Sechstes Kapitel.
Die Kapelle der heiligen Anna.
Unverletzliche Treue! Dir naht sich die seligste Stunde, Da, was das Herz sich ersehnt, endlich das Auge erschaut!
Muhme Lene wanderte mit den beiden Knaben durch die Straßen, um Hans alle Merkwürdigkeiten seiner neuen Heimat zu zeigen, und Berthold brannte, mit dem ganzen Stolze eines echten Nürnberger Kindes, darauf, das überwältigte Erstaunen seines Gefährten zu sehen, der eben frisch vom Lande kam und seine schöne Vaterstadt noch gar nicht kannte. Doch fand er sich einigermaßen enttäuscht, denn in Hans erwachte das schlummernde Andenken an das reiche Lüttich; er verglich beständig, was er hier sah, mit den Bildern seiner Erinnerung und befand sich oft im Streit mit Berthold, welche Stadt die schönere sei. Sie hatten jetzt den Markt erreicht, „solch einen Brunnen hast du sicher in Lüttich nicht gesehen,“ rief Berthold triumphierend, „denn selbst der Kaiser hat gesagt, daß er ein unerreichtes Meisterwerk sei.“ Und halblaut sang er dazu:
„Am Markt zu Nürnberg steht ein Bronn’; So weit, als leuchten mag die Sonn’, Find’t man desgleichen nicht.“
Ein zierliches Türmchen von ansehnlicher Höhe, mit Bögen und Giebeln von kunstreich durchbrochener Arbeit, von vielen Bildsäulen umgeben, die lauter Heldengestalten darstellen, ragt über dem Becken empor. Magdalene machte Hans mit liebevollem Eifer auf alle Einzelheiten aufmerksam, und der Knabe erfaßte alles mit bewunderndem Blick. Da hob die Uhr auf der nahen Frauenkirche zum Schlagen aus, und Berthold drängte dorthin, um das „Männleinlaufen“ nicht zu versäumen. Das war ein kunstvolles Uhrwerk über der Eingangsthür, welches zu jeder Stunde eine Menge bunter Figuren in Bewegung setzte. Auf einem Thron sitzt der Kaiser in vollem Ornat; ein Herold erscheint, gefolgt von vier Posaunenbläsern, denen sich die sieben Kurfürsten mit den Reichskleinodien anschließen. Alle bewegen sich langsam vorwärts; vor dem Throne angekommen, setzen die Bläser ihre Instrumente an den Mund, die Fürsten nehmen die Hermelinmützen ab, hinter dem Kaiser aber steht der Knochenmann und schlägt mit der Sense die Stunden an die Glocke. Als das Kunstwerk mit der Vollendung des Glockenschlages wieder zur Ruhe gekommen war und Hans seine Bewunderung gebührend ausgesprochen hatte, gingen die drei weiter, überschritten die Königsbrücke, welche über die gelblichen Fluten der Pegnitz führt und standen nun vor dem höchsten Stolz aller Nürnberger, dem herrlichen Lorenzmünster, der mit seinen beiden goldgedeckten Türmen bis in den Himmel zu ragen scheint. Reiches steinernes Bildwerk umrahmt den Eingang; innen vereinigen sich die Bogen der himmelanstrebenden Pfeilerreihen wie zu einem Laubengange, dessen Ende der staunende Blick kaum ermißt. Durch die schön gemalten Fenster warf die Sonne schimmernde, wie Rubinen und Saphire glänzende Lichter in die heiligen Räume und beleuchtete das neue Schnitzbild von Veit Stoß, der englische Gruß genannt. Auf einem Throne sitzt Gott Vater mit Krone und Scepter in göttlicher Majestät, und seine Strahlen senken sich nieder auf die betende Jungfrau, welche die Botschaft des Engels mit Freude und Schrecken vernimmt. Ein Kranz von Blumen und Blättern in unendlich zierlicher Arbeit schlingt sich um die Figuren und schließt das Ganze wie ein Rahmen ab.
Wie geblendet wandelte Hans umher; „wer auch so Schönes erdenken, so Erhabenes schaffen könnte,“ sagte er aus tiefster Seele; „ich wollte, ich könnte ein Künstler werden!“ Hatte das Staunen seines Gefährten Berthold zuerst nicht befriedigt, so wurde er jetzt ungeduldig, als jener mit Schauen und Bewundern kein Ende finden konnte; fehlte ihm selbst doch jener künstlerische Blick, jenes tiefere Gefühl für das Schöne, die Hans als ein altes Erbteil seiner Familie überkommen hatte, und die jetzt zuerst zu vollem Bewußtsein erwachten.
„Ich meine, Sankt Sebald lassen wir für ein andermal,“ schlug Berthold vor, „und gehen nun zu Meister Andreas. Ich bin gar zu neugierig, was der Alte sagen wird, wenn wir ihm einen Fiedler ins Haus bringen.“ Die andern waren damit zufrieden, und so schlugen sie den Weg nach dem Hundsgäßlein ein. Unterwegs machte Magdalene Hans auf vieles aufmerksam, hier auf ein mächtiges Warenhaus, dort auf ein buntes Kirchenfenster, auf das Steinpflaster in einigen Straßen und die Laternen, welche an den Ecken quer über den Weg hingen -- zwei Einrichtungen, welche Nürnberg vor andern Städten damaliger Zeit voraus hatte --; mit allem war der Name Tucher eng verbunden. „Die Tuchers,“ sagte sie, „sind seit alten Zeiten treue Söhne ihrer Vaterstadt gewesen und haben ihr ihre besten Kräfte gewidmet. Zwar haben sie viel Handel nach Welschland und den Niederlanden getrieben und dort auch Niederlassungen gegründet, aber im Herzen blieben sie stets echte Nürnberger. Meine Mutter war auch eine Tucherin,“ setzte sie mit bescheidenem Stolze hinzu.
„Wie kommt es nur, Muhme Lene,“ fragte Berthold; „daß so viel von den Tuchers, und so wenig von den Ebners die Rede ist? Haben die Vorfahren meines Vaters sich denn gar nicht ausgezeichnet?“
„Der Herr Vater ist kein Nürnberger Kind; er ist aus Ulm zugewandert,“ war die Antwort. „Da aber dein Großvater keinen Sohn hatte und Herr Wilibald in allen Stücken seine rechte Hand war, so wurde, er, mit Zustimmung des weisen Rates der Stadt, in alle Rechte eines Sohnes eingesetzt. Daher ist er auch Ratsherr geworden, was sonst einem Zugewanderten nicht gewährt wird.“
Sie pochten jetzt an die Thür des Fiedlerhauses, und Frau Eva öffnete. „Es ist Junker Berthold!“ rief sie freudig, „Gott willkommen, liebes Junkerlein, und dem Herrn sei Dank, der Euch vom Tode errettet hat!“ Auch Meister Andreas empfing den Knaben mit herzlicher Freude und drückte Magdalenen wie einer vertrauten Freundin die Hand. „Und wen haben wir hier?“ fragte er, auf Hans deutend.
„Das sollt Ihr einmal raten, Meister,“ rief Berthold fröhlich, „wir sagen’s Euch nicht. Es ist mein Kamerad, der mit mir bei Latein und Mathematik leiden soll, -- aber Euch geht er noch näher an.“
„Uns?“ fragten die beiden Alten erstaunt, „redet deutlicher, lieber Junker.“
„So seht ihn doch nur an, Mutter Eva; findet Ihr nicht eine wunderbare Ähnlichkeit mit Eurem Meister an ihm?“
Frau Eva betrachtete ihn aufmerksam. „Wahrhaftig, Alter, er hat deine Augen, die guten, ehrlichen Fiedleraugen, und es liegt etwas in seinem Gesicht ....“
„Ich bin auch ein Fiedler,“ sagte Hans, „der Sohn von Meister Matthias, dem Goldschmied.“
Der Alte breitete seine Arme aus. „Komm an mein Herz, mein Junge,“ sagte er mit warmer Freundlichkeit, „und sei mir tausendmal willkommen! Dein Vater war mein Brudersohn und ein lieber, braver Geselle. Sieh, Eva, da führt uns der Herr noch am Abend meines Lebens einen Menschen von meinem Fleisch und Blut zu, dem ich die alten Fiedlerschätze hinterlassen kann. Es hat mich immer schon gewurmt, daß sie in fremde Hände fallen sollten!“ --
In kurzer Zeit war Hans völlig in sein neues Leben eingeführt; sein heitres Wesen, sein dankbares Bestreben, sich für die ihm erwiesene Güte erkenntlich zu zeigen, gewann ihm schnell alle Herzen. Die Töchter des Hauses konnten sich keinen besseren Gespielen wünschen, denn er war stets bereit, ihre kleinen Wünsche zu erfüllen, ihren Puppen mit geschickten Händen neue Köpfe und Füße anzusetzen, oder ihnen Blumen zu holen, die weit vor dem Thor wuchsen. Der Ratsherr hatte einen älteren Bacchanten ins Haus genommen, welcher die Knaben in Latein und allem Wissenswerten unterrichten sollte; derselbe fand es schwer, Berthold zu fesseln, dem die Grammatik bald ein Greuel wurde, und der sich nur für Kriegs- und Heldenthaten begeisterte, während Hans treu und fleißig lernte und seinem Lehrmeister wenig Schwierigkeiten bereitete. Seine schönsten Stunden aber waren die, welche er bei Meister Andreas verlebte; so oft er konnte, eilte er dorthin, wo er stets wie ein lieber Enkel empfangen wurde und die Herzen der beiden Alten durch seine kindliche Anhänglichkeit labte. Nie wurde er müde, die vielen Bilder zu betrachten und nachzuzeichnen, und keine größere Freude konnte ihm der Oheim machen, als wenn er ihm sagte, daß er gute Anlagen besäße und auch einmal ein Meister werden könne. Oft versenkten sich beide in Betrachtung der alten Fiedlerschätze, die Andreas wie wahre Heiligtümer bewahrte. Da war zuerst eine uralte Fiedel von einfachster Form, auf welcher die Jahreszahl 1220 eingeritzt war, die stammte von jenem berühmten Spielmann, von dem noch manches Lied im Munde des Volkes lebte, von jenem Friedel, den sie einst den Sänger Barbarossas genannt hatten; dann war da ein goldnes Gnadenkettlein, das hatte weiland Kaiser Friedrich der Zweite jenem nämlichen Sängerfriedel als Zeichen seiner Gunst geschenkt. Auch manch kunstreiches Schnitzwerk war vorhanden, das aus alter Zeit stammte und von irgend einem Fiedler gefertigt war, -- denn die ganze Familie hatte sich durch eine geschickte Hand ausgezeichnet, daneben aber auch eine besondere Freude an Musik und Gesang bewahrt, weshalb sie auch den Namen Fiedler angenommen hatte. --
Während zu dieser Zeit das Leben im Ebnerhause so ruhig verlief, daß auch nicht ein Wellchen die glatte Oberfläche zu kräuseln schien, gab es doch ein Wesen darin, welches sich bei Tag und Nacht in geheimer Unruhe verzehrte, -- und das war Frau Ursula. In der ersten Zeit nach Bertholds Genesung hatte sie nichts empfunden, als Wonne und Glückseligkeit; ihr ganzes Sein erhob sich in einem steten Dankgebet zu Gott und der heiligen Anna, welche so Großes an ihr und ihrem Hause gethan. Mit wahrer Herzensfreude hatte sie die kleine Kapelle ausgeschmückt; verbot deren ehrwürdiges Alter auch durchgreifende Veränderungen, so legten doch die prachtvolle Altardecke und die silbernen Leuchter zu beiden Seiten des Bildes ein beredtes Zeugnis von der Dankbarkeit der Geberin ab. Als Pater Anselmus eine feierliche Messe darin abhielt, und danach die gesamten Bewohner des Annenhofes, samt einer großen Anzahl von Armen der Umgegend, gespeist und reich beschenkt wurden, da hatte Frau Ursula das Gefühl, daß sie alles gethan habe, was die Heilige von ihr erwarten könne. Aber nun regte sich eine Stimme in ihrem Innern, welche ihr, erst leise und undeutlich, dann aber immer lauter und dringender zurief, daß sie die Hauptsache noch unausgeführt gelassen habe, daß sie den Himmel um eine ihm angelobte Seele betrügen wolle. Oft fuhr sie in der Stille der Nacht von ihrem Lager empor, weil mit entsetzlicher Deutlichkeit ihre eignen Worte: ich will ihn dem Himmel weihen! an ihr Ohr schlugen. Sie mußte es wohl, daß dieselben nur eine Auslegung zuließen; der Himmel hieß -- das Kloster, und bei diesem Gedanken überlief ein kalter Schauder ihre Glieder, sie streckte abwehrend die Hände aus, als müsse sie ein Schreckliches von sich und ihrem Erstgebornen fernhalten.
Nein, es konnte nicht sein! so Unmögliches konnten die Heiligen nicht verlangen. Sie wußte ja selbst nicht recht, welch ein Leben sie für Berthold erwarte; sein Sehnen und Streben stimmte mit dem Willen seines Vaters gar nicht zusammen, und sie hatte bisher nicht einmal den Mut gehabt, ihn ernstlich auf seine Bestimmung zum Kaufmann hinzuweisen. Doch hätte dieser Beruf ihn wenigstens in die Welt hinausgeführt, in die stete Gesellschaft der Menschen; er schloß Lebensfreude und Genuß nicht aus, wenn er auch strenge Arbeit und Hingabe verlangte. Sie wollte sich von nun an bemühen, ihn mit den Wünschen seines Vaters auszusöhnen, ihm die ritterlichen Träume auszureden; in einem Augenblick kam ihr dies schon wie ein verdienstliches Werk vor, -- aber im nächsten tönte plötzlich jenes dumpfe „Amen“ in ihrer Seele wieder und flößte ihr neue Angst ein. War irgend ein Mensch Zeuge ihres übereilten Gelübdes gewesen, oder hatte der Himmel selbst sein „Ja“ dazu gesprochen?
In dieser Gewissensqual, die sie weder ihrem Gatten, noch ihrem Beichtvater anzuvertrauen wagte, fiel ihr Meister Andreas Fiedler ein, von dessen reiner Frömmigkeit Magdalene so viel zu rühmen wußte, dessen Wesen auch auf sie selbst einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Ihm wollte sie den Fall vorsichtig vortragen und seine Meinung hören; vielleicht würde er ihn vorurteilsfreier ansehen, als mancher andre.
An einem Sonntag-Vormittag, als die Ihrigen in der Kirche waren, eilte sie dem kleinen Hause zu. Der alte Meister saß, wie sie erwartet, allein in seinem Lehnstuhl, das offne Evangelienbuch vor sich; er sah so fromm und friedlich aus, daß sie sich innerlich gelobte, seine Ansicht für Wahrheit anzunehmen. „Gott grüß’ Euch, Meister,“ sagte sie herzlich, „mich hat es recht verlangt, ein Wort mit Euch zu reden.“
„Geruht Euch zu mir zu setzen, ehrsame Frau,“ versetzte er mit liebreicher Höflichkeit; „ich freue mich, Euer gütiges Antlitz wiederzusehen.“
Sie redeten eine Weile über dies und das, bis Frau Ursula plötzlich anfing: „Was haltet Ihr vom Klosterleben, lieber Meister? ist es wirklich der sichre Friedenshafen, als den es uns die frommen Väter so gern schildern, oder findet man dort auch nicht den Himmel auf Erden?“
„Ich habe Klosterleute beiderlei Geschlechts gesehen,“ versetzte der Alte, „welche vom Himmel sicher viel weiter entfernt waren, als manche fromme Laien; andre dienten ihrem Gott in unverfälschtem Glauben und reiner Heiligkeit. Das Kloster ist so wenig der Himmel, wie die Welt die Hölle: erst der Mensch macht beides dazu, je nachdem er gut oder böse ist.“
„So meint Ihr, man könne ein Kind dem Himmel weihen, ohne es ins Kloster zu bringen?“
„Sicher, werte Frau; lehrt es nur Gott vor Augen und im Herzen haben, weis’t es hin auf das selige Paradies, das unser Heiland uns erworben, und lehrt es jede Sünde fliehen, die es dafür untüchtig macht, -- und seid gewiß, Ihr werdet seine Seele sicherer dem Himmel weihen, als wenn Ihr es wider seine Neigung zum Mönch oder zur Nonne machen wolltet. Seht, ich hatte selbst ein teures, einziges Kind, meine Hedwig -- die glaubte, als ihr die liebste Hoffnung scheiterte, sie könne das Leben in der Welt nicht mehr ertragen und müsse ins Kloster fliehen, um dort den Frieden zu finden. Sie fand ihn auch, -- aber er lag nicht fertig auf der Schwelle, wie sie gewähnt hatte, sondern sie mußte ihn mühsam erringen in Kampf und Gebet. Und als es mit ihr zum Sterben kam, da ließ sie uns rufen und sagte: ‚Vater, Mutter, vergebt mir, daß ich Euch eigenwillig verließ; ich habe zu spät erkannt, daß ich einen Irrtum beging, daß ich den Frieden, der im Glauben und in der Ergebung liegt, auch bei Euch hätte finden können.‘“
Der alte Mann hatte sein Haupt bei der schmerzlichen Erinnerung gesenkt, ein paar Thränen fielen auf die gefalteten Hände herab. Frau Ursala war tief gerührt, aber noch mehr erhoben und getröstet. „Habt Dank!“ sagte sie warm, indem sie ihm beide Hände reichte, „Ihr habt mir unendlich wohlgethan, lieber Meister. Der Himmel segne Euch und erhalte Euch Euren reinen Glauben!“
Sie ging nach Hause, ihre Schritte waren beflügelt, sie trug ihr Haupt höher, eine Centnerlast war von ihrer Seele genommen. Fortan sollte keine Sorge mehr ihren Frieden stören; sie wollte nicht allein Berthold, sondern alle ihre Kinder in der Art dem Himmel weihen, wie es Meister Andreas sie gelehrt hatte, und so ihr Gelübde überschwenglich erfüllen.
Und noch eins wollte sie thun: sie hatte der heiligen Anna eine neue Kapelle gelobt, jetzt wußte sie, wo sie dieselbe bauen lassen wollte. Der Rat hatte in der Zeit, als die Pest wütete, verboten, die Toten noch ferner innerhalb der Mauern zu begraben; es war ein neuer Friedhof vor dem Tiergärtner Thor geweiht worden, der fortan als allgemeine Ruhestätte dienen sollte. Doch war man bei der großen Menge auf heftigen Widerstand gestoßen, und es hatten sich alle Gutgesinnten, denen das Wohl der Stadt am Herzen lag, die Aufgabe gestellt, den neuen Johanniskirchhof aufs schönste auszustatten, um so das Vorurteil zu besiegen. Es fiel Frau Ursala nicht schwer, ihren Gatten für ihren Plan zu gewinnen; er liebte es, seinen Reichtum zu entfalten und zum allgemeinen Besten anzuwenden, nur fehlte es ihm, unter den tausend Geschäften, die der ausgedehnte Handel seines Hauses mit sich brachte, oft an Zeit und Gedanken dafür. Doch war er gern bereit, eine Versammlung der besten Kunsthandwerker Nürnbergs in sein Haus zu berufen, um den Plan der Kapelle mit ihnen zu besprechen.
Um den großen Tisch im Wohnzimmer waren bald darauf die hervorragendsten Meister der Stadt vereint. Da war Michael Wohlgemuth, der die besten Gemälde in Nürnberg fertigte, -- denn der, welcher einst sein Schüler werden und seinen Ruhm tief in Schatten stellen sollte, Albrecht Dürer, lag noch als kleines Kindlein in der Wiege --; Peter Vischer, der treffliche Rotgießer, der schon manches schöne Werk geschaffen hatte; Veit Stoß, der geschickte Bildschnitzer, von dem der englische Gruß in der Lorenzkirche herrührte; Sebastian Lindenast, der kunstreiche Verfertiger des Männleinlaufens; Veit Hirschvogel, der Glasmaler, der die Kirchen mit köstlichen Fenstern schmückte, und andre; nur der eigentliche Baumeister war ausgeblieben. Während Herr Wilibald seine Absichten entwickelte, Frau Ursula hin und wieder ein bescheidenes Wörtchen einwarf, und die Anwesenden ihre Ideen aussprachen, war Magdalene draußen beschäftigt, einen Imbiß vorzubereiten, denn es war anzunehmen, daß nach vollendeter Beratung jeder einen rechtschaffenen Hunger und Durst empfinden werde.
Der Diener Just meldete ihr, daß ein Mann sie zu sprechen wünsche. „Mich?“ fragte sie erstaunt, „habt Ihr auch recht gehört? wer ist es?“
„Er ist mir ganz fremd, ein hoher schlanker Mann mit langem, dunklem Bart; er trägt sich anders, als die Leute hier pflegen.“
Magdalenens Herz wallte hoch auf -- sollte endlich die lange und heiß ersehnte Stunde gekommen sein? „Führt ihn zu mir auf den Vorsaal,“ sagte sie gepreßt; sie mußte sich an einem Stuhl festhalten, denn sie zitterte an allen Gliedern. Der Fremde stieg die Treppe herauf; jetzt stand er vor ihr; einen Augenblick betrachtete er sie prüfend, dann breitete er seine Arme aus. „Meine Magdalene,“ rief er, -- und der eine Laut sagte ihr alles, zwanzig Jahre des Harrens waren in einem Moment ausgelöscht, sie schluchzte nur: „Adam!“ und sank halb ohnmächtig an seine Brust.
Wenige Minuten später that sich die Thür zum Versammlungszimmer auf; mit einem Ausdruck des Glücks, welcher ihre ganze Erscheinung verjüngte und verschönte, trat Magdalene ein, Adam an der Hand führend. „Verzeiht, liebe Herren, wenn ich Euch unterbreche,“ sagte sie mit leuchtendem Blick, „aber hier ist einer, der bei Eurem Werk auch wohl ein Wörtchen mitreden dürfte, und dessen Rat Ihr nicht verschmähen werdet. Adam Krafft ist wiedergekehrt!“
[Illustration: Adam Kraffts Heimkehr.]
Alle sprangen von ihren Sitzen auf, staunend umringten sie den Ankömmling, der den meisten von ihrer Jugend her bekannt war, an dessen Wiederkehr aber keiner mehr geglaubt hatte, als das eine treue Herz seiner Braut. „Wo habt Ihr so lange verweilt? -- was hat Euch all die Jahre zurückgehalten? -- wo kommt Ihr plötzlich her?“ so hieß es von allen Seiten. „Setzt Euch und berichtet uns, wie es Euch ergangen ist.“
Es war eine traurige Geschichte, die Adam zu erzählen hatte. Anfangs zwar war ihm alles herrlich geglückt; von einem Meister an den andern empfohlen, von der Lust, zu schauen und zu lernen, immer weiter gelockt, hatte er schöne Jahre in Deutschland und Italien verlebt und manchen reichen Verdienst eingesammelt, der ihm das künftige Haus sollte bauen helfen. In Neapel hatte er kehrt machen wollen, ein Schiff sollte ihn bis Genua führen, und Wind und Wellen schienen dem Streben seiner treuen Liebe hold zu sein. Aber plötzlich erhob sich ein Unwetter, die Masten mußten gekappt werden, ein Sturm trieb das steuerlose Schiff an ein fremdes Gestade, und an dem schlimmen Empfang, den sie dort fand, erkannte die unglückselige Mannschaft, daß sie in die Hände des heidnischen Herrschers von Tunis gefallen sei. Viele Jahre hatte Adam dort als Sklave die niedrigsten Dienste verrichten und endlich Steine zum Bau eines Tempels heranschleppen müssen. Er erkannte mit verständnisvollem Blick, daß das Gebäude übel angelegt sei, und warnte den König und den Baumeister vor den Folgen. Man strich ihn für seine Dreistigkeit mit Ruten; als aber bald darauf sein Wort in Erfüllung ging und der Tempel zusammenstürzte, da gedachte der König seiner Warnung und befahl ihm, ein neues Bauwerk zu errichten. Er that es, und sein Lohn war die Freiheit, doch ward er ohne Habe bei Genua ans Land gesetzt, und mühsam hatte er von dort aus seinen Weg bis zur Heimat zurückgelegt. Nun war er nach zwanzigjähriger Abwesenheit wieder in seiner lieben Vaterstadt angelangt, -- aber arm, wie er gegangen; nur seine gesunden Arme hatte er mit heimgebracht, einen Kopf voller Pläne und Entwürfe und seine unveränderte Liebe für seine Magdalene.
Wie ein Lauffeuer ging die Kunde von Adam Kraffts Heimkehr durch die Stadt, alles drängte sich hinzu, um ihn zu begrüßen und Jungfer Magdalene zu beglückwünschen. Wie viele Scheltworte hatte sie um ihrer Hartnäckigkeit willen hinnehmen müssen! wie oft hatten sich Witz und Spott an ihrer hoffnungslosen Treue versucht! Sie hatte sich durch das eine so wenig irre machen lassen, wie durch das andre, und ließ sich auch jetzt nicht dadurch anfechten, daß Adams Armut ihre Vereinigung mit ihm ins Ungewisse hinausrückte. Aber hier zeigte sich der Geist der Nürnberger im schönsten Licht: Adam, hieß es, sei ein echter Sohn der Stadt, und ein Sohn dürfe nichts dagegen einwenden, wenn die Eltern ihn ausstatteten. Von allen Seiten trug man ihm Geschenke zu, der eine brachte Geld, der andre Hausrat, und Adam dachte zu groß, um sich solcher Liebe zu schämen. Er kaufte ein freundliches Häuschen, richtete es mit dem Notdürftigsten ein und bat Magdalene, seine Hausfrau zu werden. Im Herbst ward die Hochzeit gefeiert, die ganze Stadt nahm den herzlichsten Teil daran. Herr Wilibald Ebner übertrug ihm den Bau der Kapelle, den er aufs glänzendste ausführte; er bewies sich dadurch als ein trefflicher Baumeister und hervorragender Steinmetz, dem es fortan an Bestellungen nicht fehlte. Der Name Adam Krafft strahlte von da an als heller Stern am künstlerischen Himmel von Nürnberg.
Frau Ursulas liebster Gang führte sie fortan zur Kapelle der heiligen Anna auf dem Johanniskirchhof; dort betete sie oft für ihre Kinder und mit ihnen und erneuerte den Entschluß, sie in treuer Sorge für den Himmel zu erziehen. Sie ließ es sich jetzt angelegen sein, Berthold für der Stand seines Vaters zu bestimmen, und so sehr er auch anfangs widerstrebte, so fand er sich doch allmählich in den Gedanken, schon um seiner Mutter willen, an der er mit schwärmerischer Liebe hing. Wie keck und übermütig er auch oft sein mochte -- +ein+ bittendes Wort von ihr, +ein+ vorwurfsvoller Blick genügte, um seiner mutwilligen Laune eine Schranke zu setzen und ihn zu liebevollem Gehorsam zurückzuführen. So vergingen einige Jahre in stillem Frieden, und wenn Frau Ursula auch zuweilen darüber seufzte, daß ihr Gatte so wenig Zeit für sie und die Kinder übrig habe, wenn sie auch mitunter wünschte, er möchte aufgeschlossner, vertrauensvoller sein, so sah sie diese Entbehrungen doch als die unvermeidlichen Schwächen an, die jedem Erdenlose anhaften, und betrachtete sich als eine glückliche Frau und reich gesegnete Mutter, denn ihre Kinder erblühten neben ihr, frisch und schön, wie die Rosen.
[Illustration]
Siebentes Kapitel.
Das Strafgericht der Stadt.
Räuberischer Gesell, du Zerrbild christlichen Adels, Trotzest du heut’ dem Gesetz, einmal bezwingt es dich doch!
In der Hausflur des Ebnerschen Hauses drängte sich ein Haufe Menschen, Männer, Frauen und Kinder, in dürftiger bäuerlicher Tracht. Ihr Aussehen bezeugte deutlich, daß sie zu den Mühseligen und Beladenen gehörten, denn alle Gesichter hatten einen Ausdruck des Leidens, der bei den einen mehr in stumpfes Dulden, bei den anderen in verbissenen Groll überging. Justus hatte vergebens versucht, die Leute hinauszudrängen, sie widerstanden ihm mit ruhiger Hartnäckigkeit und erklärten, nicht vom Platze weichen zu wollen, bis sie den Ratsherrn gesprochen hätten. Endlich öffnete sich eine Thür, und Herr Wilibald Ebner erschien auf den Stufen; alles stürmte auf ihn zu, und alle Stimmen riefen auf einmal: „Helft uns, rettet uns! Habt Erbarmen, übt Gerechtigkeit!“
Der Kaufherr hob die Hand auf. „Schweigt!“ sagte er in ernstem Ton, und in seiner Haltung, wie in dem Klange seiner Stimme lag etwas Gebietendes, das sich sofort Gehorsam erzwang. „Einer rede und sage mir in kurzen Worten Euer Begehr. Sprich du, Freund, was führt Euch zu mir?“
Der Angerufene, ein älterer Mann von ehrbarem, aber unendlich niedergedrücktem Wesen, trat einen Schritt vor. „Herr,“ begann er kummervoll, „wir sind Einwohner des Dorfes Hohenheiligen und bitten Euch um Schutz gegen unsere Bedränger. Junker Veit von Rotenhahn, der die alte Burg bewohnt, behandelt uns wie Feinde; er raubt uns unser Vieh, verwüstet unsre Felder, schlägt unsre Kinder .....“
„Mir hat der Teufel, der schwarze Janko, die einzige Kuh von der Weide getrieben,“ rief eine Stimme dazwischen -- „Mir haben die kleinen Junker die Gänse gestohlen,“ schrie eine andre -- „Mir hat der lahme Miklot meine Tochter entführt und zum Dienst auf der Burg gepreßt, wo sie mehr Schläge erhält als Essen“ -- „Uns haben sie das Heu von der Wiese genommen“ -- „Uns das Getreide vom Felde gefahren“ -- -- Die Klagen wollten kein Ende nehmen.
Wieder erhob Herr Wilibald die Hand und gebot Schweigen; wieder nahm der erste Sprecher das Wort. „Als wir uns bei dem Junker Veit selbst über das Treiben seiner Knechte und seiner wilden Söhnlein beschweren wollten, warf er einen unsrer Boten ins Verließ, wo weder Sonne noch Mond hinscheint, die andern ließ er vom Hofe peitschen. Dann gingen wir zum Ritter nach Maltheim, wo seit der Väter Zeiten unsre Herren gesessen, -- aber er sagte uns, er habe Dorf und Flur Hohenheiligen an Euch, Herr, verpfändet und während der Pfandzeit könne er nichts für uns thun. So sind wir zu Euch gekommen, gestrenger Herr; nehmt Ihr Euch unserer Not an! wahrlich, wir sind des Lebens satt und müde, denn es ist, als säße der leibhaftige Teufel mit seinen Helfershelfern über uns und plagte uns schier zu Tode!“
Herrn Ebners Stirn zog sich in dunkle Falten, unwillkürlich ballte sich seine Hand, doch bewahrte er äußerlich seine Ruhe und sprach nach kurzem Bedenken: „Ich gehe eben in die Ratssitzung; drei von Euch mögen mich begleiten, um Eure Klagen vor dem wohllöblichen Rat der Stadt vorzubringen; ich, als Einzelner, vermögte Euch wenig zu helfen. Die andern mögen sich auf dem Hofe niedersetzen, meine Hausfrau wird sie mit Speise und Trank erquicken. Dann aber geht ruhig Eures Weges und erwartet in Geduld das weitere.“
Diese Entscheidung wurde mit einem beifälligen Gemurmel aufgenommen; der Haufe, der vom weiten Wege müde und hungrig war, lagerte sich im Schatten des alten Nußbaums, der seine grünen Zweige freundlich über die Armen und Elenden ausbreitete. Nach einiger Zeit erschien Frau Ursula mit den Töchtern zur Seite und zwei Mägden hinter sich, welche große Schüsseln dampfenden Mehlbreis, Brot, Käse und Wurst trugen. Die Hausfrau selbst leitete die Verteilung und sah zu, daß niemand zu kurz käme; besonders auf die Kinder hatte sie ein gütiges Auge, und es rührte sie, zu sehen, mit welchem heißhungrigen Lächeln sie zulangten und sich die gute Kost schmecken ließen, die für sie ein seltener Leckerbissen war. Mit freundlicher Herablassung sprach sie mit den armen Weibern und ließ sich die Geschichte ihrer Leiden erzählen, die ihr tief zu Herzen ging; es war ein erschütterndes Bild täglich wiederholter Plagen, welche diesen unterdrückten Menschen jede Lebensfreude verkümmerten, ja, ihrem elenden Dasein jede Sicherheit entzogen.
So sehr hatten sich im Laufe der Jahrhunderte die ländlichen Verhältnisse verändert, daß die ehemals freien Bauern, welche mit Freude und Selbstbewußtsein ihren Acker bauten und die Früchte ihres Fleißes genossen, fast ausnahmslos zu rechtlosen Leibeigenen herabgedrückt und unter die Knechtschaft der adligen Herren gestellt worden waren. Die Zeit war nicht mehr fern, in der der tiefe Groll, der lange Jahre hindurch die Gemüter mit wohlberechtigter Entrüstung erfüllt hatte, endlich in hellen Flammen wilden Hasses auflodern, und bei der gänzlichen Verkommenheit alles geistigen Lebens ein furchtbares Verderben um sich her verbreiten sollte, in welchem zahllose Dränger und Bedrängte ihren Untergang finden mußten. -- Wie dankbar empfand die Ebnerin in dieser Stunde alle Vorzüge ihrer Stellung, wie preßte sie ihre Kinder ans Herz und pries den Himmel dafür, daß sie nicht der Bosheit roher Knechte und ungezügelter Buben ausgesetzt waren! --
Unterdessen fand auf dem Rathause eine sehr erregte Sitzung statt. Die Klagen der Bauern fielen auf einen wohlbereiteten Boden, denn sie waren nicht die einzigen, deren Rechte Junker Veit gröblich mit Füßen trat. Kaum ein Warentransport gelangte von dieser Seite her in die Stadt, dem er nicht aufgelauert hätte, und wenn seine Kräfte auch denen der reisigen Begleiter selten in offenem Kampfe gewachsen gewesen wären, so verstand er es doch vortrefflich, durch List einen einzelnen Wagen zum Stürzen zu bringen und sich in der eintretenden Verwirrung eines Teils seiner Ladung zu bemächtigen. Jeder Handelsherr der Stadt hatte schon Verlust und Arger durch ihn erlitten, und in der Zeit des regsten Verkehrs verging keine Woche ohne solche Schädigungen. Wurden doch in der guten Jahreszeit die Straßen nicht leer von Fuhrwerken, welche die im Auslande lebhaft begehrten Woll- und Lederarbeiten, die Harnische und Waffen und all die zierlichen Erzeugnisse der vorgeschrittenen Industrie Nürnbergs fremden Plätzen zuführten, während andrerseits die großen Kaufhäuser täglich ankommende Waren erwarteten, Weine vom Rhein, aus Spanien, Italien und Ungarn, feine Leinwand aus Flandern, Gewürze aus Indien, Heringe aus dem Norden und andre Dinge aus aller Welt Enden. Da brachte ein einziger Fang dem Räuber ebenso stattlichen Gewinn, wie er dem Kaufmann bedeutenden Schaden zufügte. Auch der städtische Jägermeister hatte beständig gegen Junker Veit und seine Spießgesellen zu klagen, denn sie jagten ohne jede Berechtigung im Reichswalde, der städtisches Eigentum war, und fällten dort so viel Holz, wie sie für Herd und Ofen brauchten. Die Namen Veits von Rotenhahn, des schwarzen Janko und des lahmen Miklot wurden von allen Seiten nur mit Haß und Verachtung genannt; man meinte allgemein, sie müßten mit dem Bösen im Bunde stehen, weil es nie gelänge, einen von ihnen zu fassen. Stets wußten sie mit heiler Haut zu entwischen, auch wenn die Verfolger in der Überzahl und in offenbarem Vorteil waren.
Darin also waren alle einig, daß Junker Veit ein arger Bösewicht sei, welcher gegen jedes Recht frevle und harte Strafe verdiene; aber wie die Strafe zu vollstrecken sei, darüber gingen die Meinungen weit auseinander. Die Hitzigsten wollten Aufbietung der bewaffneten Stadtmacht, offne Fehde-Erklärung, Belagerung der Burg und Vernichtung oder Gefangennahme der Übelthäter; die Ruhigen verlangten, daß erst alle Mittel friedlicher Justiz versucht werden sollten. „Wir wenden uns mit unsrer Klage an das kaiserliche Landgericht,“ hieß es.
„Habt Ihr vergessen,“ wendete ein andrer ein, „daß Markgraf Albrecht Achilles Verwalter des kaiserlichen Gerichts ist? und könnt Ihr von ihm Gerechtigkeit erwarten in Sachen der Stadt wider einen Adligen?“
„Wir müssen uns selbst Recht schaffen!“ rief ein dritter; „ladet den Junker vor die städtische Gerichtsbarkeit, er hat sich hundertmal auf städtischem Gebiet vergangen.“
„Laden können wir ihn wohl, aber wird er kommen?“ fragte ein vierter; „wird er unsre Forderung nicht einfach verlachen?“
Dennoch hatte dieser Vorschlag schließlich die meisten Stimmen für sich, und man beschloß, dem Junker durch drei sichere Boten eine Ladung zu senden. Sollte er derselben nicht folgen, so konnte man ihn in seiner Abwesenheit verurteilen und für vogelfrei erklären, sobald er sich auf städtischem Grund und Boden betreten ließe. Dann würde es wohl nicht schwer halten, ihm durch ein paar verwegene Gesellen auflauern und ihn in sichere Haft bringen zu lassen -- und dann winkten ihm Galgen und Rad als unausbleibliche Strafe.
Inzwischen saß der, gegen welchen diese Anklagen geschleudert wurden, in seiner sicheren Feste, wie ein Dachs in seinem Bau, und seine Tage vergingen teils in aufregenden Unternehmungen, teils in trägem Müßiggang. Die Stätte, wo er mit seiner Familie hauste, war keineswegs anheimelnd oder wohnlich, doch war sie seinen wilden Neigungen trefflich angepaßt. Inmitten eines wüsten Trümmerhaufens erhob sich in drei Stockwerken ein turmartiger Bau mit gewaltigen, unversehrten Mauern, der letzte Überrest einer stolzen Burg. Das unterste Gelaß, das nur durch einige Öffnungen dicht unter der Decke spärlich erhellt wurde, enthielt die Küche und etliche Vorratsräume; eine schmale Spalte, die durch eine starke eichene Thür und eiserne Riegel verwahrt werden konnte, führte ins Freie. In den zweiten Stock gelangte man von außen auf einer hölzernen Treppe, welche in eisernen Haken hing, und die man nach Gefallen abnehmen konnte; von hier führte eine steinerne Wendeltreppe nach oben. Jedes Stockwerk enthielt einen größeren Raum, unten den für die Männer, oben den für die Frauen, und kleine Schlafkammern daneben; auf der Zinne wohnte in einer winzigen Zelle der Türmer, der auf einem vorspringenden Söller ringsum gehen und die Umgebung der Burg auf eine weite Entfernung überschauen konnte. Ein enger Hof, der durch eine hohe Umwallung aus den zerfallenen Steinen der ehemaligen Burg abgeschlossen wurde, umgab den Turm; die Zugbrücke, welche meist aufgezogen blieb, wurde durch zwei Donnerbüchsen behütet, und so war mit großem Geschick eine fast uneinnehmbare Festung geschaffen worden, deren Inhaber die Feindschaft und den Haß der ganzen Welt verlachte.
Junker Veit lag lang ausgestreckt auf seinem Lager, dessen Stroh nur mangelhaft durch einige ausgebreitete Felle verdeckt wurde; eine umgestürzte, riesige Bierkanne zeugte deutlich von der Beschäftigung, der er sich vorher hingegeben hatte. Sein Weib stand neben ihm. „Holla, Veit,“ rief sie laut und schüttelte ihn derb an der Schulter, „wie lange willst du hier noch auf der Bärenhaut liegen? sollen deine Frau und deine Kinder Hunger leiden um deiner Faulheit willen?“
Er blinzelte und gähnte, ohne seine Stellung zu verändern. „Rüste dich, und ziehe auf die Jagd aus,“ fuhr sie fort, „die Kammer ist leer, kein Stücklein Fleisch oder Speck im Vorrat, das Mehl in der Tonne bedeckt kaum noch den Boden, der Wein ist ausgetrunken. Schaffe neue Vorräte an, oder Schmalhans wird unser Küchenmeister sein, und den liebst du am wenigsten.“
„Schicke die Knechte aus,“ sagte er schläfrig.
„Miklot behauptet, er könne nicht zu Pferde steigen: der Stich, den er neulich ins Bein erhalten, schmerze noch zu sehr; und Janko will nicht allein reiten, er sagt, die verdammten Bauern fahndeten zu hart auf ihn, einer könne sich ihrer schlecht erwehren.“
„So laß die Knaben ausziehen und dir ein paar Hühner oder ein Schweinchen von der Weide holen.“
„Meinst du, ich würde die unschuldigen Lämmer noch einmal den Knütteln der elenden Dorfbuben aussetzen? Emmo ist kaum noch kenntlich, so haben ihm die Schufte das Gesicht zerbläut, und Balduins Rücken ist mit Beulen überdeckt, daß ich Tag und Nacht daran kühlen muß. Du magst es vergessen, daß die Knaben von ihrer Mutter Seite her aus altem, edlem Geschlecht stammen, ich habe es immer vor Augen und werde sie vor Unwürdigem zu bewahren wissen, obgleich ihr Vater nur ein landläufiger Abenteurer ist.“
Mit einem Satz war Junker Veit auf den Füßen, „Hochmütige Hexe!“ knirschte er zwischen den Zähnen, „willst du mich rasend machen?“ Sie entfloh vor seinem wilden, drohenden Blick in ihr eignes Gemach; eine Weile saß sie dort still in bebender Angst, dann lauschte sie auf die unten erschallenden Tritte. „Er rüstet sich!“ sagte sie triumphierend, „ich habe ihn aufgerüttelt. Es versteht es doch keiner, mit ihm fertig zu werden, als ich allein!“
Als am Abend dieses Tages Junker Veit und Janko mit reicher Jagdbeute heimkehrten, empfing Walburg den Gatten aufs freundlichste.
„Seid willkommen, teurer Herr,“ sagte sie mit liebevollem Lächeln, „und habt Dank, daß Ihr meine Vorratskammer so reich versehen habt. Ich wußte es ja, daß dieser starke Arm die Seinen nicht würde darben lassen.“
Er küßte sie flüchtig auf die Stirn, und der oft getrübte Friede war wieder einmal geschlossen. --
Am nächsten Mittag stieß der Türmer ins Horn. „Was siehst du?“ rief Junker Veit zu ihm hinauf.
„Es kommen drei Reiter von der Stadt her; sie tragen die Abzeichen von Nürnberg und ein weißes Fähnlein, zum Zeichen friedlicher Gesinnung.“
„Viel Gutes werden sie mir nicht bringen,“ meinte der Junker, „ich glaube nicht, daß die Krämerseelen mir besonders gewogen sind. Doch man kann ja hören, was sie wollen.“
Er stieg hinab rief die beiden Knechte zu sich, ließ die Zugbrücke fallen und stellte sich am Anfang derselben auf, Janko und Miklot hinter sich, doch so, daß sie von den Ankommenden nicht gesehen werden konnten. Die Reiter hielten vor der Brücke still. „Was ist Euer Begehr?“ rief Veit ihnen zu.
„Wir sind vom wohllöblichen Rat der Stadt Nürnberg gesendet, um eine Ladung an den Junker Veit von Rotenhahn zu überbringen.“
„Ich bin es selber; sprecht aus, was Ihr zu sagen habt.“
Der vorderste Reiter zog aus dem Schaft seines hohen Stiefels ein Papier, an dem ein großes Siegel hing, entfaltete es und begann mit lauter Stimme zu lesen. Es war eine genaue Aufzählung all der Übertretungen, deren sich der Inhaber der Burg Hohenheiligen schuldig gemacht hatte, -- und eine mächtige lange Reihe hatte man zusammengestellt, wovon schon die Hälfte genügt hätte, dem Übelthäter an Kopf und Kragen zu gehen. Zum Schluß ward der Junker vor das städtische Gericht geladen, um sich wegen dieser Anklagen zu verantworten.
Veit hatte mit belustigtem Zwinkern zugehört und sich behaglich den Bart gestrichen; als die Lesung beendet war, brach er in ein höhnisches Gelächter aus. „Sagt dem gestrengen Rat: auch die Nürnberger hängten keinen, sie hätten ihn denn, und mich sollen sie noch lange nicht haben! Was schert mich der Rat der Stadt? ich bin ein freier Mann auf eignem Grund und Boden und lache der städtischen Gerichtsbarkeit. Wollen die Herren mich richten, so mögen sie zu mir kommen, wir wollen sie gastlich und mit Ehren empfangen und ihnen ein lustiges Tänzlein aufspielen! Zum Zeichen aber, daß Veit von Rotenhahn nicht mit sich scherzen läßt, behalte ich diesen großmäuligen Patron als Geisel in meinem Gewahrsam.“
Damit warf er sich auf den überraschten Reiter und riß ihn vom Pferde; Janko und Miklot waren wie der Blitz an seiner Seite, und ehe der Mann sich von seinem Schrecken erholt hatte, war er schon innerhalb des Thores. Ratlos sahen die beiden Begleiter sich an; sollten sie sich gleicher Gefahr aussetzen? ihre Pflicht war es vielmehr, dem Rat diesen neuen Frevel zu melden. Sie gaben ihren Pferden die Sporen und jagten davon; rasselnd fuhr hinter ihnen die Zugbrücke in die Höhe.
Der Gefangene ward gebunden und in einen dunklen, gewölbten Kellerraum geschleppt, der sich unter den Trümmern der alten Burg weit hinzog. „Welche Absicht hast du mit ihm?“ fragte Walburg unzufrieden. „Mich dünkt, er ist nur ein unnützer Esser mehr, der uns gar keinen Nutzen schaffen, sondern die Städter nur noch mehr gegen dich aufbringen kann.“
„Wenn du nichts für ihn zu essen hast, so laß ihn hungern,“ gab Veit gleichmütig zur Antwort; „der feiste Bursche hat so lange an den fetten Fleischtöpfen der Nürnberger gesessen, daß er ohne Schaden eine Weile fasten kann. Übrigens weiß ein kluger Kopf jeden Umstand auszunutzen -- wer weiß, ob mir die Stadt nicht ein erkleckliches Lösegeld für ihren Kriegsknecht bietet.“
„Schwerlich!“ versetzte Walburg. „Doch ist er ein ansehnlicher Geselle, und mir ist, als müßte ich ihn von früher her kennen.“
Sie grübelte darüber nach, wo sie ihn schon gesehen haben könnte; die dunkle Erinnerung vermischte sich mit Bildern aus ihrer Jugend -- jetzt hatte sie’s: es war Klaus Zworrer, der Ehemann jener Frau Barbara, welche schon im Dienst ihrer Stiefmutter gestanden, als sie selbst noch als Mädchen auf Maltheim lebte. Walburg hatte sich bei ihrem langen Besuch im Vaterhause genau nach allen Umständen erkundigt, welche sich an die wunderbare Genesung der kleinen Irmgard knüpften; sie hatte erfahren, daß Barbaras Gatte gerade damals für kurze Zeit ein Gast auf der Burg gewesen war. Vielleicht ließ sich von dem Manne etwas herausbringen, was darauf Bezug hatte, und seine Gefangennahme erwies sich wirklich als eine nutzbare That ihres Ehegemahls, vor dessen schlauen Anschlägen sie eine große Ehrfurcht empfand.
Nachdem der Gefangene zwei Tage lang ohne Speise und Trank in seinem dunklen Gewahrsam gelegen hatte, stieg Frau Walburg selbst zu ihm hinab, in einer Hand eine Laterne, in der andern einen Krug Bier und ein Brot im Arm. Sie stellte alles in einiger Entfernung vor dem Manne nieder, so daß er es, vermöge seiner Bande, nicht erreichen konnte und betrachtete ihn aufmerksam. „Gebt mir zu essen,“ stöhnte er mit trockner Kehle, „ich verschmachte vor Hunger und Durst.“
„Ihr sollt alles erhalten,“ versetzte sie, „doch müßt Ihr Euch dafür erkenntlich zeigen.“
„Was kann ich thun?“ röchelte er „elend gefesselt und halb tot?“
„Ihr seid der Ehemann jener Frau Bärbel, die früher im Dienst der Herrin auf Maltheim stand?“
„Ja, der bin ich.“
„Wollt Ihr mir aufrichtig und ohne Rückhalt einige Fragen beantworten?“
„Alles, was ihr wollt -- nur gebt mir zu essen und zu trinken.“
Sie schnitt ein Stück Brot ab, füllte einen kleinen Becher mit Bier und reichte ihm beides; er ergriff es mit Gier und verschlang es mit tierischem Heißhunger. „Mehr, mehr!“ stöhnte er.
„Erst müßt Ihr mir Bescheid geben. Ihr wart auf Maltheim bei Eurer Frau -- es mögen jetzt etwa drei Jahre her sein?“
„Ja, ich war dort, ich erinnere mich genau, denn bald darauf zog ich mit meinem Weibe nach Nürnberg.“
„Es war zu der Zeit, als das kleine Töchterchen des Ritters auf dem Tode lag und wunderbar genas, besinnt Ihr Euch?“
„Nein, davon weiß ich nichts.“
„Nicht? so bin ich fertig und kann wieder gehen.“ Sie griff nach der Laterne und den Lebensmitteln; aus der Brust des Gefangenen drang ein Jammerlaut, der schauerlich von dem weiten Gewölbe widerhallte.
„O bleibt, erbarmt Euch -- geht nicht fort -- gebt mir mehr zu essen --; was ich irgend weiß, will ich Euch sagen.“
Sie reichte ihm wieder einen Bissen und einen kargen Trunk. „Redet,“ sagte sie herrisch „verhehlt mir nicht den kleinsten Umstand aus jener Zeit.“
„Ich war lange in der Fremde gewesen, in burgundischen Diensten,“ erzählte er in abgebrochenen Sätzen, „aber ich hatte die reiche Beute nicht gefunden, die ich erhofft -- ein Teil freilich war mir beim Würfelspiel wieder durch die Finger gegangen. Müde und krank kehrte ich zurück, -- in der Nähe der Burg Maltheim fand ich ein Bündel auf der Straße liegen und hob es auf, denn ich meinte, es möchte vielleicht ein gutes Geschenk für mein Weib darin sein. Als ich es vor mir am Sattelknopf befestigte, fing es innen an, sich zu rühren und zu quäken; ich erschrak und untersuchte es -- es war ein kleines Kind darin. Schon wollte ich es ärgerlich herabwerfen, aber das Würmchen dauerte mich, es sah so weiß und fein aus; so nahm ich es mit und brachte es meinem Weibe, das mich arg dafür auszankte. Sie behielt mich zwei Tage bei sich; dann sagte sie, ich müsse fort, denn die Gebieterin wolle mich unter ihrem Dach nicht leiden und dürfe mich nicht sehen. Das Kind wolle sie behalten, aber ich müsse schwören, niemand ein Wort davon zu sagen. Darauf zog ich nach Nürnberg und nahm Dienste bei der Stadt als reisiger Knecht; meine Bärbel hat dort eine Schenke, und wir leben in leidlicher Eintracht bei einander. Das ist alles, was ich Euch sagen kann -- und nun gebt mir zu essen und zu trinken, denn ich bin schwach zum Sterben.“
Mit einem Hochgefühl des Triumphes kehrte Walburg in ihr Gemach zurück; endlich glaubte sie den Schlüssel zu einem Geheimnis gefunden zu haben, an dessen Lösung sie sich bisher vergeblich versucht hatte. Es schien ihr kein Zweifel mehr übrig, daß Irmgard jener Findling sei, den der Kriegsknecht nach Maltheim gebracht hatte. Sie beschloß, über ihre Entdeckung vorerst zu schweigen, um sie bei gelegener Zeit zu verwerten, dagegen jetzt etwas für Klaus zu thun, um ihn desto sicherer in ihrer Hand zu behalten.
„Ich sprach heute mit dem Gefangenen,“ sagte sie zu ihrem Gatten; „der Hunger hat ihn mürbe gemacht, er ist bereit, aus der Hand zu fressen, wie ein Hund, den man mit der Peitsche gezähmt hat. Übrigens scheint er kein verächtlicher Geselle zu sein; vielleicht könntest du in ihm einen tüchtigen Knecht gewinnen, denn Miklot wird gebrechlich, und es ist nicht mehr auf ihn zu zählen.“
Der Gedanke leuchtete Junker Veit ein, und er bot dem unglücklichen Mann die Freiheit an, falls er sich verpflichte, in seinen Dienst zu treten, und ihm geloben wolle, ihm in allen Stücken treu und gewärtig zu sein. Klaus weigerte sich anfangs lebhaft; er stand im Dienst der Stadt, hatte ihrem obersten Kriegshauptmann das Jurament geleistet, und es erschien ihm schimpflich, diesen ehrlichen Dienst mit dem bei einem Stegreifritter und gemeinen Räuber zu vertauschen. Aber einige Tage Hunger, Finsternis und Einsamkeit brachten ihn auf andre Gedanken; er sah ein, daß er ohne Hilfe nicht aus dem Raubnest entfliehen könne, und daß man ihn bei fortgesetzter Weigerung ohne Bedenken würde verhungern lassen; die Zeit der Einkerkerung kam ihm wie eine Ewigkeit vor, denn Tage und Nächte schlichen in endlosem Gleichmaß an seiner geängsteten Seele vorüber. Da er daran verzweifelte, daß die Stadt etwas für ihren gefangenen Boten thun würde, so sagte er endlich „ja“ zu Junker Veits Vorschlägen und taumelte mühsam zum Licht der Sonne empor, das seinen geblendeten Augen wehthat, während alle seine Glieder steif und schmerzhaft waren und seine Kniee vor Schwäche zitterten. Es genügten freilich wenige Tage, um ihn körperlich wiederherzustellen, aber sein Sinn blieb düster und sein Mund verschlossen; hätte nicht Junker Veit ihn mit einem furchtbaren Eide an sich gebunden und seinen Abfall mit entsetzlichen Strafen bedroht, so hätte er vom ersten Tage an nur auf Flucht gesonnen.
Die Nachricht, welche die beiden Boten nach Nürnberg brachten, hatte Rat und Bürgerschaft in unbeschreibliche Entrüstung versetzt; laute, aufgeregte Stimmen schrieen nach Rache für solche unerhörte Frechheit, galten doch in der ganzen Christenheit Boten für geheiligte Persönlichkeiten, an denen sich niemand vergreifen durfte. Man forderte blutige Sühne für diesen Frevel, und hätte die allgemeine Stimmung sich sofort in die That umgesetzt, wäre am nächsten Tage eine bewaffnete Schar ausgezogen, um die Burg zu überfallen, so wäre es Junker Veit übel ergangen. Aber so schnell ging es nicht; man war bei jeder Unternehmung an weitläufige Formalitäten gebunden, an einberufene Versammlungen, Vorschläge, Abstimmungen, Einspruchsfristen, und in dieser Zeit verrauchte viel von dem anfänglichen Feuer. Endlich, nach Ablauf einer Woche, marschierte ein Fähnlein Fußvolk unter einem berittenen Anführer nach Hohenheiligen ab.
Inzwischen hatte Veit Muße gehabt, sich auf alle kommenden Ereignisse vorzubereiten. Eines Tages kam Janko, der zum Spionieren ausgeschickt war, auf schweißbedecktem Gaule angesprengt: „Sie kommen, Herr,“ rief er keuchend, „in drei Stunden stehen sie vor unserm Thor.“
„Gut,“ sagte der Junker ruhig, „da haben wir noch reichlich Zeit, uns zu ihrem Empfange zu rüsten.“ Er gab sofort seine Befehle, setzte Walburg und die Knaben zu Pferde und gab ihnen Klaus und Miklot zur Begleitung; sie sollten auf wohlbekannten Waldpfaden nach einer benachbarten Burg reiten, wo ein gleichgesinnter Freund wohnte, und dort das weitere abwarten. Walburg hatte sich zuerst geweigert, ihn in dieser Gefahr zu verlassen, aber er lachte nur über den Gedanken an Gefahr und verhieß ihr, sie in kurzem wieder heimzuholen.
Als die Nürnberger Soldaten vor der Burg anlangten, sahen sie mit Erstaunen, daß die Zugbrücke herabgelassen war und das Thor weit offen stand. Vorsichtig verbot der Anführer das Betreten der Brücke und des Burghofes, weil er irgend eine teuflische List vermutete; als aber eine Stunde verging und nichts sich regte, schickte er ein Häuflein ab, um die Sache zu untersuchen. Totenstille herrschte in dem engen Hof, die Thüren der niedrigen Ställe standen offen, nirgend war ein lebendes Wesen zu sehen. Der Turm schien keinen Eingang darzubieten, denn die schmale Öffnung, welche aus der Küche ins Freie führte, war so kunstreich geschlossen, daß man nicht einmal eine Spur davon gewahrte; die Treppe zum Oberstock war abgenommen, man sah nichts, als kahle, nackte Mauern. Der Junker, der das Fähnlein führte, schüttelte verwundert und unschlüssig den Kopf: wen sollte man denn bekriegen, wenn gar kein Feind da war? Er hieß seine Leute, die ganze Burg umzingeln und bewachen und ritt mit geringer Begleitung ins Dorf, um Kundschaft einzuziehen. Bald sammelte sich die ganze Bevölkerung um die tapferen Krieger und schrie auf sie ein; die alten Klagen gegen Junker Veit und seine Knechte erschollen wieder, flehentliche Bitten, sie von ihren Peinigern zu befreien, wurden laut.
„Schweigt, Ihr Gesindel!“ herrschte der Anführer die Bauern an, „ich bin nicht gekommen, um Euer Gewäsch anzuhören. Sagt mir kurz und bündig, was Ihr von den Insassen der Burg wißt; mir scheint, die Galgenvögel sind allesamt ausgeflogen.“
„Ich sah die ganze Gesellschaft heute früh in gestrecktem Lauf davonreiten,“ rief einer, „sie werden wohl Wind bekommen haben und entflohen sein.“
„Meine Tochter, die auf der Burg gedient hat, ist heute zurückgekehrt,“ sagte eine Frau, „Junker Veit hat sie vom Hofe gejagt.“
„Bringt mir die Dirne her,“ gebot der Anführer. Ein bleiches, verschüchtertes Mädchen trat zitternd hervor, sie sah unendlich verkommen und zerlumpt aus. „Rede!“ rief der Reiter gebieterisch, „was weißt du von dem, was auf der Burg vorgegangen?“
„Ich weiß nicht viel,“ stammelte die Dirne ängstlich; „vorige Woche haben sie einen Gefangenen in den Keller geschleppt, aber niemand durfte zu ihm, als der Herr und die Frau. Nach ein paar Tagen kam er heraus und schwur dem Junker Treue, von da an ging er frei aus und ein. Heute früh trieb mich der Herr mit der Peitsche aus der Küche, ich solle mich hüten, wiederzukommen, er ritte mit all den Seinen davon. Da bin ich gelaufen, was meine Füße mich tragen wollten, und habe mich nicht mehr umgesehen, denn dort ist’s schlimmer, als in der Hölle.“
Zwei Tage und zwei Nächte blieben die Soldaten beobachtend vor der Burg liegen: als aber alles still und ausgestorben blieb, fingen sie an zu murren und verlangten, entweder in einen ehrlichen Kampf, oder nach Hause geführt zu werden. Es gab nicht einmal etwas zu plündern auf dem elenden Burghof, wo ohnehin alles in Trümmern lag; die alten Mauern des Turmes hätten doch aller Bemühungen gespottet, ihnen einen Schaden anzuthun. So begnügte sich der Anführer damit, das Urteil des Rates, wonach Junker Veit von Rotenhahn als ein Ehrloser gebrandmarkt und auf seinen Kopf ein Preis gesetzt wurde, ans Thor zu nageln. Dann zog er mit seinem Fähnlein unrühmlich von dannen, um den Vätern der Stadt mit prunkenden Worten zu berichten, daß schon die Annäherung eines bewaffneten Trupps genügt habe, um den Frevler mit all den Seinen in wilder Flucht von Haus und Hof zu jagen. Übrigens sei der Kriegsknecht, Klaus Zworrer, ein Elender und Eidbrüchiger, zu dessen Befreiung weitere Anstalten nicht zu treffen seien. --
Eine Weile, nachdem die tapferen Stadtsoldaten abgezogen waren, blieb es still wie vorher auf dem Burghof von Hohenheiligen, dann öffnete sich die Thür im Oberstock, die Treppe ward herabgelassen, Junker Veit und Janko stiegen hinunter. Im Nu war die Zugbrücke aufgezogen, das Thor geschlossen, die Pferde aus dem Kellergewölbe hervorgezogen. Die beiden wackeren Kumpane waren unmäßig vergnügt, und dem Anführer des Fähnleins hätten billig die Ohren klingen müssen von all den Ehrentiteln, mit denen die beiden ihn belegten. Zuletzt holten sie einen dickbäuchigen Krug spanischen Weines herauf, der beim letzten Überfall in ihre Hände geraten war, und fingen an zu zechen. Erst jubelten und sangen sie, daß die alten Mauern widerklangen, dann lallten sie unverständliche Worte, und schließlich lagen Herr und Knecht in tiefem Rausch mitsammen unter dem Tisch.
Das war das Ende des Strafgerichts, welches die freie Reichsstadt Nürnberg gegen den Raubritter Veit von Rotenhahn verhängte.
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