Zwölftes Kapitel.
Mutter und Tochter.
Unwiderstehlich spricht zu dem Kinde die Stimme der Mutter, Prallt sie auch anfangs zurück, endlich gewinnt sie den Sieg.
Die vier Jahre, welche für Ulrichs Studienzeit bestimmt waren, gingen ihrem Ende entgegen, und auf Maltheim zählten Mutter und Tochter schon die Wochen bis zu seiner Heimkehr. Frau Kunigunde war eben in ihrer Vorratskammer beschäftigt -- dieselbe war der Stolz und die Freude ihres Hausfrauenherzens, und sie würde den Schlüssel dazu keiner fremden Hand anvertraut haben --, als ihr ein Mädchen gemeldet wurde, das in einer dringenden Angelegenheit die Herrin zu sprechen wünschte. Sorgfältig verschloß diese den Raum, der die besten Schätze ihres Hauses enthielt, und stieg hinab in die Halle, wo sie die Dirne fand, welche ganz erschöpft auf einen Schemel gesunken war. Dieselbe beugte sich über die Hand der Edelfrau und bat sie in schluchzenden Tönen, ihr zu ihrer Mutter zu folgen, welche krank daniederläge und keine Ruhe finden könne, weil ein schweres Geheimnis sie drücke. Erst allmählich erkannte Frau Kunigunde in der Sprechenden die blonde Nelleke, Frau Barbaras Tochter, und eine bange Ahnung stieg in ihrem Herzen auf. Auf wen konnte das Geheimnis, von dem jene sprach, sich beziehen, als auf Irmgard, und was konnte die Sterbende ihr zu sagen haben, als etwas, was ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigte? Dennoch war sie sogleich entschlossen, dem Rufe zu folgen, um endlich die volle Wahrheit zu erfahren. Sie traf ohne Zögern die nötigen Anstalten, sagte Irmgard, daß ein wichtiges Geschäft sie zwinge, sich in die Stadt zu begeben, legte ihr die Sorge für den Vater ans Herz und brach nach wenig Stunden auf, von einigen Dienern begleitet, deren einer Nelleke vor sich aufs Pferd nahm. Einige heiße, trockne Wochen hatten die Landstraße in einen leidlichen Zustand versetzt, man kam ziemlich schnell vorwärts und erreichte noch bei hellem Tage die Stadt. Die Edelfrau gönnte sich keine Ruhe nach dem ermüdenden Ritt; kaum vom Pferde gestiegen, eilte sie nach der Schenke zum blauen Affen und ließ sich in die Kammer führen, wo Frau Bärbel schon seit Wochen auf dem Krankenbette lag.
Die behäbige Frau war sehr verändert, die vollen Backen waren eingefallen und von fahler Blässe, die Augen irrten angstvoll suchend umher und leuchteten auf, als sie endlich auf Frau Kunigundens Antlitz hafteten. „Den Heiligen sei Dank, daß Ihr kommt, edle Frau!“ stöhnte sie, „ich konnte nicht sterben, ohne Euch alles bekannt zu haben. Neiget Euer Ohr zu mir, meine Kraft ist schwach -- die Mutter Gottes helfe mir, meine Beichte zu Ende zu bringen.“
Frau Kunigunde setzte sich neben das Lager und preßte Hände und Lippen fest zusammen, um das heftige Schlagen ihres Herzens zu unterdrücken. „Sprich ohne Scheu, Bärbel,“ sagte sie mit erkünstelter Ruhe, „ich höre jedes Wort.“
„Ich habe Euch einst belogen,“ begann die Sterbende leise und abgebrochen, „es war Euer eignes Kind, das ich im Garten begrub, und ein fremdes, das ich an seiner Statt in die Wiege legte.“
„Wo habt Ihr meine Irmgard begraben?“ fragte die Edelfrau tonlos.
„Unter der großen Linde, rechts vom Altan. Ich habe inbrünstige Gebete darüber gesprochen.“
„Und wo kam das fremde Kind her?“
„Mein Gatte hatte es auf der Landstraße gefunden.“
Ein langes Schweigen folgte. Durch Frau Kunigundens Seele ging wie ein zweischneidiges Schwert der Schmerz um den Tod des eignen Kindes und ein Gefühl, als ob Irmgard von ihrem Herzen losgerissen würde.
„Sagt, daß Ihr mir vergebt, gnädige Gebieterin,“ bat Barbara mit leiser, angstvoller Stimme.
„Vergeben? wie könnte ich das!“ erwiderte die beraubte Mutter mit unterdrückter Heftigkeit. „Warum, o warum habt Ihr mir das gethan?“
„Ich konnte Euren Schmerz nicht ansehen -- er brach mir fast das Herz. Und als an demselben Tage Klaus mir das fremde Kind brachte, das ebenso helle Härchen und dunkle Augen hatte wie das unsrige -- und so zart und fein war -- da meinte ich, es sei ein Fingerzeig der heiligen Jungfrau, die Euren Kummer lindern wollte. Während Ihr in tiefer Ohnmacht lagt, vertauschte ich die Kinder, ohne daß es jemand sah. Aber von Stund’ an hatte ich keine Ruhe mehr -- ich konnte Euch nicht mehr frei ins Gesicht sehen, es litt mich nicht länger auf der Burg. Jahrelang trug ich mein Geheimnis mit mir umher, ohne es zu verraten; erst, als Pater Benedikt nach Nürnberg kam, faßte ich mir ein Herz und beichtete ihm meine Schuld. Er strafte mich mit strengen Worten und legte mir harte Bußen auf, dennoch aber ließ er mich geloben, gegen jedermann darüber zu schweigen, solange Euer edler Gemahl am Leben sei. Aber nun tritt der Tod an mich heran -- ich konnte nicht scheiden mit der Lüge auf dem Herzen -- -- o laßt mich nicht sterben, ohne daß Ihr mir vergeben habt!“ Sie sank erschöpft in ihre Kissen zurück, und eine namenlose Angst malte sich auf dem abgezehrten Antlitz.
Die Todesqual der alten Dienerin ging Frau Kunigunden tief zu Herzen; welche Gedanken auch ihre Seele bestürmten, so drängte sie dieselben doch zurück und dachte mit gütigem Sinn nur daran, das arme Weib zu trösten. „Du hast es gut mit mir gemeint,“ sagte sie nach einer Pause mit bebender Stimme, „und du konntest wohl nicht ermessen, was deine That bedeute. Ich will dir deinen Tod nicht erschweren -- ziehe hin in Frieden, und möge dir Gott verzeihen -- wie ich es thue.“
Sie erhob sich schnell, denn ihre Fassung drohte sie zu verlassen, und, gefolgt von den Segenswünschen und Dankesworten der Sterbenden, eilte sie fort. --
Als Frau Kunigunde am nächsten Tage mit schwerem Herzen nach Hause zurückkehrte, wurde sie von verstörten Gesichtern empfangen und sah mit einem Blick, daß etwas Ernstes geschehen sei. Voll Angst und Sorge eilte sie hinauf in das Zimmer ihres Gatten, wo ihr Pater Anselmus, der neben seinem geistlichen Amt die Stelle eines Arztes auf Meilen in die Runde versah, mit ernster Miene entgegentrat. „Faßt Euch, edle Frau,“ begann er, „bereitet Euch auf eine traurige Kunde vor.“
„Was ist’s?“ fragte sie bebend, „ist mein Gatte ..?“ ihre Lippen weigerten sich, das schreckliche Wort auszusprechen.
„Euer Gatte lebt, aber die Hand des Herrn hat ihn schwer getroffen, Ihr werdet ihn sehr verändert finden.“
Die Edelfrau ließ sich nicht länger zurückhalten, sie trat an das Lager des Ritters, der still, mit geschlossenen Augen, dalag; nur der keuchende Atem verriet, daß in der bewegungslosen Gestalt noch Leben sei. Ein Schlagfluß -- selbst heute noch eine Erscheinung, die unvermittelt und unerklärt in das blühende Leben eingreift, die bei dem damaligen Stande der Wissenschaft aber vollends geheimnisvoll und unheimlich erscheinen mußte -- hatte den alten Herrn zu Boden geworfen und ihm die Fähigkeit der Sprache und Bewegung geraubt. Von Grauen erfüllt, hatten die Diener sich zurückgezogen und Irmgard und Pater Anselm allein bei dem Geschlagenen gelassen. Seit dem gestrigen Abend hatte das kleine Fräulein das Bett des Vaters nicht verlassen, jetzt hatte die Ermüdung der durchwachten Nacht sie übermannt; im großen Lehnstuhl zusammengekauert, war sie in so tiefen Schlaf gesunken, daß selbst das Kommen der Mutter sie nicht erweckte. Mit blutendem Herzen blickte jene von dem Gatten auf die Tochter, sollte sie beide hingeben müssen? sollte die weiße Rose, die sie so treu gepflegt hatte, von ihr genommen werden und sie nicht mehr durch ihren lieblichen Anblick und süßen Duft erquicken? --
Unermüdlich teilten sich die beiden Frauen in die schwere Pflege des Kranken, dem die geschwundenen Kräfte nicht wiederkehren wollten. Zuweilen glitt, wenn die Tochter zu ihm trat, ein schwacher Schimmer von Freude über das wachsbleiche Antlitz, oder es malte sich eine Unruhe darauf, sobald die Gattin das Gemach verließ; aber das waren auch die einzigen Spuren von Bewußtsein. Doch Frau Kunigundens Prüfungen waren noch nicht zu Ende: eines Morgens blieb Irmgard, welche sich immer müder umhergeschleppt hatte, auf ihrem Lager liegen, und Pater Anselmus erklärte, daß sich infolge übermäßiger Anstrengung ein schleichendes Fieber ihrer bemächtigt habe. Trostlos vernahm die Edelfrau diesen Ausspruch, wem sollte sie Irmgards Pflege anvertrauen? sie selbst war durch die Hilflosigkeit des Gatten vollauf in Anspruch genommen. In dieser Not wußte der Pater einen Rat und versprach, ihr eine Pflegerin zuzuführen, auf deren Gewissenhaftigkeit sie sich unbedingt verlassen könne.
An demselben Abend klopfte es an Frau Kunigundens Thür, und vor ihr stand eine Frau, deren Kopf ein großes Tuch verhüllte. „Pater Anselmus schickt mich,“ begann dieselbe mit leiser, stockender Stimme, „wollt Ihr mir gestatten, meine -- -- Eure -- -- das kranke Fräulein zu pflegen?“
„Wer seid Ihr?“ fragte die Edeldame, von banger Ahnung ergriffen.
Die Fremde hob flehend die Hände empor. „O, schickt mich nicht fort, ich beschwöre Euch,“ rief sie, und das herabfallende Tuch ließ Afras Züge erkennen, „erlaubt mir nur, Euch und dem Fräulein zu dienen wie die geringste Magd, ich begehre nichts darüber hinaus. Vergeßt, was ich einst gesagt und gedacht, laßt -- o laßt mich bei Euch bleiben!“
Ein paar Augenblicke vergingen, Frau Kunigunde kämpfte mit sich selbst, dann reichte sie Afra die Hand und sagte fest: „Es sei! ich will Euch unser geliebtes Kind anvertrauen -- ich weiß, Ihr werdet es treu versorgen, und der Himmel gebe seinen Segen dazu!“
Die Edelfrau sah bald ein, daß sie eine treuere Pflegerin, als Afra, nicht hätte finden können, denn jene war Tag und Nacht auf ihrem Platze. Die Kranke erkannte sie anfangs nicht, denn sie lag fast immer in einem Zustande, der halb Schlaf und halb Betäubung war; doch nach einigen Tagen bemerkte Afra, daß Irmgards Augen fest und mit Bewußtsein auf sie gerichtet waren. Sie unterdrückte eine zitternde Furcht vor einem heftigen Ausbruch des Abscheus, wie damals, als sie zuerst auf der Burg erschienen war, aber das Mädchen blieb ruhig und sagte nur leise: „Ich kenne Euch, wie kommt Ihr hieher?“
„Frau Kunigunde hat mich rufen lassen, um ihr beizustehn.“
„Euch? und warum gerade Euch?“
„Pater Anselm wußte, daß ich mit Kranken umzugehen verstehe. Ich gehe, sobald ich nicht mehr gebraucht werde. Soll ich gleich gehen?“
„Nein, bleibt!“ versetzte Irmgard kurz; „ich glaube, Ihr meint es gut mit mir.“ So blieb Afra, und es bildete sich allmählich ein freundliches Verhältnis zwischen ihr und dem Fräulein, das nur langsam genas. „Erzählt mir die Geschichte Eures Lebens,“ bat sie einmal, und Afra erzählte, anfangs vorsichtig und zurückhaltend, bei den Lichtpunkten ihrer Erinnerung verweilend, um die Genesende nicht zu erregen, nach und nach immer ausführlicher, denn Irmgard hörte nicht auf, zu forschen und zu fragen, bis sie alles erfahren hatte.
In der Seele des jungen Mädchens vollzog sich eine gewaltige Wandlung: der heftige Widerstand, den sie damals Afras Ansprüchen entgegengesetzt, war gebrochen; sie fühlte es mit unwiderleglicher Gewalt, daß sie wirklich die Tochter dieser Frau sei. Diese Überzeugung, welche durch Walburgs frühere Behauptung vorbereitet worden war, stürzte alles um, was bisher ihr Denken und Thun bestimmt hatte. Der Stolz, mit dem sie auf ihre adlige Geburt, auf die langen Reihen ritterlicher Ahnen geblickt hatte, war ein lächerliches Unding, wenn sie von einfachen Handwerkern abstammte, ihr ganzes Leben hier auf der Burg war eine Lüge! Ihr war es, als finge das goldene Kettlein, das sie seit ihrer Kindheit getragen, an ihrem Halse zu brennen an; sie öffnete das Schlößchen und legte das alte Schmuckstück ab. An einer feinen Kette hing ein Goldplättchen, auf dem fünf blaue Steine ein Vergißmeinnicht bildeten; das war wohl über zweihundert Jahre alt und stammte von einer Ahnfrau des Hauses, deren Andenken in hohen Ehren gehalten wurde. Wie stolz war Irmgard gewesen, als die Mutter ihr das einfache Kleinod umhing und sie ermahnte, es wohl zu bewahren und jener Frau Jutta von Maltheim und Buchenbühl ähnlich zu werden, ihren Eltern ebenso gehorsam, ihrem einstigen Gatten ebenso treu zu sein. Oft hatte ihr die Mutter die Geschichte jener Ahnfrau erzählen müssen, deren Bräutigam unter dem Zeichen des Kreuzes in das Heilige Land gezogen war, und von dem sie jahrelang nichts gehört hatte; wie sie ihm trotzdem die Treue bewahrt habe, obgleich jedermann von seinem Tode überzeugt gewesen sei; wie sie all ihren Schmuck, bis auf dies eine Kettlein, verkauft habe, um einen Spielmann auszurüsten und nach ihm auszusenden. Der aber habe allzu lange nach dem Ritter suchen müssen, und beide seien erst in dem Augenblick zurückgekehrt, als das Fräulein, dem Befehl ihres Vaters folgend, einem Kaufmann die Hand zum Ehebunde habe reichen sollen. Beim Anblick des Geliebten sei sie totenbleich zu Boden gefallen, der Ritter aber habe den Bräutigam zum blutigen Kampf herausgefordert, habe ihn besiegt, und als Siegespreis die Hand seiner Dame erhalten.
Wie oft hatte Irmgard das Vergißmeinnicht betrachtet und sich dabei an Fräulein Juttas Stelle gedacht, wie oft sich im stillen gelobt, nur einem Ritter angehören zu wollen, der so treu, so heldenhaft sei, wie jener Herr Diether. Sie hatte es sogar der Ahnfrau sehr verargt, daß sie sich je habe bestimmen lassen, an einen Städter auch nur zu denken, und sie war entschlossen, in diesem Punkt selbst dem Befehl ihres Vaters zu trotzen, der freilich ebenso dachte wie sie. Was war nun aus all diesen stolzen Träumen geworden? sie war das Kind einer armen Frau, die einst die Magd der Frau Ebnerin gewesen; selbst Berthold würde jetzt nicht mehr daran gedacht haben, sie zu seiner Gattin zu erwählen. Hans Fiedler, den sie stets mit huldreicher Herablassung behandelt, dessen ehrerbietige Huldigung sie hingenommen hatte, wie ein Königskind die Liebe des Schäferknaben -- er war ihr Bruder, der über ihr Geschick zu bestimmen haben würde; Ulrich aber stand so hoch, hoch über ihr, daß sie froh sein konnte, wenn er sie einmal zur Gürtelmagd seiner Gemahlin machte. O, es war unsäglich bitter! Irmgard mußte ihre Augen vom Lichte abwenden und ihr Antlitz gegen die Wand kehren, um das brennende Schamgefühl zu verbergen, das ihre bleichen Wangen mit Purpur färbte.
Was sollte nun geschehen? sie konnte nicht auf der Burg bleiben und noch fernerhin die Rolle des Edelfräuleins spielen, -- dagegen sträubte sich ihr Wahrheitsgefühl; sie konnte auch nicht auf den Annenhof ziehen und Afras gehorsame Tochter sein, -- dagegen bäumte sich ihr Stolz und die jahrelange Gewohnheit. Lange suchte sie vergebens nach einem Ausweg, dann kam ihr plötzlich, wie ein Lichtstrahl in tiefer Nacht, der Gedanke an das Kloster. Ja, das war eine Rettung, und sie griff begierig danach. Dann fiel ihr Berthold ein, und wie sie ihm einst verächtlich zugerufen hatte, sie würde lieber sterben, als eine Nonne werden. Und nun ging sie doch denselben Weg; es stirbt sich nicht so leicht, und der Tod kommt selten, wenn man ihn leidenschaftlich ersehnt. Im stillen bat sie dem fröhlichen Spielgefährten jedes schroffe Wort ab, ja sie fühlte sich ihm näher gerückt durch die Gleichartigkeit ihres Schicksals. „Erstaunlich, daß gerade wir beide der Welt entsagen müssen, wir, die wir uns doch so wohl darin fühlten, so glänzende Pläne machten, so hoch hinaufstrebten! Die Heiligen führen uns wunderbare Wege zu dem Ziel, das sie uns gesteckt haben, wir mögen wollen oder nicht!“ -- --
Der Ritter von Maltheim war sanft entschlafen und in der Schloßkapelle bei seinen Vätern beigesetzt. Afra hatte den trauernden Frauen treuen Beistand geleistet; nach dem Begräbnis aber war sie ohne Gruß und Abschied verschwunden. In tiefem Schmerz saßen Frau Kunigunde und Irmgard bei einander, jede von Gedanken erfüllt, die mühsam nach einem Ausdruck rangen.
„Es ist gut für Euch, daß Ulrich bald heimkehrt,“ sagte endlich das Mädchen gepreßt --, „so werdet Ihr doch nicht lange ganz einsam sein.“
Die Mutter blickte erstaunt auf; der förmliche Ton, in dem jene sprach, überraschte sie. „Ich habe ja noch dich, mein liebes Kind.“
„Aber nicht mehr für lange -- ich muß fort.“
„Du willst mich verlassen, jetzt, da ich traurig und einsam bin? Irmgard, hat deine Mutter das um dich verdient?“
„O macht mir das Herz nicht schwer, Frau -- Frau Kunigunde von Maltheim,“ rief das Mädchen, in Thränen ausbrechend, „Ihr wißt es doch besser als ich, daß ich Euer Kind nicht bin, daß Ihr den Findling nur aus Erbarmen aufgenommen habt! Ich kann nicht länger bei Euch bleiben, aber ich kann auch nicht bei meiner Mutter leben -- laßt mich ins Kloster gehn, das ist der einzige Ort auf Erden, wo ich Ruhe und Frieden finden kann.“
Mit namenlosem Erstaunen vernahm die Edelfrau diese Rede; wie hatte sie gesonnen und gegrübelt, auf welche Weise sie Irmgard die bittere Kunde beibringen könne, -- und nun kam jene ihr zuvor, sie wußte alles und hatte aus eignem Antrieb den Entschluß gefaßt, vor dem sie selbst noch zurückbebte, und den sie doch als den einzig schicklichen Ausweg in dieser Lage betrachten mußte. Sie that ihre Arme auf: „mein Kind, meine geliebte Tochter!“ rief sie, „komm an meine Brust und laß uns in alter Liebe alles miteinander besprechen, was uns beide so schmerzlich bewegt. Hat dich die heilige Jungfrau mir nicht übergeben, daß du mein Trost und meine Freude sein solltest? und bist du nicht deines Vaters teuerster Schatz bis an sein Ende gewesen? Und wenn du uns nicht durch deine Geburt angehörst, hat unsre jahrelange Liebe uns keinen Anspruch an dich erworben?“
Da schmolz die Rinde von Härte und Bitterkeit, die sich um Irmgards Gemüt gelegt hatte, sie sank in die Arme der treuen Mutter und sagte ihr alles, was ihr banges Herz erfüllte.
Einige Tage danach erschien Afra, nach der man geschickt hatte, wieder auf der Burg. Irmgard ging ihr entgegen und reichte ihr die Hand; sie war noch bleicher als gewöhnlich, aber in ihren Zügen lag eine tiefe Ruhe: der schwere Kampf war ausgestritten, in ihrer Seele volle Klarheit. „Seid willkommen, liebe Mutter!“ sagte sie sanft, „ich stehe an der Schwelle eines neuen Lebens und bitte um Euren Segen.“
Afra starrte sie an, als dürfe sie ihren Ohren nicht trauen. „Matthäa!“ rief sie dann jauchzend, „mein süßes Kind, erkennst du endlich deine Mutter? O Gott im Himmel, habe Dank für diese Gnade! Du hast mir meinen Liebling wiedergeschenkt!“ Sie zog Irmgard an ihr Herz und überschüttete sie mit heißen Küssen und Liebkosungen; dann schob sie sie einen Schritt von sich fort, um ihr Gesicht, ihre Gestalt mit trunknem Blick zu betrachten. Endlich faßte sie sich, verbarg ihr thränenbenetztes Gesicht einen Augenblick in ihren Händen und schaute ruhiger auf. „Fürchte nichts, mein Liebling,“ sagte sie wehmutsvoll, „denke nicht, daß deine Mutter dein Glück trüben, deine hohe Stellung dir rauben will. Du sollst für jedermann das Edelfräulein bleiben, und die edle Frau Kunigunde soll deine Mutter sein, wie bisher. Nur zuweilen, in dunkler Abendstunde, darf ich mich herschleichen, nicht wahr? und wenn kein Auge uns sieht und kein Ohr uns hört, dann darf ich dich meine Matthäa nennen und dich küssen; und wenn du krank bist, darf ich dich pflegen, und wenn du dich einmal verheiratest, darf ich dir folgen und dir dienen und dein Haus verwalten helfen -- nicht wahr, mein Kind? du sollst dich nie, nie meiner schämen dürfen, denn nie will ich es einem Menschenohr anvertrauen, daß du meine Tochter bist!“
Irmgard war tief ergriffen von so selbstloser Liebe. „O meine Mutter,“ sagte sie bewegt, „wie gut bist du! Nein, ich werde mich nie deiner schämen, denn du bist edel von Gesinnung und groß an Liebe und Aufopferung! Aber ich werde nicht hierbleiben und nie einem Gatten folgen -- ich gehe ins Kloster.“
„Ins Kloster!“ wiederholte Afra traurig, „ist dir die Welt vergällt, das frohe Leben zur Last geworden? Ins Kloster! dahin kann ich dir nicht folgen, dort kann ich meinem Kinde nicht dienen. O Matthäa, muß es so sein?“
„Es muß so sein, Mutter, es war von Anfang an der Wille der heiligen Jungfrau. Auch Frau Kunigunde denkt wie ich. Mit dem Beginn der nächsten Woche scheide ich aus diesem Hause und trete in mein neues, stilles Heim ein. Willst du bis dahin bei mir bleiben, Mutter?“ -- --
Wenige Tage später war Irmgards Stelle auf Maltheim leer, zwei einsame Frauen blickten ihr trauernd und sehnsüchtig nach. Frau Kunigunde hatte Afra nicht von sich gelassen, und auf ihr dringendes Bitten hatte diese sich entschlossen, bis zu Ulrichs Rückkehr auf Maltheim zu bleiben. Am Tage ging es noch an, da machten sich beide in Küche und Keller, im Garten und in der Milchkammer, am Waschfaß und auf dem Bleichplatze zu schaffen und ließen sich keine Zeit zu trüben Gedanken. Aber wenn der Abend kam und des Tages Arbeit ruhte, dann saßen die beiden Mütter bei einander und sprachen von ihrem Kinde und beweinten das herbe Schicksal, das beiden die liebliche Tochter von der Seite gerissen hatte. Dennoch waren beide davon durchdrungen, daß Irmgards Entschluß der einzig richtige gewesen, daß sie weder als Edelfräulein auf Maltheim, noch als die Tochter einer früheren Magd auf dem Annenhof hätte leben können. Das Kloster erschien beiden wie ein stiller Friedenshafen, in dem das zertrümmerte Lebensschifflein sicher vor Anker gehen durfte.
[Illustration]
Dreizehntes Kapitel.
Sankt Sebaldus-Tag.
Kommt und laßt uns vereint den heiligen Sebald erheben! Dankt ihm in frommem Gebet, preist ihn mit jubelnder Lust.
Seit alten Zeiten wurde der neunzehnte August in Nürnberg als hoher Festtag gefeiert, galt er doch dem Andenken des heiligen Sebaldus, den die Stadt als ihren eigensten Schutzpatron verehrte. Sechshundert Jahre mochte es her sein, so erzählte die fromme Legende, als der heilige Sebald mit seinen Gefährten Wilibald und Wunibald die Länder an der Donau durchzog, lehrend und taufend und seine Predigt durch wunderbare Thaten bekräftigend. Da geschah es einst, als die frommen Männer den Strom erreicht hatten, daß die reißende Flut, welche mit Eisschollen trieb, die Brücke zertrümmerte; zagend sahen die Genossen den Führer an, der aber zog seine Kutte aus, legte sie auf das wildbewegte Wasser und stellte sich darauf. Siehe, da trug ihn die Flut gehorsam bis ans andre Ufer und netzte ihm kaum die Füße. Die andern folgten seinem Beispiel; fast erstarrt kamen die Gottesmänner drüben an und traten in eine dürftige Hütte, in der kein Feuer brannte, denn das Holz war den Bewohnern ausgegangen. Da hieß Sebaldus die Frau, Eisschollen auf den Herd tragen und anzünden, alsbald brannten sie lichterloh und verbreiteten liebliche Wärme. Anbetend sanken die Hüttenbewohner vor dem Heiligen auf die Kniee und wagten es, ihm eine Bitte vorzutragen. Ihr einziges Hab’ und Gut, ein paar Ochsen, war ihnen entlaufen; vergebens hatte der Mann sie gesucht, bis die Dunkelheit einbrach. „Geh noch einmal hinaus,“ gebot Sebaldus, „und bete auf dem Wege, und du wirst sie finden.“ „In der Nacht?“ fragte der Bauer zweifelnd; aber er folgte dennoch dem Gebot, und der Wald leuchtete ihm entgegen, wie von hellem Sonnenschein beglänzt. Er betete und fand die Tiere; zum Dank gelobte er sich dem Heiligen zu jedem Dienst, den dieser von ihm verlangen würde.
Bald danach ging es mit Sankt Sebald zum Sterben, und seine Genossen fragten ihn weinend, wo er begraben sein wolle. Er gebot ihnen, jene Bauersleute um ihre Ochsen zu bitten und dieselben vor seinen Leichenwagen zu spannen; niemand solle sie lenken, aber wo sie stehen blieben, da solle man seine Leiche in die Erde senken. Die frommen Männer suchten die Hütte an der Donau auf und erinnerten das Ehepaar an sein Versprechen, aber jene wollten nichts davon wissen, sie hätten sich nur dem Lebenden verpflichtet, nicht dem Toten. Kaum hatten sie das Wort gesprochen, so brachen die beiden Stiere mit wütendem Gebrüll aus dem Stall und rannten davon, vor dem Leichenwagen aber blieben sie stehen und ließen sich geduldig anspannen. Dann lenkten sie nach der Stelle hin, wo der Neroberg mit dem grauen Turm, dem ältesten Wahrzeichen Nürnbergs, emporragte, und standen vor der kleinen Kapelle des heiligen Petrus still. Kein Ruf, kein Peitschenschlag vermochte sie von dieser Stelle zu vertreiben; da erkannten die Begleiter, daß es die Stätte sei, die der heilige Sebaldus sich zur Rast erkoren hatte, und sie begruben ihn dort. Als aber ein Blitz die Petrikapelle traf und einäscherte, da ward man inne, daß sie des großen Heiligen, der auch im Grabe noch herrliche Wunder wirkte, nicht wert gewesen sei; man legte die Gebeine in einen mächtigen Sarg von gediegenem Silber und führte darüber die gewaltige Sebalduskirche auf. Der Sarg ward ein Ziel der Wallfahrt für alle, die auf Nürnberger Grund und Boden wohnten; man legte reiche Gaben darauf nieder und erkannte immer deutlicher, daß Sankt Sebald der Stadt hold und wohlgesinnt sei. Aber den Vätern leuchtete auch ein, daß der kostbare Sarkophag einer schützenden Hülle bedürfe, wenn sein Glanz nicht durch die tausende andächtiger Küsse, die in jedem Jahr darauf gedrückt wurden, beschädigt werden sollte, sie beauftragten daher den trefflichen Rotgießer, Peter Vischer, einen kunstreichen Tempel zu fertigen, welcher den Sarg wohl den Blicken, aber nicht den Händen und Lippen der Gläubigen aussetze. Dies Kunstwerk war eben vollendet worden und sollte am diesjährigen Sebaldustage enthüllt werden.[2]
[Footnote 2: Thatsächlich wurde Vischers Sebaldusgrab, wie Adam Kraffts Sakramentshäuschen, erst einige Jahrzehnte später, nach 1500, vollendet, während unsre Erzählung erst bis zum Jahre 1480 vorgeschritten ist; doch haben wir die Beschreibung dieser Kunstwerke hier vorweg genommen, um die Schilderung dieser Periode Nürnbergischer Kunstblüte zu vervollständigen. Beide Künstler waren um diese Zeit in ihrer Vaterstadt thätig.]
Schon seit mehreren Tagen bemerkte man eine freudige Erregung in der Stadt, denn alle Klassen, alle Geschlechter wollten an dem großen Kirchenfeste teilnehmen. Als der festliche Morgen anbrach, tönten alle Glocken in feierlicher Harmonie zusammen; gern lauschten die Einwohner den ernsten Klängen, die ihnen von früher Kindheit an lieb und vertraut waren, und begrüßten mit Freude die Töne besonders bekannter Glocken. „Das ist die große Susanna,“ hieß es, „die übertönt alle übrigen, und das ist die kleine Maria, die hat den hellsten Klang.“ In den Straßen wogte eine erwartungsvolle Menge, hier eilten Mitglieder der verschiedenen Innungen zu den bestimmten Sammelplätzen, dort ging eine Schar würdiger Männer nach dem Rathause; geputzte Kinder zogen haufenweise nach den Klosterschulen, und reich geschmückte Jünglinge und Jungfrauen schlüpften, mit schützenden Mänteln angethan, nach der Kirche, von welcher der Festzug ausgehen sollte.
Endlich war die Stunde für den Beginn der Prozession gekommen, Pauken- und Posaunenschall bezeichnete den Anfang des Festes. Eine Anzahl berittener Patriziersöhne, im schönsten Schmuck, mit wehenden Federbüschen, eröffnete den Zug, gefolgt von einem Fähnlein zünftigen Fußvolks. Dann kam die Schuljugend mit ihren Lehrern, die Mädchen in hellen Gewändern mit Blumenkränzen, die Knaben mit zahlreichen Prozessionsfahnen, die dreizipflig an einer Kreuzstange hingen. Es folgte die Klostergeistlichkeit in grauen, weißen, schwarzen und braunen Kutten, jeder Konvent mit Kreuz und Fahne; in festlichem Ornat ging der Bischof unter einem Baldachin, hinter ihm die Weltpriester mit ihren prachtvollen Kirchenfahnen; dann die Zünfte mit den Zeichen ihrer Hantierung, die meisten mit brennenden Kerzen in den Händen, während zahllose Chorknaben die Weihrauchgefäße schwangen, und Musik und Gesang den ganzen Zug begleitete. Das Schönste aber war eine Schar von Mädchen und Jünglingen, welche verschiedene Heilige darstellten und in der Tracht alter Gemälde auftraten. Da war König David im Purpurmantel mit goldener Harfe, der heilige Petrus mit den Himmelsschlüsseln, Sankt Laurentius mit dem eisernen Rost, auf dem er den Märtyrertod gefunden, die heilige Agnes mit dem Lamm, die heilige Cäcilie mit der Orgel und viele andere. Gar lieblich anzuschauen war die heilige Margarete, welche von Herrn Wilibald Ebners ältestem Töchterlein dargestellt wurde; so mochte die Heilige wohl ausgesehen haben, so fromm und demütig, so rein und furchtlos, als sie, nur mit einer Palme bewaffnet, über den grimmigen Drachen hinschritt.
[Illustration: Eine Stimme rief plötzlich ihren Namen ....]
Margarete Ebnerin war sich des Eindrucks, den sie auf die Zuschauer machte, nicht bewußt; ihre Gedanken waren aufwärts gerichtet, oder mit ihrem Bruder beschäftigt. Warum durfte er heute nicht unter den Genossen sein, die so stolz und stattlich daherritten, wie gut hätte er dazu gepaßt! Sie fragte sich, ob er sich wohl schon völlig in das geistliche Wesen eingelebt hätte, oder ob er immer noch in geheimer und offner Auflehnung gegen die strenge Klosterzucht beharre? Nur selten hatte der Vater den Sohn besuchen dürfen; er hatte ihn immer düster und unglücklich gefunden, und der Prior hatte jetzt jeden Verkehr mit den Seinen untersagt, bis der widerstrebende Novize sich völlig der geistlichen Regel unterworfen haben würde. Das dauerte nun schon drei Jahre; wie viele heiße Gebete stiegen täglich für ihn zum Himmel auf! war es möglich, daß sie unerhört bleiben sollten? --
Eine Stimme aus der Menge rief plötzlich ihren Namen; der Ton berührte sie wunderbar, er war ihr so fremd geworden und doch so wohlbekannt! Eine heiße Röte stieg in ihre Wangen, unwillkürlich hob sie den Blick empor, um den Rufenden anzusehen. Eine hohe, männliche Gestalt, in dem schwarzen Samtwams, dem kurzen Mantel und schwarzen Barett eines Baccalaureus, drängte sich durch die Reihen der Gaffenden, die ihn nur widerwillig durchließen, und streckte grüßend die Hände aus. Trotz der vier Jahre der Trennung erkannte sie ihn auf den ersten Blick an den goldenen Locken und den blauen Augen. In der ersten Überraschung war es, als ob sie stehen bleiben und seinen Gruß erwidern wollte, doch besann sie sich schnell, daß sie mitten in einer kirchlichen Feier stände; sie neigte das Haupt noch tiefer herab und schritt, scheinbar unbewegt, vorwärts. Aber in ihrem Herzen war plötzlich heller Sonnenschein, sie konnte an nichts anderes denken, als an den Jugendfreund, und zu all der Musik der verschiedenen Instrumente und zu dem tausendstimmigen Chor um sie her sang sie in ihrem Herzen nur die Worte: „der Ulrich, der Ulrich ist wieder im Land!“
Der Zug hatte jetzt die Kirche erreicht, welche zum festlichen Tage den schönsten Schmuck angelegt hatte. Die Wände waren mit gewebten Teppichen bekleidet, auf denen die Wunderthaten des heiligen Sebaldus in bunten Farben dargestellt waren; auf allen Altären prangten Blumen und geweihte Kerzen, und ein sanfter Weihrauchduft erfüllte das herrliche Gebäude. Inmitten des Hauptschiffes ragte ein verhüllter Bau empor, welcher das neue Sebaldusgrab einschloß; um denselben gruppierten sich die Hauptteilnehmer des Festzuges, während die Gewerke und die Söldner an den Thüren die Wache hielten. Der ganze Kirchplatz war von einer wogenden Menschenmenge erfüllt, die in ihrem Hin- und Herdrängen und mit ihren zahllosen, summenden Stimmen den Eindruck einer bewegten Meeresflut machte.
Nach vollendeter Messe trat der Bischof, gefolgt von einer Schar von Geistlichen, die ihn wie ein Glorienschein umgab, in das Mittelschiff und gab mit erhobener Hand ein Zeichen; nun stimmten alle Chöre einen Lobpsalm an, die Posaunen dröhnten dazwischen, und die Decken sanken herab. Ein halb unterdrücktes: Ah! erklang von allen Lippen, als das unvergleichliche Kunstwerk frei vor allen Blicken dastand. Eine erzne Kapelle umschließt den silbernen Sarg des Heiligen; kunstreiche Pfeiler tragen die schön geschwungnen Bogen des Gewölbes, an sie lehnen sich die zwölf Apostel, als die wahrhaften Stützen der Kirche. Zwischen den Pfeilern erheben sich hohe Leuchter, aber ihre Lichte sind auch wieder schlanke Säulchen, welche das Gewölbe tragen helfen. Drei vielfach durchbrochene Türmchen krönen das Werk, dessen untere Platte auf kriechenden Schnecken ruht, und das durch unzählige, kleine Figuren, unter ihnen das Bild des Meisters im Schurzfell, geziert wird.
Margarete konnte heute ihre Gedanken nicht in rechter Andacht sammeln; statt ihre Blicke auf das herrliche Kunstwerk zu richten und der Weiherede des hochwürdigsten Bischofs zu lauschen, ließ sie ihre Augen verstohlen in der Kirche umherschweifen, um ihren Freund zu entdecken. Als sie aber seinem Blick begegnete, der fest auf sie geheftet war, da erschrak sie und schaute nicht wieder auf; sie fühlte sich tief beschämt über ihr unfrommes Gebaren und suchte jeden Gedanken zu verbannen, der nicht eng mit dem heiligen Feste zusammenhing.
Als die Feier beendet war, verließ der Zug in der vorigen Ordnung das Gotteshaus, und neue Hunderte strömten herein, um das Meisterwerk einheimischen Kunstfleißes anzustaunen und ihre Andacht am Sebaldusgrabe zu verrichten. Stundenlang wogte der Strom hin und wieder, denn es war kaum ein Männlein oder Fräulein in der Stadt, das nicht gewünscht hätte, heute an dieser Stätte zu stehen und zum heiligen Sebaldus zu beten. Gehörte der Morgen dem kirchlichen Dienst, so entfaltete sich in den Nachmittagsstunden das fröhlichste Volksfest; überall wurde gegeigt und getrommelt, geschmaust und getanzt. Die unteren Klassen tummelten sich wohlgemut auf Straßen und Plätzen umher und trieben allerlei Kurzweil; die Familien der höheren Stände begaben sich in mancherlei Fuhrwerken, schwerfälligen Karossen oder leichten Korbwägelchen, hinaus in die Landhäuser, wo in den Gärten reicher Patrizier sich heitere Gesellschaften zusammenfanden.
Auch der derzeit gebietende Bürgermeister, Herr Friedrich Volkamer (von den drei erwählten Häuptern des städtischen Regiments, den sogenannten Losungern, führte jedes Jahr ein andrer den Vorsitz im Rat), hatte einen reichen Kreis von Gästen auf seinem prächtigen Landsitze versammelt, unter denen sich auch Herr Wilibald Ebner mit seinen Töchtern befand. Frau Ursula war daheimgeblieben, sie konnte es schwer über sich gewinnen, die Genossen ihres Berthold fröhlich beisammen zu sehen, während er für immer gefangen und von jeder Lebensfreude ausgeschlossen war. Das Haus der Volkamers war mit all der Pracht und dem künstlerischen Geschmack eingerichtet, welche zu jener Zeit dem reichen und kunstliebenden Bewohner Nürnbergs zur Verfügung standen. Im geräumigen Vorsaal verbreitete ein kleiner Springbrunnen erfrischende Kühle; die zierlichsten Erz-Figürchen sprudelten das klare Naß in ein großes Becken, in welchem eine Menge von Goldfischen schwamm; das abfließende Wasser aber setzte eine verborgne Orgel in Bewegung, welche fortwährend eine leise, liebliche Musik ertönen ließ. Der große Speisesaal, dessen geöffnete Thüren in den Garten führten, war mit Bildern reich geziert; auf der köstlich geschmückten Tafel prangte eine Fülle von Gold- und Silbergeschirr, das zum Teil aus der Hand Meister Dürers, des Goldschmieds, hervorgegangen war. Besondere Bewunderung erregte ein Tafelaufsatz von blinkendem Silber, eine weibliche Figur, welche einen reich verzierten Fruchtkorb in den emporgehobenen Händen trägt und mit dem reizenden Köpfchen stützt. Das Stück war ein Meisterwerk in Zeichnung und Ausführung, und doch war es die Arbeit eines Knaben und stammte von Meister Dürers Sohne Albrecht, der auf des Vaters Wunsch bisher noch dessen Handwerk betrieb.
Man saß lange bei Tische, und die Gänge schienen kein Ende zu nehmen; da gab es Biersuppe mit Brot und Käse, grünen Kohl mit gebratenem Hammelskopf, Kalbfleisch mit einer Tunke von Pfeffer und Safran, Hirsebrei mit fetter Wurst und ein gebratenes Reh mit Knoblauch und Zwiebeln. Dazu trank man eine Fülle der feurigsten Weine aus Deutschland und Italien, denn die Speisen waren stark gewürzt und erregten rechtschaffenen Durst. Die Unterhaltung der älteren Gäste wurde immer lebhafter und lauter, die Jugend dagegen warf sehnsüchtige Blicke in den Garten hinaus und wünschte das Ende der Tafel herbei, um sich draußen bei Spiel und Tanz zu vergnügen. Endlich bezeichneten süße Kuchen und saftiges Obst den Schluß des Gastmahls; der Koch erschien mit einem silbernen Waschbecken, an dem ein Hirschkopf befestigt war, dessen Geweih ein reich gesticktes Handtuch trug; aus einer silbernen Kanne goß er Wasser über die Hände der Gäste, welche, nachdem sie das Tuch benutzt hatten, eine Gabe für die Dienerschaft in seine Zipfel knüpften.
Nun konnte man endlich hinaus in den Garten, der zu den Sehenswürdigkeiten Nürnbergs gehörte. Kunstreich angelegte Blumenstücke wechselten mit geschornen Laubwänden und Bogengängen, welche den schattigsten Aufenthalt darboten. In Absätzen, die durch steinerne Brustwehren geschützt und durch breite Treppen verbunden waren, senkte sich der Garten bis zu einem grünen Wiesenplan herab, und, von unten gesehen, hob sich das Haus mit seinem gewaltigen Söller frei und prächtig aus seiner grünen Umgebung heraus.
Während die junge Welt hier in kleinen Gruppen lustwandelte und alle Herrlichkeiten beschaute, traten zwei neue Gäste auf den kiesbestreuten Vorplatz, bei deren Anblick Margaretens Herz heftig zu schlagen begann, denn der eine war ohne Zweifel der, mit welchem alle ihre Gedanken beschäftigt waren -- Ulrich von Maltheim. Wie schön und stattlich sah er aus in dem dunklen Gewande, welches seine edlen Züge, die weiße Stirn und die goldenen Locken nur noch glänzender hervortreten ließ! Aber auch sie bot einen reizenden Anblick dar, in dem lichtblauen Kleide, das, an Hals und Ärmeln mit schneeweißer Leinwand gepufft und mit goldenen Streifen umsäumt, ihre jungfräuliche Gestalt fest und anmutig umschloß, mit dem goldnen Netzhäubchen auf dem glänzend braunen Haar und den klaren, grauen Augen, die so ernst und klug, und doch so mädchenhaft und sittsam um sich schauten. Jetzt hatte auch Ulrich sie erkannt, und nachdem er die Wirte begrüßt, eilte er mit ausgestreckter Hand und einem fröhlichen Lächeln auf sie zu.
„Grüß’ Gott, liebe Margarete,“ sagte er innig, „welche Freude, dich endlich wiederzusehen! sei mir tausendmal gegrüßt!“ Er beugte sich über sie, um, wie er früher immer gethan, ihre Stirn zu küssen, aber sie wich verwirrt vor ihm zurück. Eine plötzliche Verschämtheit kam über sie -- wie viele Augen waren hier auf sie gerichtet! „Willkommen daheim, Herr von Maltheim,“ sagte sie in förmlichem Ton und neigte sich höflich vor ihm, wie vor einem Fremden, während sie zugleich ihre Hand aus der seinigen zog.
Er sah sie erschrocken an. „So kühl, Margarete? sind wir nicht mehr Freunde, wie wir es immer gewesen?“
„Die Kinderjahre sind vorüber,“ versetzte sie mit gesenkten Augen. „Ihr kehrt als der gebietende Herr von Maltheim zurück, nicht mehr als Junker Ulrich.“
Er zog sich mit einem gekränkten Ausdruck von ihr zurück, begrüßte flüchtig die übrigen, die ihm von früher her bekannt waren und gesellte sich zu den älteren Männern, die unter der großen Linde vor dem Hause in behaglicher Unterhaltung saßen.
Inzwischen berieten die Mädchen und jungen Männer, welch ein Spiel sie unternehmen wollten. „Das Minneturnier!“ riefen mehrere Stimmen, und einer der jungen Leute unternahm es, dies allbeliebte Spiel in Gang zu setzen. Jedes der Mädchen erhielt eine Schleife, die sie an ihre Brust steckte, und ein langes Band von derselben Farbe; die Jünglinge teilten sich in zwei Parteien, Ausforderer und Verteidiger, während der Ordner das Amt eines Minnevogtes versah. Nun erkor sich jeder Verteidiger eines der Mädchen zu seiner Dame, die andern aber forderten die Damen zum Kampf heraus; dann ließ der Verteidiger sich auf Hände und Kniee nieder, das Mädchen setzte sich ihm auf den Rücken und hob den Fuß empor, gegen dessen Sohle der Angreifer einen Stoß mit seiner Fußsohle führte. Wer dabei hinfiel, hatte verloren, ward gebunden und mußte sich auslösen, die Mädchen durch einen Kuß, die jungen Männer durch eine Blume oder eine zierliche Gabe. Die Damen hätten bei diesem Spiel wohl immer verloren, hätten sie nicht den Minnevogt zu Hilfe rufen dürfen, welcher sie stützte und ihrem Stoß dadurch größeren Nachdruck gab.
Eine Weile wurde mit Eifer und vielem Gelächter gespielt; es fehlte auch nicht an kleinen Listen, in denen sich geheimes Wohlgefallen oder versteckte Abneigung verriet; dann stellte es sich heraus, daß der eine Minnevogt unmöglich allen angegriffnen Damen helfen konnte. Man sah sich daher nach einem zweiten um, und einige schlugen vor, Ulrich dazu heranzuziehen. Sogleich erbot sich Elsbeth Ebnerin, ihn aufzufordern, und ohne auf Margaretens abmahnende Blicke zu achten, eilte sie die Treppen hinauf und trat auf ihn zu. „Wollt Ihr nicht mit uns spielen, Ulrich?“ fragte sie in dem vertraulichen Ton einer alten Bekannten, „es fehlt uns gerade noch ein Teilnehmer, und wir würden uns freuen, Euch unter uns zu sehn.“
„Verzeiht mir, wertes Fräulein,“ erwiderte er ernst und höflich, „wenn ich Eurem Rufe nicht folge; ich habe vor zu kurzer Zeit meinen teuren Vater verloren, um mit den Fröhlichen froh zu sein.“
Etwas kleinlaut kehrte Elsbeth mit diesem Bescheide zu den Genossen zurück, Margarete aber dachte mit tiefer Bekümmernis daran, wie vieles Ulrich bei seiner Heimkehr verändert gefunden, und wie wenig Teilnahme sie ihm gezeigt habe. Sie nahm an allen Spielen nur noch mechanischen Anteil; ihre Gedanken weilten bei dem Freunde, den sie so kühl begrüßt hatte, während sie doch so warm für ihn fühlte. -- --
Ein ganz anderes Bild zeigte zu derselben Stunde der Garten hinter dem Wirtshaus zur goldenen Rose am Markt, wo sich die Kunstgenossen von Nürnberg zusammengethan hatten, um den Festtag in ihrer Weise zu begehen. Unter schattigen Linden und Akazien hatte man lange Tafeln gedeckt, an denen Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen in bunter Reihe Platz genommen hatten, während die Kinder sich in lauter Fröhlichkeit um sie her tummelten. Die Ehrenplätze an der Spitze nahmen Peter Vischer und Adam Krafft ein, welche sich in die bewundernde Anerkennung ihrer Mitbürger teilten.
Meister Adam hatte in den verflossnen Jahren die Kirchen und öffentlichen Gebäude seiner Vaterstadt mit kunstreicher Hand geschmückt, und manches unsterbliche Werk der Bildnerei bezeugte, daß die zwanzig Jahre seiner Wanderschaft nicht ohne herrliche Früchte geblieben waren. Erst vor kurzem war in der Lorenzkirche sein Sakramentshäuschen enthüllt worden, -- ein köstlicher Schrein zur Aufbewahrung der geweihten Hostie. So zierlich erschienen die Formen des schlanken Türmchens, so lebensvoll und anmutig umschlang das reiche Ranken- und Blätterwerk den erznen Schrank in der Mitte, daß die Beschauer nicht glauben wollten, das Ganze sei ein Werk des Meißels aus hartem Stein, sondern daß das Gerücht auftauchte, Adam Krafft habe die Kunst entdeckt, Steine zu erweichen und flüssig in Formen zu gießen. An der heutigen Tafel bildeten die beiden neuesten Kunstwerke lange den Gegenstand des Gespräches; man stritt hin und her, welches das vollendetere Werk wäre, aber man kam zu keinem Schluß, bis endlich Vischer erklärte, es sei in Nürnberg keine kunstvollere Arbeit vorhanden, als das Sakramentshäuschen, und Krafft entschied, das Sebaldusgrab könne nicht übertroffen werden. Da erhob sich lauter Jubel unter den Tischgenossen, und in vielstimmigem Chor wurden die beiden Meister als der Stolz von Nürnberg gepriesen.
Adam Krafft dankte mit wenigen, fast abwehrenden Worten; obgleich er ein berühmter Mann war, dessen Ruf weit über seine Vaterstadt hinausging, war er doch von kindlich einfacher und bescheidener Gemütsart. Um so stolzer schaute seine Magdalene drein, die ihm zur Seite saß; gab es doch für sie kein höheres Entzücken, als die Anerkennung, welche man ihrem Adam zollte. Die elf Jahre ihres Ehestandes erschienen ihr beim Rückblick wie ein einziger Sommertag voll Glück und Freude, und doch waren sie voll Mühe und Arbeit gewesen, denn anfangs ging es in dem kleinen Häuschen oft recht dürftig her, die Einnahmen waren eben bescheiden, die Ansprüche der Kunst oft bedeutend. Da hieß es, sich einrichten, und Magdalene verstand es vortrefflich, mit wenigem hauszuhalten; sie arbeitete und schaffte vom Morgen bis zum Abend und wußte dem Gatten jede Sorge fernzuhalten, denn sie war nicht wie andre Frauen, die mit jeder Klage zum Manne laufen und Hilfe und Teilnahme begehren. Der Künstler fand bei ihr jederzeit ein offnes Ohr und ein empfängliches Herz für seine Pläne, eine stolze Freude an seinen Erfolgen, ein begütigendes Wort bei seinen Ärgernissen, und die Zärtlichkeit und Harmonie der beiden Ehegatten war unter den Freunden des Hauses sprichwörtlich geworden.
Neben Magdalene saß Meister Andreas Fiedler mit seiner Eva, welche mit den Kraffts durch die innigste Freundschaft verbunden waren. Seit Jahren hatte der alte Mann sein Haus nicht verlassen, aber heute hatte Adam darauf bestanden, daß er auch seinen Teil an der allgemeinen Festfreude haben sollte. Mit mehreren seiner Schüler, die einen Handwagen zogen, war er mittags im Hundsgäßlein erschienen; die Jünglinge hatten den Alten sorgsam hineingehoben und ihn erst nach der Lorenz- und dann nach der Sebalduskirche gefahren, um die beiden neuen Kunstwerke zu betrachten; dann aber hatten sie ihn, trotz seines ängstlichen Widerspruchs, in den Garten der goldenen Rose gebracht, wo er nun mitten unter den berühmtesten Männern von Nürnberg saß und sich nicht satt sehen und hören konnte an allem, was um ihn her geschah.
Auch Hans Fiedler saß an einer der Tafeln, welche dem jüngeren Nachwuchs eingeräumt worden waren; als Kraffts Schüler fiel auch auf ihn ein Schimmer von des Meisters Ehren. Mehrere Söhne Peter Vischers, die Gehilfen ihres großen Vaters, nebst Lehrlingen aus andern Werkstätten, hatten sich hier mit den rosigen Töchtern verschiedener Meister zu einem fröhlichen Kreise vereint, in dem es an Scherz und Lachen, an heiterer und ernster Wechselrede nicht fehlte.
Hans saß neben Meister Dürers holdem Töchterlein Sabine, an deren munterm Geplauder er ein besonderes Wohlgefallen fand; auch sah er nicht ungern in die lachenden, blauen Augen und auf die dicken, blonden Zöpfe, die sich unter dem üblichen Netzhäubchen kaum bergen ließen.
Als es anfing zu dunkeln, zündeten die jungen Leute eine Menge bunter Papierlaternen an, welche an Fäden von den Bäumen herabhingen und den Platz mit einem geheimnisvollen Dämmerlicht übergossen; in dem ließ es sich noch ungestörter mit der hübschen Nachbarin plaudern und scherzen. Der köstliche Abend stimmte die jungen Gesellen poetisch, man hörte allerlei Reimfragen und Sprüche erschallen. „Nun sage mir, Meister Traugemut,“ rief einer über den Tisch dem andern zu, „zwei und siebzig Lande sind dir kund: durch was ist der Rhein so tief? durch was sind die Frauen so lieb? durch was sind die Matten so grüne? durch was sind die Ritter so kühne? Kannst du mir darauf rechte Antwort geben, so will ich deine Weisheit hoch erheben.“
Und der andre rief zurück: „Das hast du gefragt einen Mann, der dir’s wohl gesagen kann. Von mancher Quelle ist der Rhein so tief, von holder Minne sind die Frauen so lieb, von manchen Kräutern sind die Matten so grüne, von manchen starken Wunden sind die Ritter so kühne.“
Dann hob ein dritter sein Sprüchlein an: „Wer einen Raben will baden weiß und darauf legt seinen ganzen Fleiß, und an der Sonne Schnee will dörren, und allen Wind in ein’ Kasten sperren, und Unglück will tragen feil und Wasser will binden an ein Seil, und einen Kahlen will bescher’n -- der thut auch unnütze Arbeit gern.“
Lautes Gelächter lohnte dem Sprecher, und von allen Seiten regneten ähnliche Scherzreime, bis von der Tafel der Alten ein Zeichen Stillschweigen gebot. „Wir wollen eine Singschule halten,“ hieß es, und jeder war damit wohl zufrieden, denn weitaus die meisten in der Gesellschaft gehörten zur löblichen Meistersingerzunft, und wer nicht selbst sang, der besaß doch ein geübtes Ohr, um das Gehörte nach feststehenden Regeln zu beurteilen. Der Meistergesang stand in Nürnberg in höchster Blüte und wurde von jung und alt eifrig gepflegt.
Heute, unter grünen Bäumen, beim hellen Becherklang, ging es natürlich nicht so ernst und feierlich zu, wie bei der eigentlichen Singschule, die man entweder auf dem Rathause oder in der Kirche abhielt. Dort durften nur geistliche Dinge den Inhalt der Gesänge bilden, und das Gemerk, d. h. die erwählten Richter, achteten sorgfältig auf jeden Verstoß, der gegen Inhalt und Form begangen wurde. Heute herrschte größere Freiheit und Ungebundenheit, dennoch wurde einer der älteren Meister zum Merker ernannt, welcher die Ordnung aufrecht zu halten und eine gewisse Kritik zu üben hatte, und dem sich jeder der Anwesenden ohne Widerspruch unterwarf.
[Illustration: Im Garten der goldenen Rose.]
Schon hatten mehrere der älteren Männer allerlei kunstreich verschnörkelte Dichtungen zum besten gegeben, die mit allgemeinem Beifall aufgenommen wurden, da erging der Ruf an die Jungen, sich auch hören zu lassen. Ohne Zögern sprang ein junger Geselle auf, der schon lange still und in sich gekehrt dagesessen hatte, bat um gütige Erlaubnis und hub also an:
„Ein Weidmann fing ein Vögelein Von kleiner Art, doch zart und fein, Ein’ Nachtigall war es genannt. Als er es hielt in seiner Hand Um ihm den Todesstoß zu geben, Da rief es: ‚schenk mir doch mein Leben! Fürwahr, du wirst nicht satt von mir. Drei gute Lehren geb’ ich dir, Die bringen, wohl von dir bewahrt, Dir Nutzen mannigfacher Art.‘ Er sprach: ‚sag’ an, was mag das sein?‘ Da sprach das kleine Vögelein: ‚Erstens: nie sollst du Glauben schenken Dem, was unglaublich ist zu denken. Zum zweiten: mache dir kein Leid Um Dinge der Vergangenheit. Zum dritten: trachte nie voll Angst Nach dem, was du doch nie erlangst. Die Lehren nun bewahre wohl, So wirst du aller Weisheit voll.‘ Das hört’ der Jäger mit Vergnügen Und ließ danach das Vöglein fliegen. Doch als es saß im hohen Tann, Da sprach es also zu dem Mann: ‚Gar thöricht ward dein Sinn gelenkt, Als du die Freiheit mir geschenkt. Denn wisse, in dem Leibe mein Bewahr’ ich einen Edelstein. Krankheit zerstöret er und Gift, Ein Straußenei er übertrifft An Größe -- den hast du verloren.‘ Der Thor! er hätte gleich geschworen, Des Vogels Rede wäre wahr! Vergessen hat er ganz und gar Die Lehren, die er just empfangen. Das Vöglein wieder zu erlangen, Danach stand nun sein ganzer Sinn. Das aber sprach: ‚Du Narr, fahr hin! Schlecht paßt mein Sprüchlein in dein Haupt. Du hast Unmögliches geglaubt: Nicht könnt’ ich bergen solchen Stein, Denn dazu bin ich viel zu klein. Zum zweiten läßt dir’s keine Rast, Daß du mich nun verloren hast. Zum dritten trachtest du voll Angst Nach mir, den du doch nie erlangst, Nie wieder kreuz’ ich deinen Gang: Du bleibst ein Thor dein Leben lang!‘“
(Ulrich Boner.)
Unter der Jugend blieb es ziemlich still, als der Sänger geendet, aber bei den älteren Männern sah man beifälliges Nicken, und der Merker sagte: „Ihr habt Euch in der ‚Schwarztintenweis’‘ wacker geübt, Veit Nägelein, und könnt bei fortgesetztem Fleiß wohl einmal aus dem Schüler ein Meister werden.“
„Wollt Ihr nicht auch singen, Hans Fiedler,“ flüsterte Sabine Dürerin ihrem Nachbar zu, „Ihr versteht es doch viel besser, und aus Eurem Munde klingt es viel frischer und fröhlicher.“
„Meint Ihr?“ fragte Hans zurück, indem er vor Freude über das Lob errötete; „ich habe noch nie vor den großen Meistern gesungen, und ich fürchte, sie werden nicht so milde urteilen, wie Ihr, Jungfer Sabine.“ Dennoch konnte er der Lockung nicht widerstehen und meldete sich zum nächsten Gesang, den er mit heller Stimme also ertönen ließ:
„Es thront auf einsam kahler Höh’ Der königliche Aar, Und rings auf allen Gipfeln, In grünen Waldeswipfeln Haust eine stolze Vogelschar.
Doch auch im niedrigen Gezweig Ein fröhlich Völklein schwärmt. Sie nisten selbst in Mauern Zufrieden, sondern Trauern. Hört nur, wie froh es singt und lärmt.
Denn droben wohnt ein reicher Herr Im blauen Himmelssaal. Der deckt mit vollen Händen Hier und an allen Enden Den Tisch den Vögeln allzumal. --
Und kannst du auch kein König sein In güldner Krone Glanz, Und fliegst auch nicht als Ritter Ins Schlachtenungewitter, Und ins Turnier zum Waffentanz:
Sei dennoch froh und wohlgemut, Verbanne jeden Harm, Denn sieh, vor Gott im Himmel Ist in dem Weltgetümmel Der größ’te auch nur klein und arm.
Auf +jeder+ Menschenseele ruht Ein Gottesauge lind, Er läßt die Sonne scheinen Den Großen und den Kleinen, Denn jedes ist sein liebes Kind.
Wohlauf! stimmt ein in meinen Spruch, Den laut ich bringe aus: In Lieb’ und Treu’ zusammen Laßt stehen, die da stammen Aus eines lieben Vaters Haus!“
Diesmal erscholl lauter Beifall an der jungen Tafel, während an der der älteren Leute besonders die Frauen befriedigt aussahen und Meister Andreas seinem lieben Neffen gar vergnügt zunickte. Der Merker aber sagte ernsthaft: „In welchem Ton habt Ihr das Lied gesungen, Hans Fiedler? Zuerst meinte ich, es sollte die ‚Hageblüt-Weise‘ sein, aber die Reime stimmten nicht dazu; dann schien es ‚Cupidinis-Handbogen-Weise‘ zu werden, aber die Verse waren zu kurz.“
„Ich habe in meinem eignen Ton gesungen,“ versetzte Hans, kühn gemacht durch die Zustimmung der Genossen und den verstohlnen Händedruck der warmherzigen Nachbarin, „oder nennt es die ‚lustige Vöglein-Weise,‘ nach der stimmt es gewiß.“ Der Merker schüttelte den Kopf über die kecke Rede und vermahnte den jungen Gesellen, sich noch eine Zeitlang in den bewährten Weisen älterer Meister zu üben, ehe er eigne Töne zu erfinden suche.
Der sinkende Abend mahnte endlich an den Aufbruch; noch einmal stand Hans Rosenblüt, der geschätzte Briefmaler, auf, erhob seinen Becher und sprach folgenden Weinsegen: „Nun gesegne Euch Gott, lieben Freunde mein, den wir getrunken, den goldenen Wein, bis wir wieder zusammenkommen. Sein Name der heißt Kitzelgaumen; er ist unsrer Zunge eine süße Naschung und unsrer Kehle eine reine Waschung, er ist unserm Herzen ein edles Zufließen und unsern Gliedern ein heilsam Begießen, und schmeckt uns besser, als alle Bronnen, die je aus den Felsen sind geronnen. Beschirm’ mich Gott nun vor dem Strauchen, wenn ich die Stiege hinab muß tauchen, daß ich auf meinen Füßen bleib’ und fröhlich heimzieh’ zu meinem Weib und alles wisse, was sie mich frag’. Nun behüt’ Euch Gott vor Niederlag’. Amen.“ -- --
Als Hans den Meister Andreas heimgeleitet hatte und seinen Rückweg antrat, stieß er unversehens auf einen Mann, der ihm entgegenkam; der Mond schien ihm hell ins Gesicht, so daß er ihn erkennen konnte. „Willkommen, tausendmal willkommen daheim, Junker Ulrich!“ rief er freudig erregt, „Gott und Sankt Sebald seien gelobt, daß Ihr wieder da seid! Wie ist es Euch ergangen in all den langen Jahren? o wie froh bin ich, Euch wiederzusehn, liebster, bester Junker!“
„Empfindet wirklich einer der alten Freunde noch Freude über meine Rückkehr?“ fragte Ulrich wehmütig. „Habe Dank für deinen herzlichen Gruß, mein wackerer Hans; ich meinte schon, ich wäre Euch allen fremd geworden!“
„Ihr müßt es freilich daheim sehr verändert gefunden haben,“ sagte Hans teilnehmend, „auf der Burg ist es wohl leer geworden, seit Herr Werner und Fräulein Irmgard fehlen. Auch Berthold ist nicht mehr da, -- aber Jungfer Margarete ist die alte geblieben, habt Ihr sie schon gesehen?“
„Nein,“ versetzte Ulrich abwehrend, „als ich im Ebnerhause vorsprach, war nur Frau Ursula daheim, und ich muß morgen in aller Frühe fort.“
„Wie, Junker Ulrich, Ihr wollt fort, ohne Margarete gesprochen zu haben? Und sie hat Euer doch so treu gedacht, und unzählige Male haben wir von Euch gesprochen!“
„Du vielleicht, mein treuer Hans; sie hat, wie ich fürchte, die Kinderfreundschaft längst vergessen.“
„Wie Ihr nur redet, Junker!“ rief Hans entrüstet, „Margarete ist keine von denen, die so schnell vergessen, und Ihr habt sie noch nicht einmal auf die Probe gestellt. Ihr werdet Euch wahrlich Eurer Zweifel schämen, wenn Ihr ihren freudigen Empfang sehen werdet!“
„Meinst du, alter Freund?“ sagte Ulrich mit schmerzlichem Lächeln, „nun wohl, wir wollen es abwarten.“
Als Margarete an diesem Abend nach Hause kam, konnte sie ihre Thränen kaum zurückhalten und eilte, sobald sie konnte, in ihre Kammer, um ungestört zu weinen. Sie fühlte, daß sie den Freund, der ihr so warm entgegengekommen war, tief verletzt habe; sie sehnte sich, ihm all ihr Mitgefühl auszusprechen und das seine zu empfangen -- und hatte doch die Empfindung, als würde das nie geschehen, als hätte sie den Freund ihrer Kindheit für immer verloren!
[Illustration]
Vierzehntes Kapitel.
Zwei Heimgekehrte.
Kehret der Wandrer zurück, der lang’ in der Ferne verweilte, Fremd schaut alles ihn an, fremde erscheinet er selbst.
Mehrere Jahre waren vergangen, seit Junker Veit von Rotenhahn die Burg Hohenheiligen verlassen hatte; ungefährdet waren seitdem die Warenzüge auf jener Straße gefahren, und man hatte den gefürchteten Wegelagerer fast vergessen, oder man erinnerte sich seiner nur mit einem Gefühl der Genugthuung darüber, daß man des adligen Räubers Herr geworden war. Da geschah es eines Tages, daß einige Knechte schreiend und jammernd am Stadtthor erschienen, mit der Nachricht, sie wären plötzlich von einer Schar vermummter Reiter überfallen worden, als sie nichts ahnend durch den Reichswald zogen; man hätte die Mehrzahl der Begleiter gefesselt und nebst den Wagen unter lautem Hallo fortgeführt. Eine große Aufregung bemächtigte sich der Stadt; sollte Junker Veit die Frechheit besessen haben, zurückzukehren und sein räuberisches Handwerk von neuem aufzunehmen? -- Die Überfälle mehrten sich, und jede Woche brachte neue Klagen; doch war die Sache diesmal viel besser geordnet, als früher; die Ritter vom Stegreif waren zahlreicher und besser bewaffnet, sie lauerten bald hier, bald da den Zügen auf und hatten verschiedene Schlupfwinkel, in denen sie mit ihrem Raube verschwanden. Die Erkundigungen, welche Herr Wilibald Ebner von seinem Vogt im Dorf Hohenheiligen einzog, führten zu der Erkenntnis, daß man es nicht allein mit dem von Rotenhahn, sondern mit einer ganzen Räuberbande zu thun habe, welche auf einer Anzahl fester Burgen in der Umgegend hause und sich zu Schutz und Trutz verbündet habe. Man bemerkte, daß jeder der Raubritter an der Satteldecke das Zeichen eines weißen Wolfes trage, und daß sie stets mit demselben Ruf auf ihre Beute einzudringen pflegten. „Die Wölfe kommen!“ das wurde bald der Schreckensschrei, mit welchem die reisenden Kaufleute ihre Bedeckung zur äußersten Wachsamkeit und zum mannhaften Widerstande aufriefen; dennoch blieben die Wölfe nur zu oft die Sieger im Streit. --
Ebenso groß wie in Nürnberg war der Schrecken auf Maltheim gewesen, als dort eines Tages Frau Walburg erschien und ihr väterliches Erbe in Anspruch nahm. Frau Kunigunde, die ganz allein war, wußte nicht, wie sie sich der Stieftochter erwehren sollte, deren Anmaßung durch keine Autorität mehr in Schranken gehalten wurde. Man solle ihr Dorf und Flur Hohenheiligen als Erbteil übergeben, so lautete ihr Begehr, Maltheim möge Ulrich behalten. Die Antwort, daß Hohenheiligen längst verkauft sei, versetzte sie in die bitterste Entrüstung, und mit rauhen Worten verlangte sie eine Summe, welche diesem Besitz entspräche, widrigenfalls sie sich an das kaiserliche Landgericht wenden werde, um ihr gutes Recht zu erlangen. Sie habe schlagende Beweise in Händen, daß Irmgard nicht des Ritters Kind gewesen sei, also auch keinen Anspruch an seine Hinterlassenschaft habe, und sie riete Frau Kunigunden, das alte Märchen nicht noch einmal vorzubringen.
Was sollte die Edelfrau thun? das bare Geld war immer ein knapper Artikel auf Maltheim gewesen, seit Herr Werner seine Tasche nicht mehr auf Kriegszügen durch Beute und Lösegeld gefüllt hatte; das Kaufgeld von Hohenheiligen hatte nur hingereicht, um Ulrichs Studienjahre zu sichern und Irmgards Brautschatz beim Eintritt in das Kloster zu erlegen. Schon lange lebte Frau Kunigunde aufs sparsamste, und ihr ganzes Streben war darauf gerichtet, Maltheim von den Schulden zu befreien, die darauf lasteten, um ihrem Sohne sein väterliches Erbe ohne Pfandlehen zu übergeben. An Walburg hatte sie nicht mehr gedacht; sie hoffte, Junker Veit und seine Familie würden nie wieder in die Heimat zurückkehren. Nur mit Mühe und durch mancherlei Opfer ließ sich die Stieftochter bewegen, sich bis zu Ulrichs Rückkehr zu gedulden.
Es war ein schmerzliches Wiedersehen zwischen Mutter und Sohn: der Vater tot, die Schwester im Kloster, der alte Besitz gefährdet, überall Unsicherheit und Streit. Ulrich war inzwischen zum Manne gereift; er hatte Philosophie und altes Recht studiert und sich auf der Universität Ehren erworben, die sonst erst älteren Gelehrten zufielen, aber sein Sinn war auf das Ideale gerichtet geblieben und unter den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens wußte er nicht Bescheid. Er hatte sich daher bald nach seiner Rückkehr nach Nürnberg begeben, um sich Rats zu erholen und die alten Freunde zu begrüßen; beides war nicht nach seinen Wünschen ausgefallen. Die Rechtskundigen hatten sich Bedenkzeit ausgebeten, ehe sie sich in dieser Sache entscheiden könnten, und das Wiedersehen, auf das er sich am meisten gefreut, hatte ihm eine bittre Täuschung gebracht.
Eine Woche nach dem Sebaldusfeste machte er sich wieder auf den Weg nach der Stadt, um das Urteil sachverständiger Männer über die Teilung des väterlichen Erbes zu hören. Der ganze Zank um das Mein und Dein war seinem feinfühligen Sinn unendlich lästig; er hätte am liebsten Maltheim verkauft, den Erlös mit Walburg geteilt und wäre mit seiner Mutter fortgezogen in ein anderes Land, um ein neues Leben der Arbeit und des geistigen Strebens zu beginnen. Was fesselte ihn denn noch an die Heimat? überall stieß er auf wehmutsvolle Erinnerungen, auf traurige Veränderungen; die Enthüllungen über Irmgards Herkunft entrissen seinem Herzen die geliebte Schwester, -- es schien ihm, als lägen die vier Jahre seiner Abwesenheit wie eine unüberbrückbare Kluft zwischen dem Einst und dem Jetzt.
In der Stadt angekommen, fand er es noch zu früh, um zu dem berühmten Rechtsgelehrten, Herrn Pirkheimer, zu gehen, und er beschloß daher, erst bei Meister Andreas Fiedler vorzusprechen, dem er von seiner Knabenzeit her ein herzliches Andenken bewahrte. Manchmal hatte er mit Berthold und Margarete zu den Füßen des alten Mannes gesessen und seinen guten, frommen Worten gelauscht, die zwar mitunter ganz anders klangen, als die seines Lehrers, aber dennoch einen tiefen Eindruck auf sein Gemüt machten. Frau Eva begrüßte ihn mit herzlicher Freude und führte ihn in das Vorderzimmer, wo immer noch, wie vor Jahren, der Alte auf seinem Lehnstuhl am Fenster saß, zeichnend und schneidend. Vor ihm stand eine schlanke, jugendliche Frauengestalt, die dem Eintretenden den Rücken zukehrte. Bei dem freudigen Ausruf des Meisters wendete dieselbe sich schnell um -- Margarete Ebnerin stand Ulrich gegenüber. Eine glühende Röte stieg in ihre Wangen, als sie ihn wiedersah; ihr erstes Gefühl trieb sie, auf ihn zuzueilen und ihm beide Hände zum Gruß zu reichen, aber bei einem Blick in sein ernstes Gesicht, auf seine förmliche Verneigung sanken ihre Arme schlaff herab, und sie wendete sich traurig ab.
Ulrich trat zu dem Alten und begrüßte ihn mit Herzlichkeit; er zog einen Schemel heran und begann lebhaft zu fragen und zu erzählen, ohne auf das Mädchen zu achten. Sie wollte aufstehen und fortgehen, aber sie konnte sich nicht rühren; wie gebannt blieb sie sitzen und betrachtete verstohlen die wohlbekannten Züge des schönen Gesichts, das durch die zunehmende Männlichkeit und das weiche Bärtchen auf der Oberlippe nichts von seinen edlen Linien verloren hatte. Aufmerksam lauschte sie dabei auf jedes seiner Worte.
„Ja, ich bin auch in Rom gewesen,“ erwiderte Ulrich jetzt auf eine Frage des Meisters, „und herrliche Wunder der Kunst haben sich dort meinem staunenden Blick gezeigt. Welche Kirchen! alles strahlt von Glanz und Farben, von allen Wänden grüßen uns die herrlichsten Gemälde, unser Ohr schwelgt in Wohllaut, die Pracht der Gottesdienste nimmt alle Sinne gefangen. Und doch hatte ich zuweilen das Gefühl, als ob in unserm ärmeren und kälteren Deutschland mehr Tiefe und Innigkeit des Glaubens zu finden sei, als in jenem gesegneten Lande voll Glut und Schönheit, wo alles nach außen drängt; als ob an den reichbesetzten Tafeln, wo man dem Auge und dem Ohr die auserlesensten Leckerbissen auftischt, das deutsche Gemüt hungrig und durstig bliebe.“
„Ähnliches habe auch ich empfunden, als ich das Welschland durchwanderte,“ sagte Meister Andreas nachdenklich. „So überreiche Nahrung auch den Sinnen zuteil wird -- in meinem Innersten fing ich an zu darben, und erst, als ich in eine deutsche Kirche trat, ward mir wieder heimisch und wohl zu Mut. Aber auch bei uns liegt vieles im argen, manche Dinge fordern dringend eine Erneuerung, und die Besten schauen sehnsüchtig nach dem aus, der unsre teure Kirche von allen Schlacken reinigen soll. Und der Schwan wird kommen -- sicherlich! doch die hundert Jahre sind noch nicht um, und ich werde es nicht mehr erleben, daß die Weissagung sich erfüllt.“
„Wie meint Ihr das, Vater?“ fragte Ulrich.
„Es sind nun bald siebzig Jahre her,“ erzählte der Alte, „und ich war noch ein Knabe, als ich meine Eltern nach Kostnitz begleitete, wo Kaiser Sigismund ein großes Konzil zusammenberufen hatte, um über Abstellung vieler Schäden in der Kirche zu beraten. So jung ich war, so hat sich jene Zeit meinem Gedächtnis doch unvergeßlich eingeprägt, und über vieles, was damals unverstanden an mein Kinderohr schlug, ist mir später das Verständnis aufgegangen. Wenn wir auf der Straße gingen, wies man uns fortwährend kirchliche und weltliche Würdenträger, denn alles, was Europa an geistlichen und gelehrten Größen, an hohen Staatsmännern besaß, war dort zusammengeströmt. Einen Mann aber gab es unter den fremden Gästen, der aller Augen auf sich zog, ob ihn gleich weder die Tiara, noch der Fürstenmantel schmückte, und er in keinem Palast wohnte. Das war Johann Huß, der furchtlose Böhme, dessen Name seitdem freilich durch falsche Anhänger einen blutigen Ruhm erworben hat, der aber damals nur eine reinere Lehre auf Grund des ewigen Gotteswortes predigte und unter kaiserlichem Geleit nach Kostnitz gekommen war, um seinen Glauben zu verteidigen. Seine schlichte Güte, seine überzeugende Wahrhaftigkeit gewannen ihm die Herzen; wenn er sein Haus verließ, grüßten ihn die Bürger freundlich, und wir Kinder hingen uns an seine Hände und lauschten seiner milden Rede. Mein Vater schloß sich mit Hingebung an Huß an, ließ sich mit seinen Freunden von ihm belehren und pries ihn als einen wahren Christen. Eines Tages aber ging ein Schreckensschrei durch unsere Reihen; man hatte Vater Huß der Ketzerei angeklagt und eingekerkert, -- nicht lange danach ward er zum Feuertode verurteilt. Ehe er seine reine Seele aushauchte, rief er laut aus: ‚Heute braten sie eine Gans, aber über hundert Jahre wird ein Schwan kommen, den werden sie nicht verbrennen! Das Wort blieb der Trost der Unsrigen, darauf hoffen und warten wir geduldig, bis es Gott gefällt, die Zeit zu erfüllen.‘“
Mit gespannter Teilnahme hatte Ulrich zugehört. „Vielleicht, mein Vater, ist der Schwan der Prophezeiung schon erschienen!“ rief er mit leuchtenden Augen. „In Florenz hörte ich einen Dominikaner-Mönch -- etwas Ähnliches habe ich nie vernommen, denn er predigte gewaltig und nicht wie die andern. In tief einschneidenden Worten wies er auf die Gebrechen der Kirche hin und forderte jeden Einzelnen auf, Hand anzulegen, daß sie gebessert würden. Das könne nur durch wahre Herzensbuße und eifriges, einmütiges Gebet geschehen, damit, wie einst in der Urzeit der Kirche, Fluten des Geistes herniederströmten und ein neues Leben schüfen. So erschütternd war Savanarolas Rede, daß keiner in der großen Versammlung ungerührt blieb; Frauen sanken laut schluchzend auf die Kniee, Männer schlugen an ihre Brust und gelobten Reue und Besserung -- -- es war, als sei wieder ein Pfingstmorgen angebrochen, wie damals, als sich dreitausend an einem Tage taufen ließen. Könnte das nicht der Retter sein, dessen Ihr harrt?“
„Gott gebe, daß Ihr recht hättet, teurer Herr!“ sagte der alte Meister inbrünstig. „Und doch hatte ich immer gedacht, der Befreier sollte ein Deutscher sein und zuerst unser liebes deutsches Volk zum reinen Glauben erwecken! Aber wie Gott will -- Er weiß am besten, was seiner Kirche notthut.“
Hingerissen hatte Margarete diesen Reden gelauscht; in diesem Augenblick hatte sie alles vergessen, was sich feindselig zwischen sie und den Jugendfreund gedrängt hatte. „So habt Ihr also doch gefunden, wonach Eure Seele verlangte, Ulrich?“ fragte sie mit der alten Wärme und Teilnahme; „ich fürchtete schon bei Eurer Schilderung von Rom, daß Euch Italien das nicht gehalten hätte, was es Euch versprach.“
Er wendete sich lebhaft zu ihr hin: „Ich habe dort viel gelernt und erfahren, aber ich habe auch eingesehen, daß Ihr recht hattet, Margarete, als Ihr mich vor dem Fluge des Ikarus warntet. Wie oft habe ich mit geknickten Flügeln am Boden gelegen, wenn mir im Widerstreit der Meinungen die reine Wahrheit zu entfliehen schien und ich schier verzweifelte, sie jemals zu erfassen! Dann habe ich an Euch gedacht, liebe Margarete; Ihr schient mir tröstend zuzuwinken und mich zu neuem Suchen zu ermutigen, und wenn ich im Streben und Forschen nicht müde wurde, so habe ich’s Euch zu danken.“
Sie sah ihn beglückt an und senkte dann das errötende Antlitz, wie eine Blume vor dem heißen Sonnenstrahl. „So habt Ihr wirklich meiner gedacht in all den langen Jahren Eurer Abwesenheit?“ flüsterte sie.
„Täglich, Margarete, und bei jeder neuen Erkenntnis, zu der ich hindurchdrang, freute ich mich auf die Zeit, da ich sie Euch würde mitteilen dürfen. Aber habt Ihr die alte Freundschaft auch so treu bewahrt?“
„Gewiß!“ sagte sie fest und sah ihn treuherzig an; „was hätte mir auch das Andenken an die glückliche Kindheit rauben sollen? Bin ich doch viel ärmer geworden, seit Ihr uns verließt, Ulrich, da ich Berthold und Irmgard hingeben mußte.“
Das Eis war plötzlich durchbrochen, unaufhaltsam strömte die Flut dessen, was beider Herzen bewegte, herüber und hinüber. Lächelnd sah Meister Andreas sich gänzlich bei Seite geschoben, aber er war darüber nicht erzürnt, sondern beschäftigte sich eifrig mit seinem Holzstock, um den Erguß nicht zu stören. Erst, als draußen die Turmuhr die vierte Nachmittagsstunde verkündigte, sprang Ulrich auf. „Verzeiht, wenn ich Euch verlassen muß,“ sagte er hastig; „ich vergaß meine dringenden Geschäfte. Darf ich abends bei Euch einsprechen, liebe Margarete?“
„Ihr werdet uns allen herzlich willkommen sein, und ich hoffe Ihr seid zu Nacht unser Gast, wie in alter Zeit. Die Mutter wird sich freuen, Euch zu sehen.“
„Auf Wiedersehen!“ sagte er warm und drückte ihre Hände, die sie jetzt nicht mehr zurückzog. Im innersten Herzen froh und glücklich ging Margarete nach Hause.
Seit langer Zeit hatte man im Ebnerschen Familienkreise keinen so angenehmen Abend verlebt; es war fast, als sei ein lieber Sohn ins Elternhaus zurückgekehrt, so teilnehmend fragte jeder nach Ulrichs Erlebnissen, so bestrebt waren alle, ihm von dem zu berichten, was sich inzwischen zugetragen. Selbst der Hausherr betrachtete den ehemaligen Freund seines Sohnes mit wohlwollendem Blick und hörte seinen Erzählungen mit offenbarem Anteil zu. Nur an Bertholds und Irmgards Schicksal wagte keiner zu rühren, es waren zu wunde Punkte für beide Teile, um sie anders, als unter vier Augen zu besprechen. Dagegen kam die Rede auf die Rotenhahns, und Ulrich sprach seinen tiefen Unwillen dagegen aus, in nahen, verwandtschaftlichen Beziehungen zu einem Manne zu stehen, welcher seine ritterliche Ehre so gering achte und seinen adligen Namen so unheilbar beflecke.
Über Herrn Wilibalds Gesicht flog ein spöttischer Ausdruck. „Mit dieser Ansicht dürftet Ihr unter Euren adligen Genossen sehr allein stehen, Herr von Maltheim; die wenigsten werden an so ritterlichem Gewerbe Anstoß nehmen; nur die ehrliche Arbeit ist in den Augen dieser hochgebornen Herren eine Schmach.“
„Ich kann Euren harten Worten nicht widersprechen, Herr Ratsherr,“ versetzte Ulrich trübe, „unsre Moral ist arg herabgekommen, doch giebt es auch noch Andersdenkende unter uns, und ich vertraue darauf, daß auch für unsern Stand einmal die Erneuerung kommen wird, die so vielem in der Welt dringend notthut.“
„Doch würde ich Euch raten, Euch damit zu beeilen,“ meinte Lorenz Tucher mit seinem überlegenen Lächeln, „sonst möchten Euch die Städter vollends überflügeln. Nach meiner Meinung gehört die Zukunft nicht dem Ritter, sondern dem Bürger.“
Hier suchten die Frauen dem Gespräch mit klugen Worten eine andre Wendung zu geben, denn so weitherzig und vorurteilsfrei Ulrich sich auch zeigte, so mußten solche Reden ihn doch verletzen. --
Mit dunkel umwölkter Stirn kam wenige Tage später Herr Wilibald aus der Ratssitzung nach Hause. „Die Wölfe werden immer unverschämter,“ sagte er zu seiner Gattin, „sie schwärmen schon in Rudeln bis dicht an die Thore der Stadt. Es wird Zeit, sie in ihren Höhlen aufzusuchen und ihre Nester auszuräuchern -- -- wir haben heute den Beschluß gefaßt, dem Bunde die Fehde anzusagen.“
Frau Ursula erschrak. Fehde! das Wort hatte einen bittern Klang. Es bedeutete Mord, Brand und Plünderung, bedeutete das Elend vieler kleinen Leute in den offnen Ortschaften, große Verluste für die Städter, vielleicht eine Zeit der Einschließung. Mutter und Töchter saßen in der Dämmerstunde bei einander und sprachen über diese traurigen Aussichten, als eine Magd meldete, daß eine fremde Frau Jungfer Margarete zu sprechen begehre. Die Gerufene verließ das Zimmer und erkannte mit Erstaunen Frau Eva Fiedlerin, die noch nie zuvor das Haus betreten hatte. „Was führt Euch her, Mutter Eva?“ rief das Mädchen ihr freundlich entgegen, „kann ich Euch in irgend einer Sache helfen?“
„Stille, stille,“ sagte die Alte geheimnisvoll, „nicht hier, bringt mich an einen Ort, wo niemand uns sieht und hört.“
Erstaunt blickte Margarete in das erregte Gesicht der Sprecherin, doch willfahrte sie dem Wunsche und führte sie in ihre eigne Kammer. Frau Eva schloß vorsichtig die Thür, drängte das Mädchen in einen Winkel und flüsterte: „Ich bringe Euch einen Gruß von Eurem Bruder.“
„Von Berthold?“ fragte Margarete betroffen, „wo habt Ihr ihn gesehen?“
Die Alte zog ihr Ohr ganz nahe zu sich herab und hauchte hinein: „Er ist in unserm Hause.“
„Jesus Maria!“ stammelte Margarete, „wie kommt er dahin? er ist doch nicht ....“
„Er ist aus dem Kloster entflohen.“
Das Mädchen sank, wie vom Blitz getroffen, auf den Rand ihrer Bettstelle nieder und bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen. Barmherziger Himmel! welch eine entsetzliche Nachricht! was würden ihre Eltern dazu sagen -- ihr Vater, dem ein gegebenes Wort als unantastbares Heiligtum galt, ihre Mutter, die sich unter tausend Schmerzen den Sohn vom Herzen gerissen hatte, um seine Seele zu retten! Und nun war er wortbrüchig geworden an seinen heiligsten Gelübden, nun irrte er umher als ein gehetzter Flüchtling, von dem sich jeder gute Christ mit Verachtung abwenden mußte! O dies war schrecklicher, als alles andre, denn hiefür gab es keinen Trost und keine Ergebung. Der Schwester war zu Mut, als könnte sie nie wieder ihr Haupt erheben, nie wieder um sich blicken, ohne über des Bruders Thun schamrot zu werden!
„Er klopfte gestern in später Abendstunde an unsre Thür,“ begann Eva wieder, nachdem sie der andern Zeit gelassen, den ersten, tödlichen Schrecken zu überwinden; „ich erkannte ihn zuerst gar nicht, so elend und hager, so vergrämt sieht er aus. Er schwankte noch, ob er sich einem der Seinigen entdecken sollte, aber er ist ganz ohne Mittel, und wir sind nicht reich genug, um ihm allein zu helfen. Wollt Ihr ihn sehen, Jungfer Margarete, oder soll er ohne Euren Beistand sein Heil in der Welt versuchen?“
Lange blieb das Mädchen regungslos in der vorigen Stellung sitzen; endlich erhob sie sich mit festem Entschluß, wenn auch mit totenbleichen Wangen. „Ich will ihn sprechen,“ sagte sie, „er selbst soll mir sagen, warum er uns das gethan hat.“
Sie warf einen dunklen Mantel um und verließ mit zitternden Schritten das Haus; auf der Schwelle des Fiedlerhäuschens blieb sie noch einmal zaudernd stehen, dann raffte sie ihren Mut zusammen und trat ein. Meister Andreas saß allein in seinem Stuhl; er streckte ihr die Hände entgegen und sagte, als er ihr finstres Gesicht, mit den fest zusammengepreßten Lippen sah, im Tone der Bitte: „Scheltet ihn nicht, Margarete, er hat Unsägliches erduldet und könnte Euren Zorn nicht ertragen.“
„Wo ist er?“ fragte sie mit heiserem Ton.
„Oben in der Dachkammer -- es darf niemand ahnen, daß wir einen Gast beherbergen. Eva, schließ die Thür zu und drücke die Fensterläden fester, damit kein Lichtstrahl und kein Schatten auf die Straße falle.“
Diese Vorsichtsmaßregeln erweckten ein Gefühl tiefer Demütigung in Margaretens Seele -- der flüchtige Verbrecher, den sie schützen sollten, war ihr eigner Bruder! „Darf ich zu ihm gehen?“ fragte sie tonlos.
„Die Stiege ist kaum für Eure Füße gemacht, und oben ist kein Aufenthalt für Euch, werte Jungfer; laßt Berthold herabkommen, in der Küche seid Ihr völlig ungestört.“
[Illustration: Armer, armer Berthold!]
Sie wartete in bebender Spannung auf sein Erscheinen; jetzt kamen leise, vorsichtige Schritte die Treppe herab, die Thür ging auf, und auf der Schwelle stand in scheuer Haltung eine Gestalt in zerlumpter Bauerntracht, abgemagert, mit bleichem Antlitz und unsäglich kummervollem Ausdruck. War das wirklich ihr Bruder, ihr lebensfrischer, jugendschöner Berthold? Nichts erinnerte mehr an ihn, als die dunklen Augen, die sich bei ihrem Anblick, ihrer Zurückhaltung, langsam mit großen Thränen füllten.
Ja, er war es doch! das Gefühl, den Gefährten ihrer glücklichen Kindheit so elend und unglücklich vor sich zu sehen, übermannte sie; sie breitete ihre Arme aus und rief schluchzend: „Armer, armer Berthold! so muß ich dich wiederfinden?“
Er eilte auf sie zu, drückte sie einen Augenblick an sich und ließ sie dann auf einen Schemel niedersitzen, während er zwei Schritte davon stehen blieb.
„O, warum bin ich nicht damals an der Pest gestorben!“ sagte er mit dumpfer, klangloser Stimme; „ich wäre unschuldig und ahnungslos dahingegangen, meine Mutter hätte sich längst getröstet und mir eine ungetrübte Erinnerung bewahrt, und ich hätte nicht Schmach und Schande über die Meinen gebracht. Warum muß ich so vor dir stehen, als das unwürdigste Geschöpf, das auf Erden wandelt -- ein entlaufener Mönch?!“
„Armer, armer Berthold!“ wiederholte sie mit überströmenden Augen, „willst du mir alles sagen, was dir widerfahren ist? ich möchte dich und dein Thun gern begreifen lernen. Aber fasse dich kurz, denn bald muß ich fort, um keinen Argwohn zu erregen.“
„O meine Schwester,“ versetzte er, indem er die abgezehrten Hände krampfhaft ineinander preßte, „wie soll ich dir die Qual dieser drei Jahre beschreiben? mich dünkt, es gehörten ebensoviel Wochen dazu, um dir meinen Jammer klar zu machen. Zuerst war es ein ewiges Einerlei, eine eintönige Abwickelung von Gebeten und Übungen, wobei das Herz kalt und tot, der Geist öde und leer blieb. Für jede kleinste Übertretung der Disciplin gab es harte Strafen und schwere Bußen, aber der innere Sinn ward dadurch nicht verändert. Ich konnte die Heiligkeit dieses Lebens nicht verstehen, es erschien mir völlig zwecklos, und als ich mich weigerte, das Novizenkleid mit der Mönchskutte zu vertauschen, als keine Drohung, keine Geißelung mich bewegen konnte, das bindende Gelübde abzulegen, -- da warfen sie mich in einen unterirdischen Kerker ohne Licht und Luft und ließen mich schier verschmachten. Zuweilen kam einer von den frommen Brüdern zu mir und redete mir mit guten und bösen Worten zu, meinen Trotz fahren zu lassen; aber wenn ich sie fragte, worin denn die Gottgefälligkeit des Klosterlebens bestehe, warum man Gott nicht auch in der Welt dienen könne, da doch unser Heiland und seine Apostel in der Welt gelebt hätten, -- da schalten sie heftig auf mich ein und nannten mich einen verstockten Sünder, der zur Hölle fahren müsse. Da befahl ich meine arme Seele Gott und bat ihn, wenn jene recht hätten, mich an dieser Stelle sterben zu lassen, hätten sie aber unrecht, so wolle er selbst mich befreien. Und siehe da, Gott hörte die Bitte des Elenden und ließ mir meine Flucht gelingen.“
„Mein Bruder,“ fragte Margarete schmerzlich, „war es wirklich Gott, der dir half?“
„Ja, gewiß und wahrhaftig; war Er doch der einzige Freund in meiner Not, zu dem ich rief bei Tag und Nacht. Einmal, als ich in bitterer Verzweiflung an den Eisenstäben rüttelte, die das kleine Fenster meines Kerkers verwahrten, fühlte ich, daß die Mauersteine nachgaben. Das war ein Hoffnungsstrahl, und mit eiserner Ausdauer machte ich mich daran, das morsche Gemäuer zu lockern. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, denn ich konnte Tage und Nächte nicht zählen, und oft sank ich bewußtlos nieder vor Hunger und Erschöpfung. Aber endlich wich die Eisenstange unter meinen Händen, mit Mühe zwängte ich meine abgemagerten Glieder durch die enge Öffnung und fand mich im Klostergarten. Durch eine wunderbare Fügung stand das Mauerpförtchen offen; ungesehen kam ich ins freie Feld, und mit Aufbietung meiner letzten Kräfte rannte ich vorwärts, bis ich in einem Heuschober zusammenstürzte. Dort fand mich am nächsten Tage ein mitleidiger Bauer, der mir zu essen gab und mir diese dürftige Kleidung schenkte. Dann bettelte ich mich weiter und stieß, kurz vor der Stadt, auf einen Händler, der Vieh zum Markte trieb; ich bot mich ihm zur Hilfe an und kam unaufgehalten durch das Thor. So kehrte der einzige Sohn des reichen, hochgeachteten Ratsherrn in seine Vaterstadt zurück -- ein zerlumpter Bettler unter einer Herde grunzender Schweine!“
Margarete war zu tief ergriffen, um zu sprechen; „armer, armer Bruder!“ stöhnte sie nur unter ihren Thränen hervor und versank dann in tiefes, schmerzliches Sinnen. Endlich raffte sie sich auf. „Die Zeit drängt, Berthold; sage mir, was du weiter zu thun denkst.“
„Ich habe nur einen Wunsch für mein gescheitertes Leben, den: mich nach dem Norden durchzuschlagen und bei dem Deutschen Orden Aufnahme zu suchen. Auch dort gelten die drei Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams, denen ich, meiner Mutter zu liebe, nicht untreu werden möchte, aber dort bin ich freier, und wenn Gott mein heißes Gebet erhört, so läßt er mich einen ehrlichen Tod für eine gute Sache finden.“
Ein heftiges Pochen an der Hausthür schreckte die Geschwister auf; „rette dich, Berthold!“ rief Margarete, bleich vor Angst, und mit einem Sprunge war er aus der Thür, die Treppe hinaufgehuscht und auf dem finstern Bodenraum verschwunden. Frau Eva fragte von innen, wer da sei. „Ich bin es, Justus,“ war die Antwort, „ist Jungfer Margarete hier? die gestrenge Frau ist in großer Sorge um sie.“ Gewaltsam bezwang sich das Mädchen so weit, um dem Eintretenden mit unbekümmert klingendem Ton entgegenzurufen: „Habe ich mich so verspätet, Just? ich komme gleich“; dann nahm sie mit scheinbar heiteren Worten Abschied von dem alten Paar und trat langsam den Heimweg an.
„Verzeiht, liebe Mutter,“ begann sie, als sie Frau Ursula und Elsbeth allein fand; „ich konnte Frau Evas Bitte nicht widerstehen; die alten Leutchen haben große Sorge um einen Verwandten, der ihre Hilfe begehrt. Er scheint ein leichtsinniger Bursche, aber von guten Gaben zu sein, und wir berieten hin und her, was sich für ihn thun ließe. Das Dringendste wäre, ihn in eine anständige Kleidung zu stecken, denn er ist arg herabgekommen, aber die Mittel der Fiedlers sind beschränkt, und sie möchten ihm ihr Erspartes lieber als Zehrpfennig auf die Reise geben.“
Margarete erschrak selbst über die Sicherheit, mit der sie der geliebten Mutter diese Fabel vortrug, doch sah sie zu ihrer Beruhigung, daß jene völlig ahnungslos und mit warmer Teilnahme darauf einging. Oben in der Kammer hingen noch Kleider von Berthold, die wollte sie zu Meister Andreas schicken; hier fräßen sie doch nur die Motten, und dort könnten sie noch einem Unglücklichen helfen.
In der Stille einer langen, schlaflosen Nacht überlegte Margarete, was sie für den Bruder thun könne, und wie ein Blitzstrahl durchzuckte sie plötzlich der Gedanke an Ulrich. Er war der einzige, dem sie sich vertrauen wollte, er würde einen Weg wissen, auf dem Berthold nach dem Norden gelangen könnte. Sobald es, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, geschehen konnte, eilte sie am nächsten Morgen in das Hundsgäßlein, sendete von dort eine Botschaft nach Maltheim und übergab Berthold das Päckchen mit seinen eignen Kleidern. Er bewegte sich freier und natürlicher in der von früherher gewohnten Tracht und war auch für sie mehr der Alte; sie konnte vertraulicher mit ihm reden und ihn ansehen, ohne über die furchtbaren Veränderungen der letzten Jahre zu erschrecken.
Am folgenden Tage kam Ulrich, den das Schicksal seines Freundes mit brennender Teilnahme erfüllte, und der zu jeder Hilfe bereit war. Er riet, Berthold möge so schnell als möglich die Stadt verlassen; er selbst wolle ihn unter seinen Knappen nach Maltheim mitnehmen; dort könne er in leidlicher Sicherheit verweilen, bis alles zu seiner Reise vorbereitet sei. Einer derer von Maltheim war Komtur auf einer preußischen Ordens-Ballei; dorthin müsse Berthold sich wenden und ein Unterkommen suchen; an Empfehlungen solle es ihm nicht fehlen.
Berthold hatte dem allen zugehört, ohne etwas einzuwenden, nur einmal erhob er seine Stimme und fragte mit schmerzlichem Beben: „Nach Maltheim? muß es sein? muß ich so vor Irmgard erscheinen?“
„Du wirst sie nicht mehr auf der Burg finden,“ war die Antwort, die in trübem Ton gegeben wurde.
„Wie, ist sie verheiratet, oder -- -- barmherziger Himmel -- ist sie tot?“
„Nein, sie ist ins Kloster gegangen.“
Berthold fuhr mit der Hand nach der Stirn. „Ins Kloster? träume ich? der weiße Edelfalke trauert auch zwischen den mitleidlosen Mauern? wer war so grausam, ihn dort einzusperren?“
Die Erzählung ihres Geschickes bewegte ihn tief, „wenn sie dort ausharren kann, hätte ich es auch wohl vermocht!“ murmelte er, „aber sie war immer stärker, mutiger, größer, als ich! Arme, weiße Rose, wie welk magst du jetzt dein liebes Köpfchen hängen lassen!“ Er war nun mit allem, was Ulrich vorschlug, dankbar einverstanden, und so schien die schwierige Angelegenheit sich in hoffnungsvoller Weise zu ordnen. Unter Schmerzen und Thränen nahm Margarete von dem Bruder Abschied und befahl ihn dem Schutze des Himmels und der Fürsorge des treuen Freundes, der gerade zu rechter Zeit heimgekehrt war, um ihr in den bängsten Stunden ihres Lebens beizustehen.
Noch eine Zeit namenloser Aufregung galt es durchzumachen, als die Nachricht von Bertholds Flucht aus dem Kloster Herrn Wilibald Ebner erreichte. Die Kunde warf Frau Ursula aufs Krankenbett und beugte die stolze Haltung des Ratsherrn für viele Tage. Dann zeigte er seinem ganzen Hause an, daß sein Sohn für ihn tot sei und niemand seinen Namen nennen dürfe, und ging wieder aufrechten Hauptes in sein Kontor.
Margarete that, was sie konnte, um ihre Mutter zu trösten; daß sie um Bertholds Entweichen wisse, durfte sie ihr freilich nicht verraten, aber sie suchte dasselbe im mildesten Lichte darzustellen. Doch wenn Frau Ursula in einem Augenblick eine gewisse Erleichterung in dem Gedanken fand, daß ihr geliebter Sohn nicht mehr unter einem unerträglichen Druck leide, so überfiel sie im nächsten die Todesangst um seine gefährdete Seele und die bittere Sorge um sein augenblickliches Ergehen. Es war für Margarete eine schwere Aufgabe, ihre Fassung gegenüber diesem Jammer der geliebten Mutter zu bewahren und sich doch nichts von dem merken zu lassen, was sie wußte. Mit unsäglicher Spannung wartete sie auf die Nachricht von Bertholds glücklich erfolgter Abreise, die Ulrich ihr sogleich zu bringen verheißen hatte.
[Illustration]
Fünfzehntes Kapitel.
Fehde.
Heiß entbrennet der Streit: „hie Wölfe!“ ertönt’s und „hie Nürnberg!“ Und mit Begierde des Kampfs füllt sich des Bürgers Gemüt.
Die Fehde-Erklärung der Nürnberger an den Bund der Wölfe versetzte Stadt und Land in angespannte Thätigkeit, galt es doch, sich für den kommenden Streit zu rüsten und möglichst viele Bundesgenossen zu werben. Nach allen Seiten flogen berittene Boten aus, um die benachbarten Edlen zum Zuzug aufzufordern; andere ritten auf die Dörfer, welche zum Gebiet der Stadt gehörten, und sagten den Bauern an, sich und ihre Habe in Sicherheit zu bringen. Man stellte ihnen anheim, nach der Stadt selbst oder nach den festen Häusern zu fliehen, welche in deren Besitz standen und durch starke Besatzungen geschützt wurden. An allen Orten war man geschäftig, die Verteidigung der Stadt zu sichern; die Landwehr, d. h. der Wall und Graben um die Stadtmark, wurde durch Schranken von Bohlen verstärkt; über die Landstraßen wurden Schlagbäume gelegt, neben welchen ein starker Posten zur Bedeckung lag. Die Mauertürme wurden mit Geschützen und Wachen versehen; mehrere Türmer wechselten sich beständig ab, um jedes Zeichen des herannahenden Feindes durch Blasen oder ein ausgehängtes Signal kundzuthun. Jeder Bürger mußte sich selbst, oder einen Stellvertreter zum Kriegsdienst stellen; die verschiedenen Innungen traten zu geschlossenen Abteilungen zusammen: die einen gehörten zum Fußvolk und wurden aus der Kriegskammer des Rathauses mit Spieß, Hellebarde und Faustrohr bewaffnet, während die reicheren zu Pferde dienten und sich selbst ausrüsteten; andre wurden zur Bedienung der Geschütze bestimmt, welche der Stolz der Stadt waren und fast wie lebende Wesen betrachtet wurden. Sorgfältig wurde jede Abteilung gemustert und eingeübt von den Hauptleuten und Viertelsmeistern, entweder ritterlichen Männern, die im Solde der Stadt standen, oder tüchtigen Handwerkern, die sich schon früher Kenntnisse im Kriegswesen erworben hatten. Die ganze sonst so friedliche Stadt glich plötzlich einem Heerlager; alle gewöhnliche Thätigkeit schwieg, aller Gedanken waren nur auf Kampf und Verteidigung gerichtet.
Aber auch die Wölfe waren nicht müßig geblieben, auch sie hatten Genossen geworben und viele Ritter, die nicht zu ihrem Bunde gehörten, aber irgend eine Klage oder einen Groll gegen die Stadt hatten, sowie eine Menge von Bauern und Söldnern auf ihre Seite gezogen. Vergebens jedoch hatte Junker Veit seine ganze Beredsamkeit aufgeboten, um Ulrich von Maltheim für sich zu gewinnen; derselbe hatte mit der größten Festigkeit erklärt, daß er mit den Wölfen nichts zu schaffen haben, sondern völlig neutral bleiben wolle. Das ward ihm von beiden Teilen arg verdacht, denn jeder schätzte nur die, welche sich ihm zu thatkräftiger Hilfe verpflichteten.
Herr Wilibald Ebner war durch diese Vorbereitungen völlig in Anspruch genommen, und es war ihm lieb, daß die öffentlichen Angelegenheiten seine ganze Kraft erforderten und ihm keine Zeit ließen, an den Kummer in seinem Hause zu denken. Dennoch sah er ein, daß Frau Ursula zu leidend sei, um die Aufregungen einer solchen Zeit mitzuerleben; er beschloß daher, seine Familie fortzuschicken, wozu er die Erlaubnis des Rates durch eine hohe Summe erkaufen mußte. Seine Frau besaß Verwandte in Bamberg; dorthin wollte er sie und die Töchter senden, Lorenz Tucher sollte ihr Begleiter sein. Ursula fügte sich schweigend dem Befehl ihres Gatten, sie fühlte sich zu krank zum Widerspruch; Margarete aber suchte den Vater in seinem Schreibzimmer auf, wo sie ihn allein fand.
„Lieber, teurer Vater,“ begann sie schüchtern, „wollt Ihr Eurer Tochter eine Bitte gestatten?“
„Was soll’s, mein Kind?“ fragte er müde; „du wirst in diesem Augenblick nicht an Kleinigkeiten denken.“
„Nein, es ist etwas Großes, das ich erbitte -- -- laßt mich bei Euch bleiben, Vater! Die Mutter hat Elsbeth und Lorenz, Ihr aber habt sonst niemand, der Euch einmal die Falten von der Stirn streicht, oder mit dem Ihr ein herzliches Wort sprechen könnt.“
„Meine gute Tochter,“ sagte er gerührt und zog sie an sich, „hast du auch bedacht, was es heißt, bei mir zu bleiben? Nicht, daß ich wirkliche Gefahr für dich fürchtete, aber eine Fülle von Unbehagen und Einsamkeit -- und welchen Ersatz könnte ich dir dafür bieten, ich, ein geschlagener Mann, ein entlaubter Baum, dem von unheilbarer Wunde das Mark verdorrt?“
Nie zuvor hatte Margarete einen so tiefen Blick in das verschlossene Innere ihres Vaters gethan, aber dieser eine genügte auch, um alle Zärtlichkeit und Hingebung ihres Herzens für ihn wach zu rufen; sie schlang die Arme um seinen Hals, lehnte ihren Kopf an seine Brust und sagte mit tiefer Innigkeit: „Mein Vater, ich kann dir das nicht ersetzen, was du verloren hast; ich kann dir nur mein ganzes Leben weihen. Stoße mich nicht zurück -- laß mich bei dir bleiben!“
„So bleibe,“ sagte er warm und küßte sie auf die Stirn. „Aber jetzt laß mich allein, denn ich habe wichtige Dinge zu bedenken.“ --
Drei Tage vor dem Beginn der Feindseligkeiten -- man pflegte die vereinbarten Fristen auf beiden Seiten gewissenhaft einzuhalten -- verließ der Reisewagen des Ratsherrn die Stadt. Unter dem schützenden Verdeck hatte man Frau Ursula in Kissen und Decken weich gebettet, Elsbeth saß neben ihr, während Lorenz Tucher, als Befehlshaber über einen Trupp reisiger Knechte, wohlbewaffnet daneben ritt. Herr Wilibald gab den Reisenden das Geleit bis zur Grenzmark der Stadt, schärfte Lorenz noch die größte Vorsicht ein und nahm dann von den Seinen Abschied. Langsam bewegte der Zug sich vorwärts und erreichte wohlbehalten den Annenhof, wo man rastete, um am nächsten Morgen die Reise fortzusetzen. Lorenz lugte beständig nach rechts und links, nach hinten und vorn aus, doch war die Straße leer; nur ein einzelner Reiter, mit einem Knechte hinter sich, zog in gemessener Entfernung desselben Weges. Elsbeth fand die langsame Fahrt sehr langweilig und bat Lorenz, ein wenig zu Fuß gehen zu dürfen; doch lehnte er dies ab, bot ihr aber an, sie für eine Weile vor sich aufs Pferd zu nehmen. Das lies sie sich gern gefallen und plauderte recht munter mit ihrem Begleiter, den ihre kindliche Harmlosigkeit und Heiterkeit stets belustigte, nur vergaß er darüber, auf den Wagen zu achten; derselbe flog plötzlich hoch in die Höhe, weil er auf einen mächtigen Stein gestoßen war, -- im nächsten Augenblick gab es einen Krach, und das schwerfällige Gefährt senkte sich langsam auf die Seite.
Der Unfall brachte unter den Begleitern eine große Verwirrung hervor; sie sprangen von den Pferden, einige hoben Frau Ursula heraus und legten sie am Rande des Weges sorgsam nieder, andre richteten den Wagen auf, um den geschehenen Schaden zu untersuchen. In diesem Augenblick brach aus dem nahen Gehölz ein bewaffneter Haufe hervor und stürzte sich auf die reiterlosen Pferde, um sich ihrer zu bemächtigen. Das Unerwartete ihres Erscheinens verblüffte die überraschten Knechte so sehr, daß sie völlig den Kopf verloren, um so mehr, als Elsbeth sich jammernd und schreiend an Lorenz klammerte und ihn an jeder Bewegung hinderte. Doch jetzt flog wie ein Sturmwind der vorhin bemerkte Reiter mit seinem Knappen heran; mit hoch geschwungenem Schwert drang er auf die Räuber ein, seine lauten, bestimmten Kommandoworte fanden williges Gehör, die Reisigen sammelten sich um ihn, und in wenigen Minuten war der räuberische Haufe in wilder Flucht zerstoben.
Der Reiter stieg vom Pferde, zog den großen Hut tiefer ins Gesicht und kniete neben Frau Ursula nieder, die totenbleich, mit geschlossenen Augen auf ihren Kissen lag. „Ist Euch ein Leid geschehen, ehrsame Frau?“ fragte er in gedämpftem Ton.
„Nein, mich hat niemand berührt, dank Eurer kräftigen Hilfe,“ erwiderte sie mit matter Stimme. „Wollt Ihr mir Euren Namen nennen, werter Herr, damit ich weiß, für wen ich beten darf?“
„Ich bin ein namenloser Abenteurer, der alles hinter sich lassen muß, was ihm jemals lieb und teuer war, um in der Fremde sein Glück -- oder den Tod -- zu suchen. Wollt Ihr mir Euren Segen zu meiner Irrfahrt geben, gestrenge Frau?“
Sie hob die Hände auf und berührte leise sein tief gesenktes Haupt. „Gott segne Euch, mein tapferer Ritter, und die heilige Jungfrau vergelte Euch, was Ihr an uns gethan gehabt.“
„Habt Dank, werte Frau!“ sagt er, und seine Stimme klang, wie von Thränen verschleiert, „Euer Segen wird mir ein Talisman in allen Fährlichkeiten sein. Betet für mich, denn ich weiß nicht, ob meine Mutter es nicht verschmäht, für ihren unwürdigen Sohn zu beten.“
Er hob das Haupt empor und sah sie an, ihre Augen trafen sich. „Berthold!“ rief sie mit einem Ausdruck, der zwischen namenlosem Schrecken und grenzenloser Freude schwankte -- ihr schwanden die Sinne. Er riß sie an seine Brust und küßte ihr Antlitz mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit, dann ließ er die bewußtlose Gestalt sanft zurücksinken. Als Elsbeth zu ihrer Mutter trat, schwang er sich eben aufs Pferd, schwenkte noch einmal seinen Hut und jagte davon; als Frau Ursula wieder zu sich kam und angstvoll suchend umherblickte, da zeigte nur noch ein fernes Staubwölkchen die Richtung an, in der er verschwunden war. --
Margarete hatte nicht viel Muße, ihre Einsamkeit zu empfinden, denn die ernste Zeit nahm nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen in Anspruch. Die unter den Waffen stehenden ärmeren Leute, sowie die geworbenen Söldner wurden auf Kosten der Stadt gespeist; man hatte große Küchen errichtet, die von kundigen Frauen bedient und von Höherstehenden beaufsichtigt wurden. Frau Magdalene Krafftin hatte an bestimmten Tagen die Ratsküche unter ihrer Obhut, und Margarete stand ihr treulich bei. Der Haushalt erforderte manche Arbeit; auch waren viele Frauen und Kinder in Nürnberg, die jetzt, da aller Verdienst stockte, ohne den Beistand der Reicheren in bittere Not geraten wären, und für sie gab es fortwährend zu denken und zu sorgen. Kam Herr Ebner vom Rathause zurück, wo er einen großen Teil des Tages in wichtigen Geschäften zubrachte, so fand er sein Töchterlein stets seiner harrend, immer voll Teilnahme an allem, was vorging, immer bereit, ihn mit freundlichen Worten zu erheitern und für sein leibliches Wohl zu sorgen.
Margarete saß in der Fensternische, welche durch dunkle, tief herabfallende Vorhänge von dem eigentlichen Wohnraum abgeschlossen war; durch die gefärbten Scheiben drang nur noch ein dämmeriges Licht. Die Arbeit war ihr entfallen, die Hände ruhten müßig im Schoß, ihre Gedanken flogen träumend umher. Drei Gestalten zogen an ihrem inneren Blick vorüber: Berthold, Lorenz und Ulrich, alle drei ihr lieb und vertraut, und doch so unendlich voneinander verschieden. Wie hatte sie den frischen, fröhlichen Bruder geliebt, mit einer Liebe, die zu jedem Opfer fähig gewesen wäre! Seine Flucht aus dem Kloster hatte ihr Vertrauen zu ihm gewaltig erschüttert, und selbst das tiefe Mitleid, das sie für ihn empfand, konnte sie nicht darüber täuschen, daß ihm die Kraft gefehlt habe, das, was er auf sich genommen, auch durchzuführen. Lorenz, mit seinem klaren Verstand, seinem tüchtigen Charakter, hatte sich bald ihre volle Achtung erworben, und sie mußte sich sagen, daß er viel mehr ein Sohn nach dem Herzen ihres Vaters gewesen wäre, als Berthold mit seinen hochfliegenden Plänen; aber all seine Anschauungen waren nüchtern und praktisch, für die Fragen und Gedanken, die ihre Seele oft bewegten, hatte er nur ein ironisches Lächeln, ein mitleidiges Achselzucken. Wie anders dagegen Ulrich mit seinem rastlosen Streben nach Wahrheit und Erkenntnis, mit dem energischen Willen und dem sanften, liebevollen Herzen! Ja, er entsprach von den Dreien am meisten dem Bilde eines echten, ganzen Mannes.
Die Träumerin fuhr plötzlich mit einem Schrei empor, denn durch die Vorhänge blickte ein männliches Antlitz sie an, während sie den nahenden Tritt völlig überhört hatte. „Ulrich -- um Gotteswillen, wie kommt Ihr hierher?“
„Ich komme, um Euch die versprochene Nachricht von Berthold zu bringen, Margarete; habt Ihr mich nicht erwartet?“
„Aber wie kommt Ihr in die Stadt, da doch keiner hereingelassen wird, der nicht zu den Unsrigen gehört?“
„Hans Fiedler hatte die Wache am Spittlerthor, der hat mich eingelassen.“
„Um Jesu willen! Ulrich -- wenn Euch jemand hier fände, es könnte Euch teuer zu stehen kommen!“
„Seid ohne Sorge, liebe Margarete, ich komme ebenso sicher hinaus, wie ich hereinkam. Aber seid Ihr nicht gespannt, etwas von Berthold zu hören?“
„Ist er in Sicherheit? Gott sei Dank -- und innigen Dank Euch für Eure Hilfe! Aber kommt, kommt, Ulrich, mein Vater darf Euch hier nicht finden, Ihr müßt Euch verbergen, -- o kommt, ich vergehe vor Angst.“
Sie zog ihn durch eine schmale Seitenthür in einen finstern Gang, stieß dann eine andre Thür auf und schob ihn in einen düsteren Raum. „Bleibt hier, ich bitte Euch, und wartet meiner, ich komme zurück, sobald ich kann.“ Ehe er sich’s versah, war sie fort und hatte den Schlüssel abgezogen.
Zitternd vor Aufregung kehrte das Mädchen in das Wohngemach zurück, zündete die Lampe an und deckte den Tisch zum Abendessen, das Herr Wilibald jetzt allein, ohne die übrigen Hausgenossen, einzunehmen liebte. Wie sollte sie nur Ulrich ungesehen fortschaffen? sie konnte ja dem Vater nicht einmal erklären, zu welchem Zwecke er gekommen sei, denn sie wagte es nicht, sein strenges Verbot zu übertreten, das selbst Bertholds Namen verpönte. Endlos kam ihr heute die Stunde der Mahlzeit vor, welche ihr sonst so traulich erschien; heute that sie nichts, um Herrn Wilibald zu fesseln, sondern atmete erleichtert auf, als sich endlich die Thür hinter ihm schloß. Eine Weile lauschte sie noch auf den verhallenden Tritt, dann ergriff sie die Lampe und eilte in das Zimmerchen, wohin sie Ulrich gebracht hatte.
„Gott sei Dank, er ist fort!“ sagte sie, „nun könnt Ihr unbemerkt das Haus verlassen. Eilt, Ulrich, ich werde nicht eher ruhig sein, als bis ich Euch in Sicherheit weiß.“
„Mit dem Eilen ist’s nun vorbei,“ erwiderte er mit einem eigentümlichen Lächeln; „während Ihr mich hier gefangen hieltet, ist die Stunde verflossen, in der Hans am Thor die Wache hatte. Ihr müßt Eure Gastfreundschaft schon bis morgen früh ausdehnen, sonst könnte man mich leicht für einen Spion ansehen und am nächsten Pfosten aufknüpfen.“
„Gerechter Gott!“ rief sie entsetzt, „und das sagt Ihr so kaltblütig? Jesus Maria, was habe ich gethan, in welche Lage hat meine Thorheit Euch gebracht -- und ich wollte doch nur das Beste! O Ulrich, ist das mein Dank für alles, was Ihr an Berthold gethan habt?!“ Sie setzte sich nieder und brach in bittere Thränen aus.
„Beruhigt Euch, liebe, holde Margarete,“ sagte er sanft und tröstend, „es wird so schlimm nicht werden. Laßt uns auf Gott und mein gutes Glück vertrauen! Und da Ihr mich nun doch nicht loswerden könnt, so trocknet Eure Thränen und laßt uns miteinander reden, wie es guten, alten Freunden geziemt.“
Seine Ruhe wirkte besänftigend auf ihre erregten Gefühle; sie erinnerte sich ihrer hausmütterlichen Pflichten, brachte ihm mit eigner Hand -- denn sie mochte niemand von der Dienerschaft ins Vertrauen ziehen -- Speise und Trank, ließ sich dann alle Einzelheiten von Bertholds Ergehen berichten und gab ihrer Anerkennung für Ulrichs thätige Hilfe lebhafte und herzliche Worte.
Später brachte sie ihm einige Kissen und Decken. „Ihr müßt Euch für die Nacht hier einrichten, so gut es geht,“ flüsterte sie, „ich kann Euch in kein anderes Zimmer führen. Schlaft wohl, Ulrich, morgen früh komme ich wieder zu Euch. Hier ist der Schlüssel, schließt Eure Thür fest zu.“
Als sie aber am nächsten Morgen an die Thür klopfte, blieb alles still: das Zimmer war leer, und der gefangene Vogel schon vor ihr ausgeflogen. Sie faltete die Hände und sendete ihm ein inbrünstiges Stoßgebet nach.
Der Vormittag verging Margareten in fieberhafter Erregung, bei jedem Schritt, jedem Geräusch fuhr sie zusammen, als bedeute es etwas Schreckliches. Sie war gerade auf dem Vorsaal beschäftigt, als sie auf der Straße lautes Geschrei und das Stampfen vieler Füße hörte. Das war in dieser Zeit nichts Seltenes, man brachte oft Gefangene ein, oder Söldner, welche sich irgendwie gegen die strengen Kriegsregeln vergangen hatten. Sonst sah sie kaum danach, heute aber eilte sie ans Fenster und musterte angstvoll den Zug gewaffneter Knechte, welcher von einer Menge johlender Buben begleitet wurde. In der Mitte gingen zwei Männer, denen man die Hände auf den Rücken gebunden hatte; der eine schleppte sich widerwillig weiter und bekam zuweilen einen Stoß mit der Hellebarde, um ihn im Gange zu erhalten, der andre schritt ruhig, in aufrechter Haltung, dahin, den Hut tief in die Stirn gedrückt. Margarete riß das Fenster auf und streckte die Hände nach ihm aus: „Ulrich, Ulrich!“ rief sie in schneidendem Weh. Ihre Stimme verklang in der Unruhe da unten, und zu rechter Zeit kam noch das Gefühl des Schicklichen über sie; sie flog vom Fenster zurück, ehe ihr Benehmen Aufmerksamkeit erregt hatte, und verbarg verzweiflungsvoll ihr Gesicht in den Händen.
„Gott im Himmel, was habe ich gethan!“ stöhnte sie. „Ich, ich allein trage die Schuld an dieser Schmach! Was wird er sagen? was werden sie ihm anthun? was wird seine Mutter anfangen, wenn er nicht zurückkehrt? was soll ich thun, um ihn zu befreien?“ Sie wäre am liebsten aufs Rathaus geeilt, hätte ihren Vater dort aufgesucht und ihm alles gebeichtet, -- aber sie fühlte wohl, daß das unmöglich sei, daß es sich für ein Mädchen nicht zieme, sich unter die vielen Männer zu begeben und alle Blicke auf sich zu ziehen.
Sie mußte also warten, und peinliche, angstvolle Stunden waren es, die sie zubrachte. Endlich, endlich kam ihr Vater zu ihr, um sich, wie er pflegte, eine kurze Weile in ihrer Gesellschaft zu erholen. Sie eilte ihm entgegen. „Was habt Ihr mit ihm gemacht, Vater? Ihr könnt nicht glauben, daß er eine strafbare Absicht gehabt hat -- ich bürge für ihn, daß er nichts Böses gegen die Stadt im Schilde führte!“
Herr Wilibald sah sie erstaunt an. „Von wem sprichst du, mein Kind?“
„Von Ulrich von Maltheim -- o Vater, entlaßt ihn schleunigst aus seiner Haft, damit sich seine Mutter nicht in Angst um ihn verzehre -- es ist schlimm genug, daß er wie ein Verbrecher über die Straße geführt wurde -- er, ein untadeliger Edelmann!“
„Und woher weißt du so genau, was der Junker von Maltheim für Absichten hatte, als er sich heimlich in die Stadt schlich?“
„Ich habe ihn gesprochen und weiß, weshalb er kam.“
„Du, Margarete? -- -- wann und wo sprachst du ihn?“
„Gestern Abend an dieser Stelle.“
„Wie? meine Tochter sagt mir ohne Erröten, daß sie einem fremden Manne ein Stelldichein bewilligt habe? Also darum bist du in der Stadt geblieben, nicht um deinem Vater eine schwere Zeit zu erleichtern, sondern um in der Nähe dieses jungen Fants zu bleiben? -- Soll ich alle meine Kinder so verlieren?“
Margarete richtete sich hoch empor und sah dem erregten Manne fest und furchtlos ins Antlitz. „Mein Vater,“ sagte sie mit edlem Stolze, „wann hat deine Tochter dir je das Recht gegeben, so unwürdig von ihr zu denken? Nicht um meinetwillen kam Ulrich von Maltheim her, sondern um deines Sohnes willen: er brachte mir Kunde von Berthold.“
„Schweig!“ rief ihr der Ratsherr heftig zu und wendete sich von ihr; „du weißt, daß dieser Name nicht vor meinem Ohr genannt werden darf!“
„O mein Vater,“ versetzte sie mit sanfter Würde, -- und mit einem Schlage war alle Aufregung von ihr gewichen -- „wie schwer sich auch Berthold vergangen haben mag, so hört er doch nimmer auf, dein Sohn zu sein, und wie bitter du ihm auch zürnen magst, in deinem innersten Herzen spricht doch eine Stimme für ihn. Wenn es ihm gelingt, auf einem andern Boden ein neues, würdiges Leben zu beginnen, so danken wir es dem thatkräftigen Eingreifen Ulrichs von Maltheim, der als ein treuer Freund an ihm gehandelt hat. War es auch tollkühn von ihm, sich in die Stadt zu wagen, um sein Versprechen zu erfüllen, so braucht er sich seines Thuns doch wahrlich nicht zu schämen, und schlecht stünde es uns an, ihn für solche That unter falschem Verdachte leiden zu lassen.“
Herr Ebner durchmaß das Zimmer mit hastigen Schritten, er kämpfte einen schweren Kampf mit sich selbst. Dann warf er sich in einen Lehnstuhl, stützte das Haupt in die Hand und sagte mit unsicherer Stimme: „Ich will alles wissen, berichte mir genau jedes Wort.“ Er hörte mit gespannter Aufmerksamkeit auf ihre Erzählung, dann versank er in ein tiefes Schweigen. Endlich stand er auf und sagte in strengem Ton: „Du hast unrecht gethan, als du mir Bertholds Erscheinen in Nürnberg verheimlichtest, denn ich hatte das erste Recht darauf, die Verirrungen meines Sohnes zu erfahren, ja, ich hätte ihn damals noch zu seiner Pflicht zurückführen können. Was den Junker von Maltheim betrifft, so werde ich für ihn Bürgschaft leisten und ihn, statt im Ratsgefängnis, in meinem Hause in Gewahrsam nehmen. Du wirst für ihn sorgen, darfst ihn aber weder sehen, noch sprechen. Ich erwarte unbedingten Gehorsam und würde jeden Versuch, diese Vorschrift zu übertreten, streng bestrafen. Setze das kleine Zimmer neben meiner Schreibstube in Bereitschaft und bleibe in deiner Kammer, bis ich dich rufe.“
Er ging hinaus und ließ Margarete in einem Widerstreit von Empfindungen zurück. Sie sah ein, daß ihr Vater über ihren Anteil an Bertholds Flucht ernstlich erzürnt war, und fühlte doch, daß ihm die Gewißheit, der Sohn sei vor jeder Verfolgung sicher, eine Herzenserleichterung gewähre; sie freute sich, daß sie Ulrich von falschem Verdacht gereinigt und vor unwürdiger Behandlung bewahrt habe, und war doch tief bekümmert, daß er bis zum Ende der Fehde ein Gefangener bleiben müsse. Es tröstete sie ein wenig, daß sie selbst für ihn sorgen durfte, und sie richtete das kleine Zimmer so traulich ein, wie sie nur konnte; sie legte ihm ihre eignen Bücher hin -- es waren freilich nur wenige --, auch Schreibmaterial, damit ihm die Zeit nicht zu lang würde, und da sie keine Blumen hatte, steckte sie wenigstens große Zweige duftiger Walnußblätter rings umher, welche die kahlen Wände freundlich verhüllten. Das Gemach ging auf den Hof hinaus, doch war das kleine vergitterte Fenster so hoch angebracht, daß der Insasse nur die grüne Krone des Nußbaums sehen, aber mit seinem Blick nicht den Boden erreichen konnte.
Gern saß Margarete mit ihrer Arbeit unter dem lieben, alten Baum, und plötzlich kam ihr ein Gedanke: sehen und sprechen hatte der Vater verboten, aber +singen+ nicht; so erhob sie denn eines Tages ihre Stimme und begann, erst leise und schüchtern, dann immer zuversichtlicher, also zu singen:
„Vöglein im Käfig sitzet alleine, Blicket so trübe ins wogende Grün, Schaut auf des Himmels eilende Wolken, Möchte mit ihnen von hinnen fliehn.
Vöglein, gedulde dich noch ein Weilchen, Bald schon erschließt sich des Kerkers Thor, Und mit des Friedens holdem Geläute Schwebst du zum Licht und zur Freiheit empor!“
Sie lauschte eine Weile mit klopfendem Herzen, dann vernahm sie gedämpfte Töne, die ihr also antworteten:
„Jungfrau, die holde, stehet am Gitter, Grüßt den Gefangnen mit tröstendem Wort, Scheucht von der Stirne mit freundlichem Finger Leise des Unmuts Geister ihm fort.
Siehe, da teilt sich düstres Gewölke, Leuchtende Sterne winken ihm zu. Dank dir, o Mägdlein! Stürme der Seele Sang deine schmeichelnde Stimme zur Ruh!“
So hatte Margarete einen Weg gefunden, um mit Ulrich zu verkehren, ohne das strenge Verbot des Vaters zu übertreten. So oft ihre Pflichten es erlaubten, saß sie unter dem Baum, und auf Flügeln des Gesanges tauschten beide ihre Herzen aus. Freilich achtete sie sorgsam darauf, daß Herr Wilibald niemals Zeuge dieses poetischen Zwiegespräches wurde, denn sie hatte ein leises Gefühl, daß es seinem nüchternen Sinne allzu romantisch erscheinen würde.
[Illustration]
Sechzehntes Kapitel.
Kampf und Frieden.
Nicht mehr trotzet der Freche; ihn traf der Arm des Gesetzes. Aber Unwürdige selbst adelt der nahende Tod.
Schon einige Wochen lang währte die Fehde, und kein Tag verging, an dem nicht lodernder Feuerschein am Himmel gezeigt hätte, daß hier und dort eine Scheune oder ein Wohnhaus in Flammen aufginge und arme, vielgeplagte Menschen ihrer dürftigen Habe oder ihres armseligen Obdachs beraubt würden. Noch war kein entscheidender Schlag gefallen, und die Wölfe drängte es auch gar nicht, ihre Streitkräfte der überlegenen, städtischen Heeresmacht gegenüberzustellen, vielmehr ging ihr ganzes Streben nur dahin, durch fortgesetzte Plänkeleien die Kräfte des Gegners zu ermüden und zu zersplittern. Für die raublustigen Ritter mit ihrem besitzlosen Anhang war dieser Zustand gerade erwünscht; sie fanden dabei Beute genug und ließen sich die Gelegenheit zu Kampf und Aufregung wohl gefallen.
Ganz anders lagen die städtischen Interessen. Im ersten Augenblick war der kriegerische Geist der Bürgerschaft auch nicht zu verachten; nicht nur der große und kleine Rat, in welchem die Häupter des Stadtadels Sitz und Stimme hatten, sondern auch die Versammlung der „Genannten“, d. h. die Erwählten der Zünfte und kleinen Handelsleute, welche man nur bei ganz besonderer Gelegenheit zur Mitberatung einberief, waren fast einstimmig für die Aufnahme des Kampfes gewesen, denn jeder einzelne brannte in seinem reichsstädtischen Selbstbewußtsein darauf, die adligen Widersacher zu züchtigen und unschädlich zu machen. Mit jedem Tage aber wurden die Opfer, die alle bringen mußten, fühlbarer und drückender; Handel und Wandel stockten, der Verdienst blieb aus, die Lebensmittel wurden täglich teurer. Da ließen sich denn bald unzufriedene Stimmen hören, der Dienst mit den Waffen wurde widerwilliger geleistet, Auflehnungen gegen die strenge Mannszucht kamen häufiger vor. Schon mehrmals hatten die Väter der Stadt lange Beratungen darüber gepflogen, wie der Fehde ein Ende zu machen sei; auch heute hatten sie sich im Ratssaale vereinigt und erwogen in Rede und Gegenrede die Wege, um den ersehnten Frieden herbeizuführen.
„Ich meine, wir müssen den Wölfen ernstlich auf den Leib rücken und sie in ihren Höhlen überfallen,“ sagte Herr Hennerle von Steifen, ein adliger Mann, der früher selbst der Stadt manchen Schaden zugefügt hatte, dann aber in ihren Dienst und Sold getreten und nun einer ihrer obersten Hauptleute war.
„Das ist von Anbeginn meine Meinung gewesen,“ versetzte Herr Wilibald Ebner. „Wozu haben wir unsern Saturn, unsre Chriemhild mit schweren Kosten angeschafft, wenn sie nicht die feindlichen Burgen brechen sollen?“
„Aber wie wollt Ihr die schweren Geschütze auf den holprigen Waldwegen meilenweit durchs Land schleppen?“ warf ein andrer ein; „bedenkt, daß die Chriemhild allein zehn Wagen und sechs und fünfzig Pferde gebraucht.“
„War die faule Grete, mit welcher der eiserne Burggraf Friedrich von Hohenzollern die Schlösser der aufsätzigen märkischen Junker in Trümmer schoß und ihren trotzigen Sinn beugte, nicht noch schwerer?“ fragte Herr Wilibald dagegen.
„Möglich würde es schon sein,“ fiel Herr Hennerle ein, „aber eine regelrechte Belagerung erfordert viel Opfer an Zeit und Geld. Besser wäre es, die Wölfe zu überraschen und ihre Häupter gefangen zu nehmen; solch ein unerwarteter Streich würde den Bund zersprengen und uns am meisten Nutzen bringen.“
„Und wie wollt Ihr das anfangen, Hauptmann?“
„Wir müssen einen kundigen Mann gewinnen, der uns den Zugang zum Hauptquartier verrät.“
Eine Stille folgte diesem Vorschlag, hie und da ein mißbilligendes Kopfschütteln; doch schien ein jeder die Worte ernstlich zu überlegen.
„Wißt Ihr ein Mittel, um an solchen kundigen Mann zu gelangen, Herr von Steifen?“ fragte der Bürgermeister.
„Wir haben einen Knecht des Junkers von Rotenhahn gefangen. Ich glaube, daß man ihn mit Gutem oder mit Gewalt bewegen könnte, uns die erforderliche Auskunft zu geben.“
„Laßt den Gefangenen hereinführen!“ gebot der Bürgermeister. Nach kurzem Warten öffnete sich die Thür, und, von der Wache geleitet, trat ein Mann in den Saal, derselbe, der einige Tage zuvor mit Ulrich zusammen eingebracht worden war, in abgerissener Kleidung, mit wirrem Haar und einem finstern Blick, der beharrlich am Boden haftete.
„Euer Name?“ fragte der Bürgermeister. Der Gefangene antwortete nicht; erst, als ihm der wachehabende Stadtsoldat einen Rippenstoß gab, murmelte er trotzig: „Ihr kennt mich, ohne daß ich’s Euch sage.“
Herr Volkamer warf einen forschenden Blick auf den finstern Gesellen, flüsterte mit seinem Nachbar und sagte dann in strengem Ton: „Wohl kenne ich Euch, Klaus Zworrer; Ihr habt einst im Dienste dieser wohllöblichen Stadt gestanden, aber Ihr habt Euren Schwur gebrochen und seid treulos zu unserm ärgsten Feinde übergegangen. Wißt Ihr, daß wir Euch dafür ohne weiteres an den Galgen hängen können?“
„Ich weiß es,“ versetzte Klaus düster, „macht’s kurz, wozu die vielen Reden?“
„Es gäbe ein Mittel, um Euch Gnade und Leben zu erkaufen, einen Weg, um Eure Schuld zu sühnen und ein ehrlicheres Leben zu beginnen,“ sagte der Bürgermeister langsam und mit Nachdruck.
Klaus schaute auf. „Und das wäre?“ fragte er hastig.
„Ihr habt seit Jahren dem Junker von Rotenhahn gedient und seid ohne Zweifel mit seinen Plänen und Schlupfwinkeln genau bekannt; liefert uns die Häupter des Wolfenbundes ohne Aufsehen in die Hände, und Ihr sollt die Freiheit und reichen Lohn erhalten.“
Der Gefangene blickte finster zu Boden; in schweigender Spannung sahen die Beisitzer des Rates auf ihn. „Ich kann es nicht,“ sagte er endlich mit fest zusammengezogenen Brauen.
„Und warum nicht? ist Euch das Leben nichts mehr wert? wollt Ihr aus diesem Saal sofort auf den Richtplatz wandern?“
„Herr,“ erwiderte Klaus mit rauhem Ton, „ich habe einmal meine arme Seele verkauft, um mein elendes Leben zu retten, als ich Euch meinen Eid brach, -- soll ich es zum zweiten Mal thun und ohne Erbarmen zur Hölle fahren?“
Die Bedenken des rohen Kriegsknechtes blieben nicht ohne Eindruck auf die Versammlung. „Ein Eid, den Ihr gezwungenermaßen einem Ehrlosen und Räuber geleistet, kann nicht bindend sein,“ nahm nach einer Pause einer der Herren das Wort; „jeder Priester wird Euch davon freisprechen. Bedenkt, daß die Stadt das erste Anrecht an Eure Treue hat.“
Es kostete noch manches Hin- und Herreden, bis Klaus’ Zweifel überwunden waren; endlich aber gewann die Ansicht der ehrsamen und gestrengen Herren vom Rat den Sieg über seine Gewissensbedenken, und er sagte seine Hilfe zu. Als er wieder in seinem Gefängnis saß, wo man ihm sofort allerlei Erleichterungen gewährte, ballte er die Faust und rief mit wilder Freude: „Jetzt kommt die Stunde der Rache, Junker Veit von Rotenhahn! jetzt sollt Ihr büßen für all das Elend, das Ihr mir in diesen Jahren bereitet habt -- Ihr und Euer Weib!“
Bald danach brachen von Nürnberg mehrere Fähnlein Fußvolk und eine ansehnliche Reiterschar auf, denen mehrere Geschütze und anderes Belagerungsmaterial folgte, und mit gewaltigem Lärm schlugen dieselben langsam und bedächtig einen Weg ein, der nicht nach Hohenheiligen führte. Einige Stunden später aber schlich sich, im Schutz der Dunkelheit, ein auserlesener Haufe aus dem Thor, lauter erprobte Männer voll Kraft und Entschlossenheit, die mit den besten Handwaffen ausgerüstet waren, an der Spitze Herr Hennerle von Steifen, und neben ihm Klaus Zworrer, als Führer. Es war tiefe Nacht, als sie im Walde, unweit der Räuberburg ankamen; man zündete einige Fackeln an, und mit ihrer Hilfe fand Klaus den künstlich verborgenen Eingang zu dem unterirdischen Gange, der bis in den inneren Burghof führte. Auf den Zehen schleichend, den scharfen Dolch zwischen den Zähnen, die Hand am gespannten Hahn des Faustrohrs, drangen die Männer, in langer Reihe dicht hintereinander gehend, durch den engen, niedrigen Gang vor; der Soldknecht, der schläfrig den Ausgang bewachte, war im Nu niedergestoßen, und der dunkle Hof füllte sich mit Bewaffneten.
Im Turme saßen die Häupter des Wolfenbundes beim Gelage und spotteten beim vollen Becher des Nürnberger Rates, der seine Unternehmungen so wenig zu verstecken wisse, daß man immer zwölf Stunden Zeit zur Vorbereitung habe. Auch Frau Walburg bewegte sich unter den wilden Gesellen; sie war sehr gealtert, und das kostbare Brokatkleid, das sie trug -- es war aus kürzlich erbeutetem Stoff gemacht und wohl für eine Fürstin bestimmt gewesen --, hing schlottrig um ihre dürre Gestalt; die letzten Jahre mußten ihr nicht viele ruhige und pflegsame Tage gebracht haben. Sie hatte viel zu thun, um den zechlustigen Genossen ihres Gatten die Becher zu füllen und ihre zahlreichen Wünsche zu befriedigen; die Scherze, die sie dabei zu hören bekam, waren wenig für ein weibliches Ohr gemacht, doch war sie an solche Unterhaltung zu sehr gewöhnt, um Anstoß daran zu nehmen. Oft stimmte sie in die freie Rede ein und lachte laut über einen derben Witz, oder erwehrte sich mit einer Ohrfeige eines allzu zudringlichen Gesellen.
Plötzlich erscholl von unten Getümmel und Waffengeklirr, -- die Eindringlinge waren mit der Besatzung der Burg ins Handgemenge gekommen. Im nächsten Augenblick stürzte Janko schreckensbleich unter die Zechenden: „rettet Euch,“ schrie er atemlos, „die Nürnberger sind über uns! Klaus, der Schurke, hat sie geführt!“ In wildem Durcheinander sprangen alle auf und griffen zu den Waffen; einer und der andre taumelte stark, aber die Gefahr zerstreute schnell den Rausch, der die Sinne benebelte. Auf der Treppe stießen Angreifer und Überfallne aufeinander, und ein wütendes Ringen begann. Aber noch waren die Wölfe nicht überwunden, sie bissen mit der Wut der Verzweiflung um sich, einige schossen aus den kleinen Fenstern des Turmes auf die Städter herab, bis von außen her Trompetenklang und Pferdegetrappel erscholl: der Vortrab der Belagerungstruppe rückte heran und berannte das Thor -- damit war der Sieg der Nürnberger entschieden.
Als Junker Veit erkannte, daß alles verloren sei, wollte er sein Heil in tollkühner Flucht versuchen; schon hatte er ungesehen den Stall erreicht und sich auf sein Leibpferd geworfen, -- er drückte ihm beide Sporen tief in die Flanken, daß es in gewaltigen Sätzen mitten durch die Kämpfenden dahinflog. Vielleicht wäre er entkommen, aber ein haßerfülltes Auge war ihm gefolgt, Klaus, der sich bis dahin ganz unthätig verhalten, riß sein Schießgewehr an die Wange -- der Schuß krachte, und schwer getroffen stürzte Veit von Rotenhahn vom Pferde herab. „Du Teufel! fahre hin an deine Stätte, von der du gekommen bist!“ rief Klaus in wildem Triumph, aber das letzte Wort erstarb ihm auf der Lippe, denn mit hoch geschwungenem Krummsäbel war der schwarze Janko auf ihn zugesprungen und hatte ihn so furchtbar getroffen, daß er röchelnd zusammenbrach. „Stirb, verräterischer Hund!“ knirschte Janko -- im nächsten Augenblick lag er selbst gebunden am Boden.
Die aufgehende Sonne beleuchtete eine Stätte des Grauens und der Verwüstung; Tote und Verwundete beider Parteien füllten den Schloßhof. Totenbleich und regungslos lag Junker Veit da, neben ihm saß Walburg, die sein Haupt auf ihren Schoß gebettet hatte und das strömende Blut zu stillen suchte. Dunkle Tropfen rannen über ihr kostbares Kleid herab -- sie achtete ihrer nicht, alle ihre Sinne und Gedanken hingen an dem sterbenden Manne. „Veit, mein Gatte, mein Geliebter!“ rief sie jammernd, „geh nicht von mir, laß mich nicht allein hier zurück! Was soll ich anfangen ohne dich, du meine Stütze, mein treuer Gemahl in guten und bösen Tagen? O thue wieder deine Augen auf und schaue mich an, sage mir noch ein einziges Mal, daß ich immer dein gutes, treues Weib gewesen bin. O Veit, mein Licht, meine Sonne, bleibe bei deiner Walburg, die ohne dich nicht leben mag!“
Da schlug der Sterbende die Augen auf und sah sie mit einem Blick voll Liebe an. „Lebe wohl, du Treue,“ stöhnte er, „hab’ Dank -- bewahre unsre Söhne -- vor ihres Vaters Schicksal ...“ Er drückte ihr krampfhaft die Hand, streckte sich -- und war tot. --
Walburg drückte ihm die Augen zu, ein paar große Thränen rollten langsam über ihre Wangen; lange schaute sie dem Toten unverwandt ins Angesicht, dann legte sie ihn sanft auf die Erde nieder, richtete sich empor und suchte mit ihrem Blick den Anführer. „Hauptmann,“ sprach sie -- und der Schmerz lieh ihr eine Würde, die sie sonst nie besessen -- „Ihr seid die Sieger, wir die Besiegten. Ihr habt diese Burg erobert, nehmt alles hin, nur laßt mir diesen Leib, daß ich ihn ehrlich begrabe.“
Herr Hennerle von Steifen machte eine ritterliche Verbeugung. „Edle Frau,“ erwiderte er höflich, „wir führen nur gegen die Lebenden Krieg, nicht gegen die Toten, auch bekämpfen wir nur Männer und nicht Frauen. Nehmt Euren Schmuck und Eure Kleider, auch was sonst zur Notdurft gehört, nebst dem Leichnam Eures Gatten; Wagen und Pferde stehen zu Eurer Verfügung, und ein Häuflein Reiter soll Euch geleiten, wohin Ihr’s begehrt.“
Frau Walburg neigte das Haupt und verschwand in der Burg; in kurzem kehrte sie zurück, ein Bündel in der Hand, eine große Decke über dem Arm. Der Tote ward auf einen Wagen gehoben und sorgfältig zugedeckt; ehe die Witwe dazu stieg, wendete sie sich noch einmal an den Hauptmann. „Gebt mir diesen mit!“ sagte sie halb bittend und halb befehlend, indem sie auf den gefesselten Janko wies, der aus vielen Wunden blutete. „Er war der treueste Diener seines Herrn und hat nur nach seinen Befehlen gehandelt.“
„Es sei!“ versetzte Herr Hennerle nach kurzer Überlegung, „er wird uns nicht mehr schaden.“
Janko küßte seiner Gebieterin dankbar die Hand und kroch mühselig auf den Wagen; wie ein verwundeter Hund kauerte er sich zu den Füßen seines toten Herrn nieder. „Nach Maltheim!“ befahl Walburg, und langsam setzte der traurige Zug sich in Bewegung; die alte Heimat war der einzige Zufluchtsort der beraubten Witwe. In diesem Augenblick dachte sie nicht an die Söhne, die ihr noch geblieben waren und, fern von dem gesetzlosen Treiben der letzten Zeit, erzogen wurden; sie konnte nur an den Gatten denken, mit dem sie jung gewesen, den sie in ihrer Weise heiß und aufrichtig geliebt hatte. Sie verhüllte ihr Haupt; die ganze Welt um sie her war versunken; wie eine trauernde Königin, die mit dem Gatten Krone und Reich verloren, fuhr sie dahin. -- -- -- --
Mit lautem Triumph kehrten die Nürnberger Truppen heim in die Stadt, wo sie mit Jubel empfangen wurden. Groß waren die Vorteile, die sie mit diesem einen Schlage errungen hatten, denn fast alle feindlichen Anführer waren in ihren Händen, der ganze Bund zersprengt und gelähmt durch den Verlust seiner Häupter. Dagegen waren ihre Verluste verhältnismäßig gering: wer fragte nach Klaus Zworrer, der statt Lohn und Freiheit den Tod gefunden hatte? Frau Barbara war tot, und seine Töchter kannten den Vater kaum, von dem sie nur wenig Gutes erfahren hatten. Von allen Seiten traten jetzt die guten Freunde beider Parteien auf, die sich bisher vom Kampfe fern gehalten hatten; sie suchten zwischen den Streitenden zu vermitteln, damit keiner von beiden durch die Friedens-Bedingungen zu hart getroffen würde. Die gefangenen Edelleute fanden viele Fürsprecher unter ihren Standesgenossen, und die Stadt durfte ihnen nicht allzu scharf an den Kragen gehen, um sich nicht neue Feinde auf den Hals zu ziehen. Man mußte sich begnügen, an einigen geringeren Leuten ein Exempel zu statuieren, machte ihnen den Prozeß und überlieferte sie dem hochnotpeinlichen Gericht, welches sie durch Galgen und Rad vom Leben zum Tode beförderte. Die vornehmeren unter den Wolfenbündlern mußten schwören, nie wieder die Waffen gegen die freie Reichsstadt zu erheben, und wurden dann gegen ein Lösegeld in Freiheit gesetzt. So ging die Fehde zu Ende, und die den ganzen Kampf ausbaden mußten, waren vor allem die kleinen Bauern in den offenen Dörfern, deren Häuser und Höfe verbrannt und verwüstet, deren Felder zerstampft, und deren Vieh geschlachtet und fortgeführt war, während niemand daran dachte, ihnen den erlittenen Schaden zu ersetzen.
Ulrich von Maltheim war gleich beim Beginn der Friedens-Verhandlungen aus seiner Haft entlassen worden. „Ihr habt meinem verlornen Sohne Freundschaft erwiesen,“ hatte Herr Wilibald ernst zu ihm gesprochen, „dafür danke ich Euch. Freilich wäre es echtere Freundschaft gewesen, wenn Ihr den Verirrten auf den Weg der Pflicht und Treue zurückgewiesen hättet -- doch Ihr seid ein Edelmann und habt wie ein solcher gehandelt. Es kann keiner von uns über die Schranken seines Standes hinaus, aber es stände vielleicht besser in der Welt, wenn es viele Edelleute von Eurem Schlage gäbe, Herr von Maltheim.“
Ulrich war hoch erfreut über diese Rede, aus der er nur das Lob heraushörte; sie schien ihm die Erfüllung der süßen Hoffnungen zu verbürgen, welche in den stillen Tagen seiner Gefangenschaft sein ganzes Herz eingenommen hatten. Er wünschte sehnlich, ein paar ungestörte Worte mit Margarete zu sprechen, aber er fand keine Gelegenheit dazu; das letzte Frühstück nahm er in Gesellschaft von Vater und Tochter ein, und der Ratsherr blieb bei ihm, bis er sein Roß bestieg.
Als er fort war, ging das Mädchen in das kleine Zimmerchen, in dem er die letzten Wochen gewohnt hatte; träumend betrachtete sie jedes Stück, das er benutzt hatte, und fuhr liebkosend über jedes Buch, in dem er gelesen. Als sie das eine aufschlug, fiel ein Zettel heraus, und hoch errötend las sie folgende Worte darauf:
Gefangen saß ich in engem Raum, Doch tröstend umschwebt mich der lieblichste Traum. Mir träumte, als ich so einsam lag, Ein Engel besuchte mich jeden Tag.
Zwar unsichtbar blieb mir sein Schwingenpaar, Von ferne nur wehte sein duftiges Haar. Doch seiner Stimme holdseligen Klang, Den hörte ich deutlich, wie Sphärengesang.
Nun ist mir geöffnet des Kerkers Thor, Nun schreit’ ich zum Licht und zur Freiheit empor; Doch wendet sich rückwärts mein sehnender Blick: Denn gefangen bleibet mein Herz zurück!
Herr Wilibald erschien an diesem Abend besonders aufgeräumt; der Abschluß der Fehde mochte ihm wohl manche schwere Sorge vom Herzen nehmen. „Was hältst du von Lorenz Tucher?“ fragte er im Laufe des Gesprächs seine Tochter.
„Ich halte ihn für einen wackern und tüchtigen Mann,“ erwiderte sie unbefangen, „wohl wert, Euch wie ein lieber Sohn zur Seite zu stehen.“
Dem Vater schien die Antwort zu behagen, denn er lächelte befriedigt vor sich hin. „Es freut mich, mein Kind, daß du verständig genug bist, so vorzügliche Eigenschaften anzuerkennen, auch wo sie ohne ritterlichen Firlefanz, unter schlichter, echt bürgerlicher Außenseite zu Tage treten. Du hast dich in dieser schweren Zeit als meine treue, verständige Tochter bewährt, und so will ich dir mein Vertrauen schenken: ich denke daran, Lorenz in alle Rechte eines Sohnes einzusetzen und ihm einen vollen Anteil an der Handlung zu geben. Und es ist mein herzlicher Wunsch, daß er auch noch durch ein anderes, zarteres Band mit meinem Hause verknüpft werden möchte, durch ein Band, das ihm ein besonderes Recht geben würde, mich ‚Vater‘ zu nennen.“
Er legte seine Hand einen Augenblick wie segnend auf ihren Scheitel, küßte sie liebevoll auf die Stirn und verließ sie dann. In banger Verwirrung blieb Margarete zurück; sie konnte des Vaters Wunsch nicht mißverstehen, aber ihr Herz sprach kein Wort dazu.
[Illustration]
Siebzehntes Kapitel.
Die Werbung.
Haben die Herzen sich auch in Liebe und Treue gefunden: Zwischen sie dränget sich noch trennend des Vaters Gebot.
Nie hatte Elsbeth Ebnerin eine glücklichere Zeit verlebt, als die, welche sie mit ihrer Mutter bei den Verwandten in Bamberg zubrachte. Bisher hatte sie stets hinter Margarete zurückstehen müssen, denn obgleich jene nur zwei kurze Jahre vor ihr voraus hatte, so genoß sie doch bei allen ein unbedingtes Vertrauen, während man sie selbst immer noch wie ein halbes Kind behandelte. Aber jetzt fiel ihr die Pflege der geliebten Mutter ganz selbstverständlich zu, und jeder mußte sagen, daß sie sich derselben mit Geschick und Treue widmete; auch machte ihr niemand Lorenz Tuchers Gesellschaft streitig, und das beglückte sie besonders. Er begegnete ihr mit der Vertraulichkeit eines älteren Bruders und hörte mit wohlwollendem Lächeln ihrem Geplauder zu, das zwar nicht viel Geist, aber ein gutes Herz und einen kindlich reinen Sinn verriet. In der größeren Selbständigkeit entwickelte sich ihr ganzes Wesen freier und anmuthiger; da sie nicht unter dem beständigen Vergleich mit der begabteren Schwester litt, so galt sie bei jedermann in Bamberg für ein hübsches, wohlerzognes Mädchen, und man begegnete ihr auf das freundlichste. Sie war daher wenig erbaut von der Botschaft, daß ihrer Rückkehr nichts mehr im Wege stünde, und war am letzten Tage so ernsthaft und traurig, daß Lorenz sie teilnehmend fragte, was ihr fehle.
„Ich muß an das Märchen vom verzauberten Prinzen denken,“ versetzte sie, „das Muhme Lene uns so oft erzählt hat, als wir noch Kinder waren. Ein böser Zauberer hatte ihn in einen Zwerg verwandelt; nur einen Tag im Jahr durfte er in seiner wahren Größe auftreten, aber sobald die Sonne sank, mußte er wieder in die verhaßte Zwerggestalt schlüpfen. So geht es mir auch.“
„Wie meint Ihr das, Bäschen? ich hoffe, es hat niemand gewagt, Euch ein Leid anzuthun?“
„Nein, das nicht, aber ich fürchte, zu Hause und neben Margarete werde ich wieder nur der Zwerg sein, den niemand für voll ansieht.“
Sie sah so betrübt aus, daß er tröstend über ihre Wange strich und ihre Hände faßte. „Liebe kleine Elsbeth,“ flüsterte er ihr ins Ohr, „denkt Ihr etwa, daß ich Eure Schwester Euch vorziehe? Ihr seid mir viel lieber als sie.“
„Bin ich das wirklich?“ rief sie hocherfreut, „o Lorenz, wie gut seid Ihr! bisher hat mich noch niemand neben ihr beachtet, und Ihr seid doch so klug, wie kein andrer!“
Das Lob schmeichelte ihm und rührte ihn zugleich; er beugte sich herab und küßte sie auf die roten Lippen. Sie schlug die Hände vor das erglühende Gesicht, „Ihr seid ein Böser!“ rief sie halb erzürnt und halb beglückt und lief davon. Er blieb beschämt zurück; wie konnte er, der Ruhige, Verständige, sich so hinreißen lassen! --
Frau Ursula und Elsbeth waren glücklich heimgekehrt, und während die Mutter nach der ermüdenden Fahrt sogleich die Ruhe suchte, saßen die beiden Schwestern traulich beisammen und tauschten ihre Erlebnisse aus, wobei freilich jede manches vor der andern zurückhielt. Aber Margarete bedurfte eines teilnehmenden Herzens für die große Sorge, die drohend wie ein Gespenst vor ihr stand, und sie beschloß, Elsbeth in ihr Vertrauen zu ziehn. „Der Vater,“ sagte sie beklommen, „ist Lorenz überaus wohlgesinnt und wünscht ihn ganz an unser Haus zu fesseln; ich fürchte, er denkt sogar an -- eine Heirat.“
Elsbeths Wangen färbten sich purpurn. „Ich sehe nichts Furchtbares darin,“ sagte sie mit niedergeschlagenen Augen.
Die Ältere stützte den Kopf in die Hand und sah ernsthaft vor sich hin. „Nicht? ach Elsbeth, er ist gewiß ein lieber, braver Mensch, aber der beste von allen kann er mir doch nie sein, ich ....“
„Du?“ schrie die Jüngere auf, „warum denn du und immer du? o ich wußte es wohl, daß meine glückliche Zeit zu Ende ginge, sobald ich hierher zurückkehrte, daß ich immer nur das Stiefkind sein würde neben dir, der Bevorzugten und Geliebten! Und er hat es mir doch selbst gesagt, daß ich ihm werter sei, als du ....“ ein Thränenstrom unterbrach ihre Rede, sie legte den Kopf auf die gefalteten Hände und schluchzte laut.
Margarete stand erschrocken vor diesem leidenschaftlichen Ausbruch, den sie zuerst gar nicht begriff; allmählich aber ging ihr ein Licht auf, und eine Centnerlast schien ihr mit einemmal vom Herzen zu fallen. „Liebe, gute Elsbeth,“ rief sie jauchzend, „warum weinst du? ist er dir lieb und bist du ihm wert, o so ist alles gut! Vergieb, daß ich nur einen Augenblick denken konnte -- -- o heilige Anna, habe Dank -- -- wie froh bin ich, wie namenlos froh, nun ebnet sich ja alles nach unsern Wünschen! Laß dich küssen, meine Schwester, ich wünsche dir von Herzen Glück!“
Sie umarmte Elsbeth stürmisch und lachte und weinte vor Freuden, so daß jene die ruhige, verständige Schwester kaum wiedererkannte. Da sie aber einsah, daß sie ihrem Glück nicht im Wege stünde, stimmte sie in ihren Jubel ein, und zwischen den beiden Schwestern war jedes Wölkchen zerstoben. --
Auf Maltheim drängten unterdessen die Verhältnisse zu einer Entscheidung, denn es stellte sich nur zu bald heraus, daß ein Zusammenleben von Frau Kunigunde und ihrer Stieftochter unmöglich sei. Als die Weihe des ersten Schmerzes vorüber war, traten bei Walburg schnell genug die alten, häßlichen Charakterzüge, Eigennutz, Anmaßung und Begehrlichkeit, hervor, und mit Heftigkeit forderte sie die Teilung des väterlichen Erbes. Herr Pirkheimer hatte inzwischen schon sein Gutachten dahin abgegeben, daß Herr Werner von Maltheim kein Recht gehabt habe, Hohenheiligen im alleinigen Interesse seiner Kinder zweiter Ehe zu veräußern, und daß Walburg ein Anrecht auf die eine Hälfte des Kaufpreises habe. Mit Mühe überredete Ulrich seine Mutter dazu, in einen Verkauf von Maltheim zu willigen, um Walburg abzufinden; der Kurfürst Albrecht Achilles, der alte Gönner des verstorbenen Ritters, wollte selbst der Käufer sein. Im Andenken an die Treue seines ehemaligen Kampfgenossen, bot er dem Sohne eine Anstellung in kurbrandenburgischen Diensten an, die jener dankbar und bereitwillig annahm, denn dort durfte er hoffen, ein weites Feld für seine hochstrebenden Pläne und Gedanken zu finden. Seit Kaiser Sigismund auf dem Konzil zu Kostnitz den treuesten Kämpen seines Thrones, den Burggrafen Friedrich von Nürnberg, mit der Verwaltung der Mark Brandenburg betraut und bald darauf mit der Kurwürde belehnt hatte, war die Entwicklung des verwilderten Landes in bessere Bahnen geleitet worden. Teils durch kluge Verträge mit den Nachbarfürsten, teils durch gewaltiges Niederwerfen der aufsätzigen Großen, hatte Friedrich Ruhe und Ordnung im Lande angebahnt, und was er mit Kraft begonnen, das hatte sein Sohn, Kurfürst Friedrich der Zweite, fortgesetzt: er hatte die trotzigen Städte gedemütigt, die Sitten der Geistlichkeit gebessert und den Adel in gebührenden Schranken gehalten. Jetzt war Albrecht Achilles der eigentliche Herrscher des Landes, aber er verweilte dort nur zuweilen als Gast, denn er mochte seine schöne fränkische Heimat nicht mit jenem rauhen, ärmlichen Lande vertauschen; so hatte er denn seinen Sohn Johann als Statthalter in den Marken eingesetzt, und ihm sollte Ulrich seine Kräfte widmen.
Frau Kunigunde konnte sich nicht entschließen, sich im fremden Lande eine neue Heimat zu gründen, und so namenlos schwer ihrem Mutterherzen auch der Gedanke einer dauernden Trennung von Ulrich fiel, so weigerte sie sich doch entschieden, ihn zu begleiten. Sie zog sich in die tiefste Stille zu einer Schwester zurück, die ihr gern ihr Haus öffnete, aber die Kümmernisse und Täuschungen, die sie erlitten, zehrten an dem Mark ihres Lebens, und nach wenigen Jahren folgte sie ihrem Gatten in die ewige Heimat.
So war denn alles vollendet, die Erbschaft geteilt, die Frauen nach verschiedenen Seiten abgezogen. Ulrich hatte die Mutter in ihr Asyl geleitet und dann die Burg in die Hände des neuen Besitzers übergeben; von einigen Knappen gefolgt, sprengte er jetzt den Burgberg hinab. Der Abschied von der Heimat seiner Kindheit wurde ihm schwerer, als er selbst gedacht hatte; das Bewußtsein, dem uralten Erbe seiner Väter, das Jahrhunderte lang in den Händen seiner Familie gewesen war, für immer Lebewohl zu sagen, als ein heimatloser Wanderer hinauszuziehen in eine ungewisse Zukunft, rührte ihn fast zu Thränen, aber er gab seinem Pferde die Sporen, so daß seine Begleiter ihm kaum folgen konnten, und zog sein Schwert aus der Scheide. „Vorwärts!“ rief er, „mit Gott und Sankt Georg! Als ein echter Ritter will ich kämpfen für Wahrheit und Recht gegen Lüge und Finsternis, und Gott helfe mir zum Siege! O Herr, stelle mir ein hilfreiches Wesen an die Seite, das mit seiner Liebe und seinem Vertrauen mich stärke und tröste, wenn ich schwach werde!“
Er rastete nicht im scharfen Ritt, bis er die Thore von Nürnberg erreicht hatte; dort hieß er seine Begleiter in der Herberge bleiben, stellte sein Roß in den Stall und schlug zu Fuß den Weg nach dem Ebnerhause ein.
Hier fand er alles in froher Bewegung, denn man feierte eben die Verlobung von Lorenz Tucher mit Elsbeth Ebnerin. Herr Wilibald war zwar sehr erstaunt und gar nicht erfreut gewesen, als seine Gattin ihm mitteilte, daß nicht Margarete, sondern ihre Schwester die Erwählte sei; er hätte es viel mehr seinem Lieblinge gegönnt, die ansehnliche Stellung einzunehmen, zu der er Lorenz den Weg ebnete, -- aber gegen die volle Übereinstimmung aller drei Beteiligten konnte er nichts einwenden. Elsbeth strahlte vor Seligkeit; zu dem Gefühl des eignen Glücks kann noch die Genugthuung, bei diesem wichtigsten Schritt des Lebens der bevorzugten Schwester den Rang abgelaufen zu haben.
Ulrich stattete seinen Glückwunsch ab und bat um Erlaubnis, vor seiner Abreise in die Fremde hier einige Stunden zu rasten, die ihm mit Freuden gewährt wurde. Aber obgleich er auf teilnehmendes Befragen ausführlichen Bescheid über alles gab, was er erlebt hatte und von der Zukunft erwartete, so war er im ganzen doch ernst und schweigsam, und Margarete teilte seine Stimmung. Endlich sprach er gegen sie den Wunsch aus, noch einmal das Stübchen zu betreten, in dem er die Wochen seiner Gefangenschaft zugebracht hatte; das Mädchen stand bereitwillig auf, um ihn zu geleiten, aber auch der Ratsherr schloß sich an. Erst, als sie auf dem Hofe unter dem alten Nußbaum standen, rief irgend eine wohlthätige Anfrage aus einer der Schreibstuben Herrn Wilibald ab, und endlich waren die beiden allein. Ulrich faßte beide Hände der Jungfrau, die errötend vor ihm stand: „Liebe Margarete,“ sagte er leise und schnell, „wenn es mir gelingt, mir im Norden eine Stellung zu verschaffen, die -- Euer würdig ist, würdet Ihr es für denkbar halten, -- die geliebte Heimat zu verlassen -- und mir zu folgen?“
Sie hob die treuen, grauen Augen mit dem Ausdruck vollsten Vertrauens zu ihm empor. „Ja, Ulrich,“ sagte sie fest, „wenn es mein Vater erlaubt, will ich Euch folgen, wohin es auch sei.“
„Und wenn es ein Jahr und länger dauern sollte, ehe ich wiederkomme, willst du meiner harren, du Liebe, und nicht müde werden?“
„Ich will warten und hoffen, bis du kommst, sei es in einem Jahr oder in zehn.“
Da nahm er ein Ringlein vom Finger und steckte es an den ihrigen, danach aber zog er ihre Hände an seine Lippen und küßte sie inbrünstig. „Lebe wohl, meine süße Braut,“ sagte er innig, „Gott schenke uns ein glückliches Wiedersehen! baue so fest auf meine Liebe und Treue, wie ich auf die deine!“ --
[Illustration: Ulrich zog einen Ring vom Finger ....]
Ehe Ulrich von Nürnberg schied, suchte er eine ungestörte Unterredung mit Herrn Wilibald Ebner und bat ihn um Margaretens Hand. Der Ratsherr maß ihm vom Kopf bis zu den Füßen mit einem strengen, forschenden Blick. „Was habt Ihr meiner Tochter zu bieten, Herr?“ fragte er in schneidendem Ton, „habt Ihr Haus und Hof, oder ein Amt, das Euch ernährt? oder glaubt Ihr, ich werde mein liebstes Kind einem fahrenden Ritter übergeben, daß er es vor sich aufs Pferd nehme und mit ihm durch die Lande ziehe, um sein Glück zu suchen? Oder meint Ihr gar, ich solle dem Bräutchen Hohenheiligen als Mitgift geben, wie es schon vor Jahren Euer edler Herr Vater vorschlug? Weit gefehlt, Herr von Maltheim! Ein nüchterner Städter will feste, geordnete Verhältnisse vor sich sehen, aufs Geratewohl wirft er seine Tochter nicht dem ersten besten an den Hals!“
Ulrich verbeugte sich tief. „Ihr habt recht, Herr Ratsherr,“ sagte er eisig kühl, aber mit vollkommener Höflichkeit, „es ist noch zu früh für mich, um als Bewerber Eurer Tochter aufzutreten. In einigen Jahren, wenn ich als wohlbestallter Rat des Kurfürsten von Brandenburg vor Euch treten und Euch meine Einkünfte nach Heller und Pfennig vorrechnen kann, dann will ich wieder bei Euch vorsprechen und meine Bitte erneuern. Aber Ihr werdet es nicht hindern können, daß Jungfrau Margarete das Wort hält, das sie mir gegeben hat, denn sie ist Eure echte Tochter und hat gelernt, Versprechen heilig zu halten. Gehabt Euch wohl, Herr Wilibald Ebner, auf Wiedersehn!“ Noch einmal verbeugte er sich mit ritterlichem Anstand und ging hinaus.
Mit finsterem Blick sah ihm der Kaufherr nach. „Er wagt es, mir zu trotzen!“ murmelte er, „thörichter Knabe, habe ich nicht allein das Recht, über die Hand meiner Tochter zu verfügen? Und doch,“ setzte er milder hinzu, „es war nichts Knabenhaftes in seiner Art, er ist ein Mann geworden, den man achten muß. Wäre er nicht ein Edelmann, ich selber könnte ihn lieb haben! -- und ich fürchte, Margarete wird schwer von ihm lassen.“ --
Mehrere Jahre waren vergangen; Elsbeth war längst verheiratet und ihrem Gatten in willenlosem Gehorsam unterthan; sie liebte es, sich gegen Margarete ihres häuslichen Glücks, ihres blühenden Wohlstandes zu rühmen, nicht ohne dabei einige mitleidige Seitenblicke auf die hoffnungslose Wartezeit der Schwester zu werfen. Aber diese beneidete sie nicht, sie fühlte sich glücklich und zufrieden. Zwar empfand sie oft eine tiefe Sehnsucht nach dem geliebten Freunde, doch nie kam ein Zweifel an seiner Treue, an seiner endlichen Wiederkehr in ihre Seele. Auch war sie nicht ganz ohne Nachricht von Ulrich, denn zwischen dem Hofe zu Berlin, wo Markgraf Johann die Marken verwaltete, und der Kadolzburg, wo der alte Löwe selber hauste, herrschte ein, für damalige Verhältnisse, reger Verkehr durch berittene Boten, welche Anfragen, Berichte und Verordnungen hin- und hertrugen. Margarete wußte, daß Ulrich an dem gelehrten Markgrafen, den seine Zeitgenossen um seiner klassischen Bildung willen „Cicero“ nannten, einen überaus wohlgesinnten Herrn gefunden habe. Doch waren die Zustände in der Mark so ärmlich, die Landstände so schwierig in der Bewilligung von Geldern, daß es dem Gebieter oft an den nötigsten Mitteln fehlte, um seine Hofhaltung standesgemäß zu führen; mußte er doch die eigne Hochzeit verschieben, weil ihm das Geld zu einer fürstlichen Ausstattung fehlte. Das alles mußte sich ändern, wenn Johann Cicero erst der wirkliche Herr und Kurfürst war, und so vertröstete Ulrich sich und seine Braut auf diesen Zeitpunkt, der erst mit Albrecht Achills Tode eintreten konnte.
Margarete hätte aber auch wenig Zeit gefunden, um trüben Gedanken nachzuhängen, denn ihre Kräfte waren vollauf in Anspruch genommen; sie war ihren Eltern unentbehrlich und hätte selbst nicht zu sagen gewußt, wie ihre zarte, leidende Mutter ohne ihren Beistand hätte leben sollen. Wenige Monate nach dem Abschluß jener Fehde war dem Ebnerhause ein unverhofftes Glück zu teil geworden, der Himmel hatte die leere Stelle ausgefüllt und den trauernden Eltern ein Söhnchen geschenkt. Unendlich groß war Herrn Wilibalds Freude über dies Gnadengeschenk; nun konnte er wieder mit Freudigkeit in die Zukunft sehen, nun durfte er hoffen, daß neben dem neuerblühenden Geschlecht der Tuchers auch der Name Ebner in Nürnberg wachsen und dauern werde. In dem Glück, das er empfand, hatte er Margareten versprochen, sie nie zu einer Ehe zu drängen, zu der ihr Herz sie nicht triebe; Ulrichs Name war dabei nicht genannt worden, sie überließ es der Zukunft, diese Angelegenheit zu rechter Zeit zur Sprache zu bringen.
Frau Ursula empfand beim Anblick ihres Knaben nur eine wehmutsvolle Freude; stets stand ihr dabei ihr Erstgeborner vor Augen, der ihr für immer entrissen war. Bewahrte sie auch die flüchtige Begegnung auf dem Wege nach Bamberg als einen kostbaren Schatz in ihrer Erinnerung auf, so quälte der Gedanke an sein Seelenheil sie doch mit unablässigem Kummer, und ihr Leben war eine Kette von Opfern und Bußen, um den Zorn des Himmels zu versöhnen. Es ward ihr schwer, zu sehen, daß der kleine Deodat -- diesen Namen hatte Herr Wilibald dem Kinde gegeben, um es als eine besondere Gottesgabe zu kennzeichnen -- im Herzen seines Vaters völlig Bertholds Stelle einnahm, daß jener auf ihn alle die Hoffnungen setzte, die bei dem ältesten Sohne gescheitert waren, ja, sie empfand es mit einer eifersüchtigen Pein, daß er den Spätgebornen mit unendlich viel größerer Zärtlichkeit behandelte, als ehemals Berthold. --
So war der Frühling des Jahres 1486 herangekommen, und durch die Stadt lief das Gerücht, daß Kurfürst Albrecht Achilles, der alte Feind der Reichsstädter, zu Frankfurt sein müdes Haupt zur Ruhe gelegt habe und in der Klostergruft zu Heilbronn bestattet worden sei. Die Nachricht bewegte Margaretens Herz mächtig; hatte sie auch als echtes Nürnberger Kind wenig Neigung für den streitbaren Fürsten empfunden, so mußte sein Tod doch entscheidend auf ihr und Ulrichs Schicksal einwirken. In unruhiger Spannung verlebte sie die nächsten Wochen, konnte jetzt doch jeder Tage den Ersehnten bringen und ihr Leben in gänzlich neue Bahnen lenken!
Der alte Nußbaum auf dem Hofe hatte eben wieder sein hellgrünes Blätterkleid angelegt, und die Schwalben schossen zwitschernd und jubilierend darunter fort. Auf dem Sitz, der den gewaltigen Stamm umgab, saß Margarete mit ihrer Arbeit; zu ihren Füßen spielte Deodat, der alle Augenblicke zu ihr gelaufen kam, um ihr etwas zu zeigen, oder sie nach hundert Dingen zu fragen; hing er doch fast mehr an ihr, als an seiner Mutter, die sich oft so kränklich und schwach fühlte, daß sie das lebhafte Kind nicht in ihrer Nähe ertragen konnte. Durch den gepflasterten Thorweg klangen männliche Schritte, die auf den Hof zukamen; Margaretens Herz fing an zu klopfen, sie schaute gespannt nach dem Eingang -- aber es war eine andre Gestalt, als die ersehnte, wenn auch eine wohlbekannte: Hans Fiedler. Er hatte längst seine Lehrzeit bei Meister Adam Krafft hinter sich, war dann einige Jahre durch das Reich gewandert und jetzt nach Nürnberg gekommen, um sein Meisterstück zu machen und sich irgendwo als tüchtiger Steinmetz niederzulassen.
„Grüß’ Gott, Hans!“ sagte Margarete und bot ihm die Hand zum Gruß, „wo habt Ihr so lange gesteckt? wir haben manchen Tag nichts von Euch gesehen.“
„Ich war auf dem Annenhof,“ versetzte er ernsthaft, „Ihr wißt, die Großmutter war schon lange krank, am letzten Montag ist sie selig entschlafen, und gestern haben wir sie zur letzten Ruhe bestattet.“
„Crescenz ist tot?“ rief das Mädchen bewegt, „o wie mich das dauert! die gute, alte Seele, Gott hab’ sie selig! sie hat sich durch ihre unwandelbare Treue sicher einen Gotteslohn erworben. Aber was wird aus Eurer lieben Mutter werden, Hans? sie ist nicht von der Art der Großmutter und wird schwerlich ganz allein dort haushalten und wirtschaften mögen.“
„Nein, Jungfer Margarete, das ist auch meine Meinung; wenn ich schon Meister wäre, würde ich sie gern zu mir nehmen, aber damit hat’s noch gute Weile. Und dann -- und dann --“ er drehte verlegen seine Kappe zwischen den Fingern hin und her.
„Habt Ihr etwas auf dem Herzen, lieber Hans?“ fragte Margarete freundlich, „nur heraus damit, Ihr wißt, wir beide sind von Kind auf immer gute Freunde und getreue Kameraden gewesen.“
„Ja, Jungfer Gretchen, daher möchte ich auch Euch zu allererst sagen, was mir widerfahren ist,“ sagte Hans, und über sein gutes Gesicht flog ein unwiderstehlicher Freudenschein. „Ihr kennt Meister Dürer, den Goldschmied -- und seine Töchter -- auch die Sabine -- die hat mir versprochen, -- mein liebes Weib zu werden, sobald ich Meister geworden bin.“
„Das freut mich von Herzen!“ sagte Margarete warm und schüttelte ihm beide Hände. „Die Sabine ist ein liebes, tüchtiges Mädchen und wird sicher eine frische, fröhliche Hausfrau werden. Gott segne Euch beide, Hans; Ihr hättet nichts Besseres thun können.“
Hans strahlte vor Glück; er verehrte Margarete so sehr, daß ihr Lob und ihre Zustimmung ihm sein erwähltes Mädchen noch lieber machten.
Der Tod der alten Crescenz bewegte Frau Ursula hauptsächlich um Afra’s willen, der sie stets eine warme Zuneigung bewahrt hatte. Daß jene nicht allein auf dem Annenhofe bleiben konnte, war klar, man mußte dort eine kräftigere Schaffnerin einsetzen. „Ich habe einen Gedanken, Margarete,“ sagte die Mutter am andern Tage, „ich möchte Afra anbieten, wieder wie einst in meinen persönlichen Dienst einzutreten. Sie weiß mit Kranken umzugehen und wird dir meine Pflege erleichtern; und wenn du, mein geliebtes Kind, in kurzem wünschen wirst, dein Elternhaus zu verlassen, so wird es dir weniger schwer werden, wenn du mich wohl versorgt weißt.“
Margarete umarmte die Mutter mit Thränen der Wehmut und Zärtlichkeit; sie hatte kein Geheimnis vor ihr und teilte alle ihre Sorgen, Hoffnungen und Pläne mit der Teuren. So sehnsüchtig sie nach Ulrich ausschaute, so schmerzlich war ihr doch der Gedanke, die Mutter zu verlassen, die an ihre immerwährende Fürsorge und liebreiche Gesellschaft so gewöhnt war.
Afra ging gern auf den Vorschlag ein; sie hatte keine Neigung für die ländliche Wirtschaft, so treu sie auch in den letzten Jahren der alternden Crescenz darin beigestanden hatte. Ihre stille, sanfte Art, der wehmütige Schatten, der über ihrem ganzen Wesen lag, die lebhafte Teilnahme, die sie für die Schmerzen anderer empfand, machten sie zu einer passenden Umgebung für Frau Ursula, und Margarete fühlte sich in der That sehr beruhigt, wenn sie an die Trennung dachte; sie würde die geliebte Mutter wenigstens in sicherer Pflege zurücklassen. --
Heiße Sommerglut lag auf den Straßen von Nürnberg; in den Patrizierhäusern waren überall die dunklen Vorhänge herabgelassen, um der sengenden Sonne den Eingang zu verwehren. Im Erker des Ebnerhauses war es kühl und angenehm, denn die Sonnenstrahlen trafen ihn nicht, und die dicken Mauern ließen die Hitze nicht eindringen. Dort saß Margarete und blickte träumerisch hinaus auf die Gasse, in der nichts zu sehen war, aber ihre Augen schauten auch nicht nach äußeren Dingen, sie waren nach innen gekehrt. Plötzlich scholl Pferdegetrappel vom Markt her, mehrere Reiter bogen auf den Ägidienplatz ein. Einer sprengte voraus, eine herrliche, hohe Gestalt; er nahm den Hut vom Kopfe, daß ihm die blonden Locken um die weiße Stirn wehten, und schwenkte ihn grüßend nach oben. Eine Purpurglut schoß in Margaretens Wangen -- der Augenblick, von dem sie in sechs langen Jahren geträumt, war gekommen: Ulrich war wieder da! Sie stand regungslos, nur das Antlitz hatte sie der Treppe zugekehrt. Und jetzt kam er heraufgestürmt, der treue Freund ihrer Kindheit und Jugend, der Erkorne ihrer reiferen Jahre, er zog sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn. „Meine Margarete, meine süße Braut,“ flüsterte er mit unsäglicher Zärtlichkeit, „da bin ich endlich, endlich bei dir! O wie lang und schwer waren diese Jahre der Trennung! Aber nun soll sich nichts mehr zwischen uns drängen, nun wollen wir treu zusammenstehen, bis einst der Tod uns scheidet.“
Sie lehnte sich an seine treue Brust und sah mit glücklichen Augen zu ihm auf; dann machte sie sich sanft von ihm los. „Du mußt dir meines Vaters Zustimmung erbitten, Ulrich. Mein Herz konnte ich allein verschenken, über meine Hand kann nur er verfügen. Aber erst komm zur Mutter.“
Frau Ursula empfing Ulrich wie einen geliebten Sohn, er hatte ja einst so viel für ihren Berthold gethan, und Margaretens Liebe machte ihn ihr doppelt wert. Es war eine köstliche Stunde im traulichen Gemach der Hausfrau --, aber noch war mancher Sturm zu bestehen, ehe das Schifflein der Liebenden im sicheren Hafen landete. Herr Wilibald konnte sich nicht entschließen, seine Einwilligung zu ihrer Verbindung zu geben; die alten, festgewurzelten Vorurteile gegen den adligen Stand verbanden sich mit der tiefen Abneigung, seine Lieblingstochter, deren teilnehmendes Verständnis ihm unentbehrlich zum Leben schien, aus seinem Hause fort, in eine unerreichbare Ferne ziehen zu lassen. Alle Bitten Margaretens und seiner Gattin prallten an seinem hartnäckigen Widerstande ab, sein „nein“ schien unumstößlich zu sein.
In tiefem Kummer war das Mädchen einmal zu Meister Andreas Fiedler gegangen; der liebe, alte Mann mit dem kindlichen Glauben und der reichen Erfahrung sollte ihr sagen, wie sie sich in dem herben Zwiespalt zwischen dem Vater und dem Bräutigam verhalten solle. Frau Eva und ihr Gatte wechselten bedeutungsvolle Blicke bei ihrem traurigen Bericht. „So wollen wir es versuchen, Eures Vaters Herz zu rühren,“ sagte der Alte endlich, „unserm Worte wird er vielleicht nicht widerstehen.“
Margarete sah ihn erstaunt an, sie konnte sich die Zuversicht, mit der er sprach, nicht erklären; welchen Einfluß glaubte der schlichte Meister über den stolzen Patrizier zu besitzen? Sie gab sich keiner Hoffnung hin, daß seine Einmischung zum Ziele führen werde.
Der Ratsherr saß in seiner Schreibstube am Pult, aber die Feder war ihm aus der Hand gefallen, und er brütete düster vor sich hin. Da ward an seine Thür geklopft, und auf seinen ärgerlichen Ruf -- denn wer wagte es, ihn gerade jetzt zu stören? -- trat ein alter Mann mit schneeweißem Haupthaar ein, auf eine Krücke gestützt, während eine ebenso alte, einfache Frau ihn am andern Arm führte.
„Wer seid Ihr, und was wollt Ihr von mir?“ fuhr der Kaufherr auf.
„Kennt Ihr uns nicht mehr, Wilibald Ebner?“ fragte Andreas mit sanftem Ernst. „Ich hätte Euch noch heute unter Tausenden erkannt, obgleich Ihr Euch auch sehr verändert habt, seit Ihr zu Ulm in meinem Hause ein- und ausgingt. Damals wart Ihr noch kein großer, reicher Herr, und Hedwig Fiedlerin war nicht unter Eurer Beachtung.“
„Andreas Fiedler und Frau Eva!“ sagte Herr Wilibald erbleichend, indem er sich erhob und die alten Leute durch ein Handbewegung zum Sitzen einlud. „Freilich, es sind viele Jahre seit jener Zeit vergangen, und es ist alles, alles anders geworden. Und doch habe ich die Jugend nicht vergessen -- nein, sicher nicht! Hedwig Fiedlerin steht heute noch in meiner Erinnerung, als ein wunderbar liebliches, engelreines Wesen, zu gut für diese Welt und ihre grausamen Verhältnisse.“
Frau Eva wischte sich die Thränen aus den Augen, und Meister Andreas sah sehr gerührt aus. „Ich will Euch jetzt, nach mehr als dreißig Jahren, keinen Vorwurf machen, Herr Ebner,“ sagte er milde, „daß Ihr unser einziges Kind verließt und ihm das treue Herz bracht -- Ihr mögt Gründe gehabt haben, die Ihr für zwingend hieltet, und Hedwig ruht längst in seligem Frieden. Aber wir wissen, was solch ein junges Herz leidet, wenn ihm der liebste Wunsch versagt wird, und wir möchten Euch bitten, inständig und mit allen Kräften: Bereitet Eurer eignen Tochter, Eurer lieben, holden Margarete kein solches Los! Tausendmal schwerer, als die Trennung von ihr, würde das Bewußtsein auf Euch lasten, ihr Lebensglück vergiftet, ihre süßesten Hoffnungen geknickt zu haben. Seid milde und gütig und gewährt Eurem Kinde das, was Ihr dem unsrigen einst geraubt habt!“
Lange saß der Ratsherr, den Kopf in die Hand gestützt, und kämpfte schwer mit sich selbst und seinem harten Sinn. Endlich stand er auf, reichte den beiden Alten die Hand und sagte: „Ihr habt mich bezwungen! Heute noch feiern wir die Verlobung meiner Margarete mit Ulrich von Maltheim. Möchte der Himmel das Opfer, das ich bringe, als eine Sühne annehmen für das, was ich an Eurer Tochter verschuldete!“
[Illustration]
Achtzehntes Kapitel.
Hochzeit.
Seliger Tag, da der Braut ein neues Heim sich erschlossen! Aber mit Thränen im Aug’ läßt sie das alte zurück.
Es war eine glückliche Zeit, die nun folgte; Margarete war unbeschreiblich lieblich in ihrem bräutlichen Glück, das wie ein heller, warmer Sonnenstrahl aus ihren Augen leuchtete, und das, im Verein mit ihrer dankbaren Zärtlichkeit, ihren Vater wenigstens nicht bereuen ließ, seiner selbstsüchtigen Liebe dieses Opfer abgerungen zu haben. Und er konnte es nicht einmal vor sich selber leugnen, daß Ulrich ihrer wert sei; trotzdem, daß er ein Edelmann und Fürstendiener war, erschien er in jeder Lage als ein ganzer Mann, dessen Rechtschaffenheit und Wahrhaftigkeit selbst dem eingefleischten Bürger volle Achtung abnötigte.
Ulrich kam und ging; er besuchte Irmgard in ihrer klösterlichen Zurückgezogenheit und erledigte mancherlei Aufträge seines fürstlichen Herrn, besonders suchte er Werkleute zu werben, welche bereit wären, ihm nach der Mark zu folgen. Kurfürst Johann Cicero hatte verschiedene große Bauten vor, so lag ihm vor allen der Bau der neuen Universität am Herzen, die er zu Frankfurt an der Oder gründen wollte, und dazu bedurfte er eines gewiegten Steinmetzen, der imstande wäre, den ganzen Bau zu leiten. Ulrich hatte an Hans Fiedler gedacht, und dieser hätte auch sogleich mit beiden Händen zugegriffen, wäre nicht die Rücksicht auf seine und Sabinens Mutter gewesen -- denn daß das Mädchen ihm auch in die Fremde folgen würde, das wußte er gewiß. Die Anerbietungen waren aber so günstig, daß ein junger Meister sie gar nicht ablehnen konnte, auch handelte es sich vorläufig nur um einige Jahre; so ließen denn die Mütter ihre Einwendungen fahren und gaben ihre Zustimmung. Es wurde beschlossen, daß beide Hochzeiten beim Beginn des Herbstes stattfinden und die beiden jungen Paare gemeinsam die Reise nach dem Norden antreten sollten. --
Es war ein goldig klarer Herbsttag: die Sonne hatte siegreich die Morgennebel bezwungen, ein frischer Wind hatte die Wolken auseinander gejagt, so daß sie sich, wie eine schneeweiße Lämmerherde, am Rande des Horizontes lagerten. Unter dem Nußbaum, der noch seine volle Laubkrone bewahrt hatte, stand Margarete, und wehmütige Gedanken zogen durch ihre Seele. Der Baum war ihr wie ein alter Freund, an den sich tausend liebe Erinnerungen knüpften: war er doch der Genosse ihrer kindlichen Spiele mit Berthold gewesen, hatte er doch dem tief ergreifenden, unvergeßlichen Abschiedsgespräch mit dem Bruder gelauscht und den Zwiegesängen mit Ulrich zugehört, in denen es beiden klar geworden war, daß sie zu einander gehörten. Von dem alten Nußbaum Abschied nehmen, das hieß scheiden von den geliebten Eltern und der teuern Heimat, von der eng umfriedeten, sorgsam behüteten Jugend und hinausschiffen auf das fremde Meer des Lebens, mit seinen Wellen und Stürmen, seinen unbekannten Landeplätzen. Aber dann trat Ulrichs Bild vor ihr inneres Auge, und mit ihm kehrte Mut, Vertrauen und Freudigkeit zurück; er war der rechte Steuermann, dem sie sich wohl für die unsichere Fahrt anvertrauen durfte, an seiner Seite wollte sie auch den Sturm nicht fürchten, sondern mit ihm vertrauend nach oben blicken, wo nach Nebel und Wolken Gottes Gnadensonne sicher wieder scheinen würde. So ging sie freudig und gefaßt ihrem Ehrentage entgegen. --
Die Hochzeit wurde mit der gediegenen Pracht ausgerichtet, die dem Reichtum und Ansehen des Patrizierhauses gebührte. Um die Mittagszeit erschien der Bräutigam, gefolgt von seinen Genossen, teils Jünglingen aus den vornehmsten Familien der Stadt, teils jungen Adligen, welche mit Ulrich verwandt waren. Einer unter ihnen war zum Sprecher auserkoren; er warb nach alter Sitte noch einmal in feierlicher Rede um die Braut, der Vater übergab sie ihm, und er führte sie dem Bräutigam zu, der sie mit vorgeschriebener Umarmung empfing. Dann ordnete sich der hochzeitliche Zug zum Gange nach der Kirche; bunte Teppiche bedeckten die Straße bis zum Gotteshause, und eine schaulustige Menge bildete ein dichtes Spalier. Voran schritt ein Beamter der Stadt, der mit seinem Stabe die Bahn frei hielt; ihm folgte Deodat mit Elsbeths ältestem Töchterlein, welche den Weg mit Blumen bestreuten; dann führte Ulrich Frau Ursula und Herr Wilibald die Braut. Herrlich waren die beiden Hochzeiter anzuschauen: Ulrich trug ein anschließendes Wams von dunkelrotem Samt mit Hänge-Ärmeln, das mit dunklem Pelz besetzt, an Brust und Nacken dreieckig ausgeschnitten war, darunter ein Untergewand von Goldbrokat mit engen Ärmeln, kurze, rote Beinkleider von Seide und lange, fest anliegende Strümpfe von gleicher Farbe. Ein purpurrotes Samtbarett mit wallender weißer Feder, das er erst an der Tafel mit einem grünen Kranz vertauschte, saß auf seinen vollen Locken, eine lange goldne Halskette, ein Geschenk seines kurfürstlichen Herrn, reichte ihm bis auf die Brust herab; am silberbeschlagenen Gürtel hing eine zierliche Ledertasche und ein Dolch in silberner Scheide. Margarete trug ein Kleid von rosenroter, schwerer Seide mit kostbarem, juwelengeschmücktem Gürtel; vorn keilförmig geteilt, ließ es ein Unterkleid von reichgemustertem Silberbrokat sehen. Das knappe Mieder mit den herabfallenden Ärmeln war mit Perlenschnüren zugenestelt, ein breites Halsband von Perlen und Diamanten, das fürstliche Hochzeitsgeschenk ihres Vaters, schlang sich um die feine Halskrause. Auf ihrem Haupt erhob sich ein luftiges Gestell von Draht, auf dem das grüne Jungfernkränzlein thronte, und von welchem der lange, zarte Spitzenschleier bis auf die Erde herabwallte. -- Als der Gottesdienst vorüber und die kirchliche Handlung beendet war, empfing eine Bande von Spielleuten an der Kirchthür den Hochzeitszug und stellte sich mit lustigem Geschmetter an die Spitze; dann folgte das junge Paar Hand in Hand. -- Endlich waren die treuen Herzen vereint und hatten ein heiliges Recht, einander anzugehören.
Ein festliches Hochzeitsmahl vereinte die Gäste im Ebnerhause, und die reichbesetzte Tafel bot einen prächtigen Anblick dar: stattliche Männer und schöne Frauen, köstliche Gewänder von Samt und Seide, mit edlem Pelzwerk verbrämt, mit funkelndem Geschmeide verziert, umgaben sie; reiches Gold- und Silbergeschirr, schön gearbeitete Becher, Kannen und Schüsseln, die alten und neuen Schätze der Tuchers und Ebners prangten darauf, und die Reihe der Gerichte und feurigen Weine war schier unabsehbar. Vergebens hatte Margarete versucht, Meister Andreas und seine Eva zu bewegen, an ihrem Feste teilzunehmen; sie fühlte sich ihnen zu innigstem Dank verpflichtet, obgleich sie nicht ahnte, durch welches Mittel der alte Meister den Widerstand ihres Vaters besiegt habe. Aber die beiden Alten dankten für die ihnen zugedachte Ehre; sie fühlten daß sie dort nicht hinein paßten, und begnügten sich mit den Besuchen, die ihnen die Verlobten in dankbarer Liebe abstatteten.
Am folgenden Tage veranstaltete Ulrich ein Fest auf der Nürnberger Burg, an dem zugleich die ganze Hochzeitsgesellschaft der Dürers und Fiedlers teilnahm. Alle angesehenen Leute Nürnbergs, auch die Künstler und höheren Zunftgenossen, waren dorthin geladen, und viele fanden sich ungebeten ein, um alle die Herrlichkeit wenigstens von weitem anzusehn. Musik, Gesang und Tanz vergnügte die Jugend; um die große Linde im Burghof führte man fröhliche Reigentänze auf, bei deren Anordnung sich besonders der Schwager Hans Fiedlers, der junge Albrecht Dürer, hervorthat. Mit künstlerischem Blick wußte er die schönsten Tanzfiguren einzuleiten und die schwierigsten Verschlingungen in anmutiger Gruppierung harmonisch aufzulösen. Alles schaute dem kunstreichen Tanz bewundernd zu, und der alte Maler Michael Wohlgemuth nickte wohlgefällig mit dem grauen Haupte: er war mit seinem Schüler zufrieden und prophezeite ihm eine glänzende Zukunft in der Kunst der Malerei, der er sich bereits gewidmet hatte.
Auf die festlichen Tage mit ihrem rauschenden Jubel folgten die Schmerzen und Thränen des Abschiedes. Lange hielten Mutter und Tochter sich umschlungen, als könnten sie nimmer voneinander lassen; in diesem Augenblick fühlten beide, daß sie einander nicht wiedersehen würden. -- Vor der Thür stand ein, für damalige Begriffe bequemer Reisewagen, der die beiden jungen Frauen aufnehmen sollte; die Männer ritten daneben, einige hochbeladene Packwagen mit Möbeln und Hausrat waren unter sicherer Bedeckung schon um einige Tagereisen vorausgeschickt. Herr Wilibald Ebner gab den Reisenden eine Strecke weit das Geleit; noch einmal schloß er Margarete in seine Arme und gab ihr seinen väterlichen Segen. Dann schüttelte er Ulrich die Hand: „Macht sie glücklich,“ sagte er mit halb erstickter Stimme, „und haltet sie hoch und wert, sie ist ein seltenes Kleinod. Solltet Ihr aber des märkischen Sandes und des Hofdienstes überdrüssig werden und Euch nach der alten Heimat zurücksehnen, so wisset, daß ich in meinem Testament Hohenheiligen Margareten als Erbteil verschrieben habe, daß es ihr und ihren Nachkommen für alle Zeit gehöre.“ Damit wendete er sein Pferd und sprengte, ohne sich umzuschauen, nach der Stadt zurück.
So zogen die vier jungen Menschen in der Vollkraft ihres Wollens und Könnens hinaus: der Edelmann aus altem Rittergeschlecht, die Patriziertochter und die beiden Handwerkerkinder, um sich im fremden Lande Haus und Heim zu gründen. Mit sich nahmen sie die höhere Bildung, die verfeinerten Lebensformen und die künstlerischen Interessen ihrer alten Heimat und pflanzten sie als fruchtbare Keime in den Boden der Mark ein. Neue Geschlechter erblühten dort, welche fester und treuer zu den stammverwandten Kurfürsten hielten, als die märkischen Junker, die zum Teil noch lange in ihren Zollern-Fürsten Fremde und Eindringlinge sahen, und ihnen feindselig gegenüberstanden. Aber die Einwanderer fanden dort auch Gutes und Treffliches vor, das sie mit Freuden annahmen und das sich in den Seelen ihrer Kinder festwurzelte, und so erwuchs allmählich aus der Verschmelzung der verschiedenen Elemente ein tüchtiger Stamm, der die Tugenden des Nordens und Südens in sich vereinte und in fleißiger Arbeit und redlichem Streben, in unwandelbarer Unterthanentreue und aufrichtiger Frömmigkeit den Thron des Herrschers als feste Stütze umgab.
[Illustration]
Neunzehntes Kapitel.
Nach vierzig Jahren.
Freunde der Jugend -- im Alter vereint: es trennt sie der Glaube, Hoffnungen sanken in Staub, aber die Liebe, sie bleibt!
Mehrere Jahrzehnte waren verflossen, eine neue Zeit war über Deutschland heraufgezogen. Der Schwan, den Meister Andreas so sehnsüchtig erwartet hatte, war hundert Jahre nach Hussens Tode erschienen: Luthers gewaltiges Auftreten lenkte das geistige Leben der Nation in ganz veränderte Bahnen. Alte Fesseln sprangen, gefangene Geister und Gewissen wurden frei; die dichte Wolke von Heiligen und Priestern, welche sich zwischen Erde und Himmel gedrängt hatte, teilte sich, und die frommen Herzen lernten ihren Weg zu Gott selbständig und ohne Fürsprecher finden. Die Klöster öffneten sich, und hunderte von Mönchen und Nonnen folgten dem Beispiel des Reformators, warfen die erzwungenen, oder als nichtig erkannten Gelübde von sich, um hinfort Gott nicht in beschaulichem Müßiggang, sondern in ehrlichem Arbeiten und Schaffen zu dienen. Auch in die Klassen der Mühseligen und Beladenen dieser Erde, vor allem in die der schwer gedrückten Bauern drang die frohe Botschaft von der evangelischen Freiheit und der Gleichheit aller Menschen vor Gott ein und wurde mit freudiger Hoffnung aufgenommen. Längst schon war ihnen das Joch der übermütigen geistlichen und weltlichen Herren unerträglich geworden; oft schon hatten sich hie und da Bauernbünde gebildet, welche die Befreiung der Unterdrückten anstrebten, jetzt kam ein neuer, mächtiger Antrieb in die Sache. Das Streben nach Abstellung des zeitlichen Elendes verband sich mit edleren Zielen, religiösen Gedanken und berief sich auf göttliche Gebote. Aber dem Edlen und Berechtigten mischten sich nur zu bald unreine Elemente bei; aufrührerische Geister predigten eine falsche Freiheit, ein gewaltsames Abschütteln aller alten Verpflichtungen. Ein Thomas Münzer, Jäcklin Rohrbach, Georg Metzler und andere entflammten durch Wort und Beispiel die Bauern zu furchtbarer Gewaltthat, und durch alle Gauen Deutschlands, vom Süden und Westen anfangend, zog sich der entsetzliche Bauernkrieg, der alles bedrohte, was vornehm, reich und gebildet war, oder unter der Herrschaft der Kirche stand.
Einige Meilen von Nürnberg entfernt, in der Nähe von Hohenheiligen, lag das Kloster gleichen Namens, das den Klarissinnen gehörte, einem Orden von der strengsten Regel. Das Kloster besaß ausgedehnte Ländereien und viele hörige Leute, die durch den adligen Klostervogt in tiefster Unterthänigkeit erhalten und zu harter Fronarbeit herangezogen wurden. Manches, was der Ritter versah, ward durch die Mildthätigkeit der Nonnen wieder gut gemacht; sie pflegten die Kranken, kleideten die Nackten, speisten die Hungrigen und erwarben sich manches „lohn’s Gott,“ während sich hinter dem Vogt oftmals eine schwielige Faust ballte und ein zorniger Mund ihm Rache schwur.
Im Sommer des Jahres 1525 war es, als sich von Weinsberg her, wo die Blutthat gegen den Grafen von Helfenstein Furcht und Entsetzen verbreitet hatte, die wilde Flut der Bauernbewegung gegen Würzburg wälzte; überall wurden Burgen und Klöster erstürmt und geplündert und die einheimische Bevölkerung zum bewaffneten Aufstande ermuntert. Ein räuberischer Haufe war bis nach Hohenheiligen gedrungen, hatte sich mit den hörigen Leuten des Klosters verbrüdert und beschlossen, den Vogt zu züchtigen und das reiche Klostergut an sich zu bringen.
Trefflich war der Überfall gelungen, der Ritter samt seinen Knechten war gefangen und unschädlich gemacht worden, ehe er sich um Beistand an seinen Nachbar wenden konnte; lärmend und tobend drang die wilde Horde gegen das Kloster vor. Die Thür, die fest verschlossen war, ward zertrümmert; wie ein reißender Strom ergoß sich die Rotte in die stillen Kreuzgänge. Nirgends war ein menschliches Wesen zu sehen, unheimliches Schweigen gähnte die Raubgesellen aus allen Winkeln und Zellen an. So drangen sie bis in die Kirche vor, aber hier hielten die rohen Männer unwillkürlich inne. Vor dem Altar, über dem die ewige Lampe schwebte, lagen die sämtlichen Nonnen auf den Knieen; in ihrer Mitte stand die Äbtissin, eine kleine, feine Gestalt im weißen, faltigen Rock und weißen Wimpel, der Brust und Hals in dicken Falten umgab. Vom Kopf herab wallte der schwarze Nonnenschleier bis zu den Ellenbogen, auf der Brust glänzte ein großes, goldenes Kreuz. In dem marmorweißen Antlitz stand keine Furcht geschrieben, nur feste Entschlossenheit; die dunklen Augen leuchteten in todesmutiger Ruhe; sie hielt den Anstürmenden ein Kruzifix entgegen, und ihre Lippen bewegten sich in leisem Gebet. Der Anblick hatte etwas überwältigend Feierliches, Ehrfurchtgebietendes; die von Hohenheiligen erinnerten sich plötzlich all der Wohlthaten, die ihre Frauen und Kinder hier empfangen hatten, sie senkten Spieße und Sensen und drückten sich still hinaus. Die Fremden aber ließen sich nicht lange einschüchtern; ein riesiger Bursche, der den Anführer machte, stellte sich der Äbtissin gegenüber und verlangte gutwillige Herausgabe aller Schätze, widrigenfalls er und seine Genossen sie mit Gewalt nehmen würden.
[Illustration: Der Retter in der Not.]
„Die heiligen Gefäße und Gerätschaften gehören nicht mir, sondern dem Kloster,“ erwiderte die Äbtissin mit klarer Stimme; „nie, so lange ich atme, werde ich das anvertraute Gut den Händen der Feinde unsrer heiligen Kirche übergeben.“
„Nehmt Euch in acht, Ihr winziges Milchgesicht!“ rief der Sprecher drohend, „es kostet mir nur ein Aufheben meines Spießes, so ist Euer kindischer Widerstand gebrochen, und Ihr liegt erschlagen am Boden. Aber Ihr seid ein so erbärmlich schwacher Widersacher, daß ich Gnade gegen Euch üben will, wenn Ihr ohne weitere Umstände meinem Befehl gehorcht. Ich will bis zwanzig zählen: legt Ihr inzwischen alle Eure verborgnen Kostbarkeiten vor uns nieder, so sollt Ihr ungeschoren bleiben; weigert Ihr Euch, so wird’s Euch schlimm ergehen, und wir nehmen, was wir begehren, mit Gewalt!“
Er fing langsam zu zählen an, regungslos blieb die Äbtissin vor ihm stehen, während die zitternden Nonnen sich näher an sie drängten. „Sechzehn, siebzehn, achtzehn,“ zählte der Bauer; schon hob er seinen Spieß, und seine Mordgesellen hielten ihre Waffen zum tödlichen Schlage bereit -- da fuhr plötzlich eine andre bewaffnete Schar auf die Räuber ein, Schwerter klirrten, Pistolenschüsse dröhnten durch die heilige Stätte. Ein wilder Kampf begann zwischen den Bauern und den neuen Ankömmlingen, welche durch eine Seitenpforte hinter dem Altar in die Kirche gedrungen waren und sämtlich die Abzeichen des Deutschen Ordens trugen. Der Anführer eilte auf die Äbtissin zu, schlug seinen weißen Mantel um sie und hob sie mit starken Armen empor. „Ihr müßt fliehen, hochwürdigste Frau!“ rief er ihr zu und schleppte sie durch das Pförtchen; eilenden Fußes folgten ihm die Nonnen. Er hob die Äbtissin auf sein Pferd und jagte mit ihr davon, während die frommen Schwestern ihr Heil in wilder Flucht suchten.
Das alles war so schnell und mit so unwiderstehlicher Gewalt vor sich gegangen, daß die geistliche Frau kaum zur Besinnung kam, geschweige denn einen Widerstand versuchen konnte. Nach einigen Minuten richtete sie sich auf und fragte in strengem Ton: „Wer seid Ihr, und wohin bringt Ihr mich?“
„Ich bringe Euch in Sicherheit, Irmgard von Maltheim,“ erwiderte der Ritter; „Euer todeskühner Leidensmut würde Euch diesen Buben gegenüber wenig genützt haben, und nicht unter ihren kirchenschänderischen Händen solltet Ihr Euer Leben aushauchen.“
„Ihr nennt einen Namen, der längst begraben ist,“ versetzte sie wehmutsvoll; „seit einem halben Jahrhundert habe ich Schwester Matthäa geheißen. Und Ihr? woher kennt Ihr meine Vergangenheit? von wannen kommt Ihr?“
„Kennt Ihr mich denn gar nicht mehr, Irmgard? ist kein Zug an mir, der Euch an die alte, längst verklungene, glückliche Jugend gemahnte?“
Sie sah ihn aufmerksam an. Das Gesicht war einst vielleicht schön gewesen, aber eine harte Zeit hatte es mit tiefen Furchen gezeichnet, Haare und Bart waren grau, und um den Mund lag ein Zug bitterer Enttäuschung. Nur in den dunklen Augen glühte noch das Feuer früherer Tage, -- und diese Augen, obwohl sie einst lachend und sorglos in die Welt hinausgeschaut, riefen ihr das Bild des Jugendfreundes zurück. „Ihr müßt Berthold Ebner sein,“ sagte sie, tief aufatmend.
„Ich +war+ es, aber auch ich habe diesen Namen längst begraben, meine Flucht aus dem Kloster hatte mich seiner unwert gemacht. Als mich der Hochmeister unsres Ordens zum Ritter schlug, legte er mir den Namen Berthold von Franken bei, und diesen habe ich seit vierzig Jahren, wie ich hoffe, nicht mit Unehren geführt.“
Vor ihnen tauchte jetzt ein schmuckes Herrenhaus auf, keine Burg mit Türmen und Gräben, mit Donnerbüchsen gespickt, sondern ein friedlicher Landsitz, der zwar von einer Mauer umgeben und mit starken Thoren versehen war, aber doch ein freundliches, ländliches Gepräge trug. „Wißt Ihr, wer hier wohnt?“ fragte Berthold.
„Auch ein Genosse unserer Jugend: Ulrich von Maltheim.“
„Mein Schwager Ulrich?“ rief er erstaunt, „welch wunderbares Zusammentreffen! Ich glaubte ihn in kurbrandenburgischen Diensten, wo ich ihn vor fünfzehn Jahren aufgesucht habe!“
„Er hat sich vom Hofdienst in diese ländliche Stille zurückgezogen. Hätte er nur geahnt, was uns drohte, er wäre uns gleich zu Hilfe geeilt, obgleich auch er unsrer heiligen Mutter Kirche untreu geworden und zum neuen Glauben übergetreten ist.“
„Darf ich Euch bitten, hier abzusteigen, Irmgard, und allein einzutreten?“ fragte Berthold, als sie am Thor angelangt waren, „ich muß zurück, um nach meinen Leuten zu sehen.“
„O ich bitte Euch, erkundigt Euch auch nach meinen armen Schwestern -- ich habe sie treulos in der Gefahr verlassen, wie ein Mietling, der den Wolf kommen sieht und flieht!“
„Ihr gehorchtet nur dem Zwange, auch hättet Ihr sie nicht schützen, nur mit Ihnen sterben können. Aber seid ohne Sorge, meine Leute werden den Rebellen wacker die Zähne gezeigt haben, und dieser elende Bauernpöbel flieht, sobald man ihm ernsthaft gegenübertritt.“
Als Berthold nach wenigen Stunden zurückkehrte, konnte er gute Nachricht mitbringen: die Ordensbrüder waren mit dem Bauerntrupp bald fertig geworden, der Vogt und seine Knechte waren befreit und das Kloster besetzt, um es gegen eine Wiederkehr der Aufrührer zu schützen. Mehrere Nonnen waren bereits zurückgekehrt, anderen, die sich in der Nähe verborgen, war Botschaft gesendet worden, daß sie nichts mehr zu fürchten hätten, einige freilich hatten die gute Gelegenheit benutzt, um die heimlich ersehnte Freiheit zu gewinnen. Die Äbtissin ließ sich, angesichts der hergestellten Sicherheit, überreden, den Tag über in dem verwandten Hause zu verweilen und erst zur Nacht in das Kloster zurückzukehren.
Es war ein wehmütiges, und doch unendlich wohlthuendes Beisammensein der alten, so lange getrennten Jugendgenossen, die hier in trautem Kreise ihre Lebensschicksale austauschten. Am wenigsten hatte Irmgard zu berichten; aus dem langen Gleichmaß ihrer Tage ragte eigentlich nur ein großes Ereignis hervor: ihre Wahl zur Äbtissin. Auch in ihre streng geregelte Gemeinschaft hatte die Kunde von Luthers Auftreten Eingang gefunden, aber die unwandelbare Festigkeit der Oberin, welche mit Liebe und ernstem Eifer über die ihr anvertrauten Seelen wachte, hatte bis jetzt noch jeden Abfall vom alten Glauben verhindert.
Viel bewegter war das Leben gewesen, von dem Ulrich und Margarete zu erzählen hatten. Manche Not und Widerwärtigkeit hatten sie in der Mark zu überwinden gehabt, wo die Zustände noch vielfach ungeordnet, die Mittel immer knapp waren. Aber die unverbrüchliche Liebe und Treue, welche die beiden Gatten vereinte, hatte weder in guten, noch in bösen Tagen gewankt, und wenn Ulrich in seinem Amt auf Schwierigkeiten stieß, wenn ihm zuweilen Hindernisse in den Weg traten, die seine guten Absichten kreuzten und ihm bittere Täuschungen bereiteten, so fand er in seinem Hause immer einen Hafen des Friedens, in dem seine Kraft sich stärkte und sein Streben neue Anregung fand. Nach Johann Ciceros Tode war Ulrich in den Dienst seines Nachfolgers, Joachims des Ersten, übergegangen und hatte denselben in seinem Bemühen, die Rechtspflege zu fördern und die Verwaltung in gedeihliche Bahnen zu lenken, mit all seinem Wissen und Wollen kräftig unterstützt. Als aber die neue Zeit anbrach und die Reformation ihren Siegeslauf begann, als Ulrich und sein Weib sich der reineren Lehre alsbald mit ganzem Herzen anschlossen, da hatte der Abscheu des Fürsten gegen die Neuerung seinem geheimen Rat den weiteren Dienst unmöglich gemacht, und derselbe hatte sich nach Hohenheiligen zurückgezogen, das nach des Vaters Tode Margareten zugefallen war. Hier führte er ein stilles Leben voll geistiger Arbeit, während sich sein Ehegemahl in der alten Heimat sehr glücklich fühlte. Sie sorgte wie eine Mutter für alle Elenden und Betrübten und ward von ihrer Umgebung unbeschreiblich verehrt. In Hohenheiligen hätten die Anführer sicher keinen Anklang mit ihren Aufreizungen gefunden, denn dort wurden alle gerechten Beschwerden liebevoll angehört und abgestellt; das kleinste Bäuerlein konnte seinen Acker in Frieden bauen und dessen Früchte ohne erdrückende Lasten und Fronen genießen.
Die Kinder des edlen Elternpaares waren in aller Welt zerstreut, die Söhne dienten verschiedenen Herren, nur der jüngste studierte, zur Freude seiner Mutter, zu Wittenberg die Gottesgelahrtheit, um einst ein Prediger des Evangeliums zu werden. Von den Töchtern war nur noch eine zu Hause, und ihre holde Jungfräulichkeit bildete einen lieblichen Gegensatz zu der matronenhaften Schönheit und Würde, welche Frau Margareten eigen waren. Unter der weißen Schleierhaube, die das ergraute Haar bedeckte, leuchteten deren graue Augen in ungetrübtem Glanze hervor, ein Hauch von Milde und Güte lag über den edlen Zügen, und die hohe, ungebeugte Gestalt kam auch in der schlichten Kleidung des Alters noch zu voller Geltung. --
Bertholds Geschichte war eine Kette trüber Täuschungen. Die Flucht aus dem Kloster hatte ihm wie ein schwerer Bann auf Seele und Gewissen gelegen; er konnte der gestohlenen Freiheit nicht froh werden, und sein Leben ward, wie das seiner Mutter, eine Reihe von Bußen, um diese Schuld zu sühnen. Nur zu bald hatte er erkennen müssen, daß er sein Leben an eine verlorne Sache gesetzt habe, daß der Deutsche Orden im Absterben sei und seinem Ende entgegeneile. Weder Friedrich von Sachsen, noch Albrecht von Brandenburg, die letzten Hochmeister, hatten es vermocht, dem Verderben Einhalt zu gebieten; von innen hatten sich die alten Bande der Zucht und Ehre völlig gelockert, von außen drohte Polen mit seiner Übermacht den Orden zu erdrücken, und die Kraft und Tapferkeit der Einzelnen erschöpfte sich in nutz- und ruhmlosen Kämpfen. Endlich hatte Albrecht Frieden mit der Krone Polen gemacht und über den Trümmern der Ordensherrschaft ein weltliches Herzogtum Preußen errichtet; dann hatte er den neuen Glauben angenommen und sich mit einer Fürstentochter vermählt. Aber nicht alle Ordensritter wollten sich der neuen Ordnung der Dinge fügen; viele zogen sich grollend zurück, unter ihnen Berthold, den das Gelübde seiner Mutter mit unzerreißbaren Banden gefangen hielt. Mit einer Schar gleichgesinnter Ordensbrüder, die ihn zum Anführer erwählten, hatte er das Preußenland verlassen, um nach dem Süden zu ziehen, wo der Deutschmeister Walter von Kronberg zu Mergentheim die zersprengten Reste vereinigte, und wo der Deutsche Orden noch lange ein schattenhaftes Dasein, ohne innere Kraft und Bedeutung, führen sollte. Die Zeiten des Rittertums waren unwiederbringlich dahin, selbst der ritterliche Kaiser Maximilian hatte die abgestorbenen Formen nicht neu beleben können. Man nannte ihn den letzten Ritter, und mit ihm ward die alte Zeit für immer begraben. --
„Was ist aus unserm Jugendgespielen Hans Fiedler geworden?“ fragte Berthold.
„Er ist in der Mark geblieben,“ versetzte die Schwester, „wo er eine ansehnliche Stellung als erster Baumeister des Kurfürsten einnimmt und ein reiches Feld für seine Gaben gefunden hat. Nach dem Tode unserer Mutter holte er unsre treue Afra zu sich; sie ist erst vor wenigen Jahren in hohem Alter gestorben, nachdem sie das Glück genossen, einen Kreis zahlreicher Enkel um sich erblühen zu sehen.“
Am folgenden Tage sandte Ulrich eine Botschaft an Elsbeth und Deodat in Nürnberg, daß der lang entbehrte Bruder eingekehrt sei, und entbot sie zu einem Gastmahl in seinem Hause. So waren einmal alle vier Geschwister unter einem Dache vereint: Berthold von Franken, Margarete von Maltheim, Elsbeth Tucherin und Deodat Ebner, und verschieden wie ihre Namen, waren auch ihre äußeren und inneren Verhältnisse. Deodat war wie Margarete mit voller Überzeugung der neuen Lehre beigetreten, Berthold hielt starr am alten Glauben fest, ohne die Berechtigung der Reformation zu prüfen, und auch Elsbeth war, wie ihr jüngst verstorbener Gatte, der alten Kirche treu geblieben, hatte es aber nicht hindern können, daß ihre Kinder meist in das Lager der Neuerer übergegangen waren. Berthold hatte seinen Kindertraum erfüllt gesehen: er war ein Ritter geworden, aber sein Glück hatte er nicht gefunden. Deodat war in seines Vaters Fußstapfen getreten und brachte den Namen Ebner zu neuem Ansehn und vermehrten Ehren in der alten Vaterstadt; auch hatte er mehrere Söhne, welche die von Herrn Wilibald ersehnte Fortdauer seines Geschlechtes verbürgten. Die Namen Ebner und Tucher blieben eng vereint, und die verbundenen Häuser standen noch lange in hoher Blüte, als ein würdiges Bild patrizischen Reichtums und bürgerlicher Ehrenhaftigkeit.
[Illustration]
Druck von +August Pries+ in Leipzig.
[Illustration:
Reich ausgestattete Mädchenbücher und Prachtwerke
aus dem Verlage von Ferdinand Hirt & Sohn in Leipzig.
]
[Illustration: Ankunft der Maltheimer im Ebnerhause.
Probebild aus: =Brigitte Augusti, Im Banne der freien Reichsstadt=. (S. S. 2.)]
❧ Reich ausgestattete Bücher für junge Mädchen. ❧
≡ Schriften von Brigitte Augusti. ≡
~_Nach dem allgemeinen Urteile ist es der schnell beliebt gewordenen Verfasserin vorzüglich gelungen, gediegene Erzählungen, reich an erziehlichem und belehrendem Inhalt, ins Leben zu rufen. Es seien deshalb insbesondere Eltern, Erzieher und Erzieherinnen auf diese vielverbreiteten, aufs beste ausgestatteten und mit Abbildungen der namhaftesten Maler versehenen Schriften aufmerksam gemacht._~
☛ Für das reifere Mädchenalter (14-18 Jahre). ☚
An deutschem Herd.
Kulturgeschichtliche Erzählungen aus alter und neuer Zeit =mit besonderer Berücksichtigung des Lebens der deutschen Frauen.=
Die Abbildungen von Prof. =W. Friedrich, W. Räuber, Hugo Engl= und =A. v. Rößler.= In fünf ganz selbständigen u. einzeln käuflichen Bänden: Prachtband je 6 _=M=_, geh. je 4,50 _=M=_.
I. Band: =Edelfalk und Waldvöglein.= Erzählung aus dem 13. Jahrhundert. II. Band: =Im Banne der freien Reichsstadt.= Erzählung aus d. 15. Jahrhundert. III. Band: =Das Pfarrhaus zu Tannenrode.= Bilder aus der Zeit d. 30jähr. Krieges. IV. Band: =Die letzten Maltheims.= Erzählung aus der Zeit Friedrichs des Großen. V. Band: =Die Erben von Scharfeneck.= Aus den Tagen der Königin Luise.
An fremdem Herd.
Bunte Bilder aus der Nähe und Ferne, mit besonderer Berücksichtigung =des häuslichen Lebens in verschiedenen Ländern.=
Mit Bildern von Prof. =Wold. Friedrich, O. Gerlach= und =C. H. Kuechler.= In vier ganz selbständigen und einzeln käuflichen Bänden: Prachtband je 6 =_M_=, geheftet je 4,50 =_M_=.
I. Band: =Gertruds Wanderjahre.= Erlebnisse eines deutschen Mädchens im Elsaß, in Spanien, Italien und Frankreich.
II. Band: =Zwillings-Schwestern.= Erlebnisse zweier deutscher Mädchen in Skandinavien und England.
III. Band: =Unter Palmen.= Schilderungen aus dem Leben und der Missionsarbeit der Europäer in Ostindien.
IV. Band: =Jenseit des Weltmeers.= Schilderungen aus dem nordamerikanischen Leben.
#☛ Mit diesen beiden Sammlungen hat sich +Brigitte Augusti+ einen ersten Namen als Jugendschriftstellerin gesichert. Die Kulturbilder „+An deutschem Herd+“ verfolgen nach dem Vorbilde der „Ahnen“ Gustav Freytags den Zweck, der weiblichen Jugend das Leben und Wirken unserer deutschen Frauen durch sieben Jahrhunderte hindurch an der Hand fortlaufender, aber selbständiger Erzählungen zu schildern, die durch ihren weitangelegten kulturgeschichtlichen Hintergrund eine sie hoch über die landläufige seichte Mädchenlitteratur erhebende Bedeutung gewinnen. -- Von nicht minder ungewöhnlicher Bedeutung ist die andere Sammlung „+An fremdem Herd+“, die sich auf geographisch-sittengeschichtlichem Boden bewegt, in der Jetztzeit spielt und das öffentliche und häusliche Frauenleben in den verschiedenen Ländern zum Gegenstande hat.#
[Illustration: Quer durch Indien.
Probebild aus: =Brigitte Augusti, Unter Palmen.= (S. gegenüber.)]
❧ Reich ausgestattete Bücher für junge Mädchen. ❧
≡ Schriften von Brigitte Augusti. ≡
☛ Für das reifere Mädchenalter (14-17 Jahre). ☚
Die folgenden drei Schriften sind erschienen bevor die Verfasserin die vorerwähnten beiden großen Sammlungen herausgab; alle 3 Bücher enthalten abgeschlossene Erzählungen, die aufs günstigste aufgenommen worden sind:
=Knospen und Blüten.= =Eine Erzählung für junge Mädchen.= Mit Titelbild. 2. Auflage. Reich geb. 3,50 _M_. Geh. 2,25 _M_.
=Mädchenlose.= =Bilder aus des Lebens Mai.= Mit Bildern von +J. Kleinmichel+. 2. Aufl. Reich geb. 4 _M_. Geh. 2,50 _M_. Hieran schließt sich zu gleichem Preise:
=Haus und Welt.= =Bilder aus des Lebens Mai.= Eine (selbständige) Fortsetzung der „Mädchenlose“. Mit Bildern von +J. Kleinmichel+.
= Eine neuere, recht beachtenswerte Schrift der Verfasserin ist: =
[Illustration: Königin Luise. Nach G. v. Kügelgen.]
Luise,
Königin von Preußen.
Ein Lebensbild,
deutschen Frauen und Mädchen gewidmet
von
Brigitte Augusti.
Mit vielen Abbildungen.
Steif geheftet 35 _Pf._
Geschenkausgabe, auf Velinpapier gedruckt und fein gebunden 1 _M_.
☛ Für Heranwachsende Mädchen (12-14 Jahre) ☚
sind von Frau +Brigitte Augusti+ unter Zugrundelegung der besten Erzählungen namhafter Jugendschriftstellerinnen des Auslandes in freien Bearbeitungen erschienen:
=Miriam, das Zigeunerkind.= Nach =J. Colombs= Werk: „~La fille des Bohémiens~“. Mit 8 Tonbildern u. vielen Abbild. im Text. Prachtb. 6 _M_. Geh. 4,50 _M_.
=Liebe um Liebe.= Nach =J. Colombs= Werk: „~Les étapes de Madeleine~“. Mit vielen Bildern. Prachtband 6 _M_. Geheftet 4,50 _M_.
☛ Der Titel dieser Schrift hat schon mehrfach zu Mißverständnissen geführt; es handelt sich um ein durchaus ernstes Buch, das mit den Liebeleien nichts zu thun hat, die in den modernen Schriften für die weibliche Jugend leider eine so große Rolle zu spielen pflegen.
=Im Kampfe des Lebens.= Nach =S. May’s= „=Die Mädchen von Quinnebasset=“. Prachtband 5 _M_. Geheftet 3,50 _M_.
= Ueber Brigitte Augustis neues Gedenkbuch „+In gutem Geleit+“ wolle man Seite 7 einsehen. =
❧ Reich ausgestattete Bücher für junge Mädchen. ❧
☛ Für das reifere Mädchenalter (14-18 Jahre). ☚
#Neuigkeit 1898#:
Maria und Martha.
Erzählung für erwachsene Mädchen
von
=Anna Gnevkow.=
Mit Abbildungen von +C. H. Kuechler+. Prachtband 3,50 _M_. Geheftet 2,25 _M_.
[Illustration]
=Müller-Liesel.= Eine Erzählung für erwachsene Mädchen von =Else Hofmann=. Mit Titelbild-Heliogravüre. Reich geb. 3,50 _M_. Geh. 2,25 _M_.
[Illustration]
=Erzählungen für die weibliche Jugend von Aurelie= († +Gräfin Baudissin+). I. =Der Opal.= II. =Die Stieftochter.= Mit Bildern von +W. Claudius+. 4. Auflage, in =neuer= Ausstattung. Reich gebunden 3,50 _M_. Geheftet 2,25 _M_.
=Elisabeths Winter und Frühling in Rom. Briefe eines jungen Mädchens in die Heimat= von =Olga Eschenbach=. Mit 16 Tonbildern, die Hauptsehenswürdigkeiten Roms berücksichtigend. 2. Ausgabe. Gebunden 4 _M_.
=Die ungleichen Schwestern= von =Angelika v. Lagerström=. 3. Auflage. Reich gebunden 3,50 _M_. Geheftet 2,25 _M_.
❧ Reich ausgestattete Bücher für junge Mädchen. ❧
≡ Schriften von Clementine Helm. ≡
☛ Für heranwachsende Mädchen (12-14 Jahre). ☚
[Illustration]
=Vater Carlets Pflegekind.= Nach =J. Colombs= Werk „=~La fille de Carilès~=“, gekrönt mit dem großen Monthyonpreise, bearbeitet. Mit 12 Separat- und vielen Textbildern. 6. Auflage.
=Doris und Dora.= =Eine Erzählung für junge Mädchen.= Freie Bearbeitung der französischen Erzählung: ~=Chloris et Jeanneton=~ von =Josephine Colomb=. Mit 12 Tonbildern und vielen Abbildungen im Text. 4. Auflage.
=Der Weg zum Glück.= Nach =J. Colombs= „=~Deux mères~=“ frei bearbeitet. Mit vielen Abbildungen. 2. Auflage.
= Preis jedes der drei Bücher in Prachtband 6 _M_, geheftet 4,50 _M_. =
☛ Diese Bearbeitungen der drei besten Colombschen Schriften durch Frau #=Clementine Helm=# haben allenthalben Anerkennung gefunden; Inhalt und Ausstattung sichern denselben einen ersten Platz in unserer Jugendlitteratur. „Vater Carlets Pflegekind“ ist eine +wirkliche Perle+ unter den Mädchenbüchern.
= Für Mädchen und Knaben von 9-13 Jahren ist bestimmt: =
=Rheinsagen=, der heranwachsenden Jugend erzählt von =Martin Claudius=. Mit vielen Abbildungen. 2. Auflage. Kartoniert 2,50 _M_.
☛ Für das jüngere Kindesalter und heranwachsende Mädchen und Knaben. ☚
= Zur Erlernung des Französischen und Englischen. =
~=Petit à Petit ou Premières Leçons de Français= par =A. Herding.= Pour les enfants de cinq à dix ans. Ouvrage illustré de 206 gravures, dessinées par Fedor Flinzer. Septième édition.~ Kartoniert 2,50 _M_.
~=By Little and Little or First English Lesson-Book for Children from five to ten years of age.= An Adaption of Mrs. A. Herding’s „Petit à Petit“ by =Hedwig Knittel=. With 206 Illustrations. +Second+ edition.~ Kart. 2,50 _M_.
= Zur Weiterführung des ersten französischen und englischen Unterrichts sind bestimmt: =
Thora Goldschmidt’s
Bildertafeln für den Unterricht im Französischen.
Bildertafeln für den Unterricht im Englischen. (#Neu!#)
26 Anschauungsbilder mit erläuterndem Text und einem ausführlichen Wörterverzeichnis. Für das deutsche Sprachgebiet autorisierte Ausgabe. Kartoniert je 2,50 _M_.
❧ Prachtwerke. -- Gedenkbücher. ❧
= Ein durch Inhalt, Ausstattung und handliches Format (Kleinquart) beliebtes =Prachtwerk= ist: =
[Illustration: Allzeit im Herrn.]
⇥ Eine Auswahl ⇤ =aus den Werken deutscher religiöser Dichtung=. Herausgegeben von =Bernhard Rogge=, ~D. theol.~, Kgl. Hofprediger. Mit einem einleitenden Gedicht von +Karl Gerok+.
Sehr reich mit Bildern geziert durch W. Claudius, Prof. W. Friedrich, Prof. B. Plockhorst, G. Wichtendahl und viele andere Künstler, nebst einer Heliogravüre nach Prof. A. Noack.
=Vierte Auflage.= Prachtband 12,50 _M_.
Der Herausgeber bietet mit dieser herrlichen Sammlung, die =+Karl Gerok+= würdig und sinnig eingeleitet hat, dem christlichen Hause eine inhaltlich wie äußerlich kostbare Gabe, in der die Schöpfungen unserer ersten Poeten älterer und neuerer Zeit -- die Perlen christlicher Dichtung und tiefempfundener Stimmungsbilder aus der Natur -- eingehend behandelt und durch prächtige Abbildungen ergänzt sind.
Bezüglich der Ausstattung und des Formates bildet zu vorgenanntem Werke ein Seitenstück:
=Im Wechsel der Tage= von =Adolf Brennecke=. =Unsere Jahreszeiten im Schmuck von Kunst und Dichtung.= Eine Auswahl aus den Werken unserer besten vaterländischen Dichter. Mit 3 Heliogravüren und vielen Holzschnitten. +Neunte+ Auflage. Prachtband 10 _M_.
Aus dem reichen Schatze unserer Litteratur haben die köstlichsten Perlen der Poesie in dieser wirklich vornehm und anmutig ausgestatteten und mit einem entzückenden und stimmungsvollen Bilderschmuck versehenen Anthologie Aufnahme gefunden. Als Zierde des Büchertisches und als ein für alle Gelegenheiten passendes und dauernd wertvolles Geschenk kann dieses Prachtwerk nicht genug empfohlen werden.
Als Gelegenheitsgeschenk wird gern gewählt die kleinere Sammlung:
=Ich grüße Dich!= Von =Anna Schauberg.= Lieder und Gedichte. +Zwölfte+ Auflage, gänzlich neu bearbeitet von =Siegfried Moltke-Raimund.= Mit einem Farbendruck Titelbilde, zahlreichen Abbildungen und farbiger Texteinfassung. Goldschnittband 3 _M_.
☛ Gedenkbücher. ☚
=In gutem Geleit= von =Brigitte Augusti.= Ein Denk- und Merkbüchlein für alle Tage des Jahres. Zusammengestellt und ihren jungen Freundinnen gewidmet. In reich ausgestattetem Goldschnittband 4 _M_.
Jeder Monat wird mit einem längeren Gedichte, jeder Tag mit einem kurzen, aber inhaltreichen Spruche begonnen. Für eigene Aufzeichnungen der Besitzerinnen des Buches ist hinreichend Raum gelassen und zu demselben Zwecke ein besonders festes, zart abgetöntes Papier in Anwendung gebracht worden. Besondere Sorgfalt ist auch auf originelle Ausstattung des Einbandes verwendet worden. (Die sonstigen Schriften =Brigitte Augustis= sind auf den Seiten 1-4 angezeigt!)
* * * * *
=Für den Lebensweg= von ~Lic. D. theol.~ =O. Riemann.= Gedenkblätter zur Erinnerung an den Konfirmationstag. In zwei Ausgaben.
=Pracht-Ausgabe= mit 4 Heliogravüren nach Originalen von Professor +Heinrich Hofmann+ und O. +Schulz+ und künstlerischen Holzschnitten. Prachtband 9 _M_.
=Kleine Ausgabe=, nur den mit farbiger Einfassung und bunten Kopfzeilen hergestellten Text, sowie die Holzschnitte enthaltend. Gebunden 4 _M_.
Durch die glänzende Ausstattung, das handliche Format (kl. 4°) und die sinnige Anordnung des Inhalts ist mit diesem +Gedenkbuche+ eine der schönsten Konfirmationsgaben geboten. Neben den poesievollen, echt christlichen Begleitworten des Herausgebers sind für die Widmung des Geschenkgebers, den Denkspruch des Konfirmators, für Erinnerungsworte der Eltern, Geschwister, Verwandten, sowie für die Freunde und Freundinnen bestimmte, zumeist mit Allegorien geschmückte Blätter vorgesehen.
❧ =Geschenkwerke= von =Helene Stökl=. ❧
[Illustration: Holzschnittreproduktion der Heliogravüre in „=Feierstunden der Seele=.“]
Auf der Schwelle des Lebens.
Herzensworte als Mitgabe für deutsche Töchter bei ihrer Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen von =Helene Stökl=.
Mit Titelbild. 4. Auflage. Prachtband 4 _M_.
Feierstunden der Seele.
Dichterklänge zur Erquickung und Erhebung von Herz und Geist ausgewählt von =Helene Stökl=.
Mit einer Heliogravüre. Prachtband 4 _M_.
Druck von +August Pries+ in Leipzig.