Part 9
So war alles in Ordnung gebracht. -- Endlich am 5. Morgens -- Nie werde ich den Augenblick vergessen, liebster Freund. -- »O bleibe bei uns Vater! Verlaß uns nicht!« -- riefen meine ältesten drei Kinder, und klammerten sich an mich an, während der Säugling ruhig in der Wiege schlief. -- Wäre meine Frau nicht standhafter gewesen, als ich -- Ich glaube, ich hätte in diesem Augenblicke auf Alles Verzicht gethan. So riß ich mich endlich mit gepreßtem Herzen los. Meine Sachen wurden jezt in die Schuit[16] gebracht, und ich folgte mit thränenden Augen nach. Zu meiner Freude waren nur noch zwei Personen in dem Roef[17] daher ich ziemlich ungestört blieb. Abends kamen wir so in Gröningen an.
Ich hatte von Gröningen am nächsten Tage mit der Schuit nach Delfzyl zu gehen gedacht, wo ich Gelegenheit nach Leer zu finden sicher war. Allein es fror die Nacht so heftig, daß ich nicht weiter daran denken konnte. Ich ließ daher meine Sachen auf einen Wagen laden, auf dem sich zugleich ein Siz für mich und den Fuhrmann befand. Da es schon zwei Uhr war, als wir abfuhren, kamen wir Abends nicht weiter als Scheemda, ein großes, schönes Dorf, wo Nachtquartier gemacht ward.
Am folgenden Morgen gieng es bei schönem hellen Wetter, durch den reichsten und fruchtbarsten Theil der Provinz, nämlich das Oldampt. Besonders groß und prächtig sind die Pfarrwohnungen, wie denn die Geistlichen hier solche Einkünfte haben, wie vielleicht nirgends anderes in unserem Vaterland.
In der Nähe von Neuschanz (=de Nieuwe Schans=) war der Weg außerordentlich schlecht. Indessen kamen wir Abends ohne Unfall an. Hier lohnte ich meinen Fuhrmann ab, weil mit seinem schweren Wagen unmöglich weiter zu kommen war. Ich hielt es fürs beste, zwei kleinere zu nehmen, worauf die Reise am nächsten Tage weiter gieng.
Bald kamen wir nun auf preußischen Boden, indem der Grenzpfahl ganz nahe bei Neuschanz steht. Das Land verräth viel Wohlstand, besonders der Theil, der unter dem Namen, der Preußische Polder bekannt ist. Ueberall herrliches Wiese- und Ackerland, und die schönsten Bauernhöfe, von städtischem Ansehen. Dies machte mich den schlechten Weg vergessen, der bei dem eingetretenen Thauwetter fast ganz ungangbar war. So kamen wir Nachmittags an dem Wirthshause an, das am rechten Ufer der Ems, ungefähr eine Viertelstunde von Leer, gelegen ist.
Ich hätte mich gern noch diesen Abend über den Fluß setzen lassen, allein es war unmöglich, weil er mit Treibeis gieng, und nur das kleine Boot mit großer Mühe hin und wieder fuhr. Da ich nun meine Sachen unmöglich zurücklassen konnte, ließ ich sie abladen, und in einen Schoppen bringen, wo nach der Versicherung des Wirthes alles in Sicherheit war. Bei meinem Eintritt in das Zimmer sah ich sogleich an dem schmutzigen Boden, und der sparsamen Erleuchtung, daß ich mich außer dem Vaterland befand. Ein Dutzend Münsterländer mit langen blauen Hemden, und dicken weißen Schlafmützen, saßen mit dampfenden Pfeifen vor dem Kamine, und erwiederten meinen Gruß in ihrer eigenthümlichen platten Mundart.
Nachdem man mir an der einen Ecke Plaz gemacht hatte, brachte mir der Wirth eine Pfeife, und stellte einen kleinen Tisch mit einer Flasche Wein vor mich. Hierauf fuhr er in einer Erzählung fort, die durch meine Ankunft unterbrochen worden war. Sie betraf seine Jugend, Verheiratung, und Ehe. Nach dem Tode seiner ersten Frau hätte er gern eine zweite genommen, allein er war zu alt dazu. Eine junge würde ~ihn~ nicht gewollt haben, und zu einer von seinen Jahren hatte er selbst keine Lust gehabt.
Auch schmerzte es ihn bitter, daß er in seiner Jugend nicht hatte reisen können, es würde etwas ganz anderes, als ein Landwirth aus ihm geworden seyn. Zum Beweise seiner großen Kenntnisse sprach er dann vom Vorgebirge der guten Hoffnung, was bei ihm Ostindien hieß, und von der unerträglichen Hitze, und den hottentottischen Affen daselbst, und dergleichen mehr. Die guten Münsterländer hörten mit offenen Mäulern und Ohren zu, ganz erstaunt über die unerhörte Gelehrsamkeit des alten dicken Wirths. Indessen muß ich ihm lassen, daß er mir ein Abendessen vorsezte, das gar nicht übel war. Auch bekam ich im oberen Stocke ein reinliches Zimmer mit einem rechten guten Bett.
Am andern Morgen ließ ich mich nun mit meinen Sachen übersetzen, und gelangte in einer Viertelstunde nach Leer, mein vorläufiges Reiseziel. Hier nahm ich ein Zimmer in einem großen Wirthshause, bei einem gewissen Wagner, wo es mir aber durchaus nicht gefiel. Besonders stieß mich der gemeine liederliche Ton des Wirthes ab, den dieser am Gesellschaftstische angab. Ich sahe mich also noch denselben Tag nach einer andern Wohnung um, und fand auch bald ein recht artiges Zimmer mit einer angenehmen Aussicht obendrein.
Es war bei einer Schiffscapitainsfrau, die mir zugleich Kost, Licht und Heizung zu geben versprach. Für alles zusammen, das Zimmer mit eingerechnet, forderte sie nicht mehr als sieben Gulden, die Woche, was gewiß äußerst billig war. Das Schiff ist leider noch nicht angekommen, man erwartet es aber, so bald die Ems vom Eise frei ist. Unterdessen habe ich einen Theil meiner Bücher ausgepackt und beschäftige mich so gut es gehen will. Leer selbst, mit seinen 4000 Einwohnern, und seiner jetzigen Handelsstille, bietet so gut als gar keine gesellschaftlichen Hülfsquellen dar. Indessen kann mein Aufenthalt nicht lange dauern, und so nehme ich mit allem vorlieb.
~Zweiter Brief.~
~Leer~ Febr. 1805.
»Der harte Frost macht alle Schiffarth unmöglich; drum will ich noch einmal Frau und Kinder sehn!« -- So rief ich am Neujahrstage aus, und trat sofort die Reise an. Ich überraschte meine Lieben, brachte noch einiges im Haag in Ordnung, und kam vor ungefähr acht Tagen wieder hierher zurück. Seitdem hat es nun so stark getaut, daß die Ems völlig offen ist. Schon liegt ein Schiff nach dem Cap in Ladung, allein das unserige kommt erst übermorgen an. Der Himmel gebe, daß kein neuer Aufenthalt entsteht, damit ich doch endlich einmal meine Gemeinde begrüßen kann.
Unterdessen habe ich Leer ziemlich kennen gelernt. Würden Sie glauben, daß dieser kleine Ort eine lutherische, eine reformirte, eine katholische und eine mennonitische Kirche, so wie eine Synagoge hat? Die Ems fließt hinten daran weg, und ist im Flecken selbst nur von einigen Stellen zu sehen. Indessen trägt sie sehr große Schiffe, so, daß diese vor den Packhäusern ankern können, die an jener Seite befindlich sind.
Als ich gestern fortfahren wollte, kam meine Wirthin, mir zu sagen, daß eben unser Schiff angekommen sey. Sofort ließ ich mich übersetzen, stieg auf den Damm, und sahe es in der untergehenden Sonne gerade vor mir. Bald darauf langte der Capitain mit den übrigen Passagieren an, und wir machten die erste Bekanntschaft bei einer guten Abendmahlzeit. Diesen Morgen kam das Schiff vollends an den Wal, wie man hier sagt, so, daß es die Ladung einnehmen kann. Ich gieng mit einigen Freunden, es zu besehen, und fand, daß es ein gutes, festes, aber etwas kleines Fregattenschiff war. Nun, wir werden uns zu behelfen suchen, so gut es gehen will. Der Capitain, ein geborner Ostfriese, scheint ein recht guter Mann, und sorgt, dem Vernehmen nach, aufs reichlichste für unsern Schiffsbedarf. Er ist das freilich wohl im Stande, da jeder von uns eine sehr ansehnliche Summe für die Ueberfahrt zahlt. Dies ist indessen seine erste große Reise dieser Art. Doch hat er einen erfahrnen Steuermann, einen gebornen Holländer, der schon mehrere Reisen nach Ost-Indien gemacht hat. Eben so erwartet er einen Supercargo, der gleichfalls sehr gute Kenntnisse von diesen Gegenden haben soll. Indessen fand ich die Mannschaft, nur sechszehn Köpfe zusammen, für eine so weite Reise etwas schwach, weil doch immer ein Drittheil davon erkranken kann.
Leer ist der vielen Schiffe und Fremden wegen jezt äußerst lebendig, wobei sich der reiche Theil der Kaufleute besonders in Gastmählern zu zeigen sucht. Gewöhnlich sind es Abendmahlzeiten, von denen man aber oft erst Morgens aufsteht. In diesen legt man hier den größten Luxus zur Schau, besonders was die Weine betrifft. Der Bordeaux macht dabei den Anfang, und der Champagner den Beschluß. Ueberhaupt ist der Ostfriese von ruhigem, gutmüthigem, gastfreundlichem Charakter, so, daß es fast allen Fremden hier sehr wohl zu gefallen pflegt.
Dazu tragen denn auch in vieler Hinsicht die angenehmen Spaziergänge in der Nachbarschaft bei. Der besuchteste davon führt nach Bollinghusen, eine Art Gehöfte mit einem Herrenhause, das dem Baron von Reede gehört. Dabei befindet sich ein schöner Park und Garten, die jedermann offen stehn. Ein großes wohleingerichtetes Wirthshaus mit einem Tanzsaal fehlt ebenfalls nicht. Es ist daher alle Tage, besonders aber Sonntags, große Gesellschaft hier.
Ein anderer angenehmer Weg führt nach Loga, ohngefähr eine halbe Stunde östlich von Leer, auf der großen Straße nach Deutschland. Dieses Loga ist ein ansehnliches Dorf, das aus einigen Straßen besteht und viele stattliche Gebäude hat. Unter diesen befinden sich mehrere Landhäuser, die sehr geschmackvoll eingerichtet sind. Besonders zeichnet sich das Schloß des Grundherrn, des Grafen ~von Wedel~, aus. Es ist fürstlich zu nennen, und mit den herrlichsten Park- und Gartenanlagen versehen.
Eine Viertelstunde nördlich von Leer erhebt sich mitten im freien Felde eine nicht unbedeutende Anhöhe, der ~Plettenberg~ genannt. Der Weg dahin führt zum Theil durch eine hohe Ulmenallee, bei den Ruinen eines alten Schlosses vorbei. Man hat von diesem Anhöhe eine sehr ausgebreitete Aussicht auf den schlängelnden Fluß, und einen großen Theil von Ostfriesland. Bei heiterem Wetter kann man selbst Embden, und die Schiffe auf der dortigen Rhede sehn. Nun, in kurzem werden wir selbst dort liegen, und dann mit Gott in offene See.
~Dritter Brief.~
An Bord, auf der Rhede von ~Embden~, April 1808.
Da bin ich denn an Bord unserer Anna Wilhelmina, dies ist der Name unseres Fregattenschiffs. Nach Abgang meines lezten blieb ich ohngefähr noch acht Tage in Leer. Unterdessen nahm das Schiff den Rest seiner Ladung ein, und segelte den Fluß hinab. Wir Passagiere, acht zusammen, folgten zu Lande nach. Morgens fuhren wir ab, Mittags kamen wir in Embden an. Die Rhede von Embden hat das Unbequeme, daß kein großes Schiff in der Nähe der Stadt vor Anker gehen kann. Man muß daher oft eine Stunde, ja zwei Stunden fahren, ehe man zu seinem Schiffe kommt. Dies war leider auch unser Fall, doch endlich hatten wir die gehörige Höhe erreicht, und konnten unser Schiff gerade vor uns sehn. Da es aber gerade Ebbe war, entstand ein neuer Aufenthalt. So harrten wir bis sechs Uhr Abends am Strande, bis endlich die Schaluppe uns abzuholen kam.
Sobald wir uns an Bord befanden, wies uns der Capitain, je zwei und zwei zusammen, unsere Hütten an. Mit meinem Gefährten hatte ich schon in Leer Bekanntschaft gemacht. Es war ein alter herzensguter Mann, der als Aufseher der afrikanischen Wallfischfang-Gesellschaft ebenfalls nach der Kapstadt gieng. Ich übernahm die Mühe, unsere Hütte in Ordnung zu bringen, was mir denn auch nicht übel gelang.
Denken Sie sich einen kleinen Verschlag, der höchstens drei Personen fassen kann, und das Licht nur durch ein kleines Fenster in der Thür erhält. Denken Sie sich ferner in der einen Wand derselben zwei Koyen, oder Schlafstellen über einander, so haben Sie unsere Hütte vor sich. Hier muß man denn nun sehn, wie man seine Sachen unterbringt. Ein Glück, daß ich beim Einladen unserer Provisionen zugegen war, so ward alles gleich in die Hütte gesezt.
Was wir daher am nöthigsten brauchten, wie Wäsche, Bücher u. s. w. kam unter die Matrazze, oder fand an den Enden der Koye einen Plaz. Andere Sachen, wie Töpfe mit Eingemachtem, Thee, Kaffee, Zucker, Gläser, Seife, Liqueur u. s. w. wurden in einen Schrank verschlossen, der an der entgegengesezten Wand befindlich war. Einige Kleidungsstücke wurden zwischen die Balken an der Decke der Koye gesteckt. Die größeren Vorräthe, wie die Weinkisten, das Selteserwasser u. s. w. befanden sich im Raume, doch oben aufgesetzt. Auf diese Art war unsere Haushaltung sehr bald in Ordnung gebracht. Wir nahmen hierauf bei dem Capitain das Abendessen ein, und sanken zulezt unter dem Rauschen des Wassers in tiefen Schlaf.
* * * * *
Diesen Morgen gieng ich nur auf das Verdeck, fand aber dort alles in der größten Unordnung. Das Schiff ist so voll geladen, daß man die besten Sachen nicht mehr in den Raum bringen kann. So müssen z. B. die Fleisch- und Gemüse-Tonnen sämmtlich oben bleiben, was den Platz gar sehr beengt, und die Schiffsarbeit nicht wenig erschwert. Dazu kommen die Passagiergüter, alles darunter und darüber, wovon jeder nach dem Seinigen sucht. Man will versuchen, aufzuräumen, ich fürchte aber, daß es wenig helfen wird. Von allen den schönen Vorräthen an Hämmeln, Geflügel u. s. w. die uns der Capitain versprochen hatte, ist nicht das mindeste zu sehen. Mehrere Passagiere denken daher, mit der Schaluppe nach Embden zu fahren, und einzukaufen, was zu bekommen ist. Auch für uns werden Hühner, und einige Ochsenviertel mitgebracht. So eben kommt unser Rheder zum Abschiedsbesuch. Ich muß schließen, man ruft mich.
Morgens 7 Uhr.
Der Wind ist günstig, der Lootse an Bord. Eben wird das Anker aufgewunden, wir gehen in See. So leben Sie denn wohl, herzlich wohl. Die Inlage an meine liebe Frau. Gott gebe, daß wir uns alle glücklich wieder sehn! Noch einmal, leben Sie herzlich wohl, und denken Sie meiner mit Freundschaft, wie Ihrer ewig denken wird.
Ihr P.
~Vierter Brief.~
~In See~ Mai 1805.
Wir laviren im Kanal; die Küsten von England und Frankreich liegen deutlich vor uns. Besonders sind wir jener so nahe, daß wir die herrlichen Landhäuser zu erkennen im Stande sind. Es ist das herrlichste Wetter von der Welt, nur Schade, daß uns der Wind entgegen ist. Anfangs gieng es sehr gut, wir kamen schon am zweiten Tag in den Kanal. Aber seitdem haben wir schon vier verloren, und Gott weiß, wie lange das dauern kann. Mein Reisegefährte sagt mir, daß auf diese Art oft drei bis vier Wochen vergehn.
Unterdessen suche ich mich zu beschäftigen, so gut ich kann. Ich lese, ich schreibe, ich meditire, bald sitzend, bald stehend, wobei mein kleines Pult in die Koye gesteckt wird. Meistens wachen wir schon um vier Uhr auf. Dennoch bleibt jede Parthei allein bis acht Uhr, wo alles zum Frühstück in der großen Cajüte zusammenkommt. Dann folgt ein Spaziergang auf dem Verdecke, worauf jeder wieder in seine Hütte geht. Um elf Uhr versammelt man sich wieder im Caffehause, das von uns selbst errichtet worden ist.
Wir haben nämlich die Einrichtung getroffen, daß jeder nach seiner Reihe den Wirth machen und die andern mit Genever u. s. w. traktiren muß. Um 12 Uhr wird zu Mittag gegessen, wobei jeder aus seinen Provisionen etwas zum Nachtisch hergiebt, und so die ewigen Kartoffeln und das ewige Pökelfleisch etwas erträglicher macht. Wer eine halbe Stunde Mittagsruhe halten will, mag es thun, ich selbst befinde mich wohl dabei. Von drei bis sieben Uhr beschäftigen wir uns mit Lesen, Schreiben, Kommerzspielen und dergl. mehr. Um sieben haben wir das Abendessen, und dann kleine Wein- oder Punschparthien meistens auf dem Verdeck. Um zehn Uhr ist Schlafenszeit, wenigstens muß es in allen Hütten still seyn. Da haben Sie unsere Einrichtung, Tag für Tag, ohne Abänderung.
~Fünf Tage darauf.~
Gott Lob, wir haben endlich günstigen Wind bekommen, und nun geht es im Fluge den Kanal hinaus. Schon nähern wir uns dem Cap Lezard, oder der südwestlichsten Spitze von England. Indessen gab es diesen Morgen einen so heftigen Streit an Bord, daß wenig fehlte, wir wären umgekehrt. Ich habe ihnen schon gesagt, wie schlecht es mit den frischen Vorräthen des Capitain bestellt war. Dazu kam, daß er uns bei weitem nicht die kontraktmäßige Tafel gab. Hieraus entstand nun zwischen ihm, und dem Supercargo ein heftiger Wortwechsel, wobei natürlich jeder von uns des lezteren Parthei ergriff. Allein dies sezte den Capitain in solche Wuth, daß er sofort das Schiff wenden, und gegen den günstigen Wind anlaviren ließ. Nach einigen Stunden indessen nahm er seinen unvernünftigen Befehl zurück, und ersäufte seinen Zorn in einigen Flaschen Portwein, wovon er ein großer Liebhaber ist. Sie können jedoch leicht glauben, daß dieser Vorfall einen sehr unangenehmen Eindruck auf uns gemacht hat.
27. Mai.
Das herrlichste Wetter, der günstigste Wind. Gestern Morgens segelten wir bei Teneriffa vorbei. Herrlich war der Wiederschein des majestätischen Pics in der klaren, spiegelnden Fluth. Nachmittags begegneten wir einem englischen Kaper, der uns beilegen hieß. Hierauf kam der Capitain desselben mit einiger Mannschaft zu uns an Bord. Er verlangte die Schiffspapiere, sah sie durch, erklärte sie endlich für gut, und verließ uns. Wir Passagiere hatten uns inzwischen in unseren Hütten verborgen gehalten, und kamen so mit dem bloßen Schrecken davon.
* * * * *
Die Hitze wird nur täglich stärker, wir fühlen sie besonders des Nachts. Schon früh um neun Uhr ist das Holzwerk so heiß, daß man die Hand nicht darauf legen kann. Mit unserem Tische geht es so, so; wir helfen uns mit dem Mitgebrachten aus. Das Meer ist sehr schön, und bietet uns eine Menge wunderbarer Erscheinungen dar. Wir bleiben oft bis Mitternacht auf dem Verdeck. Alles ist dann Glanz und Feuer um das Schiff. Dazu der sternbedeckte Himmel gleich einem reinen ätherischen Lichtmeere! Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr dieser Anblick das Herz erhebt!
Eine Stunde darauf.
Während ich obiges niederschrieb, tagte in Südost ein Fahrzeug auf, das bald für ein dänisches Schiff erkannt ward. Es hielt auf uns zu, und kam endlich ganz nahe heran. Es lag drei Wochen in der Tafelbai, und ist nach Rotterdam bestimmt. Unser Supercargo hat eine lange Unterredung mit dem Capitain gehabt, und giebt ihm ein Paket mit. Mein Brief soll darin eingeschlossen werden, daher für diesmal genug. Leben Sie wohl, verehrter Freund; meinen nächsten erhalten Sie wahrscheinlich aus der Kapstadt selbst.
~Fünfter Brief.~
Insel ~St. Helena~, Juli 1805.
Erschrecken Sie nicht, mein werthester Freund, unser Schiff ist von den Engländern genommen, und hier als gute Prise eingebracht. Noch weiß ich nicht, was aus mir werden soll, fast dürfte die weitere Reise unmöglich seyn. Doch ich will Ihnen in der Ordnung erzählen, wie Alles zugegangen ist. Wir hatten den Passatwind bekommen, und rückten nun immer nach der Linie vor. Sonnenaufgang und Untergang, der Mond und die Sterne, es war ein neuer glänzender Himmel in der reinsten Pracht. So sahen wir unter andern einmal einen Regenbogen, der durch den ~Mond~ gebildet ward, und dennoch dem schönsten Sonnenregenbogen nur wenig nachgab.
Auf diese Art waren wir ungefähr bis unter den fünften Grad nördlicher Breite gekommen, als wir am ~sechsten Juni~, Morgens, gerade in Südwesten ein großes Schiff auftagen sahen. Wir freuten uns sehr darüber, denn wir hielten es für einen heimkehrenden, holländischen Ostindienfahrer, dem es auch vollkommen in Bauart und Segelwerk glich. Jeder beeilte sich nun Briefe an seine Freunde zu schreiben, und ich selbst fieng einen an Sie Geliebter an. Doch wie schrecklich sahen wir uns in unserer Hoffnung getäuscht! Das Schiff kam näher, und ward bald für ein englisches Kriegsschiff erkannt. Jezt erfolgten die zwei gewöhnlichen Schüsse, das erstemal blind, das zweitemal hinter dem Schiffe hin, und wir waren gezwungen, beizudrehen. Sofort sezten die Engländer ein Boot aus, und schickten zwei Offiziere, nebst ungefähr zwanzig Mann Seesoldaten nach uns ab. Kaum waren nun diese an Bord, so wurden die Schiffspapiere untersucht, unzulänglich befunden, und Schiff und Ladung für gute Prise erklärt.
Denken Sie sich, wie uns Passagieren bei dieser Nachricht zu Muthe war! Um keinen Argwohn zu erregen, hielten wir uns während der Untersuchung, troz der erstickenden Hitze, in unsern Hütten auf. Hier brachten wir zwischen Furcht und Hoffnung wohl eine Stunde zu. Endlich erfuhren wir unser Schicksal. Unser Supercargo, Herr Van der Pulten, mußte sich an Bord des Kriegsschiffs begeben; eben so wurden auch unsere sämmtlichen Matrosen dahin gebracht. Unser Capitain verlor das Commando, und an seiner Stelle übernahm es ein englischer Lieutenant. Auch erhielten wir eine englische Schiffsmannschaft. Um uns andere schien man sich wenig oder gar nicht zu bekümmern, wie uns denn auch nicht das Mindeste genommen ward.
Aber welcher Lärm, welche Verwirrung auf dem Verdeck! Alles unter, und durch einander; ein Schreien, Fluchen und Rasen, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Dazu das Ueberpacken der Hangmatten, Kisten u. s. w. Die fremden Gesichter, die fremde Sprache, der ganz veränderte Zustand. Endlich drangen ein halbes Dutzend englische Matrosen in die Cajüte, erbrachen die Kisten unseres Capitains, und bemächtigten sich seines Eigenthums. So gieng es fort bis vier Uhr, wo alles allmählig wieder in Ordnung kam. Bald darauf gab das Kriegsschiff ein Signal, und sogleich ward alles zum Weitersegeln in Bereitschaft gesezt. Endlich steuerte das Kriegsschiff voran, und das unserige hinter demselben drein. Der Curs war südlich; doch wohin es eigentlich gieng, blieb ein Geheimniß für uns.
Am folgenden Tage neue Verwirrung, neue Angst. Die Engländer beschlossen die Ladung Stück für Stück zu untersuchen, um der Prise desto gewisser versichert zu seyn. Da sie nämlich unser Schiff durchaus für ein verkapptes holländisches hielten, vermutheten sie auch Pulver, Blei, Gewehre u. s. w. unter der Ladung, was bekanntlich gegen die Kriegsgesetze ist. Zu diesem Ende wurden nun alle Kisten und Fässer auf das Verdeck gebracht, und theils zerschlagen, theils angebohrt. Sie wurden dabei so hoch aufgestapelt, daß fast das Umschlagen zu befürchten war. Man fand indessen nichts, als einige Fässer Harz, was dann zur Contrebande gestempelt ward. Hierauf ward alles wieder in den Raum geschafft, wiewohl in größter Unordnung. Diese ganze Untersuchung dauerte von Morgens sechs, bis Abends acht Uhr, und zwar während der Himmel mit furchtbaren Gewitterwolken bedeckt war. Ein einziger Windstoß, ein einziger Wetterschlag, und es würde um uns geschehen gewesen seyn.
Die Nacht war still, aber drückend heiß. Endlich gegen Morgen brach das Ungewitter mit tausend Donnerschlägen los. Das Echo in den Wolken war fürchterlich; der Regen floß in Strömen herab; der Sturm peitschte die Wogen himmelan; unzählige Blitze durchkreuzten sich. Zum Glück waren wir auf diese ~Travate~ -- dies ist der Schiffsausdruck -- schon seit dem Abende vorbereitet, so daß sie uns nicht den mindesten Schaden that.
Am 20. Juni passirten wir die Linie, was mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten geschah, und steuerten immer tiefer nach Süden hinab. Oft nahm uns das Kriegsschiff nunmehr aufs Schlepptau[18], wobei es natürlich tüchtige Stöße gab. Am 3. Juli verließ uns das Kriegsschiff auf eine kurze Zeit. Es beschloß auf einige Schiffe Jagd zu machen, die man in Osten erblickte, und der Capitain für spanische ansah. Er gab uns den Curs auf, den wir in der nächsten Nacht halten sollten, und versprach am andern Morgen wieder bei uns zu seyn. Allein wir harrten vergebens; selbst am dritten Tage erschien er noch nicht. So kreuzten wir immer in der Irre herum.
Das schlimmste dabei war, daß unser Wasser zu Ende gieng, und daß nun jeder auf eine Kanne täglich gesetzt ward. Zum Unglück hatten sich die Ratten auch schon längst über unser Selteserwasser gemacht; wir waren daher auf Wein und Branntewein eingeschränkt. Gekocht konnte nun durchaus nichts weiter werden, wenigstens in süßem Wasser nicht; dagegen machte das Seewasser alle Speisen beinahe ungenießbar.
Um einmal eine gute Tasse Caffe zu haben, gab ich zwei Flaschen Genever, jede zu sieben bis acht Gulden, für eine einzige Flasche Wasser hin. Zwar hatten wir zuweilen starke Regenschauer, allein dies half uns nichts. Segel, Holz- und Tauwerk waren nämlich so stark mit Salztheilen besezt, daß das herabfließende Wasser durchaus denselben Geschmack bekam. An unserem Mangel waren indessen die englischen Offiziere und Matrosen eigentlich selbst Schuld. Bei dem Umladen hatten sie nämlich mehrere Wasserfässer, die ihnen im Wege waren, zerschlagen; eben so hatten sie den größten Theil unseres Vorrathes zum Waschen verbraucht.