Zehntes Kapitel.
Die Mahnung.
Starr ist der Kirche Gebot; hier gilt kein Markten und Deuteln: Was sie einmal erfaßt, hält sie mit eisernem Griff.
In der Woche vor Ostern war die Frau Ratsherrin Ebner, wie sie pflegte, in früher Morgenstunde nach der Frauenkirche gegangen, um zu beichten. Als sie zurückkehrte, hatte sie das Ansehen einer schwer Kranken, ihr Antlitz war totenbleich, ihr Blick erloschen, ihr Gang schwankend und unsicher. In ihrem Zimmer angekommen, hatte sie kaum noch Kraft, Mantel und Hut abzulegen, dann warf sie sich auf ihr Bett und drückte das Gesicht tief in die Kissen. So fand sie ihre Tochter Margarete, welche, beunruhigt durch ihr langes Ausbleiben, sie aufzusuchen kam. „Bist du müde, Mütterchen?“ fragte sie sanft. „Berthold wollte dir lebewohl sagen, ehe er auf den Annenhof reitet, und fragen, ob du dort etwas zu bestellen hast; darf er zu dir kommen?“
Ein krampfhafter Schauer schüttelte Frau Ursulas Gestalt. „Nein, nein,“ stöhnte sie fast unverständlich, „ich kann ihn nicht sehen!“
„Du bist krank, liebe Mutter,“ sagte Margarete besorgt, indem sie die schlaff herabhängende Hand ergriff und dann leise ihren Kopf berührte, „deine Hände sind kalt wie Eis, und deine Stirn brennt wie im Fieber. Gewiß hast du zu lange gefastet.“ Sie eilte hinaus und kam bald mit einer silbernen Platte zurück, auf der ein Becher mit Wein und ein Teller mit Brot und Fleisch stand. „Iß und trink, mein Mütterchen,“ sagte sie liebevoll dringlich, „es wird dir gut thun.“
„Ich kann nicht -- laß mich -- laß mich allein mit meinem Jammer -- o ihr Heiligen des Himmels, wie soll ich es tragen -- Gott, du Barmherziger, habe Mitleid mit uns -- o heilige Anna, sei nicht so grausam --“ so klang es in wirren, abgebrochnen Lauten von ihren Lippen. Tödlich erschrocken stand das Mädchen eine Weile neben ihr und suchte sie zu beruhigen, aber vergebens; die Kranke sah und hörte nichts. Endlich schlich Margarete hinaus, sagte Berthold, die Mutter sei nicht wohl, er möge getrost von dannen reiten, und eilte dann nach dem Schreibzimmer ihres Vaters. Es wagte sonst selten jemand, ihn in diesem Heiligtum zu stören, wenn es sich nicht um dringende Geschäfte handelte, daher klopfte sie nur leise an die Thür und trat schüchtern ein. „Verzeiht, lieber Vater, daß ich Euch unterbreche, die Mutter ist -- -- sie ist wohl krank, denn sie spricht seltsame Worte, -- wollt Ihr nicht zu ihr kommen?“
Herr Wilibald sah erstaunt auf. „Die Mutter war heute früh ganz gesund, was sollte ihr plötzlich fehlen? Sie wird müde sein, rufe die Magd zu Hilfe und bringt sie zu Bette.“
„Wollt Ihr nicht selbst kommen, lieber Vater?“ bat Margarete dringend, „die Magd könnte sich unrichtige Gedanken machen, die Mutter redet so sonderbar.“
Herr Ebner stand mit etwas ungehaltener Miene auf und schloß sein Pult zu. „Du bist doch sonst mein verständiges Mädchen; wie kannst du dich heute gleich so erschrecken lassen?“
Er ging mit ihr hinauf; Frau Ursula lag noch in derselben Stellung auf ihrem Bett; bei dem Tritt ihres Gatten fuhr sie zusammen und wendete sich ab, als wolle sie sich völlig vor ihm verbergen. „Was fehlt dir, liebe Ursula?“ fragte er freundlich.
Keine Antwort -- nur ein Wimmern und Stöhnen, angstvoll gestammelte Worte, die wie: „Gnade, Erbarmen!“ klangen.
„Laß uns allein, Margarete,“ sagte Herr Ebner sehr ernst, „und sorge dafür, daß uns niemand störe.“ Er ergriff Ursulas Hände. „Steh auf, liebes Weib, und sage mir, was so plötzlich über dich gekommen ist; drückt dich Leid und Sorge, so habe ich ein Recht, es zu wissen, um dir zu helfen.“
Sie richtete sich langsam empor und warf sich dann mit einer leidenschaftlichen Gebärde zu seinen Füßen nieder. „O mein Gatte, Ihr werdet mir zürnen, mich vielleicht verstoßen -- ach, und es wendet doch das Schlimmste nicht ab!“
Er zog sie zu sich hinauf und schlang den Arm um sie; sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter, und leise, oft von Weinen unterbrochen, begann sie also:
„Ihr erinnert Euch jenes Sommers, Wilibald, als wir vor der Pest nach dem Annenhof flohen und die Seuche zuletzt doch unsern Berthold ergriff? Damals lag ich in Todesangst vor dem Altar der heiligen Anna und gelobte ihr alles Erdenkliche, wenn sie mir meinen Sohn erhalten wollte; ich flehte um ein Zeichen, daß sie mich höre -- umsonst. Da schrie ich in meiner Qual zu ihr, ich wolle meinen Sohn dem Himmel weihen, und mir war’s, als spräche eine Stimme ‚Amen‘ dazu -- und dann kamt Ihr und sagtet, Berthold sei gerettet! Nachher überredete ich mich, niemand habe mein Gelübde gehört; ich beriet mich mit Meister Andreas, der so gut und fromm ist und mich warnte, jemand wider seinen Willen zum geistlichen Stande zu bestimmen; auch in seinem Familienkreise und mitten im Leben könne man dem Himmel angehören. Von Stund’ an bemühte ich mich, meine Kinder für den Himmel zu erziehen, und ich glaube, es ist mir gelungen. Heute wollte ich beichten; ich wußte nicht, daß unser lieber Propst krank sei, daß ein andrer im Beichtstuhl säße. Wie eine Posaune des Gerichts klang seine Stimme an mein Ohr: er selbst, Pater Benedikt, hatte damals mein Gelübde belauscht und strafte mich mit strengen Worten, daß ich es immer noch nicht erfüllt habe. Er drohte mir mit allen Strafen der Hölle, nicht allein für mich, auch für meinen Sohn, wenn ich eidbrüchig mein Versprechen zurückzöge. Ich bat und flehte, ich bot ihm jeden Ersatz -- alles vergebens! er blieb dabei, nur das Eine vermöchte meine und Bertholds Seele vom Verderben zu retten. O ihr Heiligen, soll ich meinen Liebling, mein Kleinod, vom frohen Lichte des Tages scheiden sehen, soll ich ihn ins Kloster ziehen lassen? -- schrecklicher, qualvoller Gedanke! und dennoch -- dennoch ....“ Ein heißer Thränenstrom erstickte ihre Worte, verzweifelnd barg sie ihr Gesicht in ihren Händen.
Stumm und starr hatte Ebner diesem Bekenntnis zugehört; jetzt ließ er Ursula los und durchmaß mit großen Schritten das Gemach. „Unglückseliges Weib, was hast du gethan?“ sagte er dumpf. „Meinen einzigen Sohn, die ganze Hoffnung meines Alters, hast du dem lebendigen Tode geweiht! Wofür habe ich denn gearbeitet und mich abgemüht bei Tag und Nacht, wofür habe ich so schwere Opfer gebracht, um meinem Namen Ansehn zu geben, wenn er mit mir zu Grabe geht? -- Ich war einst ein froher Geselle, wie Berthold,“ fuhr er mit klangloser Stimme fort, und es war, als spräche er mehr zu sich selbst, als zu einer andern -- „was kümmerte es mich, daß wir nicht reich waren, lag doch die ganze Welt vor mir offen! Aber als ich am Sterbebette meines Vaters stand, als er mir sagte, daß ihn die falsche Freundschaft eines adligen Herrn um Gut und Ehre betrogen habe, als ich in seine erkaltende Hand geloben mußte, alle Kräfte einzusetzen, um unserm alten, herabgekommenen Namen wieder einen Klang in der Welt zu verschaffen -- da riß ich in einer Stunde alle die zarten Bande entzwei, die mich an mein bisheriges Leben fesselten. Ich hatte eine Braut, ein liebes frommes Kind, das mit ganzer Seele an mir hing, und das ich zärtlich liebte, aber Hedwig war arm und von bescheidner Herkunft -- -- ich gab ihr ihren Ring zurück, ich brach ihr die Treue, und ihr brach darüber das Herz! -- Ich kam hierher und lernte deinen Vater kennen, er schenkte mir sein Vertrauen, und ich machte mich dessen würdig; nach zehn Jahren treuer Arbeit reichtest du mir deine Hand, und ich trat ein in die Reihen der Vornehmsten dieser Stadt. Mir ward ein Sohn geboren, mein Streben erhielt einen neuen Aufschwung; für ihn wollte ich schaffen, auf sein Haupt alles häufen, was meiner Arbeit und Hingabe erreichbar war; ihm wollte ich einen sichern Weg bahnen, und er sollte meinen Namen hinaustragen bis in späte Geschlechter. Und nun hast du ihn dem Kloster gelobt, meinen einzigen Sohn, den alleinigen Träger meines Namens -- und das ganze Gebäude meiner Hoffnungen und Anstrengungen stürzt zusammen, wie ein Kartenhaus!“
Schneidend gingen seine Worte durch Ursulas Seele. Also darum hatte er sie geheiratet -- nicht, weil er sie lieb gehabt, sondern weil sie eine Stufe auf der Leiter war, die er ersteigen wollte, weil er mit der Hand der Erbtochter eines alten Geschlechts für sich selbst einen höheren Rang erwarb! Aber zugleich fiel ihr ein, wie hoch er sie stets gehalten habe, und wie er ihr immer ein treuer, liebevoller Freund gewesen sei; ihr ward auf einmal klar, wie namenlos seine Täuschung sein mußte, als er sich plötzlich den Sohn entrissen sah, für den er so viel gethan und gehofft -- und ein tiefes Mitgefühl mit seinem Kummer kam über sie. Sie ging auf ihn zu, schlang ihre Arme um ihn und sagte mit flehender Stimme: „Wilibald, lieber, teurer Mann, wende dich nicht von mir ab in dieser furchtbaren Stunde! Laß mich nicht zugleich mit dem Sohn auch den Gatten verlieren! laß uns gemeinsam die bittere Heimsuchung tragen, die der Himmel über uns verhängt hat.“
Er sah sie an, fragend und zweifelnd, dann zog er sie an seine Brust und küßte sie mit tiefer Innigkeit. „Mein treues, gutes Weib,“ sagte er bewegt, „mir ist noch nicht alles genommen, solange du mir bleibst und deine Liebe.“
Nie zuvor waren die Ehegatten so fest vereint gewesen, wie in dieser Stunde; ein neuer Bund hatte ihre Herzen umschlungen in wärmerer Neigung und rückhaltloserem Vertrauen, als in all den bisherigen Jahren ihrer Ehe. Lange saßen sie bei einander und berieten, was zu thun wäre; Herr Ebner versuchte es selbst, Pater Benedikt umzustimmen; er bot ihm die reichsten Schenkungen für sein Kloster, seine Kirche an, -- aber der Pater beharrte fest auf der Behauptung, daß Berthold dem Himmel feierlich gelobt sei, und daß es keinen Weg gäbe, um das Gelübde ohne Eidbruch zu umgehen. --
Berthold ahnte nichts von dem Gewitter, das sich über seinem Haupte zusammenzog; fröhlichen Herzens war er hinausgeritten in den sprossenden Wald und hatte mit den Vögeln um die Wette gejubelt und gesungen. Er benutzte gern jeden freien Tag, um die Stadt zu verlassen; das Kontor war ihm immer noch eine trübselige Stätte, an die nur das Muß, kein eignes Interesse ihn fesselte. So oft er konnte, ließ er Bücher und Warenballen hinter sich und eilte hinaus in die heitere Gotteswelt, wo ihm das Herz weit aufging. Er machte sich gern etwas auf dem Annenhof zu schaffen; bald wollte er nach der Wirtschaft sehen, bald erbat er sich einen Auftrag seiner Mutter an Crescenz; war’s doch immer nur ein kurzer Ritt von dort bis nach Maltheim, wo er gar zu gern vorsprach. Irmgard empfing ihn immer mit Jubel; mit ihm konnte sie nach Herzenslust umherschwärmen, bald zu Fuß und bald zu Pferde, und er hatte stets ein offenes Ohr für ihre Begeisterung für alte Helden und vertiefte sich mit ihr in ritterliche Träume. Dem alten Ritter war er auch willkommen, denn er hatte ein offenbares Verständnis für die wunderbaren Heldenthaten seines geliebten Herrn, des Markgrafen Albrecht Achilles, und ließ sich geduldig zum hundertsten Mal all die Turniere beschreiben, die jemals auf der Kadolzburg abgehalten worden waren, und deren Pracht und Bedeutung der jetzigen schwächlichen Generation wie ein Märchen erscheinen mußte. Mit Frau Kunigunde sprach Berthold von Ulrich, der nun schon seit Monaten in der Fremde war; erst einmal hatten die Seinen eine Botschaft von ihm erhalten, -- um so unbegrenzter war das Feld für Vermutungen, Hoffnungen und Befürchtungen.
Berthold hatte diesmal in Maltheim übernachtet und kehrte erst am nächsten Mittag von dort nach Hause zurück. Seine Mutter, die eine schlaflose Nacht in Gebet und Thränen zugebracht, hatte Befehl gegeben, ihn sogleich zu ihr zu führen. Ihr brach fast das Herz, als sie ihn in den Hof einreiten sah; wie jung und lebensfroh sah er aus, mit welcher Schnellkraft schwang er sich vom Pferde, wie heiter und leutselig sprach er mit dem Reitknecht, der, wie alle Diener des Hauses, mit bewundernder Zuneigung an seinem jungen Herrn hing. Er sollte scheiden von dieser sonnigen Welt, für die er doch so ganz geschaffen war; er sollte eine grobe Kutte tragen, dem doch die ritterliche Kleidung so gut stand; er sollte niedrige Dienste verrichten, der doch gemacht schien, zu befehlen und sich bedienen zu lassen -- o Gott, es war zu hart und bitter, und das Schrecklichste davon war, daß sie, seine Mutter, die mit Freuden ihr Herzblut für ihn hingegeben hätte, ihm selbst dies Schicksal bereitet hatte!
Da stand er schon auf ihrer Schwelle und kam mit ausgebreiteten Armen und fröhlich leuchtendem Antlitz auf sie zu. „Bist du wieder frisch und gesund, Herzmutter?“ sagte er mit zärtlicher Umarmung; „ich war gestern recht betrübt, daß ich dir nicht lebewohl sagen durfte. Aber nein, du bist noch nicht genesen, du siehst ganz verändert aus, so angstvoll und traurig, und deine Augen sind rot von Thränen -- o sprich, was ist dir, mein Mütterchen, laß dich von deinem Berthold trösten!“
Jedes seiner Worte gab ihr einen Stich ins Herz, daß sie meinte, sie könne die Pein nicht ertragen. „Setze dich zu mir, mein Sohn,“ sagte sie mit mühsam behaupteter Fassung, „ich habe dir sehr, sehr Ernstes zu sagen.“ Sie erzählte ihm die Geschichte jenes Sommers, als er an der Pest daniederlag, und die gestrige Mahnung des Paters. Ungläubig hatte er zugehört, halb lächelnd, halb unwillig; jetzt rief er mit lautem, erzwungenem Lachen: „Ich verstehe dich nicht, Mutter, was meinst du eigentlich? Du kannst unmöglich auch nur einen einzigen Augenblick daran denken, einen Mönch aus mir zu machen! Ha ha! welch ein lustiger Einfall -- ich fürchte, ich würde nur einen Wolf im Schafskleide abgeben!“
„Lache nicht, Berthold,“ erwiderte sie schmerzlich, „du thust mir unsagbar wehe damit. Es ist kein Scherz, es ist bitterer -- furchtbarer -- unabwendbarer Ernst!“
Er sprang wild empor, sie hielt ihn mit sanfter Gewalt fest. „Geh nicht so von mir, mein Sohn,“ bat sie flehend, „geh nicht im Zorn von deiner Mutter, die dich grenzenlos liebt und jedes Leid, das dich trifft, doppelt schwer in ihrem Herzen empfindet.“
„Mutter, Mutter!“ rief er außer sich, indem die hellen Thränen ihm aus den Augen stürzten, „du weißt nicht, welche Aussicht du vor mir aufthust! O warum ließest du mich nicht lieber sterben, ehe du um solchen furchtbaren Preis mein Leben erkauftest! Tausendmal lieber auf dem Friedhof begraben sein, als bei lebendigem Leibe im Kloster vermodern! O, du weißt es nicht, welch ein Leben viele dieser frommen Brüder führen, die äußerlich so demütig und scheinheilig thun und innerlich voll Laster sind. Wievielmal habe ich mit meinen Genossen über die heuchlerischen Mönche gespottet, die es oft schlimmer treiben, als das ärgste Weltkind -- und nun soll ich selbst einer ihrer Schar werden, soll umherziehen mit frommer Miene und mit Tücke im Herzen -- nein, ich kann es nicht, Mutter, es ist unmöglich!“
Frau Ursula war wie vernichtet, dennoch durfte sie nicht nachlassen; ihr eignes Seelenheil hätte sie im Übermaß mütterlicher Liebe vielleicht aufs Spiel gesetzt, -- das ihres Sohnes niemals! Sie weinte und flehte; endlich warf sie sich vor Berthold auf die Kniee und rief jammernd: „Hast du kein Erbarmen mit deiner unglücklichen Mutter? willst du sie meineidig machen und ihre Seele in alle Ewigkeit zur Hölle verdammen lassen?“
Lange stand der Jüngling regungslos von ihr abgewendet, endlich reichte er ihr die Hand. „Ich will es thun,“ sagte er heiser, „um deinetwillen will ich es thun. Aber laßt mir Zeit.“ Damit stürmte er hinaus und ward für viele Stunden nicht im Hause gesehen. --
Eine dunkle Wolke hing über dem Ebnerhause; es war, als läge ein Toter darin. Verstummt war jedes laute Wort, jedes heitere Lachen; niedergeschlagen schlichen alle Bewohner umher und wagten nur miteinander zu flüstern. Berthold vermied jedes Alleinsein mit seiner Mutter, die namenlos darunter litt, mußte sie doch jedes Weh dreifach durchkosten: in ihrer eignen Seele, in der des Gatten und des geliebten Sohnes. Jeder vermied es ängstlich, auf seinen Eintritt ins Kloster hinzudeuten, und er selbst schien den Gedanken weit von sich zu schieben. Bald arbeitete er den ganzen Tag im Kontor mit einem Eifer, als hinge sein Leben daran; bald ließ er sein Pferd satteln und sprengte hinaus, um erst in sinkender Nacht heimzukehren; mitunter verweilte er bis zum Morgen im Kreise lustiger Zecher -- er selbst der ausgelassenste unter den übermütigen Genossen; ein andermal blieb er den ganzen Tag auf seinem Lager liegen, als ob jeder Lichtstrahl ihm weh thäte. Es ging ein tiefer Riß durch sein ganzes Wesen, ein klaffender Zwiespalt, der noch lange nicht geheilt war.
Eines Tages saß Margarete in ihrer Mädchenkammer am offnen Fenster, das durch die zartbelaubten Zweige des Nußbaums in eine Laube verwandelt wurde. Des Mädchens Herz war schwer und bedrückt! sie sehnte sich unbeschreiblich nach einer Aussprache mit dem Bruder und wagte es doch nicht, dieselbe herbeizuführen, weil sie fürchtete, zurückgewiesen zu werden. Da kam Berthold müden Schrittes über den Hof gegangen; er blieb neben dem Baum stehen, legte die Arme um den alten Stamm, wie um einen treuen Freund, und blickte sinnend in sein Laubdach hinauf. Leise verließ Margarete das Fenster und eilte auf den Hof hinab; sie legte ihre Hand sanft auf seine Schulter und sagte in innigem Ton: „Mein lieber, guter Bruder! wie oft haben wir als glückliche Kinder unter diesem Baum gespielt!“
Er küßte sie mit zuckenden Lippen, und ein trauriges Lächeln flog über seine bleichen Züge. „Wollen wir noch einmal hinaufsteigen ins alte Kindernest, Gretelein?“ fragte er. Sie nickte, und beide kletterten die schmale Leiter empor, die an den untersten Zweigen befestigt war; da, wo der gewaltige Stamm sich in unzählige Äste teilte, war ein Sitz angebracht, der die Wonne der Kinder gewesen war. Für zwei Erwachsene war er freilich eng, aber sie schmiegten sich so fest aneinander, daß der Platz ausreichte.
„Weißt du noch, Gretel,“ begann er, „wie wir dich einmal hier sitzen ließen, als du noch ein ganz kleines Ding warst, und die Leiter fortnahmen, daß du nicht herunterkonntest? wie du da flattertest und pieptest, wie ein Vögelchen, das noch nicht fliegen gelernt hat?“
„Gewiß weiß ich’s noch: du mußtest hart mit Hans kämpfen, der mir durchaus helfen wollte, und unterdessen kam Ulrich und befreite mich. Ulrich war immer mein getreuer Ritter, der mich gegen dich in Schutz nahm, du lieber, böser Berthold!“
„Und besinnst du dich noch, Gretelein, wie wir einmal den Turm zu Babel aus Fässern und Kisten erbaut und dich und Elsbeth oben drauf gesetzt hatten, und wie dann plötzlich der ganze Bau zusammenbrach, daß ihr jammernd am Boden lagt?“
„O, ich erinnere mich wohl; der Vater war so böse, Hans sollte mit dir hart gestraft werden, aber du nahmst alle Schuld auf dich und trugst allein die ganze Strafe, mein großmütiger Bruder.“
So ging es eine lange Weile fort mit „weißt du noch?“ und „erinnerst du dich?“ bis die dunkle Wolke auf Bertholds Stirn sich lichtete und mitunter sein altes, helles Lachen erklang. „Und immer,“ sagte er, „war das Ende aller Spiele, daß unsre Herzmutter kam und uns Äpfel, Nüsse und Honigkuchen brachte, daß sie uns lobte und liebkoste, oder für uns bat, wenn wir eine Dummheit begangen und des Vaters Zorn erregt hatten. Und immer erschien sie mir wie ein Abbild der Mutter Gottes, die auch so mild und gütig ist und für die Sünder bittet. Damals liebte sie mich noch -- aber jetzt ...“
„Berthold!“ rief die Schwester tief erschrocken, „willst du an der Liebe unsrer Mutter zweifeln?“
„Ist das Liebe,“ fragte er düster, „die dem einzigen Sohne alles raubt, was uns das Leben schön und wert macht? Um ihretwillen habe ich auf alle Träume von Rittertum und kriegerischen Lorbeeren verzichtet, um ihretwillen soll ich mich jetzt lebendig begraben -- und das nennst du Liebe?“
„O mein Bruder,“ sagte das Mädchen mit tiefer Trauer, „wie wenig verstehst du die Liebe unsrer Mutter! Siehst du nicht, wie unaussprechlich sie um dich leidet, daß sie in wenig Wochen um Jahrzehnte gealtert, daß ihr schönes, braunes Haar von Silberfäden durchzogen ist! Sie würde Leben und Seligkeit opfern, um dich zu retten, aber es giebt kein Mittel, um deine Seele zu lösen, als das eine, vor dem wir alle zurückbeben, und das doch unabwendbar ist.“
Er sah in tiefem, trübem Sinnen vor sich nieder, ohne etwas zu erwidern. „Sieh, Berthold,“ fuhr sie leise fort, „wenn es ein Mittel gäbe, um dich von diesem traurigen Schicksal zu befreien, die Deinen würden ja nicht zaudern, dir jedes Opfer zu bringen. Ich ging zu Pater Benedikt und flehte ihn an, dich frei zu geben, ich wolle statt deiner ins Kloster gehn, -- aber er sagte, hier sei keine Stellvertretung möglich, der Himmel verlange das voll und ganz, was ihm geweiht sei.“
„Du, Gretel, du wolltest dich für mich opfern?“ sagte Berthold mit Thränen in den Augen; „hast du bedacht, was es heißt, dem Leben entsagen und der lichten, sonnigen Welt und den Menschen, die du lieb hast, und dich einsperren in einen dumpfen Kerker, mit verknöcherten Seelen, in denen allmählich alles menschliche Gefühl, jeder eigne Gedanke erstorben ist, die nur noch willenlose Werkzeuge ihrer Oberen sind? Und das sind noch die besten unter ihnen, die es so weit bringen!“
„Ja, es wäre schwer gewesen, Berthold, aber doch leichter für mich, als für dich. Ein Mädchen lebt ohnehin in einer engeren Welt, als ein Mann, und ich bin gewiß, man kann im Kloster Gott mit reinem Herzen und voller Hingabe dienen.“
„Mein Schwesterlein, meine liebe, süße Grete,“ flüsterte er mit überströmender Zärtlichkeit, „hab Dank für deine Treue! Du hast mir sehr wohlgethan und den schlimmsten Druck von meiner Seele genommen; ich kann wieder an die Liebe meiner Mutter glauben -- und an die deine, du treues Herz; habe tausend Dank dafür!“ --
Wenige Tage später trat Berthold in seines Vaters Schreibzimmer. „Ich bin bereit,“ sagte er mit düsterer Entschlossenheit, „bringt mich ins Kloster.“
Herr Ebner stand auf; seine kühlen, klugen Augen schimmerten feucht, er schloß ihn in seine Arme. „Mein einziger, geliebter Sohn,“ sagte er tiefbewegt, „ich hatte andre Wünsche für dich, und ganz anders lag dein Lebenslauf vor meinem hoffenden Blick. Aber die Kirche läßt nicht mit sich handeln, sie verlangt den höchsten Preis. Und da sie die Schlüssel des Himmelreichs in ihren Händen trägt, müssen wir uns ihr beugen in schweigendem Gehorsam.“
So war er denn endlich herangekommen, der lang gefürchtete Tag des Scheidens. Aller Wünsche trafen darin zusammen, daß Berthold nicht in ein Nürnberger Kloster eintreten sollte; sein Vater wollte ihn nach Augsburg bringen, wo ein entfernter Verwandter Prior des Augustiner-Konvents war. Im Gemach der Hausfrau saßen Mutter und Sohn und feierten eine Stunde vollster Versöhnung, in heißer Liebe und herzbrechendem Weh. Gewaltsam riß sich Berthold los von ihr und den Seinen, von den Freunden und Dienern des Hauses, die mit Thränen und Jammern ihn umstanden. Nur fort, fort! und wenn es in den Tod ginge! die Qual dieser Stunden war ein stückweises Sterben.
Wir lassen einen Schleier fallen über die Schmerzen des letzten Abschiedes, über Frau Ursulas verzweifelten Kummer, über die traurige Öde ihres Lebens ohne ihren Liebling. Nur die zärtliche Fürsorge für ihren Gatten hielt sie aufrecht, für ihn hatte sie immer einen freundlichen Blick und ein herzliches Wort.
Eines Tages kamen die Damen von Maltheim nach der Stadt geritten und stiegen im Ebnerhause ab. „Wo ist Berthold?“ fragte Irmgard hastig, als die beiden Töchter des Hauses ihr grüßend entgegentraten.
„Er ist fort,“ sagte Margarete traurig, und Elsbeth setzte schnell hinzu: „Er ist ins Kloster gegangen, um ein altes Gelübde zu erfüllen, und wird nie wieder zu uns zurückkehren.“
Irmgards blasse Wangen wurden noch bleicher, Thränen stiegen in ihre Augen, aber sie wischte sie trotzig fort. „Es ist nicht möglich,“ sagte sie heftig und stampfte mit dem kleinen Fuße auf; „Gretel, sage schnell, daß es nicht wahr ist.“
„Es ist doch wahr, Irmgard; hat er denn nicht Abschied von dir genommen?“
„Er führte das letzte Mal allerlei närrische Reden, aber ich sagte ihm, das sei ein schlechter Scherz. So niedrig dächte ich nicht von ihm, um zu glauben, daß er sich freiwillig zu willenlosem Müßiggange und trübseliger Knechtschaft verurteilen ließe, und wenn ihm einer das zumute, solle er sich dessen weigern und um seine Freiheit kämpfen bis aufs Blut: ich würde lieber sterben, als eine Nonne werden. Da rief er mir zu, ich würde meine bösen Worte künftig noch bereuen; wenn ich einmal zu seinen Füßen kniete, würde er mir die Absolution verweigern, denn dann hielte er die Schlüssel des Himmels in seinen Händen. Damit lachte er laut auf und ritt davon -- aber es war nicht sein helles, frohes Lachen; ich hörte es immerfort in meinen Ohren klingen, und es hat mir sehr wehe gethan. Und nun soll ich ihn nicht wiedersehen, den lieben, frohherzigen Kameraden, und nicht einmal einen besseren Abschied von ihm nehmen? o Gretel, das ist hart!“ Sie verbarg das Gesicht an der Brust der Freundin und brach in leidenschaftliches Weinen aus.
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