wenigstens einen Monat darauf rechnen muß. Viertens endlich glaubte ich, allen Umständen zufolge, durchaus an mein erstes Schiff und dessen Schicksal gebunden zu seyn. Der Capitain selbst gab mir vollkommen Recht. Ich werde nun noch eine Rundreise um die Insel machen, wozu die Erlaubniß bereits ausgewirkt ist, und dann mit vollen Segeln nach Europa zurück!
~Neunter Brief.~
~Bai~ von ~St~. ~Helena~, August 1805.
Jezt erst kann ich sagen, daß mir St. Helena in jeder Hinsicht bekannt geworden ist. Vorgestern in aller Frühe brach ich von St. Jamestown auf. Mein Führer war ein alter ehrlicher Bootsmann, aber in Wahrheit noch rüstig genug. Wir stiegen zuerst einen hohen, kahlen Felsen, den sogenannten Ladderhill, hinan. Von der Bai aus gesehn, faßt er die rechte Seite des Thales ein. Der ziemlich steile Weg ist in den Basalt gehauen, und überall mit einer gemauerten Brustwehr versehn. Gewöhnlich wird bis auf den Gipfel nur eine halbe Stunde abrechnet; wir brauchten aber an drei Viertelstunden dazu.
Auf dem höchsten Punkte befindet sich eine Batterie, die einen beträchtlichen Theil der Bai bestreicht, nebst einem Flaggenbaum. Daneben sind mehrere Baraken für die Artilleristen, die diesen Posten, wegen der reinen kühlen Luft, allen andern vorziehn. Sie haben ihre Weiber und Kinder bei sich, und bauen ihre kleinen Gemüsegärten sehr sorgfältig an. Die Aufsicht vom Ladderhill ist aber nichts weniger als schön. Auf der einen Seite hat man nichts als nakte Felsen; auf der andern das einsame Meer. Die Stadt selbst nimmt sich in der furchtbaren Tiefe wie ein Haufen Kartenhäuser aus.
Wir erquickten uns mit einem Glase Rum und stiegen dann einen zweiten, gleichfalls ganz kahlen Felsen hinan. Aber wie angenehm werden wir dafür auf dem Gipfel überrascht! Ein liebliches Thal mit grünenden Bergen eingefaßt, lag im glänzenden Morgenlichte vor uns da. Die Pisangs, die Cocospalmen, die Orangen und Bananas; weidende Heerden auf üppigen Wiesen; zierliche Landhäuser zwischen Fruchtbäumen versteckt; alles blühend und grünend, alles in Schönheit und Herrlichkeit; ein irdisches Paradies vom liebenden Himmel geküßt.
Wir wanderten nun am Rande dieses entzückenden Thales immer am Abhange des Berges hin. Der Weg war mit Lorbeer- und Myrthensträuchen, mit Citronen-, Orangen- und Feigenbäumen eingefaßt. Sie bildeten einen so dichten Schattengang, daß uns die Sonne nicht im mindesten beschwerlich fiel. Ich kaufte von einem alten Neger einige Orangen zu einem halben Stüber[23] das Stück, und fand dieselben von vortrefflichem Geschmacke. Gegen Mittag kamen wir an ein schönes Landhaus, das dem Gouverneur gehört. Wir fanden blos einige Neger und Negerinnen daselbst, und konnten es also nach Belieben besehen. Es ist ein treffliches Gebäude, vorn mit einer großen schattigen Kastanienallee, hinten mit einem herrlichen Garten versehen. Am Ende des Gartens befindet sich ein Hügel, auf den man Bäume, Gebüsche und Blumen aus China und aus England vom Kap und von den Südseeinseln beisammen sieht.
Das Innere dieses Landhauses ist sehr geschmackvoll verziert; überall sind die schönsten englischen Möbeln, auch eine Menge ostindischer und chinesischer Kostbarkeiten aufgestellt. Unter andern bemerkte ich ein schönes Fortepiano von Mahagony. Es war, wie ich hörte, auf der Insel selbst gebaut, und zwar von einem Deutschen, der mit den holländischen Truppen aus Surinam hierher gekommen ist. Er besizt bereits ein schönes Haus zu St. Jamestown, und schickt jährlich eine Menge musikalischer Instrumente, besonders aber Pianofortes, theils nach dem Kap, theils nach Batavia. Die wohlfeilsten werden ihm mit 60 Guineen, die theuersten mit 180 bis 200 bezahlt. Leztere sind mit den feinsten ostindischen Holzarten ausgelegt. Nachdem wir dies alles besehen hatten, nahmen wir eine ländliche Mahlzeit von Milch und Eiern zu uns, und sezten nach einem kleinen Mittagsschlafe unsere Wanderung weiter fort. Der ehrliche alte schwarze Castellan fand sich mit einem guten Stück Tabak über seine Erwartung bezahlt.
Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen bald zu einem anderen schönen Landhause, das einem Herrn Vrangham gehört. Die hier gezogenen Früchte und Gemüse sollen die besten auf der ganzen Insel seyn. Kein Wunder, daß daher blos der Obstgarten für 200 Pfund jährlich verpachtet ist. Ich bemerkte viel herrliches Wiesenland, sah aber nirgends Vieh darauf. Gleichwohl befindet sich ein starker Bach in der Nähe, der sich ins Meer ergießt. Das Wasser ist krystallhell, die Ufer sind mit den schönsten Blumen bedeckt.
Wir steuerten weiter nach ~Sandybay~, immer längs einer Reihe mit Lorbeern und Myrthen bedeckter Berge hin. Dies ist der breiteste und bequemste Weg auf der Insel, so daß man selbst zu Wagen fortkommen kann. Allmählig stiegen wir aufwärts, und bald sahen wir das große liebliche Sandybay Thal vor uns. Das Farbenspiel der untergehenden Sonne war entzückend schön; die ganze Landschaft schien in Rosenglut getaucht.
So kamen wir bei dem Landhause eines Herrn Doreton an, das sehr romantisch an dem Abhange liegt. Ich hatte einige Zeilen an den Verwalter, und war daher ein sehr willkommener Gast. Augenblicklich sezte er uns herrliche Milch, frisches Brod und köstliche Früchte vor, während seine Frau ein vollständiges Abendessen versprach. Ich erfrischte mich mit einem Paar Stücken Ananas, und betrachtete die Landschaft, über der jezt der Mond aufgieng.
Nach ungefähr einer kleinen Stunde rief mich der alte ehrliche Neger zum Abendessen hinein. Ich trat in einen freundlichen Gartensaal, der mit den schönsten Kupferstichen verziert war. In der Mitte war ein ziemlicher Tisch gedeckt, und mit allerhand guten Sachen besezt. Wir hatten ein treffliches Stück Rostbeef, eine Schüssel mit Lamscerbonade, zwei andere mit Yams und Erdäpfeln, zwei Teller mit europäischen Pfeffergurken und Eingemachtem, ein Körbchen voll herrlicher Früchte, und eine große Flasche Maderasekt. Hungrig, wie wir nach einer solchen Tagereise waren, langten wir nunmehr herzhaft zu. Es war ein wunderschöner Abend; ich blieb bis nach zehn Uhr auf.
Endlich wieß mir der Verwalter ein Schlafzimmer an. Es war äußerst kühl und reinlich, dennoch that ich die ganze Nacht kein Auge zu. Hieran war eine Legion von Mäusen Schuld, die ihr Unwesen ins unglaubliche trieb. Sie liefen über mich hin und her, gänzlich ungenirt. Endlich kleidete ich mich an, und begab mich auf die Terrasse, wo ich von zwei bis sechs Uhr vollkommene Ruhe fand. Als es Morgen geworden war, brachten die guten Leute ein treffliches Frühstück, auf dem feinsten japanischen Porcellan. Ich beschenkte den Mann mit einem tüchtigen Stücke Tabak, und die Frau mit einigen Briefen Nadeln, nebst einem Röllchen Seidenband, was ihre Erwartung übertraf. So war es fast sieben Uhr geworden; endlich brachen wir auf.