Chapter 13 of 23 · 3983 words · ~20 min read

Part 13

»Wirklich und wahrhaftig, Fleisch und Bein, Jugend und Schwarzwald, Burschenschaft und gut Freund allzeit und allwege,« riefen und lachten die Tillmann, Grüters und Broich mit ihren Frauen im Wettbewerb durcheinander. »Eingefangen bist du, Weltflüchtling. Auf Gnade und Ungnade. Die Frau Doktorin hat’s recht gemacht. Eingelullt hat sie dich, mit Chloroform oder Liebreiz, und uns inzwischen durch den Fernsprecher von Düsseldorf hergerufen. Die Klarenbachschen Kraftwagen schafften’s in einer guten Stunde, als wir erst den Überfalltrupp beisammen hatten. Martin! Martin Opterberg! Wie ein verwunschener Prinz schaust du aus!«

»Und die bezauberndste Frau sollst du haben rheinauf und rheinab,« rief der begeisterte Tillmann in Studentenseligkeit.

»Laß das!« gebot seine Gattin Elfriede scharf, und im Gelächter der Zuhörer ging der kurze, eheliche Auftritt unter.

»Wenn ich schon nicht,« knurrte Tillmann verlegen, »von schönen Frauen sprechen darf, so gebt mir Wein, und die Frau Therese soll die Laute nehmen.«

Rund um den Tisch saßen sie, auf den eine Bowle hingezaubert stand, und sahen sich in die Augen und suchten und fanden sich, und die Gläser klangen aneinander, wurden geleert und wieder gefüllt, und als der ersten Wiedersehensfreude genug getan war, sang Frau Therese zur Laute.

Wie entrückt saß sie, die weiche Wange an den Lautenhals geschmiegt, und lauschte beim Singen hinein und hinaus … Und langsam fand sich unter den Männern und Frauen Hand in Hand …

»~O academia!~« jubelte Tillmann auf. »~O academia~ -- --«

* * * * *

Monate hindurch zehrte Martin Opterberg von diesem Tag, von diesem Abend. Der Schnee lag auf den weiten Breiten am Niederrhein, und die Kopfweiden am langgestreckten Stromufer spiegelten ihre Hauben in dem schwerfällig fließenden Wasser. Tot war das Land. Heißer wurde das Leben in den Häusern der Menschen.

Am heißesten wogte es in Sabine Opterberg. Eine Lebensgier war in ihr, die nicht zu stillen war, und wenn es sich nicht zu irgendeiner Abendgesellschaft in der Umgebung zu schmücken galt, schmückte sie sich für die Theater- und Musikaufführungen in den benachbarten Städten, und selbst in den politischen Versammlungen ihres Bezirks erschien sie, um einem besonders heißblütigen Vorkämpfer zu lauschen. Die Männer blickten ihr auf den Straßen nach, wenn sie in ihrer schlanken Fülle vorüber schritt, und sie erspähte jeden Blick unter den niedergelassenen Lidern, auf den Lippen ein geschmeicheltes Lächeln, das wie eine Aufreizung wirkte.

Dieses Lächeln war Martin Opterberg das Verhaßteste an seiner Frau. Weil es ohne Ansehn der Person jeden bewundernden Blick bescheinigte, der nur von einem Manne kam. Auf dem Werftplatz hatte sie gesessen, auf einem Bretterstoß, und zum Zeitvertreib auf ihn gewartet. Ein Knecht war mit einer Pferdekarre an ihr vorbeigekommen, hatte jäh angehalten und mit flackernden Augen nach dem feinbestrumpften Bein gestarrt, das von der Höhe des Bretterstoßes lässig hin und her pendelte. Da waren die Augenlider der Frau niedergesunken, da war das Lächeln erschienen, dies vermaledeite Lächeln, wie es die scheuen Dirnen auf den Straßen hatten. Nie hatte es Martin Opterberg so verhaßt gefunden wie in dem Augenblick, da der Knecht beim Erscheinen seines Herrn gleich einem ertappten Sünder mit dem Gefährt von dannen jagte.

Die Bewunderung ihrer Kreise genügte Sabine Opterberg nicht mehr. Längst hielt sie Ausschau darüber hinaus, und ihr zigeunerndes Blut wallte bei jeder Erscheinung auf, die aus dem Rahmen strebte wie sie selber.

In diesem Winter gingen die politischen Wogen hoch in den Fabrikstädten am Niederrhein. Ein neuer Volksredner der Umsturzpartei war aufgestanden, ein dienstentlassener, junger Oberlehrer, der rücksichtslos die Leidenschaften gegeneinander hetzte. Keine seiner Versammlungen ließ Sabine Opterberg im Stich. Das war eine Sprache, die sie in ihren Höhen und Tiefen verstand, so unklar der Schwall der Worte auch daherbrausen mochte. Daß es brauste, daß es stürmte und aller Grenzen spottete, das empfand sie wie heimatliche Luft, wie Blut von ihrem Blut.

Zwischen den Ehegatten kam es zu einer scharfen Auseinandersetzung. Martin Opterberg untersagte seiner Frau den Besuch der Versammlungen, untersagte ihr, sich selbst, ihn und seinen Namen bloßzustellen. »Du weißt, wohin du gehörst. Ein Schwanken ist ein Verzicht.«

Da ließ Sabine Opterberg den neuen Glaubensboten, an dem der politische Strudelkopf ihr nichts, an dem der abenteuernde Mann ihr alles war, heimlich zu sich rufen und führte mit ihm eine Unterredung, die mit der Aufstellung kecker Richtlinien zu einem unanstößigen Verkehr schloß. Schon wenige Tage darauf, an einem Sonntagmorgen zur Besuchszeit, wurde Martin Opterberg eine Karte überreicht mit dem Namen: ~Dr. phil.~ Friedrich Radermacher. In ehrlicher Überraschung las er den Namen. Was wollte der Hetzer und Hasser von ihm? »Ich lasse bitten,« gebot er dem wartenden Mädchen.

Der Eintretende war von schlanker und sehniger Gestalt, einen halben Kopf kleiner als der hochgewachsene Hausherr. Sein schwarzes Haar lockte sich in der Stirn, und in dem glattrasierten Gesicht lagen die dunklen Augen wie in verhaltenem Feuer. Eine Schönheit für romantische Zofenseelen, dachte Martin Opterberg und bot dem Besucher ernst einen Platz.

Doktor Radermacher nahm dankend an. Er erklärte in fließenden Worten, daß er von der vorbildlichen Art der Behandlung erfahren habe, der sich die Arbeiter auf dem Opterbergschen Werftplatz erfreuten, und daß er gekommen sei, um mit einem so sozial empfindenden Arbeitgeber, wie er ihn nie zuvor angetroffen habe, einen Austausch der Meinungen herbeizuführen, auf die Gefahr hin, seine vorgefaßte und verallgemeinernde Ansicht einer kleinen Nachprüfung unterziehen zu müssen. »Denn,« schloß er feurig, »nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da!«

»Der Mann schauspielert,« sagte sich Martin Opterberg, doch ließ er sich höflich auf einige Erörterungen über die Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein, die er mit den Worten endete, daß die ehrliche Lösung aller dieser Fragen stets von den Persönlichkeitswerten in beiden Lagern abhänge und es im übrigen Faule und Fleißige, Zufriedene und Unzufriedene geben würde, solange die Menschheit sich nicht wie die Lilien auf dem Felde kleide und wie die Spatzen im Getreideacker nähre.

Nach einer Weile erhob sich der Besucher und bat, da er vorläufig keine politischen Versammlungen mehr abzuhalten gedenke, zu einer passenden Zeit wiederkommen zu dürfen. Martin Opterberg stand im Begriff, die Bitte als eine gänzlich zwecklose abzuweisen, als sich die Tür zu seinem Arbeitszimmer öffnete und Sabine ihren Gatten zum Frühstück rief. Überrascht blieb sie auf der Schwelle stehen, und da der Hausherr keine Miene machte, den Gast vorzustellen, so stellte sich der Gast mit einer ehrerbietigen Verbeugung selber vor.

»Ah,« machte Sabine Opterberg, »unser berühmter Volkstribun. Wenn sich Ihr Blitz und Donner nicht auch gegen eine schlichtbürgerliche Küche richtet,« fügte sie in Schelmerei hinzu, »so halten Sie mit und seien Sie der dritte im Bund.«

Der Gast nahm die Einladung mit großem Danke an, und so einsilbig Martin Opterberg bei Tische verharrte, so ritterlich und gewandt wußte der Fremdling die Unterhaltung zu führen.

»Ich werd’ Sie bekehren,« beteuerte die heitere Hausfrau, »ich werd’ Sie meinem Manne als einen Sünder zu Füßen legen, über den im Himmel eitel Freud’ herrschen soll.«

Von Stund’ an gehörte der Doktor Friedrich Radermacher zu den Besuchern des Hauses. Meist erschien er, wenn der Hausherr auf seinem Werftplatz in Anspruch genommen war. Martin Opterberg fühlte es bei der Heimkehr jedesmal an dem fahrigen und sprunghaften Wesen seiner Frau. Und plötzlich, mitten in einer alle Geisteskräfte erfordernden Arbeit, überfiel ihn ein grauenhafter Verdacht. Ein Verdacht, der seinen Mannesstolz rüttelte und schüttelte und ihm einen Geschmack wie Blut auf die Zunge legte. Er schob Papier und Zeichenstift von sich. Aus seiner Stirn brach eiskalter Schweiß.

»Pfui Teufel,« sagte er zu sich selber. Aber das Herz hämmerte wie rasend und quoll ihm bis in den Hals. Da ging er heim und sah aus der Tür seines Hauses den Doktor Radermacher treten.

Sabine Opterberg stieß einen kleinen Schrei aus, als er so unvermutet im Zimmer erschien.

»Wie du mich erschreckt hast. Es ist doch nichts vorgefallen?«

»Vorgefallen? In einem ordentlich geführten Geschäftshaus?« Er schüttelte den Kopf und ging in sein Arbeitszimmer. »Ich will in Ruhe eine Berechnung machen. Du gehst wohl aus?«

Und dann saß Martin Opterberg die halbe Nacht, und die Schauer rüttelten und schüttelten ihn nur immer stärker, bis er aufsprang und die Arme gegen den tobenden Ansturm der Zerrbilder reckte.

»Wenn es wahr wäre -- was würdest du tun?«

»Den Mann vor die Waffe nehmen? -- Zuviel der Ehre für den Mann und das Weib, und Unehre für den Genarrten.«

»Das Weib auf die Straße jagen? Dem Liebhaber gar in die Arme? -- Wo blieb’ die Strafe?«

Blutrot trat ihm der Grimm in die Augen.

»Noch weißt du es nicht!« schrie in ihm eine Stimme.

»Und wenn du es wüßtest?« beharrte bohrend eine andere. »Wenn du es wüßtest, du nähmst aus der Lade dort die ledergeflochtene Hundepeitsche und griffest, wo du sie fändest, Mann und Weib, nackt und bloß, und peitschtest den Mann vor den Augen des Weibes, und das Weib vor den Augen des Mannes, daß sie sich hinfort nicht mehr in die Arme nehmen könnten aus Ekel vor dem gezüchtigten Körper des anderen. Und weil es der andere ansehen mußte.«

Ganz kalt, ganz ruhig stand Martin Opterberg in seinem Arbeitszimmer. --

Draußen aber wurde es Frühling, und ein Frühlingswunder meldete sich im Hause Christoph Attermanns. Am jungen Rhein ließ Frau Christiane den Opterberghof unter der Obhut Linde Baumgarts, die der Schwester so ähnlich sah und nur fröhlicher war im Gemüt, und fuhr an den Niederrhein, um Therese Attermann in ihrer schweren und schönen Stunde eine Hilfe zu sein. Eine Nacht blieb sie zu Gast im Hause ihres Sohnes Martin. Ihre klaren Augen weiteten sich, als sie Sabine wiedersah. Mit einem Blick durchschaute sie das fahrige, sprunghafte Wesen der Überlauten.

»Schaff Ordnung in deiner Frau,« sagte Frau Christiane hart, als sie in der Morgenfrühe von ihrem Sohne Abschied nahm.

»Mutter, du kannst mir alles sagen. Ich bin nicht schonungsbedürftig.«

»Sie spielt Theater, Martin. Aus einem Liebesgeflacker heraus, oder nur, weil sie ihr eigenes Stück und sich selber spielt.«

»Aus beidem heraus, Mutter. Hab keine Sorge um mich. Grüß das Theresel.«

Ein kleines, braunhaariges Mädchen kam im Hause Attermann zur Welt, und Christoph Attermann erschien in Person bei Martin Opterberg, um es ihm anzukünden.

»Die Frauen haben mich als das überflüssigste Möbel vor die Türe gesetzt,« berichtete er dem Freund, den er sogleich auf dem Werftplatz aufgesucht hatte. »Sie lassen dich grüßen, und das Theresel schickt dir einen Kuß von deinem Patenmädel. Am besten, du holst ihn dir selbst.«

Dann aber schritt er stillforschenden Auges die Werft entlang. Sein fachmännischer Blick erkannte das Große, das hier aus dem Kleinen geschaffen war und rastlos weiter geschaffen wurde.

»Martin -- ich streck’ die Waffen vor dir.«

»Ich schaff’s nicht mehr allein, Christoph. Ich brauch’ einen Mann an meiner Seite, der denkt, fühlt und handelt wie ich. Wie wär’s, Christoph? Zu zweit planen und in eins vollbringen.«

»Komm heim, Martin. Mir schwindelt der Kopf.«

Den Rhein zu Füßen schritten sie in tiefer Glücksstimmung dem Wohnhause zu. Die Brüder von einst. Frau Christianes Buben.

»Du kommst in ein leeres Haus,« entschuldigte Martin Opterberg, als weder die Hausfrau noch eins der Mädchen zur Stelle war und der Hausflur von ihren Schritten widerhallte, »aber nun wollen wir es füllen.«

»Das also ist dein Arbeitszimmer,« sagte Christoph Attermann, trat ein und blickte sich ehrfürchtig um.

Martin Opterberg stand im Türrahmen hinter ihm. Sein Herz lachte. Hier war Verstehen, ein Verstehen auf den ersten Blick und ohne schmückende Worte.

»Ja,« erwiderte er mit einem starken Atemzug, »dies ist mein ungestörtes Heiligtum. Hier hinein schaut niemand als nur ich.«

Christoph Attermann wandte ihm das bärtige Antlitz zu.

»Nicht deine Frau?« fragte er ernst. »Nimmt sie denn nicht Anteil an deinem Geistesflug?«

»Meine Frau?« wiederholte Martin Opterberg, als verstünde er nicht. Ein hartes Lachen kam ihm über die Lippen. »Meine Frau bleibt lieber auf der Erde, wo’s am lustigsten ist.«

Und mit einem Male reckte sich sein Kopf, reckte sich sein Körper. Alle seine Glieder spannten sich. Sein ganzes Wesen war ein einziges Horchen.

»Was ist dir, Martin?«

»Still. Rühr dich nicht.«

»Geht es um in deinem Haus?«

»Nur unreine Geister gehen um. Kein Wort mehr.«

Christoph Attermann packte ein Schauder. Die Zimmertür klaffte einen Spalt. Und in dem dunkelverhängten Zimmer standen die Männer Seite an Seite und starrten in den sonnenhellen Hausflur. Ganz dumpf gingen ihre Herzschläge.

In der Haustür hatte sich kreischend ein Schlüssel gedreht. Zwei Menschen erschienen mit lauschenden Augen. Ein Mann, bartlos wie ein Schauspieler, und Sabine, schön und geschmeidig, mit einem gespannten Lächeln um den Mund.

Einen Augenblick horchte sie in das todstille Haus. Dann rief sie laut und munter die Namen ihrer Mädchen. Zweimal. Dreimal.

Es blieb still.

Da wandte sie sich zu ihrem Begleiter und küßte ihn übermütig auf die lauschenden Augen. »Komm,« flüsterte sie, nahm ihn bei der Hand und huschte mit ihm die Treppen hinauf.

Und wieder lag die leere Stille über dem Haus wie ein grinsend Gespenst.

Minuten vergingen.

Noch immer standen die beiden Männer regungslos im Arbeitszimmer.

Dann quoll ein tiefer Seufzer aus Christoph Attermanns Brust, und er griff nach der Hand des Freundes. Die war eiskalt, aber hart wie aus Stahl.

»Martin -- --«

»Hast du sie genau gesehen, Christoph?«

»Den Fremden vergess’ ich nicht, so lang ich leb’. Die andere war die Sabine Barthelmeß.«

»Die Sabine Barthelmeß. Das gab dir ein Gott ein. Sabine Barthelmeß. Nicht Frau Opterberg. So heißt nur noch die Mutter.«

»Was willst du tun, Martin --?«

»Das, was den beiden zukommt, Christoph.«

»Kein Blut, Martin!«

»Geh jetzt!«

»Kein Blut. Nur die Mutter heißt Frau Opterberg. Du hast es gesagt.«

Die Worte stolperten von ihren Lippen, hasteten durch die Leere …

Martin Opterberg wandte dem Bruder das Gesicht zu. Es war weiß vor niedergehaltener Erregung, aber die blauen Augen hatten sich dunkel gefärbt.

»Ich hab’ es gesagt. Das muß dir genügen. Ich bin kein italienischer Operntenor. Ich bin ganz deutsch -- ganz deutsch.«

Da wußte Christoph Attermann, daß es sich um eine Abrechnung handelte, die keinen Mittler ertrug, und er ging wortlos in das Büchergelaß, das an das Arbeitszimmer stieß, und ließ sich im Dunkel nieder.

Martin Opterberg war allein.

Einen hastigen Schritt tat er und blieb stehen.

Aus seiner Brust kam ein messerscharfer Ton -- und brach ab.

Ein Nebel lag vor seinen Augen, und aus dem Nebel sprach eine Stimme.

»Wenn du es wüßtest, du nähmst aus der Lade dort die ledergeflochtene Hundepeitsche und griffest, wo du sie fändest, Mann und Weib, nackt und bloß, und peitschtest den Mann vor den Augen des Weibes, und das Weib vor den Augen des Mannes, daß sie sich hinfort nicht mehr in die Arme nehmen könnten, aus Ekel an dem gezüchtigten Körper des anderen. Und weil es der andere ansehen mußte.«

Und der Nebel schwand vor Martin Opterbergs Augen.

Aus einer Lade im Schrank holte er die ledergeflochtene Peitsche hervor. Ohne daß die Hand zitterte. Und er schritt die Treppe hinauf und über den teppichbelegten Gang hinweg und warf sich mit Aufbietung aller Kraft gegen die Tür des verriegelten Zimmers, daß der Riegel sprang.

10

Martin Opterberg schritt durch alle Räume seines Hauses. Still war das Haus geworden, aber auch gesäubert vom Keller bis zum Söller. Nur noch der Schall seiner Schritte lief mit, nicht mehr das Gespensterhuschen auf Stiegen und Gängen.

Wie eine Wohltat wirkte die Befreiung auf die Seele, die nicht mehr aufzufahren brauchte und aufzuhorchen auf einen schleichenden Fuß, auf ein schleichendes Wort, und sie wirkte wie eine Säuberung des Körpers. Das war’s, was Martin Opterberg immer wieder und immer stärker in tiefen Atemzügen empfand, seit an jenem Gerichtstag die Haustür ins Schloß gefallen war hinter dem flüchtenden Mann und wenig später als eine Stunde hinter der flüchtenden Frau: die Luft, diese Gottesluft des neuen, alles verjüngenden Frühlings.

Seit Jahren hatte er sie nicht mehr mit Bewußtsein getrunken. Als ob die Welt in Winterstarre gelegen hätte seit seinen Wanderjahren und alles Verlorene und Vergessene nachzuholen drängte im späten, staunenden Erwachen, so war ihm dieser Frühling, so staunte er selbst in ihn hinein und sog sich die Seele voll.

Kein Spinnweb aus grauen, raunenden Tagen kroch mehr in den Ecken, und selbst in den Mädchenkammern herrschte ein neuer und blitzblanker Geist, seitdem die Günstlinge der geflüchteten Frau abgelohnt worden waren und ein paar derbe Schwarzwaldmädchen Einzug gehalten hatten. Auf ein Ansuchen Martin Opterbergs waren die neuen Hausgenossinnen von Linde Baumgart sorgsam auf dem Opterberghof ausgemustert worden.

Ein Seltsames war: das Verschwinden der Hausfrau rief kaum einige Überraschung hervor. Lag es daran, daß das Landhaus der Opterbergs sich zu weit ab vom täglichen Verkehr befand, lag es an der schnellen Ernüchterung der einstigen Verehrer, die in der lockenden Mandel keinen Kern gefunden hatten, oder waren die Ereignisse so schnell und schweigend erfolgt, daß die Umwelt ohne Handhabe geblieben war, ob es sich nur um eine zeitliche Trennung oder um eine förmliche Scheidung handele.

Gegen den Sommer jedoch, als die Scheidungsklage vor Gericht ihre Erledigung gefunden hatte, sollte Martin Opterberg durch einen Besuch daran gemahnt werden, daß die Erinnerung an seine Ehe dem Gedächtnis einiger Leute doch noch nicht ganz entschwunden war. Auf das Trauerspiel folgte das Satyrspiel. Herr Professor Barthelmeß erschien und suchte eine dringende persönliche Unterredung nach.

»Mein Sohn,« sagte der Professor mit einem tiefen, schwingenden Schmerzenston und streckte beide Hände aus. »Ich habe den Weg zu dir gefunden.«

»Sie sind müde,« entgegnete Martin Opterberg. »Darum bitte ich Sie, Platz zu nehmen.«

Der Professor stutzte nur einen Augenblick. Er ließ sich nieder, setzte seinen Hut auf den Teppich und lehnte sich weit zurück. Seine Augen zwinkerten, als ob eine Träne hervorquellen wolle.

»Martin, es sind traurige Zeiten. Auch für dich. Denn ich kenne dein Gemüt, wie ich das deines seligen Vaters kannte.«

»Ich bitte um Verzeihung, Herr Professor. Wollen wir meinen Vater, wollen wir alle einstmaligen Familienbeziehungen aus dem Spiele lassen. Dient es zu Ihrer Beruhigung, so kann ich Ihnen sagen, daß mir die Zeiten sehr hell und freundlich erscheinen.«

Da merkte der Professor, daß der warme Ton der Empfindungssaiten hier nicht mehr am Platze wär’, und der alte Glücksjäger ließ auf der Stelle von dem unerreichbaren Hochwild ab und wandte sich der Hasenjagd zu.

»Sie wollen es so. Ich wasche meine Hände in Unschuld. Schon einmal haben Sie mir den geschäftlichen Ton aufgedrängt, als es sich um die Bezahlung von Anschaffungen handelte, die meine Tochter lediglich zu Ihrem Vorteil in Verwendung genommen hat. Lediglich, jawohl, lediglich,« fügte er mit Betonung hinzu, als er auf dem ruhigen Gesicht seines Gegenübers ein verloren Lächeln erscheinen sah. »Und wie damals Ihr Gerechtigkeitsempfinden Sie nicht erst zu den ritterlichen Anschauungen zu bekehren brauchte, so bau’ ich auch heute darauf und heute mehr denn je.«

»Sie wissen, daß ich von meiner Mutter her für Humor immer empfänglich bin. Fahren Sie fort.«

Der Professor starrte ihn an. Seine weltmännische Sicherheit geriet ins Wanken, und er mühte sich sichtlich um Fassung.

»Für Humor? Habe ich recht verstanden? Hier sitzt ein tieferschütterter Vater, und Sie gewinnen der Stunde die heitere Seite ab? Oh, jetzt verstehe ich manches.«

»Wenn Sie manches verstehen, Herr Professor,« sagte Martin Opterberg mit einigem Nachdruck, »so werden Sie auch schnell das eine verstehen: daß es vorteilhafter für Sie ist, ich gewinne der Stunde die heitere Seite ab als die ernste. Der auf Rettung eines schwankenden Buchpostens bedachte Handelsmann hat für mich immer noch einen Anreiz. Der tieferschütterte Vater ist eine Posse. Wie wünschen Sie nun, daß ich die Stunde auffasse?«

»Sie sind also erbötig, meiner Tochter eine ausreichende Jahressumme auszusetzen?« nahm der Professor hastig das Wort auf. »Ich wußte es ja, daß man sich unter Ehrenmännern schnell verständigen würde.«

»Was die anwesenden Ehrenmänner anbetrifft, so muß ich Ihnen leider eine Enttäuschung bereiten. Ich rechne mich nicht zu ihnen. Und was die Ausstattung und Unterhaltung verwahrloster Frauen anbetrifft, so geht mein guter Geschmack andere Wege.«

»Dürfte ich -- dürfte ich diese anderen Wege erfahren?«

»Die Gerichtsentscheidung liegt Ihnen ja vor. Sie deckt sich vollkommen mit meinem guten Geschmack.«

»Und Sie -- Sie stimmen dieser Entäußerung von allen Mitteln, dieser Vogelfreierklärung zu? Ohne Furcht, daß die zur Verzweiflung getriebene Frau den Namen Opterberg, auf den Sie doch so stolz zu sein scheinen, wie ein schmutzig Bettlerkleid durch die Gassen schleift?«

»Lassen wir diesen Überschwang. Es liegt kein Anlaß vor. Vogelfrei hat sich Ihre Tochter selbst erklärt, in allerfreiester Willensäußerung. Und auf Aberkennung des Namens Opterberg habe ich bereits Antrag gestellt, dem das Gericht wohl schon in Kürze stattgeben wird.«

Der Professor fuhr mit rollenden Augen auf. Er sah das erzene Gesicht Martin Opterbergs, und er sah, daß er das Treffen verloren hatte. Da ließ er sich mit einem Seufzer wieder in den Sessel fallen.

»Tragen Sie sich noch mit einem anderen Wunsch?« fragte Martin Opterberg mit Freundlichkeit.

Der Professor schwieg eine Weile.

»Mit einem Wunsch?« wiederholte er endlich lässig und obenhin. »Da Sie sich ganz und gar auf den Boden des reinen Geschäftsverkehrs stellen, so wüßte ich nicht, weshalb ich die mir rechtlich zustehenden Forderungen in die Höflichkeitsform von Wünschen kleiden sollte.«

»Darin kann ich Ihnen nur Recht geben. Sie sehen mich auf solche Forderungen gespannt.«

»Ich verlange nach dem Gesetz das Heiratsgut, das meine Tochter mit in die Ehe gebracht hat.«

»Es steht zu Ihrer Verfügung. Ich habe, was sich an Kleidern und Wäschestücken vorgefunden hat, zusammenpacken und verschließen lassen. Sämtliche Schmuckgegenstände hat Ihre Tochter schon mit sich genommen, als sie das Haus verließ. Es mag so bleiben.«

»Nein,« sagte der Professor, »auf diese Weise ist die Unterhaltung doch wohl nicht zu führen: ein Bündel Kleider, eine Handvoll Schmuck. Sie scheinen sich nicht darüber klar zu sein, daß Sie sich hier in einer fremden Zimmereinrichtung befinden und daß Sie Ihre Gönnerworte aus einem Sessel heraus an mich richten, der meiner Tochter gehört und den ich Ihnen unter dem Sitz wegziehen könnte.«

Da lachte Martin Opterberg zum ersten Male wieder aus vollem Herzen.

»Die Möbel wollen Sie mir wegholen? Das Haus wollen Sie mir ausräumen? Wer hat Sie denn auf diesen verrückten Gedanken gebracht?«

»Mein Herr,« ersuchte der Professor scharf, »ich bitte, sich zu mäßigen. Sie vermögen mich aus dem Hause zu weisen, das das Ihre ist, aber Sie vermögen nicht, mich aus diesem Sessel aufstehen zu heißen, der, wie die gesamte Hauseinrichtung, Eigentum meiner Tochter ist.«

»Eigentum Ihrer Tochter? Ja, träumen Sie denn? Es widerstrebt mir, darauf hinweisen zu müssen, daß Ihre Tochter nichts in die Ehe einbrachte, als was sie auf dem Leibe trug. Es ist Ihnen wohl noch erinnerlich, daß ich Ihnen vor der Hochzeit eine Summe einhändigte, um die Einrichtung zu beschaffen, da Ihre Tochter über keine Aussteuer verfügte.«

»Ganz recht. Vor der Hochzeit. Es war eine Schenkung ~in optima forma~ und hat nicht das geringste mit Ihrer späteren gemeinsamen Ehe zu tun. Aha, nun wird Ihnen die Sachlage klar.«

Martin Opterberg hatte sich erhoben. In ihm stritt der wiedergefundene Humor mit einer peinigenden Unlust, dergestaltete Unterhandlungen zu führen. Er sah sich einem Menschen gegenüber, der sich höchstens durch die würdevolle Haltung und den Professorentitel von einem abgefeimten Gauner unterschied. Wie konnte ein anständiger Mensch einem solchen Gelichter beikommen?

»Und wenn ich eine durchaus andere Ansicht von der Sachlage hätte, Herr Professor?«

»So müßte ich es,« entgegnete der Professor weich, »zu meiner größten Bekümmernis auf einen Prozeß ankommen lassen und Ihnen zum Vergnügen der immer schadenfrohen Welt die Benutzung der Möbeleinrichtung bis zur Urteilserklärung gerichtlich untersagen lassen.«

»Nicht anders hatte ich es mir gedacht,« sagte Martin Opterberg. »Sie werden es verstehen, daß ich mich aus Gründen der Erziehung mit der ins einzelne gehenden Abwickelung nicht befassen kann. Ich werde eine Vertrauensperson damit beauftragen.«

»Leider ist meine Zeit nur knapp bemessen, Herr Opterberg. Ich opfere kostbare Arbeitstage für eine Angelegenheit, deren Erledigung rechtgemäß längst Ihre Sache hätte sein müssen, und weiß nicht, ob ich den Verlust wieder hereinbringe.«

Martin Opterberg hörte kaum hin. »Also sagen wir: auf übermorgen, Herr Professor, da Sie den Möbelwagen in Ihrer Handtasche doch wohl nicht mitgebracht haben.«

»Wo wohne ich?« fragte der Professor unbefangen und blickte sich um.

»Wenn Sie keine allzugroßen Ansprüche stellen: im Gasthaus am Bahnhof. Auf Wiedersehen.«

Er verbeugte sich in kühler Höflichkeit, und der Professor erhob sich kopfschüttelnd, nahm seinen Hut und empfahl sich zögernd. Martin Opterberg aber drahtete unverzüglich an seine Mutter und bat sie, zur Abwickelung vermögensrechtlicher Dinge am nächsten Tage schon zu ihm zu reisen.