Part 15
»Kein vernünftiger Mensch stimmt einem Kriege zu, der zu vermeiden ist. Ist er aber nicht zu vermeiden und geht es um unseres Volkes Sein oder Nichtsein, so muß er mit allem, was in deutschen Herzen, Hirnen und Fäusten steckt, geschlagen werden, und ein Verbrecher am Volkstum wäre, wer den Augenblick verzögerte und uns die Sturmflut über den Kopf kommen ließe. Denn sie werden nicht fein säuberlich umgehen mit dem Knaben Absalom.«
»Der Absalom war nicht der bravste Knabe, Martin, und arg üppig geworden.«
»Unter uns gesagt, Mutter: das trifft auch auf uns zu. Auf ganze Volksklassen, Christen und Juden. Es ist uns mehr als ein Menschenalter zu leicht geworden und zu gut ergangen, und so hat der Geist des Materialismus bei uns Einzug halten können, der dem reindeutschen Wesen innerlich fremd war. Wir Deutschen brauchen den Druck, um unsere Muskeln hart zu halten, die Gefahren, um sie immer wieder zu überwinden, die Arbeit, um den Genuß am Festefeiern nicht zu verlieren. Nicht das öde Geldmachen um jeden Preis und die blöde Schlemmerei, die bei allen Völkern und zu allen Zeiten zur Geilheit im Leben und in der Kunst führt. Geilheit ist Aufsaugung der gesunden Säfte, Mutter, das weißt du aus Garten und Feld am besten, und ich weiß es von den Menschenklassen, die die tonangebenden heißen, weil sie den _falschen_ Ton angeben. Die Vergeilung wuchert wie Schierling durch das Land, und wenn uns der Krieg von dieser Pest befreit und uns wieder zur Gesundung des Volkskörpers führt, so ist er selbst mit Blut nicht zu teuer bezahlt.«
Frau Christiane grübelte den Worten nach.
»Ein glücklicher Krieg, Martin. Ein unglücklicher würde das Unkraut über die Halme wuchern lassen.«
»Mutter,« sagte Martin Opterberg, »da sei Gott und die deutsche Urkraft vor, daß es ein unglücklicher wird. Träfe es aber zu, was du für diesen Fall aussprichst, so wäre es ein Beweis, daß wir trotz aller unserer Errungenschaften die vornehmste noch nicht gefunden hätten, die allein die Achtung der Welt herausfordert. Ich meine die Würde eines großen Volkes, die sich gerade in Leid und Unglück als wurzelecht erweisen muß. Das Familienbewußtsein des ganzen deutschen Volkes mein’ ich, Mutter.« -- --
Die Schwalben waren fort vom Niederrhein, und auch Frau Christiane rüstete zum Heimflug. Denn ein paarmal schon hatte Martin Opterberg die Mutter gefragt, ob denn die Kraft des Lindele allein der Fülle der Herbstarbeit gewachsen wäre und ob sie nicht Schaden leiden würde. Da wußte Frau Christiane die Gedanken des Sohnes im rechten Gleis, und sie hütete sich, eine zweite Dummheit zu begehen.
In der ersten Oktoberwoche reiste sie heim. Attermanns waren eingetroffen.
Das erste war, als sie ihr Nest eingerichtet hatten, daß der Frau Doktor ärztliches Schild an der Türe angeschlagen wurde.
Darauf hatte Martin Opterberg gewartet. Er läutete die Arztglocke und trat ins Sprechzimmer.
»Du bist’s?« fragte Frau Therese und trat ihm mit ausgestreckten Händen entgegen. »Ich hoff’, du bist gesund?«
»Therese,« sagte Martin Opterberg, »ich hab’ dir die Gebühr für die erste ärztliche Behandlung in Freiburg noch nicht entrichtet und bin dir schmählich mit dem Wickelverband durchgegangen. Meine Werksleute wollen aber eine solche Unanständigkeit nicht leiden und haben gefordert, dich als Werksärztin zu sehen, für sich und ihre Familien. Ich entgeh’ dir also nicht, weder mit der Gebühr, noch mit Herz und Gliedern.«
Therese Attermann hob das Haupt. Das Sonnenkrönlein funkelte in ihrem Haar, wie es in dem Braunhaar der Therese Baumgart gefunkelt hatte.
»Gut,« sagte sie. »Ich fühle dir von Zeit zu Zeit den Puls. Du stehst nun unter meiner Botmäßigkeit.«
Und dann fiel sie ihm in mädchenhafter Freude um den Hals.
11
Das Werk war vollbeschäftigt. Um die Kräfte zu keiner Stunde feiern zu lassen, war auf Christoph Attermanns Betreiben eine Werft für Umbauten und Ausbesserungen angegliedert worden, die von den rheinischen Reedern stark in Anspruch genommen wurde. Da gab es Arbeit in Fülle, und die Meister und Gesellen bis zum letzten Lehrjungen fragten längst nicht mehr nach der Länge des Arbeitstages, sondern spornten sich fröhlich an, denn jeder Schlag des Hammers und jeder Feilenstrich erhöhte ihren Anteil am Gewinn und brachte ihnen die Arbeit ihrer Hände näher.
Um die Osterzeit versammelten Martin Opterberg und Christoph Attermann die Vertrauensmänner des Werkes in ihrem gesonderten Arbeitsraum. Die Männer saßen um den großen Zeichentisch und blickten mit erwartungsvollen Augen auf Martin Opterberg, der sich erhoben hatte.
»Liebe Mitarbeiter,« sagte er und entfaltete vor sich eine Anzahl von Papierbogen, »die Stunde, in der uns der Lohn für unser gemeinsames Schaffen winkt und die ich euch zugesagt hatte als Dank für eure treue Mithilfe und darüber hinaus als Staffel zu einer, will’s Gott, bald immer mehr sich steigernden Lebenshaltung, ist zum erstenmal gekommen. Der Jahresabschluß liegt fertig vor. Hier ist er. Wir haben unter uns lediglich mit dem Reingewinn zu tun, den ich in zwei Hälften teile. Die eine Hälfte weise ich meinen Mitarbeitern zu als besondere Gewinnzulage zu ihren Arbeitslöhnen. Unsere Werft ist noch zu jung, und wir stehen erst am Anfang. Aber wenn wir so fleißig weiterschaffen und vor allem so vertrauensvoll Hand in Hand marschieren, daß jeder im anderen seinen Freund und Helfer sieht, werden wir nicht nur das Werk auf die gewollte Höhe bringen, sondern auch jede einzelne Familie. Ich bitte Sie, den Jahresabschluß einzusehen.«
Der Wortführer der Vertrauensmänner nahm die Papiere entgegen.
»Weil Sie’s der Ordnung wegen wünschen, Herr Doktor Opterberg,« sagte er. »Nötig wär’s nicht gewesen. Erstens, weil’s Ihr freier Wille ist, und zweitens, weil wir Ihnen ohne was Schriftliches aufs Wort glauben. Wenn Sie gestatten, Herr Doktor Opterberg: das ist ja gerad der springende Punkt: daß Sie an unsere Arbeitsfreudigkeit glauben und uns als freie Männer am Werk schaffen lassen, und daß wir an Ihr soziales Empfinden und Ihr Gerechtigkeitsgefühl glauben, das nur freie Männer sehen will. Das ist uns eine mächtige Freude, Herr Doktor Opterberg, und Sie können’s am Singen und Witzereißen hören, wenn Sie über den Werftplatz gehen. Das finden Sie nicht so leicht wieder. Und ob der Abschluß nun mal hart und nun mal weich, mal fett und mal mager ausfällt: Herr Doktor Opterberg, es ist Verlaß aufeinander, und darauf könnten Sie das Abendmahl auf katholisch und auf evangelisch nehmen, lassen Ihnen die Werksangestellten sagen. Unseren besten Dank, Herr Doktor Opterberg.« --
Im Juni kehrte Martin Opterberg von einer längeren Auslandsreise zurück. Er kam am Abend und begab sich sofort in das Attermannsche Haus. Christoph Attermann befand sich auf der Werft, und Therese war an ein Krankenbett gerufen worden. So setzte er sich zu den Kindern, ließ sein Patenkind Linde auf den Knien reiten und den kleinen Christian mit seinem Besuchshut Kreisel spielen, bis die junge Doktorin als erste heimkehrte. Sie stand in der Tür und schaute ihm zu.
»Grüß Gott, Martin!«
»Ah, sieh da! Grüß Gott, Therese! Fröhlich schaust du drein, und die Kinder sind vergnügt wie die Heuschrecken. Willst du mir nicht eins ablassen von deinem Reichtum?«
»Eins ist zu wenig, und zwei kann ich nicht missen. Wär’ ich du, Martin, so schafft’ ich mir selber den Segen herein.«
»Ja,« meinte er, hob das aufjauchzende Kind hoch zur Zimmerdecke und setzte das strampelnde in seinem Rollstühlchen nieder, »wenn der Storch die kleinen Kinder noch aus dem Wiesenteich fischte und durch den Schornstein fallen ließ’. So billig tut er’s nicht mehr.«
»Ich mein’, der Martin _Opterberg_ wird’s nicht so billig tun.«
Martin Opterberg sah die Jugendfreundin an. »Fühlst du mir den Puls, Theresel?«
»Ja, Martin. Weil mir gar so viel an dir gelegen ist.«
»Nur an mir? Das lohnte nicht.«
»Es lohnte mir sogar ein zweites Menschenkind, an dem mir gelegen wäre.«
Christoph Attermann kam heim. Mit lauter Freude begrüßte er den Bruder und Freund. Dann schaute er ihm prüfend in die Augen.
»Du warst nicht mehr auf die Werft hinaus? Aber das Abendessen wird dir nicht geschenkt. Nachher mögen wir uns bis in die Nacht besprechen.«
»Du kannst teilnehmen, Therese,« sagte Martin Opterberg, als sie sich vom Abendtisch erhoben und ins Arbeitszimmer hinübergingen. »Die Frau soll immerdar klar sehen wie der Mann. Und ein Spielzeug hast du nie sein mögen.«
»Nein, Martin. Ich halt’s mit dem Verantwortungsgefühl.«
»Erzähl,« bat Christoph Attermann, als sie in den rohrgeflochtenen Sesseln niedersaßen. »Es ist wie eine plötzliche Windstille im geschäftlichen Leben, und ich schätz’, du hast das Wetterglas draußen nicht aus dem Aug’ gelassen.«
»Du hast recht empfunden, Christoph. Vor der Tür steht der Krieg.«
Sie schwiegen alle drei, blickten mit zusammengezogenen Brauen in den Schoß und hoben die Köpfe.
»Du wirst es nicht bei dem einen Wort belassen wollen, Martin.«
Martin Opterberg ließ den Blick zum Fenster hinauswandern.
»Ihr möchtet hören: ein glücklicher Krieg oder ein unglücklicher Krieg.« … Sein Blick kehrte zurück, sammelte sich und wurde hart. »Und ich mein’, wir sollten diese Frage gar nicht erst stellen, wir sollten aufstehen, das ganze Land wie eine einzige Eidgenossenschaft, keine andere Partei im Kopf als ›Deutschland‹ und keine andere Religion im Herzen als wiederum ›Deutschland‹. Denn es wird nicht um Zepter und Kronen, nicht um Gewinn und Verlust gehen, es wird ganz einfach um dieses Deutschland gehen, das erwürgt werden soll, um die hungrigen Wölfe zu füttern. Darüber muß sich der letzte Mann, die letzte Frau im Lande klar sein.«
Therese Attermann sah ihn an.
»Sag mir, warum gerade Deutschland …?«
»Ich könnte dir antworten, Therese: es ist sein Geschick von altersher. Weil es die schlechtesten Grenzen in Europa hat. Weil es um Lebens- oder Sterbenswillen immer gezwungen war, das Schwert locker zu halten. Weil es seit der Völkerwanderung von den Fremdstämmen überflutet wurde und ihm jeder Krieg, den es bis auf den heutigen Tag um Zurückgewinnung von Licht, Luft und Raum führen mußte, als ein unerhörter Frevel ausgelegt wurde. Ach, Therese, es wären noch viele ›weil‹ anzubringen, und Deutschland als Kriegsschauplatz aller Völker und aller Jahrhunderte bestätigt, was ich sage. Aber sein Geschick hat zuletzt ein jeder in der Hand, um es zu wandeln.«
»Und wir haben es gewandelt, als wir das neue deutsche Reich schufen,« sagte Christoph Attermann.
»Ja, da haben wir es äußerlich gewandelt. Nicht innerlich. Alle unsere aufgestauten Kräfte haben wir losgelassen, als wir endlich eine Macht geworden waren, und wie eine frische Sturzflut ging es über die dürrgewordene Welt. Es war weiß Gott ein herzerfreuender Anblick, als das Teutonentum auf dem Platz erschien und auf allen Märkten der Erde Bewegung in die Massen brachte. Der Erfolg war unser, wär’ unser gewesen, hätten wir ihn nur ein klein wenig anders auszumünzen verstanden als nur in Geld, Geld und wieder Geld. Es kann etwas Wunderbares sein um das Geldverdienen, wenn man das gewonnene immer wieder ausstreut wie Regen auf die durstende Flur, wie Sonne auf den hungernden Acker. Werben muß es um Glück und Schönheit und Freude, um die Fortentwicklung des ganzen Volkes diesseits und jenseits der Meere und um die Hochachtung und den Dank der fremden Völker. Wir aber haben mehr oder minder das Geld nur hereingeholt, um es nach Urgroßmutterweise in den Strumpf zu stecken und den Strumpf fest zuzubinden und uns großspurig darauf zu setzen: ›Seht, was für ein Kerl bin ich!‹ Das Deutschtum schreien wir in alle Welt hinaus, aber _für_ das Deutschtum in aller Welt haben wir keinen Groschen, und unsere Reichsboten rufen Zetermordio, wenn ein klarblickender Vernunftmensch Summen dafür einzustellen wünscht wie für Kohlenstationen und Kolonien, und erschweren den Auslanddeutschen sogar die Reichszugehörigkeit, statt sie stolz und stark zu machen. Seht, dieses unser Emporkömmlingstum, das wir so wenig veredlen, macht uns verhaßt bei Freund und Feind. Unser deutsches Wesen ist krank daran geworden. Es ist unser schlimmster Feind in der Welt und daheim.«
Die Drei saßen eine Weile schweigend. Sie schauten der Wahrheit ernst ins Gesicht.
»Und nun glaubst du, die Wetter ziehen sich zusammen und der Krieg steht vor der Tür?« fragte Christoph Attermann.
»Die Zeichen sind untrüglich,« entgegnete Martin Opterberg. »Das Ausland gibt keine Aufträge mehr herein, noch nimmt es Bestellungen entgegen. Dafür besteht es auf beschleunigter Zahlung der noch offenen Posten. Es handelt offensichtlich nach Weisungen von oben. Nur für den deutschen Geschäftsmann gibt es keine Weisungen. Nur Wiegenlieder.«
»Was schlägst du für die Werft vor, Martin? Verkleinern?«
»Vergrößern!« rief Martin Opterberg und sprang vom Stuhl auf. »Vergrößern, so lang es noch Zeit ist. Das letzte Geld hineinstecken, um sie auszudehnen, soweit wir kaufen können. Theresel, schau mich nicht so entsetzt an, als hieltst du mich leibhaftig für einen Börsenspieler. Ein guter Haushalter denkt über den Tag hinaus, wenn von seinem Tun und Lassen das Schicksal von Hunderten von Angestellten, von Hunderten von Familien abhängig ist. Ich will Vorsorge treffen, daß sie, mag’s gerad oder schräg gehen, eine Scholle zum Hausen vorfinden und eine Arbeitsstätte, auf der sie schaffen können. Im Straßendreck gibt’s keine Wiedergeburt.«
»Martin,« warf Christoph Attermann ein, »die vergrößerte Werft wird vergrößerte Betriebskosten fordern. Woher die Summen nehmen, wenn wir alles ins Gelände stecken?«
»Woher? Nun, so gib acht. Während eines Krieges wird die Werft ruhen, so gut wie ruhen. Unsere Leute werden ins Feld müssen, wie wir ins Feld müssen. Bis auf die alten. Die Verbleibenden führen Umbauten und Ausbesserungsarbeiten an fremden Schiffen aus. Der Frachtdampfer aber, den wir auf eigene Rechnung bauen, bleibt liegen, bleibt als unser Grundstock liegen. Ob wir ihn nach Kriegsende verkaufen oder selber damit auf Fahrt gehen -- er wird uns bessere Betriebskosten hereinbringen als die Papierscheine, die nach jedem Krieg eine Entwertung finden. Wir aber erhalten Hunderten von Menschen den Zukunftglauben und die Lebensfreude.«
Therese Attermann trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand.
»Weshalb hast du mich vorhin verkannt, Martin, wo du doch weißt, daß wir eins sind?«
»Weil ich gerad dies Wort von dir hören wollt’, Therese. Ich hab’ zuweilen eine kleine Sehnsucht nach so einem lieben Frauenwort.«
Christoph Attermann aber saß bereits über dem Geländeplan, maß und rechnete. Wie Zahnräder packten seine und Martin Opterbergs Gedanken ineinander und wurden Ausführung. Das war seit der Bubenzeit, das war Frau Christianes Blut und Erziehung und nie anders geworden.
Am nächsten Morgen zogen sie die Vertrauensmänner und alten Meister heran. Es war die größte Stunde der jungen Werft, in der die Richtlinien festgelegt wurden für Krieg und Frieden, die Anteile der Führer und Mannen, die Arbeitsbedingungen für die Daheimbleibenden und die Lebensbedingungen für die Familien derer, die zu den Fahnen gerufen wurden.
Die Männer standen schweratmend und weiß vor Erregung.
»Herr Doktor Opterberg -- und Sie, Herr Attermann -- Sie können einem das Sterben leicht machen für das Vaterland -- aber das Leben noch leichter. Sie schmeißen nicht mit Redensarten um sich vom Volk der Brüder -- Sie _machen_ uns zu Brüdern -- und nun spüren wir erst recht das Vaterlandsband -- Herrgottnochmal!«
»Der Vertrag ist getätigt,« sagte Martin Opterberg. »Aber ihr sollt erst darüber sprechen, wenn wir ins Feld müssen, damit uns keine geschäftlichen Schwierigkeiten erwachsen.«
Da traten sie einzeln vor und reichten ihm und Christoph Attermann die Hand. Dann gingen sie mit langen, wiegenden Schritten an ihre Arbeit.
In selber Woche noch wurden die Gelände der Werft um das Doppelte vergrößert. Man schüttelte den Kopf über den Narren Opterberg, der sich in so schwierigen Zeitläufen zu Ankäufen entschloß, statt das Seine beisammen zu halten, und gab das Brachland billig.
Am Sonntag traf unangemeldet Frau Christiane ein. Sie brachte Linde Baumgart mit, und die Frauen standen in ihren Reisekleidern am Frühstückstisch, als Martin Opterberg das Zimmer betrat.
»Mutter --!« sagte er nur. Aber er sagte es knabenfroh.
Frau Christiane nahm hastig seinen Kopf und drückte ihn an ihre Brust.
»Bub -- mein Bub. Es geht auf den Abschied. Ich hab’s all’ die Tag’ gespürt. Da mußt’ ich her, und das Lindele mit. Und nun nimm auch sie in den Arm. Wir Frauen können’s alle beid’ vertragen.«
»Mutter --,« wiederholte Martin Opterberg nur. Und dann nahm er das Mädchen in den Arm und wußte nicht: war es sein Blut, das in ihm aufsprang und in seinem Ohre sang, oder war es das ihre?
»Wann wird es sein, Bub?«
»Ich denk’, schon in Tagen.«
»Dann muß ich morgen wieder heim auf den Hof. Ein jedes an seinen Platz. Und die Linde kann den Verbindungsoffizier machen.«
»Ich werd’ die Attermanns herüberrufen, Mutter.«
Christoph und Therese Attermann kamen eilig auf den Fernsprechanruf herbei. Die Schwestern traten sich mit zuckenden Lippen entgegen. Ihre Augen waren feucht. »Du -- Du!« stießen sie hervor und hielten sich in den Armen.
»Ihr beide sollt ja gar nicht Abschied nehmen,« sagte Frau Christiane, und ein Lächeln glitt um ihren Mund. »Die Buben gilt’s, ihr Mädchen.«
Keine Minute dieses Tages waren die fünf Menschen voneinander getrennt. Bis in die Nacht hinein saßen sie beieinander und besprachen die Pflichten, die einem jeden erwuchsen. Auf Therese Attermann fiel das schwerere Teil. Wenn die benachbarten Ärzte einberufen wurden, mußte sich ihre ärztliche Tätigkeit verdoppeln und verdreifachen. Dazu würde sie dem Namen nach als Geschäftsführerin der Werft bestellt werden. Dort und im Hause sollte die Schwester helfend eingreifen.
»Auf dem Opterberghof ist es nicht anders als hier und im ganzen Land,« setzte Frau Christiane hinzu. »Das Aufgebot geht an die Frauen wie an die Männer. Ich werd’ die Arbeit schaffen, wie ihr sie schaffen werdet, ihr Mädchen. Wenn unsere Buben heimkehren, wollen wir uns nicht schämen müssen, als wären wir Frauensleut’ nur zum Vergnügen auf der Welt.«
* * * * *
Wo war dieser stille, dieser liebesstarke, dieser ruheausgießende Abend? Hundertmal griff Martin Opterberg, griff Christoph Attermann nach der flatternden Erinnerung, um ein Fetzchen davon auf die fieberhaft pochende Stirn, auf das schwerarbeitende Herz zu legen. Ein Befehl -- eine Meldung -- fort war sie -- nur die Gegenwart bestand -- nur die Aufgabe dicht vor den Augen, dicht vor den Fäusten -- vorwärts -- vorwärts! Gab es überhaupt noch eine Zeitrechnung? Hatte es jemals eine Zeit gegeben, die vor dieser lag, die sich auffraß wie Vater Kronos seine Kinder? Würde es jemals eine andere geben als diese atemlos schlingende, der Tage, Wochen und Monate wie Körner im Wirbelsturm waren? Durch einen Fluß Frankreichs arbeitete sich Martin Opterberg mit seiner Pionierkompanie. Hinein in das Feuer, hinauf auf die Ufer. Stützpunkte, Stützpunkte für den Brückenschlag, auf den Zehntausende harrten! Durch die Drahtverhaue eines belgischen Forts glitt Christoph Attermann mit den scherenbewaffneten Seinen. Hinein in die Stacheln, hindurch durch das Blut. Bahn frei, Bahn frei für die stürmenden Brüder! Spracht ihr nicht von Frankreich? Spracht ihr nicht von Belgien? Wo habt ihr euren Verstand gelassen, ihr Vorwärtstaumelnden? Das sind russische Sümpfe, in denen ihr bis an die Achseln steckt, um in den schwappenden, schnappenden Brei kettenrasselnde Pfosten einzurammen für schwimmende Maschinengewehrnester. Rußland? Mensch, du karrst wohl deine Briefsachen mit der vorsintflutlichen Thurn- und Taxischen Postkutsche herum? Die Kompanie Opterberg zeigt den Österreichern in den Karpathen, wie man durch ein paar vorgetragene Sprengminen Massenhimmelfahrten veranstalten kann, und die Kompanie Attermann besorgt’s den Serben oder jagt zur Stund’ mit Türken und Bulgaren im Lande Mazedonien herum. Vorwärts -- vorwärts! Vielleicht triffst du einen alten Juden, der den Opterberg und den Attermann schon in Palästina ankommen sah!
Wenn die Pflegebrüder, oft durch Meilen voneinander getrennt, naß, schmutzstarrend und verwildert irgendwo bei blutiger Arbeit waren, irgendwo im dumpfen Unterstand lagen, war ihnen nicht, als _erlebten_ sie ein Märchen, war ihnen nur, als klängen die Töne des _Vor_lebens wie unfaßbare, unbegreifliche Kindermärchen an ihr Ohr. Hatte es in Wirklichkeit eine Frau Christiane, eine Therese Attermann und die andere gegeben, die ihr so ähnlich sah wie aus lachender Mädchenzeit? Wann war das gewesen? Wo konnte das gewesen sein? Ha -- jetzt. Dort sind sie. Hier, dicht am Herzen, an den Lippen. -- Was ist? Was willst du, Mann? Der Feind? Der -- Feind --? Auf, Pioniere! Pioniere, auf! In den Graben! Über die Brustwehr! Laßt die Minen flattern! Schmeißt ihnen die Handgranaten an die Schädel! Haut sie mit dem Schanzzeug heraus! Drauf, Jungens, drauf und dem Hauptmann nach! Ah, du Hund -- du oder ich …
Erst hatte Martin Opterberg, hatte Christoph Attermann, hatten die Tausende, die Millionen von Männern geglaubt, nur während des Vormarsches, der Schlachten, der Verfolgungen jagte die Zeit. Im Grabenkrieg war es nicht anders. Nicht doch. Sie jagte nicht. Aber sie kaute und malmte die Stunden unterschiedslos eine hinter der anderen, schluckte sie, nahm ein Maul voll neuer, kaute, malmte, schluckte, unterschiedslos … Da ließ man das Nachrechnen, und es war eine Woche, ein Monat, ein Jahr, und hätte gestern und vorgestern sein können, morgen oder übermorgen.
Auf einem Grabengang zuckte es Martin Opterberg durch den Sinn, und er nahm den Gedanken mit, während er die Stellung besichtigte. Wirklich --? Waren das schon zwei Jahre seit dem letzten friedlichen Tag daheim? Seit jenem stillen, liebesstarken, ruheausgießenden Abend? Da standen die Jünglinge und Männer, zerlumpt, verschmutzt, mit den Heldenaugen im hagergewordenen Gesicht, und taten ihre Pflicht, taten sie in diesen verfluchten Maulwurfsgängen und Erdlöchern hundertmal mehr noch als im frischen Drauflossturm tollkühnen Vormarsches, obschon die Begeisterung zu allen Teufeln gegangen war in dieser Menschenunwürdigkeit. Aber das eiserne Bewußtsein hielt sie aufrecht: du oder ich! Bei wenigen war es mehr noch als der dumpfe, tierische Grimm: Hund, du hast mir das Leben versaut. Erst kommst _du_!
Martin Opterberg tastete sich an seinem Gedanken Schritt für Schritt zurück. Zwei Jahre weit. Da zogen diese Jünglinge und Männer, stark und vollwangig, in strahlendem Waffenkleid über den Rhein, den sie in brausendem Gesang zu schirmen schwuren, und sie stürmten mit begeistertem Gesang in die unbekannte Schlacht, in das unbekannte Grauen, in all das Unbekannte auf Schritt und Tritt. Und als es ihnen mälig bekannt geworden war, da taten es plötzlich die wilden Lieder nicht mehr allein, da griffen die Menschen über sich und tasteten und suchten nach dem Göttlichen, dem sie sich blindlings anvertrauen konnten in Leibes- und Seelennot. Und ein Protestant kramte aus seinem Tornister ein Neues Testament hervor und begann darin zu blättern, und gleich waren es Hunderte, waren es Tausende von Büchern Reih’ auf, Reih’ ab in aller Händen, und des stillen Lesens war kein Ende. Und ein Katholik zog seinen Rosenkranz aus dem Brustlatz und hing ihn griffbereit an sein Gewehrschloß, und gleich war es ein ganzer Rosengarten Reih’ auf, Reih’ ab, und der stummen Zwiesprach’ war kein Ende. Martin Opterberg sah das Bild, er sah es auf dem Marsch bei Tag und am Lagerfeuer in der Nacht, und er sah die gewaltige Glaubenswoge noch durch die unterirdischen Gräben der ersten Stellungskämpfe ziehen, sah das Testament auf der Brustwehr und den Rosenkranz am Bajonett. »Gott, Gott!« hatte es durch die Gräben gerauscht und »Jesus, Maria!« Und die Granaten kamen angeheult und schlugen einen Trupp frisch angekommener Knaben zu Knochensplittern, ein Minenwerfer krachte nieder und stopfte zerfetzten Familienvätern hastend die Erde ihres eigenen Grabes in den Hals, eine giftverseuchte Gaswolke wälzte sich heran und erstickte wahllos Jung und Alt. Und kein Heldentum half und kein Gebet. Gott ließ das feige Würgen zu, und kein Heiland hob sichtbarlich die Hände und keine Schmerzensmutter. Aber die wundersüchtigen Menschen hoben die Hände und zerwühlten ihr Haar und zerkratzten ihr Angesicht, bis der Firnis des Christentums heruntersprang und das alte Heidentum zum Vorschein kam, das Heidentum, das seine Götzen schmähte und prügelte, wenn sie keine Wunder taten. Martin Opterberg hatte sich an seinen Gedanken zurückgetastet bis zu dem Tag, an dem die Rosenkränze und Neuen Testamente wie ein Kehrichthaufen in den Gräben lagen und ein Raunen lief und blieb und schwoll: Es gibt keinen Herrgott. Verdammtes Ammenmärchen.
Und wenn es keinen Herrgott gab -- wer hatte die Gewalt? Wer hatte sie auf Erden?
Ein Einzelner? Eine Handvoll Gekrönter oder Besternter?
Wer vollzog sie im Feld? Die Führer? Die Masse vollzog sie, die Masse, und sie würde sie einst weiter vollziehen, vom Gespensterglauben erlöst, auf eigene Faust, einst, einst …
Damals hatte es begonnen, in den Tagen des grausigen Sterbens, das in seiner platten Gemeinheit den Gläubigen traf wie den Ungläubigen, den Helden wie den Feigling, als schlüge eine riesengroße Fliegenklatsche alles zu Brei. Damals hatte es begonnen, und als es begonnen hatte, war es schon überall, in der Kreidechampagne und in den Pripetsümpfen, in den Karpathenschluchten und über den Balkan hin.
Noch schwebte und knisterte es. Noch war das Deutschbewußtsein: Du oder ich! das Mannesbewußtsein und Pflichtenbewußtsein das stärkere.
Trotz aller Sendboten, die heimlich durch die Reihen schlichen …