Fünftes Kapitel.
Das letzte Opfer.
Über der zitternden Stadt schwingt ihre Geißel die Seuche, Folget dem Flüchtling selbst bis in das sichre Asyl.
Der Sommer war vorüber, er hatte den Nürnbergern nur wenige ungetrübte Tage gebracht. Drückende Schwüle, heftige Gewitter und viel Regen hatten miteinander abgewechselt, und mühsam hatte man die Ernte von den Feldern eingebracht, die unter solchen Umständen keine reiche und erfreuliche sein konnte. Unter den wohlhabenderen Reichsstädtern war kaum einer, der nicht ein ländliches Grundstück besessen hätte, die kleineren Bürger hatten wenigstens ein Stückchen Land gepachtet oder zu eigen, worauf sie ihren Kohl und etwas Korn bauten; daher war auch in der Stadt die Mehrzahl der Einwohner an dem Ertrage des Feldbaus unmittelbar beteiligt. -- Auch der Herbst schien es nicht besser im Sinn zu haben, als der Sommer; keine Woche verging, in der nicht gewaltige Regengüsse herabgestürzt wären und die Straßen in Bäche verwandelt hätten, aus denen die großen Steine des Bürgersteiges wie Inselchen hervorguckten. Nachts ließen sich am Himmel allerlei merkwürdige Zeichen sehen, ungewöhnliche Konstellationen der Sterne, welche die Eingeweihten sehr bedenklich machen; alte, erfahrne Leute schüttelten bedeutungsvoll die Köpfe und sprachen in düsterem Prophetenton von Pestilenz und teurer Zeit, wohl gar von einem Kriege mit dem Türken. Die Erfüllung dieser bösen Anzeichen ließ auch nicht lange auf sich warten, die Preise stiegen infolge der mangelhaften Ernte sehr hoch, und im November fing man an zu munkeln, daß hier und da in den ärmeren Stadtteilen ein Fall von Pest vorgekommen sei. Man suchte anfangs diese traurige Thatsache möglichst geheim zu halten; als aber im Februar die Kälte nachließ und Tauwetter eintrat, als über dem durchweichten Erdboden eine dicke, schwere Nebelluft lagerte und giftige Dünste aufstiegen, -- da konnte kein Zweifel mehr sein: die Pest herrschte in Nürnberg und forderte täglich ihre Opfer, die sie bald nicht allein aus den Reihen der Armen und Geringen, sondern auch aus den Häusern der Reichen und Vornehmen wählte.
Eines Morgens ward zu ungewöhnlich früher Stunde an die Thür des Ebnerhauses gepocht: Jungfer Magdalene Löffelholzin stand davor, ein großes Bündel im Arm; sie sah bleich und verstört aus. „Ihr bringt schlimme Kunde, Base Lene!“ rief ihr Frau Ursula erschrocken entgegen, „was ist Euch begegnet?“
„Die Pest ist bei uns eingekehrt,“ versetzte sie mit zitternden Lippen, „ich sprach gestern noch mit meiner Wirtin und gab ihr etwas zur Stärkung für ihren kranken Mann, -- heute sind beide tot, die Magd ist fortgelaufen -- mir graute in dem öden Hause -- wollt Ihr mich gütig bei Euch aufnehmen?“
„Gern, Base Lene; wie oft habe ich es Euch schon angeboten, aber Ihr wolltet ja durchaus Euer eigner Herr bleiben. Ihr wißt, Euer Stübchen oben im Giebel steht immer für Euch bereit. Legt schnell Haube und Mantel ab, ein warmes Süpplein wird Euch wohlthun.“
Eben trug die Magd die dampfende Morgensuppe auf und stellte Brot, Eier und Speck daneben; eine Glocke rief die Hausgenossen zum Frühstück zusammen. Am oberen Ende der langen Tafel saß der Hausherr, zu seiner Rechten die etwaigen Gäste, links die Kinder und die Hausfrau. Weiter abwärts schlossen sich die Schreiber und Lehrlinge der Handlung, die Knechte und Mägde des Hauses an; alle standen ehrerbietig mit gefalteten Händen hinter ihren Stühlen, bis Berthold das Gratias gesprochen und die Herrschaft sich niedergesetzt hatte. Es wurde wenig gesprochen; wen der Herr oder die Frau nicht anredete, der that seinen Mund nicht auf, aber es ward tüchtig und ohne Scheu gegessen, und die großen Schüsseln gingen fleißig von Hand zu Hand. Erst, als die Hausgenossen mit einem „Gesegne es Gott!“ sich entfernt hatten, erzählte Magdalene Herrn Wilibald, was sie so früh hierher getrieben. „Mein Haus, Jungfer Base, steht Euch allezeit offen,“ sagte er mit ernster Freundlichkeit, „aber wie lange wird es noch eine Sicherheit gegen die Seuche darbieten? Wenn es so fortgeht, muß ich die Meinen fortschicken, doch wo sie bleiben, wird es auch für Euch einen Platz geben.“
Schon nach wenigen Tagen teilte Herr Ebner seiner Gattin mit, daß er einen Boten nach dem Annenhof geschickt habe, um die alte Crescenz auf ihr Kommen vorzubereiten; sie möge so bald als möglich sich und die Kinder für eine längere Abwesenheit in Bereitschaft setzen. „Und Ihr wollt allein in der verpesteten Stadt bleiben, lieber Herr?“ fragte Ursula angstvoll; „o ich bitte Euch, kommt mit uns hinaus, ich verginge vor Angst, wüßte ich Euch hier der Gefahr ausgesetzt.“
„Ich muß als Ratsherr auf meinem Posten bleiben und in schweren Zeiten das Wohl der Stadt zu hüten suchen,“ versetzte Ebner ernst; „ich kann so wenig fort, wie ein Hauptmann sein Fähnlein in der Schlacht verlassen darf.“
Sie sah mit einem Ausdruck scheuer Ehrfurcht zu dem älteren Manne auf, der immer so hoch über ihr zu stehen schien; hätte sie nur die Arme um seinen Hals schlingen und ihm alles sagen dürfen, was sie fühlte -- aber sein kühles, gemessenes Wesen scheuchte die warme Empfindung immer unausgesprochen zurück in die Tiefen ihres Herzens. „Wer soll hier für Euch sorgen, teurer Herr?“ fragte sie niedergeschlagen, „wem kann ich das Vertrauen schenken, daß er in solcher Zeit alles Nötige für Euer Behagen thun wird?“
„Unsre alte Brigitte ist eine brave, zuverlässige Magd, sie wird es mir sicher an nichts fehlen lassen.“
„Es soll alles geschehen, wie Ihr es befehlt, lieber Herr,“ sagte Ursula nach kurzer Überlegung; „ich beuge mich Eurem Willen und Eurer Einsicht, die gewiß auf unser Bestes bedacht sind.“
„Du thust recht daran, liebes Weib,“ erwiderte er mit einem freundlichen Blick; „du kannst sicher sein, daß das Wohl meiner Familie mir bei Tag und Nacht am Herzen liegt.“
Kaum hörte Magdalene von der bevorstehenden Übersiedelung, als sie sich erbot, in der Stadt zu bleiben und Haus und Hausherrn zu versorgen. „Ihr, Base Lene, Ihr wollt bei ihm bleiben und seine Gefahr teilen,“ rief Ursula schmerzlich, „und ich, sein Weib, soll in sicherer Ferne abwarten, was ein feindliches Geschick vielleicht über ihn verhängt? wäre es nicht mein Recht, an seiner Seite auszuharren? Geht Ihr mit den Kindern nach dem Annenhof und laßt mich hier.“
„Was liegt an meinem einsamen Leben?“ fragte Magdalene wehmütig, „und wem wäre mein Tod ein unüberwindlicher Schlag? Ihr müßt Euch Eurem Gatten, Euren Kindern erhalten, Ursula, sie alle können Euch nicht missen. Ist es mir aber beschieden, der Seuche zu erliegen, so grüßt meinen Adam, wenn er zurückkehrt, und sagt ihm, ich wäre ihm treu geblieben. Vielleicht finde ich ihn schon drüben, und alles Warten und Sehnen hat dann ein Ende!“
Die nächsten Tage vergingen in eifrigen Zurüstungen; eines Morgens hielt der schwerfällige Reisewagen auf dem Hofe, alle Diener des Hauses trugen Bündel und Körbe herab, um sie aufzuladen. Zuletzt erschien Herr Wilibald mit seiner Familie; schluchzend warf sich Ursula in seine Arme: „Alle vierzehn heiligen Nothelfer sollen Euch behüten und beschirmen, mein teurer Gatte; möchten sie uns in Glück und Freude wieder zusammenführen! O, wie ist mir so bange ums Herz, als stünde uns Schweres bevor!“
„Laß uns einander nicht weich machen, liebes Weib,“ versetzte Ebner gehalten; „was geschehen muß, geschieht am besten in ruhiger Fassung. Sankt Sebald und die heilige Jungfrau mögen Euch geleiten!“ Er küßte sie auf die Stirn und half ihr in den Wagen; auch die Kinder küßte er ohne Erregung, nur sein Töchterchen Margarete hielt er einen Augenblick länger in seinen Armen, -- das sinnige, kleine Mädchen mit den ernsten grauen Augen war dem Herzen des ernsten Mannes wohl das teuerste Kleinod.
„Ihr werdet mir doch fleißig schreiben?“ bat Ursula noch von oben herab.
„Ich werde dir jede Woche einen Boten schicken, der dir Nachricht bringt,“ erwiderte er, knöpfte selbst den Ledervorhang fest, welcher die Öffnung schloß, und gab dem Kutscher das Zeichen zur Abfahrt. Er sah dem Wagen, dem sich zur Sicherheit einige reisige Knechte anschlossen, nach, bis er den Thorweg passiert hatte, dann ging er in sein Kontor, und niemand merkte ihm an, daß heute etwas Besonderes vorgefallen sei.
Obgleich die Entfernung von der Stadt bis zum Annenhofe nur wenige Meilen betrug, so bedurfte es bei der entsetzlichen Beschaffenheit der Landstraße doch vieler Stunden, um den Weg zurückzulegen; die Reisenden waren von allen Gefahren des Umwerfens und Steckenbleibens bedroht, und Menschen und Tiere waren in einem Zustande fast tödlicher Erschöpfung, als sie endlich ihr Ziel erreichten. Frau Crescenz hatte wacker geschafft, um das bescheidene Haus zum Empfang der geliebten Herrschaft instandzusetzen; über der Hausthür prangte ein Kranz von frischem Tannengrün, sie selbst stand im Feierkleide, dem dunkelroten Faltenrock mit der großen, weißen Schürze und der gesteiften, weißen Haube, mit Hans auf den Stufen, um die Gestrenge zu begrüßen, während alle Knechte und Mägde des Hofes am Thorwege aufgestellt waren, um den Wagen feierlich bis an das Haus zu geleiten. Einige sprangen diensteifrig hinzu, um den Vorhang zu öffnen und die mehrstufige Leiter, welche von dem hohen Gefährt bis auf den Boden reichte, herabzulassen. Mühsam kletterten die Insassen, denen von der schrecklichen Fahrt noch alle Glieder zitterten, herab, nur Berthold sprang mit einem Satz zur Erde und stellte sich mit forschender Neugier vor Hans auf. „Ich bin Berthold Ebner, und du?“
„Ich bin Hans Fiedler.“
„Kannst du jagen und klettern?“
„Ei freilich.“
„Auch raufen und schlagen?“
„Wer mich schlägt, den schlage ich wieder, sonst mache ich mir nichts daraus.“
„Kennst du Wald und Flur?“
„Wie meine Tasche.“
„Dann bist du mein Mann! schlag ein, wir wollen gute Kameraden sein.“ So war die Freundschaft der Knaben schnell geschlossen.
Das Haus zeigte einen einfachen, ländlichen Zuschnitt; der Luxus des städtischen Lebens mit seinen verfeinerten Ansprüchen hatte noch keinen Eingang gefunden, da die Familie des Herrn nur selten hier verweilte. Die Mitte des niedrigen Gebäudes nahm ein großer Raum ein, der sowohl als Küche, wie zum Aufenthalt diente. In einer Ecke stand der riesige Feuerherd mit dem gewaltigen Rauchfang darüber, an den Wänden lange Regale, die mit blitzend blankem Metallgeschirr, mit irdenen Tellern und Krügen besetzt waren. Der bunte Ziegelfußboden war mit hellem Sande bestreut, unter den schneeweiß gescheuerten Tischen und Bänken lagen zierlich geflochtene Matten. Ebenso sauber war das Gemach zur Rechten, das zur Aufnahme der Gebieterin und ihrer Kinder eingerichtet war. Das große Himmelbett mit den blau und weiß gewürfelten Vorhängen, der mächtige Tisch mit dem knaufigen Gestell, die großen Truhen, der schwerfällige Lehnstuhl -- das alles stammte aus alter Zeit und hatte sicher schon den Großeltern der jetzigen Besitzerin gedient, aber es war alles wohl erhalten und nicht ohne altväterische Behaglichkeit. In keinem Raume des Hauses fehlte der kleine Weihwasserkessel neben der Thür und zwischen den Fenstern ein Kruzifix oder geschnitztes Heiligenbild, das heute mit frischem Tannengrün geschmückt war.
„Wie geht es deiner Afra?“ fragte Frau Ursula, als Crescenz mit Händeküssen und Versicherungen ihrer Freude kein Ende finden konnte.
Die Alte fuhr mit der Schürze über die Augen: „Ach, gestrenge Frau, es ist immer in einer Weise mit ihr. In Jahr und Tag hat sie nicht zwanzig Worte mit mir oder ihrem einzigen Kinde gesprochen; sie sitzt immer da und spinnt und schlägt die Augen zu Boden, und lacht nicht und weint nicht -- es ist etwas tot in ihr oder entzwei gesprungen -- die heilige Anna mag wissen, was es ist. Was habe ich nicht geweint und gebetet, wie viel Kerzen im Annenkapellchen angezündet, wieviel Messen von Pater Anselmus lesen lassen, -- es hilft alles nichts; sie bleibt so stumm, wie sie gewesen, und schüttelt zu allem nur den Kopf, -- nicht böse oder verstockt, aber so traurig, daß einem das Herz dabei blutet. Wenn Ihr es noch versuchen möchtet, ihr zuzureden, gestrenge Frau! Euch hat sie von klein auf geliebt und verehrt, Ihr seid meine letzte Hoffnung, denn selbst der Priester vermag nichts über sie.“
„Quält das arme Weib nicht,“ sagte Ursula, ergriffen von dieser Schilderung eines tiefen Seelenleidens; „sie hat mehr Schweres erlebt, als ihr Geist zu fassen vermochte. Vielleicht senden die Heiligen einmal eine Hilfe ohne unser Zuthun.“
Das Wiedersehen mit der Jugendgespielin schien wenig Eindruck auf Afra zu machen, sie beugte sich über die dargebotene Hand, um sie zu küssen, sah aber kaum auf und spann unbewegt weiter. Nur beim Anblick der kleinen Mädchen überlief ein leises Zittern ihre Gestalt, doch nur für einen Augenblick; die runden, rosigen Geschöpfchen, die lachend umherspielten, erinnerten doch zu wenig an ihren bleichen, verlornen Liebling. Margarete aber faßte eine seltsame Zuneigung zu der stillen Frau, die immer auf derselben Stelle saß und ihr Spinnrad eintönig schnurren ließ. Oft rückte das Kind sein kleines Stühlchen nahe an Afra heran und sah ihr unverwandt zu; als es draußen zu blühen begann, brachte sie ihr Schürzchen voll Blumen, schüttete sie auf Afras Schoß und sah dabei so suchend und fragend in die gesenkten Augen, bis endlich ein Strahl der Erkenntlichkeit darin aufleuchtete. Und wenn Afra auch ihr Schweigen nicht brach, so legte sie doch mitunter ihre Hand wie segnend auf des Kindes lockiges Köpfchen, das sich so zärtlich an sie schmiegte. Das war auch ein neugeschlossener Freundschaftsbund, wennschon von ganz anderer Art, wie der der beiden Knaben.
Die tobten lustig in Hof und Feld umher und fragten nicht viel nach Wind und Wetter. Für Berthold war kein Baum zu hoch, kein Bach zu breit, kein Streich zu gewagt, und Hans war ein unschätzbarer Gefährte, doch blieb er stets der Verständigere, und seine überlegene körperliche Kraft bewahrte den Gespielen vor manchem Unfall. Als die Jahreszeit vorschritt, Wind und Sonne den unergründlichen Schmutz der Landstraße zu trocknen anfingen, kam Ulrich zuweilen herübergeritten -- Burg Maltheim lag kaum eine Stunde weit vom Annenhof entfernt -- und nahm an den Spielen der beiden teil. Fand er sie nicht zu Hause, so war er auch nicht traurig, er gesellte sich gern zu Frau Ursula oder zu Margarete, die ihm besonders lieb war; ihr erzählte er allerlei phantastische Geschichten, die ihn beschäftigten, oder beantwortete die altklugen Fragen, die in dem sinnigen Köpfchen auftauchten, und freute sich, wenn die Kleine ihn mit Jubel empfing und ihm mit ernstem Vertrauen zuhörte.
„Sage, Ulrich,“ fragte sie eines Tages, als beide auf den steinernen Stufen vor der Hausthür saßen und sie ihr weißes Kätzchen liebkoste, „kommen die Tiere auch in das Paradies?“
„Nein, Gretel, das kann nicht sein; da kommen nur erlöste Seelen hinein, die den rechten Glauben haben.“
„Das ist aber traurig; soll ich meine Miez und meinen Vogel dort missen? ich habe sie doch so lieb und sie mich auch.“
Ulrich schaute träumerisch vor sich hin. „Eigentlich kann es auch nicht sein,“ sagte er sinnend, „denn die Tiere können lieben und hassen, gut und böse sein, sie müssen also eine Seele haben, und eine Seele kann nicht sterben, sagt Pater Benedikt. Ja, Gretel, wenn ich’s recht bedenke, müssen die guten Tiere auch ins Paradies kommen und dort in Frieden und Eintracht miteinander leben.“
„O, das ist schön!“ rief die Kleine froh, „wo sollten auch all die lieben Hündchen und Kätzchen bleiben, die hier immer um uns sind? Aber, Ulrich,“ hob sie wieder zweifelnd an, „werden sie in dem Frieden auch recht glücklich sein? Sieh, meine Mieze ist nie so zufrieden, als wenn sie ein Mäuschen jagen und fangen kann; zuerst weinte ich darüber und wollte es ihr wehren, aber Mütterchen schalt mich thöricht und sagte, das sei Katzenart, davon könne sie nicht lassen. Wie soll es damit im Paradiese werden?“
Aus diesem Dilemma wußte Ulrich keinen Ausweg, und beide versanken wieder in tiefes Nachdenken. „Ich hab’s!“ rief Margarete plötzlich mit glänzenden Augen, „die +bösen+ Mäuschen werden ins Paradies geschickt, damit die guten Katzen sie dort greifen können; so haben sie ihren Lohn und jene ihre Strafe. Nicht wahr, Ulrich, so ist’s recht?“
„Wohl möglich, du kleine Weisheit,“ versetzte er, indem er mit aufrichtiger Bewunderung in das strahlende Gesichtchen blickte, das gespannt zu ihm aufsah; „wie kommen nur all die großen und klugen Gedanken in diesen kleinen Kopf?“ --
Ein andermal erzählte er ihr die Geschichte der Sündflut und malte ihr in den lebhaftesten Farben den Untergang aller lebenden Wesen aus, mit Ausnahme der wenigen, welche in der Arche rettende Aufnahme fanden. Die grauen Augen seiner Zuhörerin wurden immer größer vor angstvoller Spannung, endlich schimmerten sie feucht von verhaltenen Thränen. „Warum mußten denn alle die armen Menschen so grausam ertrinken?“ fragte sie.
„Weil sie böse waren und den Geboten des Herrn nicht gehorchen wollten,“ erwiderte Ulrich.
„Aber all die lieben, kleinen Kinderchen, die noch gar nicht gehen und sprechen konnten, die waren doch nicht schlecht und ungehorsam, warum mußten die auch ertrinken?“ fuhr Margarete in steigender Erregung fort, „warum konnten die nicht lieber in der Arche gerettet werden, statt der häßlichen, wilden Tiere, die nichts thun, als brüllen und andre auffressen?“
Ulrich sah sie ein wenig erschrocken an; seine kleine Freundin liebte es, Fragen zu stellen, auf die er schwer eine Antwort fand. „Die kleinen Kinder wären mit der Zeit auch schlecht geworden,“ sagte er etwas unsicher, „daher mußte das ganze Geschlecht vertilgt werden, das den Zorn des Herrgotts erregt hatte.“
Die Kleine schwieg eine Weile, dann sagte sie scheu und leise: „Ulrich, ist der Herrgott so zornig? Berthold sagt manchmal, unser Vater sei streng, aber der große Gott ist viel strenger, als er. Denn wenn ich mein Väterchen recht herzlich um etwas bitte, so thut er es, und er hat schon manchmal Berthold die Strafe geschenkt.“ --
Ulrich ritt in tiefen Gedanken nach Hause und überschüttete daheim Pater Benedikt mit dringenden Fragen: warum die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden müßten, warum es in der Schöpfung so viel feindliche Gewalten gäbe, die dem Menschen Verderben brächten, und warum Gott so viel strenger sei, als irdische Väter. Der Pater gab ihm Antwort, soweit er es vermochte, aber zum Schluß sagte er ihm wieder: „Uns ziemt es nicht, nach dem Warum zu fragen, sondern im Staube anzubeten. Hüte dich, mein Sohn, daß dich der grübelnde Verstand nicht um die Seligkeit eines einfältigen Glaubens betrüge.“ Dann schwieg der Knabe, aber er hoffte im stillen auf eine Zeit, in der er auf alle seine Fragen klare Antwort erhalten würde, und immer höher stieg in seiner Seele der Durst nach Weisheit und Erkenntnis.
Endlich ging auch Bertholds heißester Wunsch in Erfüllung: er durfte ein Pferd besteigen und unter Just’s Anleitung reiten lernen. Er war unendlich stolz darauf, denn er betrachtete diese Kunst als die erste Stufe zu den Heldenthaten und dem Rittertum, von denen er beständig träumte. Es war ein großer Tag für ihn, als er zum erstenmal nach Burg Maltheim reiten durfte; ganz erfüllt von den Herrlichkeiten, die er dort gesehen, kehrte er abends zurück. So müde er war, konnte er doch nicht eher die Augen schließen, bis er seinem Mütterchen alles genau berichtet hatte: die alte Ritterburg mit Graben und Zugbrücke, mit Mauern und Türmen, die große Halle mit ihren Waffen und Rüstungen, die gewölbte Bücherei mit den uralten Pergamenten, in denen die Chronik derer von Maltheim seit unvordenklichen Zeiten aufgezeichnet war, -- das alles waren für ihn die ersten greifbaren Verkörperungen seiner Ideale, die ihm bisher nur nach Erzählungen und mangelhaften Bildern vorgeschwebt hatten. „Es war alles so schön und groß,“ erzählte er in atemlosem Eifer, „aber das Allerschönste war doch die kleine Irmgard! Solch ein Kind hast du noch nie gesehen, Herzmutter! -- sie ist nicht frisch und rund, wie Grete -- nein, so zart und fein, als könnte sie davonfliegen, ihre Haare sind hell, aber nicht goldig wie die Ulrichs, oder weiß wie Elsbeths, sondern so, als ob ein Schleier darüber läge -- ähnlich wie die von Afra. Und dann hat sie so große, dunkle Augen wie -- ja, wie nur? einmal sah mich Afra ganz groß an, da sahen ihre Augen auch so aus, sonst kenne ich keine ähnlichen.“
„Ist denn Irmgard unsrer Afra ähnlich?“
„O nein, nein, wie kannst du so etwas denken? sie ist wie ein Königskind. Ich wollte, sie wäre eine Prinzessin und würde von einem Drachen bewacht, und ich wäre ein Ritter und könnte ausziehen, um sie zu befreien! Wie wollte ich mein Schwert schwingen und allen Gefahren trotzen und nicht eher ruhen, bis ich sie erlöst hätte, und die weiße Rose mein wäre! Sie ist so weiß wie Schnee, Mutter, kein Tröpflein Blut fließt in ihren Wangen.“
„Das arme Kind ist wohl krank; mir würde das nicht gefallen.“
„O Mutter, ich finde das aber schön!“ sagte Berthold, „viel schöner, als dicke -- rote -- Backen --“ und damit fielen ihm die Augen zu. --
Während der Aufenthalt auf dem Annenhof den Kindern mancherlei Freuden und Anregungen brachte, gingen für Frau Ursula die Wochen in drückender Eintönigkeit vorüber. Die einzige Abwechselung gewährte ihr der Bote aus der Stadt, der mit höchster Pünktlichkeit in jeder Woche erschien und ihr einen Brief ihres Gatten brachte. Mit peinlicher Ungeduld sah sie ihm entgegen, denn die Tage wurden ihr lang, und Sehnsucht und Sorge stiegen immer höher. Anfangs hatte der Ratsherr nicht viel Erfreuliches zu melden, die Pest forderte zahllose Opfer, und mancher, der morgens noch wohlauf war, lag abends auf der Bahre, darunter mehr als ein guter Freund des Hauses. Noch trostloser klang das, was der Knecht mündlich berichtete: viele Häuser ständen offen, weil niemand darin sei, um sie zu verschließen; still und öde wären die Straßen, auf denen nur der Priester und der Sakristan mit vermummten Gesichtern hin- und hereilten, um den Sterbenden das Sakrament zu bringen. Außer dem Meßglöcklein höre man kaum einen Laut, denn die Glocken dürften nicht mehr geläutet, und die Toten müßten bei Nacht, draußen vor der Stadt, begraben werden; überall seien auf den Plätzen große Feuer angezündet, um die Luft zu reinigen, und wenn sich zwei auf der öden Straße träfen, so eile einer ohne Gruß am andern vorüber, denn jeder fürchte, der Atem des Nachbars könne ihm Ansteckung und Verderben bringen.
Aber als der Frühling vorschritt und die Nässe des Bodens austrocknete, als reinere Lüfte wehten, da schien die Gewalt der furchtbaren Seuche sich endlich zu brechen, und im April konnte Herr Wilibald der Gattin melden, daß er für einen Tag wenigstens hinauskommen dürfe, um die Seinen wiederzusehn und nach der schweren Zeit einige Stunden der Erholung zu genießen. Frau Ursula drückte das Blatt an ihre Lippen und sendete ein heißes Dankgebet zum Himmel empor; war doch die Zeit der Heimsuchung mit all ihrer tödlichen Angst glücklich vorübergegangen, hatten doch die Heiligen, die sie ohn’ Unterlaß angerufen, ihr Haus so gnädig behütet, daß keinem der Ihrigen ein Leid widerfahren war.
Ganz erfüllt von Dank und Freude saß sie an einem lieblichen Abend vor der Thür des Hauses, in ehrerbietiger Entfernung stand Crescenz, mit der sie freundlich plauderte, während die kleinen Mädchen unter Obhut ihrer Wärterin in ihrer Nähe spielten. „Die Sonne sinkt,“ sagte Frau Ursula aufblickend, „es wird Zeit, die Kleinen zur Ruhe zu bringen. Wo nur die Knaben bleiben? sie sind schon stundenlang fort.“
„Sie sind in den Wald gegangen,“ versetzte die Alte, „aber seid ohne Sorge, gestrenge Frau, Hans ist verständig und weiß, daß er mit dem Abendläuten zu Hause sein muß.“ Aber der Klang der Feierabendsglocke war längst verstummt, und von den beiden war noch immer nichts zu sehen. Crescenz lief vor das Hofthor und spähte nach allen Seiten aus, und da kamen sie endlich an, atemlos und erhitzt vom eiligen Lauf, und nicht schnell genug konnten sie erzählen, was sie erlebt hatten. Sie hätten im Walde einen Wanderer getroffen, der gar müde gewesen sei und nicht weiter gekonnt hätte; Hans habe an seinen Vater denken müssen, und da habe der Mann ihn von Herzen gedauert; sie hätten ihm ein Lager von Laub und Moos zurechtgemacht und ihm vom nahen Bache Wasser geholt, denn er habe über brennenden Durst geklagt. Endlich hätten sie ihm versprochen, ihm Leute zu schicken, mit deren Hilfe er den Hof erreichen könne. Crescenz strich den beiden barmherzigen Samaritern die wirren Haare aus der Stirn und küßte die aufgerechten Gesichter mit Zärtlichkeit; sie schickte zwei Knechte hinaus, um den Fremden aufzusuchen, und bemühte sich, der Gebieterin gegenüber ganz ruhig von dem kleinen Erlebnis zu sprechen, aber in ihrem Herzen lag es wie eine dumpfe Sorge, über die sie sich selbst kaum Rechenschaft zu geben wagte.
Die Knechte kamen nach kurzer Frist allein zurück und berichteten, von Grausen geschüttelt, der alten Schaffnerin, sie hätten an dem bezeichneten Platz einen Kranken gefunden, der in den letzten Zügen gelegen und bereits unfähig gewesen sei, eine Antwort zu geben; sie hätten ihn nicht berühren mögen, denn die schwarzen Flecke auf Gesicht und Händen hätten nur zu deutlich gezeigt, daß es die furchtbare Pest sei, der er zum Opfer gefallen. Crescenz bekreuzte sich in tödlichem Schrecken, denn die Berührung eines Pestkranken konnte Ansteckung und Tod bringen, und die Knaben hatten sich so viel mit dem Unglücklichen zu schaffen gemacht! Sie wagte nicht, der Ratsherrin etwas zu sagen; heimlich zog sie Berthold mit in ihr Zimmer, besprengte die Knaben mit Weihwasser, betete allerlei Segenssprüchlein über ihnen und hing jedem ein geweihtes Amulett um den Hals. Dann brachte sie die halbe Nacht auf ihren Knieen zu und flehte die heilige Anna und alle übrigen Heiligen des Himmels an, die beiden Knaben zu schützen und ihnen ihre Barmherzigkeit nicht zum Fluche werden zu lassen.
Zwei Tage vergingen in gewohnter Weise, und schon fing Crescenz an, freier aufzuatmen, da kam Berthold müde und matt von draußen herein und klagte, daß der Kopf ihm schwer sei, und alle Glieder ihn schmerzten. Frau Ursula ermahnte ihn, sich ein wenig auszuruhen, er sei wohl zu toll umhergelaufen; wenn der Herr Vater käme, müsse er frisch sein, denn der sollte alle die Seinen kerngesund finden. Aber als Herr Wilibald ankam, trat ihm seine Gattin mit sorgenvoller Miene entgegen; „erschreckt nicht, mein teurer Herr,“ sagte sie mit mühsam bezwungenen Thränen, „Berthold ist unpäßlich, aber ich hoffe, es hat nichts zu sagen.“ Bestürzt eilte der Ratsherr an das Lager des Sohnes, der ihn kaum noch erkannte; seine Stirn und Hände brannten, die Augen blickten starr und trübe. Ach, Ebner kannte diese Anzeichen nur zu gut, er sah mit einem Blick, daß alle Fürsorge vergebens gewesen, daß die verderbliche Seuche auch hieher ihren Weg gefunden und sich seinen einzigen Sohn zum Opfer auserkoren habe. Er wußte auch, daß ärztliche Kunst hier ohnmächtig sei, daß unter hundert Kranken kaum einer genese! Für einen Augenblick drohte den ruhigen Mann die Fassung zu verlassen, doch bezwang er sich schnell, faßte Ursulas Hand mit festem Druck und führte sie vor die Thür hinaus.
„Es ist die Pest,“ sagte er mit dumpfer, tonloser Stimme. Sie sah ihn an, als könne sie seine Worte nicht fassen, -- dann sank sie ohnmächtig in seine Arme. Er legte sie auf Afras Bett nieder und traf mit der Ruhe der Verzweiflung die nötigen Anordnungen. Berthold wurde samt seinem Lager in die große luftige Bodenkammer getragen, in der sonst niemand schlief; auf einem Kohlenfeuer wurden Myrrhen und Wacholder angezündet, deren würzigem Duft man eine heilende Kraft zuschrieb. Nur eine Wärterin durfte den Kranken versorgen, außer ihr sollte niemand den Oberstock betreten. Crescenz rang die Hände; wem sollte sie die Pflege, die so leicht verderblich werden konnte, übertragen? sie selbst konnte sie nicht übernehmen, denn sie durfte die Wirtschaft nicht verlassen. Da stand plötzlich Afra neben ihrer Mutter und gab ihr durch ein Zeichen kund, daß sie dazu bereit sei. „Du, Afra?“ rief die Alte, halb erschrocken und halb erfreut, „die heilige Anna lohne dir deinen Heldenmut und segne deine Hand, daß sie unserm lieben Junker Heilung bringe.“
Mit Innigkeit zog die stille Frau ihren Sohn, wie zum Abschied, an ihre Brust, dann stieg sie die Treppe hinauf und verschwand in der Thür, hinter der der Pestkranke lag. Mit unermüdlicher Sorgfalt versah sie bei Tag und Nacht ihr schweres Amt, kühlte die fieberglühende Stirn, netzte die brennenden Lippen und schien für sich selbst weder Speise noch Schlaf zu bedürfen.
Herr Ebner war am nächsten Morgen nach der Stadt zurückgekehrt, wohin die Pflicht ihn gebieterisch rief; am fünften Tage, der in den meisten Fällen die Entscheidung zu bringen pflegte, wollte er wiederkommen. In trauriger Verfassung blieb Ursula zurück; ohne die Stütze ihres Gatten schwankte sie umher, wie ein irrer Geist, und da sie feierlich gelobt hatte, die Krankenkammer zu meiden, so brachte sie viele Stunden des Tages in der kleinen Annenkapelle zu, welche dicht vor dem Thor lag und dem Hof seinen Namen gegeben hatte. Es war ein uraltes Kirchlein im Schatten mächtiger, alter Bäume, ganz von immergrünem Epheu umsponnen, der das einzige Fenster fast verdunkelte. Die ewige Lampe, die über dem Altar schwebte und von Crescenz stets sorgfältig versehen wurde, goß nur einen Dämmerschein über das bescheidene Heiligtum aus, die Winkel blieben immer in Schatten gehüllt. Zuweilen las Pater Anselmus vom nächsten Dorf, oder Pater Benedikt von der Burg hier eine Messe; für gewöhnlich aber diente das Kapellchen nur als Stätte stiller Andacht für die Insassen des Hofes, welche die heilige Anna als ihre Schutzpatronin verehrten und besondere Berücksichtigung von ihr erwarteten.
Auch am Morgen des entscheidenden Tages war Frau Ursula hierher geeilt; es litt sie in der furchtbaren Spannung nicht im Hause, doch hatte sie Befehl gegeben, ihr bei dem leisesten Zeichen eintretender Besserung sogleich eine Botschaft zu senden. Sie warf sich vor dem mit Lichtern und Kränzen geschmückten Altar auf die Kniee und erleichterte ihr bedrücktes Herz in heißem Flehen; sie gelobte der heiligen Anna eine reich gestickte Decke, einen kostbaren Altar, endlich eine neue Kapelle, wenn sie ihren Sohn vom Tode erretten wolle; sie flehte sie an, ihr ein Zeichen zu geben, daß sie ihre Bitte höre. Aber das Antlitz der Heiligen, auf das sie ihre angstvollen Blicke heftete, blieb unbewegt und lächelte unter seinem Heiligenschein, ruhig wie immer, auf die Beterin herab. Ganz erschöpft hielt Frau Ursula inne und lauschte eine Weile, ob niemand vom Hause herkomme, um ihr eine tröstliche Botschaft zu bringen, aber auch hier blieb alles leer und still. Da warf sie sich noch einmal auf die Stufen nieder, hob die Hände empor und rief mit leidenschaftlicher Inbrunst: „Heilige Anna, schenke mir meinen Sohn, meinen Liebling, und ich will ihn dem Himmel weihen ...“
„Amen!“ sagte eine tiefe Stimme.
Ursula fuhr erschrocken empor; wer hatte es gewagt, ihre Zwiesprache mit dem Himmel zu belauschen? welcher Mund drückte ein Siegel auf das Gelübde, das fast unbewußt über ihre Lippen gekommen war? Sie schaute suchend umher, es war niemand zu sehen, und ehe sie noch Zeit hatte, näher nachzuforschen, ob irgend ein Mensch sich in der Kapelle verborgen habe, tönte draußen ein schneller Schritt, die Thür ward aufgerissen, -- ihr Gatte stand vor ihr. „Er ist gerettet!“ rief er, und mit einem Schrei stürzte sein Weib in seine Arme. Unter strömenden Thränen knieten beide nieder, um Gott und den Heiligen für diese Gnade zu danken, dann eilten sie mit beflügelten Schritten an das Lager des neugeschenkten Sohnes.
Sah der Knabe auch bleich und abgezehrt aus, vermochte er auch vor Schwäche kaum die Hand zu rühren, so war sein Blick doch klar und hell, und mit vollem Bewußtsein lächelte er die beglückten Eltern an. Frau Ursula wußte kaum, wie sie ihre Freude und Wonne ausdrücken sollte; sie fiel Afra um den Hals und küßte sie: „habe Dank, du Treue,“ rief sie schluchzend, „und sage mir, wie ich dir deine Aufopferung vergelten kann.“ Auch der Ratsherr dankte ihr mit warmen Worten. „Durch Eure Hand,“ sagte er, „hat mir der Himmel meinen einzigen Sohn erhalten; zum Dank laßt mich für Euren Sohn sorgen. Gebt ihn uns mit nach Nürnberg, er soll in unserm Hause leben und alles mit Berthold teilen.“
Afras Seele erbebte bei diesen gütigen Worten; sollte sie ihr Letztes hingeben, den Knaben, der seines Vaters Ebenbild zu werden versprach, und ganz allein zurückbleiben? Und doch -- wie durfte sie dies Anerbieten ablehnen, das ihrem Hans eine tüchtige Erziehung sicherte; was konnte sie in ihrer Armut und Hilflosigkeit thun, um ihm einen ehrenvollen Weg durch das Leben zu bahnen? Es mußte sein, auch dieses Opfer mußte gebracht werden; tief neigte sie ihr Haupt hinab und küßte in schweigender Zustimmung die Hände, die ihrem Kinde so Großes darboten.
Wenige Wochen später nahm die Ebnersche Familie Abschied vom Annenhofe und kehrte nach der Stadt zurück, wo die Seuche völlig erloschen war und ein schönerer Sommer, als der vorige, die Gräber mit Grün und Blumen verhüllte. Hans begleitete sie und ging, nach Kinderart, den neuen Verhältnissen mit freudiger Erwartung entgegen. Die alte Crescenz aber blieb in tiefem Kummer zurück; das Haus kam ihr leer und öde vor, als das fröhliche Völkchen daraus verschwunden war, und täglich weinte sie heiße Thränen um ihren lieben Hans, den ihr großmütterliches Herz so fest und zärtlich umschlossen hielt. Afra weinte nicht, aber ihr Antlitz wurde noch starrer, als zuvor; -- sie fühlte sich grenzenlos elend und verlassen.
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