Zweites Kapitel.
Patrizierhaus und Ritterburg.
Fest, auf gesichertem Grund, erbaut sich die Heimat des Bürgers, Aber des Ritters Geschlecht sinkt von der Höhe herab.
Am Ägidienplatz zu Nürnberg stand ein stattliches Haus, breit und hoch, mit steil ansteigendem Dach, dessen Fläche vielfach durch kleine Fenster und Luken unterbrochen war, als guckten neugierige Augen von der Höhe herab über die belebten Straßen, die ansehnlichen Plätze, mit ihren hohen Häusern und doppeltürmigen Kirchen, bis hinauf zum Burgberge, wo die alte Kaiserburg mit ihren mächtigen Mauern und Türmen weit hinausschaut in das gesegnete Frankenland. Dort oben hatte schon im 10. Jahrhundert Konrad der Erste gern verweilt; Friedrich Barbarossa hatte den ehrwürdigen Bau erweitert, und seine Nachfolger hatten oft ihre Residenz, wenigstens zeitweilig, dort aufgeschlagen. Die Burggrafen von Nürnberg, seit Jahrhunderten dem edlen Geschlecht der Hohenzollern angehörend, hatten sich, im Anschluß an die alte Burg, ein eignes Gebäude errichtet, das sie bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts bewohnten; dann aber hatten sie die Burg mit allem Zubehör an die Reichsstadt verkauft und residierten seitdem auf der Bergfeste Kadolzburg oder zu Onolzbach.
In das Patrizierhaus führte ein breiter Thorweg, der nicht nur für Menschen, sondern auch für Wagen und Pferde zum Eingang diente; die kleinen tiefliegenden Fenster zu beiden Seiten waren mit Eisenstäben vergittert und gaben dem Gebäude das Ansehen einer wohlverwahrten Festung. Wer durch das Thor eintrat, befand sich in einem gepflasterten, nach hinten geöffneten Hausflur, aus dem zu beiden Seiten Stufen zu den Schreibstuben und Warenräumen emporführten; geradeaus aber kam man in einen großen Hof, an dessen einem Ende leere Fässer und Kisten aufgespeichert lagen, während an dem andern ein uralter Nußbaum emporragte. Der hatte wohl schon seit zweihundert Jahren dort gestanden, und wie er sich aus einer schlanken Gerte allmählich zu einem mächtigen Stamm entwickelt hatte, so war auch das Haus ringsumher gewachsen und die Familien, die darin gewohnt, hatten zugenommen an Reichtum und Bedeutung. Er war ein treuer Freund aller Bewohner gewesen, der alte Nußbaum; den Kindern diente er als unschätzbarer Helfer bei ihren Spielen, beim Klettern und Verstecken; den Mädchen ließ er im Frühling seine raupenartigen Blüten neckend in den Schoß fallen, den Knaben warf er im Herbst seine Früchte an den Kopf, den Hausfrauen aber schenkte er seine wohlriechenden Blätter, die, mit Lavendel vermischt, die geschnitzten Schränke und mächtigen Truhen mit einem gar lieblichen Geruch erfüllten. Wenn kosende Frühlingslüftchen mit den Zweigen spielten, dann klopften diese wohl leise an die Fenster, wie gute Bekannte, die um Einlaß bitten; wenn aber in Herbst- und Winternächten der Sturm heulte, dann peitschte er die Äste gegen die Mauern, daß die Schläfer drinnen die Köpfe tiefer unter die Decken steckten, weil es klang, als zögen böse Geister über den Hof.
Eine bedeckte Treppe führte in das obere Stockwerk, zunächst auf einen Vorplatz, dessen Wände mit buntglasierten Kacheln belegt waren und dessen Decke auf einem Pfeiler von dunklem Holz ruhte. Der Treppe gegenüber sprang ein geräumiger Erker weit in die Straße hinaus, hölzerne Sitze liefen ringsum und gewährten einen anmutigen Platz, wo sich in der guten Jahreszeit die Frauen des Hauses mit Vorliebe aufhielten. Mehrere Thüren von schwerem Eichenholz in schönverzierten Gerüsten führten zu den verschiedenen Wohn- und Schlafgemächern, während die Hintergebäude Speicher und Stallungen enthielten. Ein Gewirr von schmalen Gängen, Treppen und Treppchen verband die Teile des weitläufigen Baus und die Stockwerke miteinander, und es gehörte schon ein kundiges Auge dazu, um sich in diesem Labyrinth zurechtzufinden.
In einem Zimmer des Erdgeschosses, der Schreibstube des Hausherrn, saßen zwei Männer, der eine in dunkler, bürgerlicher Tracht, mit pelzverbrämter Schaube, der andre von ritterlichem Aussehen, in grünem Samtwams, kurzen Beinkleidern und hohen Reiterstiefeln, -- eine kräftige Gestalt, welche durch die Jahre nicht gebeugt, sondern nur gerundet worden war. Es war der Ritter Werner von Maltheim, der auf der Burg gleichen Namens, dem alten Erbe seiner Väter, saß, ein getreuer Freund und Anhänger des Burg- und Markgrafen Albrecht Achilles, des streitbaren Hohenzollernfürsten. Der Mann ihm gegenüber war der Herr des stattlichen Patrizierhauses, Herr Wilibald Ebner, eines der reichsten und angesehensten Glieder der ansehnlichen Nürnberger Kaufmannsgilde. Er war viel kleiner und schmächtiger gebaut, als sein ritterlicher Gast, aber sein kluges Auge deutete auf einen scharfen, gebildeten Verstand und ließ ihn dem Kriegsmann sehr überlegen erscheinen. Er saß auf dem einzigen Stuhl des Gemaches vor einem großen Schreibpult, über dem von der Decke herab eine Ampel hing, die fast den ganzen Tag brennen mußte; der Ritter hatte auf einer der schweren Truhen Platz genommen, welche zu größerer Bequemlichkeit mit weichen Kissen belegt waren.
Herr Ebner hatte eifrig geschrieben, jetzt legte er die Feder hin und begann laut aus einem Schriftstück zu lesen. Es war ein Vertrag zwischen den beiden Männern, in welchem der Kaufmann sich verpflichtete, dem andern die Summe von zehntausend Gulden vorzustrecken, wogegen der Ritter Dorf und Flur Hohenheiligen in Pfand gab, welche verfallen sollten, wenn der Schuldner sie nicht innerhalb fünf Jahren einlösen könnte. Das alles war mit vielen vorsichtigen Worten und weitschichtigen Redensarten verklausuliert, so daß der Ritter mit steigender Ungeduld zuhörte. „Macht’s kurz, Herr,“ sagte er endlich, „wir wissen beide, worauf es ankommt. Zahlt mir von dem Gelde, so viel Ihr bei der Hand habt, den Rest hole ich mir in ein paar Wochen.“
„Alles nach Recht und Ordnung, edler Herr,“ erwiderte der Kaufmann bedächtig; „habt die Gewogenheit, die Schuldverschreibung zuvor durch Eure Unterschrift zu vollziehen.“
„Meint Ihr, ich sei ein Schulmeister?“ rief der Ritter unmutig; „die Hand, die seit langen Jahren das Schwert geführt, hat längst die Schreibekunst verlernt. Gebt mir ein wenig Wachs, ich will meinen Degenknopf darauf drücken: das Zeichen gilt bei Juden und Christen.“
Aufmerksam prüfte der Kaufmann das Siegel, schrieb seinen eignen Namen darunter und schloß das Dokument in sein Pult; dann öffnete er eine der Truhen, nahm einen gefüllten Beutel heraus und zählte die klingenden Gulden vor dem Ritter auf, der sie mit zufriedener Miene auf seiner Brust verwahrte. Er stand auf und griff nach seinem Barett.
„Ich hoffe, edler Herr,“ sagte Ebner höflich, „Ihr werdet mein Haus nicht verlassen, ohne einen kleinen Imbiß einzunehmen; meine Hausfrau würde es mir nicht verzeihen, hätte ich Euch ohne Speise und Trank davonziehen lassen.“
„Und ich möchte Nürnberg nicht den Rücken kehren, ohne die werte Frau Ursula gesehen zu haben,“ erwiderte der Ritter mit gleicher Höflichkeit, „hat mir doch mein Weib eine Menge warmer Grüße an die Jugendfreundin aufgetragen.“
Beide stiegen die Treppe zum Vorsaal hinauf, von dem ihnen fröhlicher Lärm entgegenschallte. Mehrere Kinder trieben hier ihr Spiel mit Haschen und Verstecken, wobei ihnen die tiefen Winkel des Erkers und die schwerfälligen Stühle, die um den Tisch in der Mitte standen, trefflich zu statten kamen. Der älteste unter der kleinen Schar war Ulrich von Maltheim, der den Vater begleitet hatte, ein hoch aufgeschoßner Knabe von seltner Schönheit, mit langen goldnen Locken und tiefblauen Augen, die am liebsten träumerisch in die Ferne schauten. Sein jüngerer Genosse war Berthold, der einzige Sohn des Kaufherrn, dessen geschmeidige Glieder, blitzende Augen und weiche, dunkle Haare manchen Tropfen welschen Blutes verrieten, -- hatten doch die Vorfahren des Kaufhauses von altersher in lebhafter Verbindung mit dem Süden gestanden und manche junge Hausfrau aus Italien in die nördliche Heimat geführt. Auch zwei kleine Mädchen, Bertholds Schwestern, waren dabei; die größere lief auf den Vater zu und schmiegte sich zutraulich an sein Knie, während die jüngere beim Anblick des fremden Ritters davonlief und sich im Erker versteckte. Herr Ebner fuhr liebkosend über Margaretas braunes Lockenköpfchen und schob sie dann von sich, um die Thür zu öffnen, die in das Prunkgemach des Hauses führte. Dunkles Getäfel bedeckte die Wände bis zur halben Höhe; auf dem breiten Bord waren schöne Krüge und Pokale, silberne Schüsseln und Schaustücke aufgestellt, darüber zeigte sich die Wand mit allerlei Bildnissen geschmückt. Ein weicher, dunkler Teppich bedeckte die Mitte des Fußbodens, auf demselben stand ein zierlich gedeckter Tisch, der mit blinkendem Gerät besetzt war.
Mit tiefer Verneigung trat Frau Ursula Ebnerin dem Gaste entgegen. Sie war mit gediegener Pracht gekleidet: das Kleid von schiefergrauem Samt hatte ein tief ausgeschnittenes Leibchen, welches vorn mit einer silbernen Kette zugeschnürt und durch einen fein gefältelten Einsatz von schneeweißem Linnen ergänzt wurde. Um die breite Halskrause schlang sich ein Perlenhalsband, eine zweite silberne Kette schmiegte sich um die Hüften, wo sie den langen Rock seitwärts aufraffte, während an der andern Seite ein Schlüsselbund hing, das nie fehlende Sinnbild hausfräulicher Würde.
Herr von Maltheim begrüßte die Patrizierin mit ritterlicher Artigkeit; er hatte sich viel am Hofe des Markgrafen aufgehalten und daher die alte, höfische Sitte bewahrt, welche zu dieser Zeit mehr und mehr auszusterben drohte, denn auf den Ritterburgen gewann rohe Trink- und Rauflust immer mehr die Oberhand, und der frühere Frauendienst trat dagegen in den Hintergrund.
Man setzte sich zu Tische. „Wie geht es Eurer edlen Hausfrau und Euren Töchtern?“ fragte die Ebnerin den Gast.
Über des Ritters wettergebräuntes Gesicht flog ein wehmütiger Schatten. „Habt Dank für Eure gütige Nachfrage, ehrsame Frau,“ erwiderte er; „mein Weib ist gesund, aber mit unsern Töchtern haben wir kein Glück. Zwei hat der Himmel wieder zu sich genommen, und Sankt Kilian mag wissen, ob ich die jüngste noch am Leben finde, wenn ich heimkehre.“
„O, wie beklage ich Euch!“ rief Frau Ursula, indem sie einen zärtlichen Blick durch die offene Thürspalte auf ihre eignen, blühenden Kinder warf; „wie still und öde muß es auf Eurer Burg sein, wenn die hellen Stimmen und die trippelnden Schritte verstummen! Und Euer jüngstes Kind ist auch krank?“
Der Ritter fuhr sich über den Schnauzbart, und seine Stimme klang rauh, als er erwiderte: „Ich verließ mein Weib in großer Sorge um das Leben der kleinen Irmgard, -- ich konnte den Jammer nicht mehr mit ansehn und bin davongeritten.“
„Ihr ließt Frau Kunigunde allein in ihrem Kummer,“ sagte Ursula mit leisem Vorwurf, „und nahmt auch den Knaben mit, der ihr ein Trost in ihrem Leid gewesen wäre!“
„Sie hat unsern Haus-Pfaffen, Pater Benedikt, um sich, der versteht das Trösten besser, als unsereiner! Und der Junge mußte einmal heraus aus den alten Mauern, wo es jetzt allzuviel Thränen und Trauergesänge giebt, -- er soll kein Duckmäuser werden, wozu er ohnehin Neigung zeigt. Doch schicke ich ihn von hier zurück, während ich zum Durchlauchtigen Markgrafen nach der Kadolzburg reite. Die Nähe des löwenherzigen Herrn verscheucht all die kleinen Kümmernisse, die uns daheim bedrücken, und das Herz wird wieder groß und frei, wenn es mit ihm verkehrt. Freilich -- bei Euch Herren vom Rat findet man taube Ohren, wenn man den deutschen Achilles lobt.“
„Wir Nürnberger haben wenig Grund, den Hohenzoller zu preisen,“ versetzte Herr Ebner mit ernster Zurückhaltung. „Wenn Ihr nach der Kadolzburg reitet, werdet Ihr an manchem Meierhof und mancher städischen Burg die Spuren der Wunden sehen, die uns der Markgraf in blutiger Fehde geschlagen hat.“
„Ja, wo der Löwe seine Tatzen einschlägt, da ist es freilich zu spüren,“ lachte der Ritter. „Aber zeigt mir unter den deutschen Fürsten einen, der an unverwüstlicher Kraft und Tapferkeit diesem gleich wäre! Wollte Gott, unsre Kaiserliche Majestät gliche ihm nur ein wenig, dann stünde wohl manches besser im Reich, als jetzt.“
„Wenn das so großes Lob bringt, unnötige und unbillige Kriege anzufangen,“ erwiderte der Ratsherr mit gerunzelter Stirn, „so muß auch der Türke des Lobes wert sein.“
„Wollt Ihr den edlen Markgrafen mit dem heidnischen Erzfeind vergleichen?“ rief Herr von Maltheim unwillig. „Warum mußtet Ihr ihm überall seine Befugnisse bestreiten, die ihm doch der Kaiser selbst verliehen hatte? Sollte der stolze Fürst sich vor den Städtern beugen? Endlich wäre es doch wohl Zeit, den alten Hader zu vergessen, über dem schon Gras gewachsen ist! Auch ich habe damals unter Albrechts Banner wider Euch gefochten und doch längst meinen Frieden mit der Stadt gemacht. Aber wo Euer Hab’ und Gut angerührt wird, da habt Ihr Herren vom Handel ein ellenlanges Gedächtnis, und solche Schulden werden nie aus Euren Büchern gestrichen.“
Frau Ursula sah mit Besorgnis, wie sich die dunkle Wolke auf ihres Gatten Stirn immer drohender zusammenzog. Sie erhob ihren Becher und fiel mit gewandter Rede den Männern ins Wort. „Laßt uns auf Frieden und gute Nachbarschaft trinken, edler Herr; möge die Freundschaft, welche einst Eure Gattin und mich in der Jugend verband, auch unsere Kinder vereinigen! Ulrich und Berthold sind fast in gleichem Alter, möchten sie Freunde sein und bleiben!“
Die silbernen Becher klangen aneinander, mit einem Zuge goß der Ritter den Inhalt des seinen herab. „Das ist ein guter Trinkspruch, werte Frau, und ich thue Euch von Herzen Bescheid darauf. Seid so gütig und laßt die Knaben hereinkommen, sie sollen in unserer Gegenwart einen festen Bund schließen.“
Die Thür ging auf, und in fröhlichen Zuge traten die Kinder ein. Margarete hatte ein blaues Tuch an ihrem Leibchen befestigt, so daß es wie eine lange Schleppe hinter ihr dreinzog, über ihren Locken lag ein weißer Schleier, den ein grünes Kränzlein festhielt. So trippelte sie mit gesenkten Augen neben Ulrich hin, der einen langen Mantel um die Schultern geworfen hatte und mit stolzer Miene einherschritt. Voran ging Berthold als Herold, mit Fahne und Trompete, und die kleine Elsbeth folgte als Schleppträgerin. Es war ein liebliches Bild und Frau Ursulas Mutterherz hob sich höher beim Anblick der reizenden Kinder. „Welch ein Spiel habt Ihr heute ausgedacht?“ fragte sie liebreich.
„Wir spielen Hochzeit,“ versetzte Berthold eifrig, „Ulrich ist der junge König, und die Grete ist seine Braut.“
„Kein übles Paar!“ lachte der Ritter wohlgefällig; „was meint Ihr, Herr Ebner, wollen wir die Kinder auf der Stelle verloben? Ihr verschreibt dem Bräutchen Dorf Hohenheiligen als Mitgift -- dann sind wir mit einem Schlage aller Sorgen ledig.“
„Ich bin kein Freund von Kinderheiraten,“ versetzte der Ratsherr steif, „dergleichen überlassen wir nüchternen Städter den Fürsten und hohen Herrn. Über zwölf Jahre mag Margarete selbst entscheiden, ob ihr der Freier gefällt, den ihr der Vater ausgesucht hat.“
Auf des Ritters Stirn schwoll die Zornesader bei dieser nachdrücklichen Zurückweisung; war sein Vorschlag auch nur scherzhaft gemeint, so mußte er doch, nach seiner Meinung, für den Städter sehr schmeichelhaft klingen. Er öffnete schon die Lippen zu einer gereizten Entgegnung, als ihm Frau Ursula zuvorkam. „Junker Ulrich würde es Euch wenig danken,“ sagte sie in heiterm Ton, „wenn Ihr ihn an ein kleines Stadtkind binden wollet; seine ritterliche Schönheit wird ihm sicher überall die edelsten Herzen erwerben. Werdet Ihr ihn an den Hof bringen, um seine Erziehung zu vollenden?“
„Mir wäre nichts lieber, als das, -- aber mein Weib jammert, daß sie sich von dem Knaben trennen soll, und Pater Benedikt, der sein Lehrer ist, behauptet, er hätte einen Kopf für die Wissenschaften, und es wäre schade, seinen Unterricht zu unterbrechen. Der Junge selbst sitzt wahrhaftig lieber hinter den Büchern, als zu Pferde! Ein Maltheim ein Federfuchser! ich kann’s nicht begreifen, wie es möglich ist, -- aber freilich, die Welt scheint mir heutzutage ganz aus dem Gleise zu kommen. Es ist nicht mehr, wie es früher war, seit nicht Mut und Tapferkeit im Kampf den Ausschlag geben, sondern die Menge der Donnerbüchsen; seit der hochherzigste Ritter nicht mehr sicher ist, daß ihn nicht eine tückische Kugel zu Boden streckt, die ein feiger Knecht aus sicherm Hinterhalt entsendet. Wer vermag tapfer zu sein gegen die bösen Geister, welche in dem teuflischen Pulver ihr Spiel treiben? Wenn es so fortgeht, werden sich Männer von altem Schlage bald nicht mehr in der Welt zurechtfinden.“ Er wandte sich an Berthold. „Was willst du denn werden kleiner Freund? ein Gelehrter oder ein Handelsmann?“
„Ein Ritter will ich werden!“ rief der Knabe mit leuchtenden Augen, „ich will hoch zu Rosse sitzen und mein Schwert schwingen; ich will ausziehen und große Thaten thun, wie die alten Recken, von denen, mir Muhme Lene erzählt hat!“
„Das ist brav gedacht!“ rief der Ritter, indem er kräftig auf Bertholds Schulter schlug, „solche kühnen Worte thun einem echten Manne wohl. Komm her, Ulrich, reiche diesem wackern Knaben die Hand und gelobt euch Freundschaft und Treue für alle Zeit eures Lebens.“
Die Knaben thaten mit feierlichem Ernst, wie sie geheißen waren; aufmerksam sah Margarete dem Bündnis zu, das durch einen Becher Wein besiegelt wurde. Plötzlich legte sie ihr kleines, rundes Händchen auf die verschlungenen Hände der beiden Freunde und rief: „Ich will auch dabei sein, mich soll Ulrich auch lieb haben!“
Herr von Maltheim lachte herzlich und hob die Kleine auf sein Knie. „Recht so, kleine Dame,“ sagte er scherzend, „halte ihn fest und laß ihn nicht entschlüpfen; ein schmuckeres Bräutchen, als dich, kann er nicht finden, und du keinen hübscheren Bräutigam.“ Er küßte das Kind und erhob sich, um sich zu verabschieden. Frau Ursula trug ihm Grüße an seine Gattin auf und lud Ulrich ein, bald wiederzukommen; der Ratsherr begleitete die Gäste bis auf den Hof, wo ein Diener des Hauses mit den Pferden bereit stand. Vor der Thür hielten ein paar berittne Knappen, und bald war der Reitertrupp um die nächste Ecke verschwunden.
Mit umwölkter Miene kehrte Herr Ebner zu den Seinen zurück, schickte die Kinder hinaus und rief seine Gattin zu sich. „Berthold wird nun bald 10 Jahre alt,“ sagte er in strengem Ton, „und es wird Zeit für ihn, den kindischen Märchen zu entsagen, womit Base Lene bisher seinen Kopf angefüllt hat. Er ist nicht geboren, um ein Ritter zu werden und sein Leben in Waffenspielen und nutzlosen Kämpfen zu vergeuden, sondern um in die Fußstapfen seines und deines Vaters zu treten, und als Kaufmann in redlicher Arbeit für sich und die Seinen zu sorgen. Vergiß es nie, Ursula, daß dies seine eigentliche Bestimmung, alles andere nur Vorbereitung und Nebensache ist. Was soll das Gaukelspiel einer Freundschaft mit dem jungen Ulrich von Maltheim? ein Bürger und ein adliger Junker können so wenig Freunde sein, wie Wasser und Feuer sich je miteinander paaren werden.“
Er wandte sich ab und ging in sein Schreibzimmer, wo er stundenlang eifrig rechnete und schrieb. Frau Ursula seufzte tief, und leise flüsterte sie vor sich hin: „Wer weiß, wozu der Himmel dich bestimmt hat, mein Berthold! vielleicht sollst du Liebling meines Herzens doch noch höher steigen, als bis zum Warenspeicher und zum Zahltisch!“
* * * * *
Als Junker Ulrich gegen Abend in den Schloßhof von Maltheim einritt, bemerkte er, daß Knappen und Knechte in lebhaftem Gespräch bei einander standen und die Mägde am Brunnen geheimnisvoll die Köpfe zusammensteckten. Ihm fuhr es wie ein Stich durchs Herz: sicher war die kleine Irmgard tot, die er so zärtlich geliebt hatte! Das war nun in wenigen Jahren schon die dritte Schwester, die der Tod ihm entriß; warum durfte er ihrer nicht froh werden, warum erwuchs ihm keine liebe Gespielin, wie seinem neuen Freunde Berthold? Wie hätte er ein Schwesterchen, gleich der holden Margarete, lieben und auf Händen tragen, wie hätte er sie, wenn sie lieblich erblühte, vor jeder Gefahr schützen wollen! Mit traurig gesenkten Augen stieg er die Treppe hinan, die in den Oberstock zu den Gemächern seiner Mutter führte; er sehnte sich, sie zu umfassen und an ihrem Herzen den gemeinsamen Verlust zu beweinen.
Es war ganz still auf dem langen Gange, niemand kam ihm entgegen, und mit beklommnem Herzen stand er eine Weile horchend an der Thür, ehe er es wagte, sie aufzuklinken und in das Zimmer zu treten, in dem die kleine Irmgard krank gelegen hatte. Eine verdunkelte Lampe warf nur einen schwachen Dämmerschein um sich, das Bettchen stand ganz im Schatten, doch sah er deutlich, wie sich das wachsbleiche Gesicht von dem purpurroten Kissen abhob. Leise schlich er heran, knieete nieder und sprach ein wehmütiges Vaterunser für die entflohene Seele der Schwester. Aber was war das? hatte sich die Hand, die auf der Decke lag, wirklich bewegt, oder täuschten ihn die Thränen, die aus seinen Augen rannen? Er wischte sie hinweg und starrte auf die Schläferin -- nein, es war keine Täuschung, die Händchen ballten sich und streckten sich wieder aus. Er sprang zum Tisch hin, riß den Schirm von der Lampe und ließ den vollen Schein auf das Bett fallen. Die dunklen Wimpern ruhten auf den schneeigen Wangen, aber aus dem halbgeöffneten Munde kamen regelmäßige Atemzüge.
„Heilige Mutter Gottes, sie lebt!“ rief er mit leisem Jubelton und beugte sich über die Kleine, um ihre Hände zu küssen.
„Ruhig, ruhig, Junker Ulrich,“ sagte eine mahnende Stimme; „weckt das Kind nicht auf und stört eure Frau Mutter nicht, die der Ruhe sehr bedarf.“
„O, Bärbel, sage mir, wie dies gekommen ist,“ bat Ulrich, „ist Irmgard wirklich genesen?“
Die Wärterin, welche schon seit Jahren im Dienst des Hauses stand und auch ihn einst auf ihren Armen getragen, zog ihn in die andre Ecke des Zimmers, und nachdem sie die Lampe wieder verdunkelt hatte, sagte sie in gedämpftem Ton: „Es ist ein Wunder geschehen, Ulrich; die heilige Jungfrau hat unsre Irmgard aus dem Rachen des Todes gerissen, während wir sie schon beweinten.“ --
„O du liebe heilige Gottesmutter, habe Dank für deine Gnade!“ rief Ulrich glückselig aus. „Aber wo ist mein Mütterlein? laß mich zu ihr, Bärbel, daß ich mich mit ihr freue.“
„Eure arme Mutter ist noch sehr krank von Angst und Kummer, sie hat das selige Wunder noch kaum begriffen. Als wir alle glaubten, es ginge mit unserm Kindchen zu Ende, da brach sie ohnmächtig zusammen; Pater Benedikt trug sie auf ihr Lager und suchte sie mit stärkenden Essenzen ins Leben zurückzurufen. Es dauerte lange, bis sie wieder zu sich kam, und niemand hatte unterdessen Zeit, sich um die arme Kleine zu bekümmern. Als ich später an ihr Bettchen trat, da sah sie mich plötzlich mit klaren Augen an; wir aber vermochten die unverhoffte Freude kaum zu fassen.“
Am nächsten Morgen war Ulrichs erster Gang zu Irmgards Bett; sie lag mit offnen Augen da, aber während sie ihn sonst mit Lachen und Jauchzen zu begrüßen pflegte, blieb sie heute stumm und wendete sich von ihm ab. „Was bedeutet das?“ fragte der Knabe erschrocken den Pater, der sich zu ihm gesellt hatte, „warum thut mein Schwesterlein so fremd mit mir? Sieht sie nicht seltsam verändert aus?“
„Du darfst dich nicht wundern, mein Sohn,“ versetzte Pater Benedikt sanft, „daß eine Seele, die schon an der Schwelle des Todes gestanden hat, Zeit braucht, um sich hier wieder heimisch zu machen. Bedenke, daß sie vielleicht schon von fern einen Blick in die Seligkeit des Paradieses gethan hat.“
„Und wird auch sie der Gottesmutter dankbar sein, daß sie sie vom Paradiesesthor wieder zurückgescheucht hat? sie könnte jetzt schon mit den seligen Engeln spielen,“ sagte Ulrich träumerisch.
Der Kaplan schwieg einen Augenblick. „Uns ziemt es nicht, zu grübeln und zu deuteln,“ sagte er dann entschieden. „Hüte dich, mein Sohn, die Gnade der Heiligen durch solche Fragen in Zweifel zu ziehn.“
Frau Kunigunde war an Leib und Seele zu heftig erschüttert, um sich in wenigen Tagen zu erholen; erst allmählich kehrten ihre Kräfte zurück und damit auch die Freude über das wunderbar erhaltene Kind, das ihr wie neugeschenkt erschien. Manchmal war es ihr, als sei in das teure, kleine Wesen etwas Fremdes gekommen, das sie sich nicht zu erklären vermochte; die auffallende Weiße des Gesichts, die nicht weichen wollte, der Glanz der großen dunkeln Augen, die sie so fragend und verwundert anblickten, verwirrten sie fast; sie hatte sie früher nicht an ihrem Kinde bemerkt. Es mußten wohl die Folgen der schweren Krankheit sein, denn in einigen Wochen verwischte sich der fremdartige Eindruck, und bald war die vorige Zärtlichkeit der Kleinen zu Mutter und Bruder wiederhergestellt.
Als Herr Werner von Maltheim endlich von seinem Besuch bei dem Markgrafen zurückkehrte, fand er zu seiner frohen Überraschung seine kleine Tochter am Leben und alle Herzen voll Dank und Freude, wodurch er sich sehr erleichtert fühlte. Er war ein tapferer Mann und hatte sein gutes Schwert in unzähligen Kämpfen geschwungen, aber vor Weiberthränen hatte er eine geheime Angst und ging ihnen aus dem Wege, so weit er konnte.
So war das Leben auf der Burg wieder in das gewohnte Geleise zurückgekehrt, nur +eine+ Veränderung unterbrach das Stillleben: Frau Barbara bat um ihre Entlassung. „Was ficht dich an, Bärbel?“ fragte ihre Herrin erstaunt, „willst du jetzt deinen Pflegling verlassen, da die Kleine zu unser aller Freude so lieblich zu gedeihen beginnt? hast du sie nicht lieb, wie dein eignes Kind?“
„Gewiß, gewiß, edle Frau,“ stammelte Frau Barbara sichtlich verlegen „aber dennoch bitte ich Euch inständig: gebt mich frei! Mein Ehemann Klaus -- Ihr wißt, er war jahrelang in fremden Kriegsdiensten -- ist heimgekehrt und begehrt meiner. Zwar ist er immer ein rauher Geselle gewesen, aber er bleibt doch der Vater meiner Kinder, und ich mag ihm nicht widerstehen. Wir wollen uns allesamt in der Stadt niederlassen.“
Dagegen konnte die Edelfrau wenig einwenden; sie entließ die treue alte Dienerin mit huldreicher Güte und streckte ihr eine Summe vor, um sich in Nürnberg eine Schenke zu pachten. So verließ Frau Barbara unter tausend Thränen und beiderseitigem Bedauern die Burg.
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