Chapter 2 of 23 · 3984 words · ~20 min read

Part 2

»Es sind die Barthelmeßleute, Mutter,« flüsterte Martin Opterberg über den Tisch Frau Christiane zu, die unwillig das ungezügelte Benehmen der Kinder, das großtuerische Gebaren der Erwachsenen und die Störung des Abendfriedens durch den wortreichen Lärm empfand.

»Was für Barthelmeßleute?« fragte sie knapp.

»Der Kirchenbauer und Bildhauer, Mutter, der bei uns daheim in den Waldstädten die Wiederherstellungsarbeiten in den alten Kirchen verrichtet, in Säckingen, glaub’ ich, und Rheinfelden. Die Kinder kamen schon oft auf unseren Hof und liehen sich alles aus, was sie kriegen konnten: Butter und Eier und Brot, ja sogar den Werkzeugkasten.«

»Richtig,« sagte Frau Christiane, »und wiedergebracht haben sie nichts und zu keiner Zeit.«

Sie wollte sich erheben, um mit ihren Knaben die Schlafräume aufzusuchen, als das kleine schwarzlockige Mädchen vom anderen Tische vor ihr stand. Es knixte und sagte in geläufiger Rede: »Ich bin die Sabine Barthelmeß, und Vater läßt die Frau Opterberg mit einer schönen Empfehlung fragen, ob die Frau Opterberg Vater wohl eben hundert Franken leihen könnte.«

Es war mäuschenstill am Tisch der Barthelmeß’ geworden, während die Kleine sprach. Und in die Stille hinein antwortete Frau Christiane lustig, als handele es sich um einen Kinderscherz: »Ich kann dir leider nur noch ein Kätzchen leihen.«

»Ein Kätzchen?« wiederholte die Kleine verblüfft. »Weshalb denn ein Kätzchen?«

»Weil ein Kätzchen, wenn’s einem ausgeborgt wird, von ganz alleine wieder nach Hause kommt. Gute Nacht, mein Kindchen.«

Das Mädchen warf einen hilfesuchenden Blick hinter sich. Und schon stand, bevor Frau Christiane mit ihren Knaben das Zimmer verlassen konnte, der gewaltige Herr mit einem freundlichen Lächeln vor ihr.

»Verzeihen Sie, meine gnädige Frau, die ländlich unbekümmerte Art, mit der ich in dieser Bergwelt mein Töchterlein zu Ihnen sandte. Die Beziehungen, die meine Kinder seit geraumem zum Opterbergschen Haus und Hof unterhalten haben, dünkten mich stark genug -- Verzeihung, Professor Barthelmeß ist mein Name. Tja, und da habe ich mich wahrhaftig auf der Reise verrechnet gehabt und darf Ihnen wohl die hundert Franken in nächster Woche nachbarlich zurückerstatten.«

Das Körperliche des Sprechers erdrückte fast. Aber Frau Christiane ließ sich nicht erdrücken.

»Ich pflege,« entgegnete sie freundlich und neigte zur Gegenbegrüßung leicht das Haupt, »wenn ich mit den Kindern eine Bergfahrt unternehme, nur das allernotwendigste an Geld mit mir zu führen. Damit sich die Kinder den einfachen Lebensbedingungen des Gebirgslebens anpassen lernen und damit wir auf unseren einsamen Pfaden keine Gelegenheit bieten, ausgeplündert zu werden. Aber der Gasthofhalter ist mir bekannt, und ich werde ihm gern ein Wörtlein sagen.«

Noch einmal neigte sie freundlich das Haupt und schritt mit ihren Knaben an dem verdutzt sich Verbeugenden vorbei aus dem lautlos gewordenen Zimmer.

Im ersten Morgenlicht nahmen sie ihr Frühstück. Noch hatte keins von den Barthelmeßleuten sein Bett verlassen. Frau Christiane verständigte mit wenigen Worten den Wirt und gab ihm an, von welchen Kirchengemeinden der Waldstädte der Herr Professor Barthelmeß augenblicklich beschäftigt werde. Der Wirt lachte. »Ich kenn’ schon den Weg.«

»Nun gilt’s noch einmal, ihr Buben,« feuerte Frau Christiane draußen ihre morgenfrischen Begleiter an, »und jetzt gilt’s erst aus dem Vollen. Bis morgen mittag müssen wir uns bis ins Gletschergebiet des Rheinwaldhorns durchgekämpft haben, wollen wir als rechte Bergsteiger gelten. Viertausend Fuß höher hinauf, ihr Buben. Dafür aber auch dichter heran an den lieben Gott. Und wir tauchen die Hände in die Quelle des stürmenden Hinterrheins.«

»Mit der Frau Pate wird’s ein Katzensprung!«

»Führ uns, Mutter!«

Durch das Domletschgertal wanderten sie, durch die weiten, grünen Matten, und kraftvoll wogte ihnen der dunkle Strom entgegen, der Bergesprenger und Felsenspringer. Klosterruinen und Burgentrümmer auf ragenden Zinken und Zacken ließ er hinter sich, eine zerbrochene und schon verschollene Welt trotziger Herrengeschlechter in Panzer und Kutte. Jeder Fußbreit Bergerde, den die Wanderer betraten, sprach von Kampf und wieder Kampf, und je rauher und unzugänglicher die Bergwelt schien, um so enger nur drängten sich die blutigen Spuren der Menschen, die seit Jahrtausenden um die starren Höhen kämpften, um hinüber zu gelangen in die weichen Täler. Wohl an zwanzig Geschlechternamen schlugen an das Ohr der Knaben, und jeder Name wandelte sich ihnen zur Sage von Männern, die da starben, wie sie gelebt hatten, ob’s im Recht oder Unrecht gewesen war. »Das ist das Märchen vom Rhein,« schloß Frau Christiane eine jede ihrer Erzählungen, »und wer auf diesen Wegen dem Ursprung des Rheins nachgeht, der wird begreifen lernen, daß die Seele des Stromes kriegerisch ist, auch wenn er sich an seinen Ufern ab und an das Flötenblasen gefallen läßt.«

Und die Knaben begriffen es, als sie dem lieblichen Dörflein Thusis einen Abschiedsgruß zugewinkt hatten, um in der Felsenwildnis des Schamsertales wie Staubkörner zu verschwinden. Jäh schluckte sie das Felsentor des ›Verlorenen Loches‹, und als sie sich durch den finsteren Bergtunnel hindurchgetastet hatten, standen sie erschauernd vor der grausigen Urgewalt der unbezähmten Natur und ihrer eigenen Kleinheit.

»Hindurch, hindurch!« rief Frau Christiane. »Es ist der Weg des Schreckens, die ~Via mala~, aber Mut ist mehr als Schrecken, und nur die erkämpften Kronen haben Wert. Seht, durch dieses Felsenmeer hat sich der junge Rhein eine enge Gasse in die Freiheit gebissen, und so eng und so schauerlich sie ist, mutige Männer sind ihm gefolgt und haben Schritt für Schritt eine Straße an die senkrecht stürzenden Felswände geklebt, haben sterbend Spitzhacke und Mauerkelle weitergegeben, von Geschlecht zu Geschlecht, Jahrhunderte hindurch, bis der Mensch Sieger war, den Weg des Schreckens hindurch von Rongella bis Andeer, und über den Splügenpaß die Menschheitswege zueinander konnten von Norden nach Süden. Hindurch, hindurch, ihr Buben!«

Da strafften sie den Leib und marschierten den schwindelnden Weg, Tausende von Fuß die steilen Felswände über sich, jäh abstürzend die Felswände unter sich, und das donnernde Brausen des wütenden Wassers irgendwo in geheimnisvoller Tiefe. Stunden hindurch marschierten sie, hoch im Unendlichen über der lichtlosen Schlucht wie ein schmaler Streifen das Himmelsblau, und vermochten nicht zu sprechen vor dem Wogen und Wallen der Gedanken.

»Wir siegen,« rief Frau Christiane, als sie sich, das Grausen im Rücken, in der nächsten Morgenfrühe über die letzte Felsterrasse des Rheinwaldtales hinaufarbeiteten zur Gletscherhöhe des Rheinwaldhornes. »Gebt das Letzte her. Vor Mittag sind wir droben.« Und als die Sonne scheitelrecht stand, riß sie die Knaben mit starker Bewegung an sich.

»Da seht! Da seht! Da springt der Rhein von der Mutterbrust.«

Ein silbriger Faden huschte aus dem dunklen Gletscherspalt, gewann an Kraft, sammelte sich zum ersten Sprung, durchbrach das Gestein, stürmte eine kurze Strecke dahin und stürzte sich ohne Besinnen in dunkle Felsennacht, um, unsichtbar dem Auge, alle Jugendkraft zusammenzufassen zur ersten Mannestat des Kettensprengens.

Und wieder beugten sich Frau Christiane und die Knaben über das spritzende Quellwasser und befeuchteten sich Stirn und Augen.

»So sollt ihr jugendstürmisch springen und brausen,« sagte Frau Christiane, »und auch ab und an von der Bildfläche verschwinden, um eure Kräfte zu sammeln und als Mann hervorzutreten. Ein jedes Zeitalter des Lebens heißt es erfassen und auskosten, damit das nächste nicht unter falscher Sehnsucht leidet. Denn was das eine Zeitalter köstlich kleidet, steht dem anderen Zeitalter nicht mehr zu Gesicht.«

»Mutter,« sagte Martin Opterberg, »ich wollte dich noch fragen, weshalb du zu Reichenau dem Professor Barthelmeß nicht ausgeholfen hast?«

»Weil dem erwachsenen Mann und dem Vater der großen Buben der Knabenleichtsinn nicht mehr zu Gesicht stand, und weil’s immer noch nahrhaft Schwarzbrot zu erarbeiten gibt, wenn’s für Schaumwein und Forellen nimmer langt.«

Am Abend saßen sie beim Posthalter zu Splügen. Frau Christiane hatte den Wirt insgeheim nach einer Depesche befragt und sie erhalten. Als sie den Inhalt gelesen hatte, kehrte sie ruhig zu den Knaben zurück.

»Morgen fahren wir mit dem Postwagen die Straße zurück und gar bis Chur. In Chur nehmen wir die Eisenbahn bis zum Einfluß des Rheines in den Bodensee, und über den See, ihr Buben, sollt ihr im Dampfer, von Rorschach bis Stein am Rhein, ja bis zum Rheinfall von Schaffhausen fahren. Dann geht’s mit dem Bähnlein heim über Waldshut und Säckingen, ganz heim. Zufrieden?«

Und die jubelnden Knaben spürten nicht den stillen Ernst, der um die Frauenaugen spann. --

Es war ein Sonntagabend, als Frau Christiane mit den Knaben den Zug verließ, um in die geräumige Kutsche des Gutshofes zu steigen. Sie hatten noch eine Stunde Fahrt über Land, und Frau Christiane gebot dem Knecht, der kühlen Nachtluft wegen den Landauer zu schließen. Drinnen im Wagen nahm sie die Knabenhände in die ihrigen.

»Jetzt erst fahren wir heim.«

»Soll ich die Nacht bei der Frau Pate bleiben?« fragte Christoph Attermann.

»Du sollst jetzt immer bei uns bleiben, Christoph.«

Der junge Attermann fuhr auf. Er hatte sofort begriffen.

»Der Vater ist _tot_?! Er ist _tot_?!«

»Es gibt keinen Tod, Christoph. Es gibt nur ein Erneuern. Dafür laß _mich_ nun Sorge tragen.«

»Nein -- nein -- nein! Ich ertrag’s nicht! Ich bin ein Bettelbub geworden.«

Frau Christiane ließ ihn weinen. Nach einer Weile erst begann sie ruhig zu sprechen.

»Ein Bettelbub, Christoph? Das sagt der Patenbub der Frau Christiane Opterberg und der Freund des jungen Martin? Du wirst es nie wieder sagen, Christoph, wenn du mir zugehört hast. Als deine Mutter starb, wie du soeben geboren warst, stand ich bei ihr und sah ihr in die Augen, wie wir uns oft in schweren Stunden in die Augen gesehen haben. Ich hatte den acht Wochen alten Martin an der Brust und nahm dich auf und legte dich hierher an die andere Brust. Da lachte die Sterbende ganz hell, und das war ihr Letztes. Und dich nahm ich mit ins Gutshaus, und an dieser Brust hat der Martin und an dieser hast du gelegen, und ihr beiden habt an mir getrunken ein volles Jahr lang.«

Beide Hände preßte sie unter die Brust und sah den Knaben mit leuchtenden Augen an.

»Ist das ein Bettelbub, den die Frau Christiane Opterberg aus diesem Quell hat trinken lassen, bis er groß war und stark und auf den Füßen laufen konnte? Ist das bißchen Brot, das ich dir heut anbiete, mehr wert als Muttermilch? Muß ich wirklich so feierlich werden mit meinem dummen großen Jungen?«

Da schrie der junge Christoph Attermann aus seiner Not heraus auf, daß es wie ein helles Lachen klang aus vergangenen Tagen.

»Mutter!« rief er und fiel mit dem Kopf in ihren Schoß.

Der Wagen rumpelte in den Gutshof.

»Natürlich, Christoph. Die Frau Pate ist hin und vergangen. Und der Martin hat seinen Bruder. Helft eurer Mutter zur Erde, ihr Buben!«

2

Ein Sonderling hatte sich das Gutshaus erbaut. Auf steilem Uferrücken stand es frank und frei über dem rauschenden Rhein, und seine weißen Mauern, nur nach der Wasserseite vom Grün des Reblaubs umrankt, winkten in weite Ferne. Der kleine Giebelturm, mit Fenstern nach jeder Windrichtung verkleidet, hielt wie ein Dachreiter Ausschau über den Strom hinüber in das nahe uralte schweizerische Städtchen und in die anrückende Bergwelt, die sich in unabsehbaren Linien übereinandertürmte und in abenteuerlichen Gebilden das Gesichtsfeld beschloß, und diesseits des Stromes über die weiten, von Obstbäumen bestandenen Wiesenflächen und die fetten Ackerspreiten des badischen Landes bis zu den tannendunklen Höhen des Schwarzwaldes.

Eher ein ruhsames Landhaus denn ein arbeitsames Gutshaus dünkte das freie Anwesen dem Blicke, und der in Stufen abfallende Garten mit seiner Fülle von seltenem Gesträuch und erlesenem Obst, der kühn den Fels hinab bis zu dem plätschernden Uferwasser kletterte, schien ebenso eher aus verfeinertem Behagen als aus ländlichen Notwendigkeiten geboren zu sein. Auf die Landwirtschaft wiesen in geräumigem Abstand nur die gutgehaltenen Wirtschaftsgebäude mit ihren herabreichenden Strohdächern.

Ein alter Oheim Opterberg, am Niederrhein nahe der holländischen Grenze zu Haus, hatte sich vor Jahrzehnten, auf einer Besuchsreise zu oberrheinischen Verwandten, in die Schönheit des Landes so heftig verliebt gehabt, daß er kurz entschlossen an Land, Wiesen und Äckern zusammenkaufte, was zusammenzukaufen war, und sich auf der felsigen Uferhöhe sein Hagestolzhaus errichtete, ganz und gar, wie es ihm seine Sonderlingslaune eingab.

Die Hofbesitzer der Umgebung hatten dazumal wohl oft den Kopf geschüttelt über die kostspielige und unwirtschaftliche Anlage des Gutshofes. Aber den alten Opterberg hatte seine Sach’ just so, wie sie war, gefreut, ohne daß er ahnen konnte, wie sehr sie erst den einen seiner Erben just so, wie sie war, erfreuen würde. Vom Blute des alten Oheims, der nicht gern nach Nützlichkeiten fragte und rechnete, war auch in Arnold Opterberg, dem Gatten der Frau Christiane, und es war in erheblichem Maße in ihm.

Der Knecht hatte schon einige Male stürmisch mit der Peitsche geknallt, und Frau Christiane war schon mit den Knaben in den erleuchteten Hausflur eingetreten, als Herr Arnold Opterberg vom Giebelzimmer die Treppe hinuntergeeilt kam.

Er war ein Mann zu Anfang der Vierzig, von schlankem, ebenmäßigem Bau und breit in den Schultern. Sein Kopf zeigte einen auffallend klaren Schnitt, und aus dem sonnenbraunen, von blondem Haupthaar und weichem Barte umrahmten Gesicht blitzten die blauen Augen um so heller und feuriger hervor.

»Willkommen, ihr Weltreisenden, willkommen!« und seine Stimme drang wie ein warmer Strom in die Herzen und überwältigte sie, ohne sie lange zu befragen. »Ihr seid mir die rechten Pfingstwöchner, ihr! Bis zur allerletzten Neige den Ferienbecher auszutrinken, ob der Gatte und Vater daheim verhungert und verdurstet!« Und schon wiegte er Frau Christiane, während er sprach, in seinen Armen hin und her.

»Du bist nicht verdurstet, Arnold.«

»Bin ich’s nicht, so gebührt nicht dir der Ruhm, du erzieherisches Gewissen. Aber Frau, so gib mir doch den Mund frei --«

»Der Christoph Attermann ist hier und bleibt.«

»Ah,« sagte der Hausherr. »Ich vergaß -- in der Wiedersehensfreude.« Und er entließ Frau Christiane aus seinen Armen und wandte sich mit ausgestreckten Händen dem blassen Jungen zu. »Christoph, lieber Kerl, das war ein harter Schlag. Aber unter den harten Schlägen wird erst das Eisen zu Stahl, und wir haben alle den Rücken herhalten müssen.«

Er sah ein stilles Lächeln auf Frau Christianes Lippen, brach ab und schob ihr den Buben zu. »Laß dich nur von ihr betreuen. Sie tut’s ja nun mal nicht anders, als die Hand über uns halten.«

»Ich bring’ die Buben auf ihr Zimmer, Arnold. Sie sind müde und müssen morgen zeitig zur Schule fahren. Da gilt’s noch einen Überblick tun.«

Arnold Opterberg hatte mit raschem Griff seinen Sohn Martin an sich gezogen, und der Knabe drückte sich fest in des Vaters Arme. »Schade, mein Junge, ich hab’ ein paar fröhliche Gäste im Haus. Aber die Mutter wird sich nicht umstimmen lassen. War’s schön in den Bergen?«

»Wunderschön …«

»Morgen! Morgen!« rief Frau Christiane, winkte den Mägden, die wartend in der Küchentüre standen, und eilte mit ihnen und den Knaben die Treppen zu den Schlafkammern hinauf.

»Christiane, es sind Gäste im Haus --!« rief der Hausherr hinter ihr drein.

»Wo sitzt ihr? Im Giebelzimmer?«

»Du hast es erraten!«

»Vergiß nicht, eine Flasche Wein anzubieten, bis ich komme --«

Arnold Opterberg blickte noch in die Höhe, aus der die Stimme gekommen war. Dann hörte er droben die Türen klappen. »O du Heimtückerin!« lachte er in sich hinein, »als ob du nicht längst schon wüßtest, daß wir an der zweiten sind -- an der zweiten auf jeden Kopf.« Und in frohester Stimmung stieg er die Nebentreppe wieder hinan, die in die hellerleuchtete Giebelstube führte.

Blauer Zigarrendampf quoll ihm in Wolken entgegen, als er die Türe öffnete, und in den Wolken sah er zwei Gestalten eifrig sich verbeugen.

»Meine allergnädigste Frau --«

»Sehr verehrte Hausfrau --«

Und er antwortete mit hochgestellter Stimme: »Ich freue mich, solcherlei durch und durch gediegene Männer bei meinem Manne vorzufinden.«

Die Gestalten fuhren hoch. Sie griffen nach den Weinrömern und drängten dem Eintretenden entgegen. »Opterberg, Glückskind, sie war es noch nicht, die Hüterin deines Herdfeuers? Die Schützerin deiner Tugend? Die Bewahrerin deines Weinkellers? Wir haben noch eine Galgenfrist und dürfen sie nutzen? ~Carpe diem!~ Nutze den Tag und sein lieblichstes Teil, die Nacht!« Und als die geleerten Römer schon wieder auf der Tischplatte des Einschenkens harrten, zerrte der eine der Gäste am Achselband eine alte Gitarre nach vorn, griff in die Saiten und sang:

»Ich hab’ mein Sach’ auf nichts gestellt; juchhe! Drum ist so wohl mir auf der Welt; juchhe!«

und der andere fiel ein und hob dem Hausherrn das gefüllte Glas entgegen:

»Und wer will mein Kamerade sein, Der stoße mit an, der stimme mit ein Bei dieser Neige Wein!«

Arnold Opterberg stieß mit an und stimmte mit ein. Und zum Gitarrenschlag sangen sie von dem Wein, der auf den Höhen wächst, und von den Mädchen, die im Tale wachsen, und immer wieder unterbrach Arnold Opterberg den Gesang und fragte nach dieser und jener, nach der dritten und der vierten, und vernahm in erregtem Staunen, daß sie den untern Weg gegangen seien, einen Mann geheiratet und Kinder gekriegt hätten -- o so viele Kinder. »Aber laß dich das nicht anfechten, Bruderherz. Unser geliebtes Düsseldorf ist von unerschöpflicher Fruchtbarkeit, und die schönen Mädchen drängen sich jahraus, jahrein lieblicher in die Schnürbrust, allen Malersleuten eine Augenweide. Und sie suchen nach dir und fragen nach dir, vom Ratinger Tor bis zu den verschwiegenen Waldwinkeln Gerresheims: Wo steckt der Arnold Opterberg, der mit dem Rubenskopf und dem Rubensfeuer? Wer sagt uns Verlassenen und Frierenden, wo der heiße Sonnengott Düsseldorfs hingeraten ist?«

»Schwindelt nicht. Vor fünfzehn Jahren lagen sie noch in den Windeln.«

»In den Windeln? Du bist verbauert, Opterberg. Solche Mädchen liegen niemals in den Windeln. Sie entspringen ihren Müttern, die sich nach dir gesehnt haben, wie Liebesgedanken, wie --«

»Schweigt. Ich schenke euch auch ohnedies ein. Ja, schön war es, schön war es.«

»Schön? War es? Es _ist_ schön, Opterberg, und wird alle Tage schöner! Sobald uns die ersten, schüchternen Lorbeerblättlein hinter den Ohren hervorwuchsen -- und sie wuchsen, Opterberg, zu ganzen Kränzen wuchsen sie, und all die lieben weißen Händchen steckten Rosen hinein. Rosen über Rosen. Erst dann ist der Lorbeer schön.«

»Habt ihr davon geerntet?« fragte der Hausherr zweifelnd. »Es muß bei Nacht gewesen sein, denn ihr stahlt dem lieben Herrgott den Tag.«

Ein Ton des Bedauerns ging von den Gästen aus.

»So weit also ist es mit dir gekommen, Opterberg, daß du meinst, der Pinselstiel müsse Schwielen in den Händen hinterlassen? Wollen wir uns den Professorentitel an den Leib arbeiten und als Lichter auf dem Leuchter stehen, damit alle Welt uns erkennt und uns mit ihrer Hochachtung die tausend kleinen und großen Freuden unseres Lebens verkümmert? O du Abtrünniger, der klingende Erfolg, der kommt mit Naturnotwendigkeit wie der Blitz, wenn die Luft am dicksten ist. Gott verläßt keinen Maler. Und wenn’s dann in Strömen gießt, stellen wir unsere Regentonne hinaus.«

Arnold Opterberg reckte den Arm über den Tisch. Er griff nach dem Glas. »Düsseldorf soll leben!« und das Wort verschlug ihm fast die Stimme.

»Soll leben, soll leben!« jubilierten die Gäste. »Wer es nur immer in solchem Weine leben lassen könnte. Opterberg, Opterberg, wären wir du, wir schmissen die Hacke stieloben auf den Kartoffelacker, versilberten den ganzen Kram und kauften uns einen Malerhut. Denke, wie wonnesam es schon mit leerem Geldbeutel war, denke, wie unaussprechlich schön es erst mit einem straffen Beutel voll Zechinen werden wird. Freundesarme, Mädchenherzen, alles öffnet sich dir entgegen -- und die Kunst hat dich wieder.«

»Eure Kunst -- das Leben als einen einzigen Karneval zu nehmen.«

»War es nicht auch die deine? Hast du sie nicht mit solcher Meisterschaft betrieben, daß wir anderen armselige Stümper neben dir waren? Liefen dir nicht die Mädchen in hellen Haufen zu, und schlugen sich nicht die Wirte darum, dir ankreiden zu dürfen? Ach, Opterberg, dieses ›König Wikking sein‹ auf allen Meeren des Lebens, immer den Enterhaken in der Hand. Segel in Sicht, Kapitän, backbord voran! Stolze Fregatte oder niedliche Brigg? Einerlei! Alle Segel hoch! Drauf und dran! Und dann das Lösegeld --«

»Wenn ihr nur,« lachte Arnold Opterberg fliegenden Atems, »mit dem Pinsel halbwegs so malen könntet wie mit dem Maule! Aber malt nur weiter! Malt alle Regenbogenfarben in die Luft! Es behagt mir schon, es behagt mir, und morgen sind sie mit dem Wein verdunstet.«

»Nein, Opterberg, sie sind echt, so echt wie wir selber, und mehr kann kein Mensch von sich und seinem guten Stern verlangen, als sich die Dinge in den persönlichsten Sehwinkel rücken zu dürfen. Hat das Leben eine Berechtigung, uns wie Narren zu behandeln? Oho, umgekehrt wird ein Schuh draus. Wir packen den Gaul beim Kopfe und sitzen kopfüber auf. Mag er rennen, wir reiten! Wohin ist einerlei. In die Freiheit geht’s immer, in die Freiheit und die Freude. Und du, Opterberg, was tust du? Es hat den hohen Herrn in einer Laune gelüstet, eine andere Maske vorzubinden, als biederer Landmann die Dunggabel zu schultern und die Felder zu bestellen und am Feierabend Weib und Kind und Ingesind das tägliche Brot vorzuschneiden. Menschlein, Menschlein, man hat dich falsch beraten, die Maske steht dir nicht, der Löwe ist ein Fleischfresser und kein Körnerbeißer, das sagte dir schon der selige Brehm. ~Quousque tandem, Catilina?~ In der Vollkraft der Jahre -- wach auf und erkenne dich selbst!«

In dem rotbraunen Gesichte Opterbergs blitzten die Augen wie helle, heiße Flammen. Die Ellenbogen aufgestemmt, saß er und lauschte. Vor ihm gaukelten die Bilder der Erinnerung. Eine lange, lange Kette. Eine Kette --? Ein Rosengewinde war’s. Ein Rosengewinde. Die Kette kam später. Nein, doch nicht. Was war’s denn? Farbe bekennen, Farbe.

»Alles gut, alles gut,« rief er in den Stimmenschwall. »Aber von der Hauptsache redet ihr nicht. Talent muß der Künstler haben, Talent, wenn er schon die übrige Welt als Kegelschub behandeln will. Oder besser noch: Genie! Ich hab’s nicht. Nicht das eine und nicht das andere. Ja, wenn ich es hätte, wenn ich es hätte …«

Die Gäste wehrten ihm sprachlos mit den Händen. Offenen Mundes sahen sie ihn an, wie man einen Kranken, einen Verstörten anzusehen pflegt. Dann redeten sie wirr durcheinander.

»Du kein Talent? Weil du bisher keinen Gebrauch davon machtest? Weil du in aller Ruhe das Weltbild in dir reifen ließest, statt dich als Wunderknabe zu verzetteln? Weil du die seligsten Jahre in dich hineintrankst, um zunächst einmal die eigene Seele aufzufüllen, bevor du dich an die Auffüllung der anderen Seelen heranmachtest? Wer war wertvoller, du oder das Philistergehumpel? Du kein Talent? Hast du denn überhaupt schon mal in den Spiegel geschaut? Herr Gott noch, mit solchem Kopf, und mit solchen Augen erst, malt man sich schon das Glück aller Erdteile auf der Leinwand der Welt zusammen, ohne auch nur einen Groschen für eine Farbentube zu verschwenden.«

»Unsinn redet ihr, Unsinn!«

»Weshalb hörst du denn unserem Unsinn zu mit Augen wie ein kreisender Habicht? Weil du spürst, daß das, was für einen Schafbock Sinn bedeutet, für einen Steppenhengst den unverfälschtesten Unsinn darstellen würde. Weil du die Frühlingsluft witterst und die Luft der Freiheit, die einzige Luft, die Menschen deines Schlages zuträglich ist. Opterberg, uns hat in diesem schönsten aller Frühlinge dein guter Geist hergesandt. Ermanne dich, und wär’s nur zu einer Probe aufs Exempel. Heraus aus der Maskerade. Heraus aus dem Bauernkittel, und in die Wanderstiefel hinein. Schließ dich uns an, Bruderherz, zu dritt über die Pässe, fahr wohl, züchtig vernebeltes Nordland, gegrüßt, du paradiesisch seliges Land Italia! Opterberg, Opterberg, zehn Eide gegen einen: die Kartoffeln wachsen hierzuland auch ohne dich, und deine fürtreffliche Hausfrau wird feierlich zum Reichsverweser und noch feierlicher zum Reichsschatzkanzler ernannt.«

»Grüß Gott, ihr Herren, grüß Gott! Ja, aber -- wie ist mir dann? Schaut Arnold Opterbergs Eheliebste gar so grauslich aus wie ein herbes Erdenweib, daß es Sie aus allen Himmeln reißt?«

Mitten im Giebelzimmer stand Frau Christiane, das strohgelbe Haar in breiten Flechten um den Kopf gewunden, und lachte aus ihren klaren, blauen Augen den Männern lustig ins Antlitz. Noch immer hockten die fremden Gäste wie verschlagen auf ihren Plätzen und starrten dies Bild der Frauenkraft und Frauenfröhlichkeit an.

»Mann,« sagte Frau Christiane und fuhr Arnold Opterberg schmeichelnd durchs Haar, »willst du mir nicht deine Freunde mit Namen nennen? Oder muß man berühmte Künstler gleich nach dem Gesicht erkennen? Dann bitt’ ich zu entschuldigen.«

Arnold Opterberg hatte sich hastig erhoben. »Die Herren Kunstmaler Baltes und Krönlein,« stellte er mit einer kurzen Handbewegung vor, und sein Blick glitt ein wenig mißtrauisch über Frau Christianes fröhliche Züge.

Nun waren auch die Gäste aufgefahren, dienerten und stolperten ein paar Worte hervor, und Frau Christiane sah lächelnd ihren Mann an, trat auf sie zu und reichte ihnen die Hand.