Chapter 10 of 11 · 3766 words · ~19 min read

Elftes Kapitel.

Maria von Burgund.

Fürstenkind, wie allein stehst du auf dem schwindelnden Gipfel, Bis dich der Ritter erlöst, der sich in Liebe dir naht.

An einem heißen Julitage lag Frau Ursula im halb verdunkelten Gemach auf den Kissen ihrer Ruhebank, müde von traurigen Gedanken, abgespannt von der glühenden Hitze, und hörte nur mit halbem Ohr auf die „wunderbaren Historien von denen berühmten Frauen, so sich seit Erschaffung der Welt im Guten oder Bösen hervorgethan,“ ein kürzlich erschienenes Buch mit vielen schönen Bildern, aus dem die beiden am Fenster sitzenden Töchter ihr abwechselnd vorlasen. Sie schaute mit mattem Lächeln auf, als Herr Wilibald ins Zimmer trat und sich neben sie setzte. „Ich hoffe, du befindest dich wohl, liebes Weib,“ sagte er freundlich, „es würde mir doppelt schwer werden, dich leidend zurückzulassen.“

„Ihr wollt fort, lieber Herr?“ fragte sie ängstlich, „o laßt mich nicht allein, ich kann es nicht ertragen!“

„Ich habe so eben eine Botschaft erhalten,“ fuhr er fort, „die mich zu einer längeren Reise zwingt. Erzherzog Maximilian, der Sohn unsres Kaisers und unser zukünftiger Herr, wird sich mit Maria von Burgund vermählen, und der versammelte Rat hat mir den Auftrag gegeben, unsre Stadt bei dem Hochzeitsfest zu vertreten. Du wirst einsehen, liebe Ursula, daß ich eine solche Ehre unmöglich ablehnen konnte.“

„Ihr wollt bis nach Flandern reisen und mich für Wochen, vielleicht für Monate verlassen? o mein Gatte, das Haus wird mir wie ausgestorben erscheinen, und ich werde meinen, schon alles verloren zu haben, was ich liebte.“

„Du hast noch die Mädchen,“ versetzte er mit leisem Vorwurf; „sie werden sich sicher bemühen, dich zu pflegen und zu erheitern. Lieber noch hätte ich dich freilich mit mir genommen, denn vielleicht würde der Wechsel dir gut thun und dich wohlthätig zerstreuen.“

Sie überlegte eine kleine Weile. „Ich möchte Euch nicht zur Last fallen, lieber Herr,“ sagte sie, liebevoll zu ihm aufblickend, „und doch möchte ich Euch gern begleiten, wenn Ihr es wünscht. Ich will mich zusammenraffen, Wilibald; Ihr sollt Euch unterwegs nicht mit einer schwächlichen Frau plagen, die Euch jeden frohen Augenblick verkümmert.“

Der Entschluß war heilsam für die Ratsherrin, die Vorbereitungen zur Reise rissen sie gewaltsam aus dem Zustande dumpfen Brütens empor, in den sie verfallen war. Galt es doch auch für sie, den gediegenen Reichtum und den künstlerisch gebildeten Geschmack der freien Reichsstadt vor einer glänzenden Versammlung zu vertreten. Täglich gingen Kaufleute aus und ein, welche kostbare Stoffe und edles Geschmeide zur Auswahl vorlegten, oder der Gewandschneider, dem die Ausführung der Festgewänder übertragen war. Als endlich Frau Ursula den ganzen Hochzeitsstaat zur Probe anlegte, klatschten die Mädchen vor Freude in die Hände und erklärten, die fürstliche Braut selbst könne nicht herrlicher anzuschauen sein, als ihr liebes, schönes Mütterchen. Auch Herr Wilibald schien befriedigt, denn er küßte sein Weib auf die Stirn und flüsterte ihr zu, daß er stolz auf sie sein werde. -- Als alle Vorkehrungen getroffen waren, wurden die Töchter auf den Annenhof geschickt, und die Eltern traten ihre Reise an. Um Frau Ursulas Kräfte zu schonen, konnten sie täglich nur wenige Meilen zurücklegen, und so vergingen mehrere Wochen, bis sie das ferne Ziel ihrer Reise erreichten. --

Die Augen von ganz Europa waren zu dieser Zeit auf Burgund gerichtet, das mit dem Tode des Herzogs Karl des Kühnen den Herrscher verloren hatte. Das Reich hatte sich im Laufe eines Jahrhunderts aus kleinen Anfängen zu großer Bedeutung entwickelt; durch Heiraten, Eroberungen und kluge Verträge war es an Größe gewachsen, bis es sich wie ein gewaltiger Keil zwischen Deutschland und Frankreich schob, zu beiden Staaten in einem Lehnsverhältnis stehend und doch beide in ihrer Sicherheit bedrohend. Blühende, volkreiche Städte, in denen sich deutsche und französische Elemente einten, wetteiferten an Kunstsinn, Gewerbefleiß und Handelsverkehr, wie an Üppigkeit und frohen Festen mit den Republiken und Fürstenhöfen Italiens; kein Herrscherhaus konnte sich eines gleichen Reichtums an Gold und Edelsteinen, an Prachtpalästen und herrlichen Gerätschaften, an Waffen und Kriegsmaterial rühmen. Die flandrischen und brabantischen Gewebe, die kostbaren Teppiche waren in ganz Europa hoch berühmt; auch die Kunst feierte hier schon ihre Triumphe, und der Name der Brüder van Eyck, welche zu Brügge und Gent ihre Malerschulen begründeten, hatte weithin einen hellen Klang.

Oft hatte Karl der Kühne in seiner stolzen Seele den Gedanken gehegt, das Vasallenverhältnis zu lösen und den Herzogshut mit der Königskrone zu vertauschen; seine wiederholten Niederlagen gegen die schweizerischen Eidgenossen und sein Tod bei Nanzig hatten aber allen ehrgeizigen Plänen ein frühes Ende bereitet. Nun war die ganze, unermeßliche Erbschaft seiner einzigen Tochter, der zwanzigjährigen Maria, zugefallen, und von allen Seiten drängten sich die Freier herzu, um mit ihrer Hand die reiche Herrschaft und den Herzogsstuhl zu erwerben. Maria von Burgund zog allen andern Bewerbern den deutschen Kaisersohn, Maximilian von Österreich vor; die Verlobung wurde in seiner Abwesenheit feierlich vollzogen, und am 18. August sollte zu Gent ein glänzendes Vermählungsfest der vereinsamten Fürstentochter einen Gatten, dem Lande einen festen, männlichen Herrscher geben.

Es war ein schwüler Augustabend, als Herr Wilibald Ebner und seine Gattin in die Thore von Gent einfuhren. Eine zahllose Menschenmenge wogte in den Straßen auf und ab, war doch die Stadt schon zu gewöhnlicher Zeit so bevölkert, daß man mittags eine Glocke läuten ließ, zum Zeichen, daß die Mütter ihre Kinder aus dem Wege räumen sollten, damit sie nicht durch die Scharen heimkehrender Arbeiter über den Haufen gerannt werden möchten. Nun kam noch eine Menge von Fremden dazu, welche aus aller Welt Enden herbeigeströmt waren, um den Glanz der fürstlichen Hochzeit anzusehen; kein Wunder also, wenn die Straßen überfüllt waren und der Wagen nur langsam vorwärts kam. Endlich hielt er vor der ansehnlichen Herberge, welche dem Ratsherrn empfohlen worden war. Der behäbige Wirt mit schneeweißer Schürze stand vor der Thür, doch zuckte er bei Herrn Wilibalds Begehr nur lächelnd die Achseln und erklärte, sein Haus sei bis unters Dach mit Gästen besetzt, und er hätte nicht mehr so viel Platz, um ein Mäuslein zu beherbergen, geschweige denn einen so stattlichen Herrn mit Wagen, Pferden und Gefolge. Nicht besser ging es dem Kaufherrn an drei, vier andern Stellen, überall waren die Herbergen voll, dabei dunkelte es schon, und Frau Ursula war so erschöpft, daß sie dringend nach Ruhe verlangte. Ratlos stand der Nürnberger da, als er hinter sich eine Stimme hörte, welche in unverkennbar süddeutscher Mundart sagte: „Kann ich Euch behilflich sein, Herr Landsmann? mich dünkt, Ihr seid in Verlegenheit.“

Als Ebner sich umwandte und den Sprecher ansah, trat er erschrocken einen Schritt zurück, denn es schien ihm, als stände Berthold leibhaftig vor ihm. Doch schon der zweite Blick genügte, um die Täuschung zu zerstören, denn der Fremde war wohl um zehn Jahre älter, als sein Sohn, und seine ganze Erscheinung trug das Gepräge reifer Männlichkeit. „Habe ich die Ehre, einen Angehörigen der freien Reichsstadt Nürnberg in Euch zu begrüßen?“ fragte er den jüngeren Mann höflich. „Ich bin der Ratsherr Ebner und als Vertreter unsrer Stadt hieher gesandt.“

„Ich bin aus Bamberg gebürtig,“ versetzte der Genter, „doch habe ich einige Jahre meiner Jugend im schönen Nürnberg verlebt. Es sollte mir eine Freude sein, werter Herr, Euch in meinem Quartier einstweilen ein Unterkommen anzubieten, denn es dürfte schwer sein, heute abend noch eine Herberge zu finden.“

„Ihr seid sehr gütig,“ versetzte Herr Wilibald, „doch bin ich nicht allein, sondern habe meine Gattin mit mir, für die mir ein Ruheplätzchen dringend erwünscht wäre. Wollt Ihr Eure Gastfreundschaft so weit ausdehnen?“

„Mein bescheidnes Haus ist zwar wenig zur Aufnahme zarter Damen eingerichtet, doch wenn Ihr gütig vorlieb nehmen wollt -- ein Zimmer und ein Ruhebett findet sich wohl.“

„So nehme ich Euer Anerbieten dankbar an,“ sagte Herr Ebner und schritt mit dem Fremden die Straße entlang während der Wagen ihnen langsam folgte. In einer Gasse, die von dem lärmenden Verkehr der Hauptstraßen ein wenig abseits lag, hielt der junge Mann vor einem zweistöckigen Hause still; eine Glocke rief ein paar Diener herbei, und man half Frau Ursula aus dem Wagen. „Seid willkommen, werte Frau, im Hause Lorenz Tuchers,“ sagte der Genter mit höflicher Verbeugung, indem er die Patrizierin die steinernen Stufen hinaufführte.

Frau Ursula blieb überrascht stehen. „Ihr seid ein Tucher? auch ich bin von Geburt eine Tucherin -- hat ein freundlicher Stern uns zu einem Verwandten geführt?“

Der Grad der Verwandtschaft ließ sich zwar nicht feststellen, doch war sie sicher irgendwie vorhanden, und Name und Herkunft genügten, um hier in der Fremde schnell ein enges Band um die zufällig Vereinten zu schlingen. Lorenz Tuchers Haus war auch keineswegs so dürftig ausgestattet, um nicht selbst verwöhnten Gästen einen angenehmen Aufenthalt darzubieten, und die Nürnberger ließen sich gern überreden, sich kein anderes Quartier zu suchen, sondern bei dem Vetter zu bleiben.

Der nächste Tag war nach der langen anstrengenden Reise ganz der Ruhe gewidmet; man brachte manche Stunde in traulicher Unterhaltung zu und unterrichtete sich über die beiderseitigen Verhältnisse. Lorenz erzählte von seinen Seereisen, die er zu verschiedenen Malen gemacht hatte, um alle Stapelplätze des mächtigen Hansabundes zu besuchen; er war mit flandrischen Tuchen und feiner Leinwand nach Bergen in Norwegen gefahren, wo die deutschen Kaufleute ein eignes Stadtviertel inne hatten und sich in Wohnung und Sitte von allen andern Nationen abschlossen; von Schonen hatte er Heringe geholt, die als unentbehrliche Fastenspeise in alle Länder Europas verschickt wurden; selbst bis in das ferne Nowgorod war er gekommen, wo man Leder, Honig und Wachs gegen die Erzeugnisse des Südens eintauschte.

Auch von den Verhältnissen in Burgund wußte er viel Interessantes zu erzählen, was den Nürnbergern noch neu war, denn in einer Zeit, wo man Zeitungen noch nicht hatte, wurden die Ereignisse eines Landes oft nur langsam, auf dem Wege von Mund zu Mund, in anderen bekannt. Er machte eine traurige Schilderung von der Verlassenheit, in der sich die junge Herzogin nach dem Untergange ihres Vaters befunden hätte.

„Man erzählte uns,“ bemerkte Ebner, „daß König Ludwig von Frankreich, ihr erlauchter Pate, sich der Fürstentochter warm und väterlich angenommen habe.“

„In der That,“ erwiderte Tucher ironisch, „er war so liebevoll, daß er ihr das schwere Amt des Regierens möglichst erleichtern wollte, deshalb suchte er große Stücke des Reiches an sich zu reißen; und er meinte es so väterlich, daß er Maria zu seiner Schwiegertochter machen wollte, obgleich sein Söhnchen erst sieben Jahre zählt und an Leib und Seele ein Schwächling sein soll.“

„Unglaublich!“ sagte Frau Ursula entrüstet, „wie kann man im Ernst an die Verbindung einer zwanzigjährigen Prinzessin mit einem kleinen Kinde denken!“

„Der Herzogin gefiel der Freier auch nicht sonderlich,“ fuhr Lorenz fort, „sie warf sich ganz ihren getreuen Ständen in die Arme, erbat ihren Schutz gegen den übermächtigen Nachbar und versprach dagegen, ihnen alle die Freiheiten und Gerechtsame zurückzugeben, die ihr gewaltthätiger Vater ihnen widerrechtlich entrissen hatte. Aber so unberechenbar und wetterwendisch ist ein Weiberkopf: kaum hatte sie sich den Ständen gegenüber feierlich verpflichtet, da reute sie’s wieder; sie schickte die Räte ihres Vaters Huguenot und d’Himbrecourt, geborene Franzosen und den Ständen als Werkzeuge ihrer Unterdrückung tief verhaßt, zum Könige und erbot sich zu allerlei Zugeständnissen, wenn er sie im ruhigen Besitz ihrer Herrschaft lasse. Der hinterlistige Monarch aber verriet Marias zweideutiges Spiel an die burgundischen Abgesandten, die ihrerseits mit ihr unterhandeln wollten, und im ganzen Lande entbrannte eine heiße Entrüstung, die sich, da man sie nicht an der Herzogin selbst auslassen konnte, gegen die französisch gesinnten Räte wendete. Man warf sie in den Kerker, machte ihnen den Prozeß und verurteilte sie als Verräter zum Tode. Vergebens flehte die Fürstin die Richter um Gnade an, sie fand nur taube Ohren. Sie versuchte es, sich an ihr Volk zu wenden; ich selbst habe sie gesehen, wie sie ohne Begleitung, im Trauergewande, das Haupt mit einem schwarzen Schleier umhüllt, mit aufgelösten Haaren und verzweiflungsvollen Gebärden die Straßen durcheilte und die Menge beschwor, den Tod ihrer getreusten Anhänger zu verhindern. Umsonst! einzelne wurden von ihrem Jammer wohl gerührt, aber die große Menge blieb unbewegt, und als die blutigen Häupter der beiden Verräter auf dem offnen Markte vom Schafott niederrollten, -- da erhob das zuschauende Volk ein lautes Freudengeschrei.“

„Heilige Anna, wie entsetzlich!“ rief Frau Ursula schaudernd und bekreuzte sich. „Furchtbares Los einer Fürstin, durch eigne Unklugheit ihre besten Freunde ins Verderben zu stürzen! Was fing die unglückliche Maria nach diesem Tage an?“

„Sie verließ Gent, das ihr durch dieses blutige Schauspiel unerträglich geworden war, und ging nach Brügge. Dort traf wenige Wochen später eine stattliche Gesandtschaft ein, mit dem Kanzler des Deutschen Reiches, dem Erzbischof von Mainz, an der Spitze. Sie legten der Fürstin einen Ehevertrag vor, den vor Jahren ihr Vater mit Kaiser Friedrich zu Trier abgeschlossen hatte, und überreichten ihr den Ring, den sie selbst damals dem knabenhaften Bräutigam übersendet hatte. Da besann sie sich nicht lange, -- man sagt, sie hätte dem Kaisersohn immer eine stille Liebe bewahrt, obgleich sie ihn nur im Bilde gesehen -- sondern gab freudig ihr Jawort und forderte Maximilian auf, sofort zu ihr zu kommen und das alte Versprechen einzulösen.“

„Es ist schön und erhebend,“ bemerkte Frau Ursula sinnend, „daß auch in den höchsten Kreisen die Liebe einmal zu ihrem vollen Rechte kommt. Man meint sonst wohl, daß nur die kühle Erwägung politischer Vorteile ein fürstliches Paar vor dem Altar vereinige.“

„Für Maria mag die Liebe die Hauptsache sein,“ meinte Lorenz trocken, „für das Land wäre ein gefüllter Beutel sicher keine üble Zugabe gewesen. Aber man sagt, daß der Kaisersohn, trotz seiner hohen Stellung, nicht über bedeutende Mittel verfüge, und dann prophezeie ich ihm einen schweren Stand, denn in einem so reichen Lande, wie dieses ist, giebt in den Augen der großen Menge nur das Gold dem Manne eine Bedeutung.“

„Ich bin überzeugt,“ erwiderte die Ebnerin mit leisem Unmut, „daß Maximilian überall einen siegenden Eindruck machen wird, denn man findet nicht oft seinesgleichen an Hoheit und Ritterlichkeit der Erscheinung, und ein echter Fürst kann des Goldes entbehren, um die Herzen des Volkes zu gewinnen.“

„Wir wollen sehen,“ sagte Lorenz achselzuckend, „aber ich kenne meine Genter und Brügger Bürger zu gut, um zu glauben, daß sie sich durch einen baumhohen Wuchs und ein huldreiches Lächeln bestechen lassen.“ -- --

„Wie gefällt dir unser Wirt?“ fragte Herr Wilibald seine Gattin, als beide allein waren.

„Er macht den Eindruck der Tüchtigkeit und Gediegenheit, aber mir scheint, er ist für seine Jahre zu ernst und nüchtern. Ich habe es gern, wenn junge Menschen noch Feuer und Begeisterung fühlen, wie unser ...“ aufquellende Thränen erstickten ihre Stimme, und Bertholds Name blieb unausgesprochen.

„Du vergißt,“ erwiderte der Gatte etwas unzufrieden, „daß er kein unmündiger Knabe mehr ist, sondern ein Mann, der die Verhältnisse im ruhigen Lichte einer reifen Erfahrung ansieht. Mir sagt er ungemein zu; so, gerade so, hätte ich mir meinen Sohn gewünscht, -- wenn es der Himmel nicht anders gefügt hätte. Ich wollte, ich könnte Lorenz überreden, in die Heimat zurückzukehren und in meine Handlung einzutreten; soll auch der Name Ebner in Nürnberg nicht dauern, so könnte sich doch das alte Haus der Tuchers neu beleben.“

Frau Ursula schwieg; -- so schnell sollte Bertholds Stelle durch einen Fremden ausgefüllt werden? Es wallte in ihr auf wie Haß gegen Lorenz, der sich anmaßte, den Sohn ersetzen zu wollen -- und doch mußte sie sich bei ruhiger Überlegung sagen, daß jener ganz unschuldig an diesen Plänen sei und gewiß nichts davon ahne. --

Am nächsten Morgen verkündete der Klang aller Glocken, daß der Festtag gekommen sei, an welchem Maximilian von Österreich seinen feierlichen Einzug in die Stadt halten sollte. Prächtig hatten sich über Nacht und in den ersten Morgenstunden die Straßen geschmückt; überall wehten bunte Fahnen, hingen farbige Decken und köstliche Teppiche aus den Fenstern, selbst aus den Dachluken heraus; über die Straßen hin zogen sich Laubgewinde, an denen sich Blumenkronen wiegten, oder die mit flatternden Bändern und Sinnsprüchen verziert waren. Die Häuser der adligen Geschlechter hatten ihre schön gemalten Wappenschilder ausgehängt, die Gildehäuser und Trinkstuben ihre Handwerks- und Wahrzeichen. Eine erwartungsvolle Menge in Festkleidern besetzte alle Fenster und Balkone, sogar von den Dächern herab schauten neugierige Augen auf die Straßen, durch welche der Fürst kommen sollte.

Jetzt ließ der Belfried, der schlanke Glockenturm, der sich mitten auf dem Markt erhob, seine helle Stimme erschallen; vor dem Rathause sammelte sich der Zug, welcher dem Erzherzog entgegengehen und ihn am Thor begrüßen sollte. Voran ein glänzender Reitertrupp in Plattenharnischen, auf starken Rossen mit langwallenden Sattelmänteln, auf denen die Wappen des Stadtadels gestickt waren; dann Fußvolk in knappanliegenden Wämsern mit Plattmützen und stumpfen Schuhen, mit Schwert und Spieß bewaffnet. Vor ihnen her schritt gravitätisch der Fähnrich, der seine Fahne kunstreich zu schwenken verstand: bald warf er sie in die Luft und fing sie im Schwunge wieder auf; bald hüllte er sich in das Fahnentuch ein wie in einen Mantel, dann ließ er es wieder in seiner ganzen Länge über den Häuptern hin wehen, daß alle seine Schildereien zu voller Geltung kamen.

Nun folgten die Herren vom Rate der Stadt, alle im langen Amtskleide, mit den goldenen Halsketten, eine überaus würdevolle Schar. An sie schloß sich ein Zug von Jungfrauen aus den ersten Familien der Stadt, in weißen, strahlenden Gewändern, mit goldenen Kränzen und duftigen Schleiern in den aufgelösten Locken, fast ausnahmslos hohe Gestalten mit lieblichen Zügen. In unabsehbarer Reihe folgten nun die verschiedenen Gilden zu Fuß und zu Pferde, jede im vorgeschriebenen Gewande, mit stattlichen Bannern und Abzeichen, mit Pfeifern und Trompetern an der Spitze. In der Nähe des Thores stellten sich alle in langem Spalier auf, nur die Ratsherren und die Jungfrauen blieben in der Mitte des Platzes stehen, während die vorderste Reiterschar hinaussprengte, um die Ankommenden schon außerhalb des Thores zu empfangen.

Jetzt gab der Türmer das Zeichen, die Böller krachten, Erzherzog Maximilian betrat die Stadt: eine herrliche Heldengestalt, ganz in glänzenden Stahl gehüllt, mit dem wallenden Purpurmantel darüber. Die wenig hervortretende Stirn, die mächtige Nase, die hängende Unterlippe kennzeichneten den Habsburger; der hohe, reckenhafte Wuchs, die tiefblauen, leuchtenden Augen mit dem kühnen, freien Blick, das goldene Lockenhaar ließen ihn als ein echtes Königsbild erscheinen. Ein langes Gefolge von Fürsten und hohen Herren schloß sich an, aber den Ehrenplatz an der Seite des edlen Bräutigams nahm ein schlichter Ritter ein. „Wer ist der Bevorzugte?“ flüsterte unter den Zuschauern einer dem andern zu. „Das ist Ritter Kunz von Rosen,“ hieß es, „der lustige Rat des Prinzen und zugleich sein bester Freund, der nie von seiner Seite weicht. Er ist der treue Genosse all seiner Abenteuer und soll seinem Herrn schon mehr als einmal das Leben gerettet haben, wenn dieser sich in tollkühnem Mut in die größten Gefahren begeben hatte.“

Leutselig grüßte Max nach allen Seiten; die Ansprache der Väter der Stadt nahm er mit huldvoller Freundlichkeit entgegen, den Jungfrauen begegnete er mit ritterlicher Artigkeit. Seine jugendliche Kraft und Schönheit, verbunden mit seiner echt fürstlichen Haltung machte einen so tiefen Eindruck auf die Menge, daß das anfängliche, kritische Schweigen schnell einer wachsenden Begeisterung wich und das Jubeln und Schreien eine betäubende Höhe erreichte. Plötzlich gab er seinem Roß die Sporen, daß es sich aufbäumte, und sprengte mit ungeduldiger Hast vorwärts, man sah es ihm an, daß er Eile hatte, die Braut zu begrüßen. Jetzt kam er in den Bereich des Palastes, auf dessen Balkon die junge Fürstin im Kreise ihrer Frauen stand; mit klopfenden Pulsen schaute sie dem Bräutigam entgegen, dessen Bild sie lange in ihrem Herzen getragen, und den ihre Augen doch noch nie erblickt hatten. Es war ein Augenblick, der alle höfische Etikette über den Haufen warf; unten schwang der Jüngling seinen Federhut und schaute strahlenden Blicks hinauf, von oben beugte sich die Jungfrau über die steinerne Balustrade und ließ ihr Tuch grüßend in der Luft wehen. Noch wenige Sekunden -- dann war Maximilian vom Pferde gesprungen, die breite Treppe hinauf geflogen, und nun hielt er die Braut, die ihm entgegeneilte, fest in seinen Armen. -- So waren Deutschland und Burgund vereint, und wenn auch ein allzu früher Tod Maria verhinderte, an der Seite ihres Gatten den deutschen Kaiserthron zu besteigen, so war sie doch vom Schicksal bestimmt, die Stammmutter einer langen Reihe deutscher Kaiser zu werden.

Der kirchlichen Vermählung folgte eine Reihe von glänzenden Festen. Der Hof von Burgund hatte sich stets durch Prachtliebe ausgezeichnet; er zog die adlige Jugend aus allen Ländern an sich, denn nirgends wurden ritterliche Übungen so leidenschaftlich betrieben, standen die alten Ritterspiele in so hoher Blüte, wie hier. So gab es alle Tage Turniere für den Hof und die hohen Gäste des fürstlichen Paares, Banketts von seiten der Stadt, Preis- und Wettschießen für den kleineren Bürger, Spiel und Tanz für die Jugend, Speisung der Armen, und was sich der Geist der Zeit an Lustbarkeiten irgend erdenken konnte. Auch Herr Ebner und seine Gattin nahmen an mehreren dieser Feste teil, aber wenn Frau Ursulas Erscheinung auch immer schön und würdig war, so war sie doch bei weitem nicht die erste an Glanz und Reichtum, denn die Frauen von Gent trugen sich alle wie Königinnen, und ihr kostbares Geschmeide, die Pracht ihrer Gewänder stellte fast die der anwesenden Fürstinnen in Schatten.

Endlich war der Festjubel verrauscht, das herzogliche Paar verließ Gent, um in den übrigen Städten des Landes seinen frohen Einzug zu halten; auch die Nürnberger rüsteten sich zur Heimfahrt. Am Abend vor der Abreise saßen die beiden Männer noch lange in ernster Unterredung beisammen. Herr Ebner redete dringend auf den jüngeren Freund ein, der anfangs kopfschüttelnd zuhörte und manches Bedenken zu haben schien; allmählich aber schwand sein Widerstand, und als die beiden sich trennten, geschah es mit so herzlichem Händedruck, daß sie wohl einig geworden sein mußten. Am nächsten Morgen schied man mit Versicherungen aufrichtiger Freundschaft von beiden Seiten. „Gebt uns bald Gelegenheit, Vetter, Euch Eure Gastfreundschaft in unserm Hause zu vergelten,“ sagte Frau Ursula; -- „behaltet mich in gutem Andenken, bis ich zu Euch komme, Frau Base,“ bat Lorenz; -- „auf baldiges Wiedersehen in Nürnberg!“ klang es herüber und hinüber, und Grüße und Winke wurden gewechselt, solange der Wagen noch in Sicht war.

Im folgenden Frühjahr erschien Lorenz Tucher in Nürnberg, wo er wie ein alter Freund und lieber Verwandter empfangen wurde. Er hatte sein Haus in Gent verkauft und wollte für immer nach der alten Heimat übersiedeln. In kurzer Zeit war er im Ebnerhause vollkommen heimisch und verkehrte in brüderlicher Weise mit den Töchtern, doch gab es zwischen ihm und Margarete manchen stillen Kampf, denn das hochgesinnte Mädchen nahm ebenso oft einen Anstoß an seiner kühlen Beurteilung mancher Dinge, die ihr groß und würdig erschienen, wie er an ihrer warmen Begeisterung für vieles, was ihm der Beachtung unwert dünkte. Elsbeth dagegen sah mit unbegrenzter Bewunderung zu dem neuen Vetter auf und war bereit, jeden seiner Aussprüche als unfehlbares Orakel zu betrachten. Er beschäftigte sich zuweilen denn auch in herablassender Freundlichkeit mit dem Bäschen, wie man sich wohl mit einem kleinen Kätzchen abgiebt, dessen drollige Sprünge selbst einen ernsten Mann in müßiger Stunde ergötzen mögen.

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