Viertes Kapitel.
Die Tochter des Herrn von Maltheim.
O Sankt Lorenz, wer führt die unliebsamen Gäste ins Haus mir? Heiliger! brächtest du doch schleunig sie wieder hinaus!
Über der Burg Maltheim lag heller Frühlingssonnenschein, der die alten Mauern wunderbar verschönte und sich in den unzähligen, kleinen Scheiben auf der Südseite behaglich spiegelte. Zwitschernde Schwalben segelten mit weit ausgespannten, metallisch glänzenden Flügeln hin und her, mit Strohhalmen und kleinen Zweigen im Schnabel, um die Nester instandzusetzen, welche die Winterstürme arg zerzaust und beschädigt hatten. Zwischen allen Ritzen sproßten frische, grüne Triebe hervor, hier ein bescheidenes Blümchen, dort ein schlankes Bäumchen, das unsicher im leisen Frühlingswinde hin und her schwankte, da seine Wurzeln zwischen Mauersteinen und Felsspalten nur geringen Halt fanden. Der Wald, der in einiger Entfernung die Burg umgab, hatte sein zartestes Blätterkleid angelegt, wozu die dunklen Tannen eine wirksame Verbrämung bildeten, und aus dem Burggärtchen drang der würzige Duft blühender Obstbäume bis zu dem steinernen Altan hinauf, auf dem Herr Werner von Maltheim mit seiner Familie den lieblichen Tag genoß.
Der Ritter saß im bequemen Hauskleide in einem Lehnstuhl, dessen Behaglichkeit durch weiche Kissen und Decken noch erhöht worden war; sein rechtes Bein, das mit Binden und Tüchern wohl verwahrt war, ruhte lang ausgestreckt auf einem Schemel; neben ihm auf der steinernen Balustrade stand ein Deckelkrug, aus dem er hin und wieder einen mäßigen Schluck nahm. Der tapfere Herr sah lange nicht so rüstig und unternehmend aus, wie einige Wochen früher; die frische Röte seines Gesichts war ganz verblichen, und auf seiner Stirn hatten heftige Schmerzen ihre unverkennbaren Furchen gezogen. Es war ihm auch schlecht ergangen, denn er war wieder einmal seinem grimmigsten, unversöhnlichsten Feinde erlegen, der ihn aus tückischem Hinterhalt zu überfallen pflegte, wenn er am wenigsten an ihn dachte, und seine Tage bei Jagden und Waffenspielen, die halben Nächte bei frohem Becherklang durchschwärmt hatte. Das war die Gicht, die ihn dann überwältigte und in schwere Fesseln schlug, und gegen diesen Feind half keine Tapferkeit und kein Schwert, sondern nur Geduld und stilles Aushalten, im Verein mit den Tränkchen und Kräuterbädern seiner Hausfrau, die sich auf die Bereitung von Arzeneien trefflich verstand. Neben dem Ritter saß Frau Kunigunde mit einer Arbeit in den fleißigen Händen, und um die Eltern tummelten sich in heiterem Spiel Ulrich und Irmgard. Die Kleine hatte sich seit dem Winter erfreulich entwickelt, sie lief sicher umher, die dunklen Augen glänzten vor Vergnügen, die aschblonden Löckchen ringelten sich üppig um das zarte Gesicht, das immer noch eine auffallende Blässe zeigte. Zwischen den Geschwistern bestand eine zärtliche Liebe, welche Ulrich zum gehorsamen Diener des kleinen Fräuleins machte. Sobald seine Lehrstunden beendet waren, die Pater Benedikt mit großem Ernst abhielt, eilte er zu Irmgard und suchte sie in jeder Weise zu unterhalten; wenn aber einmal der gestrenge Lehrmeister den Unterricht über die Gebühr ausdehnte, so klopften ein paar weiche Händchen an die Thür der Bücherei, und der ungeduldige Ruf: „Ulli, Ulli!“ schallte im Gange wieder.
Eine Schwalbe hielt in ihrem Fluge still, duckte sich auf der steinernen Brustwehr nieder und schaute mit den klugen Äugelein die Kinder an. Irmgard lief jauchzend auf sie zu und streckte die Hände aus -- im Nu war der Vogel verschwunden. „Greif ihn, Ulli,“ rief sie eifrig, „ich will ihn haben!“
„Viel verlangt, mein weißes Röslein,“ sagte er lachend, „gieb mir Flügel, um mich in die Luft zu heben, auf zwei Füßen holt man die Vögel nicht ein.“
„Greif ihn mir!“ bat sie dringender, und als er vor ihr niederkniete und ihr sagte, daß er zu ungeschickt dazu sei, faßte sie in seine blonden Locken und zauste so wacker darin, bis sie die Händchen voll goldener Fäden hatte. Er ließ es sich ohne einen Schmerzenslaut gefallen. „Ich will ein Netz aufstellen, kleine Herrin,“ sagte er begütigend, „morgen sollst du den Vogel haben.“
Mit behaglichem Lächeln hatte Herr Werner den beiden eine Weile zugesehen, jetzt versank er in ein tiefes Brüten. „Was sinnt Ihr, lieber Herr?“ fragte Frau Kunigunde nach längerer Pause, „Ihr seht nicht froh aus, schmerzt Euer Fuß Euch wieder?“
„Nein, das nicht,“ erwiderte er, „aber das lange Stillsitzen erzeugt allerlei schwere Gedanken. Wenn ich diese alte Burg ansehe, die nun bald vierhundert Jahre auf dieser Stelle steht, und in der eine lange Reihe von Maltheims aus- und eingegangen ist, so muß ich mich fragen, ob auch nach mir alles bleiben wird, wie es ist, und ob nach weiteren vierhundert Jahren noch eine Spur meines Geschlechtes übrig sein wird. Denn es ist eine böse Zeit angebrochen; vieles, was wir von den Vätern überkommen haben, fängt an zu wanken, und das Neue will mir nicht gefallen.“
„Aber es ist nicht immer so gewesen, lieber Herr? gerade diese Burg kann es Euch lehren, das jedes Geschlecht neue Bedürfnisse hat und seinem eignen Sinne folgt. Pater Benedikt hat mir erst kürzlich aus alten Chroniken bewiesen, daß fast jeder Inhaber den Bau in einzelnen Teilen umgestaltet hat, denn was dem Großvater noch ausreichend erschien, das war dem Enkel nicht mehr schön und bequem genug. Wenn jener Ritter von Maltheim und Buchenbühl, der den Ruhm seines Namens so herrlich leuchten ließ, heute wiederkehrte, glaubt Ihr, er fände nicht vieles anders, als er es verlassen hat; meint Ihr, er würde sich nicht wundern über die Ansprüche seiner Nachkommen, die ihre Fenster mit Glas verkleiden und das Feuer in Kachelöfen sperren, damit es besser wärme?“
„Pater Benedikt macht dich ja gewaltig klug, Gundel; ich muß wirklich Respekt vor die haben,“ meinte der Ritter mit gutmütigem Spott. „Ihr mögt auch wohl beide recht haben, -- dennoch, wenn ich Ulrich ansehe, so weiß ich, daß er anders geartet ist, als ich oder mein Vater. Er gleicht mehr den Männern deiner Sippe, unter denen mancher geistliche Herr und Gelehrte war. Ja, wenn mein Friedrich noch lebte -- der wäre wohl ein echter Maltheim geworden! Hat er doch, so jung er war, sein Leben im ritterlichen Kampfe eingebüßt.“
In Frau Kunigundens Seele stieg eine eifersüchtige Regung auf; sie liebte die Erinnerung an diesen Friedrich nicht, welcher ein Sohn aus des Ritters erster Ehe gewesen war. Erst nach seinem Tode hatte Herr Werner den zweiten Ehebund mit der bedeutend jüngeren Frau geschlossen, welche anfangs schwere Tage verlebt hatte. Denn sie fand eine erwachsene Tochter vor, die es gewohnt gewesen war, als Herrin auf der Burg zu gebieten, und die sich nur widerwillig der Stiefmutter beugte, welche wenig älter war als sie selbst. Es hatte sich zwischen den beiden Frauen kein freundliches Verhältnis herstellen wollen; beide hatten sich unglücklich gefühlt, und als der kecke Junker Veit von Rotenhahn um Fräulein Walburg geworben, hatte sie ihm freudig ihr Jawort gegeben, obgleich er nur ein heimatloser Abenteurer war, der nirgend ein Fleckchen Erde sein eigen nannte, sondern von einem Fürstenhof zum andern zog, um seine Dienste anzubieten. Der Ritter von Maltheim hatte zuerst die Ehe nicht zugeben wollen, aber die eigenwillige Tochter hatte ihm seine Zustimmung halb abgeschmeichelt, halb abgetrotzt; die Hochzeit ward gefeiert, und das junge Paar zog von dannen. Seit manchem Jahr hatte der Vater nichts von Walburg gehört, und Frau Kunigunde hoffte im stillen, die störrische Hausgenossin nie wiederzusehn.
„Komm her, Ulrich,“ sagte der Ritter, als Irmgard mit ihrer Wärterin verschwunden war, „ich hab mit dir zu reden. Hast du schon einmal ernstlich bedacht, Knabe, daß du der Erbe eines alten, herrlichen Namens bist, und daß es deine heilige Pflicht ist, dich deiner glorreichen Ahnen wert zu zeigen?“
Ulrich sah eine Weile sinnend vor sich hin, dann hob er den Blick mit tiefem Ernst empor.
„Kann man nur mit dem Schwert den Ruhm erwerben, Herr Vater? und giebt es für einen Edelmann nichts zu thun, als Schlachten zu schlagen?“
Der alte Ritter sah seinen Sohn ganz verblüfft an. „Wunderliche Frage!“ brummte er, „wie willst du dich denn auszeichnen, wenn nicht durch Tapferkeit, und wo willst du Ruhm erwerben, wenn nicht auf dem Schlachtfelde? Sieh doch die Reihe unserer Vorfahren an, haben sie nicht alle als Krieger und Helden geglänzt? Alle haben treu zu ihrem Kaiser gehalten und wacker auf seine Feinde -- oder ihre eigenen -- losgeschlagen; ich selbst habe im Gefolge meines tapfern Herrn, des Markgrafen, wohl hundert Fehden ausfechten helfen, und man hat mich deshalb oft das Schwert des Achilles genannt, -- wo findest du ähnlichen Ruhm? Willst du ein Pfaffe werden und nach Inful und Krummstab, oder gar nach Sankt Peters Stuhl trachten?“
„Nein, Vater,“ versetzte Ulrich, „ein Priester möchte ich nicht werden, und eine Kutte will ich nicht tragen. Aber ich möchte etwas thun, um die Menschen besser und glücklicher zu machen, um die Gerechtigkeit zur Geltung zu bringen und die Wehrlosen gegen die Gewalt der Mächtigen zu schützen. Pater Benedikt hat mir von den großen Universitäten zu Padua und Bologna erzählt, wo man lernen kann, was Recht und Unrecht ist; das möchte ich studieren und dann die Fürsten beraten, damit Mord, Brand und Fehde aufhöre, und aller Streit fortan friedlich geschlichtet werde.“
In sprachlosem Erstaunen hatte Herr Werner dem Knaben zugehört, der mit leuchtenden Augen vor ihm stand; dann brach er zornig los: „Also solche Hirngespinste setzt dir Pater Benedikt in den Kopf? Thörichtes Geschwätz von Friede und Gerechtigkeit -- das Recht ist immer auf Seiten des Stärkeren gewesen und wird es bleiben, solange die Erde steht. Meinst du, der Krieg solle fortan mit Tinte und Feder geführt werden, statt mit klingenden Waffen und frischem Dreinschlagen? Heiliger Georg, bewahre mich vor solch einer faulen Welt! -- ich will nichts mit ihr zu schaffen haben, und ich hoffe, es wird auch im Paradiese noch Feinde geben, denen ich mit meinem guten Schwert zu Leibe gehen kann. Es ist Zeit, daß ich dich von der Leitung des Pfaffen befreie, er hat schon zu sehr jeden ritterlichen Funken in dir erstickt -- Heiliger Kilian! muß mein einziger Erbe an adliger Gesinnung hinter dem Sohne eines Krämers zurückstehen?“
Besänftigend legte Frau Kunigunde die Hand auf den Arm ihres Gatten. „Erzürnt Euch nicht so sehr über seine kindischen Gedanken,“ sagte sie bittend, „Ihr schadet Euch, lieber Herr. Ulrich ist ja noch so jung; in seinem Kopf spiegeln die Dinge sich anders, als in Eurem erfahrnen Blick, und er spricht wohl nur nach, was ihm der Pater vorgesagt hat. Laßt ihn nur verständiger werden, dann werdet ihr sicher Freude an ihm erleben.“
Des Ritters Gesicht zuckte in heftigem Schmerz. „Mein Fuß, mein Fuß!“ stöhnte er, „o wie das bohrt und mich peinigt, als säßen lauter boshafte Teufel darin! Geh mir aus den Augen, Knabe, deine abgeschmackten Reden haben mich krank gemacht!“ Er lehnte sich bleich und matt in seinen Stuhl zurück; schweigend verließ Ulrich den Altan.
Frau Kunigunde eilte ihrem Ehegemahl mit den gewohnten Linderungsmitteln zu Hilfe und blieb bei ihm, auch, nachdem er sich von seinem Anfall erholt hatte, obgleich ihr Herz sie unbeschreiblich zu ihrem Knaben zog. Wie gern hätte sie ihn in ihre Arme genommen und getröstet, wie gern ihm ganz leise zugeflüstert, daß sie immer stolz auf ihn sein wolle, auch wenn er kein blutdürstiger Kriegsheld, sondern ein Apostel des Friedens und der Gerechtigkeit würde! Stammte sie doch selbst, wie ihr Gatte zuweilen mit einiger Geringschätzung hervorhob, aus einem friedliebenden Hause, das von jeher Kunst und Wissenschaft gepflegt hatte, warum sollte sie traurig sein, wenn ihr Sohn die besten Eigenschaften ihrer Sippe erbte? --
[Illustration: Walburgs Heimkehr.]
Von der Zugbrücke her erscholl jetzt Pferdegetrappel und Rollen von Rädern; bald darauf trat der alte Hausmeister aus der Halle. „Edler Herr, ich melde ehrenwerte Gäste: Junker Veit von Rotenhahn mit seiner Gemahlin und seinen Kindern wünscht Euch zu begrüßen.“
Frau Kunigunde legte die Hand aufs Herz, das plötzlich stillzustehen schien. Walburg hier? all ihr Glück und häusliches Behagen drohte mit einem Schlage in einen tiefen Abgrund zu versinken. Der Ritter richtete sich lebhaft auf. „Meine Tochter? hat der gütige Himmel sie wieder zurückgeführt? Geh, Daniel, und geleite sie zu mir, ich kann ihr ja nicht entgegengehn, -- und du, liebes Weib, eile, die unverhofften Gäste willkommen zu heißen.“
Mühsam faßte die Hausfrau sich so weit, um zu thun, was ihr Gatte und ihre Pflicht geboten, aber schon standen die Ankömmlinge in der Halle, und ohne der Mutter zu achten, stürmte Walburg, an jeder Hand einen Knaben, an ihr vorüber. „Mein teurer Vater!“ rief sie, indem sie neben dem Sessel des alten Herrn auf die Kniee sank, „da bin ich wieder daheim! segnet Eure Tochter und Eure Enkel, die sich von Herzen gesehnt haben, Euer geliebtes Antlitz zu schauen und Eure Hände zu küssen!“
Herr Werner war sehr gerührt durch diese gefühlvolle Anrede, er umarmte Walburg und küßte die Knaben, zwei stämmige Burschen von acht und zehn Jahren, welche etwas verdutzt dreinschauten und sich bei dieser zärtlichen Scene offenbar sehr unbehaglich fühlten. Walburg überströmte den Vater mit einer Flut von Versicherungen, wie schmerzlich sie ihn all diese Jahre hindurch vermißt habe, wie glücklich sie sei, wieder als Kind im Vaterhause leben zu dürfen, wie traurig es sie mache, ihn so krank und hinfällig zu finden, wie sie aber alles aufbieten wolle, um ihn zu pflegen und zu erheitern.
Mittlerweile hatte Frau Kunigunde den Junker Veit begrüßt, dessen räuberartiges Aussehen ihr einen neuen Schrecken einflößte. Auf der übermäßig schlanken Gestalt saß ein Kopf, dessen wachsgelbes Gesicht mit den kleinen, unheimlich funkelnden Augen und dem rabenschwarzen Zwickelbart einen fast dämonischen Eindruck machte. Seine Kleidung war ritterlich, trug aber unverkennbare Spuren langen Gebrauchs: die Halskrause hing welk und matt über das arg verschossene, rote Samtwams herab, der kurze Mantel zeigte manchen Riß, der nur unvollkommen geflickt war, und die Federn des Baretts senkten sich, wie geknickte Blumen, traurig hernieder. Auch Frau Walburgs Anzug zeigte nur noch Überreste ehemaligen Glanzes; das Kleid war von kostbarem Stoff, aber stark abgetragen, und in der Pelzverbrämung ihres Überwurfs schienen die Motten manches ungestörte Fest gefeiert zu haben. Sie sah viel älter aus, als ihre Stiefmutter, und so holdselig sie jetzt auch lächelte, so waren doch in ihren Zügen die Spuren von Leidenschaft und Trübsal unschwer zu erkennen.
Nachdem die ersten Begrüßungen vorüber waren, sagte Frau Kunigunde, sie wolle nun gehen, um den Reisenden Imbiß und Nachtlager zu bereiten, zuvor aber bat sie den Gatten, sich von ihr in die Halle führen zu lassen, damit die kühlere Luft ihm keinen Schaden thäte. „Geht nur an Eure Geschäfte, Frau Mutter,“ rief Walburg eifrig, „wir wollen für des geliebten Vaters Bequemlichkeit schon sorgen; es soll ihm sicher an nichts fehlen, nun ich wieder zu Hause bin.“ Der Ritter nickte ihr freundlich zu und nannte sie sein gutes, treues Kind; Frau Kunigunde aber ging mit einem bittern Gefühl von dannen. Kaum eine Stunde war Walburg im Hause, und schon suchte dieselbe sie aus ihren heiligsten Rechten und Pflichten zu verdrängen; durfte sie das dulden, mußte sie nicht vom ersten Augenblick an ihr gutes Recht als Gattin und Hausfrau verteidigen? Aber dann gab es Zank und Streit ohne Ende, vor dem ihr friedliebender Sinn zurückschreckte, -- nein, lieber wollte sie eine Weile in der Stille dulden und jede Pflicht der Gastlichkeit erfüllen; vielleicht befreiten die Heiligen sie dann eher von den lästigen Gästen. Sie beugte einen Augenblick das Knie vor dem Muttergottesbild in ihrem Gemach, benetzte Stirn und Brust mit geweihtem Wasser und ging mit besserem Mut an ihre häuslichen Anordnungen.
Nach eingenommener Mahlzeit scharte die Familie sich um den Ofen, in dem ein tüchtiges Feuer angezündet worden war, denn so schön der Tag gewesen, so kühl wurde der Abend. Frau Kunigunde hatte vollkommen recht gehabt, wenn sie meinte, der berühmte Ahnherr des Hauses, Herr Diether von Maltheim und Buchenbühl, würde seine Burg sehr verändert finden, wenn er aus zweihundertjährigem Todesschlaf erwachen und sein Haus heimsuchen sollte. Die Halle war zwar in ihren Mauern dieselbe geblieben, aber die Einrichtung war viel wohnlicher geworden: statt der offnen Kamine erwärmte ein riesiger Kachelofen den weiten Raum, und die verglasten Fenster wehrten dem Winde, dem Schnee und Regen den Eingang. Um den langen Tisch in der Mitte sammelten sich auch jetzt noch, nach alter Sitte, Herrschaft und Gesinde zur Mahlzeit, danach aber verließ die Dienerschaft die Halle, welche nur der Familie und den Gästen zum Aufenthalt diente. Die Wände waren sauber getüncht und mit kunstreich zusammengestellten Waffen und Jagdtrophäen verziert, in hohen Schränken bewahrte man die kriegerische Ausrüstung für die Burgmannen. Auf einem breiten Kredenztisch mit hohen Borden glänzte manch schönes Stück kostbaren Gerätes, und die Bänke, welche sich um den Ofen an der Wand hinzogen, waren weich gepolstert und mit bunten Decken verhüllt. Auch sonst war im Laufe der Zeit manche Veränderung eingetreten: die Frauengemächer waren aus dem Nebenhause in das obere Stockwerk verlegt, breitere Treppen führten hinauf, zahlreichere Fenster sorgten für mehr Licht und Luft. Die Knechte waren in den Flügel verwiesen, der einst zur Kemenate gedient hatte, doch war eine bessere Verbindung der einzelnen Gebäude hergestellt, -- kurz überall zeigten sich Spuren des Fortschritts, Anzeichen, daß die Menschen einen höheren Wert, als früher, auf ihre Heimstätte legten und bemüht waren, dieselbe mit größerer Behaglichkeit auszustatten.
Der Hausmeister hatte einen schweren Eichentisch nahe an den Ofen geschoben und eine frische Kanne schäumenden Bieres nebst hölzernen Bechern daraufgesetzt. „Nein, Gundel,“ rief der Ritter, „heute mußt du mit ein paar Flaschen firnen Weines herausrücken; die Rückkehr meiner lieben Kinder wollen wir mit einem köstlicheren Trunk feiern, als dieser ist.“
„Wie gern nehme ich unsre Gäste mit dem Besten auf, was das Haus bietet,“ versetzte Frau Kunigunde zögernd, „doch bedenkt, lieber Herr, -- versprecht mir -- Ihr wißt, daß Wein für Euren kranken Fuß Gift ist.“
„Seid ohne Sorge, Frau Mutter,“ fiel Walburg spöttisch ein; „die Freude ist die beste Arznei für den Kranken, und was er aus Freuden thut, wird ihm niemals schaden. Armer Herr Vater, Ihr habt ein gar zu trauriges Leben geführt, dabei kann niemand gesunden. Aber das soll nun alles anders werden!“
Bald stand der Wein auf dem Tische, die silbernen Becher klangen grüßend aneinander. „Und nun erzählt uns von Eurem Leben in diesen zehn Jahren, Veit,“ rief Herr Werner frohgelaunt, „weiß ich doch nichts von Euch, seit Ihr meine herzliebe Tochter in die weite Ferne entführt habt.“
Junker Veit that einen tiefen Zug und begann zu erzählen, -- man konnte im Zweifel sein, was er besser verstünde, das Flunkern oder das Zechen, denn in beidem erschien er als Meister. Er hatte jahrelang in ungarischen Diensten gestanden, und wenn man ihm zuhörte, mußte man denken, alle Geschicke Ungarns wären von ihm geleitet worden, seine Kühnheit hätte dem glänzenden Matthias Corvinus auf den Königsthron geholfen, sein tapferes Schwert in unzähligen Schlachten die hereinstürmenden Türken von den Grenzen des Reichs zurückgedrängt, sein scharfer Blick Verschwörungen entdeckt und vereitelt. Frau Walburg unterstützte den Bericht ihres Eheherrn durch eingestreute Bemerkungen über die Ehrenbezeigungen, mit welchen man denselben am ungarischen Hofe überhäuft, und an denen auch sie vollen Teil gehabt habe, über die reiche Beute, welche er aus den Türkenkriegen heimgebracht, und erging sich in prunkenden Beschreibungen des Glanzes, in welchem sie dort gelebt hätten. „Warum habt ihr denn diesen Schauplatz der Ehren verlassen?“ fragte Frau Kunigunde trocken.
„Mich zog es unwiderstehlich zu dem teuren Vater und der geliebten Heimat zurück,“ erwiderte Walburg, indem sie zärtlich des Ritters Hand drückte, „und ich ließ meinem Gatten keine Ruhe, bis er mich aus dem Prunk der großen Welt wieder in diese liebliche Stille geführt hatte.“
„Mich trieb auch noch ein anderer Grund von dannen,“ sagte Junker Veit mit zwinkernden Augen, indem er den langen Zwickelbart strich; „so lange König Matthias meinen Arm gegen die Türken gebrauchte, stand ich ihm gern zu Diensten, als er sich aber gegen die Kaiserliche Majestät von Deutschland wendete, als er Kaiser Friedrich aus seiner eignen Residenz vertrieb -- da empörte sich mein deutsches Herz, und ich sagte ihm den Gehorsam auf. Glaubt mir, Herr Vater, es war mir ein tiefer Kummer, als wir auf unserm Wege dem Kaiser begegneten, der als ein Flüchtling mit einem Gespann Ochsen seine Straße dahinzog und an einer Klosterpforte um Zehrung und Obdach bat.“
„Ihr seid ein wackerer Mann, Veit von Rotenhahn,“ rief Herr Werner herzlich und schüttelte die Hand des schlauen Erzählers mit kräftigem Druck; „Ihr habt recht gethan, denn wenn auch Friedrich wenig königliche Größe zeigt, so bleibt er doch immer unser Herr, und mein Geschlecht hat sich stets durch seine Treue gegen den Kaiser hervorgethan. Mir ist es lieb, daß auch mein Eidam solche Gesinnung hegt und bewährt.“
Es war schon spät am Abend, als man sich trennte; Balduin und Emmo, die beiden Söhne der Rotenhahns, lagen längst in einem Winkel der Halle in tiefem Schlaf. Aber Frau Kunigunde blieb auf ihrem Lager noch lange wach, ihr Herz war tief bedrückt, und sie sah schweren Tagen entgegen.
Am nächsten Morgen fühlte Herr Werner sich kräftiger, als seit langer Zeit; er hob es rühmend hervor, wie wohl ihm die Freude des Wiedersehens und der gute Wein gethan hätten, und Walburg triumphierte. Mit Ulrich that sie überaus freundlich und empfahl ihm ihre lieben Söhnlein als gute Spielkameraden; als aber Irmgard hereinkam, nahm ihr Gesicht den Ausdruck unangenehmer Überraschung an. „Ich wußte nicht, daß Ihr noch solch ein ungefiedertes Vöglein im Nest habt, Herr Vater,“ sagte sie spöttisch. „Aber wie bleich und krank es aussieht! schwerlich werdet Ihr es aufwachsen sehen!“
„Du irrst, meine Tochter,“ versetzte der Ritter, „dies Kind steht unter besonderer Obhut der heiligen Jungfrau, die es sicher nicht dazu vom Tode errettet hat, damit es uns noch einmal entrissen werde. Seit jener schweren Krankheit ist es so blaß geblieben, aber es ist trotzdem frisch und gesund.“
„Seltsam!“ sagte Walburg, welche die Kleine aufmerksam betrachtete, „ihre Züge zeigen nicht die geringste Ähnlichkeit, weder mit Euch, Herr Vater, noch mit Eurer Gattin. Man könnte glauben, Ihr hättet einen Findling in Euer Haus aufgenommen.“
Frau Kunigunde schlang ihren Arm um Irmgard, als müßte sie sie schützen. „Ich weiß nicht, wie Ihr so reden mögt, Walburg,“ versetzte sie mit zitternder Stimme, „das Kind hat ein Maltheim’sches Gesicht: dunkle Augen und helles Haar, grade wie Euer Vater, als er noch jung war.“
„Meint Ihr, Frau Mutter?“ fragte Walburg in scharfem Ton, „mich dünkt, es gehören ganz besondere Augen dazu, um solche Ähnlichkeit zu finden.“ --
Frau Kunigundens bange Ahnung erwies sich als nur zu gut begründet: böse Wochen zogen an Burg Maltheim vorüber. Nach kurzer, scheinbarer Genesung warf ein heftiger Rückfall den Ritter in sein altes Leiden zurück: stöhnend lag er auf seinem Lager, wollte niemand sehen und ließ alle seine Schmerzen und seine üble Laune an seiner getreuen Gattin aus, der jetzt keiner mehr die Pflege des Kranken streitig machte.
Unterdessen wurden die Gäste mit jedem Tage anmaßender und anspruchsvoller. „Ihr helft uns wohl mit ein wenig Wäsche und Kleidern aus, bis unsre Packwagen nachkommen,“ sagte Walburg kühl und durchstöberte rücksichtslos die wohl geordneten Truhen der Hausfrau, denen sie alles entnahm, was ihr und den Ihrigen nützlich sein konnte. Das Zurückgeben machte ihr wenig Sorge; die Wagen kamen nicht, und die Seelenruhe, mit der das Ehepaar die verspätete Ankunft seiner Habe erwartete, ließ schließen, daß dieselbe nie von Ungarn abgegangen sei. Junker Veit ritt indessen Herrn Werners Pferde, jagte mit seinen Hunden, trank seine Weine und zankte sich mit seinem Hausmeister, wenn dieser ihm nicht in allen Stücken zu Willen war. Emmo und Balduin waren zwei Rangen, die in schrankenloser Freiheit aufgewachsen waren; von ihrer Mutter abwechselnd gehätschelt und beiseite geschoben, von ihrem Vater kaum beachtet, waren Junker Veits kräftige Fäuste das einzige, wovor sie Respekt hatten, denn die pflegten freilich, wo sie zugriffen, auch deutliche Spuren zu hinterlassen. Ulrich ging den Vettern, so weit wie möglich, aus dem Wege; ihre rohen Scherze flößten ihm unendlichen Widerwillen ein, und er widmete sich mit größerem Eifer, als je, den Lehrstunden bei Pater Benedikt; Irmgard weinte, sobald sie die wilden Buben sah, und die weibliche Dienerschaft befand sich stets im Zustande der Empörung wider die Knaben, die keinen Hund und keine Katze, kein Huhn und keine Ente schonten, und an Menschen und Tieren ihre boshaften Streiche ausübten.
Und wie die Herren, so die Diener; der schwarze Janko und der lahme Miklos, zwei echte Heiducken aus den innersten Steppen Ungarns, waren in der Gesindestube bald ebenso ungern gesehen, wie ihre Gebieter in der Halle: sie stahlen wie die Raben, logen, als würden sie dafür bezahlt, fluchten in ihrem fremdländischen Kauderwelsch ganz lästerlich und ließen bei jedem Streit die scharfen Klingen ihrer langen Messer zwischen den Fingern blitzen, so daß der alte Daniel seine liebe Not damit hatte, Ruhe und Frieden unter der Dienerschaft aufrecht zu halten. So kam es, daß kaum ein Tag verging, an dem nicht der Wunsch, die lästigen Eindringlinge los zu werden, auf aller Lippen gelegen hätte.
Walburg saß in der tiefen Fensternische ihres Gemaches und zog mit langen Stichen die Risse in den Wämsern ihrer hoffnungsvollen Sprößlinge zusammen, als Junker Veit eintrat und sich laut gähnend auf sein Lager warf. Er beschäftigte sich eine Weile damit, ein schön gesticktes Kissen auf der Spitze seines langen Dolches tanzen zu lassen, wobei es ihn wenig kümmerte, wenn dieser das Zeug durchschnitt und die Federn herausstäubten. „Ich habe es satt, hier noch länger den Tugendhaften zu spielen,“ brummte er endlich unwirsch, „die Langeweile tötet mich.“
„Besser die Langeweile, als der Hunger oder der Strang,“ versetzte seine Gattin; „du weißt am besten, wie nahe dir beides war.“
„Hexe!“ murmelte er und warf ihr einen stechenden Blick zu. „Strenge dein Hirn an, einen andern Plan auszusinnen; in diesem öden Nest mag ich nicht länger bleiben.“
„So geh deiner Wege, wohin du willst; glaubst du, Frau Kunigunde werde dich fußfällig bitten, zu bleiben? sie ist unser längst überdrüssig, und der Alte auch; deine schön aufgeputzten Lügen konnten es ihm doch nicht lange verhehlen, welch ein Erzschelm dahinter steckt.“
„Weib, reize mich nicht!“ rief Veit grollend, „ich bin nicht in der Laune für Sticheleien.“
„Nur gemach, lieber Herr,“ sagte Walburg, „seid nur nicht gleich so hitzig, sondern laßt uns vernünftig über die Sache reden; was begehrt Ihr eigentlich von mir?“
„Ich wollte dir auch raten, verständig zu sein,“ brummte er. -- „Sage deinem Alten, er solle uns ein Schlößchen geben, in dem wir unsre eignen Herren sind, -- ich bin es müde, mir jeden Trunk Wein vom alten Daniel zu erbitten.“
„Und wovon sollen wir dort leben? Willst du ein Bauer werden und die Scholle beackern, damit wir Brotkorn gewinnen?“
„Weit gefehlt! Gieb mir nur eine Landstraße zu ritterlichem Erwerb; ein einziger, glücklicher Fang eines Nürnberger Krämerzuges macht uns für viele Wochen satt.“
„Ich will es versuchen,“ sagte Walburg nach kurzem Besinnen, „aber dann gieb auch zu, daß ich dein kluges, wackres Weib bin, das du gar nicht entbehren kannst.“
„Meinetwegen,“ versetzte Veit nachlässig, „du bist die schlechteste nicht, nur deine Zunge ist allzu spitz und giftig, und das macht mich manchmal wütend; halte sie besser im Zaum.“
Die Wünsche der Rotenhahns fanden bei dem Ritter ein willigeres Ohr, als jene erwartet hatten; selbst er hatte allmählich eingesehen, daß ein längeres Zusammenleben keinem zum Heil gereichen würde. Er besaß außer Maltheim noch Hohenheiligen, dessen Flur er an Herrn Ebner verpfändet hatte, doch gehörte die alte Burg nicht in das Pfandlehen hinein. Freilich war sie in der großen Nürnberger Fehde arg verwüstet und teilweise niedergebrannt worden, aber ein Flügel stand noch und ließ sich mit geringem Aufwand bewohnbar machen. Junker Veit ritt hinüber und fand die Lage günstig; die Burg stand am Rande des Reichswaldes, der den dürren Sandboden um Nürnberg auf Meilen weit bedeckte; bis zur Heerstraße war es nur ein mäßiger Ritt. Er sah im Geiste schon die langen Warenzüge der reichsstädtischen Kaufleute dort vorübergehn und in seine Hände fallen; in bester Stimmung rüstete er sich zum Umzuge.
An einem sonnigen Morgen brach die Familie mit Janko und Miklos auf, ein schwer beladener Packwagen mit dem nötigsten Hausrat begleitete sie. Der Tag ward von den Bewohnern von Maltheim als ein Freudenfest begangen, aber von niemand mehr, als von Frau Kunigunde und Ulrich. Mehr als einmal sahen sich die Mägde verstohlen lächelnd und verständnisvoll an, wenn aus dem Munde der Edelfrau, mitten unter ihren häuslichen Beschäftigungen, singende Töne hervorbrachen, als könne sie die Freude ihres Herzens gar nicht unterdrücken. Abends kam Ulrich freudestrahlend zum Ritter. „Denkt nur, Herr Vater, heute habe ich drei Spatzen im Fluge mit dem Bolzen erlegt; Lukas sagt, es sei ein Meisterschuß.“
„Sieh da, mein Knabe,“ sagte Herr Werner angenehm überrascht, „treibst du auch ritterliche Künste neben der Büchergelehrsamkeit?“
„Ei freilich, Herr Vater; ich habe mich fleißig im Schießen geübt, ich möchte alles lernen, was Euch wohlgefällt.“
„Das ist brav, mein Junge,“ versetzte der Alte und strich ihm freundlich über die langen Locken, „vergiß es nie, daß du der Sproß eines der edelsten Häuser im Frankenlande bist.“ --
So waren Ruhe und Frieden wieder in Maltheim eingekehrt, die auch der Ritter wohlthuend empfand, obgleich er nichts darüber sagte. Junker Veit ließ sich selten blicken, und wenn Walburg auch zuweilen zum Besuch herüberkam -- sie that es nur, wenn die Not sie trieb, und hatte stets eine Menge von Wünschen vorzubringen --, so ließ sich das schon ertragen, denn es war doch immer ein baldiges Ende abzusehn.
[Illustration]