Chapter 6 of 23 · 3998 words · ~20 min read

Part 6

»Mutter,« hob Christoph Attermann von neuem an, »der Martin und ich, wir sind Brüder. Aber der Martin ist ein Opterberg-Erbe, und ich bin ein Attermann-Erbe, und danach muß ich jetzt den Weg, der in die Selbständigkeit führen soll, richten. Es wär’ sonst ein falscher Ton in unserem brüderlichen Verhältnis, und ich gäb’ mir einen Anstrich auf seine Kosten. Ach, Mutter, lach nicht. Du hast mir bei der Einsegnung vor Jahren vorgezeigt, daß der Erlös aus meinem Väterlichen und Mütterlichen die Summe von sechstausend Mark getragen habe. Wie ich mir mein Studium einzurichten gedenk’, wird’s auskömmlich reichen. Aber die Freud’, mit dem Martin gemeinsam das Studentenleben zu betreiben, werde ich aufstecken müssen. Darum bleiben wir uns doch die gleichen und gehen als Männer wieder Hand in Hand.«

Frau Christiane schaute angestrengt in die aufsteigende Sonne.

»Nun sprich auch jetzt, daß ich Recht hab’, Mutter, und nimm mir den Druck.«

»Christoph,« sagte Frau Christiane und blickte immer noch in die junge Sonne, »ich muß dir ein Geständnis machen. Mit den sechstausend Mark stimmt’s nimmer.«

Über die breite Stirn Christoph Attermanns zog eine brennende Scham. »Verzeih, Mutter,« stammelte er, »ich hab’s in meiner Gedankenlosigkeit nicht berechnet. Das Schulgeld und die Erziehungskosten --«

»Du Narr,« sagte Frau Christiane, ohne den Blick aus der Höhe zu wenden, »sollen wir etwa gegeneinander aufrechnen? Was der Opterberghof an dir gehabt hat und du am Opterberghof? Nein, es ist eine viel größere Leichtfertigkeit, als du es ahnst, und ich muß mit der Sprache heraus. Also ich hab’ -- ich hab’ mit deinen sechstausend Mark -- kurz, ich hab’ damit, wie man an der Börse sagt, spekuliert.«

»Spekuliert?« Christoph Attermann lachte, wie von einem Alb befreit. »Und hin ist’s?«

»Hin? Du bist wohl von Sinnen, Bub? Man spekuliert doch nicht, damit’s hin geht? Verdoppelt hab’ ich’s, und die Zinsen stehen auch noch dazu.«

»Mutter,« fragte Christoph Attermann ungläubig, »wann hast du denn das getan? Sieh mich doch an, Mutter.«

Da schaute ihm Frau Christiane gelassen in die zweifelnden Jünglingsaugen.

»Hör zu, Christoph. Die anderen wissen nicht davon, und aus guten Gründen. Vor einer spekulierenden Mutter wäre die schuldige Achtung ins Wanken geraten. Es ist aber geschehen, und es war, als der Landhunger der Fabriken einsetzte. Da hab’ ich heimlich für dein Erbteil gekauft und ums Doppelte wieder verkauft. Es ist geglückt.«

»Und wenn’s nicht geglückt wär’?«

»Ja, mein armes Christophel, dann wärst du ein Bettelbub geworden.«

»Das glaub’ ich dir nicht, Mutter. Zum erstenmal im Leben glaub’ ich dir was nicht.«

»Das magst du dummer Bub halten, wie du willst. Die Haupsach’ ist und bleibt: das Geld ist da und ist dein. Und du wärst mir ein netter Geizhals, wenn du jetzt noch den Martin allein nach Freiburg ziehen lassen wolltest.«

Der Junge hob die Arme. Dann warf er sich wortlos an Frau Christianes Brust. --

»So, und nun geh hin und erzähl dem Martin, auf welche Glücksweis’ du dein Vermögen verdoppelt hast und daß du mit ihm Schritt halten kannst.«

»Mutter,« stammelte Christoph Attermann, »was sag’ ich nur zu all deiner Liebe …?«

Zu ihren Füßen brauste und schäumte der junge Rhein, kristallen und blau, wie er aus den Bergen kam, in denen seine Quellen lagen.

»Wenn sie dich zu viel dünkt,« sagte Frau Christiane, »so gib dafür von deiner an Martin,« fuhr ihm durchs Haar und ging ins Haus. --

Noch einmal gab es in der Osterwoche Becherklang im Giebelturmzimmer. Professor Barthelmeß war gekommen inmitten seines Familienlebens. Seinem ältesten Sohn Bernhard war, in Anbetracht, daß man ihn zur Rekrutenmusterung vorgeladen hatte, von der Schule nach hartem Kampf das Einjährigenzeugnis bewilligt worden, und die Brüder Fridolin und Hartwig hatten es gleichzeitig erhalten, weil sie die Erklärung abgaben, sich nicht einem wissenschaftlichen, sondern einem künstlerischen Berufe widmen zu wollen.

»Was ihnen der Vater geben kann, vermag ihnen nicht Schule und nicht Hochschule zu geben,« erklärte Professor Barthelmeß feierlich. »Ich werde meine drei Söhne der christlichen Kunst zuführen. Sie erhebt über den Alltag und nährt ihre Jünger.«

Als Martin Opterberg vom Vater ausgeschickt war, neuen Wein in die Giebelstube zu holen, und mit den Flaschen im Arm die Giebeltreppe hinaufgestiegen kam, huschte ihm die zwölfjährige Sabine Barthelmeß entgegen.

»Gib mir schnell einen Kuß, Martin. Daß du an mich denkst.«

»Bist du toll, Mädel?«

Sie stand eine Treppenstufe höher als er, beugte sich schmiegsam vor und küßte ihn auf den Mund, bevor er, die Flaschen im Arm, abwehren konnte, huschte vor ihm die Treppe hinauf ins Zimmer zu den anderen und saß bei seinem Eintritt mit unschuldig gesenkten Augen.

Vierzehn Tage darauf trafen Martin Opterberg und Christoph Attermann in der alten Musenstadt Freiburg ein, um schon am nächsten Morgen als Füchse der Burschenschaft zu erwachen.

5

»Bindet die Klingen! -- Los! -- -- Halt!«

Immer wieder dieselbe helle Befehlsstimme. Immer wieder dasselbe leise Sirren der Stahlklingen und ihr hartes Aufdröhnen auf dem schweißfeuchten Filzdeckel.

»Was, ihr Füchse? Das treibt den Kneipendunst besser aus den Schädeln als die schönste Knetkur beim Herrn Hofbarbier. Auf die Mensur -- los! Terz! Quart! Mit der Klinge fangen, nicht mit dem Kopf! Der Hieb ist die beste Deckung! Allemal! -- Halt!«

Prustend schälte sich Martin Opterberg aus dem wulstigen Fechtzeug. »Den Donner auch,« raunte er Christoph Attermann zu, der in der Ecke des Fechtsaals neben ihm stand und sich aus der Halsbinde löste, »da sing’ noch einer: ›Frei ist der Bursch!‹ Mit den Eulen ins Bett und mit den Hühnern heraus. Ich hab’ keine drei Stunden Nachtruhe gehabt.«

»Ging’s mir anders, Martin? Aber der Fechtwart hat Recht: der Dunst von der gestrigen Kneipe ist ’raus aus dem Schädel. Saufen kann jeder, aber Freiheit heißt doch wohl: frei werden durch Pflichtenerfüllung.«

»Rechnest du den Frühschoppen nachher und den Mittagsbummel und die Nachmittagsspritzfahrt und die Abendkneipe ebenso zu den Pflichtenerfüllungen wie in der Frühe den Fechtboden?«

Christoph Attermann lachte gutmütig.

»Martin, wenn ich’s noch wär’, der so sprechen wollt’. Dir wächst ja alles von selber zu. Den Schläger handhabst du schon wie ein alter Fechter, daß sie dich sicher schon vor Ende des Semesters auf die Fuchsenmensur herausstellen werden, und beim Bechern und Singen wirst du nicht müd’, bis der letzte nach Hause strebt. Ich muß mir das alles mühsam erlernen und schimpf’ doch nicht.«

»Hei, weshalb schimpfst du nicht?«

»Weil ich mir denk’, die Verbindungserziehung ist vonnöten, damit man zu jeder Stund’ sich zusammenreißen lernt und nie außer Rand und Band kommt. Wer einmal befehlen will, muß sich selber gehorchen können. Und das weiß keiner besser als der Martin Opterberg, und wenn er erst gewaschen und gestriegelt ist und die Mütz’ auf dem Kopf hat und das Band um und zieht durch die Straßen Freiburgs, ›fast als wollt’ er eine suchen, die die Allerliebste wär’,‹ wer jubelt da am lautesten sein ›Frei ist der Bursch‹?«

»Ach, Christoph,« sagte Martin Opterberg und legte dem Freund den Arm um die Schulter, »es ist doch wunderschön …« Sie zogen über die Straße und kamen an der Universität vorbei.

»Gehen wir einen Augenblick hinein, Martin?«

»Hinein? Schau dir einmal den festen Bau an. Der läuft uns nicht so leicht weg.«

»Aber wir laufen ihm weg, weil wir gar so lose gebaut sind, und das säh’ doch weiß Gott aus wie blasse Angst und Kneiferei. Hält’s dein Hirn nicht aus nach dem bißchen Kneipen?«

»Also komm schon herein, du Quälgeist. Mein Hirn hält sämtliche Herren Professoren aus, aber ich mein’, _ein_ Kolleg genügt für heut, um ihnen die Ehre zu erweisen.«

So zogen sie ein und drückten sich in die Bänke, und als sie wieder in die Frühlingssonne traten, grüßten sie erst ein Rudel frischer Studentinnen und ließen die lachenden Mädel an sich vorüberstolzieren, bevor sie den Frühschoppen aufsuchten.

»Prachtmädel darunter, Christoph. Mit denen müßte sich gut in den Schwarzwaldbergen wandern lassen.«

»Du wärst imstande dazu.«

»Du vielleicht nicht? Wer redete denn vorhin so hoch daher von blasser Angst und Kneiferei, als es galt, mich ins Kolleg zu schleppen? Umschichtig, Christoph. Jetzt ist die Reihe an mir, und du bist mein.«

»Es sind Medizinerinnen, Martin. Man trifft sich kaum.«

»Was sonst noch? Von morgen an schieben wir medizinische Kollegs ein. Ohne Beleggelder. Selbstverständlich. Der Professor wird sich freuen, zwei Hörer mehr um seine Weisheit versammelt zu sehen. Ach, Brüderlein, stachle du noch mal meinen wissenschaftlichen Eifer an.«

Auf dem Franziskanerplatz plätscherten die Wasser des roten Sandsteinbrunnens. Vom Säulenschaft sann ein steinerner Mönch. Berthold Schwarz war’s, der Freiburger Franziskaner.

»Wenn der nicht gelebt hätt’, wär’ die Menschheit glücklicher,« lenkte Christoph Attermann das Gespräch ab.

»Du meinst, wenn der Berthold Schwarz nicht das Pulver erfunden hätte. Ach Christoph, die Menschheit würd’ sich nur auf andere Weis’ umbringen. Entweder sie balgen sich um eine schöne Helena, oder um den lieben Gott, oder um einen verprügelten Grenzaufseher. Die Hauptsache ist, daß sie die Windklappe öffnen und sich balgen können. Und wenn der Fuchs da drüben in seiner stolzen Farbenpracht sich noch ein einziges Mal erdreistet, mich anzuäugen, während ich hier vor Weisheit triefe, so werde ich ihn sofort einmal ansegeln und -- --«

»Jedenfalls hätten die Schulmeister ihr schönstes Sprüchlein weniger, wenn der Berthold Schwarz nicht das Pulver erfunden hätte,« lenkte Christoph Attermann in Gemütsruhe nochmals ab. »Links schwenkt, Martin. Wir sind die letzten zum Frühschoppen, wie immer.«

»Natürlich!« rief Martin Opterberg und betrat hochaufgerichtet die Wirtschaft. »Wenn du mich Tag für Tag ins Kolleg verschleppen mußt!«

Die Burschenschaft saß beim zweiten Glas. Man ließ die Zuspätkommenden das erste Seidel restlos leeren. »Zur Dämpfung lasterhafter Streberei vor Mitternacht,« erklärte der Fuchsmajor Tillmann, ein großer und schöner Mensch, der sich der Kunstgeschichte verschrieben hatte. »Sah ich euch nicht mit nüchternem Magen ins Kolleg schlüpfen, während ich am Fenster die Morgenpfeife reinigte? Auf trockenem Boden wird der Halm zu Stroh, und die Hähne, die allzufrüh krähen, sind schon um Mittag heiser. Laßt ab von der Überheblichkeit gegen eure Mitmenschen.«

»Die Junker vom Opterberghof wünschen beizeiten Minister zu werden,« lobte ein narbenbedeckter Bursch in ausgezeichneter Haltung. »Ich halte mich Euren Gnaden sehr empfohlen.«

»Der Grüters,« bemerkte sein Nachbar, ein hoch- und breitgewachsener Student mit ruhigem Blick, »schlägt überall seine Nägel ein und denkt in seinem schönen Sinn: irgendwo und irgendwie muß der Hut mal hängen bleiben.«

»Lieber Broich, wenn du dich mit mir unterhalten möchtest, so sorge, daß Stoff im Glase ist.«

»Erbarmen,« rief der Fuchsmajor Tillmann. »Werdet doch nicht schon geistreich, wenn die Menschheit noch den Schlaf in den Augen hat. Ich bitte um einige Rücksichtnahme.«

»Wer waren denn die Töchter in Apoll, die ihr so angelegentlich grüßtet?« fragte Grüters obenhin über den Tisch.

»Studentinnen,« erwiderte Christoph Attermann.

»Habe ich nach dem Gewande gefragt?« belehrte ihn Grüters. »Studentinnen ist ein Herdenname. Ich meine, ob in der Schale eine süße oder eine bittere Mandel steckt?«

»Hübsche Mädel sind’s,« rief Martin Opterberg und sprang dem verlegenen Freund rasch zur Hilfe. »Wer etwas vom Kern wissen will, muß sich schon selber bemühen und die Nüsse knacken. Das Ergebnis scheint mir Frage des Geschmacks.«

»Du bist keck, Füchslein von neunzehn Lenzen. Sei dankbar, wenn dich erfahrene Männer lehren.«

»Was, deucht euch, ist dieses?« rief der Fuchsmajor Tillmann und stieß seinen Zeigefinger durch einen Sonnenkringel.

»Das ist eine Bierbretzel, Leibbursch.«

»Jüngling, du trägst noch die Eierschale des Materialismus am Steiß. Ich mahne dich zu einem tiefen Trunk der Erkenntnis. Rest weg. Danke. Nun? Ist es immer noch eine Bierbretzel?«

»Wahrhaftig -- jetzt seh’ ich’s klarer. Es ist ein goldner Sonnenkringel.«

»Frühlingssonne,« rief Tillmann. »Allererste, golden lockende Frühlingssonne. Wie ein Bräutigamsreif legt sie sich um meinen Finger und ruft hinaus aus den engen Mauern in die blauenden Weiten. He, ihr Füchse, wißt ihr ein passend Verlobungslied?«

»Der Herr Professor -- liest heut kein Kollegium, Drum ist es besser -- man trinkt eins ’rum«

sangen die Füchse.

»Es ist notwendig,« bemerkte Tillmann, »daß ich euch einigen Fuchsenunterricht in der freien Natur gewähre. Das geht ja nur ums Fressen und Saufen, und der heilige Geist kommt zu kurz. Punkt drei Uhr antreten zum Marsch auf den Schloßberg und wohin uns die Füße tragen. Gesegnete Mahlzeit.«

Um drei Uhr sammelte sich ein Trüpplein Farbentragender am Martinstor, dem die Jugendsonne aus dem alten Steingequader lachte. In der langen Straßenzeile sprangen tänzelnd die Brunnen und flüsterten von ihrer Mutter, der Dreisam, und den Schwarzwaldbergen ringsumher. Das Trüpplein zog die geborstene Stadtmauer entlang und schwenkte am lustigen Schwabentor singend ins knospende Rebgelände ein, das den Trümmerberg der einst so trutzenden Schlösser selig lächelnd überzog. Und der Gesang brach ab, als das Trüpplein die erste Höhe erstiegen hatte und aus wundertrunkenen Jugendaugen hinunterschaute auf das Gewirr der grauen Dächer und altertümlichen Giebel, aus dem der schlanke Turm des Münsters wie ein veilchenfarbener Traum der Vergangenheit sehnsüchtig gen Himmel ragte.

»Das ist die einzige Blüte der Gotik, die sich noch im Mittelalter voll zur Blume entfaltet hat,« lehrte aus tiefem Schauen heraus der kunstbefreundete Tillmann. Seine Augen tranken sich satt und schweiften über die andachtsvollen Gesichter der Jüngeren.

»Nun, wie wär’s denn jetzt mit dem schönen Lied vom Herrn Professor, der heut’ kein Kollegium liest?«

Aber keine Stimme erhob sich zum übermütigen Saufauslied.

»Sag uns noch ein paar Wörtel von dem da drunten,« bat Martin Opterberg, und Christoph Attermann bat wie er, und die übrigen sprachen es mit. Und während sie standen und schauten und weiter hinanstiegen und oft Rückschau hielten, erzählte der Führer aus uralten Zeiten, vom Zähringer Herzog, dem zweiten Berthold, der um das Jahr 1090 die Stadt gegründet, und von den sagenhaften Baumeistern, die mit dem romanischen Querschiff den Bau des Münsters begonnen hatten, um ihn in siegreicher Kühnheit in die erwachende Welt der neuen deutschen Gotik hinüberzuführen. Ein Gestaltenheer tauchte auf und zog vorüber, während der Erzähler sprach. Bernhard von Clairvaux reckte im noch dachlosen Kirchenbau das Kreuz über den Häuptern des Volkes und entflammte ihm Hirn und Herz und Hand zum Kampf gegen die Ungläubigen. Das Erzhaus Österreich nahm Besitz, und Vorderösterreich hieß der Breisgau. Kaiser und Könige und Erzherzöge aus dem Hause Habsburg schritten funkelnd wie die Sonne durch die Stadt und die Jahrhunderte, und die Sonne verschwand unter den Stürmen des Dreißigjährigen Kriegs, der das Gift säete statt des deutschen Heils und den mörderischen Haß erntete statt der Bruderliebe. Den Franzosen fiel die Stadt zur Beute und wieder Österreich, und aufs neue den französischen Scharen, die von der Freiheit sangen und das Fallbeil mit sich schleppten, und wiederum Österreich, dem geschwächten, um endlich den Kreis zu beschließen in der Rückkehr zum Zähringerhause Badens im Jahre 1806.

Auf hohem Gipfel, den Schloßberg wie eine liebliche Erhebung tief unter sich, stand das Trüpplein, den grünen Kranz der Schwarzwaldberge zur Rechten, weit hinaus vor sich das silbrige Geglitzer des Rheintales bei Breisach und jenseits in ungeheuren Nebelformen die Kette der Vogesen. Frankreich lugte über den Berg.

Der Führer Tillmann riß die Mütze vom Scheitel.

»Deutsch allzeit und allwege!« jauchzte er in das Sonnenland, und die anderen taten wie er und schwenkten die Mützen über den heißen Köpfen, und einer begann zu singen, und alle fielen ein, mit entblößten Häuptern und begeisterungflammenden Jugendaugen:

»Es braust ein Ruf wie Donnerhall, Wie Schwertgeklirr und Wogenprall: Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein! Wer will des Stromes Hüter sein? Lieb Vaterland magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein!«

Christoph Attermann hatte den Arm um den Hals des Freundes und Bruders geschlungen. »Weißt du das Wort, Martin, das in schwerster Deutschlandszeit der alte Arndt geprägt hat?«

Martin Opterberg reckte vom Schwarzwaldgipfel den Arm gegen das Vogesenland.

»Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze!« rief er, und von neuem begannen sie den Vaterlandsgesang. Die Stimmen klangen ab. Ein Lauschen blieb.

Aus dem Walde kam es hervor. Ein silbernes Singen und Klingen. Lautenklang und singende Mädchenstimmen.

»Der Mai ist auf dem Wege, der Mai ist vor der Tür; Im Garten, auf den Wiesen, ihr Blümlein kommt herfür!«

Und die Blümlein kamen. Ein Quartettlein frischer Mädchengestalten. In weißen Kleidern und über die junge Brust das bunte Lautenband gezogen, traten sie aus dem Waldesdunkel auf die sonnenüberschüttete Bergeskuppe, schauten nicht links und rechts nach den staunenden Studentlein und sangen ihr Frühlingswanderlied in den unendlichen Maientag bis zum Ende.

»Da hab’ ich den Stab genommen, da hab’ ich das Bündel geschnürt, Zieh’ weiter und immer weiter, wohin die Straße mich führt.

Und über mir ziehen die Vögel, sie ziehen in lustigen Reih’n, Sie zwitschern und trillern und flöten, als ging’s in den Himmel hinein.

Der Wandrer geht alleine, geht schweigend seinen Gang; Das Bündel will ihn drücken, der Weg wird ihm zu lang.

Ja, wenn wir allzusammen so zögen ins Land hinein! Und wenn auch das nicht wäre: Könnt _eine_ nur mit mir sein!«

Martin Opterberg hatte sich aus seinem Lauschen und Staunen gelöst. Er tat einen Schritt vor, auf die singenden Mädchen zu, und Christoph Attermann griff nach seiner Hand, als wollte er sagen: Nimm mich mit, Martin.

Vor den Mädchen stand Martin Opterberg, den Freund an der Hand, und sang ihnen die letzte Strophe wie einen Kehrreim zu:

»Ja, wenn wir allzusammen so zögen ins Land hinein! Und wenn auch das nicht wäre: Könnt _eine_ nur mit mir sein!«

Lachend nickten die Mädchen den beiden zu, singend und klingend schritten sie über die Bergkuppe, Sonne im Haar, Sonne in den Augen, und ihre weißen Kleider schwanden im Dunkel des Waldes.

»Wollen wir nach, Christoph? Sie waren’s, die Kolleginnen von der anderen Fakultät!«

»Jetzt nicht. Heute nicht. Nicht alle Freud’ miteinand haben wollen.«

»Alle, alle, alle miteinand!«

»Dann gäb’s kein Freuen mehr für morgen und übers Jahr.«

Martin Opterberg schlug sich gegen die Brust, die das Fuchsenband überspannte.

»Hier ist Platz für hundert Jahr Freud’, und Hunger und Durst für tausend.«

Der Führer rief sie an.

»Daß mir keiner ausbricht! Wollt ihr ein Lämmerhüpfen spielen, so spiel’ ich den Schäferhund. Das Ganze Kehrt! Ich gedenk’ heute abend eine Männerkneipe mit euch abzuhalten und keine Familienschokolade.«

Am Abend saßen sie auf ihrer Freiburger Kneipe. Kein Fuchs war üppiger als Martin Opterberg. Sein Blut glühte und wallte und riß ihn von Übermut zu Übermut.

»Prosit, Christoph. Die mit der Laute!«

»Prosit, Christophel. Die mit dem Sonnenkrönlein im braunen Haar! Menschenskind, und die mit dem Herzausschnitt im weißen Kleidel! Und die mit der schlanken Fessel am Fuß!«

»Und das hast du alles mit einem Blick gesehen?«

»Mehr, viel mehr! Vier rote Herzlein hab’ ich gesehen, und ich hab’ nur eins, und du hast nur eins. Was sollen wir tun als trinken? Auf aller schönen Mädchen Wohl!«

»Eine ist mehr, Martin. Vielleicht ist sie darunter. Müh’ muß man sich geben und warten können.«

»Was warten! Heute scheint die Sonne! Morgen kann’s regnen! Heute ist heut!«

Wohlgefällig schauten die älteren Burschen auf den flammenden Fuchsen. Sie tranken ihm zu. Sie lobten seine gute Haltung beim heißen Becher und seine Sicherheit und Gewandtheit beim kalten Schlägereisen. Man besprach den Tag seiner ersten Mensur und nahm ihn in nahe Aussicht. Ein Hinreißendes ging von Martin Opterberg aus, das die Jüngeren mit hinein in die Begeisterung trieb und die Älteren freundlich lächeln machte, und Christoph Attermann ging es durch den Sinn: Da schlägt Arnold Opterberg, der Vater, die Augen auf, während Frau Christiane schaffensmüde schlummert …

Am Tage, nachdem Martin Opterberg zur Freude der Burschenschaft siegreich seine erste Mensur geschlagen hatte, gelang es ihm, sich mit den jungen Studentinnen bekannt zu machen. Er hatte im Kolleg seinen Platz neben ihnen gefunden, und da sein Verband, der eine kleine Stirnverwundung deckte, ins Rutschen gekommen war, so hatte ihm seine Nachbarin, Therese Baumgart, nach Schluß der Vorlesung den Wickel neu befestigt. Er hielt ganz still, während die kühle Mädchenhand über seine Stirn glitt, bedankte sich wohlerzogenerweise und bat darum, auch den anderen Kameradinnen vorgestellt zu werden. Christoph Attermann schaute atemlos zu. Er tat eine Verbeugung, wie vor einem Heiligenbild, als er aufgerufen und frischweg in den Kreis eingegliedert wurde.

Heute wanderten sie nur hinaus in die Anlagen der Stadt, denn die Mädchen hatten den frühen Nachmittag mit Vorlesungen belegt. Aber es war bald so viel lustiges Wortgefecht und Jugendlachen zwischen ihnen, daß die Stunde sie vertrauter machte als lange Wochen, sonderlich, weil Martin Opterberg in den schattigen Baumgängen immer wieder den Verband verschob und von den feinen Mädchenhänden Therese Baumgarts Hilfe heischte.

»Sie wollen nur zeigen, daß Sie ein wundenbedeckter und ritterbürtiger Mann sind.«

»Warum haben Sie so stille, mütterliche Hände, Fräulein Baumgart?«

»Die kleine Schmarre lohnt wirklich kaum das Nachsehen.«

»Auf der nächsten Mensur in acht Tagen werde ich mir den halben Kopf wegsäbeln lassen, nur um Ihre größere ärztliche Zufriedenheit zu erlangen.«

»Steht Ihnen die Zufriedenheit der Ärztin über der Zufriedenheit der Mutter, Herr Opterberg? Sie müssen doch sicherlich eine ausgezeichnete Mutter gehabt haben.«

Da sprach Christoph Attermann sein erstes Wort.

»Wir haben sie noch, Fräulein Baumgart, und sie ist die beste und größte aller Mütter.«

Das junge Mädchen blickte ihn aus großen Augen an. »Sie sind Brüder?«

»Meine Mutter starb bei meiner Geburt. Mein Vater ist tot. Aber Frau Christiane Opterberg hat uns zu Milchbrüdern gemacht, zu zwei Brüdern und zwei Söhnen. So reich ist sie.«

Therese Baumgart reichte ihm die Hand.

»Das war schön. Was sie tat, und wie Sie es sagten. Und nun will ich auch den Verband noch einmal wickeln.«

Und Martin Opterberg drückte den Kopf in ihre Hände …

Acht Tage darauf focht Martin Opterberg seine zweite Mensur. Auch diesmal siegreich, wenn er auch einen schlankgeführten Durchzieher auf der Wange heimzutragen hatte.

»Christoph,« fragte er, »ob wir zum Theresel laufen?«

»Narr du. Wenn du so fortmachst, gründest du allein ihr die Praxis.«

»Sag, Christophel, gefällt sie dir nicht auch? Oder ist’s die andere mehr, die im Walde das Sonnenkrönlein im braunen Haar trug, oder die mit dem Herzausschnitt im weißen Kleidel, oder die mit der schlanken Fessel am Fuß? Siehst du, ich hab’ alles wohl behalten, aber von Namen hab’ ich nur den einen der Therese Baumgart behalten.«

»Sie trug die Laute,« sagte Christoph Attermann, »aber sie trug auch ein Sonnenkrönlein im braunen Haar und einen Herzausschnitt im weißen Kleidel und die schlanke Fessel am Fuß. Du hast sie alle für eine genommen.«

»Ach, wer das könnte, Christoph, und das Leben allweil für einen Freiburger Sommer nehmen.«

»Die andere mit dem braunen Haar,« sagte Christoph Attermann, »heißt Hilde Falkenroth und ist bei Koblenz gebürtig, und die beiden Blonden sind Schwestern, Elfriede und Gerda Klarenbach aus Düsseldorf. Nun verwechsel’s nimmer.«

»Wenn ich Glück hab’, verwechsel’ ich’s, Christophel. Sie sind miteinander hübsch.«

Und wieder eine Woche, da gab’s ein groß Hallo in der Burschenschaft. Christoph Attermann hatte auf der Straße einem Studenten die Mütze vom Kopf gefegt, als der frech eine Studentin angeredet und behelligt hatte. Eine Forderung auf Säbel war gekommen, und Christoph Attermann hatte noch nicht auf der ersten Mensur gestanden. Trotzdem beharrte er darauf, die Partie sofort auszutragen. Vierzehn Tage Einpaukzeit wurden hüben und drüben bewilligt.

Alle Überredungskünste bot Martin Opterberg auf, um den Freund zu bestimmen, ihn vorzulassen. »Du sagst, es sei die Therese Baumgart gewesen, und ich bin im Säbelfechten weiter als du.«

»Aber ich hab’ den größeren Zorn, Martin.«

»Wie kannst du das meinen, Christoph. Ich mag das Theresel so gut leiden wie du.«

»Alldieweil hab’ ich den Zorn für euch beide und für mich dazu.«

Kaum kamen sie noch vom Fechtboden herunter. Martin Opterberg hatte es nach heißem Bitten und Drängen durchgesetzt, daß er dem Freund und Bruder als Sekundant zur Seite stehen dürfe. Da er auf dem Fechtboden einen glänzenden Beweis seiner Säbelfertigkeit lieferte, hatte es ihm die Burschenschaft zugestanden.

Beim ersten Gang klaffte Christoph Attermann die Stirn. Er ließ ruhig das Blut stillen und trat, trotz Abratens, von neuem an. Martin Opterberg hatte ihm mit zusammengebissenen Zähnen zugenickt; er hatte des Freundes Gegner zu leicht gewertet und brannte darauf, die Scharte auszuwetzen. Er riß sich zusammen. Er bekam den klaren, blanken Blick der Mutter. Jeden gefährlichen Hieb fing er mit der Klinge weg, ruhig und kalt, jeder Bewegung des Freundes schaffte er Raum, jedem schweren Atemzug. Fast war die Partie zu Ende gekämpft, da erfaßte er blitzschnell eine Blöße des Gegners und blitzschnell das Auge des blutüberströmten Freundes. Wie eine Gedankenübertragung war’s von Bruder zu Bruder im Bruchteil der Sekunde. Und Christoph Attermanns Klinge schnitt tief hinein in des Gegners Schwertarm, daß er den Säbel lassen mußte.