Chapter 7 of 11 · 3833 words · ~19 min read

Achtes Kapitel.

Des Studenten Auszug.

Eng wird dem Jüngling das Haus, es treibt ihn hinaus in die Ferne, Wo sich der strömende Quell ewiger Weisheit ergießt.

Mehrere Jahre waren verflossen; sie hatten auf Maltheim nur solche Veränderungen hervorgebracht, wie sie naturgemäß im Laufe der Zeit lagen. Aus dem Knaben Ulrich war ein schöner, schlanker Jüngling geworden, in jeder Rittertugend wohl erfahren und dabei von einer Geistesbildung, welche die seiner Standesgenossen weit überragte. Immer noch war Pater Benedikt sein Lehrer, aber fast hatte der Schüler ihn überholt, wenn auch nicht an eigentlicher Gelehrsamkeit, so doch an Freiheit und Tiefe der Gedanken und mit dem Fluge einer kühnen Phantasie. Er war der Stolz und die höchste Freude seiner Mutter und zugleich ihr vertrauter Freund und Berater, denn ihr Eheherr war inzwischen zu einem hilflosen Greise geworden, der sich mühsam von seinem Lager bis zu seinem Lehnstuhl schleppte und wochenlang sein Zimmer nicht verlassen konnte. Auch sein Geist war sehr gealtert; es fehlte Herrn Werner alles Verständnis für die Gegenwart, der er keine Teilnahme schenkte, dagegen lebte und webte er mit all seinen Gedanken in einer glänzenden Vergangenheit und wurde niemals müde, von den Thaten und Erlebnissen seiner jüngeren Jahre zu erzählen. Er fand eine stets aufmerksame Zuhörerin an Irmgard, die mittlerweile zu einem frühreifen Mädchen herangewachsen war. Die kleinen, zarten Formen ihres Körpers ließen kaum auf zehn Jahre schließen, aber der Glanz der dunklen Augen zeigte von einem ungewöhnlich regen Geistesleben, und das von langen, aschblonden Locken umrahmte Antlitz trug den Ausdruck eines viel reiferen Alters.

Frau Kunigunde saß in der tiefen Fensternische ihres Gemaches und schaute aufmerksam auf den Hof hinaus, wo Ulrich die Schwester im Reiten und Springen übte. Die zierliche Gestalt saß unerschütterlich fest im Sattel und führte jedes Gebot ihres Lehrmeisters mit voller Sicherheit aus. Es war ein hübsches Bild, und die Blicke der Mutter hingen mit stolzer Freude an den beiden Geschwistern, deren Liebe im Lauf der Jahre immer dieselbe geblieben war, wie verschieden sich auch ihr Sinn und ihre Neigungen entwickelt hatten.

Der Eintritt des Hauskaplans unterbrach die stillen Betrachtungen der Edelfrau; sie begrüßte ihn ehrerbietig und bot ihm einen Sitz in ihrer Nähe an. „Ich komme, edle Frau,“ begann er mit bewegter Stimme, „um Euch für viele friedliche Jahre zu danken, die ich in Eurem Hause verlebt habe, -- jetzt muß ich von Euch scheiden.“

„Ihr wollt uns verlassen, Pater Benedikt?“ fragte Frau Kunigunde überrascht. „Wir werden eine hirtenlose Schar sein, ohne Eure treue, väterliche Leitung, und was wird Ulrich beginnen, wenn er Eurer Unterweisung entbehren muß?“

„Das Gebot meiner Oberen ruft mich von hinnen, ich muß gehorchen, denn der Diener des Herrn darf, wie sein Meister, auf Erden keine bleibende Stätte haben. Aber ehe ich diesem Hause Valet sage, an dem mein Herz vielleicht fester hängt, als es einem Sohn der Kirche geziemt, möchte ich als treuer Freund und Beichtiger mit Euch über Ulrich sprechen. Sein grübelnder Geist braucht kräftige Nahrung, um sich nicht auf gefährliche Abwege zu verirren: schickt ihn nach Paris oder Bologna, damit er fleißig studiere.“

„Ich soll mich von ihm trennen?“ rief Frau Kunigunde erschrocken; „nein, Vater, verlangt nur das nicht von mir! sagt mir nicht, daß es meine Pflicht sei, meinen einzigen Sohn in die Fremde hinaus zu schicken und ohne ihn zu leben!“

„Und dennoch ist es Eure Pflicht, edle Frau, und ich weiß, Ihr werdet Euch derselben nicht entziehen. Eine Mutter darf nicht selbstsüchtig ihren Sohn der Welt vorenthalten, die an seine Kraft und seinen Verstand ein Anrecht hat. Laßt ihn auf vier, fünf Jahre hinausziehen, damit er fähig werde, die Stelle einzunehmen, für die ihm seine reichen Gaben verliehen sind. Dann wird Ulrich einst ein Mann werden, auf den Ihr mit Recht stolz sein dürft.“ --

Der Pater ging und ließ die Edelfrau in tiefer Bewegung zurück. Was blieb ihr denn noch, wenn Ulrich von ihr ging? Ihr Gatte war alt und hilflos, fast kindisch, und bei Irmgards Anblick wollte zuweilen ein quälender Zweifel ihre Seele beschleichen. Es war nun schon mehrere Jahre her, seit Walburg mit Klaus’ Erzählung hervorgetreten war und behauptet hatte, jener Findling sei heimlich in die Wiege des verstorbenen Kindes gelegt worden. Herr Werner hatte damals der Tochter in heftigem Zorn verboten, je wieder ein ähnliches Wort zu äußern, er hatte ihr mit völliger Enterbung gedroht, wenn sie solche schändlichen Lügen verbreite. Sollte er sein eigen Fleisch und Blut nicht kennen? konnte nicht ein Blinder merken, daß seine weiße Rose aus seinem alten Stammbaum erblüht sei? Aber in Frau Kunigundens Seele war seit jener Zeit ein Stachel zurückgeblieben; zuweilen starrte sie in Irmgards Antlitz, um darin die Spur verwandter Züge zu entdecken -- vergebens! Darin hatte Walburg sicher recht gehabt, daß das Mädchen weder Vater noch Mutter glich, und je mehr sie heranwuchs, um so mehr zeigte sich in ihr eine völlig eigenartige Schönheit. Bis jetzt hatte Frau von Maltheim noch nicht gewagt, gegen irgend jemand ein Wort von ihren Zweifeln zu äußern, doch stieg in ihrer Seele der Wunsch nach Gewißheit immer höher; sie beschloß, bei nächster Gelegenheit Frau Barbara aufzusuchen und sie vorsichtig auszuforschen.

Der Kaplan war abgereist, der Wille seiner Oberen berief ihn an die Frauenkirche zu Nürnberg, wo er dem alternden Propst, besonders als Kanzelredner, ein Beistand sein sollte. Niemand empfand die Lücke mehr, als Ulrich, der den trefflichen Lehrer täglich vermißte. Eines Tages kam er zu seiner Mutter und umfaßte sie liebevoll. „Lieb Mütterlein,“ flüsterte er in zärtlichem Ton, „hast du mich lieb? und bist du fest überzeugt, daß ich dich lieber habe, als alles andre auf der Welt?“

„Ja, mein Ulrich,“ erwiderte sie innig, „ich weiß es, und es ist mein bestes Glück.“

„Darf ich dir eine Bitte aussprechen?“

„Gewiß, mein Sohn; so viel in meinen Kräften steht, will ich dir von Herzen gern gewähren.“

„So gieb mich für ein paar Jahre frei und laß mich auf die Universität ziehen.“

„Ulrich!“ rief sie erschrocken, „bist du deiner Mutter und der Heimat müde geworden?“

„Nein, Mutter, das nicht, aber meine Seele dürstet nach den Tiefen der Erkenntnis, und ich möchte aus der Quelle der Weisheit selbst schöpfen. Jetzt hast du noch den Vater an deiner Seite; stehst du einmal allein da, so komme ich zurück, um deine Stütze zu sein.“ --

[Illustration: Ankunft der Maltheimer im Ebnerhause.]

Es kostete Frau Kunigunde einen harten Kampf, ehe sie einwilligen konnte; war es ihr doch, als ginge in ihrem Leben die Sonne unter, wenn ihr der Sohn fehlte, der ihres Herzens Freude und Wonne war. Aber auch in seiner Abwesenheit übte Pater Benedikt noch einen bestimmenden Einfluß auf sie aus; sie gedachte an die Gefahr für Ulrichs Seele, vor der jener gewarnt, wenn er seinen eignen Grübeleien überlassen bleibe, und mehr, als jeder andre Gedanke, bewog dieser sie, endlich mit schwerem Herzen ihre Zustimmung zu geben. Ihr Gatte war mit allem zufrieden; ihn kümmerte es wenig, ob Ulrich ging, wenn er nur seine kleine Irmgard um sich behielt.

Alle Vorbereitungen waren getroffen; in Begleitung eines treuen, lang erprobten Knechtes sollte Ulrich in die fremde Welt hinausziehen, seine Mutter und Schwester aber gedachten ihm zu Pferde das Geleit zu geben bis Nürnberg, wo sich der Jüngling von einigen alten Freunden verabschieden wollte.

Der kleine Reitertrupp hielt vor dem Ebnerhause still und pochte um Einlaß; alsbald öffnete Just das Thor und lud die Herrschaften ein, in den Hof zu reiten. Aus einer der Schreibstuben kam Berthold hervorgestürzt, gerade noch zur Zeit, um Irmgard vom Pferde zu heben und mit kräftigem Schwunge auf den Boden zu setzen. Frau Ursula erschien alsbald mit den Töchtern auf der Treppe, um die Gäste willkommen zu heißen, und es herrschte große Freude beim Anblick der Maltheimer, hatten sich doch die Frauen, trotz seltnen Verkehrs, immer eine herzliche Teilnahme bewahrt, während die Jünglinge die alte Kinderfreundschaft durch häufige Besuche in Maltheim oder Nürnberg warm erhalten hatten. Doch hatte es sich zufällig so getroffen, daß Frau Kunigunde und Irmgard die Ebnersche Familie nie auf dem Annenhof besucht hatten.

Es war ein köstlicher Spätsommertag, und nach eingenommenem Frühstück begab sich die junge Gesellschaft auf den Hof, wo man im Schatten des alten Nußbaums die milde Witterung besser genießen konnte, als in den Zimmern, in denen immer ein gedämpftes Licht und eine dumpfe Luft vorherrschten. Unwillkürlich gesellten sich Berthold und Irmgard, Ulrich und Margarete in vertraulichem Gespräch zu einander, und Elsbeth fühlte sich so überflüssig, daß sie sich gekränkt zurückzog. Sie fühlte sich stets gekränkt, wenn sie hinter der Schwester zurückstehen mußte, die mit ihrem ernsten, verständigen Wesen viel mehr Beachtung fand, als die kindische Elsbeth.

„Weißt du noch, Irmgard,“ sagte Berthold, „wie wir hier spielten, als du zum erstenmal nach der Stadt gekommen warst? Wir hatten eine Burg von Kisten und Fässern erbaut; du warst die gefangne Prinzessin und Hans der böse Riese, der dich bewachte, ich aber war der Recke, der alle Gefahren überwand und die Königstochter heimführte. Es war ein schönes Spiel, und ich habe noch oft daran gedacht.“

„Armer Berthold!“ sagte sie mitleidig, „damals meintest du, das Spiel sollte einmal Wirklichkeit werden, und jetzt sitzest du in der Schreibstube und fichtst mit dem Federkiel gegen lange Reihen von Zahlen -- ich ertrüge es nicht!“

„Ich würde es auch nicht ertragen, wenn ich es nicht meiner Mutter zuliebe thäte, sie wünscht es so sehr. -- Du wirst Ulrich sehr vermissen, Irmgard.“

„Gewiß, er ist so lieb und gut -- und doch kann ich ihn oft nicht begreifen, und ich glaube, du, Berthold, würdest an seiner Stelle ganz anders handeln.“

„Meinst du?“

„O, nicht wahr? du würdest dich nicht hinter Büchern vergraben, wenn du der Sohn eines alten, glorreichen Adelsgeschlechtes wärest, sondern in die Welt hinausziehen, um große Thaten zu thun und zu den alten Ruhmeskränzen einer glänzenden Vergangenheit neue Lorbeeren hinzuzufügen! Sieh, wenn ich höre, wie die Türken von allen Seiten gegen unsre Grenzen herandrängen, wie vergeblich der heilige Vater sich bemüht, einen Kreuzzug gegen sie zu predigen -- dann ergreift mich’s gewaltig; in meinem Innern fängt es an zu sieden und zu brennen, ich möchte Panzer und Schild anlegen und eine Kreuzesfahne in die Hand nehmen und allen, die ein Schwert schwingen können, zurufen: Auf, folgt mir, ich will euch zu Kampf und Sieg, zu unsterblichem Ruhm führen! O Berthold, wenn wir beide die Welt regieren könnten, wir würden die verhaßten Türken bald zu Paaren treiben und sie in die fernen, heidnischen Lande zurückjagen, aus denen sie hergekommen sind. Dann würdest du der König des befreiten Landes sein und ich deine Königin, und die ganze Welt würde voll werden von der Glorie unsrer Siege und unsres Namens!“

Er sah sie mit unverhohlnem Entzücken an, die kleine zarte Gestalt mit den großen leuchtenden Augen und den wallenden Locken, mit dem schneeweißen Rosengesicht, das von Begeisterung strahlte. „Würdest du wirklich meine Königin sein mögen, Irmgard?“

„Gewiß, wenn du ein Ritter wärest und herrliche Heldenthaten vollbracht hättest. Pater Benedikt hat mir einmal aus einer uralten Chronik vorgelesen, daß zwischen dem berühmtesten Ahnherrn unsres Hauses und einem Tucher von Nürnberg eine innige Freundschaft bestand, und daß sogar ein Tucher, der im Kriege zum Ritter geschlagen war, ein Fräulein von Maltheim heimführte. Ein tapferer Ritter und Kriegsheld ist selbst einer Fürstentochter ebenbürtig.“

„Aber wenn ich nun ein großer Kaufmann würde und unermeßliche Reichtümer erwürbe und dir alle Schätze zu Füßen legte, die nur mit Geld zu kaufen sind -- würdest du mir dann nicht auch deine Hand reichen?“

„Natürlich nicht! wie kannst du nur so seltsam fragen? Ein adliges Fräulein und ein bürgerlicher Kaufherr -- das paßt schlecht zusammen. Ich müßte auf meinen Gatten stolz sein können, und das würde ich nur, wenn er ein Held wäre.“ --

In einem ganz andern Ton verlief die Unterhaltung zwischen Ulrich und Margarete. „Wie freue ich mich,“ sagte sie, „daß endlich dein heißer Wunsch in Erfüllung geht und die Weisheit ihre goldenen Thore vor dir aufthut! Es ist nur traurig, daß du so weit in die Ferne gehst und uns nicht hin und wieder einige Brosamen aus der Fülle mitteilen kannst, in der du dort schwelgen wirst.“

„Ob ich wohl alles finden werde, was ich suche und hoffe?“ fragte Ulrich träumerisch. „Zuweilen überschleicht mich eine bange Furcht, als ob ich zu viel erwarte, denn es sind doch immer nur Menschen, die am Quell der Wahrheit sitzen und den Durstigen daraus mitteilen. Wie, wenn es auch dort noch Schranken und Schleier gäbe, welche die vollkommne Erkenntnis begrenzen und verhüllen?“

„Ich meine, du wirst die Wahrheit dort so rein schauen, wie es unser Blick überhaupt ertragen kann,“ erwiderte sie. „Vielleicht ist die höchste, göttliche Wahrheit so strahlend hell, daß ein Menschenauge sich davor senken muß.“

Er ergriff ihre Hand. „Du hast recht, Margarete, mich zur Demut zu mahnen. Ich bin nur zu geneigt, zu glauben, daß meiner Seele nichts zu hoch ist, daß ihre Flügel mich weiter zu tragen vermögen, als andere.“

„Entsinnst du dich noch, Ulrich, wie du mir einst die Geschichte von Dädalus und Ikarus erzähltest? Ich habe sie nie vergessen und daran gelernt, den kühnen Flug zu mäßigen, daß er uns nicht, statt zur Sonne, in Nacht und Verderben führe. Aber ich bin auch nur ein Mädchen, das sich bald bescheiden und seine Gedanken denen weiserer Leute unterordnen muß.“

„Du triffst immer das Rechte, Margarete. Wie oft hat dein kindlicher Sinn schon vor Jahren eine Wahrheit erfaßt, die ich mit allem Klügeln und Grübeln nicht gefunden hatte. Ich wollte, du könntest mit mir gehen und mich vor den Abgründen warnen, die mein aufwärts gerichteter Blick nur zu oft übersieht. O Gretchen, mit dir vereint zu suchen und zu forschen, alles Erworbene vor deinen klaren Blick zu bringen, der so unfehlbar das Wahre vom Falschen zu unterscheiden vermag -- das müßte das höchste Glück auf Erden sein.“

„Du denkst viel zu hoch von mir, Ulrich; wie sollte mein kleiner Kopf deinem großen Streben gewachsen sein! -- Wann denkst du aufzubrechen?“

„Morgen mit dem frühesten; ich muß heute noch von Pater Benedikt und unserm wackern Hans Abschied nehmen. Wo ist Hans? ich sah ihn noch nicht.“

„Er ist seit kurzem in Meister Kraffts Werkstätte als Lehrling eingetreten, und Onkel Adam verheißt, einen tüchtigen Steinmetz aus ihm zu machen.“ --

In der tiefen, lauschigen Fensternische in Frau Ursulas Gemach saßen die beiden Frauen in eifrigem Gespräch. Die Kinder bildeten ein unerschöpfliches Thema; jede hatte so viel von den ihrigen zu sagen, so viel zu loben, auch wohl einiges zu tadeln, was doch wieder entschuldigt werden mußte.

„Ich bewundre Euch, Kunigunde, daß Ihr Ulrich von Euch laßt,“ sagte die Ebnerin, „ich vermöchte es nicht. So zärtlich ich meine Mädchen liebe -- an Berthold reichen sie doch nicht heran und könnten ihn mir nicht ersetzen. Zu denken, daß ich auf Jahre seinen Anblick entbehren sollte -- nein, es wäre unmöglich.“

„So habe ich zuerst auch gedacht,“ sagte die Edelfrau mit einem tiefen Seufzer, „und endlich habe ich doch nachgegeben. Was thut eine Mutter nicht, um ihren Liebling glücklich zu machen, um seine Seele vor jeder Gefahr zu behüten? Sollte ich zusehen, wie sich Ulrich in Sehnsucht verzehrte? ich konnte ihm doch die Weisheit nicht bieten, nach der es ihn so heiß verlangt. -- Aber ich habe noch Wichtiges mit Eurem Gatten zu besprechen, Ursula. Mein Herr hat ihm Hohenheiligen verpfändet; wir können es jetzt nicht einlösen, brauchen aber flüssiges Geld für Ulrichs Reise und Studium. Wollt Ihr mit Eurem Eheherrn reden, unter welchen Bedingungen er es, unter Vorbehalt der Burgruine, als Eigentum behalten will?“

„Ihr wollt den alten Besitz Eures Hauses aus den Händen geben?“ fragte Ursula erstaunt, „das ist freilich auch ein großes Opfer, das Ihr Eurem Sohne bringt! Hoffentlich denkt Junker Veit nicht daran, in die alte Burg zurückzukehren?“

„Ihr könnt es nicht heißer wünschen, als ich, daß er und sein Weib uns für immer fernbleiben. Es ist eine Schmach, solch einen wüsten Gesellen seinen Eidam nennen zu müssen! Wir haben lange nichts von beiden gehört und hoffen, er hat wieder in Ungarn lohnenden Dienst gefunden. Doch jetzt entschuldigt mich, ich muß einen Gang in die Stadt machen.“

„Ich erwarte Euch zum Mittagessen zurück, Kunigunde, und ich hoffe, Ihr und Eure Kinder werdet die Gastfreundschaft unsres Hauses nicht verschmähen, solange es Euch gefällt, in Nürnberg zu verweilen.“

Dankbar nahm Frau Kunigunde das Anerbieten an und ließ sich dann von Ulrich in die Laufergasse führen, wo unweit des Thores ein großes Schild zum Besuch der Schenke „zum blauen Affen“ einlud. Der blaue Affe selbst hielt ein so gewaltiges Maß Bier in der Hand und fletschte so vergnügt die Zähne, daß jedermann es auf einen Blick erkennen konnte, wie vorzüglich jeder Gast hier aufgehoben wäre. Um diese Vormittagsstunde war jedoch die Schenkstube leer; Frau Barbara, die Wirtin, saß mit ihrem Spinnrad am Fenster und kommandierte ihre Töchter, zwei hübsche, dralle Dirnen, welche damit beschäftigt waren, Becher und Gefäße blank zu putzen und alles in sauberer Ordnung auf die Regale zu stellen. Frau Bärbel hatte sich in den acht Jahren ihres städtischen Lebens eine behagliche Rundung zugelegt, welche als ein Aushängeschild zur Empfehlung ihrer vortrefflichen Küche dienen konnte, selbst der jahrelange Kummer um den Verlust ihres Gatten hatte diese üppige Fülle nicht zu mindern vermocht. Dennoch sprang sie mit Behendigkeit auf, als Frau Kunigunde und Ulrich eintraten, denn solche Gäste verkehrten selten im blauen Affen, und es kostete ihr auch wenig Mühe, ihre ehemalige Herrschaft zu erkennen.

„Gottwillkommen! Gottwillkommen!“ rief sie in überströmender Freude, „o meine edle Gebieterin, welch ein Glück, Euch hier zu sehen! Teurer Junker, wie groß und schön seid Ihr geworden! Sankt Georg selber kann nicht herrlicher ausgesehen haben, als Ihr! Welch ein gesegneter Tag! Trudel, Nelleke, kommt und küßt der Herrin die Hand! wischt die Stühle ab, daß die hohen Gäste sich setzen mögen. Verschmäht es nicht, edelste Frau, und Ihr, mein schönster Junker, eine kleine Weile unter meinem bescheidenen Dach zu rasten -- wollt Ihr mir gestatten, Euch in aller Demut eine Erfrischung anzubieten?“

Frau Kunigunde dankte, und Ulrich empfahl sich mit einigen freundlichen Worten, um Pater Benedikt aufzusuchen. „Kann ich ein paar Augenblicke mit dir allein sprechen?“ fragte die Edelfrau.

„Gewiß, meine gnädige Herrin, Ihr habt über mich und mein Haus zu gebieten. Ist’s auch nur klein und bescheiden, so hoffe ich doch, es ist so schmuck und rein, daß es selbst eine Königin betreten könnte, ohne an ihrer Würde Schaden zu nehmen. Und ich danke es doch zumeist Eurer Güte, meine edle Gebieterin, daß ich das Häuschen erwerben konnte, das mir und meinen verwaisten Mädchen Obdach und Unterhalt bietet -- verwaist, ach heiliger Sebaldus, ich weiß nicht einmal, ob sie Waisen sind oder nicht, denn ihr Vater ...“ Ein rechtzeitiger Thränenstrom schnitt den weiteren Redefluß ab, und da Frau Kunigunde eine ungeduldige Gebärde machte, wischte Bärbel sich die nassen Augen und führte den Gast in ein kleines Seitenzimmer, von dem aus man durch ein Schiebefensterchen die Schenkstube übersehen konnte. Sie rieb mit ihrer Schürze den sauberen Stuhl noch einmal ab und lud die Dame zum Sitzen ein, während sie selbst vor ihr stehen blieb.

„Du erinnerst dich noch genau des Tages,“ begann Frau von Maltheim, „als meine kleine Irmgard auf dem Tode lag? erzähle mir genau jeden Umstand, der sich damals ereignete. Was du mir auch bekennen magst, Barbara, du wirst keiner Strafe verfallen, nur berichte mir die ganze Wahrheit.“

„Ich kann Euch heute nichts anderes sagen, als ich damals gesagt habe, edle Frau,“ versetzte Barbara betroffen -- die unerwartete Anrede brachte sie aus der Fassung und hemmte die gewohnte Redefertigkeit.

„Was wurde aus dem Kinde, das Klaus auf dem Wege gefunden und dir gebracht hatte?“ fragte Frau Kunigunde und sah die andre forschend an.

Frau Bärbels purpurne Wangen wurden bleich vor Schrecken, sie ließ sich zitternd auf einen Schemel fallen. „Ihr wißt ....“ stotterte sie.

„Du siehst, ich weiß alles, also leugne nicht länger.“

Die Wirtin bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und schwieg einige Sekunden, dann stand sie entschlossen auf und sagte ruhig: „Edle Gebieterin, ich habe damals ein großes Unrecht begangen, als ich von dem gefundenen Kinde schwieg. Es war ein elendes Würmchen, das kaum noch atmete, als ich es in Händen hielt. Es starb alsbald, und um keinen Lärm zu machen, habe ich es in der Stille im Garten verscharrt und niemand etwas davon gesagt. Als unsre kleine Irmgard dann so wunderbar genas und alles voll Dank und Freude war, habe ich an das arme Ding kaum noch gedacht, und ich begreife nicht, wie Ihr nach so langer Zeit noch etwas davon erfahren habt.“

Frau Kunigunde sah ein, daß es vergeblich sein würde, noch weiter in Barbara zu dringen; entweder sie sprach die Wahrheit, oder sie erzählte eine höchst wahrscheinliche Geschichte, deren Unrichtigkeit niemand nachzuweisen vermochte. Doch überredete sie sich gern, daß sie jetzt die volle Wahrheit erfahren habe und sich dabei beruhigen dürfe.

Klar und sonnig zog der nächste Morgen am Himmel herauf, -- was fragte die Natur nach dem Schmerz, der ein Mutterherz durchschnitt, welches sein Liebstes in die Fremde ziehen ließ? Monate konnten vergehen, ehe auch nur eine Kunde von ihm an ihr Ohr drang, Jahre, ehe ihr Auge ihn wieder erblickte! Die Mutter nahm in ihrer Kammer von dem Sohne Abschied und warf sich dann weinend und betend vor dem Kruzifix nieder; die andern umstanden den Abreisenden auf dem Hofe und hatten ihm noch unzählige Abschiedsworte zuzurufen. Sein letzter Händedruck galt Margareten. „Vergiß mein nicht!“ sagte er leise, „ich werde deiner treu gedenken!“ Sie nickte unter Thränen und lief nach dem Erker hinauf, um ihm nachzublicken, wenn er die Straße erreichte. Wie stattlich sah er aus in dem dunklen, enganliegenden Wams von flandrischem Tuch, dem kurzen, pelzverbrämten Mantel, mit dem langen Schwert an der Seite, den Pistolen im Gürtel und dem Barett mit den wehenden Federn auf den goldenen Locken! Er grüßte hinauf und schwang sein Hütlein im frischen Morgenwinde, dann trieb er das Pferd an und sprengte mit seinem Begleiter davon. Noch einmal, an der Ecke, wendete er den Blick zurück, sah die Tücher flattern und zerdrückte eine Thräne im Auge. „Vorwärts mit Gott und Sankt Augustin!“ rief er entschlossen, und bald lag die Stadt mit ihren Häusern und Thoren weit hinter ihm. --

Kurz darauf verabschiedeten sich auch Frau Kunigunde und Irmgard vom Ebnerhause und kehrten auf ihre einsame Burg zurück. Der Mutter erschien sie öde und leer, und mit Gewalt mußte sie sich zu Erfüllung der gewohnten Pflichten zwingen, während Irmgard sich durch das Entzücken ihres Vaters über ihre Heimkehr einigermaßen trösten ließ.

Als die Gäste fort waren, kam Herr Wilibald Ebner mit einem Ausdruck des Triumphes zu seiner Gattin. „Wünsche mir Glück, Ursula, Hohenheiligen ist mein! mühelos, wie eine reife Frucht ist mir’s in den Schoß gefallen.“

„Macht Euch das so froh, lieber Herr?“

„Sehr froh; es wird meinem Namen neuen Glanz verleihen. Wilibald Ebner von Hohenheiligen -- klingt das nicht ebenso vornehm, wie einer der alten Ritternamen?“

Sie sah ihn überrascht an. „Ich glaubte, Ihr haßtet den Adel, Wilibald.“

„Ich hasse ihn, so lange er über mir steht und hochmütig auf mich herabblickt; wenn ich ihn besiegt habe, hört der Haß auf. Meine Kinder sollen nicht geringer sein, als die der stolzen Burgherren, und mein Sohn soll einen angesehenen Namen auf seine Nachkommen vererben!“

[Illustration]