Neuntes Kapitel.
Der Sturz des Tyrannen.
Zittre, du blut’ger Tyrann! denn über dir thronet ein Rächer, Der dich vom prangenden Stuhl stürzt in die Tiefe hinab.
Es war im März des Jahres 1477. In der Schenke zum blauen Affen ging es heute sehr lebhaft zu, Trudel und Nelleke hatten alle Hände voll zu thun, um die Gäste zu bedienen; sie flogen mit leeren und vollen Bierkrügen hin und her, während Frau Bärbel in einsamer Hoheit hinter dem Schenktisch thronte und mit Feldherrnblick das bunte Gewühl überschaute. Sie behielt jeden Trinker im Auge und schrieb auf die schwarze Tafel mit Kreide allerlei Hieroglyphen, welche jedem andern unverständlich waren, von ihr aber mit unfehlbarer Sicherheit in die Rechnung für den betreffenden Zecher übersetzt wurden. Es war ein entlassener Kriegsknecht eingetroffen, von Geburt ein Nürnberger, der in burgundischem Sold gestanden hatte und nun in die Heimat zurückgekehrt war. Er hatte viel zu berichten; der Kreis, der sich um ihn sammelte, wurde immer größer und dichter, und immer wieder öffnete sich mit schrillem Glockenton die Thür, um neue Gäste einzulassen.
Ein wenig abseits von dem großen Haufen saß an einem kleinen Tischchen Hans Fiedler. Er kam oft hierher, aber nicht, um zu zechen, sondern um zu zeichnen, denn er fand hier manchen interessanten Charakterkopf, an dem er seine Studien machte. Frau Bärbel war ihm sehr gewogen, denn sie kannte seine Großmutter von altersher und schenkte ihm stets ein volleres Maß Bier ein, als sein schmaler Beutel ihm zu bezahlen erlaubte. Während er aufmerksam die Gruppe der Männer beobachtete und ihre Gesichter festzuhalten suchte, lauschte er zugleich auf ihr Gespräch.
„Ja, ja, so ist es,“ sagte der Kriegsknecht, „Ihr mögt es glauben oder nicht, der mächtige Burgunderherzog ist tot, mausetot; die schweizerischen Eidgenossen haben ihm den Garaus gemacht. Bei Granson verlor er das Gut, bei Murten den Mut, bei Nanzig das Blut -- nun ist’s vorbei mit all seiner Herrlichkeit. Ich selbst war unter denen, die seine Leiche suchten und endlich in einem Graben fanden, halb entkleidet, von Speerstichen durchbohrt, mit geronnenem Blut überströmt -- ein jammervoller Anblick!“
„Ist’s möglich? -- entsetzlich! -- solch ein großmächtiger Herr -- Hochmut kommt vor dem Fall“ -- so scholl es von allen Seiten durcheinander.
„Aber erzählt uns alles ordentlich der Reihe nach,“ rief einer; „man munkelte schon im Herbst von großen Niederlagen, aber so schlimm hat man sich’s doch nicht gedacht.“
„Ja, ja, erzählt, Freund Nepomuk,“ riefen viele, „besser, als von Euch, der Ihr alles selbst erlebt habt, können wir’s nicht erfahren.“
Der Kriegsknecht that einen tiefen Zug und begann: „Um Lichtmeß vorigen Jahres war’s, da zog das burgundische Heer über das Juragebirge ins Waadtland, um die Schweizer zu bekriegen, die dem Herzog viel Schaden zugefügt hatten. Es war ein stattlicher Heereszug, eine prächtige Reiterei in stolzen Waffen, die stärksten Kanonen, die noch die Welt gesehen, und wir alle dachten, mit den armen Hirten schnell fertig zu werden. Wir rückten auf Bern zu und standen am Neuenburger See, als uns die Eidgenossen entgegenkamen, alle zu Fuß, mit Schwert und Lanze bewaffnet, kaum etliche hundert Reiter darunter. Beim Anblick unsres gewaltigen Heeres, das durch den See und die Berge, durch furchtbare Geschütze und eine starke Wagenburg nach allen Seiten gedeckt war, fiel das Bauernvolk auf die Kniee und hob die Hände zum Himmel empor; sie riefen nach der Väter Sitte zum Herrn der Heerscharen, wir aber glaubten, sie flehten um Gnade, und mit Hohngelächter drang unsere Reiterei vor. Aber die Ebene war zu schmal, die Lanzen der Schweizer starrten den Pferden entgegen wie ein undurchdringlicher Wall. Der Herzog befahl den Rückzug, um einen besseren Kampfplatz zu gewinnen, es gelang, -- die stramme Ordnung der Eidgenossen lockerte sich -- schon drängten wir sie nach dem See -- da erschien plötzlich auf der Höhe neues Kriegsvolk -- die gewaltigen Schlachthörner, der Stier von Uri und die Kuh von Unterwalden, erfüllten die Luft mit furchtbarem Getön, und wie die Sonne die Waffen der Ankommenden bestrahlte, da war es, als stiege ein Heer von Riesen von den Bergen herab. Ein panischer Schrecken befiel das Burgunderheer, alles schrie: rette sich, wer kann! und ergriff die Flucht; wie der Rauch vom Nordwind, so waren bald die Scharen nach allen Richtungen versprengt. Vergebens schwang der Herzog das blanke Schwert und suchte die Seinen zu halten -- da half kein Drohen, kein Bitten und Befehlen; er selbst mußte eilends seinen besten Renner besteigen und fliehen. Unser fünfe waren es, die ihn begleiteten, und einen schärferen Ritt habe ich mein Lebtag nicht gemacht; erst sechzehn Stunden von Granson machten wir Halt. Die Prachtgezelte des Fürsten und seiner Edlen, die herrlich gestickten Decken und Gewänder, die Masse von goldenen und silbernen Gefäßen, die kostbaren Reliquien, die Flut von Edelsteinen und gemünztem Gelde -- das alles fiel den Eidgenossen in die Hände, die es kaum zu schätzen wußten. Man sagt, sie hätten Gold und Silber mit Hüten ausgemessen und verteilt, und gestickte Seide und feinste Leinwand wie in einem Kramladen nach der Elle zerschnitten.“
Mit angehaltenem Atem lauschte der Kreis der Zuhörer, auch Trudel und Nelleke hatten sich ganz nah herangedrängt, um kein Wort zu verlieren. Die Beschreibung der Schlacht hörten alle in gespanntem Schweigen zu, aber bei der Schilderung der Schätze wurde es lebhaft; da war keiner, der nicht gewünscht hätte, bei der Plünderung gewesen zu sein und seinen Teil an der reichen Beute gehabt zu haben. „Habt Ihr all die Herrlichkeiten selbst gesehen? -- erzählt uns doch mehr davon -- warum nahm der Herzog so viel Schätze mit auf den Kriegszug? -- o diese glücklichen Schweizer! ich hätte die Seide wohl besser zu schätzen gewußt -- ach, nur ein Hütlein voll Gold oder Silber --“ so klang es wirr durcheinander.
„Schweigt still!“ rief eine starke Stimme dazwischen, „und laßt den Nepomuk weiter erzählen, er ist noch lange nicht zu Ende. Trudel, mein Täubchen, bring dem wackern Gesellen einen frischen Krug vom besten Bier, damit er sich die Kehle anfeuchte, und schreib’s auf meine Rechnung!“
Wieder herrschte tiefe Stille, und der Kriegsmann begann von neuem: „Das war am ersten März. Wie schwer auch der Herzog getroffen war, so verlor er doch nicht den Mut, sondern rüstete sofort mit allen Kräften, um die Scharte blutig auszuwetzen. Im Mai hielt er Heerschau bei Lausanne -- es war immer noch ein prächtiges Heer, aber er war nicht mehr derselbe, der er gewesen; seine Wangen waren fahl, sein Blick unstet und düster, seine Stimme drang hohl aus beklommener Brust. Alle Fürsten und Könige hatten ihm abgeraten, den Kampf zu erneuern, aber er schlug alle Mahnungen in den Wind -- er wollte um jeden Preis seine kriegerische Ehre retten. Im Juni stießen wir bei Murten auf den Feind; unser Fußvolk stand in gewaltigen Haufen, auf den Flügeln die Reiterei, das Geschütz in der Front, durch einen starken Verhau gedeckt, davor ein tiefer Graben. Der Himmel war mit schweren Wolken verhangen, als aber die Eidgenossen zum Gebet niederknieten, brach die Sonne in voller Pracht hindurch. Da erhoben sie sich, und mit dem Schlachtruf: Granson, Granson! stürzten sie mit entsetzlichem Anprall auf uns los. Unsre Geschütze rissen ihre Reihen nieder, die Reiterei brach in ihr festes Viereck ein, bald türmte sich ein Wall von Leichen vor dem Verhau auf. Aber plötzlich gab es mitten in unserer Schlachtordnung einen grausen Tumult: ein Trupp Schweizer hatte den Verhau umschlichen und fiel uns mit lautem Geschrei in die Flanke, -- während der herrschenden Bestürzung drangen die Eidgenossen vorn vor, stürzten sich in den Graben und bauten mit ihren Leibern eine Brücke, zerrissen den Verhau und richteten unsre eignen Geschütze auf uns. Da war’s denn aus mit all unsrer Siegeshoffnung.
Wieder mußte der Herzog fliehen, tausende von burgundischen und flandrischen Edelleuten blieben tot auf dem Schlachtfelde, die zersprengten Heerhaufen irrten im Jura, im Waadtlande umher und suchten sich vergebens vor der Wut der Schweizer zu retten. Die gaben keinen Pardon und machten keine Gefangnen; ohne Ansehen ward alles getötet, was in ihre Hände fiel. Wie Raben und Krähen schossen sie die Flüchtlinge von den Nußbäumen herab, in deren dichten Kronen jene sich verborgen hatten; wie die wilden Enten jagten sie dieselben aus dem Schilf des Murtener Sees auf und trieben sie ins Wasser, bis sie untersanken. Wie ich mit dem Leben davongekommen bin, weiß ich nicht zu sagen; drei Pferde wurden mir unter dem Leibe erstochen, mich selbst traf keine Kugel und keine Hellebarde -- Sankt Sebald, mein Schutzpatron, hielt seine Hand über mir und führte mich nach dem blutigen Tage von Nanzig sicher und unversehrt heim in die alte Vaterstadt.“
Längst war Hans der Stift entfallen, er hatte seine Zeichnung vergessen und horchte mit allen Sinnen auf die Erzählung des Kriegsknechtes. Mit welcher greifbaren Deutlichkeit stiegen die Erlebnisse seiner Kindheit vor ihm auf! Er sah sich mit den Eltern und hunderten anderer Flüchtlinge im Ardennerwald umherirren, aus jeder Ruhe aufgescheucht durch die wilden Söldner des Burgunderherzogs; er hörte vor seinem Ohr die entsetzlichen Flüche und Verwünschungen wiederklingen, welche die Gehetzten gegen den blutigen, unbarmherzigen Herrn ausstießen, das Röcheln der Sterbenden, den Jammer der Überlebenden. Nun hatte die Rache des Höchsten ihn erreicht, der so hoch und unerschütterlich fest zu stehen schien; nun hatte er selbst all das Elend zertrümmerter Hoffnungen, die Angst der Flucht und zuletzt den jammervollsten Tod erleiden müssen! Hans fühlte sich in tiefster Seele erschüttert; es zog ihn plötzlich unwiderstehlich zu seiner Mutter hin, die er in der letzten Zeit selten besucht hatte; ihre immer gleiche, starre Ruhe, das dumpfe Schweigen, das sie in Jahren und Jahren nicht gebrochen, hatten seine kindliche Liebe gedämpft und sein Vertrauen von ihr abgewendet; aber in dieser Stunde durchlebte er im Geiste alles, was sie einst erduldet hatte, und es kam ihm nicht mehr so unbegreiflich vor, daß sie daran versteinert war. Er erbat sich bei Meister Adam Urlaub für die nächsten Tage und begab sich am folgenden Morgen auf die Wanderung nach dem Annenhof.
Es wanderte sich prächtig durch den stillen Wald; war die Luft auch noch herb und kühl, so stand doch eine helle Sonne am wolkenlosen Himmel, und zeigte die Landstraße noch unergründliche Tiefen und große Wasserlachen, so waren doch die Raine und Fußpfade fest und trocken; grüne Gräser und die ersten Blumen wuchsen zu Füßen, muntre Vöglein zwitscherten zu Häupten des Wanderers. Er schritt rüstig zu und war so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er weder nach rechts noch links sah. Plötzlich blickte er befremdet auf: vor ihm lichtete sich der Wald, durch die auseinandertretenden Stämme schimmerten Mauern -- das war nimmer der Annenhof! es war kein Zweifel, er war falsch gegangen. Ärgerlich lief er eine Strecke weiter, um sich Gewißheit über die Örtlichkeit zu verschaffen; ein alter Turm zeigte sich, von unregelmäßigen Mauern umgeben, eine aufgezogene Zugbrücke, in der Ferne die dürftigen Hütten eines Dorfes: es konnte nur Burg Hohenheiligen sein, die vor ihm lag.
Hans war sehr ungehalten über sich selbst, er hatte mindestens eine Stunde verlaufen, und es verlangte ihn doch so dringend, der Mutter und Großmutter alles mitzuteilen, was ihn bewegte. Obgleich er müde war, mochte er doch hier nicht rasten; die Nähe der verfallnen Burg hatte etwas Unheimliches, und man erzählte sich im Volke allerhand grausige Dinge darüber. Junker Veit war freilich mit seiner Gattin schon vor Jahren daraus verschwunden, denn mit der Zeit war ihm der Boden unter den Füßen doch zu heiß geworden, und eines Tages war das Raubnest leer gewesen. Und doch nicht ganz leer: irgend jemand hauste dort, aber ob es ein Mensch, oder ein böser Geist sei, darüber konnte man nicht ins klare kommen. Die Zugbrücke war aufgezogen, das deutete auf einen Bewohner; in mondhellen Nächten hörte man mitunter im Walde eine Büchse knallen, und der städtische Jäger fand manchmal kunstreiche Fallen aufgestellt, in denen sich gewiß manches Stück Wild fing. Unter den Dorfleuten wollten einige den lahmen Miklot erkannt haben, der urplötzlich im Walde in den Boden versank oder ebenso plötzlich aus der Erde auftauchte, aber vielleicht war es der Gottseibeiuns selber, der hinkte auch auf seinem Pferdefuß. Kurz, alle diese Gerüchte bauten eine stärkere Schutzwehr um die öde Burg, als ihre alten Mauern, und niemand hätte es gewagt, dort tollkühn einzudringen.
Auch Hans wandte ihr schnell den Rücken und ging mit kräftigen Schritten tiefer in den Wald hinein, um nur erst den Kreuzweg zu erreichen, an dem er die falsche Richtung eingeschlagen hatte. Da hörte er einen gellenden Schrei, wie er nur aus einer geängstigten Menschenbrust kommen konnte; er lauschte aufmerksam, eine tiefe Stimme tönte dazwischen, es klang wie ein Streit. Die Stimmen kamen auf ihn zu, er verbarg sich hinter einem mächtigen Stamm und hielt seinen derben Knotenstock bereit. Jetzt knackte es zwischen den Büschen, eine breite Männergestalt ward sichtbar, die ein Etwas auf den Armen trug, -- noch ein paar Augenblicke höchster Spannung, dann erkannte der Lauscher, daß es ein Mädchen sei, das augenscheinlich mit Gewalt fortgeschleppt wurde, denn es schrie von Zeit zu Zeit laut auf und suchte sich loszumachen. Jetzt ging der Mann dicht an Hans vorüber, mit fester Hand ergriff derselbe seinen Stock, der in der nächsten Sekunde mit energischer Wucht auf den Hinterkopf des Räubers niederfiel. Er taumelte -- noch ein Schlag, und er stürzte zu Boden; im Nu hatte Hans die zarte Gestalt an sich gerissen und floh mit ihr davon, so schnell seine Füße ihn tragen wollten. Endlich hielt er erschöpft inne und ließ das Mädchen herabgleiten; mit einem staunenden Blick betrachtete er sie: „Fräulein Irmgard, Ihr seid es? wie kommt Ihr allein hierher und in die Gewalt jenes Schurken?“
„Hans -- Hans Fiedler, bist du es? welcher gütige Heilige hat dich gerade diesen Weg geführt? habe Dank für dein tapfres Einschreiten, aber laß uns weiter eilen, damit jener Elende mich nicht finde!“ so rief Irmgard, mühsam ihre Thränen bezwingend. „Hätte ich nur einen Dolch oder eine Pistole gehabt, um mich zu verteidigen, aber ich hatte nichts, als meine Reitgerte, und die zerbrach beim ersten Schlage, den ich gegen des Räubers Hände führte. Wenn wir nur mein Pferd fänden, es muß hier in der Nähe sein.“
Sie rief den Namen: Bayard! laut in den Wald hinein, und wirklich kam nach einiger Zeit das kluge Rößlein durch die Büsche getrabt; Irmgard schwang sich hinauf, Hans ging daneben, und so eilten sie weiter, so schnell es gehen wollte. „Ich lasse Euch nicht allein reiten, Fräulein,“ sagte Hans entschieden, „Ihr solltet Euch überhaupt niemals ohne Begleitung in den Wald wagen. Aber bis Maltheim kann ich nicht in einem Zuge wandern; habt daher die Güte, für eine Weile im Annenhofe einzusprechen. Ihr selbst werdet auch der Ruhe bedürfen, und nach ein paar Stunden geleite ich Euch sicher nach Hause.“
Irmgard mußte das Verständige dieses Vorschlags einsehen, obgleich ihr bange war, was ihre Eltern von ihrem langen Ausbleiben denken würden; hatte sie sich doch ohnehin viel weiter in den Wald vertieft, als es ihr erlaubt war. Der Knappe, der sie begleiten sollte, war mit dem Pferde gestürzt und hatte sich verletzt, sie hatte ihn nach Hause geschickt und war allein weiter geritten, ohne genau auf den Weg zu achten; dann war sie abgestiegen, um einige seltne Blumen zu pflücken, und plötzlich hatte jener wilde, lahme Mann neben ihr gestanden und ihr mit teuflischem Grinsen gesagt, sie müsse mit ihm, solch ein kostbares Wild habe er lange nicht gefangen. „Und dann packte er mich, trotz meines Sträubens, und die heilige Jungfrau mag wissen, wohin er mich geschleppt hätte, wärst du nicht dazwischen gekommen, guter Hans!“
Die alte Crescenz war gerade in der Küche beschäftigt, als die beiden den Annenhof erreichten; Afra saß allein im Zimmer und spann; sie begrüßte Hans mit einem freundlichen Blick und stummen Händedruck und sah kaum auf, als er ihr Irmgards Erscheinen erklärte. Da fiel ihr Blick von ungefähr auf das Mädchen, ihr Gesicht belebte sich, sie stand hastig auf, ging auf den Gast zu, und indem sie die Arme ausbreitete, rief sie im Tone höchsten Entzückens: „Matthäa!“
Das kleine Fräulein wich einen Schritt zurück und sah fragend auf Afra, diese aber schloß sie in ihre Arme, drückte sie an ihre Brust, küßte sie mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit und rief dazwischen immer wieder unter Jauchzen und Thränen: „Matthäa, mein verlornes, mein wiedergefundenes Kind, o Matthäa, kennst du deine Mutter nicht mehr?“
Starr vor Erstaunen sah Hans die beiden an, und es war ihm plötzlich, als gewahre er eine wunderbare Ähnlichkeit zwischen ihnen. Das waren dieselben großen, dunklen Augen mit den hochgewölbten Brauen, dieselbe schneeweiße Farbe der Wangen; auch das feine, glanzlose Haar war ähnlich, wenn auch das seiner Mutter dunkler und mit weißen Fäden durchschossen war. Irmgard hatte sich inzwischen mit Gewalt aus Afras Umarmung gelöst; sie richtete sich hoch auf und sagte mit großer Würde: „Ihr irrt Euch, gute Frau; ich bin Irmgard von Maltheim, Herrn Werners und Frau Kunigundens einzige Tochter, und Ihr habt keinen Teil an mir. Ich werde reiten, Hans,“ fügte sie in entschiedenem Tone hinzu, „dies Mißverständnis peinigt mich.“
Hans faßte Afras Hand und führte sie auf ihren gewohnten Platz zurück. „Laßt Euch durch eine flüchtige Ähnlichkeit nicht täuschen, liebe Mutter,“ sagte er herzlich, „ich kenne das Fräulein von ihrer frühesten Kindheit an und weiß, daß sie mit unsrer kleinen Matthäa nichts gemein hat. Die ist lange tot, und Ihr werdet sie erst im Paradiese wiederfinden.“
Afra ließ sich geduldig auf ihrem Sitz nieder und versuchte keine weitere Annäherung, aber ihr Blick blieb an Irmgard haften, und leise murmelte sie vor sich hin: „Sie ist es doch! Matthäa, mein geliebtes Kind! ein Mutterherz läßt sich nicht täuschen!“ Hans beruhigte das Fräulein und bat sie leise, sich nicht stören zu lassen; seine Mutter sei seit langer Zeit krank, der Verlust ihres Kindes habe ihren Geist getrübt, doch thäte sie niemand ein Leid. Während er noch sprach, erscholl draußen Pferdegetrappel; ein Knappe von der Burg fragte voller Angst an, ob jemand das Fräulein gesehen habe, es herrsche daheim die größte Sorge um sie. Irmgard sprang hocherfreut auf; nun hatte sie einen Begleiter und durfte nicht auf Hans warten. Sie dankte ihm nochmals in warmen Worten für seine rechtzeitige Hilfe, bat ihn, recht bald auf der Burg vorzusprechen, nickte Crescenz huldreich zu und sprengte eilig davon, als wolle sie all die wunderbaren Erlebnisse dieses Tages weit hinter sich lassen.
Erst, als Crescenz mit ihren häuslichen Arbeiten fertig war und sich auch an ihr Spinnrad gesetzt hatte, fing Hans an, von dem zu erzählen, was seine ganze Seele erfüllte, von dem Sturz und Tode des Herzogs von Burgund. Er richtete seine Worte vornehmlich an die Großmutter und sah darüber gar nicht, welchen Eindruck seine Erzählung auf Afra machte. Ihre bleichen Wangen röteten sich, ihre Augen funkelten vor leidenschaftlicher Erregung, die halb geöffneten Lippen schienen jedes Wort begierig einzusaugen. Als Hans geendet hatte, hob sie die gefalteten Hände hoch empor und rief mit Begeisterung: „Großer, allmächtiger Gott im Himmel, ich danke dir, daß du dich mir wieder offenbart hast! Ich meinte, du wärest tot, oder du hättest dein Antlitz vor der Welt verborgen, weil der Mächtige ungestraft deiner spotten, weil er die Schwachen unter seine Füße treten durfte, ohne daß du ihr Flehen hörtest und zu ihrer Hilfe einschrittest! Aber du lebst und hast dich gewaltig aufgemacht, um den Menschen deine Gerechtigkeit zu zeigen, um dem Tyrannen zu beweisen, daß du größer bist, als er. Du hast ihn von seiner Höhe hinabgestürzt, wie ein Wurm lag er zu deinen Füßen. O Gott, ich danke dir und preise deinen heiligen Namen!“
Mit höchster Überraschung sahen Hans und Crescenz auf Afra, die wie eine Seherin anzuschauen war; unwillkürlich hatten beide die Hände gefaltet und die letzten Worte leise nachgesprochen. Dann kniete der Jüngling neben der Mutter nieder und schlang seinen Arm um sie. „O liebe, liebe Mutter!“ sagte er im innigsten Tone, „bist du endlich erwacht aus deinem langen, traurigen Schlaf? willst du wieder um dich sehen und das erkennen, was dir noch geblieben ist, deine treue Mutter und deinen Sohn? O wie oft habe ich zu allen Heiligen für dich gebetet, und nun haben sie mich endlich erhört und den Schleier zerrissen, der über deinem Geiste lag! Gott und allen Himmlischen sei Dank dafür!“
Sie küßte ihn zärtlich auf die Stirn und reichte Crescenz die Hand. „Ja, dies ist ein großer Tag für mich, und ich fühle ein neues Leben in mir. Ich habe meinen Glauben an den Gott dort droben wiedergefunden -- und meine Matthäa!“
„Mütterchen,“ sagte Hans bekümmert, „willst du diesen Wahn nicht fahren lassen, der dir und dem Fräulein nur Leid und Pein bereiten kann? Ergieb dich drein, daß du deine Tochter verloren hast, daß dir nur dein Sohn geblieben ist; ich will dir’s durch doppelte Liebe zu ersetzen suchen.“
Sie lächelte geheimnisvoll. „Bist du denn blind, mein Hans? kannst du nicht sehen, daß sie mein Fleisch und Blut ist? Und wenn Ihr Euch alle verblenden laßt -- Mutteraugen sind nicht zu betrügen. Aber sei ohne Sorge; ich werde Matthäa nicht mit Gewalt in meine Arme zwingen, ich weiß ja, daß sie lebt und wo sie weilt -- das ist fürs erste Glücks genug.“
Mit diesem Tage begann in der That ein neues Leben für Afra. Zwar blieb sie immer still und in sich gekehrt, aber die starre Ruhe war gebrochen; sie hörte und sprach, sie half ihrer alternden Mutter im Hause und in der Wirtschaft, sie weilte jeden Morgen und Abend in inbrünstigem Gebet im Annenkapellchen, sie ging sogar zur Messe in die nahe Dorfkirche, und Pater Anselmus sah seine jahrelangen Bemühungen um ihre Seele endlich von Erfolg gekrönt.
Mit emsiger Hand nähte Afra jetzt an einem neuen Sonntagsstaat für sich, während sie sich früher nie um ihre Kleidung bekümmert hatte. Als er vollendet war, legte sie ihn eines Morgens an und rüstete sich zum Fortgehen. „Wohin, Afra?“ fragte Crescenz. „Laß mich, gute Mutter,“ erwiderte sie, „ich sage es dir nachher.“ Sie küßte die Alte und ging hinaus; kopfschüttelnd sah die andre ihr nach. „Was hat sie nur?“ sagte sie zu sich selbst, „sie sah so feierlich aus, und es ist doch Alltag heut’ und nirgend Gottesdienst.“
Afra schlug die Richtung nach Maltheim ein; anfangs schritt sie rüstig vorwärts, von ihren Gedanken getrieben, aber die Aprilsonne brannte heiß, und sie war des Gehens gänzlich ungewohnt, denn seit zehn Jahren hatte sie die engen Grenzen des Hofes nicht überschritten. So kam sie müde und erschöpft auf der Burg an, doch gönnte sie sich kaum Zeit zum Aufatmen, sondern bat sogleich eine Magd, sie der Herrin zu melden, der sie etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Nach kurzem Warten ward sie in Frau Kunigundens Gemach geführt. Die Edelfrau musterte die Ankommende mit einigem Erstaunen. „Wer seid Ihr, gute Frau, und was begehrt Ihr von mir?“
„Ich bin Afra, Matthias Fiedlers, des Goldschmieds Witwe und die Tochter der alten Schaffnerin auf dem Annenhof; wollt Ihr mir huldreich gestatten, gnädige Frau, Euch in kurzen Worten meine Geschichte zu erzählen?“
Die Dame nickte; sie wußte nicht, was sie von Afra halten sollte. Eine Bittende war sie schwerlich; ihre Erscheinung hatte etwas Ungewöhnliches, die innere Erregung hauchte ein sanftes Rot auf die bleichen Wangen und gab ihren Augen einen dunklen Glanz, der ihr wunderbar bekannt erschien. In gedrängter Kürze berichtete Afra von ihren Leiden und dem Verlust der kleinen Matthäa. „Warum ließt Ihr nicht sogleich Nachforschungen nach dem Kinde anstellen?“ fragte Frau Kunigunde, die gespannt zugehört hatte.
„Ich war an Leib und Seele gebrochen und krank, erst nach Wochen kam ich wieder zum Bewußtsein. Meine Mutter hat mir später gesagt, daß in der Nacht nach unsrer Ankunft ein heftiger Schneefall und starke Kälte eingetreten seien, da wäre alles Suchen nach dem kleinen Kinde vergeblich gewesen. Und doch ist meine Tochter gerettet worden, ich habe sie endlich wiedergesehen, und Euch, edle Frau, habe ich dafür zu danken, daß Ihr mir meinen Liebling so treu behütet habt.“ Sie sank vor Frau Kunigunden auf die Kniee und bedeckte ihre Hände mit Küssen und Thränen.
Die Edelfrau stand befremdet auf und entzog der Schluchzenden ihre Hände. „Ich verstehe Euch nicht, Afra Fiedlerin, wovon sprecht Ihr?“
„Von meiner Matthäa -- Ihr nennt sie Irmgard --, die hier auf Eurer Burg aufgenommen und erzogen wurde, und die doch, so wahr Gott lebt, mein eignes, verlornes Kind ist!“
Frau Kunigunde legte verwirrt die Hand an die Stirn, als müsse sie sich mühsam besinnen, was sie sagen und denken solle; dann ging sie auf die Thür zu und rief: „Irmgard!“
Das Mädchen erschien, warf einen entsetzten Blick auf Afra, streckte abwehrend die Hände aus und rief angstvoll: „Laß mich, laß mich, Mutter! schicke diese fort, ich mag sie nicht sehen, und sie hat keinen Teil an mir!“ Damit stürzte sie hinaus in Herrn Werners Zimmer warf sich neben seinem Lehnstuhl auf die Erde, verbarg ihr Antlitz in seinem Schoß und rief, an allen Gliedern bebend: „Schütze mich, mein Vater, gieb nicht zu, daß eine Fremde mich dir entreiße! Ich bin dein Kind und will es bleiben, o halte mich fest, laß mich dir nicht rauben!“
Der alte Ritter zog die Zitternde empor und drückte sie zärtlich an seine Brust. „Was hast du, mein Edelfalke, meine weiße Rose, was ängstigt dich so? Du bist ja bei deinem Vater, da bist du doch sicher vor allen räuberischen Angriffen. Richte dein Köpfchen auf und lache mich an, mein Mäuschen, du hast wohl einen bösen Traum gehabt?“
Seine Liebkosungen beruhigten ihre Aufregung soweit, daß sie, eng an ihn geschmiegt, ihm das neuliche Erlebnis auf dem Annenhof und die heutige Begegnung erzählen konnte. „Das Weib ist wahnsinnig, oder Walburg hat sie aufgehetzt!“ sagte der alte Herr mit großer Entrüstung; „sie soll sich nie wieder hier blicken lassen, oder ich lasse sie mit Hunden vom Hofe jagen! Wie kann sie es wagen, einen Anspruch auf +meine+ Tochter zu erheben! Es ist zum Lachen, mein Liebling, laß uns nie wieder daran denken.“
Unterdessen stand seine Gattin ratlos vor Afra; ihr sagte im tiefsten Innern eine Stimme, daß jene recht habe, und doch fühlte sie auch zugleich, wie fest ihr eignes Herz Irmgard umschlossen hielte, und daß sie nicht ohne heißen Kampf dies Kind einer andern abtreten könne. „Ihr seid in einem großen Irrtum, arme Frau,“ sagte sie endlich freundlich. „Freilich, darin mögt Ihr recht haben, daß es Euer Kind war, das damals von einem reisenden Kriegsknecht gefunden und hierher gebracht wurde, aber es war ein elendes Würmchen, das in den letzten Zügen lag und an demselben Tage starb. Wie hätte es auch all diese Fährlichkeiten in so zartem Alter überstehen können! Ich selbst habe nichts davon gesehen, erst nach Jahren davon gehört; wollt Ihr aber Gewißheit haben, so wendet Euch an die Wirtin zum blauen Affen in Nürnberg, in deren Armen Euer Kind gestorben ist. Und nun geht, gute Afra, und sucht nicht noch einmal den Frieden dieses Hauses durch Eure fälschlichen Ansprüche zu stören.“
Traurig senkte Afra das Haupt; ohne noch einmal aufzusehn, schritt sie hinaus; ohne die dargebotene Erfrischung anzunehmen, verließ sie die Burg. Sie pilgerte langsam, todesmüde heimwärts, wo ihre Mutter sie schon mit Sorge erwartete. „Wo warst du nur so lange?“ fragte sie und sah teilnehmend in ihr schmerzverzogenes Gesicht.
„Bei einem Begräbnis, Mutter -- ich habe meine Matthäa begraben. -- -- Doch nein, nein, sie lebt,“ fügte sie mit erhobenem Haupte hinzu, „die Überzeugung in meiner Brust ist nicht zu töten!“
[Illustration: Unglückseliges Weib, was hast du gethan?]
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