Part 16
Martin Opterberg brach die Gedankenreihe ab. Zum zweitenmal machte er den Grabengang. Diesmal von Mann zu Mann. Und er sah ihnen in die tiefliegenden Augen, in die ausgemergelten Gesichter, und sah ihnen durch die schmutzsteifen, zerflickten Röcke in die heimwehkranken Herzen, die nach der Liebe ihrer Weiber schrien und nach den wildwachsenden Kindern bangten. Und sah über alle ihre stummen Qualen hoch hinaus ihr Heldentum.
Er streckte dem ersten die Hände hin. Eine rissige, borkige Faust, durch das Kriegshandwerk ungeschlacht geworden wie eine Bärentatze, senkte sich hinein. Er streckte sie dem zweiten, dem dritten hin. Sie krochen aus den Erdlöchern und drängten sich mit leuchtenden Augen um ihn. Ein bißchen Liebe, und die Seelen waren gewonnen. Ein bißchen von der Liebe, mit der sie selbst einstmals hinausgezogen waren in die zeitlosen Jahre.
»Es läßt sich immer noch ertragen, Herr Hauptmann.«
»Herr Hauptmann beißen ja auch die Zähne zusammen und schonen sich am allerwenigsten.«
»Herr Hauptmann, wir schaffen’s.«
Liebe! Liebe! Je größer die Not, desto größer die Liebessorge! _Väter_ mußten die Führer sein, Väter und Brüder in eins, dann waren sie die geborenen Vorgesetzten. Aber die meisten der väterlichen Führer, die ihren Schlaf opferten für ein paar Schlummerstunden ihrer Anvertrauten und ihr Leben wagten für das Leben ihrer Kinder, waren weggeschossen, und die Jungen, die an ihrer Stelle den Befehl führten, befahlen allzuoft den anderen und nicht sich selbst. Der Neid sprang auf, und mit dem Neid die üble Nachrede. Die nagte an dem Ansehen und fütterte die Unwilligkeit.
Zweimal hatte Martin Opterberg einen Brustschuß bekommen und war nach sechs Wochen wieder auf den Beinen und bei seiner Kompanie. Beim drittenmal hatte es schwere Brandwunden gesetzt, als seine Leute beim nächtlichen Minenbohren auf eine feindliche Gegenmine gestoßen waren und er sich mit den bloßen Händen auf die sprühende Zündschnur geworfen hatte. Das viertemal traf’s ihn am stärksten. Ein Granatsplitter fuhr ihm in den Schenkel, und die breite, eitrige Fleischwunde hielt ihn lange im Lazarett zurück. Hier, im Lazarett der Etappe, traf er nach längerer Trennung Christoph Attermann wieder.
Sie lagen in der Abteilung für Offiziere und sorgten, daß sie im selben Gelaß Bett an Bett kamen.
»Wo hat’s dich, Christophel?«
»Bauchschuß. Hört sich grauenhafter an, als es ist. Meine braven Leut’ haben sich auf meine Arme und Beine niedergehockt, daß ich mich nicht herumwerfen und verbluten konnt’. Und nicht einen Schluck zu trinken und keine Krume zu essen haben sie zugelassen. Das hatten sie einmal vom Stabsarzt vernommen. Zwei Tag’ und zwei Nächte haben sie in der Mordschlacht bei mir gehockt und acht auf mich gegeben. Als ich in einer Zeltbahn ins Lazarett getragen wurde, sagte der Generaloberarzt: ›Gerettet durch Ihre Leute‹!«
»Liebe erzeugt Liebe, Christoph. Du brauchst mir rein gar nichts mehr zu erzählen.«
Täglich flatterte ein Brieflein aus der Heimat ins Krankenzimmer. Therese Attermann schrieb voll tiefer Mütterlichkeit. Der Generaloberarzt hatte der jungen Kollegin einen ausführlichen Bericht über die Art der Verwundung und die fortschreitende Heilung erstattet und die Ärztin in ihr vollkommen beruhigen können. So waren ihre Briefe allein von der tiefinnerlichen Zärtlichkeit getragen, die ihrem Wesen eigen war.
»Ich hab’ dich lieb, seit ich es dir das erstemal sagte, und so weißt du es für alle Zeiten.«
Martin Opterberg las den Satz, reichte den Brief mit einem Händedruck dem Freunde zurück und lag ganz still.
»Martin --«
»Ja, Christoph?«
»Ich muß dir ein Geständnis ablegen, Martin. Heut’, da wir wie zwei matte Fliegen auf der Decke liegen, läßt es sich leichter sagen und anhören. Ich habe einmal einen furchtbaren Zorn auf dich gehabt, Martin. Das war, als du mich der -- der Sabine Barthelmeß wegen ins Rheingau kommen ließest. Damals meint’ ich, ich müßt’ mich zeitlebens von dir trennen, und ich fuhr zum Theresel und bot ihr meine Hand, um sie über das, was du tatst, so hinauszuheben, daß es nicht an sie konnte. Und dann kam es ganz anders. Als sie mein Weib geworden war, Martin, da wurd’ ich erst gewahr, was für einen großen, übergroßen, ganz unverdienten Schatz ich gehoben hatte, und wie dieser Schatz nur deshalb so überreich geworden war, weil er sich immer nur für dich veredelt und fast ein Dutzend Jahr’ lang Zins und Zinseszins hinzugenommen hatte. Schau, Martin, damals wurd’s mir klar, daß du im Unglück gehandelt hattest und nicht in der Untreue, und daß ich, wie schon früher, so jetzt, auf deinem Erbe saß und so voll tiefer Dankbarkeit gegen mein glückhaft Geschick zu sein hätt’, daß ich es durch nichts wettmachen könnte als durch brüderliche Liebe.«
»Schweig, Christoph. Es ist gut so und besser.«
»Laß mich nur reden. Es tut _mir_ wohl, und ich möcht’, daß es _dir_ wohl tät’. Einmal war’s nah an mich herangetreten, dir eine Arbeit abzunehmen, wie sie nur ein Bruder abzunehmen vermag, der schweigend versteht und schweigend handelt. Aber für mein schwerfälliges Blut ging alles zu rasch, und du hattest das Urteil schon in der Tasche, eh’ ich mich von der geschehenen Tat erholt hatte. Schau, Martin, damals hätt’ ich mein halb Leben drum gegeben, wenn ich das schleimige Krötenzeug in deinem Haus an deiner Statt hätt’ unter die Peitsche nehmen können.«
Martin Opterberg lag ganz still. Aber an den unregelmäßigen Atemzügen hörte der Bruder, wie es in ihm würgte.
»Martin, es mußte einmal ausgesprochen werden. Es läg’ sonst immer wie Leichen zwischen uns.«
»Leichen? Das nennst du Leichen? Scheintote sind’s, Christoph, die zu jeder Zeit die Augen aufschlagen und mich angrinsen können, und jedes neue Glück, das ich mir schaffen möcht’, hämisch begeifern und hinterrücks aushöhnen können. Ah, Christoph, das gibt mir keine Ruh’ im Leben und im Sterben, daß ich das Gesindel nicht niedergeschlagen und ausgelöscht hab’ für mich und alle Menschen, die ich liebe.«
»Martin, das ist überreizt, das ist übertrieben …«
»Möglich. Wenn man jahrelang mutterseelenallein da draußen im Dreck gelegen hat, arbeitet die Phantasie. Da hab’ ich mir oft ausgemalt: Gott geb’ die beiden zum zweiten Mal als Verbrecher vor meine Klinge. Damit ich sauber würd’.«
Da schwieg auch Christoph Attermann. Und er suchte in seinem Hirn und suchte nach einem anderen Bild.
»Das Lindele hat dir geschrieben. Darf ich wissen, was?«
»Hier, lies.«
»Es strengt mich zu sehr an. Erzähl mir lieber.«
Ungern kam Martin Opterberg dem Wunsche nach. Nur stockend berichtete er zu Anfang. Dann aber nahm’s ihn selber gefangen, und er wurde wärmer und redete sich zum Schluß in eine große Freudigkeit hinein. »Sie schreibt von der Werft, und daß das Werk sich aus sich selbst unterhält durch die Fülle von Ausbesserungsarbeiten an Schiffen rheinauf und rheinab. Und daß die alten Meister und grauköpfigen Arbeiter wie die Jünglinge zimmern, hämmern und nieten, und daß von den Werksfamilien, deren Männer im Felde stehen und weiter den Lohn beziehen, die Frauen und Kinder in Hos’ und Schurz mitschaffen auf dem Werftplatz, um den anderen das Brot nicht zu schmälern, und wie sie selber, die Linde, unter den Frauen mittät’ in Hos’ und Schurz, wenn’s gerad keine Schreibarbeit gäb’, um nicht wie ein Dämchen hintanzustehen.«
»Das muß sie köstlich kleiden, Martin. Denn sie ist wie ein Tännlein so schön und grad gewachsen.«
Martin Opterberg lachte vor sich hin. Das war kein krankes Lachen. Es kam aus der Gesundung und verlangte nach der Gesundheit. »Schwestern sind’s und einander ähnlich, wie selten zwei. Du mußt es drum wissen, Christoph. Aber auch von der anderen Schwester schreibt sie und hebt das Theresel in den höchsten Himmel: Sprechstunde, Krankenbesuche landaus, landein auf dem Motorrad, Ersatzlazarett, wiederum Sprechstunde, Lazarett, Krankenbesuche und Geburtshilfen bis spät in die Nacht, und vier Stunden Schlaf, wenn’s hoch kommt.«
Christoph Attermann lag mit seligen Augen. Er wußte ja das alles und wußte viel mehr. Dreimal war er auf Urlaub daheim gewesen und hatte in Haus und Werk nach dem Rechten gesehen, sehen wollen -- denn die Frauen hatten schon um alles gesorgt.
»Unsere Frauen,« sagte er. »Man möcht’ sie ein Jahr lang abbusseln, wenn sie stillhielten.«
»Und die Mutter hält den Opterberghof im Schwung, Christoph. Die Hälfte an Arbeitskräften und das Doppelte an Leistungen. Ich sah sie im Herbst mit der Sense in der Ernte. Arme wie Mannesarme, und die Waden, sagt sie, seien schon gar nicht zum ansehen. Die Sechzigjährige ist wie eine Hünin an Leib und Seele.«
»Willst du nicht auch einmal an den Niederrhein, Martin?«
»Später. Heut ist die Verteilung schon die rechte. Der eine zu Frau und Kindern, der andere zur Mutter.«
»Und die Linde?« wollte Christoph Attermann fragen. Aber er unterdrückte es und fingerte einen Marsch auf die Bettspreize.
Als sie ihre ersten Gehversuche machten, wurde ein Infanterieoffizier eingeliefert, dem die rechte Hand über dem Gelenk weggeschossen war. In dem blassen, mit Schlägernarben geschmückten Gesicht erkannten sie ihren alten Verbindungsbruder Broich, aus Freiburger Tagen, den Freund und Wandergefährten, der von der Juristerei zur Düsseldorfer Industrie übergegangen war, um schneller seiner geliebten Hilde Falkenroth Gatte und Betreuer sein zu können. Nun lag der Wackere als Einhänder im Verband, und die Freunde saßen manche Stunde an seinem Bett.
»Fürs Ersatzbataillon reicht’s noch,« sagte Broich in seiner knappen, soldatischen Art. »Ich kann den Säbel in die Linke nehmen, wenn ich den Nachschub daheim einexerzier’.«
»Wie geht’s Frau und Kindern?«
»Erträglich. Sie leben von meiner Hauptmannslöhnung. Die Stelle konnte auf so lange Jahre nicht für mich offen gehalten werden.«
Kein Wort der Klage. Nichts als Vaterlandspflicht. --
Martin Opterberg und Christoph Attermann humpelten am Stock durch den Etappenort. »Er ist mir von den Freunden immer der liebste gewesen, der Broich,« begann Christoph Attermann nach einer Weile des Wanderns. »Er hat bei eiserner Willenskraft die innere, die seelische Vornehmheit, die nicht angelernt werden kann und nicht vom Wetter abhängig ist. Da kann’s noch so hageldicht kommen, der Broich bleibt ohne einen Groschen der wahre Edelmann.«
Und dann mußten sie beide aus vollem Halse lachen.
Sie waren, ohne es zu wollen, bis zum Etappenstabskasino gewandert und hatten, da es die Stunde der Mahlzeit war, in aller Unschuld des Frontsoldaten angefragt, ob sie mithalten könnten. Ernst und verweisend waren sie in ihren zerschabten und verblichenen Röcken vom Verpflegungsoffizier gemustert worden.
»Darf ich ganz gehorsamst fragen, von wem die Herren eingeladen sind?«
»Wir kommen aus allereigenstem Antrieb. Unsere Nase lud uns ein und unser Magen.«
»Bitte ganz gehorsamst: zweite Straße links, Speiseanstalt für durchreisende Offiziere. Hier speist der Etappenstab.«
Da lachten die beiden, daß ihnen alle im Mord und Brand der Schlachten erworbenen Ehrenkreuze auf Brust und Herzgrube tanzten.
»Dürfte ich ganz gehorsamst um eine Ihrer abgelegten schönen Hosen bitten?« fragte Martin Opterberg mit einer tiefen Verneigung, und all die alten Schlägernarben funkelten vor Vergnügen in seinem Gesicht.
»Und ich ganz gehorsamst um ein Paar Ihrer schönen Lackschuhe?« fügte mit derselben tiefen Verneigung Christoph Attermann hinzu, und auf der Wetterseite auch seines Gesichtes glühten die purpurnen Ehrenröslein vor Lust.
»Martin, Martin,« klagte er, als sie vergnüglich weiterpilgerten, »ich fürchte, ich fürchte, wir sind in den Augen dieses Cid Kampeador der Etappenstabsküche zu höchst gemeinen Kriegsknechten herabgesunken. Dieser Rittmeister zu Fuß hielt uns für Schnorranten, die die Aufschrift über dieser feinen Krippe nicht lesen können: ›Nur für Herrschaften!‹«
»Drei Jahre Krieg, Christoph! Drei Jahre nur unter Männern. Und noch dazu in der Etappe, in der nicht der tägliche Sturm der Geschehnisse die Kameradschaften auf Tod und Leben vereinigt. Da tritt der Naturtrieb zutage. Eifersucht, Neid --«
»Futterneid, Martin. Man soll ihnen nicht in den Kochtopf gucken.«
»Geh, schäm dich, Christophel. Der Herr Rittmeister wünschten nur gehorsamst aus eitel Herzensgüte dir nicht das Wasser im Maule zusammenlaufen zu lassen. Und seine ›Speiseanstalt für durchreisende Offiziere‹ mag vollends der Teufel holen. Ich halt’s mit der Gulaschkanone. Da dampft eine auf dem Platz. Mein Gott, diese zusammengewürfelte Gesellschaft stellt ein ›Armierungsbataillon‹ dar. Können wir mithalten, Mann?«
»Aber selbstverständlich, Herr Hauptmann.«
»Mal zwei Kochgeschirre her. Was gibt’s Gutes heuer?«
»Erbsen mit Frankfurter Wurst. Aber nicht mit den Sporen klirren, Herr Hauptmann.«
»Hottehü?«
»Ich will nix gesagt haben. Aber es fehlt ein Gaul.«
»Na, wenn schon. Bei unseren germanischen Voreltern war’s der vornehmste Festtagsbraten.«
Ein Armierungssoldat schob sich heran. Unrasiert, mit durchlöcherten Schuhen, die schirmlose Mütze tief im Gesicht.
Als er vor den beiden Hauptleuten stand, nahm er mit einem Ruck stramme Haltung an.
»Tillmann! Tillmann! Alter Fuchsmajor! Kunstgelehrter! Heran an die Brust!«
Und der Unrasierte fiel den beiden schluchzend um den Hals.
»Na, na … Keine nasse Rührung, Alter. Gibt’s eine Kneipe hier am Ort? Bring uns zu deinem Häuptling. Wir bitten dich los für heute.«
Ein grauhaariger Offiziersstellvertreter meldete sich. Das Bataillon hatte Rasttag bis morgen. Der Armierungssoldat Tillmann war für den Rest des Tages beurlaubt.
Irgendwo stöberten sie eine Kneipe und einen französischen Landwein auf. »Dein Wohl, Tillmann. Unter Freunden schmeckt’s wie Nektar. Und nun spinn dein Garn herunter, Armierungssoldat.«
Der Kunstgelehrte knirschte mit den Zähnen.
»Sprecht das Wort nicht aus. Es bringt mich um den Verstand. Als ich mich vor zwanzig Jahren als Einjährig-Freiwilliger meldete, wurde ich nicht angenommen. Zu schwach auf der Brust oder zu platt auf den Füßen. Der Teufel mag’s wissen. Damals hätt’ ich mit Begeisterung gedient. Und siebzehn Jahre später, bei Kriegsausbruch, war die Brust apollinisch und die Füße aphrodisisch, und ich bildete mit vierhundert anderen ausgesiebten Ungedienten ein feines Armierungsbataillon. Ein Schießeisen vertraute man uns nicht an, aber eine dauerhafte Schippe und, als Beförderung, eine Hacke. So schippen wir Gräben und karren den Dreck. Zieh nicht deine Stirn in Falten, Opterberg. Ich weiß, daß geschippt und gekarrt werden muß und eine Soldatenehre gleich der anderen ist. Aber muß man just uns Schreibmenschen vom Dorfschreiber bis zum Universitätsprofessor unter die Schipper stecken, die keine sechs Hackenschläge hintereinander tun können, ohne die nächste Viertelstunde zu verschnaufen? Gut, ich seh’s deinem Gesicht an, du meinst, das lernt sich. Was sich aber nicht lernt, Freund und Hauptmann, das ist die Herabsetzung in die unterste Rangstufe und das Verfluchtsein, drin zu bleiben! Der gemeinste Frontsoldat, der gemeinste Etappensoldat kann sich durch seine Tüchtigkeit heraufarbeiten. Die jüngsten Dorfschulmeister laufen als Leutnants herum. Aber selbst für den größten Geistesriesen gibt’s im Armierungsbataillon keine Beförderung. Wir haben vor dem grünsten Jungen stramm zu stehen. Wir sind wie eine Maultierherde, ohne anderen Zukunftglauben, als daß wir stumpfsinnig unter Stumpfsinnigen abgerackert werden. Und eines Tages haben wir uns angepaßt, die einen aus Gewohnheit, die anderen durch Überredung, die dritten in ohnmächtigem Grimm, und die Heeresleitung wundert sich, woher die vielen Sozialisten kommen.«
»Wer über eine Sache schimpfen will,« sagte Martin Opterberg, »muß eine bessere an ihre Stelle zu setzen haben.«
»Ist das so schwer? Liegt das so weltenweit ab? Schau dich einmal um, Freund. In den Berliner Kriegsgesellschaften sitzen die Unabkömmlichen zu Tausenden, junge, wohlgenährte, hochgestiegene Männer. Aber man sagt, das sei eine geschlossene Religionsgemeinschaft, wie früher die Gescherten. Und wenn schon. Könnte man die Herrschaften, die sich drei Jahre gemästet haben, nicht einmal gründlich auskämmen und gegen uns austauschen? Die Schippe werden sie so gut halten können, wie wir die Feder. Ah, es ist ein Haß in uns auf diese feiste Drückebergerbande, der einmal furchtbar zum Ausbruch kommen wird. Weiter! Weiter! Fragt die alten, krummen Arbeiter bei uns. Die Arbeiterjugend steckt man mit einem Majorsgehalt in die Munitionsfabriken, und die Alten dürfen für eine Groschenlöhnung schippen. Ist für die Alten dort kein Platz? Wär’ nicht von vornherein dort ihr Platz gewesen? Wenn die Jungen aus den Fabriken und dem Großgeldverdienen herausgezogen und in die Feldregimenter gesteckt werden, pfeifen sie auf den Dienst für eine Erbsensuppe und verseuchen mit ihren Aufwiegelungen die Kompanien. Alsdann: Prosit.«
Er stürzte funkelnden Auges den Wein herunter und schlug die Mütze auf den Tisch.
»Haltung, Tillmann. Von meinem ehemaligen Fuchsmajor verlang’ ich mehr Haltung. Es ist leider Gott’s manches richtig, was du sagst, wenn auch durch erklärlichen Zorn verzerrt. Aber bedenk, Mann, die ganze Welt ist uns über den Kopf gekommen, und so sind uns mancherlei Dinge in der Eile auch über den Kopf gewachsen.«
»Wen’s trifft, der hat’s, Opterberg. Und der hört von allem nur das Nein.«
»Tillmann,« sagte Christoph Attermann begütigend, »was macht die schöne Klarenbachin, dein liebreich Gemahl? Ich weihe ihr dies Glas.«
»Tu’s nicht!« fuhr der Grimmige auf und fiel ihm in den Arm. »Sie ist imstand und verwandelt dir aus der Entfernung den Wein in Rattengift. Als ich mit meinem Feldkrätzchen auf dem Kopf das eine und einzige Mal auf Urlaub kam, wollt’ mich dies Götterweib in der Gesindestube essen lassen. Mein Schwager aber, der Grüters, der als Hauptmann dem Generalstab des Feldheeres zugeteilt ist, breite, weithinleuchtende Streifen, fast wie ein echter Generalstäbler, an den Hosen trägt und in Volksaufklärung arbeitet, durfte mit ihr in offenem Landauer durch die Straßen Düsseldorfs spazieren fahren.«
Er trank die Flasche leer und stand auf. »Gehabt euch wohl. Ein ander Mal. Ich muß an die Luft.«
Martin Opterberg und Christoph Attermann schauten ihm nach.
»Drei Jahre, Martin. Es muß zu End’ gehen. Es ist die höchste Zeit.«
»Christoph,« sagte Martin Opterberg, »daß wir’s trotz dem und alledem so lange ausgehalten haben, das zeigt doch erst, welch eine unverwüstliche Urkraft in unserem deutschen Volke liegt. Hier die richtige Erziehung mit der rechten Liebe angesetzt, und wir sind das erste Volk der Welt. Jetzt müssen wir durch die Vorschule …«
Ein paar Wochen darauf ging Christoph Attermann mit einem längeren Erholungsurlaub in die Heimat ab. Martin Opterberg wurde, bis zur Wiederverwendbarkeit in der Front, zur Dienstleistung in den Generalstab des Feldheeres befohlen.
»Sag den Frauen, Christoph, nun käm’ ich auch bald. Es drängt alles zur letzten Entscheidung. Und vergiß nicht: Wie’s auch kommt -- wir sind in der Vorschule.«
12
Zwei Erlebnisse waren es vor all den tausenden, die sich in Martin Opterbergs Seele gruben, deren Bilder er mit sich nahm als Lehre, Mahnung und Maß. Sie machten seine Seele ehrfürchtig, sie erschütterten sein Herz und führten ihn durch ihre Bildkraft dem Höchsten im Leben zu, dem menschlichen Gleichgewicht.
Martin Opterberg meldete sich im Generalstab des Feldheeres beim Ersten Generalquartiermeister. Helm auf und umgeschnallt stand er in dem langen Flur, auf den die Vielheit der Türen mündete, vor dem Zimmer des Generals Ludendorff und wartete. Es war ein Kommen und Gehen von höheren Offizieren, die barhaupt und ohne Degen, wie sie von ihrem Arbeitstisch aufgesprungen waren, herbeieilten, um eine Aufklärung zu geben, einen Befehl entgegen zu nehmen, und dennoch blieb die lautlose Stille, in der man das Summen einer späten Fliege als Geräusch empfand. Hinter dieser Türe arbeitete ein Mann, der schier übermenschliche Bürde trug und sie mit Hergabe des letzten Nervs bewältigte, in dessen Hirn die Millionenheere Deutschlands auf allen Kriegsschauplätzen, die Heere der Verbündeten und die Heere der ganzen feindlichen Welt marschierten und das man dennoch immer neuen Belastungsproben aussetzte, selbst aus der Heimat heraus und in Staats- und Wirtschaftsangelegenheiten.
Das ging Martin Opterberg durch den Sinn, während er vor der geräuschlos auf- und zuklappenden Türe verharrte. War dieser Mann so groß an Geist -- oder war Deutschland so klein an Geistern, daß man alle Wünsche und Hoffnungen auf dieses Einen Schultern lud?
Und mit einem Male wechselten die Bilder vor dem seelischen Auge Martin Opterbergs. Er sah die Hunderttausende von Neuen Testamenten in den Händen der Lesenden, er sah die Hunderttausende von Rosenkränzen am Gewehrschloß der Betenden -- er schaute die Inbrunst -- er hörte ihr Stöhnen im Ohr -- und er sah Testamente und Rosenkränze auf den Kehrichthaufen fliegen und vernahm Wutgebrüll und Gotteslästerung.
Das war, als das Schicksalsrad anders herum ging -- --
»Herr Hauptmann Opterberg …«
Martin Opterberg riß sich zu dienstlicher Haltung zusammen. Er trat ein. Die Tür sank geräuschlos hinter ihm ins Schloß.
Ein leeres, dämmeriges Gemach. Ganz hinten am letzten Eckfenster, alles Tageslicht auf sich vereinend, ein Mann am Schreibtisch, groß, stark, mit einem Bauernschädel.
Der Mann erhob sich, durchschritt in Eile das langgestreckte Zimmer und nahm dem Meldenden die Hand vom Helm.
»Hauptmann Opterberg. Ich weiß. Sollen hier ein paar Monate arbeiten, um nicht vorzeitig draufzugehen. Offiziere wie Sie brauchen wir heute nötiger denn je. Führer, denen die Leute blindlings folgen. Herzlich willkommen hier.«
»Allergehorsamsten Dank, Euer Exzellenz.«
»Keine Worte, lieber Opterberg. Der Dank ist auf unserer Seite. Viermal verwundet und immer wieder vornweg. Ihre Leistungen sind mir allesamt bekannt. Sie dürfen stolz darauf sein.«
Martin Opterberg stand unbeweglich. Auge in Auge mit dem überlasteten Mann, der dennoch auch von ihm wußte …
»Nun wollen Sie sich wohl beim Feldmarschall melden? Sie sollen ihn sehen. Der Feldmarschall wünscht es selbst. In einer Stunde beim Mittagessen in seinem Hause. Dort hat er Atempause. Auf Wiedersehen.«
Martin Opterberg spürte den kurzen, festen Druck der Hand. Und während er Kehrt machte, sah er den Überlasteten in Eile durch das Zimmer zurückschreiten. Als er beim Hinaustreten einen Blick zurückwarf, saß der General in seinen Papieren vergraben am Schreibtisch. Und alles Tageslicht lag auf dem mächtigen Bauernschädel.
Nachsinnend betrat Martin Opterberg die Straße. Aber ein Gefühl blieb das stärkste. Er kam von einem Einsamen. Er kam von einem Arbeitsriesen, der in Sekunden denken mußte, handeln, vollbringen, und der seine Worte auf Sekundenkürze zusammendrängen mußte.
Und doch: was hatte der General ihm in den wenigen Augenblicken nicht alles gesagt. Nein, nicht das Lob. »Führer sind nötiger denn je, denen die Leute blindlings folgen.« Also sammelte er sich zum Entscheidungskampf. Zur letzten Schlacht, in der es blindlings voran gehen mußte, sollte Deutschland bestehen … Und von Hindenburg hatte er gesprochen, dem Feldmarschall. Dies ehrfürchtig-stolze »Sie sollen ihn sehen« schwang noch in Martin Opterbergs Seele nach. Mit diesem tiefen Unterton vermochte nur ein Mann zu sprechen, der das Hinaufschauen nicht verlernt hatte. »Dort hat er Atempause.« So spricht ein Mitarbeiter vom Meister.
Und plötzlich rann es Martin Opterberg den Rücken hinab … Gleich wirst du vor dem Schlachtenmeister stehen, vor dem Ehrwürdigen und Verehrungswürdigen.
Er horchte in sich hinein. Nein, da war keine Spur von Angst. Da war nur Freude, jubelnde Freude.
»Opterberg? Bist du’s oder bist du’s nicht? Menschenskind, du überrennst ja den Vertreter einer hohen Generalstabsabteilung!«
»Grüters,« sagte Opterberg und hielt an. »Wenn ich dein Hiersein nicht schon von deinem Schwager Tillmann wüßte, hätt’ ich dich doch an den funkelnagelneuen Beinkleidern erkannt.«
Grüters beklopfte mit einer Reitgerte die gutsitzenden langen Hosen.
»Du irrst, wenn du damit meinst, daß Kleider Leute machen. Der Generalstab des deutschen Heeres ist verdammt helle, mein Junge, und versteht sich auf die Ausmusterung. Mit Hohlköpfen ist hier nischt zu wollen, aber rein garnischt. Und was führt dich wackeren Feldsoldaten in diese geistige Luftschicht?«
»Nichts als eine einstweilige Versetzung in diesen selben Generalstab.«
»Du -- --?« fragte Grüters und starrte den einstigen Verbindungsbruder sprachlos an. »Du machst wohl Witze? Nee -- ernsthaft? Wieso denn? Das weißt du nicht? Das ist ja eine rätselhafte Geschichte. Immerhin,« er reichte Opterberg die Hand, »wenn du eine Hilfe nötig hast -- ich stehe dir in meinen knappen Mußestunden gern zur Seite.«
»Verbindlichen Dank, Grüters.«
»Und wo soll’s jetzt hin? Komm mit, ich stell’ dich beim Mittagessen gleich vor.«
»Leider heute unmöglich, Grüters. Der Feldmarschall hat mich zu Tisch befohlen.«
»Vater Hindenburg? Bist du bei Sinnen? Du, hör mal, hier gibt’s keinen Studentenulk.«
»Es ist so, Grüters, und ich kann’s nicht ändern. Befehl ist Befehl. Und General Ludendorff hat ihn mir soeben persönlich ausgesprochen.«
»Bei dem warst du auch? -- Ja, was ich sagen wollte,« und Grüters legte seinen Arm in den des Jugendkameraden, »es ist dir doch recht, daß ich dich ein paar Schritte begleite? Ich bin gerade dienstfrei. Habe eine gewaltige Arbeitsleistung hinter mir und eine noch gewaltigere vor mir. Richtig, ich sprach dir noch nicht davon. Aufklärung im Heer. Gegen den Geist, den die grundstürzenden Linksparteien aus der Heimat bis in die vordersten Linien tragen möchten. Das vermag nur ein Mann, der kaiserlich bis in die Knochen ist. Dazu gehört die ganze Wucht und Unerschrockenheit der Überzeugungstreue. Mein Gott, Opterberg, das sind ja Jahre, daß wir unsere Gedanken nicht tauschen konnten. Der ganze Krieg liegt dazwischen. So etwas sollte unter Männern derselben Anschauungsweise nicht vorkommen dürfen. Also wir sind die Alten, Mann.«
Arm in Arm mit Opterberg auf- und abschreitend, plauderte er. Liebenswürdig, ein wenig hochmütig, stets die eigene Person im Auge.