Chapter 7 of 23 · 3945 words · ~20 min read

Part 7

»Den Sieg dank’ ich dir, Martin. Ich war zu End’. Im nächsten Augenblick hätt’s mich gehascht.«

Am nächsten Tage geschah etwas Lustiges. Mädchenfüße huschten die Treppe hinauf zur Wohnung der Brüder, Mädchenfinger klopften an die Stubentür. Und auf ein zweistimmiges »Herein« trat Therese Baumgart mit ihren Freundinnen ins Zimmer.

»Bleiben Sie liegen, Herr Attermann. Wir kommen nur im Husch. Aber ich mußt’ unbedingt selber sehen, was mit Ihnen ist, denn ich bot die Ursache.«

Sie drückte ihn, da er sich erheben wollte, auf das lederne Kanapee zurück und blickte nach dem Verband. »Ist es arg bös?« fragte sie den lachenden Martin Opterberg.

»Geblutet hat er wie ein Öchslein, aber geschlagen hat er sich wie ein wütender Eber.«

»Der Martin hat’s geschafft, Fräulein Baumgart. Er hat mir beigestanden wie der Erzengel Michael mit dem Schwert, und ohne seine überlegene Fechtkunst hätt’ ich mit Ihrer schönen Sach’ am Boden gelegen.«

»Der Christoph hat’s Fieber und faselt. Fassen Sie seinen Puls.«

Sie faßte Christoph Attermanns Hand und hob dabei die Augen zu Martin Opterberg.

»Es ist wohl gleich, wem ich den Puls fühl’. Bei Ihnen beiden scheint mir alles wie mit Rädchen ineinander zu greifen. Aber ich bitt’ Sie herzlich, machen Sie nicht wieder solche Dummheiten wegen meiner. Wenn’s mich auch diesmal arg gefreut hat. Das sag’ ich ehrlich.«

»Es wird Sie schon keiner wieder behelligen, Fräulein Baumgart,« knurrte der Wunde.

»Keiner außer uns,« rief der übermütige Freund. »Sie und die Kameradinnen. Sie müssen uns schon ein ganz klein wenig zu gute halten, weil Sie gar so hübsch sind.«

Da lachten die Mädchen wie fröhliche Kinder, und die Therese Baumgart drückte Christoph Attermanns Hand und sagte: »Ich danke Ihnen recht, recht sehr, und wir sind Freunde.«

Aus einem Seidenpapier nestelte sie ein paar Rosen und bot sie ihrem Ritter dar. Christoph Attermann aber bestand darauf, daß die eine der Martin erhalten müsse, ohne den er’s nicht zu Ende geführt hätte, und Martin Opterberg küßte der Spenderin in jungenhafter Freude die Hand. Da wagte es auch der Christoph. --

»Also so leben wir alle Tage! Die schönsten Mädchen und die rotesten Rosen! Und bei all der Sonne draußen keine Spur von Bücherstaub drinnen! So lob ich’s mir, so lob ich’s mir in Ewigkeit. Amen. Willst du mich erwürgen, Junge?«

»Vater!« hatte Martin Opterberg geschrieen und sich dem Mann, der in strahlendem Vergnügen im Türrahmen stand, an den Hals geworfen. »Der Vater ist gekommen, der Vater --«

Und schon war auch Christoph Attermann auf den Beinen und bemächtigte sich der Hände des lachenden Mannes, und Arnold Opterberg rief ihnen zu: »Nette Herren Söhne, das muß ich bekennen. Außerordentlich erkenntliche Jünglinge. Wer war’s, der mich einmal zur Kneipe einladen wollte? Versunken und vergessen, der alte Eulenvogel im Turm. Und als er dennoch den Flug wagt, findet er verbundene Köpfe, an die kein Becher heranreicht.«

»Sag das nicht, Vater! Die Kruste auf der Backe ist mir nicht mehr hinderlich, und der Christoph hat auch den Mund frei!«

»Allemal!« rief Christoph Attermann. »Und wenn ich auf dem Kanapee angebunden würd’, heut ging’s hinaus! Gelt, Fräulein Baumgart, von Fieber keine Spur.«

»Gestatten Sie, meine Damen,« sagte Arnold Opterberg mit einer ritterlichen Verneigung, »daß ich mich Ihnen selber vorstelle. Ich bin der Vater dieser aus Rand und Band geratenen Jünglinge. Sie sind, wie ich sehe, auf einem Krankenbesuch. Dem zerschlagenen Kopf schadet es nicht. Aber wird es das Herz aushalten?«

Hastig nannte der Sohn die Namen. »Studentinnen der Medizin, Vater, und liebe und verehrte Freundinnen dazu.«

»Lieb -- und verehrt,« wiederholte Arnold Opterberg, ließ seine aufleuchtenden Augen in die Runde gehen und drückte jedem der erglühenden Mädchen kräftig die Hand. »Gut, daß die Buben die erlösenden Worte sprachen. Ich hätte sie sonst vom Fleck weg in die Augenklinik geschafft.«

»Wir wollten uns verabschieden und dürfen es jetzt,« sagte Therese Baumgart und blickte aus ruhigen und unbefangenen Augen auf den Vater ihrer Freunde. »Es war eine große Ehre für mich, Herr Opterberg.« Und sie knixte in verehrungsvoller Achtung.

»Reißausnehmen? Weil der alte Sturmvogel seine Jungen besucht? Seh’ ich wirklich so zerzaust und zerfleddert aus, daß die holdeste Jugend vor mir von dannen stiebt? Oder schämen Sie sich des Bäuerleins vom Lande?«

Da lachten die vier Mädchen hellauf und schauten voll Bewunderung an dem kraftvollen Mann empor und in das braune, kühne Gesicht. Und Arnold Opterberg zog mit jedem Arm zwei der schlanken Mädchengestalten an sich und befahl: »Wir bleiben zusammen, bis es Sturm läutet zur Männerkneipe. Auf in den Stadtgarten! Es soll eine Kuchenschlacht geschlagen werden, als gält’ es dem Erbfeind.«

»Ihr lieben und schönen Kinder,« sagte Arnold Opterberg, als es Abend wurde nach dem fröhlichen Schmausen im Freien, »es ist Sommer geworden, und das Semester neigt sich dem Ende. In wenig Wochen sind die Ferien da. Ferien! Wie das klingt! Nach blauen, glückseligen Tagen klingt es, nach rauschenden Wäldern und springenden Quellen, nach einer wunderbaren Wanderfahrt durch die Schwarzwaldberge und dem gastlich winkenden Ziel -- dem Opterberghof. Seid meine und meiner Frau Christiane Gäste, ihr lieben, schönen Kinder.«

Die Mädchenaugen weiteten sich. Wanderseligkeit sprang in ihnen auf. Winkende Fernen. Glücksstaunen und Jugendlust. In Therese Baumgarts Augen schimmerte es ein wenig feucht. Sie beugte sich über die Hand des frohspendenden Mannes. »Wir kommen gern.«

Am Abend desselben Tages -- oder war es die Sommernacht -- oder war es der Jungmorgen -- mußten auf dem Kneiphaus selbst die unverzagtesten Burschen, die Tillmann, Broich und Grüters die Waffen strecken. Christoph Attermann, der wunde, hatte das Feld um Mitternacht geräumt. Arnold Opterberg schritt mit seinem Sohne als Sieger in den Morgen.

»Eine gute Kur, trotz deiner Medizinerinnen. Um zwanzig Jahre hat’s verjüngt. Das machen wir öfter, Martin. Gleich alt sind wir. O Jugend, Jugend --!«

Die drei unverzagtesten, die Tillmann, Broich und Grüters, hatte Herr Arnold auch auf den Opterberghof geladen. Professor Barthelmeß war mit den Seinen in den Rheingau hinübergesiedelt, wohin er zu langjähriger und lohnender Arbeit berufen war, und Herr Arnold Opterberg ertrug die Einsamkeit des Zechertisches nur mit Widerstreben.

Wohl hatte Frau Christiane zunächst verwundert den Kopf geschüttelt, als sie durch den heimgekehrten Gatten von dem Massenbesuch erfuhr, dann aber bald eine Kiste mit Mundvorrat für neun hungrige Wanderer gepackt und nach Freiburg gesandt, damit die Studenten und Studentinnen ihren Rucksack daraus füllten, denn sie sollten sich vom Tage ihres Abmarsches an als Opterbergsche Gäste fühlen. Das rief einen großen Jubel in der Musenstadt hervor.

Und hinaus ging’s an einem silbrigen Frühmorgen, hinaus und hinauf auf den Schauinsland, immer der Sonne entgegen. In Kniehosen und leinenem Hemd marschierten die Burschen, in hellen, fußfreien Kleidern die Mädchen, den Lodenmantel für die Berg- und Waldesrast über den Rucksack geschnallt. Jeder trug das seine, und die Therese Baumgart trug dazu am breiten Band die Laute. Da schwangen die Füße von selbst zum Marschklang der Saiten, und federnd wie zum Tanze ging’s auch die steilsten Hänge hinan. Vom Schauinsland glitt der Blick noch einmal rückwärts in die Ebene. Zwischen den Hügeln träumte Freiburg. Grüß dich Gott, du alte, liebe Stadt. --

Weiter, weiter! Wer schaut rückwärts, wenn Jugend marschiert? Eine halbe Stunde noch, und sie fielen im Gasthaus auf der Halde ein, ließen sich von dem trefflichen Wirtspaar einen Kaffee kochen und verzehrten unter Jubelausbrüchen über Frau Christianes Gaben das Frühstück. Und wieder in den rauschenden Tannenwald, der immer dichter, immer geheimnisvoller seine bärtigen Stämme aneinanderschob, und auf schmalen Fußwegen im Einzelmarsch hintereinander bergauf, die Lautenspielerin voran. Scherzworte und Neckrufe flogen die Reihe hinauf und hinab, bis der Zug noch einmal umgeordnet war, hinter jedem Mägdlein ein übermütig Bürschlein, und da eins sich zuviel erwies, machte Martin Opterberg ritterlich den Führer. Über den waldesdunklen Notschrei führte er durch die tiefe, smaragdene Bergwälderpracht, bis in praller Mittagssonne der Riesenrücken des Feldbergs sich vor ihnen reckte und dehnte.

»Atempause,« bat Grüters, der Staatswissenschaftler.

»Abgelehnt!« rief Broich, der Jurist.

»Der Damen wegen,« verteidigte sich der Diplomat.

»Den Damen den Arm! Nachher steigt sich’s noch einmal so schön.«

Schon hatte Broich den Arm Hilde Falkenroths, der Koblenzerin, in dem seinen und stieg bequem pfadan. Grüters und Tillmann folgten mit den beiden Düsseldorferinnen, den Schwestern Klarenbach. »Wen wähle ich?« fragte Therese Baumgart. »Uns beide,« sagte Christoph Attermann, »denn es ist das gleiche.« Und die Buben vom Opterberghof nahmen sie in die Mitte. Martin Opterberg aber erhob trotz des Anmarsches seine helle Stimme:

»Schöne Mädel führt der Bursch zum -- Hastdunichtgesehn -- Schöne Mädel führt der Bursch zum Tanz!«

Droben standen sie auf dem Feldbergturm, und all das nahe und ferne Märchenland der Schwarzwaldberge, der Alpenwelt und der Vogesenkette schlug seinen Bann um sie. In atemlosen Schauen standen sie und tranken die Schönheit der deutschen Welt.

»Nicht reden. Nicht reden.«

Sie lasen es sich noch an den Augen ab, als sie schon weiter wanderten, den kahlen, langgestreckten Feldbergrücken entlang, und auf vorgeschobener Platte lagerten, den staunenden Blick hinabgesenkt in die einsamen Schluchten, aus deren einer fernher der Zauberspiegel des Titisees aufblitzte wie ein Irrlicht. Und wortlos fast und doch innerlich flüsternd und singend wanderten sie weiter, und ein jeder Bursch führte, als wäre es nun ein selbstverständliches, sein Mädchen weiter am Arm, und die Lautenspielerin schritt zwischen den Opterbergbuben. Abwärts den Feldberg und hinauf zur Schutzhütte des Herzogenhorns.

Am Lagerfeuer hatten sie abgekocht. Die Mädchen boten die Speisen, und die Burschen kredenzten in zinnernen Bechern den Wein vom Kaiserstuhl. Dann wob der Sommerabend sein seltsam durchsichtig Blau, und sie all zogen sich zu einem engeren Kreis zusammen und lagerten im Moos um einen Eichenstumpf, von dem das weiße Kleid der Therese Baumgart im Mondlicht leuchtete. Ihre Mädchenwange koste den Lautenhals, als sie sang und spielte.

Jugendlieder. Sehnsuchtslieder. Und die Hörer lagerten Hand in Hand.

»Noch ein letztes,« bat Martin Opterberg, der als einziger aufrecht an einem Baum lehnte und nicht wußte, wie er einer nie gekannten Ergriffenheit Herr werden sollte.

»Du bist die Ruh’, der Friede mild, Die Sehnsucht du und was sie stillt …«

sang der Mädchenmund in die schweigende Bergnacht. Und Martin Opterberg spürte es wie einen Nachtschauer über seine Glieder gehen, daß er hätte aufschreien mögen, ohne zu wissen, warum?

Die Mädchen traten allein in die Schutzhütte und begaben sich in ihre Kammer. Die Freunde saßen rauchend am Feuer. Therese Baumgart wandte sich in der dunklen Tür der Hütte um.

»Therese …« hatte eine heiße und scheue Stimme geflüstert.

»Gute Nacht, Martin,« sagte sie.

Und er küßte sie. --

Weiter, weiter. Im jubilierenden Morgenerwachen, in sengender Sommersonne. Durch endlose Wälder, die dennoch viel zu klein, hinauf auf die steilen Höhen, die dennoch viel zu nieder. Jetzt führte Christoph Attermann, denn Martin Opterberg bildete mit der Freundin den Schluß. Nur an den Fingerspitzen hielten sie sich beim Wandern, und doch war ihm, als fühlte er die Freundin an der Brust. Der steile Blößling, der hohe Zinken, der Hochkopf -- Christoph Attermann rief die Berge aus, die sie im Auf und Ab erstiegen -- für Martin Opterberg waren sie nichts als Namen. Er sah nichts anderes als das eine Bild: das weiße Kleid in der blauen Sommernacht und die Mädchenwange kosend am Lautenhals. Und er hörte nichts als das eine, das letzte Lied.

»Theresel,« sagte er tiefaufatmend, als im leuchtenden Abendrot die erste Menschensiedlung zu ihren Füßen lag.

»Wie heißt der Ort?«

»Todtmoos.«

»Der Name macht traurig …«

Am nächsten Tage stiegen sie durch das wilde Wehratal zur Rheinebene hinab, und das Brausen der stürzenden Wasser, die durch Granit den Weg erkämpfen mußten, betäubte noch ihre Sinne, als sie sich dem Opterberghof näherten.

Da stand das weiße Haus auf dem Felsen, der auf blumenbunten, baumbeschatteten Gartenstufen zum jungen, hastenden Rheine führte, und auf der Schwelle stand Arnold Opterberg und schüttelte den jungen Männern die Hand und zog die Mädchen in seine Arme. Und Frau Christiane stand auf der Schwelle und tat aus den klaren Augen, die die Farbe des jungen Rheines hatten, einen Umblick über die Gesichter der Ankömmlinge, streckte die Hände aus zum Willkomm und verteilte die Schar der jungen Gäste auf Stuben und Kammern.

»Mutter,« sagte Christoph Attermann, als Frau Christiane zurückkehrte, »du hast einen unbestechlichen Blick. Welche gefällt dir am besten?«

»Das Mädchen mit der Laute, Christoph.«

Da lachte Christoph Attermann in sich hinein und war fröhlich die ganzen Ferien über.

6

Das junge Mannsvolk war über die Alpen, ins Land Italien. Herr Arnold Opterberg selber hatte den Plan entworfen und ihn durch Einschiebungen großer Fußreisen und Bevorzugung der einfachsten Schenken und Gasthäuser so billig zu gestalten gewußt, daß ihn auch die weniger bemittelten Studenten ohne geldliche Schwierigkeiten auszuführen vermochten. Es herrschte tosende Freude im Auslugzimmer des Giebelturms, als der Hausherr erklärte, die Leitung des Heereszuges selbst in die Hand nehmen, im übrigen aber Kamerad unter Kameraden sein zu wollen.

Fort waren sie wie die Zugvögel, obwohl es mitten in der Ernte war. Herr Arnold Opterberg hatte einen Grund gefunden, endlich aufs neue den Trieben seiner schweifenden Sehnsucht zu folgen, und da er als Lenker und Leiter der Jugend ging, der keine andere Zeit als die Ferienspanne zu Gebote stand, so fiel für ihn der Schein der Selbstsucht hinweg.

Frau Christiane nickte mit ruhigen Augen, stellte einen neuen Knecht ein und stand des Morgens um eine Stunde früher auf. Besser mehr Arbeit mit den Händen als mit dem Herzen, sagte sie sich in ihrer Lebenskunde. Und Unzufriedenheit in der Ehe ist Diebstahl am Maß unseres Lebens.

Und sie schuf den Ausgleich und legte von dem ihren zu, weil sie die reichere war.

Auch die Mädchen waren heimgeflattert in ihre Hausungen am Mittel- und Niederrhein. Ihrer drei nahmen ein Geheimnis mit sich, das den drei Freunden der Opterbergsbuben recht wohl bekannt schien. Nur Therese Baumgart war auf besonderen Wunsch Frau Christianes noch geblieben.

Wenn die Gutsherrin in frühester Morgenfrühe die Fensterläden ihres Schlafzimmers öffnete, stand das Mädchen schon im Hof und winkte ihr den Guten-Morgengruß.

»Du sollst ausschlafen, Kind. Die Ferien sollen Kräftesammler sein.«

»Das Sprichwort lehrt: ›Sieben Stunden sind der Ruh -- die achte fällt dem Faulen zu.‹ Von Neun bis Vier lag ich in den Federn. Macht sieben Stunden. Ich bin frisch wie ein Fisch.«

»Lauf in den Stall und trink einen Liter Milch warm von der Kuh, ich komme.«

Den ganzen Tag blieb ihr das Mädchen zur Seite und griff zu, wo es zuzugreifen gab. Am Nachmittag saß es über seinen wissenschaftlichen Büchern, und nach Feierabend hockte es plaudernd neben Frau Christiane auf der Gartenbank, von der sich der Blick auf die strudelnden Wasser des jungen Rheins erschloß, oder spielte auch wohl auf eine Bitte der Hausherrin alte Liedweisen auf der Laute, zu der die beiden Frauen zweistimmig die verträumten Worte sangen.

»Erzähl mir ein weiteres von Daheim, Theresel. Ich lausch’ dir gern, und wenn der Rhein die Musik dazu macht, so ist das auch ein Lied.«

Sie hatte das Mädchen von dem Tage an »Du« genannt, an dem die drei Freundinnen die Heimfahrt angetreten hatten. Mit diesem Du schuf sie der Zurückbleibenden zart und still den Heimplatz.

Das empfand das Mädchen tief.

»Ein weiteres soll ich erzählen? Von den Eltern berichtete ich schon, daß sie als rechte Bürgersleute in Karlsruhe lebten und starben. Außer mir war noch eine Nachzüglerin im Nest, mein um zehn Jahre jüngeres Schwesterchen Linde, und da die Eltern erst in gesetzten Jahren geheiratet und kein übergroßes Vermögen erworben hatten, so erzogen sie mich, wie man einen Sohn erzieht, der rechtzeitig als seiner kleinen Schwester Beschützer auftreten kann. Also durfte ich mit achtzehn Jahren meine Reifeprüfung ablegen und zur Universität gehen. Doch das haben die Eltern nicht mehr erlebt. Die starben im Jahre vorher. Eins starb so geschwind dem andern nach, daß es gleich die Probe auf meine Widerstandskraft galt und auf die Berechtigung, trotz alledem das Studium aufzunehmen.«

»Und das Schwesterchen? Die kleine Linde?«

»Die Linde,« sagte Therese Baumgart mit einem warmen Ton, »die Linde zählt jetzt acht Jahre und ist im Schülerinnenstift zu Karlsruhe. Sie ist frisch und gesund und vertraut auf die große Schwester, daß sie fleißig studiere und ihr eine frohe Zukunft schaffe. Bis sie eingesegnet wird, muß ich als Frauenärztin meinen sicheren Wirkungskreis gefunden haben. Dann hol’ ich sie zu mir in der Zeit ihrer schönsten und stärksten Entwicklungsfähigkeit und kann ihr mit den selbsterworbenen Mitteln die Wege ebnen helfen.«

»Und wenn die Therese Baumgart inzwischen einen Mann gefunden hat?« fragte Frau Christiane.

»Glauben Sie denn, er wird’s mir verwehren, wenn ich selbst verdiene?« fragte sie ängstlich zurück.

»Du lieb, unschuldig Närrchen,« lachte Frau Christiane und huschelte den braunen Mädchenkopf an ihre Brust. »Also denken tust du doch daran, an die Lieb’ und die Ehe, trotz Doktorhut und Heilberuf? Brauchst dich nicht verlegen zu ducken, Kind. Aufrecht stehen und selber seinen Mann stellen im Leben, ist notwendig und zumal für uns Frauen, die nicht wissen, wie’s kommen kann auch nach dem glücklichsten Rausch, und wie sich der Herr Gemahl im Taglicht entwickelt. Schau her, meine Händ’. Sie haben das Arbeiten gelernt vor der Ehe, und es war gut so, denn sie sind nicht zarter geworden im Lauf der Ehejahre. Oder soll ich ein golden Krönchen legen um meines lieben Herrn Arnold Opterberg Stirn? Mir ist doch, als glichen deine Augen den meinen?«

Da löste sich der braune Mädchenkopf von der Frauenbrust und beugte sich in den Schoß Frau Christianes und schmiegte die Wange auf die kräftigen Hände.

Und ein anderes Mal bat Frau Christiane: »Erzähl mir, wie du meine Buben kennen gelernt hast. Sie waren wohl recht keck und großherrlich, weil sie die frischen Narben trugen?«

»Der Christoph trug noch keine, und der Martin seine erste.«

»Also war’s der Martin, der Sonne, Mond und Sterne begehrte. Ein Riß in der Haut, und sie dünken sich Helden und Abenteurer. Früher tat’s ein Loch in der Hose. Aber mich freut’s bei rechten Buben, und du kannst mir ruhig erzählen.«

Das Mädchen lächelte der Frau in die Augen.

»Er war gewiß nicht schlimm und keck. Nur so ganz mannbar hat er sich gefühlt durch seinen ersten Sieg auf der Mensur und darum auch so -- so siegesgewiß. Das stand ihm gut, und sein Benehmen zeigte gleich, daß er eine gute und geliebte Mutter hatte.«

»Schmeichlerin. Weshalb sagst du mir das?«

»Weil es nicht von mir stammt, sondern vom Christoph Attermann. Und der brauchte noch ganz andere Ausdrück’ und schmeichelte doch auch nicht.«

»Nicht bös sein, Kind. Ich hör’s ja gern und wär’ keine Frau, wenn ich’s leugnen wollt’. Aber versteh mich auch darin recht: eine Schmeichelei kann eine Anerkennung sein, die den anderen schmücken soll, oder nur ein schönes Wort, mit dem sich der Redner selber aufputzen möcht’. Dafür muß die rechte Frau ein Ohr haben. Nun, und von euch wollt’ ich’s hören und hab’ es gehört. Also du warst bei Christoph Attermann.«

»Bei Christoph Attermann?« verwunderte sich das Mädchen. »Ja doch, ich nannte ihn, als ich von des Martins frischer Fröhlichkeit sprach, mit der er im Kolleg gleich zu mir redete. Er saß neben mir, und sein Verbändlein war gerutscht.«

»Sieh an. Medizinische Kollegs besucht der Bub, der ins Ingenieurfach will? Doch das müßt ihr ja wohl besser verstehen, und seinen Wissensdurst soll der Mensch stillen.«

Überrot saß Therese Baumgart und wußte nicht, wohin mit dem Blick.

»Der Christoph Attermann besuchte doch auch die medizinischen Kollegs,« stammelte sie.

»Ei, nun ist es wieder der Christoph. Ich dächt’, der raufte sich inzwischen mit dem Säbel?«

»Gerauft hat er sich wahrhaftig nicht,« verteidigte ihn das Mädchen. »Er hat, und gewiß gegen meinen Willen, einem Studenten die Mütz’ abgeschlagen, als er mir unhöflich wurd’, und nach den studentischen Bestimmungen mußt’ er mit der Waffe einstehen. Aber der Martin hat ihm so herrlich sekundiert, daß er den anderen die Zech’ bezahlen ließ.«

»Mein Gott, nun ist es wieder der Martin,« sagte Frau Christiane kopfschüttelnd und erhob sich. Und als sich die Therese Baumgart mit ihr erhob, ganz kopflos geworden von den schnellen und blanken Einwürfen, nahm Frau Christiane sie mit einer mütterlichen Bewegung fest in den Arm. »Ich freu’ mich, daß sie dir alle beide gefallen. Hab’ ich sie doch beide aufgezogen wie Söhne und Brüder. Der eine ist treu und fest wie Gold, und der andere heiß wie eine Flamme, aber wie eine lautere Flamme, die auch einmal ein Herdfeuer gibt. Schenk du beiden deine Freundschaft, und wenn du einmal irre wirst an einem von beiden oder dich selber ein Zweifel plagt, so ruf mich, Theresel, oder komm selber angereist. Eine Mutter versteht alles; ich mein’ eine rechte Frau und Mutter und keine gluckende Henne. Gelt, und das Lindele, das bringst du mir auch einmal zum Anschaun.«

* * * * *

Und Herbst ward’s, und der Winter kam über Freiburg, und mannshoch lag der Schnee auf den Schwarzwaldbergen. In der Burschenschaft hatten sich die Fünf, die so sommerselig durch den Schwarzwald zum jungen Rhein gezogen waren und so freudetrunken über die Alpen ins Land Italien, die Tillmann, Grüters, Broich und die Opterbergsbuben, trotz aller Verschiedenheiten des Wesens enger aneinander angeschlossen, weil sie von denselben fröhlichen Erinnerungen zehrten. Nicht weniger aber für die Gegenwart, weil der gleiche kleine Mädchenkreis sie anzog: Therese Baumgart und ihre Kameradinnen. Manche Wege noch waren sie mit ihnen gemeinsam gewandert, wenn Vorlesungen und Anatomiesaal die eifrigen Schülerinnen freiließ, und als die Schneemeldungen vom Feldberg und seinen Brüdern kamen, da war der erste Samstag recht, um über den Sonntag hinaus in die Berge zu fahren, die Schneeschuhe auf dem Rücken und die lernbegierigen Mädchen zur Seite.

Beschuht mit derbem Rindsleder, in dickgestrickten Jacken und flauschigen Wadenstrümpfen, die Wollmütze über das Haar gezogen und den Schal um die Schultern, glichen sich die Mädchen zum Verwechseln, und es konnte nicht ausbleiben, daß ihnen ihre Begleiter öfter als sonst unter das Mützlein blicken mußten, um festzustellen, mit wem sie sprachen. Das war Martin Opterbergs liebstes Spiel, und er übte reihum manche kleine Zärtlichkeit, um sich mit einem jähen Erschrecken zu entschuldigen, er habe eine andere gemeint. Die rheinischen Mädchen aber, selber viel zu glücksfröhlich, ließen sich den Übermut des hübschen und immer sprühenden Burschen ohne viel Aufhebens gefallen, da er doch überdies der beste Freund ihrer lieben Freunde war, und die Freunde selbst, die Tillmann, Grüters und Broich, nahmen sein lustiges Wildern, das immer in den Grenzen des Knabentollens blieb, als eine schickliche Gelegenheit, besonders warm für ihre Schützlinge einzutreten und sichernd den Arm um ihre Schultern zu ziehen. Nur Therese Baumgart blickte die ersten Male verwundert auf, wenn ein kleiner Aufschrei dartat, daß Martin Opterbergs Hand wieder einmal versehentlich unter das Kinnlein einer ihrer Kameradinnen gegriffen hatte. Dann aber nahm auch sie es als unschuldige Schneebahnfreiheit und lustigen Winterspuk.

So wurde das schwerfällige Hinaufstapfen auf die Bergeshöhen zu einer gleich großen Köstlichkeit wie das selige Hinabgleiten in die schneeverwehten Weiten, das sausende, brausende Sturmfliegen die steileren Hänge hinab, das atemversetzende Hinüberschwingen von Halde zu Halde und das jubelnde Sichwiederfinden im fernen Talgrund. Oft hieß es eine Schleife fahren, um einer im Schnee versinkenden Gestalt wieder auf Füße und Schneeschuhe zu helfen. Dafür wurden hohe Belohnungen oder derbe Strafen zugesichert, je, ob es ein Mägdlein oder ein Bürschlein war. Und in den großen Schutzhütten, in denen es von sportliebendem Jungvolk wimmelte, gab es nach heißem Erbsenbrei zu Lautenklang und Zitterschlag Tanz und Gesang vor dem lodernden Kamin, bis die Mitternachtsstunde die Nimmermüden zur Strohrast rief.

Christoph Attermann war wie ein mächtiger Berghund. Er sicherte in kühnem Vorlauf die Bahn, hielt zurück, um die ungeübten Mädchen vorüberbrausen zu lassen, war als Erster zur Stelle, um hilfreiche Hand zu bieten, und ließ dennoch keine Sekunde das Auge von Therese Baumgart, an deren Schneeschuhen er die kleinste Unregelmäßigkeit erblickte, ordnete und heilte.

»Ihr Wintervergnügen ist durch mich nur halb,« klagte das Mädchen.

»Wenn das Ihre durch mich nur ein ganzes wird,« lachte der Wetterfeste.

»Sie sind ein Mensch, dem man sich blindlings anvertrauen kann,« sagte das Mädchen und reichte ihm die Hand.

»Tun Sie das nur zu jeder Stund’. Sie mag hell oder dunkel sein, Fräulein Therese.« --